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Auch mal nur die Pflicht erfüllen

20170217_182041_burst01_resized_mIn Frühlingslaune hatte ich Mitte der Woche die Bahnkarte nach Mainz gebucht. Die Sonne schien, und draußen wärmte es sich auf 15 Grad auf. Am Freitag war es dann so frühlingshaft doch nicht mehr, weder den Tag über beim Spaziergang durch Mainz noch am Abend beim Spiel des MSV gegen die U23 von Mainz 05. Es ist eben Februar. Allerdings regnete es nicht an dem Tag trotz grauem Himmel. So war es nicht zu kalt. 20170217_174126_burst01_resized_mFür diesen Monat blieb immer noch gutes Ausflugswetter, auch wenn es einen nicht unbedingt in Hochstimmung versetzte. Insofern passte das Wetter perfekt zum Spiel des Abends. Schließlich sahen wir einen 2:0-Sieg beim Tabellenletzten; einen Sieg, dessen Grundlage in der ersten Halbzeit gelegt wurde; einen Sieg, der in der zweiten Halbzeit mehr recht als schlecht über die Zeit gebracht wurde.

Zufrieden fuhr ich nach Hause und wusste dabei eines, die Stimmung wird noch besser werden, wenn das Verfolgerduell zwischen Magdeburg und Osnabrück am nächsten Tag abgepfiffen ist. Jedes Ergebnis in diesem Spiel würde ein gutes Ergebnis für den MSV sein.

20170217_183613_burst01_resized_mWenn auf die 18.000 Plätze eines Stadions sich nur etwas mehr als 1.800 Zuschauer verteilen, kommt einem der Anblick aus dem Gästeblock heraus ins Stadionrechteck ziemlich trostlos vor. Gut, dass sich mindestens die Hälfte dieser Zuschauer um mich herum befand und lautstarke Heimspielatmosphäre die Normalität eines Fußballspiels in der 3. Liga wieder in Erinnerung brachte. Zu dieser Normalität gehören Trainerwarnungen wie die von Ilia Gruev vor dem trügerischen Bild einer Tabelle, damit eine Mannschaft auf dem letzten Platz dieser Tabelle nicht unterschätzt werden sollte.

Die ersten Minuten des Spiels zeigten, wie notwendig solche Warnungen sind. Die U23 von Mainz 05 spielte mutig nach vorne, wirkte aggressiv und entschlossen zum Abschluss. Ein Distanzschuss an die Latte war das Ergebnis, weil das Defensivverhalten des MSV in diesen ersten Minuten zu nachlässig war. Das änderte sich nach diesem Lattenschuss und die Zebras übernahmen die Spielkontrolle. Die Mainzer wurden in ihre Hälfte gedrängt. Angriff um Angriff wurde ruhig und kontrolliert vorgetragen. Der Druck auf die Mainzer Defensive war hoch. Die Mainzer machten immer häufiger Fehler.

Der Führungstreffer durch Dustin Bomheuer fiel nach einem Freistoß von rechts nahe der Strafraumgrenze. Andreas Wiegel schlug den Ball präzise in den Lauf von Dustin Bomheuer, der frei und wuchtig einköpfte. Lehrbuchmäßig. Besser geht es nicht. Nur drei Minuten später fiel das 2:0 durch ein sehr schönes Tor von Kingsley Onuegbu. Der Pass kam in seinen Lauf halbhoch in den Strafraum hinein. Wunderbar nahm er den Ball an, um ihn am Gegenspieler vorbeizulupfen. Dabei kam er vom direkten Weg aufs Tor ab, rechts Richtung Strafraumrand, was ihn nicht daran hinderte, den halbhohen Ball in feiner Drehung aufs Tor zu bringen. Auch dieses Tor war ein Lehrbuchbeitrag in Sachen Ballannahme und Schusstechnik. Trotz sicherer Führung gaben sich die Zebras nicht zufrieden. Sie wollten ein drittes Tor. Doch zwingende Chancen blieben bis zur Halbzeitpause aus.

Nach der Halbzeitpause blieben dann 45 Minuten, um sich an die Warnung von Ilia Gruev zu erinnern und gleichzeitig zu erkennen, warum die Mainzer am Tabellenende stehen. Von Spielkontrolle durch die Zebras konnte nun keine Rede mehr sein. Die Mainzer spielten offensiver und brachten nun ihrerseits immer wieder Angriffe bis in den Strafraum vom MSV oder dessen Nähe. Dennoch blieb die Mannschaft für diese Vielzahl von Angriffen zu harmlos. Pässe waren nicht präzise und Schüsse auf das Tor von Marcel Lenz waren mit einer Ausnahme leicht zu klären. Marcel Lenz spielte, weil Marc Flekken sich beim Training verletzt hatte.

20170217_205248_resized_mSo abgeklärt das nachträgliche Fazit auch wirken mag, leicht anzusehen war diese zweite Halbzeit bis etwa zur 80.Minute nicht. Es gab ja keine Garantie für erfolglose Mainzer Angriffe. Weil auch nicht erkennbar wurde, dass die Zebras die Spielkontrolle zurückgewinnen konnten, war diese zweite Halbzeit eine lästige Pflichtaufgabe mit zwischenzeitlichem Ärger, mancher Sorge und immer wieder bestätigter Erleichterung über eine Mainzer Mannschaft, die nur beim ersten Blick gefährlich wirkte. In den letzten zehn Minuten kehrte aber Ruhe ein. Die Mainzer resignierten ein wenig, die Zebras wirkten wieder sicher. Meine Zufriedenheit machte sich wieder bemerkbar.

