Posts Tagged 'Kevin Wolze'

13 Anmerkungen zum Spiel MSV Duisburg – SC Paderborn, die die Welt noch nicht gesehen hat

  1. Manchmal ist ein Ligaspiel nur die Generalprobe für die nächste Pokalbegegnung.
  2. In die große Freude und Erleichterung über den 2:0-Sieg des MSV Duisburg gegen den SC Paderborn mischt sich immer wieder kurz die Erinnerung an Fehlpässe in gefährlichen Spielfeldbereichen. Die genaue Zahl weiß ich nicht mehr. Es waren vielleicht fünf oder sechs. Kevin Wolze machte in den ersten Minuten zweimal kurz hintereinander den Auftakt. Dramatischer wirkten spätere Fehlpässe. Mindestens einer solcher Ballverluste führt normalerweise zu einem Gegentor durch einen Konter.
  3. Die Zuschauerzahl war klassisch Duisburg. Nach dem Pokalsieg in Bielefeld waren enttäuschend wenig Zuschauer im Stadion.
  4. Der MSV begann das Spiel sehr druckvoll. Solche Anfangsphasen haben wir in dieser Saison schon gesehen. Entsprechend groß war meine Sorge vor dem Gegentreffer, der allem ein Ende bereitet.
  5. Cauly Souza deutete früh seine weiter bestechende Form an. Zweimal schon war er vom linken Flügel aus davon gezogen. Zweimal war er beim Zug in die Mitte gestört worden. Das eine Mal sogar vom eigenen Mitspieler, von Richard Sukuta-Pasu, als sich beide für einen winzigen Moment nicht über den Laufweg einig waren und Souza sein Tempo nicht beibehalten konnte. Der dritte Pass, als Steilpass auf dem linken Flügel, schließlich führte zum Erfolg. Auf Höhe der Strafraumgrenze umdribbelte er noch einen Defensivspieler und schoss wuchtig ins Tor.
  6. Von diesem Moment an gewannen die Paderborner mehr Spielanteile. Den freien Abschluss einer Offensivaktion ließ die Defensive des MSV dennoch so gut wie nicht zu. Deshalb fehlte den Paderborner mit der Ausnahme eines Distanzschusses wirkliche Torgefahr. Dieser Schuss war ein tückischer Aufsetzer. Die Angriffe waren scheingefährlich. Schüsse, Kopfbälle gingen am Tor vorbei, kamen ohne Geschwindigkeit auf das Tor oder gingen meist dorthin, wo Daniel Mesenhöler gerade stand.
  7. Die Geschlossenheit und der Einsatz der Mannschaft war beeindruckend.
  8. Für die Älteren unter uns: Lukas Fröde bescherte mir einen Kees-Bregman-Gedächtnistag. In der zweiten Halbzeit löste er eine Drucksituation im Strafraum so hochrisikoreich auf, wie es besagter Kees Bregman, einer meiner Helden der 1970er, gerne mal machte. Der Angriff der Paderborner über den rechten Flügel war abgefangen. Die Zebras versuchten den Ball sofort kontrolliert in die eigene Offensive zu bringen. Die Paderborner pressten gut und stellten die linke Seite des MSV zu. So wanderte der Ball in den Strafraum, während die Paderborner kontinuierlich nachrückten. Es war deutlich, kein Spieler der Zebras hatte viel Zeit. Der Ball kam zu Fröde. Er hatte etwas Platz, und kurz hoffte ich auf den befreienden weiten Ball ins Mittelfeld mit dem Risiko des sofortigen Ballverlusts. Doch Fröde wählte eine andere Option. Er leitete den Ball zwischen den eigenen Beinen, den linken Fuß als Bande nutzend, in den Raum hinter seinem Rücken weiter. Das war ein technisch anspruchsvoller Ball, ein wunderbarer Trickpass, der mir den Atem raubte, weil ich für einen Moment das Ungewissse dieses Passes sah. Fröde musste blind darauf vertrauen, dass in seinem Rücken tatsächlich ein Mitspieler stand und kein Paderborner sich dorthin geschlichen hatte. Gelingt so ein Pass, wirkt das großartig, wenn nicht, fällt das Gegentor. Es wirkte großartig.
  9. Auch wenn es sich wie ein Widerspruch anhört, zu Beginn der zweiten Halbzeit war ich noch nicht sehr beunruhigt wegen eines möglichen Gegentors und sehnte dennoch das zweite Tor herbei. Ich wollte mich auf dem Weg zum ersten Heimsieg sicherer fühlen.
  10. Wenn ein Spieler mit der ersten Ballberührung nach seiner Einwechslung ein Tor erzielt, wird das oft zu einer besonderen Geschichte stilisiert. Kommt es mir nur so vor, als werde die Geschichte für den Volleyschuss zum 2:0 Tor von Boris Tashchy nicht hervorgeholt? Das gefiele mir sehr, so ein Tor durch den ersten Ballkontakt als selbstverständliches Geschehen zu berichten. Das bewiese mir die Qualität des Kaders. Die Spieler werden eingewechselt und brauchen keine Anlaufzeit, um ihre beste Leistung zu zeigen.
  11. Die 2:0-Führung machte mich allerdings nicht sicherer. Ich wurde schnell nervöser. Denn die Paderborner ließen keineswegs nach in ihrem Bemühen ein Tor zu erzielen. So irrational sind wir Menschen manchmal. Nun hatte ich das Gefühl, fiele erst der Gegentreffer, brächen alle Dämme und eine Niederlage drohe sogar. Doch der MSV blieb defensiv stabil. Torgefährlicher als zuvor wurden die Paderborner nicht.
  12. Je länger eine Niederlagenserie dauert, desto wahrscheinlicher wird ein Sieg. So ein Satz gehört in die statistische Betrachtung des Fußballs. Die meisten von uns tuen sich schwer mit der Statistik, weil die Datenmegen nicht sinnlich erfassbar sind. Wir haben kein sinnliches Verhältnis zur Wahrscheinlichkeit. Unser Denken beruht auf direkter Wahrnehmung. So macht dieser erste Sieg nach der Heimspielniederlagenserie den Kopf frei. Er verwandelt den Wahrscheinlichkeitsbegriff der Statistik in einen der direkten Erfahrung. So erst wird die statistische Möglichkeit zum Nachweis der eigenen Leistung und damit zur Voraussetzung für weitere Siege.
  13. Der Sieg des MSV war verdient. Mit dieser Generalprobe können wir zufrieden sein. Wenn bis zum Februar dann noch die letzten Fehler der Aufführung getilgt worden sind, dürfen wir auf ein begeisterndes DFB-Pokalspiel gegen Paderborn hoffen.
Advertisements

