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Manchmal ist weniger Trainer-Anweisung mehr

Hört man den Trainingskiebitzen zu oder liest ihre Trainingsberichte, soll Karsten Baumann im Training bei Fehlern im Mannschaftsspiel kaum korrigierende Anweisungen gegeben haben,  Gino Lettieri dafür um so mehr. Wie beides zu bewerten ist, ergibt sich natürlich durch den Erfolg der Mannschaft, aber bei näherer Betrachtung auch mit dem Blick auf die konkrete Spielweise der Mannschaft während der Saison.

Das richtige Maß für die spielstrukturienden Anweisungen im Training zu finden, ist jedenfalls nicht einfach, wie mir neulich ein Artikel in der  Süddeutschen Zeitung zu verstehen gab. Sebastian Herrmann schrieb über die Psychologie der Wahrnehmung und dem Phänomen, dass wir Menschen offensichtliche Dinge einfach übersehen.

Ein kurzer Abschnitt erinnerte mich an die Mannschaft des MSV zu Beginn beider Spielzeiten unter Gino Lettieri. Mir kam es manchmal so vor, als überlegten die Spieler zu viel, als seien sie zu sehr damit beschäftigt Anweisungen im Kopf abzuarbeiten. Erst einmal ist das Ganze Spekulation zu einer intuitiven Wahrnehmen, ob es mehr ist? Findet Ilija Gruev für seine Anweisungen einen Mittelweg, der die Köpfe der Spieler grundsätzlich freier macht und ihnen dennoch ein gutes Gerüst für das Spiel selbst gibt? Momentan sieht es für mich so aus.

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Den gesamten lesenswerten Artikel „Der unsichtbare Gorilla“ zur Psychologie der Wahrnehmung gibt es bei der Süddeutschen Zeitung mit einem Klick.

Noch einmal ein erstes Mal – Karsten Baumann beim MSV

Heute müssen wir eines deutlich sagen, dieser Sonntag steht mit dem 5. April 2015 im Kalender. Wer demnächst Jubiläen zu diesem Spiel des MSV Duisburg gegen Hansa Rostock, dem ersten Wiedersehen des MSV mit Karsten Baumann und dem deshalb entstehenden Text feiern will, sollte sich bitte an dieses Datum halten. Jeder andere geplante Tag des Erinnerns muss mit mir abgesprochen und gerechtfertigt werden. Ich weiß, meine Möglichkeiten sind begrenzt. Beim Jubiläum in 150 Jahren wird es wahrscheinlich schwierig werden, die Dinge im Griff zu behalten. Dann hat die Welt längst begonnen, Geschichten mit anderen Wahrheiten zu erzählen.

Wilhelm Busch etwa hatte vor dem gestrigen Tag einflussreiche Fürsprecher. Trotzdem bekamen sie das falsche Jubiläum der Erstveröffentlichung von „Max und Moritz“ nicht mehr aus der Welt. Einen Wikipedia-Artikel mit falscher Information hatten viele Medieninhalte-Produzenten nämlich schon vor längerer Zeit als Arbeitsauftrag verstanden. Kommt die Gedenkmaschinerie aber erst einmal in Gang werden, werden Sendepläne geschrieben und dann braucht es größere Anstrengungen als den ein oder anderen  Zeitungs- bzw. Online-Artikel, der vor dem falschen Jubiläum warnt. So konnte sich WDR 2 etwa am gestrigen frühen Morgen mit der „Max-und-Moritz“-Geschichte als Wohlfühl-Mitmach-Radio so richtig wohl fühlen. Im Oktober gibt es das Ganze also noch einmal.

Das vorweggenommene Veröffentlichungsjubiläum von „Max und Moritz“ ist im Zusammenhang mit dem heutigen Spiel des MSV Duisburg gegen Hansa Rostock deshalb von besonderer Bedeutung, weil mein heutiger Text in Teilen die schöne literarische Tradition der Widmungslyrik aufgreift. Und mit so einem kleinen literarischen Stück plus anekdotenreicher Hintergrundgeschichte lässt sich gerne eine Viertelstunde Programm wegsenden. Es folgt der Service für die zukünftigen Medieninhalte-Produzenten: Karsten Baumann war in der letzten Saison Trainer des MSV Duisburg. Sein Vertrag wurde vom Verein nicht verlängert. Der MSV und er wollten aber Freunde bleiben.

 

Die erste Begegnung danach

Für Karsten B.

Noch einmal gibt’s ein erstes Mal
für uns. Du kommst mit deiner Neuen.
Am Ende schmeckte vieles schal.
Es gibt für uns nichts zu bereuen.

Verrätst du das, was wir so machten?
Oft wollen Neue das erfahren.
Wie wir uns freuten, was wir dachten,
als wir noch voller Hoffnung waren.

 

Vor dem Spiel gegen SV Wehen Wiesbaden: Stehblog fragt – Kees Jaratz antwortet

Im Stehblog schreibt Gunnar über „SV Wehen Wiesbaden, FC Bayern München und manchmal Fußball“. Vor dem Spiel des MSV Duisburg am Samstag gegen den Drittligisten in dieser Themenreihe hat er mir ein paar Fragen gestellt. Einen Teil des Interviews nehme ich mit hierhin, weil damit auch Positionsbestimmungen verbunden waren.  Den Anfang des Interviews habe ich mal weggelassen. Wer ich bin, wisst ihr ja, und weitere Worte über mein neues Buch  111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen  braucht ihr wahrscheinlich auch nicht mehr.  Wenn ihr Ergänzungen zu meinen Antworten habt oder etwas anders seht, gerne auch weiterklicken zum Stehblog und dort kommentieren, damit in Wiesbaden das Wissen über den MSV vermehrt werde. Wenn ihr hier kommentieren wollt, kopiere ich es aber gerne auch und poste es dort noch einmal.

Reden wir über den MSV Duisburg. Traditionsverein, Bundesliga-Gründungsmitglied, 28 Jahre in der höchsten Spielklasse zuhause – und jetzt schon im zweiten Jahr nur in der Dritten Liga am Start. Schmerzt das noch sehr oder bist Du froh, dass es nach der Beinahe-Insolvenz im letzten Jahr überhaupt noch Profifußball in Duisburg gibt?