Als nun am Wochenende die Ergebnisse der Mannschaften auf Platz 2 bis 4 den Spieltag komplettierten, wurde meine Laune, wie erwartet, noch besser. Dieses Tabellenbild mit neun Punkten Vorsprung des MSV auf Platz 3 stimmt doch sehr zuversichtlich. Wie passend, dass am nächsten Spieltag nun der FC Magdeburg zum Heimspiel kommt. Den MSV in seinem Lauf hält nicht der Letzte noch der Zweite der Tabelle auf. Ich suche schon mal vorsichtig nach passenden Schlagzeilen für das kommende Wochenende.

20170217_142023_resized_mFür die Zeit, bis ich wirklich an Schlagzeile und Spielbericht arbeiten kann, beschäftige ich mich vielleicht mit einem Bildungsangebot, auf das ich in Mainz bei meinem Spaziergang gestoßen bin. In diesem traditionsreichen Mainzer Lehrinstitut wird seit Jahren gute Arbeit in einer Nische unseres Bildungskanons geleistet. Wer dort Kurse buchen möchte, wende sich vertrauensvoll an mich. Ich leite die Anfrage dann weiter.

Vorher emotional – Nachher rational – Teil 2: Ein Spiel hat glücklicherweise zwei Halbzeiten

Gerade eben hallte der Name Tönnies noch durch das Stadion, und die Kraft des Rufens aller auf den Rängen hatte das Leben wieder gegenwärtig gemacht. Dieses Leben forderte in den nächsten Momenten Leistung und Anstrengung. Dieses Leben war das Spiel des MSV gegen den VfL Osnabrück, auf dessen Anpfiff wir nun alle warteten. Die MSV-Hymne erklang, und schließlich kamen die Mannschaften auf das Spielfeld. Doch noch einmal wurde der normale Ablauf eines Spieltags mit einer Schweigeminute für Michael Tönnies unterbrochen. Die schon überwunden geglaubte Ergriffenheit kroch noch einmal heran. Dann begann das Spiel, und ehe ich mich versah, führte der VfL Osnabrück. Ich war auf keinen Fall schon richtig im Spiel angekommen. Ich hatte weder die Großchance des MSV kurz zuvor mit der entsprechenden Aufregung gesehen, noch ärgerte ich mich über den Rückstand.

Wie schon gestern in dem Text über die Trauerfeier für Michael Tönnies geschrieben, ich fühlte mich krank, gehörte womöglich eigentlich eher ins Bett und nahm alles nur gedämpft wahr. Aber wenn ich den Verlauf des Spiels sehe, klingt für mich noch etwas anderes plausibel. Vielleicht beschäftigten mich wie eben die Spieler des MSV die Momente vor dem Spiel noch, sodass es uns in unserer jeweiligen Leistung auf dem Stehplatz und Rasen beeinträchtigte. The show must go on, sagen die Bühnenkünstler und liefern ihr Unterhaltungsprogramm gegen alle Widrigkeiten ihrer Leben ab, wenn es sein muss. So ein Ligaspiel ist trotz aller Unterhaltungsaspekte dieses Fußballbetriebs etwas anderes, wenn eine kollektive Stimmung im Stadion entstanden ist, eine Stimmung, die so gar nichts mit der notwendigen Einstellung für einen Wettbewerb zu tun hat. Vielleicht kann so ein Spiel doch nicht so unbeeinträchtigt begonnen werden, weil eine Mannschaftsleistung im Sport mit ihren vielen Einflussgrößen eben sehr viel abhängiger von Stimmungen ist als ein stets gleiches Bühnenprogramm.

Die Mannschaft des MSV wirkte in der ersten Halbzeit häufig zu langsam im Kopf und nicht aggressiv genug im Kampf um die zweiten Bälle. Nicht die Grundhaltung war das Problem. Die Spieler setzten sich ein, gingen lange Wege und versuchten zum einen  ein Kombinationsspiel, das oft über die Flügel kam. Zum anderen wurde immer wieder auch vergeblich der lange Ball auf Simon Brandstetter versucht, der Meter um Meter rannte und dabei oft im letzten Moment den entscheidenden Schritt in die falsche Richtung machte. Der Passgeber wird seinen Anteil daran haben. Der MSV versuchte die Spielkontrolle zu bewahren, so weit es ging, aber viel zu oft ging es nur sehr kurz. Systematisch sollte der Ball in den Strafraum gebracht werden. Zur Not musste es eben auch noch einmal hinten rum gehen. Torgefahr entstand so nicht. Die Zebras waren unterlegen, die Osnabrücker schneller im Kopf und beim Kombinationsspiel ballsicherer. Sprints in der Offensive waren meist nicht vergeblich. Bälle kamen dorthin, wo sie gut verarbeitet werden konnten. Die Chancen auf ein weiteres Tor für die Osnabrücker ergaben sich. Die Defensive des MSV hatte viel Arbeit. Der Halbzeitpfiff kam und vereinzelte Zuschauerpfiffe folgten. Für mich war das vollkommen übertrieben und ein Rückfall in alte Mäkelzeiten des Duisburger Publikums.

Zunächst sah es nach Wiederanpfiff nicht so aus, als hätte die Halbzeitpause die vorhandene Stimmung unterbrochen. Zwar war Kingsley Onuegbu eingewechselt worden, doch es war nicht erkennbar, wie die Zebras torgefährlich werden wollten. Immer noch gelangen die Kombinationen nicht präzise genug. Stattdessen schlug Fabian Schnellhardt einen Freistoß zielgenau in den Strafraum und Dustin Bomheuer köpfte zum Ausgleich. Mit diesem Ausgleich wirkte das Spiel des MSV befreit. Nun erst brachte die Offensivkraft des MSV die Osnabrücker Gelassenheit im Defensivspiel ins Wanken. Dennoch ist es bezeichnend für die Möglichkeiten dieses Tages, dass auch das Führungstor für den MSV aus einer recht statischen Situation heraus fiel. Kingsley Onuegbu nahm einen Einwurf mit dem Rücken zum Tor auf halblinker Position an der Strafraumgrenze an. Sich selbst den Ball vorlegen, drehen und der Schuss ins lange Eck ergaben eine einzige fließenden Bewegung, ein wunderbares Stürmertor, Lehrbuchmaterial. Der MSV drang auf das dritte Tor. Es gab die Chancen und sie wurden nicht genutzt.

