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Niederrheinpokalsieger…EM…ES…VAU…weiß und blau…EM…ES…VAU

Die Mannschaft des MSV war gestern sehr viel motivierter als ich heute. Ein Text für das Ruhrort-ABC wartet, und der wird  sehr viel länger gelesen werden, als die Worte heute über den Sieg des MSV im Niederrheinpokal 2017. Das Ruhrort-ABC benötigt also meine Aufmerksamkeit sehr viel mehr als dieses Finale. Welch brisante Spiele waren das in den ersten beiden Drittligajahren vom MSV in diesem Wettbewerb. Viel war davon nicht mehr zu spüren. Das war schon im Spiel gegen RWO so.

Zum einen habe ich den Eindruck, die letzte Saison in der 2.Liga hat für viele von uns den Wert dieses Wettbewerbs gemindert. Wir sind in diese Saison mit dem Selbstbewusstsein eines Zweitligisten gegangen. Auch deshalb waren wir so oft unzufrieden mit der Leistung der Mannschaft in den Punktespielen. So war der Aufstieg das einzig wichtige Ziel und entsprechend gering war die Aufmerksamkeit für den Niederrheinpokal. Doch gerade im Niederrheinpokal war zu erkennen, das Selbstbewusstsein hat es zurecht gegeben. Am Sieg des MSV gegen RWE gab es keinen Zweifel.

Die Zebras spielten souverän. Jeder einzele Spieler schien sich seiner überlegenen Fähigkeiten sicher. Als einziger fiel Mael Corboz im defensiven Mittelfeld etwas aus der Reihe. Offensichtlich sollte er währnd der Saison im Niederrheinpokal Spielpraxis gewinnen. Er wirkte sehr vorsichtig und fast immer darauf bedacht, nur keinen Fehler zu machen. Er lief mit und muss für Einsätze in anderen Wettbewerben deutlich mehr Verantwortung übernehmen.

In der ersten Halbzeit hatte die Mannschaft das Spiel komplett im Griff. Ruhig, kontrolliert, aber stets mit Zug zum Tor wurden die Angriffe heruntergespielt. Die Führung durch Simon Brandstetter nach hervorragender Vorarbeit von Fabian Schnellhardt war verdient. Nach der Halbzeitpause dann die Pyroshow auf beiden Seiten. Fußball als Bühne für Selbstdarstellung und den Versuch, sich in dieser Gesellschaft wichtig zu fühlen. Ihr seht, ich versuche meinen Ärger etwas zu bändigen, indem ich Erklärungen anbiete. Nach der längeren Spielunterbrechung passierten den Essenern leichtere Stockfehler, die die Zebras zu gefährlichen Offensivaktionen nutzten. Die Folge: ein Freistoß nahe der Strafraumgrenze, den Kevin Wolze sehr gefühlvoll ins Toreck hob.

Die Freude von Ilia Gruev an der Seitenlinie zeigte so deutlich, wie sehr er nach dem Aufstieg in Köln auf diesen perfekten Saisonabschluss hingearbeitet hat, wie sehr er ihm am Herzen lag. Danach gelang es RWE ab der 60. Minute etwa etwas Druck zu entwickeln. Zum ersten Mal kam ein wenig Pokalkampf auf. Mit etwas Glück wäre vielleicht ein Anschlusstreffer gefallen. Ein Abseitstor fiel ja sogar, aber der MSV wirkte weiter sehr souverän angesichts der beschränkten Offensivmöglichkeiten der Essener in Strafraumnähe.

Nach dem Schlusspfiff leerte sich das Stadion schnell. Dieser Niederrheinpokal war also auch für die Essener als Wettbewerb nicht wirklich wichtig gewesen. Es gab nichts auszukosten. Auch die Spieler von RWE erhielten schließlich eine Medaille bei der Siegerehrung. Diese Siegerehrung war unscheinbarer als vor drei Jahren in Duisburg. Sie entsprach der Bedeutung dieses Wettbewerbs, der ja durch den Titel „Tag der Amateure“ und der Dauerpräsenz durch die TV-Übertragung sämtlicher Länderpokalspiele aufgewertet werden soll. Dabei offenbart sich einfach nur der Widerspruch, den professionellen Unterhaltungsbetrieb Fußball mit dem Breitensport des Amateurbereichs auszusöhnen.