Weder noch, ich mache mir darüber keine Gedanken mehr. Da bin ich ganz bei den Fußballprofis mit ihren Standardantworten nach Niederlagen. Abhaken, Mund abwischen, wir stehen, wo wir stehen, nach vorne sehen. All das. Das ist für mich das Angenehme beim Fußball. Er zwingt in die Gegenwart. Es nutzt kein Blick zurück. Es nutzt kein Blick zwei Spiele weiter. Das nächste Spiel ist immer das, um das es geht.

Hilft bei der Einordnung auch die Erfahrung aus den 80er Jahren, als der MSV schon mal für drei Jahre in die damals drittklassige Oberliga abgetaucht war?

Das mag erst einmal so scheinen. Doch im Grunde ist der Fußball der Gegenwart gegenüber dem von Anfang der 1980er Jahre doch ein anderer Sport geworden. Damals in der dritten Liga, das war in Teilen Sport auf dem Dorf am Niederrhein. Was heute vielleicht fünfte Liga ist. Zudem hatte der Verein seinerzeit einen kontinuierlichen Niedergang durchgemacht und großen Bedeutungsverlust erfahren. Das ist mit der Situation heute nicht vergleichbar. Die Bedeutung des MSV hat sich im letzten Sommer mehr als deutlich gezeigt, und die 3. Liga ist eine professionelle Unternehmung.

Lass mich aber noch etwas sagen, was eigentlich zu weit führt, aber mir automatisch in den Sinn kommt, wenn von der Oberliga-Zeit die Rede ist. In dem Zusammenhang muss einfach der Mann genannt werden, dessen Energie und Tatkraft es überhaupt zu verdanken ist, dass es für den MSV Duisburg wieder nach oben ging: Dieter Fischdick, Meidericher, SPD-Ratsherr, MSV-Anhänger wollte den Niedergang des MSV nicht hinnehmen, wurde MSV-Präsident und organisierte die für Erfolg notwendige Stabilität im Verein. Er starb, gerade mal Ende 50, während einer Pressekonferenz vom MSV. Wenn ich an ihn erinnere, geht es mir darum, dass in Vereinen wie dem MSV Duisburg letztlich solche Menschen Verantwortung tragen müssen, die sich um der Sache Willen einsetzen. Und da sind wir dann doch bei der Orientierungshilfe. Seit dem Sommer letzten Jahres gibt es sie erneut.

Die letzte Saison begann nach der Last-Minute-Rettung turbulent, Trainer Kosta Runjaic verließ den Verein und der Kader konnte erst spät zusammengestellt werden. Trotzdem gelang eine verhältnismäßig ruhige Saison, die der MSV überwiegend in der oberen Tabellenhälfte verbrachte. War das angesichts der Situation das Optimum oder hatte man in Duisburg insgeheim mit der direkten Rückkehr in die Zweite Liga geliebäugelt?

Hoffen darf man als Anhänger seines Vereins so etwas doch immer, und das ansprechende Offensivspiel zu Beginn der Saison übertraf ja alle Erwartungen. Doch eines war klar, das Offensivspiel führte zur scheunentoroffenen Defensive. Die Abwehr wurde dann zwar stabilisiert, die Kosten in der Offensive waren aber zu hoch. Ab Mitte der Saison war abzusehen, eine Entwicklung hin zu einem erfolgreicheren Gleichgewicht wird es nicht geben. Ich kann das nicht beurteilen, ob ein anderer Trainer erfolgreicher gewesen wäre. Sieht man sich die drei Aufsteiger an, scheint es mir aber so: alle drei spielten mit einer stärkeren Besetzung als sie der MSV vorweisen konnte. Das ist in dieser Saison ganz klar anders. Es gibt keine Mannschaften, deren Spielanlage deutlich die der anderen überlegen ist.

Man trennte sich jedenfalls von Trainer Karsten Baumann und holte Gino Lettieri, den wir hier aus seiner Zeit beim SVWW natürlich noch gut kennen. Wie schlägt er sich bisher, wie ist Dein Eindruck von ihm?

Nach der Niederlage in Kiel gibt es zum ersten Mal eine Durststrecke für die Mannschaft und ihn. Grundsätzlich sah es bisher so aus, als habe er der Mannschaft zu einer guten Struktur verholfen. Es fällt allerdings auf, dass das Offensivspiel in den letzten Wochen zu wünschen übrig lässt. Oft wirkt es so, als fehlten klare Bewegungsabläufe.

Als seine Neigung erkennbar wurde, Positionen der Mannschaft immer wieder neu zu besetzen, musste ich an die kritischen Stimmen bei euch denken. Grundsätzlich gehört das ja in Teilen zum modernen Fußball, der Spieler einsetzbar auf allen Positionen, gewöhnungsbedürftig ist es aber dennoch, wenn jedes Spiel die Abwehrreihe neu formiert ist. So lange die Mannschaft erfolgreich ist, gibt es dazu höchstens erstauntes Raunen. Im Misserfolgsfall wurde das in den Foren auch schon thematisiert. Das ist etwas Grundsätzliches, ungewöhnliche Maßnahmen brauchen mehr Kommunikation, damit das Umfeld nicht unruhig wird. Bislang war seine Erklärung, Verletzungen hätten diese Umstellungen notwendig gemacht. Für alle Umstellungen gilt das aber nicht. Da bleibt etwas offen, was nur Erfolg nicht zum Problem werden lässt.

Nicht nur neben, sondern auch auf dem Platz finden wir mit Zlatko Janjic und Steffen Bohl bekannte Gesichter. Was kannst Du uns von den beiden berichten?

Steffen Bohl sollte wahrscheinlich Gino Lettieris wichtigster Spieler sein, gerade auch weil er eben auf jeder Position einsetzbar ist. Es gab ein Spiel, in dem er über die Zeit von der Verteidigerposition über das Mittelfeld in den Sturm gewechselt ist – je nachdem, wer gerade ausgewechselt wurde. Er ist Mannschaftskapitän, aber Oberschenkelprobleme sind nun zum Muskelriss geworden. Er ist also am Samstag nicht dabei.

Für eine Offensive, die mit Einzelaktionen zum Ziel kommen will, ist Zlatko Janjic unverzichtbar. Technisch stark, das wisst ihr selbst. Andererseits schaut er nach meinem Geschmack oft zu früh hilfesuchend zum Schiedsrichter. Das ist natürlich dem mangelnden Mannschaftsspiel in der Offensive geschuldet. Sich gegen drei Leute durchzusetzen, kann überfordern. Ein Teil seiner Tore sind Freistoßtore und Elfmeter gewesen. Wieviel genau, weiß ich jetzt nicht. Auch daran ist zu erkennen, dass es aus dem Spiel heraus momentan hapert.