Weil der MSV weiter offensiv spielte und überlegen blieb, schien mir der Sieg wahrscheinlich, sicher ist er natürlich nie. In der Nachspielzeit kamen die Osnabrücker noch einmal druckvoll vor das Tor der Zebras. Der Ausgleich fast mit dem Schlusspfiff hatte als Drohung in der Luft gehangen. Zu viel Hektik und Durcheinander war plötzlich in der Hälfte des MSV entstanden. Enttäuschend war dieser Ausgleich dennoch, eine Enttäuschung, die für mich nicht lange anhielt, weil mein Verstand mir ein paar Auswege anbot. Der Vorsprung von drei Punkten in der Tabelle etwa war unverändert geblieben. Was wir erleben mussten, hatten die Osnabrücker beim Hinspiel schon hinter sich. Und gerecht war dieses Unentschieden auch. Was mit der Trauerfeier höchst emotional begonnen hatte, endete mit einem sehr rationalen Umgang mit dem Ergebnis.

Welch Überraschung – auch der Gegner will gewinnen

Nach dem 0:0-Unentschieden des MSV Duisburg gegen den Halleschen FC ist es mal wieder an der Zeit, sich von der Leistung des MSV beim Schreiben unabhängig zu machen. Sonst hätte ich nämlich keine Lust, mehr als zwei Sätze über dieses Spiel zu schreiben. Mal sehen, ob ich den Inhalt, die Worte über eine schlechte Leistung des MSV, auch in der Form zum Ausdruck bringen kann? Irgendeine Freude muss ich mir mit dem Spiel bereiten, und wenn schon nicht der Mannschaft das Kunstvolle auf dem Spielfeld gelingt: Selbst ist der Mann.

Wenn ich also hier nicht nur mit Worten beschreibe, sondern zudem in der Form des Textes wiederhole, wie der MSV gestern aufgetreten ist, muss ich Worte und Sätze lange Zeit kontrollieren. Den sicheren Hauptsatz ziehe ich Nebensatzkonstruktionen vor. Leider kann ich sie nicht immer vermeiden, dann geht manches Anschlusswort ins… Inhaltlich gehe ich auch wenig Risiko. Überrascht bin ich allerdings jetzt kurz nach Beginn dann auch. Verlangt tatsächlich jeder Satz volle Konzentration und Anstrengung?

Früh schon Ball auf Flekken-Tor. Rumstehen Zebras. Ergebnis Pfosten. Abschlag. Das sollte doch als Zusammenfassung von diesen ersten Minuten des Spiels genügen. Aber es ist unglaublich. Von Anfang an brauchen wohl klingende Sätze die richtige Einstellung. Zudem gibt es sogar Sätze, die gleichen dem Halleschen FC. Die wollen mehr als  ein sicheres Ergebnis einfahren. Es gibt Sätze, denen sind die bislang überzeugenden Texte in diesem Blog völlig egal. Solchen Sätzen reicht es nicht, Teil des Zebrastreifenblogs zu sein. Sie verstecken sich nicht. Sie vertrauen auf ihre eigene Kraft. Ratlos stehe ich da und weiß nicht, wie ich auf solche Sätze mit meiner Satzkontrolle reagieren soll. Die stehen frei im Raum und suchen ihre Chance gelesen zu werden.

So richtig gelingt es mir nicht, das schlechte Spiel des MSV auch in der Form abzubilden. Wahrscheinlich würdet ihr aufhören zu lesen, wenn es mir gelänge. Hier braucht ihr ja nicht auf den Schlusspfiff zu warten und hättet die Hoffnung ein glücklicher Satz könne den Text am Ende retten. Im Spiel habe ich immer die Hoffnung auf dieses glückliche Tor, zumal Kingsley Onuegbu nach seiner Einwechslung recht überzeugend auftrat. Schon lange war er nicht mehr so ballsicher wie gestern. Wenn ein Licht in diesem Spiel zu sehen war, dann er. Zehn Minuten mehr Risiko im Spiel reichten aber nicht aus, um erfolgreich zu sein.

Mit einer einzigen Szene aus der ersten Halbzeit lassen sich etwa 80 Minuten des Spiels zusammen fassen. Um die 40. Minute herum ergab sich eine Kontermöglichkeit für den MSV. Der Ball war in der eigenen Hälfte abgefangen worden. Die Spieler des HFC befanden sich fast alle in der Hälfte des MSV. Wahrscheinlich war es Andreas Wiegel auf dem rechten Flügel, der den Ball nach vorne trieb. Ich weiß es nicht mehr genau. Halblinks sprintete ein weiterer Spieler des MSV mit. Während sämtliche Spieler des HFC nach hinten sprinteten, joggten zwei Zebras im Mittelfeld ihren Mitspielern hinterher, und die Viererkette plus zwei defensive Mittelfeldspieler schritten von der Strafraumhöhe aus gemächlich Richtung Mittellinie und schauten sich an, was da vorne nun passierte. Sie sahen, wie die zurückgesprinteten Spieler aus Halle ihre Räume besetzten. Im Ansatz war zu sehen, zwei konternde Zebras alleine hätten gar nicht erst losrennen müssen. Vergeudetete Kraft. Sinnlose Rennerei. Ein halbherzig ausgeführter Konter.