20 Anmerkungen zum MSV-Spiel gegen den 1. FC Magdeburg, die die Welt noch nicht gesehen hat

  1. Am Donnerstag in einer englischen Woche muss ein Text schneller als an einem Montag nach einem Wochenendspiel entstehen. Deshalb gibt es keine Rücksicht auf stilistische Feinheiten.
  2. Das 3:3-Unentschieden des MSV gegen gegen den 1. FC Magdeburg hat mich an den Rand der mir erträglichen Verzweifelung gebracht. Verzweifelung über den Lauf der Dinge. Verzweifelung über kurz unaufmerksame Spieler des MSV. Verzweifelung über eine Schiedsrichterentscheidung.
  3. Nach dem 2:1-Rückstand dachte ich kurz, ich könne mir das Spiel im Neudorfer Ostende nicht weiter ansehen. Im Stadion ertrage ich jegliche Spielverläufe. Vor dem Fernseher geht das nicht. Dort komme ich an gesundheitsgefährdende Grenzen. Als durch den Freistoß das zweite Tor für Magdeburg fiel, wurde die Ohnmacht unerträglich, einer erneuten Niederlage des MSV ausgesetzt zu sein. Ich merkte, jegliche Hoffnung meines Lebens war in diesem Moment auf den MSV gerichtet. Das war zu viel Hoffnung an der falschen Stelle. Ich wollte aus dem Ostende fliehen. Kevin Wolzes schnell folgendes Freistoßtor zum Ausgleich war ein betäubendes Schmerzmittel. Ich konnte es nicht bejubeln. Die Ohnmacht war einer gefühllosen Beruhigung gewichen.
  4. In der ersten Halbzeit hat der MSV gut gespielt. Die Magdeburger wurden früh bei ihrem Aufbauspiel gestört. So konnte immer wieder schnell umgeschaltet werden. Der MSV wirkte auf mich für Phasen spielbestimmend.
  5. Diese Wahrheit gab es aber auch: Das einer Balleroberung folgende Umschaltspiel führte auch hin und wieder zu spekulierenden Pässen ins Nichts. Es waren hilflose Pässe im Wissen darum, auf diese Weise bleibt der Ball nicht im Spiel. Auf diese Weise unterbindet man einen Konter der Magdeburger. Solche Pässe sind dann weniger ein Instrument der Offensive als der Defensive. Besser geht es in dem Moment nicht. Das müssen wir akzeptieren.
  6. Vier sehr gute Torchancen ohne Torerfolg für Magdeburg in der ersten Halbzeit belegen nicht das Glück für den MSV sondern die Tatsache, dass es in der Liga Mannschaften gibt, die mit denselben Schwierigkeiten umgehen müssen wie der MSV. Diese vier Torchancen sind eigentlich ein Beleg dafür, wie schwer es für den MSV in dieser Saison ist und wie wenig ein anderer Trainer als Ilia Gruev an der Situation ändern können wird.
  7. Die Mannschaft des MSV spielt offensiv so gut, wie sie es kann. Sie spielen inzwischen gut genug, um ein Spiel zu gewinnen.
  8. Die Führung des MSV war verdient. Nach einem schlechten Versuch zu flanken, verlor Kevin Wolze den Ball und eroberte ihn sofort zurück. Der Flankenversuch zwei in den Lauf von Stanislav Iljutcenko gelang. Der Raum für den Stürmer war da und souverän schob er den Ball ins Tor.
  9. Zuvor schon hatte der MSV mit variablem Spiel die Defensive von Magdeburg unter Druck gesetzt – zum einen über die Flügel, gefahrvoll oft durch Andreas Wiegel; zum anderen durch Mittelfeldläufe von Cauly Souza und Fabian Schnellhardt mit folgendem Pass ins Zentrum auf Tashchy oder Iljutcenko.
  10. Die Spieler des MSV sind defensiv bei Spielunterbrechungen immer wieder nicht präsent. Der Ausgleich zum 1:1 fiel auf dieselbe Weise wie in Dresden das Tor zur Niederlage. Das Tor wäre einfach zu verhindern gewesen, wenn Sebastian Neumann den Ball die ganze Zeit im Blick gehalten hätte und der Einwurfsituation nicht den Rücken gekehrt hätte. Die Spieler des MSV versuchen bei Spielunterbrechungen aber oft als erstes, ihre Position in der Defensivformation einzunehmen und verlieren den Blick dafür, dass das Spiel unterdessen weitergeht. Grundsätzlich muss beides zugleich beachtet werden, wo ist der Ball und wo bin ich im Verhältnis zu meinen Mitspielern. Das geschieht immer wieder einmal nicht. Das führt zu Toren vom Gegner. Das führt zu Wut und Verzweifelung bei mir, weil ich schon vor der Ballberührung des Gegners sehe, dass Gefahr droht. Ich kenne das aus dem Basketball. Dort ist es am Spielfeldrand oder auf dem Spielfeld einfacher. Spieler reagieren, wenn ich schreie. Sebastian Neumann hat mich in Magdeburg nicht gehört.
  11. Schon der Klärungsversuch von Sebastian Neuman, der zum Ausball führte, war der Anfang der Fehlerkette. Er hatte sich nicht entscheiden können zwischen präzisem steilen Pass und Ballwegschlagen. Es wurde irgendwas dazwischen, so dass der Ball zu nah am eigenen Tor ins Aus flog.
  12. Kurz darauf folgt ein Freistoß für Magdeburg nahe der Strafraumgrenze. Die Mauer bei diesem Freistoß stand nicht gut. Der Ball brauchte nicht viel Effet, um rechts dran vorbei zu fliegen. Magdeburg führte 2:1.
  13. Die Anforderungen an Kevin Wolzes Schusstechnik bei dem Freistoß zum 2:2-Ausgleich waren größer. Solche Freistoßtore kennen wir von ihm.
  14. Nach dem 2:2 entwickelte sich ein offenes Spiel. Ist meine Vereinsbrille der Grund dafür, dass ich den MSV mit leichten Vorteilen sah? Auf mich wirkten die Zebras spielerisch variabler als Magdeburg, sicherer im Ballbesitz, bissiger beim Stören der Gegenspieler.
  15. Jeder ruhende Ball für die Magdeburger machte mir Sorgen. Deshalb verzweifelte ich schon vor dem Eckstoß, der zum 3:2 führte über die Fehlentscheidung des Schiedsrichters. In welchem Winkel stand der Schiedsrichter zu Kevin Wolze und dessen Gegenspieler? Der Gegenspieler sprang nicht nur höher, sondern befand sich auch zwischen Wolze und der Torauslinie. Unabhängig vom TV-Bild schien es mir unmöglich zu sein, dass ein von Wolze berührter Ball auf direktem Weg ins Aus hat gehen können. Quasi überall um ihn herum war sein Gegenspieler, der von einem über Wolze kommenden Ball danach berührt werden musste.
  16. Ich habe keine Erinnerung an eine solche dichte Abfolge von Fehlentscheidungen der Schiedsrichter, die so spielbeeinflussend gewesen sind. Denkt nur nicht, dass ich damit die Niederlagen erklären will. Dennoch sind diese Fehlentscheidungen Mühlsteine angesichts der momentanen spielerischen Möglichkeiten des MSV.
  17. Die Ecke war die klassische Gegentor-Ecke der Zebras. Die erneute Führung der Magdeburger erschöpfte mich. Ich fügte mich ins Schicksal der Niederlage.
  18. Die Spieler des MSV fügten sich nicht in die Niederlage. Sie hielten an ihrem Plan fest. Die Mannschaft brach nicht in sich zusammen.
  19. Der Ausgleich zum 3:3 war verdient und gerecht. Im Moment des Ausgleichs kam ein wenig Glück hinzu. Denn Lukas Daschner drückte einen eroberten Ball ins Netz, der zuvor im Magdeburg Strafraum einmal herumgeflippert war. Das Glück hatte aber erarbeitet und erspielt müssen. Dem Glück zuvor gingen Glaube der Mannschaft an die Mischung von spielerischer Lösung und hohem Ball in den Strafraum sowie Gedankenschnelle von Lukas Daschner. Daschner musste erst einmal im rechten Moment am rechten Ort sein. Das ist Können und kein Glück.
  20. Im Stadion beim notwendigen Sieg gegen Regensburg werde ich die Anspannung leichter ertragen als vor dem Fernseher.

