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Im Westen ging die Sonne auf – Ein Dokumentarfilm

Ich bin ein Junkie, historische Dokumente sind meine Droge. Und wie das mit Süchten und der Selbstwahrnehmung so ist, genau weiß ich nicht, was es mir alles gibt, auf dem Schwarzweißfoto aus den 20ern Fahrradfahrer zu mustern, sämtliche Lebensmittel auf einem handgeschriebenen Einkaufszettel vom Ende des 19. Jahrhunderts nachzulesen oder gebannt auf Filmaufnahmen von Werkstorgeschäftigkeit im Ruhrgebiet der 50er Jahre zu starren.

Ich bin also bei der Wertung eines Dokumentarfilms voreingenommen, wenn ich bald nach dem Start der DVD „Im Westen ging die Sonne auf“ neben den Interviews mit Zeitzeugen einen Bergmann im  Straßeninterview der 60er Jahre sehe oder den Sportjournalisten in den 70ern, der neben einem Aschenplatz stehend von den noch älteren Zeiten Ende der 40er erzählt. Die Wirkung der Filmausschnitte mit diversen Fußballspielen von den 50ern bis zum Anfang der 70er brauche ich wahrscheinlich nicht besonders betonen?

„Im Westen ging die Sonne auf“ lässt sich als Heimatfernsehen für das Ruhrgebiet und als anekdotenreicher Rückblick auf den dortigen Fußball vor allem der 50er und 60er Jahre gleichermaßen empfehlen. Als Episodenfilm klassischer dokumentarischer Machart hat Wolfgang Ettlich das Ganze angelegt. Einen Verein nach dem anderen nimmt er sich im nördlichen Ruhrgebiet vor und widmet ihnen jeweil 13 bis 20 Minuten. Rot-Weiß Essen, Westfalia Herne, Sportfreunde Katernberg, Spielvereinigung Erkenschwick und der SV Sodingen sind seine Stationen. Interviews mit Zeitzeugen und historische Filmausschnitte oder Dokumente im Standbild dagegen geschnitten, das ist seine erzählerische Form für die Vergangenheit. Für den Blick auf die Gegenwart schneidet er die O-Töne gegen den Blick auf Spielbetrieb und Alltagssituationen der Interviewten. Manchmal klingt der Kommentar des Films zu pathetisch in meinen Ohren und die Filmmusik erinnert mich zu sehr an auswechselbare Industriefilme der PR-Branche.

Doch stört letzteres nur wenig, denn die Dokumentation lebt vor allem durch die Menschen, die sie zeigt – ob das nun die alt gewordenen Fußballer oder Vereinsverantwortlichen mit ihren Anekdoten sind oder die F-Jugendtrainerin der Gegenwart, die den Laden bei den Sportfreunden Katernberg mit am Laufen hält.  Man erhält auf diese Weise einen Einblick in Alltagsgeschichte der 50er bis Anfang der 70er, in denen die vorgestellten Vereine noch Größen im Fußball der Region waren, im Fall von Rot-Weiß Essen als Deutscher Meister von 1955 sogar im Fußball Deutschlands. Ebenfalls wird aber an anderer Stelle die Bedeutung der Fußballvereine im Leben der Gegenwart aufgezeigt.

Geht es um das Früher schwingt im Erzählen der ehemaligen Spieler oder Vereinsverantwortlichen immer auch der Stolz auf diese Zeit mit, die in der Gegenwart als überaus fern erscheint. Welcher RWE-Zuschauer der vierten Liga bekommt nicht glänzende Augen, wenn er über seinen Verein hört:  „Ich sach das mal und das kann ich ohne weiteres so behaupten: Wir waren Deutschlands bester Botschafter in Sachen … für Fußball in aller … in der ganzen Welt.“ Das waren jene Zeiten, in denen die Fußballer noch Tür an Tür mit den Zuschauern ihrer Vereine wohnten, Zeiten, in denen sie mit den Zechen sogar oft denselben Arbeitgeber hatten. Während die einen unter Tage fuhren, erhielten die anderen den leichteren Arbeitsplatz und wurden freigestellt für Trainingseinheiten. Das ergab eine andere Verpflichtung den Zuschauern gegenüber, jene Verpflichtung, an die sich die Anhänger heute überall  immer wieder nostalgisch verklärt erinnern. Doch auch damals trennten die hier vorgestellten Vereine bereits Welten. Während Willy Lippens bei Rot-Weiß Essen schon so viel Wert war wie „drei Einfamilienhäuser“, wurden über die Sportfreunde Katernberg schon Erinnerungsreportagen – wahrscheinlich  für „Hier und Heute“ –  gedreht.