Die Mannschaft des MSV wirkte in diesem Spiel lange so, als sei sie überrascht, dass der HFC keine Angst vor ihr hat. Die Spieler kamen nicht damit zurecht, dass der Gegner früh den Spielaufbau störte, wenn möglich. Denn der HFC suchte fortwährend seine Chancen in der Offensive. Damit hatten die Zebras anscheinend nicht gerechnet. Die Angriffsbemühungen des HFC wurden zu spät energisch unterbunden. Zu oft standen die Spielers des Gegners frei im Strafraum. Das Spiel des HFC wirkte variabler als das des MSV. Führte das frühe Pressing des HFC zu keinem Erfolg, zog sich die Mannschaft in die gut organisierte Defensive zurück.

Für das kontrollierte Spiel des MSV fehlte es an schnellen Bällen in freie Räume, an überraschenden Spielzügen – ein Ergebnis des unzureichenden Zusammenspiels von Mittelfeld und Offensive. Zu statisch war das kontrollierte Spiel. Erst als in der Schlussphase immer mehr halblange Bälle ins Angriffsdrittel des Spielfelds geschlagen wurden, kam ein wenig Offensivkraft auf. Thomas Bröker konnte sich zuweilen durchsetzen. Der King sicherte die Bälle, passte und konnte ablegen. Dauerdruck auf das Tor des HFC entstand dennoch nicht. Eine große Chance gab es noch, doch Stanislav Iljutcenko schoss am Tor vorbei.

Am Tabellenstand änderte sich trotz des torlosen Unentschieden nichts. Die Konkurrenz spielt auch nicht dauerhaft erfolgreicher. Unruhig werde ich dennoch. Seit drei, vier Spieltagen scheinen die Spieler des MSV auf etwas zu vertrauen, was nicht mehr vorhanden ist. Spielerische Dominanz kommt nicht von alleine. Der Respekt der Gegner scheint geringer geworden zu sein.

Drei Minuten Wettkampfmodus reichen zu guter Stehplatzleistung bei einem 4:0

Nach dem Schlusspfiff im Spiel des MSV Duisburg gegen die zweite Mannschaft von Mainz 05 war ich sehr zufrieden. In meinem Alter ist es gut, die Kräfte auch mal schonen zu können. Zumal das Pokalspiel am nächsten Sonntag gegen Union Berlin wahrscheinlich vollen Einsatz verlangen wird. Etwa drei Minuten Wettkampfmodus genügten mir auf meinem Stehplatz, um den 1:0-Vorsprung in eine etwas gesichertere Zwei-Tore-Führung zu verwandeln. Das war Effizienz, die Nerven schonte, dem Blutdruck zugute kam und meine grundsätzliche Entspannung aus der ersten Halbzeit in einen Dauerzustand verwandelte. Derart unaufgeregt schaue ich mir Spiele des MSV eigentlich nur nach einem endgültigem Abstieg an. Wann es das letzte Mal so gewesen ist bei einem Spiel, bei dem es für den MSV um etwas geht, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

Meine Wettkampfeffizienz auf dem Stehplatz war möglich, weil die Spieler des MSV von Anfang an sehr wohl die nötige Spannung und Konzentration im Spiel zeigten, um erfolgreich zu sein. Kingsley Onuegbu stand zum ersten Mal in dieser Saison beim Anpfiff auf dem Spielfeld, und so versprach es interessant zu werden, wie der kontrollierte Spielaufbau mit diesem völlig anderen Stürmertyp als bislang funktionieren würde. Eines war von Anfang deutlich, an dem Grundsatz, den Spielaufbau so weit wie möglich kontrolliert zu versuchen änderte sich nichts. Es gab lange Bälle auf den King, doch sie waren Ausnahmen von der Regel, wie die Mannschaft ihr Spiel offensiv gestalten wollte. Sie waren Variationen eines Spiels, dessen Grundsatz weiterhin der kontrollierte Ballbesitz war.

Erleichtert wurde dieser Plan durch eine frühe Führung. Schon in der 13. Minute köpfte Zlatko Janjic das 1:0, nachdem sich Kevin Wolze schön auf dem Flügel durchgesetzt hatte und frei zur Flanke gekommen war. Danach gab es also die Gelegenheit, das zu schaffen, was in Münster gescheitert war, den Sieg durch ein zweites Tor wahrscheinlicher zu machen. Geduldig wollten wir sein zusammen mit der Mannschaft.

Die Geduld wurde nicht belohnt. Andererseits konnte ich völlig entspannt bleiben, weil die Mainzer Offensive zunächst im Grunde nicht vorhanden war. Erst zum Ende der Halbzeit hin gelang es den Mainzern zwei-, dreimal über die linke Defensivseite des MSV durchzubrechen. An meiner Grundentspannung änderte das nichts. Dazu war das Spiel insgesamt zu langsam. Diese Ballkontrolle des MSV verlangt in der Vorwärtsbewegung irgendwann Tempo, eine plötzliche schnelle Aktion. Sonst bleibt jede Spielaktion harmlos und bewirkt keinen Druck auf die gegnerische Defensive. Dieses Tempo gab es nicht, weil Pässe zu unpräzise waren und Spieler zu langsam. Auf beiden Seiten war das so. Gut, dass ich entspannt war. Gut, dass ich mich nicht aufregte.

Denn in der zweiten Halbzeit setzte sich erfolgreich fort, was zuvor ohne Tor geblieben war. Für den verletzten Zlatko Janjic war Stanislav Iljutcenko ins Spiel gekommen. Statt längerer Pässe variierten nun Einzelaktionen sowohl von Iljutcenko als auch von Thomas Bröker das kontrollierte Flügelspiel. Allmählich gelang es nun, Tempo ins Spiel zu bringen. Ich selbst begann in den Wettkampfmodus zu kommen, damit endlich das zweite Tor fiele. Durchbrüche über die Flügel führten nun zu Flanken in den Strafraum, und das war das Spiel von Kingsley Onuegbu. Zweimal war er an der richtigen Stelle. Einmal schoss er freistehend ein, nachdem sich Kevin Wolze einmal mehr auf der Außenbahn durchgesetzt hatte. Meine Entspannung war augenblicklich wieder da. Das andere Mal sprang er höher als seine Gegenspieler und köpfte nach einem Eckball ein. Mit diesen zwei Toren war das Spiel in der 69. Minute entschieden.