Wenn ich darüber wirklich nachdenke, werde ich genauso ärgerlich wie über die Pyro-Selbstdarsteller auf beiden Seiten. Zu Ärger nach einem Finalsieg des MSV habe ich aber keine Lust. Also, Niederrheinpokalsieger EM-ES-VAU, und damit Schluss für heute, höchstens noch ein paar Fotos anschauen und Bewegtbilder.

 

Die Mannschaft wartete auf die Siegerehrung und vertrieb sich die Zeit beim gemeinsamen Feiern mit den Fans.

Ohne Aufstiegszwang gewinnt sich’s leichter

Der MSV Duisburg wollte Meister der 3. Liga werden. Damit das auf jeden Fall gelingt, musste das Spiel gegen den FSV Zwickau gewonnen werden. Anscheinend war mit dem Druck während nur eines Spiels leichter umzugehen als mit dem grundsätzlichen Druck aufsteigen zu müssen. Beim 5:1-Sieg gegen den FSV Zwickau zeigte die Mannschaft eine glänzende Leistung. Mit diesem Sieg schloss sich der Kreis dieser Saison. Denn solch souveräne Spiele hatten wir zu Beginn der Spielzeit ebenfalls schon gesehen.

Das Selbstbewusstsein der Mannschaft war für jeden erkennbar. Es drückte sich im unbedingten Offensivspiel aus. Der FSV Zwickau war allerdings auch bereit, das Spiel mit zu gestalten. Diese Zwickauer agierten nicht defensiv, sondern suchten ebenfalls ihre Chance im Angriff. So wurde diese Begegnung auch deshalb ein attraktives Fußballspiel, weil die Zwickauer etwas riskierten. Vielleicht müssen wir uns für den Rückblick auf die Saison dieses Spiel vergegenwärtigen und das Zwickauer Offensivspiel. Vielleicht werden wir dann milder mit der Vorsicht dieses MSV während der Saison, eine Vorsicht, die so schnell den Eindruck einer behäbigen Spielweise hinterließ.

Vor dem Spiel herrschte allerorten eine entspannte Stimmung. Früher als bei den anderen Ligaspielen strömten wir alle zum Stadion. Am Bahnhof die Begegnung mit den schon am Freitag angereisten Zwickauern. Der Gästeblock war voll für die weite Anreise. Was die Bedeutung des Vereins in Zwickau zeigt. Eine Bedeutung, die auch wir in Duisburg für den MSV kennen und die uns um diesen Verein während der Saison hat Zittern lassen. Nun waren wir entspannt, weil das Überleben des Vereins in der Größe, die wir uns ersehnen, nur durch den Aufstieg mögich gewesen war. Das einzig wirklich wichtige Ziel dieser Saison war erreicht. Jetzt ging es darum, die gute Laune zu bestärken.

Die Mannschaft tat uns den Gefallen. Die Spieler wollten Meister werden. Der Rückstand in der 16. Minute irritierte nur bis zum Wiederanstoß. Sofort nahm der MSV das Heft wieder in die Hand und suchte seine Chance auf den Ausgleich. Die Räume für Kombinationsspiel waren da. Schnelles Spiel über die Flügel gelang, und so ein schnelles Flügelspiel führte nur drei Minuten später zu einem scharfen Pass in den Strafraum, wo Andreas Wiegel trotz enger Deckung direkt abschloss. So selbstbewusst kann er also auch spielen. Sein zweites Tor zur Führung kurz vor der Pause schien folgerichtig. Ein weiter Pass in die Spitze, den er sich erläuft, um den Torwart zu umkurven und einzuschieben.