Janjic ist mit bisher sieben Treffern der beste Torschütze, während Kingsley Onuegbu, der Torjäger der vergangenen Saison, erst ein Tor erzielen konnte. Woran liegt’s? 

Schon in der Rückrunde der letzten Saison spielte Kingsley Onuegbu immer schlechter. Ich will das weniger mit Toren belegen als mit seinem Ballgefühl. Denn dass er nach der starken Hinrunde bei besonderem Augenmerk der Gegner-Defensive weniger Tore erzielt, scheint mir verständlich zu sein. Aber es liegen Welten zwischen seiner Ballannahme in den ersten Monaten in Duisburg und dem, was er momentan kann. Wenn seinerzeit der Ball am Fuß klebte, springt er jetzt meist fort. Warum? Auch das als Unsicherheit wegen vermehrter Arbeit der Defensive? Ich weiß es nicht.

Aktuell liegt der MSV nur auf Platz 10, aber der Abstand zum Tabellenführer Preußen Münster beträgt gerade mal vier Punkte. Sollten Janjic und Onuegbu beide regelmäßig treffen, wäre Duisburg ein ganz heißer Aufstiegsfavorit, oder?

Tatsächlich glaube ich nicht, dass Onuegbu so bald wieder regelmäßig spielt. Kevin Scheidhauer hat ihn erst einmal verdrängt. Du berührst aber den wunden Punkt im Spiel des MSV. Die Mannschaft kommt zu keinen klaren Torchancen. Und starke Abwehrreihen hat diese Liga nun genug. Andererseits fühlt sich die Mannschaft schon selbstbewusst genug, um oben dabei zu sein. Ob mit Recht, ist schwierig vorherzusagen. Momentan fehlt es weniger an Torschützen als an Ideen, Spieler dorthin zu bekommen, wo sie überhaupt Torschützen werden können. Es fällt auf, dass das Offensivspiel oft Stückwerk bleibt und Einzelaktionen zu sehen sind. Ich denke, da ist der Trainer für Lösungen gefragt.

Zum Abschluss noch was ganz anderes. An Stadien mit Sponsorennamen hat man sich ja längst gewöhnt, aber Euer Stadion hat, mit Verlaub, einen der beknacktesten oder wenigstens umständlichsten Namen abbekommen. Sagt irgendein Fan jemals “Schauinsland-Reisen-Arena” oder bleibt es einfach beim Wedaustadion, was vorher an gleicher Stelle stand?

Tja, wenn Unternehmen, die sponsern, lange Namen besitzen, wird das mit dem Stadion-Namen schwierig. Ich kenne niemanden, der das sagt, auch wenn Schauinsland-Reisen es mehr als verdient hätte. Gerald Kassner als Geschäftsführer des Reiseunternehmen ist auch so ein Duisburger, der sein Engagement im Fußball beim MSV auch als Engagement für die Lebensqualität Duisburgs in einen städtischen Zusammenhang bringt. Ihm geht es natürlich auch um eine Werbewirkung, aber wenn man die Mithilfe des Unternehmens bei der Rettung des MSV Duisburg sieht, erkennt man schnell, dass es für Schauinsland-Reisen um sehr viel als um das reine Geschäft gegangen ist. Wedaustadion als Name scheint mir allerdings auch allmählich zu verblassen. Ich habe eher den Eindruck, das Ganze wird namenlos: das Stadion, die Arena. Ich kann mich aber auch täuschen.

Zum Schluss der obligatorische Tipp, wie geht’s am Samstag aus? Und die Bonusfrage: auf welchen Plätzen stehen der MSV und der SVWW, wenn wir uns am 23. Mai zum letzten Saisonspiel wiedersehen?

Damit das Ziel gemeinsamer Aufstieg für den MSV nicht in die Ferne rückt, muss leider Gottes dein Verein am Samstag verlieren. Ein 1:0 ist ja wahrscheinlich. Danach können unsere Vereine dann wieder auf ihren getrennten Wegen am Projekt gemeinsamer Aufstieg weiterarbeiten. Bei der Feier wäre ich dann dabei.

Eine Saison rundet sich

Noch immer stütze  ich mich müde auf einen Wellenbrecher. Sinnbildlich versteht sich. Ich stehe natürlich nicht im Stadion. Ich habe mich da nicht einschließen lassen, um auf den Donnerstagabend zu warten. So viel Vorfreude macht mir das Spiel nun doch nicht. Scheiß auf Erste Liga, Champions League und so weiter. Klar, ganz schön, aber meine Stimmungslage ist durchaus gemischt. Die 0:1-Niederlage des MSV Duisburg gegen Preußen Münster passt dazu. Im Grunde bin ich dem SV Wehen-Wiesbaden dankbar, auch Arminia Bielefeld demnächst, der DFL sowieso. Alle Bedingungen als Voraussetzung für die Bedeutung eines Sieges des MSV Duisburg gegen Preußen Münster sind nicht eingetreten oder werden demnächst nicht eingetreten sein. So muss ich mich über die Niederlage nicht weiter ärgern, sie bleibt in gewisser Weise folgenlos. Nur meine Stimmung konnte nicht besser werden. Diese Niederlage passt zur Saison. Sie rundet sie ab. Wir habe alle eine eine emotionale Bewegung gemacht, von den Gefühlen der Sensation hin zu denen des alltäglichen Ärgers und der kleinen Freude.

Diese kleine Freude eines versöhnlichen Sieges im letzten Heimspiel der Drittligasaison war uns nicht vergönnt. Die Mannschaft spielte gut, gestaltete das Spiel überlegen, hätte aber eine Torchance gebraucht, bei der drei Spieler alleine mit dem Ball im Fünfmeter-Raum Münsters gestanden hätten. Namen sind hier austauschbar. Wahrscheinlich hätten dann noch zwei der drei fast zeitgleich schießen wollen. Der eine hätte dann gegen die Wade des anderen getreten, so dass dieser den Ball leicht verzogen hätte. Der dritte wäre sicherheitshalber hinzugeeilt, um locker einzuschieben. Da Spieler eins aber in die Schussbahn gefallen wäre, hätte er den Ball lupfen müssen und genau in dem Moment wäre doch noch Münsters Torwart Daniel Masuch irgendwoher geflogen gekommen, um mit einer schnellen Reaktion den Ball noch zur Ecke zu lenken.