Stanislav Iljutcenko war damit noch nicht zufrieden und attackierte weiterhin die Mainzer Defensive beim Spielaufbau. Eine Minute später nahm er einem Mainzer Verteidiger den Ball ab und stürmte auf das Tor zu. Souverän umkurvte er den herauslaufenden Mainzer Torwart und erzielte das 4:0. Wenn man so entspannt ist wie ich, darf man auch mal die völlige Zufriedenheit auskosten. Ich dachte, jegliche Spekulation über ein Torverhältnis könnte sich mit der Zeit als völlig überflüssig erweisen.

Heute lässt mich meine Entspannung sogar ein wenig Wasser in den Wein gießen, damit etwas klar erkennbar wird. Nach den ersten drei Spielen gab es viele Fans, die in Kingsley Onuegbu den Heilsbringer beim Beheben der Abschlussschwäche sahen. Sie können sich bestätigt fühlen. Doch die Aufstellung vom King hat einen Preis. Der MSV zahlt mit dem Verlust von Tempo in der Offensive. Wenn der King spielt, verliert der MSV Dynamik im Spiel.

Die erste Halbzeit zeigte die Begrenzung des kontrollierten Spielaufbaus mit Kingsley Onuegbu in der Spitze ganz deutlich. Das Spiel war langsam, plätscherte dahin und steile Bälle in die Spitze waren vergebliche Bälle – mit einer Ausnahme, bei der Kingsley Onuegbu schon kurz nach der Mittellinie den Ball erhielt und dank seiner körperlichen Präsenz und Technik bis in den Strafraum laufen konnte, wo er letztlich den Ball verlor. Ob mit oder ohne Foul ließ sich von der Gegenseite aus nicht genau erkennen. Die steilen Pässe in den Strafraum aber gingen ins Nichts. Das waren jene Pässe, die Stanislav Iljutcenko in Osnabrück annehmen konnte, um sich sogar Eins-zu-Eins-Situationen gegen den Torwart zu erspielen. Wir kennen das Ergebnis, Tore gab es keine, also, Nachteil hier Abschlussschwäche.

Kurzum: Es gibt keinen deutlichen Vorteil bei den unterschiedlichen Besetzungen, auch wenn der hohe Sieg das im ersten Moment suggeriert. Es werden Mannschaften defensiv besser aufgestellt sein, und dann wird entweder der Pass auf den King zum Problem oder er selbst wird im Strafraum gar nicht an die Stelle gelangen, um seine Tore machen zu können. Momentan gibt es keine ideale Lösung in der Besetzung des Sturms, weil der Vorteil des einen Spielers mit einem Nachteil einhergeht. Erst die Entwicklung des Spiels erweist, ob die Entscheidung für eine bestimmte Aufstellung richtig oder falsch war. Das ist banal, aber nach dem hohen Sieg möchte ich in all meiner Entspanntheit doch darauf hingewiesen haben. Ganz lässig mal rauszuhausen, das könnte auch alles mal anders kommen, das fühlt sich schon gut an, wenn alles bestens gewesen ist.

Wenn eine Befürchtung wirklich wird

Nun spielt auch der Tatort heute Abend in Würzburg. Die Nürnberger Tatort-Kommissare machen einen ermittelnden Ausflug. Mir hilft das, wenigstens ein paar Worte noch zum Hinspiel der Relegation  zu schreiben. Eigentlich schaue ich nämlich nicht mehr zurück. Eigentlich bin ich mit jedem Gedanken schon beim endgültigen Endspiel um den Klassenerhalt am Dienstagabend und bereite mich vor. Eigentlich will ich so schnell wie möglich auf meinem Platz im Stadion stehen und mit aller Energie die Mannschaft nach vorne treiben, zusammen mit allen anderen auf den Rängen. Ich will ein frühes Tor der Zebras herbeischreien, den folgenden Ausgleich des 2:0-Rückstands und dann weitersehen. Lese ich im Netz herum, weiß ich mich nicht alleine. Überall gibt es wieder die kämpferischen Stimmen. Überall wird die Hoffnung auf die kleine Chance im Rückspiel lebendig. Überall wird nach vorne gesehen.

Der Tatort gibt mir aber etwas zur Hand, um ein letztes Mal zurück zu blicken. Überraschend sind Tatorte so gut wie nie. Wir wissen fast immer, was auf uns zukommt. Mit der Relegation verhält es sich nun ebenso. Vor dem Spiel in Würzburg hatte ich befürchtet, es könne sich wiederholen, was wir beim MSV Duisburg diese Saison mit einer einzigen Ausnahme im Spiel gegen Düsseldorf gesehen haben. Ich hatte gehofft, wir kämen drum herum. Dem ist nicht so. Wenn die Mannschaft etwas zu verlieren hatte und gegen Gegner auf vermeintlicher Augenhöhe spielte, war sie zu vorsichtig, häuften sich Fehler, nutzte keine Anstrengung eines jeden Spielers. Erst wenn fast alles verloren schien, konnte der Gegner unter Druck gesetzt werden. Vielleicht waren erst dann die Köpfe frei. Es gab nichts mehr zu verlieren. Es gab nur noch etwas zu gewinnen.

Das Spiel in Würzburg erinnerte an das Auswärtsspiel in Sandhausen. Die Kickers suchten vom Anpfiff an ihre Chance. Sie hatten nichts zu verlieren. Sie konnten frei aufspielen. Die Aufgabe der Zebras war es, dem Offensivdruck dieser ersten Minuten Stand zu halten. Das schien allmählich zu gelingen. Auch der MSV konnte Angriffe in die Nähe des Strafraums bringen, wenn auch in der Defensivbewegung auf dem gesamten Feld oft noch der ein und andere Schritt zu spät kam. Dann kam der Elfmeterpfiff und der Führungstreffer für die Kickers.