Ein Spiel zum Verzweifeln

Am Morgen nach der 1:2-Niederlage des MSV Duisburg gegen den FC Erzgebirge Aue bin ich immer noch in einer Art Duldungsstarre. Zwar habe ich mir gestern Abend mit Rico Brömseklöten noch eine Dosis Gegengift gegeben, so dass mich das Wort Erzgebirge fortan nicht nur noch in tiefe Verzweifelung stürzt. Doch solches Gegengift hilft anscheinend zunächst nur als Akutmaßnahme.

Für längeres Wohlbefinden muss anderes hinzukommen. Am besten natürlich ein erfolgreicherer MSV Duisburg. Allerdings vertraue ich auf diese begleitende Unterstützung momentan nicht wirklich. Wo soll das Vertrauen auch herkommen, wenn ich mir die Leistung der Mannschaft im Spiel gegen Aue genau ansehe?

Die Zebras haben in der ersten Halbzeit gut gespielt. Sie waren so gut, wie sie im Moment sein können. Sie haben sich in dieser ersten Halbzeit eine so sichere Torchance erspielt, dass ich den Torwart habe vergeblich hechten sehen. Ich war bereit zum Jubeln. Boris Tashchy hat den freien Schuss über das Tor gesetzt. Einen nicht ganz so freien Schuss setzte Cauly Souza zudem an die Latte. Mit der Jubelbereitschaft kam ich nicht hinterher. Dazu gab es zwei, drei Chanchen, die nicht ganz so klar waren, die aber in anderen Spielen von anderen Spielern in ähnlichen Situationen schon genutzt wurden, um Tore zu erzielen. Der MSV konnte sie nicht nutzen. Auch in einem dieser Momente hatte ich meine Arme schon erhoben.

Ich sorgte mich nicht mehr, der MSV könne in Gefahr geraten in diesem Spiel. Die Defensive stand sicher, mit einer Ausnahmen kurz nach Anpfiff. Daniel Mesenhöler klärte auf der Linie mit einem guten Reflex. Ein Konter hatte zu einem freien Schuss aus zwölf Metern geführt. Kurz vor der Pause hieß es zwar nicht drei Ecken, ein Elfer, doch drei halbe Jubel hatten diese Folge. Boris Tashchy wurde bei der Ballannahme gegen den Fuß getreten und fiel. Kevin Wolze verwandelte den Elfmeter sicher.

Kurz nach der Halbzeitpause pfiff Schiedsrichter Matthias Jöllenbeck erneut Elfmeter. Dieses Mal gegen den MSV. Wahrscheinlich haben die meisten Zuschauer wie wir bei uns in der Kurve diesen Elfmeterpfiff nicht richtig mitbekommen. Es war merkwürdig still geblieben im Stadion. Schließlich hatte es keine offensichtlich elfmeterreife Spielsituation gegeben. Wir konnten das Bedrohliche des Moments erst nicht erkennen, dann wollten wir es nicht wahrhaben. Aus heiterem Himmel verschwand die Zuversicht für dieses Spiel. Aus heiterem Himmel waren alle Sorgen wieder da. So ungerecht fühlte sich das an. Der Elfmeterpfiff war ungerecht.