Der MSV Duisburg hatte viele Chancen, vielfältig auch in ihrer Entstehung. Es gab Schüsse aus der zweiten Reihe. Es gab scharfe Flanken in den Strafraum. Es gab Kombinationen an den Strafraumrand und in den ersten Meter des Strafraums rein. Es gab nur keine Spieler beim MSV, die innerhalb des Strafraums wirklich torgefährlich waren, und für das andere darf ein Torwart sich auch mal verantwortlich fühlen. Ob Preußen Münster auch ohne Markus Bollmann ein Tor erzielt hätte? In der Spielszene, die zum entscheidenden Tor führte, warteten hinter Bollmann ja noch zwei Spieler von Preußen Münster einschussbereit. Sonst aber kam Münster kaum zu Torchancen. So führte das Selbsttor zum Sieg des Gegners. Auch das passt in meine graue Stimmungslage.

Ein wenig fühlte ich mich an den Anfang der Saison erinnert. Der MSV Duisburg spielt überraschend gut. Der Gegner gewinnt. Vielleicht war die Spielweise der Rückrunde genau diesem Wissen geschuldet? Wagt es der MSV Duisburg mit einer anspruchsvolleren Spielweise den Gegner zu bezwingen, können die Spieler den nötigen Ertrag für den großen Aufwand nicht garantieren. Das Risiko ist zu groß. Nicht nur das Risiko zu wenig Punkte zu holen, auch das Risiko der Frustration für die Spieler. Vielleicht waren die unansehlichen Spiele einfach nur der Vernunft geschuldet. Mit weniger Aufwand zumindest nicht zu verlieren, könnte ein sehr rationales Umgehen mit den Möglichkeiten der Mannschaft gewesen sein. Grauer Alltag eben. Vielleicht färbt meine eigene Stimmung aber auch nur auf die Wertung ab.

Mir kommt das Niederrheinpokalfinale gerade ein wenig wie ein Stimmungsaufheller aus Vernunft vor, eine Art gesunde Lebensbewältigungsstrategie. Ich lasse mich auf die mögliche bessere Laune ein, weil ich gerade plötzlich mit der Wirklichkeit in der 3. Liga nicht gut zurechtkomme. Das merke ich auch, wenn ich von den offenen Fragen rund um den Spielerkader der nächsten Saison bei WAZ/NRZ lese. Wenn ich ehrlich mit mir bin, bedauer ich bei keinem Spieler dieser Saison, wenn er nicht bleibt oder bliebe, nicht einmal bei Phil Ofosu-Ayeh. Bei jedem Spieler habe ich zuerst die Schwächen vor Augen, vor allem all das, was dazu führte, dass diese Mannschaft Schwierigkeit hatte, Tore zu erzielen. Das ist ungerecht, und ich weiß, wahrscheinlich wäre nach einem Sieg gegen Preußen Münster meine Stimmung nicht ganz so grau gewesen. Der Umgang mit der Wirklichkeit in der 3. Liga ist eine Aufgabe, die mich als Zuschauer gerade überfordert.

Wollen wir hoffen, dass mein medienvermitteltes Miterleben des Aufstiegs vom SC Paderborn tatsächlich eine Generalprobe für die nächste Saison in Duisburg gewesen ist. Die Freude in der angeheirateten Heimat ist zwar das eine, der für die nächste Saison erhoffte Aufstieg in der angestammten Heimat ist mir dann doch letztlich näher. Schon mal kurz: Herzlich Willkommen 2014/15! Ich  kümmer mich schon bald um Sie. Nebenan wartet vorher nur noch dieses Niederrheinpokalfinale. Danach dann!

 

Fußball musste ja auch noch gespielt werden

Schon bei all den Spekulationen seit Mittwoch um die Stimmung zwischen den Verantwortlichen des MSV Duisburg konnte man leicht aus dem Blick verlieren, dass der MSV Duisburg ja eigentlich Fußball spielt. Dann folgte Samstagmorgen noch die Meldung über den Wechsel an der Vereinsspitze und bei all den Nebengeräuschen zum Sport schienen auch die Spieler des MSV Duisburg die Konzentration auf das Spiel gegen die Spvgg Unterhaching verloren zu haben.

Anders kann ich mir diese 4:1-Niederlage im Auswärtsspiel gegen die SpVgg Unterhaching nicht erklären. Vorgestern wies ich an anderer Stelle noch auf einen klugen Text des englischen Fußballautors Jonathan Wilson im Guardian hin. Als Nebeneffekt seiner Bestandsaufnahme zum „Tiki-Taka“ sah ich ein paar Erklärungen für die Misserfolge des MSV in dieser Saison. Natürlich ging es um ein gänzlich anderes Niveau, das Grundproblem aber war für den MSV dieser Saison dasselbe. Ballbesitz ist gefährlich, weil fehleranfällig. Nun belebten die Spieler des MSV gegen die SpVgg Unterhaching die Erinnerung an die Hinrunde dieser Saison. Sie zeigten nicht nur die beschriebene Fehleranfälligkeit bei Ballbesitz, sie bewiesen zudem, wie das Spiel einer Mannschaft auch ohne Ballbesitz ständiger Gefahr ausgesetzt sein kann.

Wenn eine Mannschaft sowohl in der Bewegung nach vorne als auch bei der Ausrichtung ihrer Defensive viele Fehler macht, muss sich der Gegner schon sehr dumm anstellen, um das Spiel nicht zu gewinnen. Diesen Gefallen hat die SpVgg Unterhaching dem MSV Duisburg nicht getan. Die Unterhachinger haben sich ein paar Fehler im Spiel der Zebras genommen, um folgerichtige Tore zu erzielen. Das begann schon früh in der Nähe der Torauslinie, als Markus Bollmann sich allein auf dem Spielfeld wähnte und den Ball träumerisch neben sich her rollen ließ. Ein gegnerischer Stürmer war zupackender. Er nahm sich den freien Ball und flankte nahezu unbedrängt. Im Strafraum war damit auch nicht mehr so richtig gerechnet worden, und schon stand es 1:0 nach einem präzisen Kopfball von Janik Haberer. Wir kennen die Schwierigkeiten des MSV, die aus solch einem Rückstand folgen.