Der Elfmeterpfiff gegen den MSV gehört für mich in die Rubrik Erklärungsbedarf, auch wenn er anscheinend nicht weiter diskutiert wird. Der hohe Ball fiel in den Schussraum von Kingsley Onuegbu. Er wollte den Ball mit hohem Bein rausschlagen und traf den von der Seite in seinen Schussraum hineinspringenden Würzburger Stürmer am Kopf. Spektakulär sah das aus, eine Platzwunde war die Folge, aber Verantwortung hatte der Stürmer genauso. Oder ist jedes hohe Bein im Strafraum potentiell ein gefährliches Spiel? Schiedsrichter, helft mir.

Nach dem Führungstreffer bemühten sich die Zebras unbeeindruckt weiter zu spielen. Die Würzburger standen defensiv sicher und suchten ihre Konterchancen. Angestrengt wirkte das Duisburger Bemühen, und es blieb erfolglos. Dagegen wirkte jeder begonnene Kickers-Konter im Ansatz gefährlich, weil Pässe ankamen, oft sicher verarbeitet oder schnell weiter geleitet wurden. Ab der 30. Minute aber erspielte sich der MSV eine leichte Überlegenheit. Die Würzburger gerieten tatsächlich etwas unter Druck. Als Folge schoss Kevin Wolze kurz vor der Halbzeitpause an den Pfosten. Die Chance zum Ausgleich war vorüber.

Nach der Pause schien die Mannschaft wieder gehemmt zu sein. Vielleicht schien das 1:0 keine zu schlechte Ausgangsposition für das Rückspiel? Vielleicht war die Sorge vor einem weiteren Würzburger Tor zu groß? Jene Dynamik im Spiel des MSV der letzten Viertelstunde in der ersten Halbzeit war jedenfalls wieder verschwunden. Übrig blieben lange Bälle in die Spitze, ohne dass sie abgelegt werden konnten oder auf andere Weise für Gefahr sorgten. Auch die Würzburger riskierten kaum etwas. Sie hatten ihre Konter und wie in der ersten Halbzeit bargen sie Gefahr, sobald die Mittellinie überquert war. Einmal hatten die Zebras Glück, das zweite Mal in der 80. Minute fehlte das. Branimir Bajic konnte den scharfen Pass in die Mitte nicht verhindern. Im Strafraum gelang dem Würzburger Stürmer ein klassischer, schwer zu verteidigender Mittelstürmerschuss zum 2:0.

Im Tatort wird am Ende fast immer die Lösung des Falls schön aufbereitet erzählt. Damit auch noch der schläfrigste Zuschauer alles versteht. Es ist ein Erzählmuster, wie auch der MSV Duisburg in dieser Saison das immer selbe Erzählmuster für die Entwicklung seiner Spiele und für den Saisonverlauf selbst genutzt hat. Was ich Freitag noch befürchtet hatte, ist nun meine Hoffnung. Am Dienstagabend sind die Vorzeichen nun umgekehrt, die Würzburger Kickers haben etwas zu verlieren.  Der MSV besitzt nichts mehr. Er kann nur noch gewinnen. Ein letztes Mal kann das Erzählmuster dieser Saison erfüllt werden. Die ganze Saison in der Relegation en miniature, wie wir Franzosen gerne sagen. Das ließe ich mir gefallen. Das ist meine große Hoffnung für Dienstag.

 

 

Die nächste Legendenweg-Etappe für Fans und Mannschaft

Je größer das Glück, desto weniger brauchen wir die Worte. Es genügt ein kurzer Moment, der Anlass zur Erinnerung gibt und schon ist alles wieder da. Das Foto vom Torjubel Giorgi Chanturias mit seinem nackten Oberkörper taucht im Info-Strom des Netzes auf und sofort sehe ich seinen Antritt parallel zur Strafraumgrenze, umringt von roten Trikots, ich sehe seine enge Ballführung, den Durchbruch in den Strafraum hinein, diese plötzliche Lücke, die sich auftut, den freien Weg auf den Torwart. Hart wird Chanturia von der Seite angegangen, kommt einmal kurz ins Straucheln und läuft weiter.

Er ist wieder da, der bange Moment, in dem die Zeit still stand, der Bruchteil einer Sekunde, in der die Wirklichkeit für mich ein psychodelisches Bildergemisch wurde. In diesem Bildergemisch strauchelt sich ein Chanturia schon zu Boden, während ein anderer Chanturia weiterläuft, allerdings mit Kingsley Onuegbus Gesicht und dessen Hautfarbe. Den Schuss vom Onuegbu-Chanturia pariert der Leipziger Torwart wie die Großchance von Onuegbu selbst in der ersten Halbzeit. Den Elfmeterpfiff sehe ich als Folge und spüre Tränen der Enttäuschung schon brennen, während der Jubelschrei in tiefer Kehle aus mir herausdrängen will. Aller angehaltene Atem will raus. Unsere Oberkörper beugen sich nach vorne. Nun schieß! Und tatsächlich bringt Giorgi Chanturia den Ball rechts am Leipziger Torwart vorbei. Das so ersehnte Tor zur Führung ist wirklich geworden.

Den nackten Oberkörper von Giorgi Chanturia habe ich erst heute morgen gesehen. In unserem kaum enden wollenden Jubel verloren wir das Spielfeld völlig aus dem Blick. Alles tobte durcheinander. Drei, vier Stufen rauf und runter wogten wir, mit jedem feiernd, der in der Nähe war. Jubel. Freude. Reines Glück. Das ersehnte Zwischenziel, der Relegationsplatz, so nah. Nun war es egal, welche Ergebnisse die anderen Mannschaften erzielten. Doch noch waren 15 Minuten zu spielen.