Für die Spieler des MSV hatte dieser Pfiff anscheinend eine ähnliche Wirkung wie für mich. Gefährliche Chancen konnte sich die Mannschaft in der zweiten Halbzeit nicht mehr erspielen. Es war nicht leicht mit anzusehen, wie sehr sich jeder einzelne Spieler anstrengte, ohne dass diese einzelnen Anstrengungen vor dem Auer Tor sich bündelten. Es fehlten Ideen für das Zusammenspiel in der Nähe des Auer Strafraums.

Der Boden war tief. Lange hatte es geregnet, und zu Beginn des Spiels hatten sich alle, samt Schiedsrichter, an die Glätte des Rasens gewöhnen müssen. Man war ausgerutscht und geschlittert. Nun war bei den Sprints die zusätzliche Kraft erkennbar, die die Vergeblichkeit der Anstrengung noch spürbarer machte. Es war zum Verzweifeln. Wenn es doch wenigstens beim Unentschieden geblieben wäre. Doch ein Ballverlust von Joseph-Claude Gyau auf dem linken Flügel nach einem harten Tackling führte zu einem Konter, der mit einem Schuss, der nicht oft so gelingt, abgeschlossen wurde. Die 1:2-Niederlage stand fest. Es blieben noch ein paar Minuten mit hohen Bällen in den Strafraum. Ein aussichtsloses Hoffen auf den Zufall. Es war zum Verzweifeln. Ich sehe nicht, dass die Mannschaft besser spielen kann. Ich sehe Spieler, die alles geben. Ich sehe Spieler, die mit ihrem derzeitigen Können alles versuchen. Ich sehe Spieler an ihre Grenzen kommen. Es ist zum Verzweifeln.

Drei Stahlarbeiter stehen inzwischen nur noch vor dem Spiel auf dem Rasen. Beim letzten Heimspiel waren es vier. Beim ersten Spiel zehn? Ich weiß es nicht mehr genau. Überall sehe ich nur noch Zeichen des Niedergangs. Es ist zum Verzweifeln.

Mit Wechselbad ein Schritt zur Wellness an der Alten Försterei

Allein unter Unionern

Meine Stadionbesuche beim MSV sind immer zugleich mein ganz persönliches Zen. Sie sind Übungen in Lebenszufriedenheit bei jeglichen Erfahrungen und den damit verbundenen aufwühlenden Gefühlen. Auch wenn man mir auf dem Stehplatz nur die äußere Aufregung ansieht, so wird manches Spiel mir doch zu einer Art Meditation. Denn was ist Meditation anderes als die Erfahrung, dass die Gedanken kommen und gehen, dass Gefühle kommen und gehen und ein fühlendes Erkennen, dass auch Ereignisse im Leben kommen und gehen, ohne dass wir einen Einfluss darauf haben.

Den Tag über war es mir in Berlin gelungen, die Sorge vor einem weiteren Misserfolg des MSV bei Union Berlin zu verdrängen. Je näher der Anpfiff rückte, desto unruhiger wurde ich aber. Früh war ich schon in die fast leere Gästekurve des Stadions an der Alten Försterei gekommen. Mit einem jungen MSV-Fan aus Mannheim kam ich ins Gespräch. Wurzeln der Familie in Duisburg führen zu familiären Fan-Traditionen. Der MSV in Berlin erwies sich als Zwischenstation auf seiner Inter-Railreise mit einer jener Inter-Railkarten, die die EU unter jungen Europäern verlost hatte. Auswärtsfahrt zum MSV. Gut genutztes EU-Geld für junge Leute.

Der Wechsel im Tor hatte sich angekündigt. Völlig abgesehen vom Leistungsvergleich war dieser Wechsel auch ein symbolisches Zeichen für Veränderung. Jetzt konnte alles anders werden. Meine Sorge wurde größer, dass das nicht geschah. Wenn die Spieler des MSV sich derart verunsichert zeigten, wie ich mich fühlte, hatten sie keine Chance. Die gesamte erste Halbzeit war ich mit dem Spiel und einer drohenden Enttäuschung beschäftigt. Immer wieder lehnte ich mich gegen etwas auf, was noch gar nicht eingetreten war.

Mit dem Anpfiff war die Gästekurve zweidrittel gefüllt. Die Zebras fanden gut in ein intensives Spiel mit durchweg hohem Tempo. Ballkontrolle führte kaum zu langsamen Passagen. Beide Mannschaften schafften es aber nicht, gefährlich vor das gegnerische Tor zu kommen. Defensiv drohte dem MSV nur auf der rechten Berliner Seite zwei-, dreimal Gefahr, weil Andy Gogia von Kevin Wolze alleine nicht gehalten werden konnte. Gogia dribbelte ihn aus oder überlief ihn. Doch im Zweierverband mit Sebastian Neumann konnten auch diese Angriffe neutralisiert werden, allerdings nicht dauerhaft. Kurz vor der Pause dann, ein Ballverlust im Mittelfeld, dem ein weiter Ball auf den frei stehenden Gogia folgt. Für einen Moment hatte ich die Hoffnung, er braucht Zeit, um den Ball anzunehmen. Doch wie Gogia in einer Bewegung diesen Ball herunterholt und verarbeitet, war großartig. Obwohl Kevin Wolze in der Nähe war.

Es geschah, was ich die ganze Zeit befürchtet hatte. Der MSV lag zurück nach einem Tor durch besagten Gogia. Diese Wahrheit wollte ich nicht hinnehmen. Alles lehnte sich in mir auf. Das ist die Zen-Übung, von der ich sprach. Das Auflehnen zu akzeptieren, vorbei gehen zu lassen und die Wirklichkeit wahrhaftig zu sehen. Vor diesem Tor hatte es noch eine wunderbare Kombination vom MSV über den linken Flügel gegeben. Sebastian Neumann hatte an der eigenen Torauslinie den Ball am Strafraumrand erobert, ihn nicht weggeschlagen, sondern zwei Berliner Spieler gelassen ausgespielt, um dann präzise auf den linken Flügel zu Moritz Stoppelkamp zu passen. Leider kam nach dem Dribbling über Außen der letzte Pass nicht in den Strafraum. Ich erzähle das so detailliert, um zu erinnern, wie kontrolliert der MSV auch unter großem Druck den Ball in die Offensive bringen konnte.