Viel sah ich dann nicht mehr, weil sich der Stream verabschiedete und es ein wenig dauerte, bis ich auf die Idee kam, dass der Fehler nicht in den Tiefen meines PC zu suchen war sondern beim streamenden Sender BR. Klärung brachte dann ein Blick ins MSVPortal. Adresse neu ladne, automatische Einstellung der Bildqualität umstellen auf niedrigste Bildqualität, Stream kommt, dann Bildqualität manuell erhöhen. Etwas tricky, erinnert an alte Bastelzeiten sämtlicher Epochen der Technikgeschichte und gibt einem das gute alte Fortschrittsgefühl, diese Welt, egal, was kommt, zu beherrschen. Glaube ich dem Kommentar war das dem Blick auf die Spielweise der Zebras allemal vorzuziehen, zumal ich just zum Ausgleichstor wieder ein Bild auf dem PC hatte.

Nur kurz konnte ich aber glauben, das Schlimmste überstanden zu haben. Der nächste Fehler folgte. Der Unterhachinger Benjamin Schwarz hatte im Strafraum genügend Platz, um den Ball nach einem Steilpass kurz zu behaupten, ehe er im Zweikampf mit Branimir Bajic umfiel. So konnte der Schiedsrichter guten Gewissens Elfmeter pfeifen. Nicht immer wird so ein Zweikampf abgepfiffen, beschweren können sich die Zebras dennoch nicht. Wenig später war das Spiel entschieden. Auf einen miserablen Pass folgte ein Ballverlust an der Mittellinie, während fast die gesamte Mannschaft des MSV schon in der gegnerischen Hälfte war. Abwehrspieler waren also keine vorhanden, die etwas hätten verhindern können. So führte ein gefühlvoller Heber über Michael Ratajczak zum 3:1. Auch so ein Gegentor haben wir ähnlich zu Beginn der Saison zweimal gesehen. Die Saison scheint sich zu runden. Auch die Zuschauerzahlen der nächsten beiden Heimspiele werden an das letzte Jahr erinnern. Hoffen wir deshalb, dass im Gegensatz dazu, sich beim  Ergebnis des letzten Spiels dieser Saison, dem Finale im Niederrhein-Pokal,  aber auch gar nichts rundet.

Das vierte Tor von Unterhaching habe ich nicht gesehen. Die Vorbereitung auf Spiel und Aufstiegsfeier des anderen Vereins meiner Zuneigung, dem Deutzer TV in der anderen Sportart meines Interesses, dem Basketball, hatten mich abgelenkt. So habe ich auch nicht mehr mitbekommen, dass Karsten Baumann wohl die Geduld verloren haben muss und selbst noch einmal aufs Spielfeld ging. Eine Überraschung! Ich kenne niemanden, der von der Spielberechtigung des Trainers überhaupt wusste. Besonders erfolgreich war sein Auftritt allerdings nicht. Von ihm ist nur zu lesen, dass er den Elfmeter in der 78. Minute verschuldete, der zum vierten Tor von Unterhaching führte.

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Das gleiche Spiel wie neulich – nur dieses Mal mit Niederlage

Zwei Tage nach der 2:0-Niederlage des MSV Duisburg gegen die Stuttgarter Kickers mache ich es kurz. Dieses Spiel war nicht schlechter als die letzten Spiele, und wir sehen, solche Spiele kann die Mannschaft auch verlieren. Letzte Woche etwa hatte eine Chance zum Führungstor selbst VfB Stuttgart II, und wenn der MSV Duisburg in der 3. Liga in Rückstand gerät, wird es schwer für die Zebras gegen einen sich noch weiter zurückziehenden Gegner.

Bis zum Führungstor der Stuttgarter Kickers war nicht absehbar, wie das Spiel enden könnte. Auch dieses Spiel hätte der MSV Duisburg vielleicht gewinnen können. Alles ist immer möglich in dieser 3. Liga mit ihrem breiten Mittelfeld von 5. bis 14. Tabellenplatz. Das hängt von Glück und Fehlern ab, die nur manchmal genutzt werden. Deshalb lässt in dieser Liga ein Verteidiger, der im Strafraum überspielt wurde, den Stürmer besser laufen und zupft ihm nicht am Trikot. Die Wahrscheinlichkeit des Elfmeterpfiffs ist ungleich größer als die des erzielten Tores durch die Spielaktion. Markus Bollmann hat einmal gehalten und anschließend noch gezupft. Der Elfmeterpfiff kam und der ruhende Ball war einfacher zu verwandeln als jeder Pass in die Mitte.

Die Mannschaft brachte den Rückstand von einem Tor in die Pause. Die große Chance zum Ausgleich hatte in der 44. Minute Patrick Zoundi vergeben, der mit einem steilen Pass in die Schnittstelle der Verteidigung schön frei gespielt worden war. Die Bemühungen um den Ausgleich setzte die Mannschaft in der zweiten Halbzeit fort. Man kann den Spielern den Willen nicht absprechen. Ab durch die Mitte hieß aber meist die Devise. Dort standen die Verteidiger eng und ließen weder Torgefahr durch Schüsse zu noch durch das versuchte Kurzpassspiel. Die frei stehenden Flügelspieler des MSV wurden meist nicht ins Spiel eingebunden.

Zur Halbzeitpause erst waren Kingsley Onuegbu und Pierre De Wit eingewechselt worden. Beide hatten Pausen gebraucht aus unterschiedlichen Gründen. Für Pierre De Wit waren die anstrengenden Spiele der letzten Woche wegen seiner langen Verletzungskarriere eine besondere Belastung, und der King wirkt schon etwas länger so, als befände er sich im Formtief. Andererseits war zu sehen, selbst ein Kingsley Onuegbu im Formtief ist in diesem Offensivspiel der Zebras als Anspielstation nötig.

Trotz der Versuche des MSV nach vorne zu spielen konnten sich die Stuttgarter keine wirklichen Konterchancen erspielen. So brachte ein Weitschuss ein etwas glückliches zweites Tor und entschied das Spiel. Diese 2:0-Niederlage verhilft in der Diskussion um Karsten Baumann zu keinen weiteren Argumenten. Was in Stuttgart zu sehen war, war auch bei den Siegen und Unentschieden der letzten Wochen zu sehen. Mit solchen Spielen wird die Saison zu Ende gehen.