Die Führung war verdient, und sie war zudem gegen eine Leipziger Mannschaft herausgespielt worden, die in diesem Spiel noch ein Ziel hatte. Wie angekündigt wollte diese Mannschaft in Duisburg gewinnen. Doch der MSV hielt von Anpfiff an dagegen. Sorgen bereitete uns das schnelle Leipziger Kurzpassspiel und die technischen Qualitäten fast aller Leipziger Spieler. Doch in der ersten Halbzeit ließ der MSV diese mannschaftlichen und individuellen Qualitäten nicht zur Entfaltung kommen. Die Leipziger Spieler waren sichtlich genervt von den früh angreifenden Duisburger Spielern. Sie wurden nicht in Ruhe gelassen. Eine wirkliche Torchance erspielten sie sich nur in der 3. Minute. Es war die einzige brenzlige Situation für Marcel Lenz, die er souverän löste.

Überhaupt strahlte Marcel Lenz eine beeindruckende Ruhe aus. Das ist nicht selbstverständlich, wie wir alle wissen. In so einem bedeutsamen Spiel überhaupt zum ersten Mal in der Saison eingesetzt zu werden, kann eine Belastung sein. Marcel Lenz hat sofort zu seinem Rhythmus gefunden und bot der Mannschaft Rückhalt durch seine Ausstrahlung.

Die großen Chancen zur Führung hatte der MSV in dieser ersten Halbzeit. Nach wunderbarem schnellen Passpiel über drei Stationen, das Kingsley Onuegbu selbst eingeleitet hatte, lief er frei auf den Leipziger Torwart zu. Der parierte seinen Schuss in die rechte untere Ecke mit einem großartigen Reflex. Diesen Reflex packte er nach einem freien Schuss von Stanislav Iljutcenko im Strafraum noch einmal aus. Aufschrei der Enttäuschung, zum zweitern. Zetern, Hadern. Beschwören des Fußballgotts.

Wer solche Chancen vergibt. Den Satz vollendeten wir in der Halbzeitpause lieber nicht. Dennoch schwebte die leise Sorge über uns, das Vergeben könne sich rächen. Die Sorge wurde größer, als in den ersten Minuten der zweiten Halbzeit der MSV noch nicht wieder so ins Spiel fand, wie es für die Kontrolle der Leipziger fußballerischen Qualität nötig war. Die Spieler wurden nicht mehr früh genug angegangen und schon fand das Spiel vor allem in der Duisburger Hälfte statt. Die Mannschaft kam nicht mehr für längere Zeit an den Ball. Eigene Angriffe fanden nicht mehr statt.

Nun geschah etwas, was in Duisburg nicht oft passiert. Das gesamte Publikum spürte, diese Mannschaft braucht Unterstützung und zwar nicht nur die Unterstützung des Stimmungsblocks. Diese Manschaft braucht das ganze Stadion, und das Stadion war da. Das Anfeuern aus der Nord wurde auf den Geraden aufgegriffen, und es wurde laut. Pausen bei diesem Anfeuern gab es nicht mehr. Ununterbrochen wurde nun die Mannschaft zu jener Stärke getrieben, die sie in der ersten Halbzeit gezeigt hatte. Die Spieler rannten wieder jenen Meter mehr, der nötig war, um den Leipzigern unangenehm zu werden. Das Spiel verlagerte sich wieder raus aus der Hälfte der Duisburger und um die 60 Minute herum, war die zuvor gesehene Stärke wieder da.

Selten ist es so klar erkennbar gewesen, dass ein Sieg des MSV Duisburg auch ein Sieg des Publikums gewesen ist. Wenn die Geschichte dieser Saison tatsächlich mit einem guten Ausgang zu erzählen ist, dann wird dieser Sieg auch als ein Sieg des Zusammenhalts von Zuschauern und Mannschaft zu erzählen sein. Noch ist dieser Sieg erst eine Zwischenetappe auf dem Weg zum Klassenerhalt. Noch sind zwei Spiele zu spielen. Es ist schon viel erreicht worden mit diesem Sieg gegen Leipzig, etwas was vor wenigen Wochen kaum einer für möglich gehalten hat. Doch dieser Sieg ist Zwischenetappe; ein Sieg der zudem notwendig war, weil der TSV 1860 München wie befürchtet gegen den FSV Frankfurt verloren hat.

Um die 87. Minute herum machte die Nachricht von der Frankfurter Führung bei uns die Runde. Noch einmal zitterten wir, noch einmal erinnerten wir uns kurz an all die späten Ausgleichs- und Niederlagentore, die wir je in diesem Stadion gesehen hatten. Doch hielt sich das Zittern in Grenzen. Der MSV behielt die Spielkontrolle bis zum Schlusspfiff. Die nächste Etappe wartet nun. Auf gehts Zebras, lasst uns das Wunder Klassenerhalt vollenden.

 

Das durchdrehende Tollhaus neben dem Acker

In der 75. Minute des Spiels vom MSV Duisburg beim SV Sandhausen begann ein Teil dieses Körpers MSV für diese Saison abzusterben. Ich gehörte dazu. Das 2:0 für Sandhausen war gerade gefallen, und der Abstieg schien nach all der hochfliegenden Hoffnung der letzten Wochen doch wirklich zu werden. Ich lehnte an dem Gitterzaun des Stehplatzes, konnte mich nicht mehr rühren, war taub und blind geworden. War ich in dieser Lähmung angesteckt worden, drohte ich andere anzustecken? Einzelne Teile des Körpers hatten sich schon zwangsamputiert und gingen den Fußweg Richtung Parkplatzgrab, das sich zwischen mehreren Äckern der Sandhäuser Bauern befand.