Nach dem Spiel habe ich nicht glauben können, wie schlecht die Leistung vom MSV im Netz von vielen Seiten bewertet worden ist. Nicht oft klaffen Stadionerleben und Bewegtbild-Bewertung des Spiels derart auseinander wie bei diesem Spiel. In der Gästekurve im Stadion war bei aller Enttäuschung über den späten Ausgleich doch von den meisten Anerkennung für die Leistung zu hören. Die entscheidende Botschaft dieses Spiels ist für mich der Glaube an ein Ausgleichstor nach dem Rückstand. Die Zebras haben das ganze Spiel über gelebt. Konzentration und Engagement ließen nicht einen Moment nach.

Die vom Berliner Trainer in der Pressekonferenz verlorenen geglaubten zwei Punkte können wir genauso beklagen. Worauf bezieht er sein Gefühl der Überlegenheit? Auf das Potential seiner Spieler oder auf die tatsächlich gezeigte Leistung? In der ersten Halbzeit gab es nur eine weitere  Chance für Berlin. Den Lattentreffer von Gogia gab es deshalb, weil der Ball abgelenkt wurde, sonst wäre er Daniel Mesenhöler in die Arme gefallen.

Bei Union herrscht die Meinung vor, das Spiel in der zweiten Halbzeit im Griff gehabt zu haben. Doch diese Meinung lässt außer Acht, dass der MSV kontinuierlich mit Geschwindigkeit das Offensivspiel suchte. Zunächst ohne Torgefahr, sicher. Wenn zugleich aber individuelle Fehler angeführt werden als Grund für Gegentore, muss man doch schauen, wie diese Fehler zustande kamen. Ohne Fehler gibt es nie Tore. Ein Fehler nach einer Ecke ist aber ein anderer Fehler als einer, der im Spielverlauf geschieht. Und solch ein Fehler im Spielverlauf führte zum Ausgleich. Dieser Fehler musste erst einmal erzwungen werden. Dazu mussten Spielsituationen vom MSV geschaffen werden, die Fehler hervorrufen.

Man darf doch nicht übersehen, dass die Berliner Spieler in Teilen individuell besser waren. Die Defensivschwäche auf der linken Seite des MSV führte doch die ganze Zeit zu einem Risiko, bei dem die Mannschaft dennoch Offensivkraft entwickeln musste. Das war ein Ritt auf der Rasierklinge. und der hat nur deshalb nicht zu schmerzhaften Folgen geführt, weil der MSV zum schnellen Offensivspiel über alle Positionen durch das Mittelfeld zurückgefunden hat.

In diesem Spiel hoffte ich nicht einmal auf den Zufall als zwölften Mann des MSV, damit ein Tor fällt. In diesem Spiel hoffte ich auf ein Tor aus dem Spiel heraus. Und das war keine Träumerei, das war nicht unrealistischer Wunderglaube. Das ergab sich aus der Spielanlage vom MSV. Das ergab sich, weil die Mannschaft an ihr eigenes kontrolliertes Spiel glaubte und sich nicht davon irritieren ließ, dass die Zeit immer knapper wurde.

Was für ein Jubel dann, als Souza den Ball per Direktabnahme und Aufsetzer im Tor unterbrachte. Richtig getroffen hatte er den Ball nicht. Doch seine Torchance hatte sich in einem Spielzug angebahnt. Das kam nicht aus dem Nichts, egal, was in Berlin gesagt wird. Dort ist man blind dafür, dass diesem Tor Entwicklung vorausging. In Berlin richtet man nur den Blick auf die mangelnde Torgefahr der Zebrras bis zur 70. Minute etwa. In Berlin sieht man nicht, dass kontinuierliches Versuchen, auch wenn es im Strafraum zunächst ungefährlich bleibt, auch der eigenen Mannschaft Kraft nimmt, mental und körperlich. Das will man in Berlin vielleicht nicht sehen und in Duisburg vor dem Fernseher sieht man das nicht, weil es schlecht messbar ist. Im Stadion selbst ist das als Atmosphäre vielleicht eher zu spüren.

Dem frenetischen Jubel folgte sechs Minuten später die Ekstase in der Gästekurve. Nicht wissen, wohin mit diesem Jubel. Quer durch die Reihen in die Arme fallen, weil alles heraus muss. Weil alles möglich scheint an diesem Tag. Denn der Ausgleich hatte den Zebras nicht gereicht. Das Spiel war offen. Richard Sukatu-Pasu wurde mit einem wunderbaren Pass steil geschickt. Kühl schob er den Ball ins Netz.

Wenige Minuten blieben noch, dazu die Nachspielzeit, und immer noch zogen sich die Zebras nicht zurück. Trotz des nun größer werdenden Drucks durch Union. Ich glaube nicht, dass ohne ruhenden Ball Union noch ein Tor erzielt hätte. Dem Freistoß aus dem Halbfeld heraus in der 90. Minute folgte der Ausgleich. Schade. Noch einmal deutlich gesagt: Ein Sieg des MSV wäre keinesfalls glücklich gewesen. Er wäre verdient gewesen, weil die Mannschaft weiter an ihr Spiel geglaubt hat. Selbst nach dem Ausgleich suchte die Mannschaft noch die Chance auf ein drittes Tor. Das nehme ich aus dem Spiel mit. Die Zebras haben ihr Selbstvertrauen wiedergefunden. Natürlich muss ein Sieg gegen Aue her. Dann erst wird meine Meinung bestätigt. Bis dahin aber steht sie mit gleichem Recht in der Welt, wie all jene Wertungen, bei denen der MSV sehr viel schlechter wegkommt.

Beim Kollegen Sebastian Fiebrig vom Textilvergehen der Berliner Blick samt Presseschau.

Ebenfalls bei Textilvergehen Fotostrecke mit unübersehbarer Schwäche für die Heimmannschaft. Verstehbar.

Und bei Eiserne Ketten die Taktikanalyse für die Berliner Mannschaft.

Wenn die Nachspielzeit zum Gesundheitscheck wird

Wenn ich noch zwei Stunden nach einem Fußballspiel Kopfschmerzen wegen meines zeitweilig viel zu hohen Blutdrucks habe, können wir bedenkenlos von einem aufregenden Fußballspiel sprechen. Wahrscheinlich brauche ich demnächst eine ärztliche Unbedenklichsbescheinigung, ehe ich ins Stadion gehe.