Die jeweiligen Episoden haben unterschiedliche erzählerische Schwerpunkte. Bei der Spielvereinigung Erkenschwick und Rot-Weiß Essen geht es vor allem um die Historie des Vereins, bei den anderen drei Vereinen rückt deren Bedeutung für Menschen in der Gegenwart in den Blick. Wenn bei den Sportfreunden Katernberg die F-Jugendtrainerin Katja spricht, erfährt man nicht nur von bekannten Problemen des heutigen Breitensports, sondern man erkennt auch in ihrem Reden jene Wesenszüge des Ruhrgebiets, an die wir Exil-Ruhris uns immer mit als erstes erinnern und die die Öffentlichkeitsarbeiter der Region so gerne als positiven Standortfaktor in ihren Imagebroschüren erwähnen.  Sie verkörpert das bodenständige, zupackende Ruhrgebiet, das die Dinge nimmt, wie sie kommen und dabei klar auspricht, worum es geht. So eine Frau des Ruhrgebiets beantwortet die Frage nach der großen Vergangenheit des Vereins ganz lakonisch: „Ist schade, dass es nicht mehr so ist, aber ist mir eigentlich relativ egal, weil ich trotzdem zur ersten Mannschaft halte.“

Katja ist die Gegenwart dieses Vereins und eine ihrer Begegnungen mit der Vergangenheit wird von der Kamera zufällig begleitet. Sie verantwortet während der Heimspiele der ersten Mannschaft auch den Kioskverkauf und ein älterer Besucher, der um einen Kaffee bittet, erweist sich als langjähriger Vereinsfunktionär.  „43 Jahre im Vorstand, 38 Jahre Hauptkassierer“, erzählt der ältere Herr und erzählt noch dies und das und zwischendurch fällt der Satz: „Meinen 80. Geburtstag haben sie trotzdem vergessen.“ In solchen Momenten offenbart sich dieses Leben mit all seinen Gefühlen. Da schwingt Stolz, Enttäuschung, aber auch noch die Energie der Vergangenheit im Reden mit und das alles spielt in der Gegenwart des Vereins keine Rolle. Katja hatte ihn zunächst nicht gekannt. Solche Momente hat dieser Film immer wieder und in solchen Momenten ist die Dokumentation am stärksten.

Da ist der Stadionsprecher vom SV Sodingen, der seit Jahrzehnten seinen Platz einnimmt und für viele Menschen des SV Sodingen so ganz anders wirkt, so „interessant“, gemeint ist „fein“ und „geistreich“. Da ist der Platzwart von Westfalia Herne, dessen Ehrgeiz, den Fußballern den best möglichen Rasen zu bieten, den sportlichen Ehrgeiz eines jeden Spielers in den Schatten stellt. Da sind die übergreifenden Erinnerungen der Alten an die schöne Zeit der „unzähligen, gemeinsamen Feste“ und an die „Priorität der Kameradschaft“. Egal, wie sehr sich da auch etwas verklärt hat, die Lebensverhältnisse der Vergangenheit waren bei aller Unterschiedlichkeit der sozialen Positionen sehr viel ähnlicher als heute. In dem Bezug auf diesen Topos der Erinnerung gleicht sich eine Generation, die in den 50ern und 60ern jung gewesen ist. Auch meine Mutter, im Basketball ab Mitte der 50er aktiv, erzählt die gleichen Geschichten wie Willy Lippens, wenn es um das Vereinsleben geht. Für einen kleinen Preis bietet „Im Westen ging die Sonne auf“ sehr viele Bilder und eine große Zahl kleinerer Geschichten, die berühren. Das lohnt sich!

DVD: Im Westen ging die Sonne auf. Ein Film von Wolfgang Ettlich. Baukau Media 2003. Ab € 8,90.


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