Andere Teile des Körpers konzentrierten jede noch vorhandene Kraft, um die Vitalfunktion des MSV aufrecht zu erhalten. Auf den Rängen wurde immer noch angefeuert, aber der vielstimmige Chor war auseinander gefallen in einzelne kleine Inseln, wo Lebensenergie noch pumpte, und das herausgeschieene EM-ES-VAU wirkte wie ein verzweifeltes Aufbäumen gegen das nahe Ende. Das Zentralorgan dieses Körpers aber, die Mannschaft, schien vom nahen Ende nur insofern etwas mitzubekommen, als es immer stärker arbeitete und arbeite, um genau diesem Ende zu entgehen. Dieses Zentralorgan war weiter auf das Überleben ausgerichtet.

An welcher Stelle des Körpers MSV ich mich gerade befand, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall an einer Stelle, die nicht mehr zur Verarbeitung von Sinneseindrücken fähig war. Wie das Anschlusstor durch Nico Klotz in der 80. Minute fiel, kann ich nämlich aus der Erinnerung heraus nicht sagen. Für mich war es ein Geschenk des Lebens an das Leben. Der Körper MSV war von jetzt auf gleich in sämtlichen Zellen revitalisiert.

Das Stadion war in Duisburger Hand, und dieses Stadion peitschte nun die Spieler des MSV nach vorne. Waren es zwei oder drei Angriffe, die nach dem Anschlusstor aufeinander folgten? Der Rhyhtmus der Ränge und die Laufduelle auf dem Spielfeld befeuerten sich gegenseitig. Der Ball kam in die Nähe des Sandhäuser Strafraums, ohne dass es den Zebras gelang, vor das Tor zu kommen. Doch den nächsten Angriff konnten wir ja sofort erwarten. Ich weiß nicht mehr, ob es der eingewechselte Thomas Bröker war, der am linken Flügel vorbeizog, dabei mit seinem Gegenspieler im Laufduell immer wieder aufeinanderprallte, Arme hielten und dennoch schaffte er es diesen Gegenspieler zu überlaufen. Doch zu wenige Mitspieler lauerten in der Mitte. Der Rückpass kam doch, und mit letztem Einsatz erreichte – wer eigentlich? – den Ball, um sofort umgegrätscht zu werden. Führte diese Spielaktion zum Freistoß in der 83. Minute? Selbst das weiß ich nicht wirklich.

Der Verlauf der Saison macht es mir unmöglich, dieses Spiel in der Abfolge seiner bedeutsamen Ereignisse zu erinnern. Mir bleibt während des Spiels kein einziger Moment der Ruhe mehr, um irgendetwas, was ich gesehen habe, mal kurz in einen Zusammenhang zu bringen. Aus  der ersten Halbzeit ist der Pfostenschuss von Kingsley Onuegbu als große Möglichkeit zur Führung mir in Erinnerung. Der MSV war vorsichtig offensiv und ließ die bekannte Konterstärke der Sandhäuser kaum einmal zur Geltung kommen. Zwei Ausnahmen hat es gegeben. Doch die Abschlüsse der Sandhäuser per Kopfball und Schuss von der Strafraumgrenze gingen am Tor vorbei. Der MSV spielte noch nicht risikoreich genug, um wirklich torgefährlich zu werden. Dennoch hatte die Mannschaft das Spiel einigermaßen im Griff.

Das änderte sich etwa zehn Minuten nach Wiederanpfiff. Die Defensive stand nicht mehr so sicher. Sandhausen kam besser ins Spiel. Die zwei Sandhäuser Tore fielen allerdings jeweils nach Eckbällen. Was die Stimmung zusätzlich belastete, wirkte die Defensive in diesen beiden Situationen doch lethargisch und wenig präsent. Solche Eindrücke bleiben mir als vereinzelte Erinnerung. Das meiste steht nebeneinander, wirft mich hin und her, führt zu heillosem Entsetzen bei den Gegentoren oder wie in dieser 83. Minute zum zweiten Mal in dieser Saison nach dem Siegtor gegen 1860 München zu einem irrsinnigen, eskalierenden Jubel, der nicht aufhören wollte.

Zentral vor dem Tor, zwei, drei Meter außerhalb des Strafraums war der Freistoß gepfiffen worden. Giorgi Chanturia lief an, schoss und dann war der Ball drin, irgendwie abgelenkt, genau habe ich auch das nicht gesehen. Genau erinnere ich nur noch, wie wir auf den Rängen das Stadion in ein Tollhaus verwandelten. Die Bierbecher flogen. Zebras sprangen sich in die Arme, hüpften ununterbrochen, rissen ihre Arme immer wieder hoch. Verzerrte Gesichter. Ungläubiges Schreien. Eine Begeisterung wurde hinausgebrüllt in die Welt, getragen von der Kraft alles Lebendingen. Es war unfassbar laut. Der Jubel hielt an. Der Ausgleich brachte alle Möglichkeiten zu überleben wieder zurück.

Noch gab es sogar die Hoffnung auf den Sieg. Weiter nach vorne, weiter nach vorne, hieß die Devise nun für beide Mannschaften. Meine Angst blitzte auf, die Spieler könnten überdrehen in dieser kochenden Stimmung. Die Konter des SV Sandhausen drohten. Das Spiel wogte nun hin und her. Trotz des Drucks vom MSV kamen die Sandhäuser in diesen letzten Spielminuten zu den klareren Chancen. Waren es zwei oder drei Schockstarren, aus denen mich erst die Angriffe des MSV wieder herausrissen? Der Schlusspfiff hinterließ bei mir eine komische Stimmung zwischen Euphorie und Enttäschung. Wie konnte ich beides zusammen spüren? So gehen wir mit dem MSV durch diese Saison. Je größer die Hoffnung jeweils ist, desto tiefer kann die Enttäuschung treffen. So hoch waren wir gestiegen, so tief waren wir zwischendurch gefallen und nun sehen wir dem letzten Spieltag entgegen – und hoffen weiter.


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