Aufregend war die 1:2-Niederlage des MSV gegen Fortuna Düsseldorf allerdings erst in der zweiten Halbzeit. Denn in dieser zweiten Halbzeit schaffte es der MSV als Mannschaft die individuelle Überlegenheit einzelner Düsseldorfer Spieler wett zu machen. Nachweis dieser individuellen Überlegenheit waren sowohl die präziseren und härteren Schüsse auf das Tor als auch das härtere und etwas sicherere Kurzpassspiel der Düsseldorfer. Der Vorteil der Düsseldorfer war nicht groß, er war aber vorhanden. Wegen dieses Qualitätsunterschieds führt die Fortuna die Zweitligatabelle an, und der MSV spielt oben zwar mit, aber hat weiterhin die 40, besser 42 Punkte im Blick, während wir im Stillen von einem Relegationsplatz träumen.

Kontrolliertes Spiel hieß in der ersten Halbzeit die Devise nach dem Spektakelfußball des Hinspiels. Dieses kontrollierte Spiel brachte für die Fortuna Schüsse aus der zweiten Reihe, die auf das Tor kamen. Schüsse, die auf das Tor kommen, können dann auch mal reingehen. So entstand das Führungstor der Düsseldorfer wenige Minuten vor dem Pausenpfiff. Einen hohen Abschlag in die Hälfte des MSV ließ Gerrit Nauber einmal auftitschen. Solche auftitschenden Bälle machen mir immer Sorgen. Sie sind oft unberechenbar. So machte nicht nur ein Düsseldorfer Spieler im direkten Zweikampf mit Gerrit Nauber Druck, ein zweiter Düsseldorfer Spieler konnte den nur schlecht geklärten Ball sofort aufnehmen. Die noch nicht wieder geordnete Defensive ließ zu viel Freiraum. Der Schuss aus der zweiten Reihe traf. Wenn ich in einer Schlagzeile von einem Sonntagsschuss lese, schüttel ich allerdings veständnislos den Kopf. Das war kein Sonntagsschuss. Das war einer von mehreren gefährlichen Schüssen. Die Düsseldorfer brauchen kein Glück für solche Schüsse. Die können das.

Demgegenüber stand eine Chance durch Ahmet Engin für den MSV, oder sagen wir, sich eröffnende Chance. Engin war in den Strafraum gezogen und versuchte quer zu legen statt selbst zu schießen. Das hätte eine große Chance werden können. So wurde der Konter nach Balleroberung im Mittelfeld nur etwas Halbgares.

Kurz nach dem Wiederanpfiff veränderte ein schneller Abwurf von Mark Flekken das Spiel. Aus diesem schnellen Abwurf entstand ein erster Angriff des MSV, der Fortunas Defensive durcheinander wirbelte. Von da an schwankte das Spiel hin und her. Während die Fortuna weiter auf die Schüsse von der Strafraumgrenze setzte, versuchten die Zebras immer wieder näher ans Tor zu kommen – mit schnellem Flügelspiel oder mit hohen Bällen. Als Kevin Wolze sich über den linken Flügel wunderbar durchgespielt hatte, war der Weg Richtung Tor frei. Nah an der Torauslinie, wurde er von den Beinen geholt. Der Elfmeterpfiff blieb aus. Blutdruckspitze, die erste. Kevin Wolze war in dem Fall mein Blutdrucksenker, weil er seiner Wut freien Lauf lassen konnte. Die gelbe Karte hatte er schon, ich fürchtete das Gelb-Rot. Sofortige Beruhigung war deshalb meine Devise. Vielleicht wirkte es auf das Spielfeld runter.

Kingsley Onuegbu wurde eingewechselt und erarbeitete sich seine Chance zum Ausgleich. Sein kunstvoller Seitfallrückzieher ging knapp am Tor vorbei. Auf der Gegenseite gab es einen Schuss gegen die Latte. Als kurz vor dem Abpfiff das 2:0 fiel, schien meine Gesundheit nicht mehr gefährdet. Doch weit gefehlt. Nach dem Anschlusstreffer durch Boris Tashchy zwei Minuten später kam erst die wirkliche Prüfung des Tages. In den vier Minuten Nachspielzeit war der Ausgleich tatsächlich zweimal möglich. Die erste Chance vom King wurde zur Ecke abwehrt, und es war klar, diese Ecke würde die letzte Spielaktión. Heute weiß ich nicht einmal mehr, ob der King bei seiner zweiten Chance nach dem Eckball köpfte oder schoss. Neben der Erinnerung an meine Kopfschmerzen ist nur meine Fassungslosigkeit geblieben, dass dieser Ball vom Torwart noch geklärt werden konnte.

So komme ich zu dem etwas merkwürdigen Eindruck, dass der Sieg der Fortuna einerseits in Ordnung geht, andererseits aber das Unentschieden verdient gewesen wäre.