 

Zum Schluss gilt jedes Wort nur Kevin Wolze – Die PK zum Spiel gegen die Stuttgarter Kickers

Eigentlich wollte ich vor dem Spiel gegen die Stuttgarter Kickers nichts mehr schreiben. Die Standardinfos vor dem Spiel lassen sich der lokalen Berichterstattung entnehmen. Und ob „Stukis“ ein sympathischer Spitzname für die Stuttgarter Kickers ist, schien mir mehr eine Frage des persönlichen Geschmacks und nichts, was es in Duisburg zu diskutieren gilt. Dann aber habe ich mir zum Zeitvertreib noch die Pressekonferenz vom MSV Duisburg vor dem Spiel heute angesehen und musste zum Ende hin sehr grinsen. Ich mag solche Komik. Dort ist sie unabichtlich entstanden. Ich hoffe, die Medienwerker des MSV grämen sich deshalb nicht und belassen es bei dem Clip ohne Überarbeitung. Solche Komik funktioniert sehr einfach nach dem Wiederholungsprinzip. Stoisch immer dieselbe Reaktion, egal, was auch geschieht. Irgendwann beginnt das Lachen, wenn jeder Satz von Karsten Baumann nur noch Kevin Wolze gelten soll. Ab Minute 3.28.

Mehr Bilder als Worte zu einem glücklichen Pokalsieg

Der MSV Duisburg gewinnt das Halbfinale des Niederrheinpokals bei Rot-Weiss Essen nach Elfmeterschießen mit 4:1. Zufrieden bin ich mit diesem Sieg. Richtig gefreut habe ich mich über ihn nicht. Das hat unterschiedliche Gründe, einige haben mit dem Fußballspiel selbst zu tun. Ein anderer ist meine angeschlagene Gesundheit, die bei kaltem Wetter in einem zugigen Stadion sich so unangenehm bemerkbar machte, dass ich unserem Zuschauer-Trainer eigentlich schon vor Ende der regulären Spielzeit meinen Wechsel signalisieren wollte. Dann beschlossen ein paar Essener auf der Westtribüne ein Tor im Zaun zu öffnen und schon standen andere Dinge im Vordergrund als einen passenden Ersatzzuschauer auf die Tribüne zu bringen. Dazu aber später.

Der MSV hätte sich nicht beschweren können, wenn in der Nachspielzeit der Schuss des Essener Stürmers nicht an den Pfosten sondern  rechts daneben ins Tor gegangen wäre. Der Sieg der Essener wäre verdient gewesen, auch wenn der MSV Duisburg in der zweiten Halbzeit endlich so auftrat, dass der Mannschaft das Führungstor zuzutrauen gewesen wäre. In der ersten Halbzeit war davon erst einmal nichts zu erkennen. Zwar kamen die Essener auch nicht zu klaren Torchancen, doch wirkte der Regionalligist sicherer im Aufbau. In der letzten Defensivreihe waren die Essener kaum gefordert, weil die Angriffsbemühungen des MSV fast immer schon im Mittelfeld endeten. Gefühlt kam dort kaum ein Pass an.

Nach der Halbzeitpause begannen die Zebras druckvoll und die Wahrscheinlichkeit eines Führungstreffes wurde größer, auch wenn sich keine so große Überlegenheit einstellte, die den Essenern keine Chance mehr hätte gegeben. Und dann öffneten in der 78. Minute in der Westkurve Essener Fans ein Tor im Zaun zum Spielfeld hin. Spieler und Schiedsrichter tauschten mal eben den Platz gegen Hundertschaften der Polizei.

Von meiner Warte aus war es nicht ersichtlich, ob tatsächlich ein Platzsturm gedroht hätte. Zuschauer auf der Haupttribüne nahe der Westtribüne deuteten den Vorfall eher so, dass  an die zehn Essener auf dem Treppenpodest standen und niemand sonst nachrückte. Die hätten abgeführt werden sollen und gut wäre gewesen. Die lange Spielunterbrechung wirkte ohne erklärende Worte durch den Stadionsprecher als Überreaktion der Ordnungskräfte. Man hatte den Eindruck, es werden präventiv Muskeln gezeigt, weniger wegen des  aktuellen Vorfalls als wegen der Sorge vor späteren Ausschreitungen. Ich sah jedenfalls in dem Moment keine Massen, die auf das Spielfeld zu strömen drohten, wie es jetzt mit dem Stichwort „Platzsturm“ in den Kurzmeldungen auf den Sportseiten der Tageszeitungen anklingt. Vielleicht sah es am TV-Bildschirm aber auch bedrohlicher aus. Präventiv nur stand übrigens auch die Hundertschaft vor der Gästetribüne. Dort hatte – so weit ich das beurteilen kann – niemand vor, den Innenraum zu betreten. Andererseits wird ja alles, was gegen Regeln verstößt, in einer Schublade abgelegt. So hatte eine größere Pyro-Aktion während Halbzeit eins im Gästeblock Anlass für weitere Sorgen sein können.

Nach der langen Spielunterbrechung gab es für mich in diesem Spiel keine Spannung mehr. Ich fühlte mich aus dieser Stadionwirklichkeit herauskatapultiert. Ich sah den Führungstreffer der Essener in der Nachspielzeit, erinnerte mich angesichts der tobenden Atmosphäre an die Duisburger Pokalsaison, die ins Finale führte; konnte die Essener gut verstehen und wäre auch mit einer Niederlage ohne schlechte Laune nach Hause gefahren. Der Ausgleich fiel. Der Schlusspfiff kam. Für mich wurde das Spiel trotz der so beeindruckenden Atmosphäre zum Pflichtprogramm. Viel war eben zusammengekommen an diesem Abend. So viel, dass mich selbst ein Elfmeterschießen nicht mehr aufregte.

Das Verhältnis vom einen zum anderen beim 0:0 des MSV

Eins nach dem anderen. Das galt für viele Anhänger des MSV Duisburg am Freitag im Stadion nicht immer. Während unten auf dem Rasen die Mannschaft vom MSV Duisburg noch gegen den VfB Stuttgart II versuchte, ein Tor zu erzielen, galt der Fangesang auf den Rängen immer wieder bereits dem Pokalspiel am nächsten Dienstag gegen Rot-Weiss Essen. Verständlich war das, weil gerade in der ersten Halbzeit das Spiel wenig bot, was die Aufmerksamkeit von uns Zuschauern ausschließlich an die Gegenwart gebunden hätte.

Im Gegensatz zu den Zuschauern hatten die Spieler beider Mannschaften die alte Lebensweisheit nämlich zutiefst beherzigt – die Stuttgarter sehr viel offensichtlicher als die Zebras. Im Grunde aber spielten beide Mannschaften mit dem Gedanken, das eine, nämlich die Defensive, kommt zuerst, und dann kümmern wir uns um das andere, die Offensive. Weil die Stuttgarter keine Scheu hatten, diese Spielhaltung auf die Spitze zu treiben und dem MSV Duisburg den Ball meist überließen, war sie bei den Zebras nur versteckt in deren Angriffsbemühungen zu erkennen. Wer den Ball in Richtung gegnerisches Tor bewegt, wird schließlich automatisch unter der Rubrik Offensive wahrgenommen.