Die Stimmung wurde noch entspannter. Munter ging es nach der Halbzeitpause hin und her. Schöne Aktionen einzelner Spieler waren zu sehen. Wenn Dustin Bomheuer auf Höhe des eigenen Strafraums den Ball nicht wegschlägt, sondern nach Dreieckspiel noch einen Haken schlägt, um den angreifenden Stürmer aussteigen zu lassen, wissen wir, wie sicher sich diese Spieler  alle waren. Von Fabian Schnellhardt erwarten wir solch Selbstbewusstsein und bewundern seine minimalen Bewegungen  bei der Ballannahme, mit denen er seine Gegenspieler ins Leere laufen lässt.

Enis Hajris Kopfballtor zum 3:1 war ein Sinnbild für seine letzten Spiele. Sein Wille war in diesen letzten Wochen vor dem Aufstieg zu einem Tragpfeiler der Mannschaftsleistung geworden. Die Wucht dieses Kopfballs hatten wir zuvor schon gesehen gegen Frankfurt, gegen Lotte – mit unterschiedlichem Erfolg. Nun machte er den Sieg sicherer. Und nur eine Minute später erhöhte Kingsley Onuegbu lehrbuchmäßig ebenfalls per Kopf nach einer Janjic-Flanke. Solche Spielaktionen sahen nun alle leicht aus. Diese Spieler auf dem Feld waren im Kopf frei geworden. Was wir sahen war nun die reine Freude am Spiel. Wir auf den Rängen feierten und freuten uns noch über das Tor vom eingewechselten Kevin Wolze kurz vor Schluss.

In dieser entspannten Freude wurde schließlich der Drittligameister MSV Duisburg gefeiert. Die Saison war für uns alle emotional anstrengend gewesen. So oft hatte uns das Spiel dieser Zebras enttäuscht. Für die Spieler war es aus anderen Gründen emotional anstrengend. Es gab kaum Spielraum für Fehler. Am letzten Spieltag haben wir alle gemeinsam unser Leben mit dem Fußball des MSV wieder zurecht gerückt. Dieser 5:1-Sieg war in gewisser Weise ein Vergessen der Überlebensnotwendigkeiten, ein Vergessen von all dem, was diese Saison so schwer hat werden lassen. Dieser Sieg war ein Seelenbalsam für uns alle. Auf diese Weise können wir der 2. Liga entgegensehen. Wir wissen alle, wie schwer es wird, die Klasse zu halten. In guter Stimmung aber ist die Zuversicht einfach viell größer.

Kleine Anekdote am Rande: Im Moment des Abschieds vom MSV-Ausstatter bekomme ich zufällig mit, eines von vielen Uhlsport-Werbegesichtern gewesen zu sein. Kees Jaratz auf dem Werbefoto eines Sportartikelherstellers ist nun auch Geschichte. Ich überlege noch, warum das ein gutes Vorzeichen für die kommende Saison ist.

 

Alle auf den Zaun, alle auf den Zaun…

Drittligameister MSV Duisburg, so leicht die Stimmung im Stadion, so leicht das Spiel der Mannschaft. Ohne Druck gelingt ein glänzender 5:1 Sieg gegen Zwickau. Mehr Worte gibt es morgen. Heute wird auch hier noch einmal nur gefeiert.

Der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da.

Und natürlich ist es so schon immer gewesen…

 

Schritt für Schritt schwingt meine Ungeduld mehr mit

Nicht dass ich mich wichtiger als den Fußball des MSV nehmen möchte, aber mir fällt es nach Livestream-Schnipseln und zunehmender Ungeduld immer schwerer, anderes als Ergebnisse zu sehen. Mir gelingt es nicht, diese zufällige Livestream-Aneinanderreihung von einzelnen Spielszenen zu einem Ganzen zusammenzufassen. Es bleiben einzelne Eindrücke und das Ergebnis. Viel darüber schreiben will ich nicht. Dazu denke ich schon zu sehr an den nächsten Spieltag und an das Auswärtsspiel bei Fortuna Köln, wo der MSV doch voraussichtlich den Sack zumachen wird. Wenn es wie bisher weiterläuft. Die Sorge, den Mund zu voll zu nehmen, bekomme ich kostenlos dazu.

Nach dem Spiel gegen den Halleschen FC kam mir über das 1:1-Unentschieden nicht ein einziger Gedanke zur spielerischen Leistung. Vielmehr war ich damit beschäftigt, die notwendige Zufriedenheit über das Ergebnis herzustellen. Sofort nach dem Schlusspfiff war ich nicht zufrieden, obwohl ich die Ergebnisse der anderen Spielen kannte. Sofort nach dem Schlusspfiff bestimmte mich die Ungeduld mit dem MSV. Ich wollte endlich noch deutlicher wissen, dass das Saisonziel ungefährdet bleibt. Doch nur Schritt für Schritt geht es dem Aufstieg entgegen, und manchmal sind es eben kleine Schritte. Das reicht vollkommen, denn auch den Konkurrenten gelingen keine großen Schritte. Kleine Schritte und Ruhe bewahren. Sehr rational ist das, manchmal aber nötig.

Die Führung vom MSV erzielte Zlatko Janjic mit einem Kopfballtor, das in der Zweiten Liga kaum jemals fallen wird, so lange war der Ball als weiter Pass in der Luft unterwegs, so frei stand Janjic im Strafraum. Den Ausgleich habe ich ignoriert. Auswirkungen hatte das keine. Fußballmafia DFB, sage ich da nur. Die da interessieren sich für meine Interessen als Fan doch gar nicht. Die rote Karte für Kevin Wolze war eine harte Entscheidung, wenn man die Spielszene für sich alleine nimmt. Aber vielleicht gab es eine Vorgeschichte dazu. Aber wie gesagt, ich kenne keine Entwicklung in diesem Spiel. Ich kenne nur einzelne Momente.

Das Unentschieden war also ein kleiner Schritt hin zum Aufstieg, der mich lehrte, dass bei der Polonäse Blankenese „mit ganz großen Schritten“ losgezogen wird. Denn kurioserweise fiel mir diese Polonäse als Mottolied für dieses Unentschieden ein. Aus falschen Gründen. Bei Polonäsen denke ich immer an diese Tippelschritte, an den Stau der Polonäsen-Schlange, der unweigerlich entsteht. Ich denke doch nicht an den Start einer Polonäse. Dann habe ich mir das Stück bei youtube rausgeholt, und siehe da, die kleinen Schritte waren große Schritte. Wenn ich das nicht als unbewussten Ausdruck meiner Ungeduld sehe sondern als Vorzeichen, sollte also nichts mehr schief gehen in dieser Saison. In dem Sinne, Herr Wendehals, bitte schön.

 

 

Erst nicht mehr alles kontrollieren, führt zum Führen

Ein Mann, eine Mannschaft, ein Sieg. Der Mann: Stanislav Iljutcenko, die Mannschaft: der MSV Duisburg, der Sieg: ein 2:1 der Zebras gegen die SG Sonnenhof Großaspach nach einem 0:1-Rückstand. Wenn ich dieses Heimspiel des MSV mit einem Schlaglicht beleuchte, steht in diesem Licht Stanislav Iljutcenko, und die Mannschaft bildet einen Backgroundchor. Nicht seine zwei Tore rücken ihn in den Scheinwerfer. Mit seiner Spielweise in der zweiten Halbzeit lässt sich der Sieg versinnbildlichen. Zu erkennen ist dann ein unbändiger Wille dieses Spiel zu gewinnen und dafür Risiken einzugehen. Sein immenser Einsatz kommt hinzu. Vor allem aber gibt es die in jeder Spielsituation vorhandene Orientierung Richtung gegnerisches Tor.

Ob er sich im Zentrum in den Rückraum fallen ließ oder in die Halbräume auf Strafraumhöhe ging, er nahm sich keine Zeit zu überlegen, die Anschlussaktion folgte sofort und brachte Dynamik ins Spiel. Auch beim Rest der Mannschaft war klar erkennbar, die Spieler suchten nicht mehr nur den sicheren Pass. Stanislav Iljutcenko allerdings unterstützte durch seinen besonderen Kampf und seine Laufbereitschaft die entstehende Atmosphäre, die auf die Ränge überging. Dabei behielt er die Übersicht. Er bereitete Chancen vor, war Passgeber und eben im Sturmzentrum ein Strafraumstürmer, der zwei Tore erzielte.

Das alles geschah in der zweiten Halbzeit, nachdem wir 45 Minuten wieder ein sehr kontrolliertes Spiel des MSV gesehen hatten. Dieses kontrollierte Spiel führte allerdings und ebenfalls wieder zu keinen klaren Chancen. Ein Distanzschuss ging knapp am Tor vorbei. Für einen weiteren, gefärhlich wirkenden Schuss war der Torwart zuständig. Die Mannschaft des MSV machte, und ebenfalls wieder, nicht den Eindruck, sie könne auf diese Weise wahrscheinlich ein Tor erzielen. Sie spielte so, wie wir es kennen. Sie brachte den Gegner nicht wirklich in Verlegenheit, weil ihr aus der Kontrolle heraus, keine Tempovariation möglich ist. Zu diesem kontrollierten Spiel muss etwas hinzu kommen, damit ein Tor fällt.

Hinzu kamen ein Gegentor kurz nach der Halbzeitpause und für einen Moment lähmendes Entsetzen auf den Rängen. Das Tor fiel nach einer Kette von Fehlern, die so eklatant waren, dass ich an das Tor erst gar nicht habe glauben können. Ich musste mich bei meinen Freunden versichern, dass tatsächlich Mark Flekken aus einer wenig gefährlich aussehenden Schussposition den Ball hat passieren lassen. Den Fehler von Kevin Wolze hatte ich natürlich ebenso bewusst wahrgenommen wie den unnötigen Befreiungsschlag davor, der Wolze erst in die Verlegenheit brachte, einen Fehler zu begehen.

Das lähmende Entsetzen war der Angst vor dem Verspielen des Aufstiegsplatzes geschuldet. Für einen Moment schienen sogar die Spieler entsetzt gewesen zu sein. Doch schnell wandelte sich die Stimmung. Zunächst aber war es nicht entschieden, wohin sich die Stimmung im Stadion wandeln würde. Murren war aufgekommen. Ratlosigkeit schien auf dem Spielfeld vor dem Wiederanstoß vorhanden gewesen zu sein. Ratlosigkeit auch bei uns. Wie sollte diese Mannschaft ein Tor erzielen, den Rückstand aufholen? Diese Ratlosigkeit hing für Momente in der Stadionluft, als mit einem aufbäumenden Support sich der Stimmungsblock bemerkbar machte. Das Murren verschwand, geschweige denn dass Pfiffe zu hören gewesen wären.

Endgültig entschieden war die Stadionstimmung wenige Minuten später, als auch die Spieler ihre Ratlosigkeit abgestriffen hatten und schon die ersten Angriffszüge mit klarer Zielrichtung Strafraum Großaspach gespielt wurden. Von da an wurde der Kampf der Mannschaft auch auf den Rängen geschlossen unterstützt. Alle wussten, was auf dem Spiel stand. Das war nicht der verpasste Sieg in diesem einen Spiel. Das Scheitern am Saisonziel Aufstieg hatte ins Stadion hineingeschaut. Es schaute sich gerade etwas um, als Stanislav Iljutcenko und Zebras  es hochkantig wieder rausschmissen.

Ein neues Wort im Favoritenleben – Sich absetzen

Zugegeben, es geht um nur einen Punkt mehr, als an einem Spieltag aufzuholen ist. Doch in dieser Saison müssen wir uns auf den Rängen und die Mannschaft sich mit so ungewohnten Selbstbildern beschäftigen, dass man besser früh beginnt, damit klar zu kommen. Nach dem 1:0-Heimsieg gegen den Chemnitzer FC führt der MSV die Drittliga-Tabelle mit vier Punkten Vorsprung an. Als ich mir diese Tabelle, sicher länger als unbedingt nötig, ansah, ging mir unweigerlich die Fußballfloskel „sich absetzen“ duch den Kopf. Ganz vorsichtig dachte ich daran. Selbstverständlich. Wer traut in Duisburg als langjähriger Stadiongänger schon ohne weiteres den veränderten Verhältnissen. Aber wer unsere Vergangenheit mit diesem Verein mal für einige Zeit vergisst, wird feststellen, der MSV wird seiner Favoritenrolle in der Liga im Moment gerecht.

Die Niederlage gegen Wiesbaden wie das einzig wirklich schwache Spiel gegen Kiel sind Ausnahmen geblieben. Das schlechte Spiel wurde nicht einmal verloren. Zwei Siege schlossen sich an, während die anderen Mannschaften der oberen Tabellenregion an diesem Spieltag ohne Punkte blieben. So fühlt es sich an, wenn eine Mannschaft in der Saison sich als Spitzenmannschaft etabliert. Doch es sind ja nicht nur die Ergebnisse. Der MSV spielte gegen Chemnitz wieder mit der Dominanz, die über das einzelne Spiel hinauswirkt. Solch ein Auftreten beeindruckt und lässt die Trainer der anderen Mannschaften vorsichtig werden. Solch ein Auftreten führt aber auch bei der Mannschaft selbst zu immer mehr Selbstvertrauen.

Wenn ich an die erste Einwechslung von Simon Brandstetter in dieser Saison denke, sehe ich noch immer, wie er voller Übereifer zweimal hintereinander schneller war als der Ball an seinen Füßen. Das sah nicht gut aus. In zwei Spielen nacheinander erzielte er nun jeweils den Siegtreffer, indem er im Strafraum seine Gegenspieler aussteigen ließ. Im Spiel gegen Chemnitz stand dieser Verteidiger zwar etwas zu weit von ihm weg, doch das mindert nicht Simon Brandstetters Leistung in diesem Moment. Er hat nun die Ruhe, seine technischen Fähigkeiten auszuspielen. Sein Selbstbewusstsein ist da. Es wird getragen durch das Selbstbewusstsein der gesamten Mannschaft.

Kamen die Chemnitzer zwei- oder dreimal in den Strafraum des MSV Duisburg? Defensiv spielt der MSV sehr stark. In fast jedem Spiel bislang werden die Offensivbemühungen des Gegners schon weit vor dem Strafraum erstickt. Je näher der Gegner dem Strafraum kommt, desto weniger Möglichkeiten des Zusammenspiels bleiben ihm. Dann kommt es zu hilflosen Einzelaktionen, die in unpräzisen Flanken oder schwachen Schüssen enden, mit denen Mark Flekken keine Schwierigkeiten hat. Weite Bälle hingegen nehmen Branimir Bajic und Dustin Bomheuer problemlos auf.

Es wäre nur schön, wenn so einer 1:0-Führung öfter mal ein zweites Tor folgte. Die Chancenverwertung kann ich für dieses Spiel dennoch in der Schublade lassen, denn klare Chancen innerhalb des Strafraums, die vergeben wurden, hat es keine mehr gegeben. Tim Albutat kam nach schnellem Einwurf zum Schuss aus etwa  zwanzig Metern, der knapp über das Tor ging. Fabian Schnellhardt hatte bei Freistoß und Weitschuss zu wenig Glück für dieses Tor. Außennetz und Latte waren das Ergebnis. Im Strafraum, links neben dem Tor traf Zlatko Janjic eine scharfe Hereingabe nur ungenau, als er aus dem Rückraum heranrauschte. Zu schwierig war sie zu nehmen. So sorgte ich mich noch ein wenig in den letzten Minuten vor dem ominösen Glückstor der Chemnitzer. Aber auch das hielt sich in Grenzen. Die Gäste schienen nicht einmal mehr an diese Möglichkeit zu glauben. Viel Druck hat es auch bei diesem letzten Aufbäumen nicht mehr gegeben. Wenn ich recht überlege, kann ich das nicht einmal Aufbäumen nennen. Aber sich absetzen, das stimmt, der MSV Duisburg beginnt sich von den Verfolgern in der Tabelle abzusetzen. Favoritenleben, immer wieder neu.

Stillstand wäre so schlecht in Wiesbaden nicht gewesen

Daraus lässt sich etwas lernen. Das ging mir nicht nach der 3:0-Auswärtsniederlage des MSV Duisburg gegen den SV Wehen Wiesbaden durch den Kopf. Das dachte ich schon Freitagmorgen, als ich Ilia Gruev im Vorbericht zu diesem Spiel hörte. Er wollte die Stimmung in der Mannschaft beschreiben. Dazu berichtete er, dass Nico Klotz eines der zentralen Motivationsrezepte unserer Leistungsgesellschaft ins Mannschaftsgespräch gebracht hatte. Keine Bühnenshow der Gurus der Motivationsbranche ohne diese Worte, kein Lebenshilferatgeber á la Lebe deinen Traum verzichtet auf diesen scheinlogischen Zusammenhang, für den Nico Klotz einen Dreisprung des Syllogismus noch zuspitzte: Zufriedenheit ist Stillstand. Stillstand ist Rückschritt. Zufriedenheit ist dann was? Auf jeden Fall schlecht. Denn folgen wir der Logik, heißt Zufriedenheit Rückschritt. Wo der Denkfehler steckt, schauen wir uns später an.

2016_svww_msv_4In Wiesbaden hätte ich nämlich gerne nach dem Schlusspfiff etwas weniger Rückschritt und etwas mehr Zufriedenheit gesehen. Ein Punkt wäre dann im Gepäck gewesen. Jemand, der nur die erste halbe Stunde vom Spiel mitbekommen hat, wird bei dem Ergebnis von 0:3 den Kopf schütteln. Wie konnte das geschehen, nachdem der MSV Duisburg in gewohnt souveräner Weise das Spiel begonnen hatte? Die Mannschaft hatte mehr Spielanteile, kombinierte sicher und konnte die wenigen Nadelstich-Versuche der Wiesbadener jeweils unschädlich machen. Die Wiesbadener versuchten mit Härte und viel Einsatz, den Zebras den Schneid abzukaufen. Lange Bälle waren vergebliche Versuche, sich in der Offensive zu behaupten. Da die Wiesbadener so zurückgezogen und sehr konzentriert in der Defensive arbeiteten, blieb dem MSV nicht viel Raum, um in den Strafraum zu gelangen. Und schon ziehe ich die Schublade Chancenverwertung hervor. Dieses Wort wird uns weiter begleiten, ob nun viele Chancen zu wenig Toren führen, oder wenig Chancen zu keinem Tor.

Wenn eine gut aufgestellte Defensive wenig Chancen zulässt, muss ein frei gespielter Tugrut Erat aus halbrechter Position im Strafraum den gegnerischen Torwart zumindest zu einer Glanzleistung zwingen, damit er und wir zufrieden sein können. Zugegeben, er hatte nur wenig Zeit zu diesem völlig freien Schuss, um den Ball in eine der Ecken zu zirkeln. Für ihn nicht genügend, er schoss zwar kräftig, aber zentral auf das Tor, wo normalerweise ein Mann steht, der solche Schüsse dann problemlos aufnehmen kann.

2016_svww_msv_1Da der Raum um den Strafraum herum von den Wiesbadenern erfolgreich abgedeckt war, wurde das bevorzugte Mittel der Zebra-Offensive in diesem Spiel die Flanke. Doch auch diese Flanken wurden gut verteidigt. Der MSV brauchte also Geduld und durfte keine Fehler machen. Kevin Wolze aber verschätzte sich bei einer Flanke in den Strafraum. Sein Gegenspieler hinter ihm stoppte den Ball. Seine Chance aufs Tor war groß. Wolze stocherte nach und traf den Stürmer statt den Ball. Aus dem fälligen Elfmeter wurde das Tor zur Wiesbadener Führung.

Zum ersten Mal in dieser Saison spielte die Mannschaft nach einem Gegentreffer nicht ungerührt weiter. Das Tor führte zu Verunsicherung und zum Bruch im Spiel des MSV. Beide Mannschaften waren nun gleichwertig. Beide Mannschaften hatten noch jeweils eine Chance auf ein Tor, beide Male eine gute Gelegenheit für die beiden Torhüter, sich auszuzeichnen.

Nach der Halbzeitpause schien diese Viertelstunde vergessen zu sein. Der MSV trat wieder sicher auf und versuchte sich am Ausgleich. Geduld war wieder gefragt und das Vermeiden von Fehlern. Vor einem Eckstoß von Wehen Wiesbaden aber bahnte sich schon bei der Aufstellung der MSV-Defensive dieser Fehler an. Ein Wiesbadener Spieler im Rückraum wurde vollkommen frei gelassen. Ein zweiter Ball war dessen sichere Beute. Was zu befürchten war, geschah. Der Eckball konnte nur kurz geklärt werden. Sofort erfolgte der nächste Angriff mit einem weiteren Fehler. Die Flanke wurde zu kurz abgewehrt und erneut war der zweite Ball einer der Wiesbadener. Es  folgte Zug zum Tor, Abspiel und die 2:0-Führung.

Noch blieben 27 Minuten für Tore des MSV. Doch dazu wären klare Gelegenheiten nötig gewesen. Flanken führten nicht zum Ziel, und hatte sich die Mannschaft einmal in Strafraumnähe durchgespielt, stand dieser Strafraum voller Beine, so dass nur bei großem Glück ein Schuss die Richtung zum Tor hätte nehmen können. Das war nicht der Fall. Es war absehbar, an diesem Tag waren die Anstrengugen des MSV fruchtlos. Im Gegenteil, bei der entblößten Defensive konnten die Wiesbadener kurz vor dem Schlusspfiff einen Konter mit dem dritten Tor abschließen. Selbst auf den Ehrentreffer hoffte ich nicht mehr.

Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel dankte Ilia Gruev für die besondere Unterstützung der Fans. Tatsächlich war der Support in diesem Spiel sehr eindrucksvoll. Die Mannschaft hat sich einen Kredit erspielt. Das wurde deutlich. Die Stimmhoheit in der Wiesbadener Arena war auf Seiten des MSV. Wenn am Dienstag den Worten der Spieler zum Spiel gegen Kiel Taten folgen, wird diese Unterstützung weiter vorhanden sein. Auch unter den Anhängern des MSV  hat sich etwas Besonderes entwickelt, Stichwort: „Du bist es schon immer gewesen.“ Sollte die Stimmung einmal mit entscheiden in dieser Saison, bin ich sicher, wir auf den Rängen sind bereit.

Und die Klotzsche Logik? Die erinnert daran, dass nicht alles, was sich logisch anhört, auch wahr ist. Ob Zufriedenheit nicht auch etwas anderes als Stillstand bedeuten kann, ist nicht ausgemacht; ganz zu schweigen davon, ob Stillstand nicht tatsächlich nichts anderes bedeutet als auf der Stelle zu bleiben. Was ja auch mal nötig ist, um in Ruhe zu schauen, was gerade geschieht. Vielleicht kommt die Bewegung rückwärts ganz woanders her. Also, aufgepasst bei Wirklichkeitsbeschreibungen, die sich logisch geben, wenn es um Einstellungen und Gefühle geht. Das gilt nicht nur für den Fußball.


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