13 unvergessliche Anmerkungen zum Spiel des MSV gegen Heidenheim

  1. Ein Ausgleichstor in der 90. Minute nach einem Zwei-Tore-Rückstand fühlt sich für die ausgleichende Mannschaft und ihre Anhänger nach einem Siegtor an. Sechs Tore in einem Spiel machen den Besuch eines Stadions zu einem unterhaltsamen Freizeitangebot. Wie war der Endstand des Fußballspiels zwischen dem MSV Duisburg und dem 1. FC Heidenheim?
  2. Lasst uns doch endlich einen Moment mehr Zeit, um mit dem Ball unser Spiel aufzuziehen. Dieser Satz hing in der ersten Halbzeit immer klarer als eine große Gedankenblase auf Zebra-Seite über dem Rasen.
  3. Die Heidenheimer kauften den Zebras von der ersten Minute einen großen Teil ihres Schneids ab. Sie griffen früh an, standen hinten sehr sicher und schienen auf dem gesamten Spielfeld in der Nähe des Balls immer ein Mann mehr zu sein. Es war schnell deutlich, dieses Spiel wird nicht einfach für den MSV.
  4. Die Mannschaft des MSV stemmte sich mit aller Kraft gegen die drohende Überlegenheit der Heidenheimer. Für die engen Räume war das Kurzpassspiel des MSV meist nicht präzise genug.  Zudem gehörten lange, hohe Bälle fast immer den Heidenheimern dank ihrer Kopfballstärke.
  5. Ballverluste des MSV führten zu gefährlichen Offensivaktionen der Heidenheimer. Die Führung der Gäste zeichnete sich von Beginn an als mögliche Entwicklung des Spiels ab.
  6. Nach dem Rückstand kämpfte der MSV darum, im Spiel zu bleiben. Das misslang trotz des zwischenzeitlichen Ausgleichs. Ahmet Engin wurde nach schönen Pass im Strafraum gefoult. Kevin Wolze verwandelte den Elfmeter souverän.
  7. Die Hoffnung auf ein stabileres Spiel des MSV wurde enttäuscht. Heidenheim verhinderte weiter effektiv das Offensivspiel des MSV und brachte die im Mittelfeld eroberten Bälle schnell in die eigene Offensive. Ein zweites Tor fiel und ein drittes als Eigentor von Dustin Bomheuer. Eigentore sind besonders frustrierend, nehmen der eigenen Zuversicht noch mehr Kraft. Mit dieser Bürde ging der MSV in die Halbzeitpause.
  8. Nach dem Wiederanpfiff rangen beide Mannschaften wieder darum, das Spiel zu bestimmen. Es dauerte noch ein paar Minuten, ehe der Vorteil auf Seiten des MSV lag. Dort blieb er dann bis zum Schlusspfiff.
  9. Das Leben schreibt nicht immer die schönsten Geschichten. Sonst wäre der kitzelnde Wunsch Kevin Wolzes erhört worden. Treffe noch zum Ausgleich, raunte es verführerisch, nachdem Kevin Wolze ein zweites Mal erfolgreich gewesen war. Mit einem wunderbaren Volleyschuss traf er zum 2:3. Sein drittes Tor zum Ausgleich wollte aber nicht fallen, obwohl er es noch zweimal, dreimal (?) aus der Distanz per Brechstange versuchte. Die verführerische Stimme war in den Momenten etwas zu laut geworden. Er verkörperte aber den Willen, das Spiel zu drehen. Seine Willenskraft wirkte in die Mannschaft hinein, steckte das Publikum an, machte spürbar, in der zweiten Halbzeit ist noch alles drin.
  10. Die Kräfte der Heidenheimer schwanden. Unermüdlich rannte der MSV auf das Tor des Gegners zu. So kurz vor dem Abpfiff ging dem Ausgleich noch ein klar strukturierter Angriff voraus, bei dem Kingsley Onuegbu, am hinteren Pfosten stehend, wunderbar freigespielt wurde.
  11. In Duisburg kommen nur etwas mehr als 13.000 Zuschauer, wenn der MSV nach der Winterpause das erste Auswärtsspiel souverän gewinnt und als Aufsteiger auf dem 5. Tabellenplatz steht. Das ist enttäuschend. Aber es wäre zu kurz gedacht, wenn man dabei nur an den MSV und sein Publikum denkt. Diese Zuschauerzahl entspricht dem zwiespältigen Verhältnis, das viele Duisburger zu ihrer Stadt haben. Da Duisburger immer bereit sind, sich von der Wirklichkeit Duisburgs zu distanzieren, braucht diese Stadt besonders eindrückliche Beweise ihrer Erfolge.
  12. Ein Stehplatzsittengemälde: Selbst volltrunkene Vollidioten finden das Glück in der Liebe und schützenden Halt in der Ehe. Denn Ehefrauen von volltrunkenen Vollidioten trauen ihren Männern beim Griff zum vollen Bierbecher zu, dass sie wissen, was sie mit dem Becher tun werden. Mit hochrotem Kopf und keifender Stimme treten sie für ihren Ehemann ein, der sich nur noch undeutlich artikulieren kann. Sie wittern sogar Gefahr, wenn ich freundlich volltrunkene Vollidioten bitte, diesen Becher auszutrinken, statt ihn erneut in flacher Flugkurve auf die Menschen direkt vor ihm auszuschütten. Der Unmut der Zuschauer  entlang der flachen Schneise von etwa fünf Metern war groß gewesen. Ich hatte ihn schützen wollen vor weiterem Unbill. Er brauchte den Schutz nicht. Er hatte seine Frau. Welch hoffnungsfrohe Botschaft für den Wert einer Ehe gibt uns diese Begegnung mit einer fürsorglichen, an ihren Ehemann glaubenden Frau.
  13. Die Zuschauer, die nicht gekommen sind, fühlen sich übrigens durch das Unentschieden bestätigt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Denn siehe oben: Sie kommen nur, wenn der MSV für eine etwas längere Zeit besonders erfolgreich ist.

Mit Dynamik und Gefühl in das Winter Wonderland

Der MSV lehrt uns auch in dieser Saison etwas über das Leben. Neulich noch waren wir davon überfordert als Aufstiegsfavorit durch den Alltag zu gehen. Wir hatten keine passenden Gefühle. Wir wussten nicht, welche Erwartungen an ein Spiel die richtigen waren. Wir waren wie die Neureichen früherer Zeiten, die ihr Geld mal viel zu viel und mal viel zu wenig ausgaben. Wir waren mit den Erwartungen an die Mannschaft ganz oft ein wenig drüber. So wurden wir unzufrieden trotz Tabellenführung. Wir fanden keinen passenden Ausdruck für unsere Sorgen, dass die Mannschaft das unbedingt nötige Saisonziel verpassen könnte. Wir mussten erst lernen dem Favoritendasein zu vertrauen.

In dieser Saison zeichnet sich schon wieder etwas Neues ab. Ein paar Mal habe ich schon von meiner Entspanntheit im Stadion geschrieben. Immer wieder fällt mir auf, dass ein für mich in den letzten Jahrzehnten typisches MSV-Gefühl völlig fehlt. Es schwindet meine Sorge, in den letzten Minuten könne noch alles Erreichte gefährdet werden. Es schwindet meine Sorge das Saisonziel könne verfehlt werden. Über Jahre ging es in Duisburg immer dramatisch zu. Wenn wir ins Stadion gingen, schien sehr schnell immer alles auf dem Spiel zu stehen. Wir mussten unbedingt aufsteigen. Wir durften nicht absteigen. Und immer fielen Tore in den letzten Minuten.