Ruhig und kontrolliert sollte das Stuttgarter Defensivbollwerk bearbeitet werden. In der ersten Halbzeit zu ruhig, um viele Chance zu kreieren. Denn in diesem Abwehrverband gab es so wenig Lücken, dass die Spieler des MSV sich hätten viel mehr bewegen müssen bei ihrem kontrollierten Spiel, um die Abwehrspieler auseinander zu ziehen. Ich deute es so: wer sicher gehen möchte, hält sich erst einmal zurück und hofft in der langen Zeit bis zum Abpfiff dennoch zur einen todsicheren Chance zu kommen. So eine vermehrte Bewegung bringt nämlich auch Unruhe in die eigene geordnetete Formation und macht die Mannschaft anfälliger beim möglichen schnellen Umschaltspiel des Gegners. Diese eine große Chance hat es dann auch gegeben. Doch wenn so eine einzige Chance dann nicht genutzt wird, siehe oben, bleibt nichts mehr für ein  mögliches Tor. Nach einem steilen Pass von Phil Ofosu-Ayeh schoss Kingsley Onuegbu aus vollem Lauf, etwa drei Meter vor dem Tor, darüber.

Die bedächtige Spielweise war noch ein versteckter Hinweis auf Vorsicht bei den Zebras. Sehr viel deutlicher wurde es in der ersten Halbzeit bei genau solch einem Umschalten. Kurz hinter der Mittellinie eroberten die Zebras den Ball. Ein Angriff begann in Dreierformation gegen etwa sechs sich formierende Stuttgarter. Zaghaft nur rückte der Rest der Mannschaft nach. Ein großes Loch tat sich in genau jenem Moment auf, in dem der Rückpass auf die zweite Reihe hätte erfolgen müssen. Niemand war da. Drei Mann rannten sich in der Abwehrreihe fest.

Eins nach dem anderen bedeutete für den MSV aber auch, wenn es mit dem bedächtigen Spiell nicht klappt, versuchen wir es in der zweiten Halbzeit mit mehr Druck. Nun wurden beim Kurzpassspiel über die Flügel mehr Spieler eingebunden, die Laufbereitschaft war größer. Dennoch kam der MSV nicht einmal mehr zu einer Chance. Denn die Stuttgarter wollten noch mehr nur das eine. Es wurde immer dichter hinten, die Spieler ließen sich kaum noch aus ihrer gut funktionierenden Staffelung herauslocken. Um diese Staffelung zu überspielen hätte der MSV beim Spiel über Außen risikobereiter sein müssen. So wurde mit viel Aufwand die erste Verteidigungslinie überspielt, anschließend wären sie fast manchmal an der zweiten vorbei gewesen, doch dann folgte ein sicherer Rückpass, wenn der unsichere Steilpass nötig gewesen wäre. Eins nach dem anderen, eben.

Bessere Fähigkeiten beim Ball stoppen und präzisere Anspiele wären für so ein Kurzpassspiel zwar keine schlechten Voraussetzungen, aber  auch für Spieler mit besseren technischen Fähigkeiten ist es in solchen Spielen schwierig, das Risiko abzuwägen, wie sehr sie den Druck aufs gegnerische Tor intensivieren können, ohne die Defensive zu entblößen. So ist es vielleicht doch keine schlechte Idee, das eine vor dem anderen im Blick zu halten, weil die sportlich Verantwortlichen um die Möglichkeiten und Anfällligkeiten dieser Mannschaft wissen. Schön anzusehen ist das nicht. Ganz zu schweigen davon, wenn bei dem Ganzen ein 0:0-Unentschieden als Ergebnis herauskommt. Gut, dass wir auf den Rängen dann ein wenig freier im Umgang mit den Notwendigkeiten sind und uns um das andere vor dem einen kümmern können.

Der Kürzest-Spielbericht vom SWR von  circa 1.40 Minuten bedient sich mangels attraktiver Spielszenen einer Flut von O-Tönen. Was mir aber das schillernde Erlebnis beschert dem Mehmet Scholl aktiver Zeiten in der Person von Tobias Rathgeb vom VfB beim Interview wiederzubegegnen. Da morpht sich dessen Gesicht mir immer wieders ins Bewegtbild.

Ein Auswärtsspiel als Unmutspause

Wahrscheinlich werden die Spieler des MSV Duisburg angesichts der vorherrschenden Stimmung in der MSV-Arena über das Auswärtsspiel am Wochenende erleichtert sein. Ich stelle mir das so vor, weil ich selbst beim öffentlichen Auftreten vor größeren Gruppen immer sehr viel angespannter bin, wenn ich davon ausgehe, im Raum ist man mir nicht unbedingt wohlgesonnen.  Ich bin dann erst einmal kontrollierter, greife auf Routinen zurück und muss für die Leichtigkeit des Auftritts arbeiten. Wir Menschen haben sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, deshalb wird es nicht jedem Spieler des MSV Duisburg so gehen. Es reicht aber schon, wenn es bei einigen so ist, um die Leistung der Mannschaft zu gefährden. Ein Heimspiel ist momentan nicht mehr unbedingt ein Vorteil für den MSV.

Der MSV hat zum Ende der Saison hin ein Problem, das wir alle, auch die wütendsten Baumann-raus-Rufer, vor dem ersten Spieltag uns gewünscht hätten. Eine wunderbare Paradoxie. Die Mannschaft hat weiterhin Chancen, den vierten Tabellenplatz zu erreichen. Das ist schön. Dennoch spielt die Mannschaft nicht kontinuierlich gut. Das ist schlecht. Sollen wir nun mehr den Blick auf das eine oder andere werfen? Wer mehr auf die Spielweise schaut, steht dann immer noch vor der Frage, warum diese Mannschaft nicht kontinuierlich gut spielt. Darauf gibt es eine vielfältige Antwort, die schon zweimal im Stadion auf die Kurzformel „Baumann raus“ gebracht wurde.

Deutlich gesagt, ich teile den Ärger, schimpfe über Fehler der Mannschaft und denke doch, „Baumann raus“ zu rufen bei jeder schlechten Mannschaftsleistung hilft dem Verein nicht weiter.  Die Botschaft ist mit Sicherheit angekommen. Ivo Grlic wird die Stimmung rund um den MSV bei seiner Entscheidung sicher mitbedenken. Nun reicht es auch mit der schlechten Stimmung bis zum Ende der Saison.  Fußball ist eine emotionale Angelegenheit und rationale Entscheidungen können nicht immer getroffen werden. Dennoch möchte ich anregen, die schlechten Spiele der Mannschaft und damit zugleich die Trainerfrage auch aus einer anderen Perspektive zu sehen.

Einerseits stimmt es ja, es gibt kaum kontinuierliche Entwicklung der Spielkultur. Dennoch steht die Mannschaft auf dem sechsten Tabellenplatz. Irgendeinen Anteil wird Karsten Bauman daran haben. Wer ihn stark kritisiert, hält diesen Anteil für gering und die Spieler eigentlich zu noch besserer Leistung fähig. Mich wiederum erinnert dieses Sprechen über die grundsätzlichen Möglichkeiten der Spieler immer an die Schule, wo es inzwischen Legionen von Eltern gibt, die den Lehrern erzählen, eigentlich seien ihre Kinder besser als es die Lehrer sehen. Sie hätten es nur gerade beim letzten Mal nicht richtig zeigen können, und zwar weil der Lehrer so unverständliche Fragen gestellt hätte. Wenn ich sehe, welch individuelle Fehler die Spieler des MSV Duisburg immer wieder machen, dann steht Karsten Baumann vielleicht vor der Frage, wie kriege ich Stabiliät in dieser Mannschaft hin? Und dann heißt es als erstes, sich um die Defensive kümmern.

Nun zu der Vermutung, es gibt bessere Trainer als Karsten Baumann. Das mag ja stimmen, doch unter welchen Voraussetzungen müsste dieser Trainer beim MSV Duisburg arbeiten. Er müsste in der nächsten Saison sofort funktionieren. Er muss mit der Mannschaft aufsteigen. Stellen wir uns diesen Idealtyp vor. Er muss Spieler, die er nicht unbedingt kennt, zu einer Mannschaft formen. Er sollte bewiesen haben, dass er das irgendwo schon einmal gemacht hat. Am besten sollte er schon einmal einer Mannschaft zu einem Aufstieg verholfen haben. Er sollte in professionellen Zusammenhängen schon gearbeitet haben. Er muss bezahlbar sein. All das ist nötig, um das Risiko kalkulierbar zu machen. Ich kenne den Markt nicht gut. Wo ist dieser Trainer?

Ein Trainer, den wir jetzt noch nicht kennen, wird das Risiko erhöhen. Ein Kosta Runjaic käme heute wahrscheinlich nicht mehr zum MSV Duisburg. Wenn wir das Runjaic-Modell noch einmal umsetzen wollten, suchten wir in Liga 4 nach einem ambitionierten Trainer. Ich möchte keinen Trainer hier sehen, der gerade entlassen wurde, also gescheitert ist.  Der Trainerwechsel bleibt also ebenso mit einem Risiko verbunden wie der Verbleib von Karsten Baumann, letzteres ist aber kalkulierbar, wenn die Mannschaft verstärkt wird. Was unbedingt notwendig ist, auch wenn ein anderer Trainer käme. Ohnehin setze ich auf das Urteil von Ivo Grlic. Er ist nah an der Mannschaft. Er sieht, was geschieht, setzt die Spiele dazu in ein Verhältnis. Ein Nebensatz von Tanju Öztürk im Interview nach dem Spiel sollte ebenfalls zu Denken geben. Sinngemäß sagte er, die erste Halbzeit sei es in der Defensive schlecht gelaufen, doch in der Pause hätte es taktische Hinweise gegeben und danach hätte es besser geklappt. So viel zum Thema, Karsten Baumann nimmt keinen Einfluss auf das laufende Spiel.

Noch einmal, es kann sicher besser gehen, bei der realistischen Suche nach Alternativen sehe ich momentan aber keine. Sollte Ivo Grlic aber Karsten Baumanns Vertrag tatsächlich verlängern wollen, ist eines klar. Diese Vertragsverlängerung braucht sehr viele erklärende Worte. Es war absehbar, dass die Hochstimmung und der Zusammenhalt vom Sommer letzten Jahres nicht dauerhaft anhalten wird. Sportlicher Erfolg ist im Fußball letztlich das, worum es geht. Damals hatte ich die Hoffnung, der Verein könne mit offensiver Kommunikation in schwierigen sportlichen Phasen den Zusammenhalt weitestgehend erhalten. Diese offensive Kommunikation wäre spätestens beim Vertragsabschluss mit Baumann gefordert. Besser wäre es, jetzt schon zu beginnen. Es sind ja immer wieder dieselben Fragen, die Fans bewegen. Die Frage, warum Wegkamp und nicht Onuegbu ausgewechselt wurde, wäre so eine zu beantwortende Frage zum Beispiel.

Ich hoffe sehr, dass Karsten Baumann, andere Verantwortliche und auch die Spieler nicht den Konflikt mit dem Publikum suchen. Ansätze dazu muss es beim Spiel gegen SV Elversberg gegeben haben. Gerade wenn sie ihre Leistung nicht in dem Maße gewürdigt sehen, wie sie es sich wünschen, sollten sie sehr konkret auf Vorwürfe reagieren. Suchen sie den Konflikt, werden sie gegenüber den lauten Rängen verlieren. Sportlicher Erfolg ist natürlich eine andere Möglichkeit, sich aus der Affäre zu ziehen. Denken wir also an das Spiel in Saarbrücken, das nicht einfach wird, weil die Veränderungen in der Mannschaft dort nun zu Siegen führen. Die Saarbrücker haben ihr Selbstbewusstsein zurückgewonnen.    Im FCSBlog 2.0 findet sich vor jedem Spieltag die unterhaltsame Rubrik „Die fünf wichtigsten Duelle“, mit der auch vor dem Spiel des 1. FC Saarbrücken gegen den MSV Duisburg beide Vereine mit besagten fünf wichtigen Themen miteinander verglichen werden. Ich hoffe jedenfalls auf weitere Beruhigung der Stimmung, auf dass der Vorteil eines Heimspiels bis zum Ende der Saison dauerhaft gewahrt bleibt.

 

Noch die Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den 1. FC Saarbrücken. Patrick Zoundi begleitete Karsten Baumann.

Und damit in frischer Erinnerung bleibt, wie Tore erzielt werden, noch einmal die drei Tore gegen SV Elversberg.


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