Nun spielte der MSV gegen Dynamo Dresden und ich habe dieser Mannschaft vertraut, obwohl Moritz Stoppelkamp und Boris Tashchy fehlten. Ich wäre wegen dieser Ausfälle sogar mit einem Unentschieden zufrieden gewesen. Das ist ein Zeichen von Vertrauen in die Mannschaft. Denn ich bin mir des mittel- und langfristigen Erfolgs dieser Mannschaft sicher, so dass ich mögliche gegenwärtige Misserfolge einrechnen kann. Umso schöner ist der verdiente 2:0-Sieg gegen Dynamo Dresden. Das ist das neue MSV-Gefühl dieser Saison, die Bedrohung ist aus dem Spielverlauf geschwunden. Die Spannung im Spiel ist seit Jahren zum ersten Mal wieder eine durchweg angenehme Spannung.

Zwei Mannschaften mit ähnlicher Qualität haben sich gestern gegenüber gestanden. Zwei Mannschaften, deren Defensive gleich gut war, zwei Mannschaften, die im Offensivspiel sich ein wenig unterschieden. Dresden versuchte in Strafraumnähe etwas öfter das Kurzpassspiel, nachdem ein langer Ball das Mittelfeld überbrückt hatte oder die Mannschaft sich mühsam durch das Mitelfeld gespielt hatte. Der MSV suchte schneller den Abschluss und wollte mit weniger Pässen torgefährlich sein, nachdem der längere Ball gespielt worden war oder die Mannschaft sich mühsam durch das Mittelfeld gespielt hatte. Und dann gab es noch einen weiteren Unterschied. Für den MSV gab es das schnelle Flügelspiel auch ohne Flügelwechsel. Der Ball ging steil auf Ahmet Engin, und der nahm Tempo auf.

So war es klar, ein Tor würde nach einem Fehler fallen. Keine der beiden Mannschaften hatte die Möglichkeit, den Gegner auszuspielen. Der Fehler geschah auf Dresdner Seite kurz vor dem Halbzeitpfiff. Ein steiler Pass am linken Flügel auf Ahmet Engin rollte knapp an der Außenlinie entlang. Für einen winzigen Moment dachte der Dresdner Defensivspieler, der Ball geht ins Aus. Sein  Zögern war fast unmerklich. Es reichte aber zum entscheidenden Vorteil für Ahmet Engin im Sprint. Er zog am Defensivspieler vorbei Richtung Torauslinie, danach in die Mitte und passte zum hereinstürmenden Stanislav Iljutcenko. Das Führungstor fiel, angepfiffen wurde nicht mehr. Bis dahin hatte es schon zwei, drei gute Chancen für den MSV gegeben, während die Dresdner keine Torgefahr entwickeln konnten.

Nach dem Wiederanpfiff erwarteten wir ein ähnliches Auftreten der Dresdner wie von St. Pauli letzte Woche. Zum Glück, so dachten wir, gab es ja Gerrit Nauber, der erneut  souverän und ruhig die Defensive organisierte, dass es eine helle Freude war. Doch zunächst standen die Dresdner schwächer als in der ersten Halbzeit auf dem Platz. Der MSV drückte die Mannschaft sofort in die Defensive und versuchte, das zweite Tor zu erzielen. Diese Chance gab es, als Ahmet Engin erneut auf dem linken Flügel bei einem Konter davon zog. Besser lässt sich so ein Konter nicht spielen – bis auf den Abschluss des frei stehenden Fabian Schnellhardt, der den Ball mit der Sohle erwischte und nicht mit dem Spann. Der Ball kullerte dem Torwart in den Arm, und zum ersten Mal in dem Spiel blitzte für mich der Gedanke auf, hoffentlich rächt sich dieses Vergeben von Chancen nicht am Ende.

Tatsächlich wurden die Dresdner stärker. Dennoch war die Mannschaft nicht präzise genug im Abschluss. Einmal kam im Strafraum ein Dresdner zum freien Abschluss. Sein Schuss ging hoch am Tor vorbei. Dann kam der Auftritt des eingewechselten Lukas Daschner. Zunächst hatte er in der Rückwärtsbewegung etwas aufgeregt auf mich gewirkt, verständlich bei dem Spielstand und seiner geringen Erfahrung. Nun kam er an den Ball, trieb ihn kurz an der rechten Außenlinie entlang, um etwa auf Strafraumhöhe in die Mitte zu ziehen. Ein Abwehrspieler nach dem anderen versuchte ihn zu stellen, vergeblich, denn Daschner lief immer weiter an der Strafraumgrenze entlang auf die andere Seite. Wir warteten auf das Abspiel zum frei stehenden linken Flügel, doch dann kam das Foul.

Kevin Wolze trat zum Freistoß an, und wir wissen, dass er diesen Schuss aus der Entfernung über die Mauer kann. Die Dresdner bauten sehr optimistisch ihre Mauer in drei Meter Entfernung vom Freistoßpunkt auf. Der Schiedsrichter bat sie zurück. Kevin Wolze lief an und hob den Ball so weich und präzise über die Mauer knapp unter die Latte zum Endstand von 2:0 ins Tor. Ich zitterte nicht um den Sieg. Ich freute mich über diese souveräne Leistung des MSV. Auf diese Weise in die Winterpause zu gehen, macht Spaß, und ein wenig staunten wir nach dem Schlusspfiff noch über unser aller Entspanntheit und Vertrauen in diese Mannschaft. Für einen Moment waren wir mit diesem MSV auch ohne Schnee in einem Winterwunderland. Mit ein wenig Abstand ist das kein Wunder, sondern das Ergebnis von welcher Arbeit noch mal? Jetzt alle im Chor, weil es stimmt: von seriöser Arbeit. Winter Wonderland dürfen wir trotzdem fürs Gefühl mal singen.


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Bloglisten

Advertisements

%d Bloggern gefällt das: