Posts Tagged 'Kölner Mentalität'

19 Jahre sieglos ist mindestens ein Jahr zu wenig

Bereits letzten Montagabend war ich auf der Bielefelder Straße unterwegs. Nicht im übertragenen Sinn. Ich war wirklich da. Allerdings führt in Köln-Longerich die Bielefelder Straße nicht weit, schon gar nicht nach Ostwestfalen. Du kommst gerade mal auf etwa 300 Metern von der Altonaer Straße zur Oldenburger Straße. Cuxhavener Straße liegt übrigens auch um die Ecke. Brunsbütteler Straße habe ich noch gesehen. Die Norddeicher Straße. Sieht für mich sehr nach recht grober geografischer Orientierung der Kölner Straßennamensverleiher aus. Wat bruchen mer? Norddeutsche Städte? Wat iss met Billefeld? Die han doch och kein Fastelovend. Dat muss doch Norddeutschland sin.

Norbert Meier erzählt mir allerdings im Vorbericht von Arminia Bielefeld zum Spiel, im Grunde hatten die Straßennamensgeber damals recht: „Norddeutschland und Ostwestfalen sind von der Art zu leben, beziehungsweise von der Einstellung her,  da ist der Unterschied nicht ganz so groß“ – ab 4.15′. Vorbericht zum Spiel nenne ich das Ganze vielleicht auch irrtümlich. Eigentlich ist dieser Clip ein Norbert-Meier-Feature, in dem der MSV nur am Rande vorkommt. Mindestens ebenso wichtig ist in Bielefeld momentan das Befinden des Trainers. Ich vermute, die 3:0-Niederlage gegen Fortuna Köln hat weitere Spuren im Selbstbewusstsein der ganzen Region hinterlassen. Irgendwoher müssen sie gerade ihre Zuversicht nehmen und klauben sich mühsam was zusammen. Wenn es dem Trainer gut geht, er nicht mehr im Hotel wohnt und das Fitnessstudio klasse findet, dann könnten drei Punkte drin sein gegen den MSV Duisburg.

Zurück zur Bielefelder Straße und einem kleinen weiteren Vorzeichen für das Spiel des MSV am Sonntag. Dort, auf der Bielefelder Straße, war ich sofort bereit, den Siegesgöttern des Sports in einem ihrer Schulsporthallentempel den Erfolg meiner in die Jahre gekommenen Basketballmannschaft zugunsten eines Auswärtssieg des MSV Duisburg zu opfern. Um unsere mannschaftliche Geschlossenheit beim Niederlagenbier nicht zu gefährden, habe ich von meinem Opfer zwar nichts erzählt, doch der sehr junge, sehr ehrgeizige Gegner hat alles weitere für mich erledigt.

Damit war das auch durch, und ich erlebte während der Woche weiter an mir selbst, was es bedeutet einem Spiel unbelastet entgegen zu gehen. Ich erlebte, wie sehr die Spielweise beim Sieg gegen den Chemnitzer FC mein Vertrauen in die Mannschaft gestärkt hat. Steffen Bohl hatte gefehlt, Tim Albutat, ein Mann der in dieser Saison für das Spiel des MSV so wichtig gewesen war. Dennoch erfuhr  die Mannschaft zum ersten Mal in dieser Saison, was es heißt ein Spiel zu bestimmen und dabei ungefährdet erfolgreich zu sein. Frei im Kopf und ohne psychische Belastung fährt diese Mannschaft nun nach Bielefeld. Dieser besondere Sieg gegen Chemnitz kam zur rechten Zeit. Zudem lese ich in den Westfälischen Nachrichten, den letzten Heimsieg erlebte die Arminia vor 19 Jahren. Der Mensch aber, auch der in Bielefeld, strebt nach der Ganzheit der Gestalt. Wieviel geschlossener wirkt die 20 in einer Schlagzeile vor einem nächsten Spiel des MSV in Ostwestfalen. Das wäre die reine Schönheit einer Zahlenreihe. Ich bin sehr zuversichtlich für den Sonntag.

Sendelizenz für Ishiaku-Soap nach Belgien verkauft

Schon beim MSV Duisburg wurde Manesseh Ishiaku immer mehr zum Darsteller einer vorabendseriengleichen Geschichte des immerselben Inhalts. Wir konnten froh sein, ihn dennoch manchmal noch im Hauptprogramm eines abendfüllenden Spiels zu sehen. Nach seinem Wechsel zum 1. FC Köln war er aber als Fußballdarsteller auf die Endlosserie „Im Sturm des Knöchels“ festgelegt. Dieses Engagement in Köln endete ohne eine richtige Perspektive mit der Vertragsauflösung 2011. Gestern aber berichtete das belgische Medienfachmagazin Voetbalnieuws, die Endlosserie mit Manesseh Ishiaku habe nun beim viertklassigen Sporting Aalst auch im Programm des belgischen Fußballs einen festen Sendeplatz erhalten.  „Het was een grote verrassing toen de Limburgse club de transfer bekendmaakte. Veel plezier beleefden ze echter nog niet aan de Nigeriaanse aanvaller.“ Die Auftaktfolge scheint also wieder die übliche zu sein. Verein freut sich über Verpflichtung eines guten Spielers. Spieler kann nicht spielen wegen Verletzung. Spieler kämpft gegen Sportinvalidität und um Rückkehr in die Mannschaft.

Die belgische Format-Übernahme gibt mir Gelegenheit zur Wiederholung der deutschen Original-Soap, die ich mir seinerzeit in Köln ansehen konnte und die ich mit einigen Verbesserungsvorschlägen für mein damals noch kleineres Publikum zusammenfasste. In unserer schnelllebigen Zeit wirkt dieser Rückgriff auf frühe Worte fast schon wie ein Blick auf das TV-Programm in schwarz-weiß. Und wie das mit solch nostalgischem Wiederbegegnen immer ist, man braucht etwas Zeit, um sich sämtliche Folgen des damals auf Tage verteilten Serienprogramms im Ganzen anzusehen.

Im Sturm des Knöchels – Folge 1

Fortsetzungsgeschichten haben ja immer eine ähnliche Dramaturgie. Ein Serienheld erlebt immer neue Abenteuer bei immer gleicher Persönlichkeit. Allerdings braucht es in jeder weiteren Folge auch immer einen neuen Ausschnitt der Welt, in der sich unser Held umschaut. Insofern folgt die Geschichte um den verletzten Knöchel von Manesseh Ishiaku alten erzählerischen Regeln. Letzte Woche hatte er nach längerer Verletzung während der Saisonvorbereitung das Training wieder begonnen. Schon schmerzte der Knöchel erneut, und nun bricht der Held  auf in seine alte Heimat, um dort zu finden, was er in der Fremde so lange vergeblich gesucht hat. In diesem Fall ist es ein für den Profi-Fußball geeignetes Sprunggelenk. Ishiaku befindet sich in Belgien bei einem Arzt seines Vertrauens, so lässt der FC verlauten. Am letzten Donnerstag war es, als ich lesen konnte, noch vier Wochen wird es dauern, bis alles gut wird. Als Freunde von Fortsetzungsgeschichten wissen wir aber, wenn erstmal alles gut ist, bedeutet das das Ende jeder Geschichte.

Im Sturm des Knöchels – Folge 2

Allmählich wurde ich schon nervös und habe daran gedacht, die nächste Folge unserer kleinen Abenteuerserie um den ehrgeizigen und talentierten Fußballer Ishiaku selbst zu schreiben. Nun hat mir das richtige Leben die  Arbeit abgenommen und ich erzähle nur, wie es tatsächlich geschehen ist, genauer, wie es tatsächlich geschehen sein soll. Schließlich habe ich meine Informationen aus der Kölner Lokalpresse. Im übrigen zeigt dieser kleine Artikel im Stadtanzeiger einmal mehr, nicht immer schreibt das Leben die besten Geschichten. Manchmal ist so ein Leben auch verdammt langweilig.

So lese ich zwar zunächst leicht gerührt, wie der Trainer, gespielt von Christoph Daum, den lange vermissten hoffnungsvollen Stürmer mit einer zeremoniellen Begrüßung bei seinen Mannschaftskameraden einführt. Der Trainer hat die Kameraden nämlich aufgefordert, einen Kreis um Ishiaku zu bilden, so wie er es immer mit völlig neuen Spielern bei ihrem ersten Training macht. Ganz stark, wie symbolhaft hier alles Alte abgestreift werden sollte, wie die üble Vergangenheit voller Verletzungssorgen sich in der liebevollen Freundschaft der in den letzten Spielen so überaus erfolgreichen Sturmkollegen auflösen sollte. All das ist wunderbares Serienformat. Respekt, mein Leben!

Aber dann, was für ein einfaltsloses Ende dieser Folge. Eine Stunde lang trainiert Ishiaku und plötzlich, er stoppt im vollen Lauf  – so muss es gewesen sein. Ein erfahrerener Geschichtenschreiber hätte nun aber eine andere Auflösung gewählt. Er hätte die in Antwerpen wieder getroffene alte Liebe hervorgeholt, eine wunderschöne Frau, die leider gerade eine schwere Zeit zu durchleben hat, weil sie ihren Mann bei einem Verkehrsunfall verlor und nun mitsamt ihrer drei kleinen Kinder erfahren muss, dass dieser Mann das gesamte Familienvermögen beim Pokern verloren hat. So eine Frau hätte der Fortsetzungsgeschichte gut getan. Vielleicht hätte sie sogar kurz zuvor eine mittelschwere Krankheit diagnostiziert bekommmen, eine Krankheit, die ganz selten sogar tödlich verlaufen kann. So eine Frau hätte ihre große Liebe der Jugend, Ishiaku, schweren Herzens wieder nach Köln ziehen lassen. Sie hätte es aber gemacht, denn sie weiß, der Fußballer muss tun, was ein Fußballer tun muss. Tore schießen für den FC. Und in Köln hätte Ishiaku im Trainingspiel nach drei grandios erzielten Toren angesichts der eigenen Gefühlslosigkeit trotz seines so überragenden Trainingsauftakts dann gemerkt, was seine wahre Bestimmung ist. Er hätte für seine wahre Liebe da sein wollen, zumal ihm die Kinder nicht aus dem Kopf gingen, womöglich Waisen … Ach, was steckte nicht alles in solcher einer Wendung. All das hat das Leben aber in dieser Fortsetzungsserie verschenkt. Ishiaku musste, ganz wie wir es schon kennen, nach einer Stunde Training aufhören – Schmerzen! –  und ging mit dem Reha-Trainer, gespielt von Cem Bagci, auf eine Laufrunde in den Grüngürtel. “Ishiakus Rückkehr gescheitert” titelt der Kölner Stadtanzeiger, und ich überlege nun, ob ich mir nicht abwechslungsreichere Fortsetzungsgeschichten angucken soll.

Im Sturm des Knöchels – Folge 3

Wir haben anhand der Erzählungen vom ehrgeizigen und talentierten Fußballspieler Manasseh Ishiaku ja schon einige Gesetzmäßigkeiten von Fortsetzungsgeschichten kennengelernt. Nun weist das nächste Kapitel dieser Fortsetzungsgeschichte darauf hin, dass die Macher der Serie sich allmählich sorgen und dem erzählerischen Potential ihrer Hauptfigur Ishiaku nur noch eingeschränkt vertrauen.

Denn wenn die Figurenkonstellation der Serie grundsätzlich überdacht wird, um den Publikumserfolg zu sichern, ist fast immer auch ein Ende der Fortsetzungserie möglich. Was im Hochgefühl von Stärke und Sicherheit umsatzträchtig zwei Absatzmärkte vereint, wird in Zeiten der Auflagennot zum vermeintlichen Hoffnungsschimmer: Zwei Super-Helden begegnen sich in ein- und derselben Geschichte. So gibt es weiterhin Hinweise darauf, dass der Fortsetzungsserie um Ishiaku durch eine Begegnung mit Super-Lukas neues Leben eingehaucht werden soll. Zwar reagiert der den FC-Trainer spielende Christoph Daum genervt über diese ewig gleiche Idee mit dem Superhelden Lukas Podolski, doch Michael Meier, der den FC-Manager spielt, will sich diese erzählerischen Möglichkeiten nicht verbauen. “Im Winter sind keine Änderungen geplant,” wird er zunächst im Kölner Stadt-Anzeiger zitiert und hat dann hinzugefügt: “Es sei denn verletzungsbedingt, also gezwungenermaßen.” Es hat den Anschein, als ob Meier bei den Autoren der Fortsetzungsgeschichte um Ishiaku keine kreative Kraft mehr erkennt. Man kann seine Äußerungen so deuten, dass er vom Schlimmsten ausgeht. Auch in den nächsten zwei Monaten keine zündende Idee mehr aus der Autorenwerkstatt.

Der Herausgeber einer Fortsetzungserie muss dann vorbauen. Natürlich darf die erfolgreichere Serie nicht von jener in der Kreativkrise in Mitleidenschaft gezogen werden. Möglicherweise kommt es deshalb auch gar nicht zur dauerhaften Vereinigung der Super-Helden, sondern Meier muss sich mit einem Cameo-Auftritt von Super-Lukas bei der Weihnachtsfeier des 1. FC Kölns zufrieden geben. Dennoch besäße selbst solch ein Auftritt großes Entwicklungspotential. Super-Lukas könnte zum Beispiel zufällig neben Ishiaku zu sitzen kommen und nach den ersten gewechselten Worten spüren, hier geschieht gerade eine einzigartige Begegnung. Der Beginn einer langen Freundschaft könnte sich dann abzeichnen. Zwei junge Männer, die endlich bei jemandem völliges Verstehen für enttäuschte Hoffnungen finden. Ein reger Mail- und SMS-Austausch zwischen Super-Lukas in München und Ishiaku in Köln könnte der Serie den Weg in ein neues Medium eröffnen. Eine Handy-Soap statt Print. Vorstellbar ist vieles. Man sollte drüber nachdenken. Das Training dauerhaft aufnehmen, das bleibt selbstverständlich als weitere überraschende Wendung im erzählerischen Repertoire der Serie. Doch vielleicht kommt diese Wendung für deren Fortbestand zu spät. Schließlich enttäuscht man die Zuschauererwartungen nicht ungestraft.

Im Sturm des Knöchels – Folge 4

Endlich haben sich die Macher der Fortsetzungserie um den talentierten und ehrgeizigen Fußballspieler Manasseh Ishiaku an die handwerklichen Grundlagen aller Fortsetzungesserien erinnert. Vielleicht hatten da die kritischen Worte Michael Meiers von neulich ihren Anteil. Endlich wissen sie wieder, jede neue Folge braucht einen eigenen Höhepunkt und der darf sich nicht allzu bald wiederholen. Deshalb gibt es kein Geplänkel mehr um das Training, um Ärzte in Belgien und Waldläufe durch den Grüngürtel. Jetzt wird das Tempo angezogen, und die nächste Folge zeigt Ishiaku endlich dort, wo ihn die Leser schon seit Monaten sehen wollen. Der Held spielt Fußball – in einem richtigen Spiel. Das war ein großer Wurf für die weitere Zukunft der Serie. Respekt! Alles richtig gemacht, mein Leben. Und nicht nur dass die Macher das Tempo endlich anziehen, nein, sie beweisen auch, dass sie sich mit grundlegenden handwerklichen Techniken der Literatur auskennen. Sie greifen zu den Mitteln der Hochliteratur und nutzen ein Leitmotiv, um diese Folge der Serie in jeder Hinsicht stark zu machen. Zwei Tore hat Ishiaku nämlich geschossen, und schon in den frühen Folgen am Handlungsort Duisburg waren es meist zwei Tore, die er schoss, wenn er denn in einem Spiel traf. Mit solchen Details erfreut man den kundigen Leser und gewinnt ihn als dauerhaften Interessenten für die Serie. Außerdem deutet auch die Wahl des ersten Spiels von Ishiaku darauf hin, dass man sich endlich wieder auf alte Qualitäten der Serie besinnt. Es war nicht irgendein Spiel, in dem Ishiaku seinen ersten Auftritt für den 1. FC Köln hatte. Es war das Freundschaftspiel gegen Fortuna Köln, gleichsam ein Benefizspiel, ohne dass es ausdrücklich so heißt. Unterstützt der 1. FC Köln doch mit diesem jährlich stattfindenden Spiel seit längerem den arm gewordenen Südstadt-Verein und einstigen kleinen Rivalen um die Gunst der Leser. Damit spiegelt sich das persönliche Schicksal unseres Helden in der wechselvollen Geschichte einer Gemeinschaft. Und so warten wir Leser nach diesem Spiel auf die hoffnungsfrohe nahe Zukunft von Ishiaku und der Fortuna.

Im Sturm des Knöchels – Folge 5

In einem Drama kann so etwas ein retardierendes Moment sein. Wenn in einer Fortsetzungserie aber der gesamte neu erschienene Teil der Serie so genannt werden muss, ist das Ende der Serie nah. Endlich steht unser talentierter und ehrgeiziger Manasseh Ishiaku in einem Punktespiel auf dem Feld und nichts weiter ist darüber zu berichten. Er wurde ohne große Inszenierung in der 74. Minute im Auswärtsspiel des 1. FC Kölns gegen Hertha BSC eingewechselt. Manche Kölner Fans, die ihn noch nie leibhaftig gesehen hatten, waren über die Größe seines Körpers erstaunt und wurden dennoch nicht zu Tränen gerührt. Was haben sich die Macher der Serie nur dabei gedacht. Wieso um alles in der Welt hat man für diesen Auftritt so einen langen Anlauf gebraucht, wenn diese Leidensgeschichte des Fußballspielers in nichts anderem mündet als Herumgerenne und eine Niederlage seines Vereins? Oder sollte das die allerletzte Prüfung sein? Das wiederum ist völlig ungestaltet geblieben. Wenn es so beabsichtigt war, machte die Lustlosigkeit der Serienmacher alles zunichte. Irgendwann demnächst werden sie ihn in einem Heimspiel zwei Tore schießen lassen. Und ich weiß jetzt schon, das war es dann, ein vorhersehbares Happy End, das nicht mehr ist als der bemühte Versuch ein paar lose Erzählfäden mit heißer Nadel zusammenzustricken.

Im Sturm des Knöchels – Folge 6  Das Ende einer Fortsetzungsserie

Nun haben die Macher der Fortsetzungserie um den talentierten und ehrgeizigen Fußballspieler Manasseh Ishiaku  gerade noch einmal die Kurve gekriegt. Zwei Folgen der Serie sind nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf den Markt gekommen. Das war keine Überraschung, mangelte es den Produzenten doch am Einfallsreichtum, um ansprechende Geschichten für diese Folgen zu finden. Die erste Einwechslung in einem Bundesligaspiel ohne wirklichen Höhepunkt. Dazu hatte man das Auswärtspiel des 1. FC Kölns  gegen Hertha BSC Berlin ausgewählt. Die Einwechslung geschah in der 74. Minute, und natürlich strahlte Ishiaku sofort Gefahr im Angriffsspiel der Kölner aus. Das war soweit vorhersehbar und konnte noch als Anlauf für den wahren Höhepunkt in der nächsten Folge durchgehen. Doch welch vergebene Chance in dieser nächsten Folge, in der man Ishiaku sogar für eine ganze Halbzeit auf den Platz schickte. Im Heimspiel der Kölner gegen Hamburg kam er in der 46. Minute und wieder ging von ihm Gefahr aus. Das war wiederum nicht überraschend, das kannte man und weil nichts anderes erzählt wurde, verpuffte diese Folge im Nichts der Langeweile. Ishiaku änderte nichts an den zwei Niederlagen, obgleich auf den persönlichen Erfolg Ishiakus alle Fans der Serie seit Wochen warten.

Erst in dieser dritten Folge seit seiner Gesundung haben es die Macher der Serie endlich begriffen. Zuschauererwartungen darf man nur dann enttäuschen, wenn kurze Zeit später ein sehr viel imposanterer und beeindruckenderer Einfall der Geschichte eine dann auch wirklich überraschende Wendung gibt. Diese Regel von Fortsetzungsgeschichten missachtet man nicht ungestraft. Nur die treuesten Fans halten dann einer Serie noch die Stange. So sind zwar die Kölner unter den Fans unserer Serie ganz begeistert über die letzte Folge. Wir Zuschauer ohne “kölsches Hätz” aber müssen sagen, das war es nun. Die letzte Anstrengung der Macher erfüllt nur noch die mindesten Anforderungen an Spannung und Wohlgefühl der Show. Im Auswärtsspiel gegen den VfL Bochum wurde Ishiaku in der 82. Minute eingewechselt. Die Macher hatten sogar den Blick auf die Zuschauer geworfen und ließen diese vehement nach ihm rufen. So war es mehr als vorhersehbar, dass er in diesem Spiel tatsächlich den Siegtreffer nach 5 Minuten Spielzeit erzielen konnte. Auch das Freudenmotiv seines Saltos wurde wieder hervorgeholt. Aber die Vorarbeit zum Tor lieferte ein ganz anderer. Ishiaku brauchte nur einzuschieben. Welch müheloses Tor wurde ihm da auf den Leib geschrieben. Das hätte uns vor zwei, drei Wochen vielleicht noch mitgerissen, am letzten Wochenende aber kam diese letzte Anstrengung der Serienmacher für ein Happy End zu spät. Mein Rat: Beschränkt euch auf das Absatzgebiet um Köln. Dort hat die Serie vielleicht noch Chancen. Der Kölner kauft ja alles, sobald da nur irgendwas entfernt an den Dom erinnert, selbst wenn es nur ein imaginärer Dom im Herzen einer Serienfigur wie Ishiaku sein sollte.  Überlassen wir also Manasseh Ishiaku endgültig dem Kölner Publikum und wünschen den Machern der Serie viel Glück.

Wer ist der Schreck vom Niederrhein? Nur der MSV!

Berlin? Berlin? Fahren wir nach Berlin? Welch guten Fußball spielt der MSV Duisburg, wenn es der Mannschaft gelingt, tatsächlich nur an das eine Spiel zu denken. Drei, vier Wochen war die Leichtigkeit des Spiels verloren gegangen. Drei, vier Wochen waren die Blicke vielleicht zu sehr auf die Zukunft gerichtet? Drei, vier Wochen hatte die Aussicht auf ein Saisonende mit einem überraschenden Erfolg vielleicht die Mannschaft gehemmt? Gestern Abend war die Leichtigkeit wieder da. Gestern Abend sahen wir, warum der MSV Duisburg in der Zweitliga-Tabelle mit 30 Punkten auf dem fünften Platz steht. Die Mannschaft war sich ihres schnellen Kombinationsspiels wieder sicher. Die Spielanlage war wieder variabel. Und schon hob Stefan Maierhofer nicht mehr viel zu oft den Arm für das gewünschte Anspiel.

Natürlich muss man auch sagen, dass der 1. FC Köln bei weitem nicht so gut gespielt hat wie am letzten Freitag der VfL Bochum. Diese Mannschaft des 1. FC Köln wirkt in allen Teilen verunsichert. Gestern besaß sie eine Verteidigung, in der immer wieder unglaubliche Fehler passierten. Ich kann den Ärger der Kölner Zuschauer verstehen. Wenn es denn wenigstens Fehler in der Bedrängnis wären. Aber die Ecke, die zum Tor von Stefan Maierhofer in der 3. Minute führte, war ein Geschenk des 1. FC Köln. Das soll jetzt aber nicht heißen, der Sieg des MSV Duisburg sei alleine durch die schlechte Leistung der Kölner ermöglicht worden. Nein, das gute Spiel des  MSV Duisburg hat selbstverständlich auch den 1. FC Köln so schlecht aussehen lassen.

Der Warnhinweis für auswärtige Zuschaer im Block N14 war im Übrigen   keineswegs übertrieben. In dem Block lebt die Hooligan-Tradition der 90er munter weiter. Was uns bewog, in der Halbzeitpause per Schalausweis die Grenzkontrolle zum Nachbarblock zu überwinden und dort im Schutz der Zebraherde erst wirklich auf das zweite Tor des MSV Duisburg zum Sieg zu hoffen. In der ersten Halbzeit war ich  jedenfalls angesichts der weiteren Chancen des MSV Duisburg in große Gewissenskonflikte gekommen. Ob der Sicherheitsdienst so schnell bei uns gewesen wäre, um uns bei einem weiteren Treffer gegen den FC zu schützen, schien mir eine offene Frage zu sein. Schon der frühe Führungstreffer durch Stefan Maierhofer in der 3. Minute war für die Reihe vor uns nicht nur ein Ärgernis sondern eine Provokation, die wir mit verursachten. Dabei konnten wir uns gar nicht mal übermäßig freuen, weil wir eben erst unseren Platz eingenommen hatten. Die Anreise aus dem rechtsrheinischen Köln war gestern ein Glücksspiel, weil sich „Personen in den Gleisanlagen“ der Hohenzollernbrücke aufgehalten hatten und der S-Bahn-Verkehr Richtung Deutz über vierzig Minuten eingestellt war.

Der Anpfiff mit zehnminütiger Verspätung kam uns also zugute. Die Aggression im Stadion war allerdings nicht nur in unserem Erste-Halbzeit-Block spürbar. Es schien so, als wollten Anhänger des FC nahezu überall ihre sehr schlechte Laune mal so richtig rauslassen. Für viele dieser Menschen war es geradezu ein segensreiches Geschenk, dass so viele Duisburger Zuschauer ins Stadion gekommen waren. Da hatten sie wenigstens ein weiteres Feindbild. Unter den Kölner Zuschauern war aber so viel Hass in der Luft, dass er nicht mal an Duisburger Zuschauern und durch Spielerbeschimpfung abgearbeitet werden konnte. Ununterbrochen wurden auch Feinde in den eigenen Reihen entdeckt, und weil es kostenaufwändig ist, Plexiglaswände um jeden Einzelplatz der Kölner zu ziehen, kam es immer mal wieder zu irgendwelchen Rangeleien. Die Arbeit beim Ordnungsdienst des Kölner Stadions scheint mir im Moment keine einfache zu sein.

Natürlich kenne ich in Duisburg Zuschauer ähnlichen Zuschnitts, doch habe ich den Eindruck, es gibt im Kölner Stadion mehr Menschen, die große Lust am sichtbaren Ausleben ihrer Aggression verspüren. Da ist nichts mehr vom gemütlichen Kölner-Sein vorhanden. Da lässt sich eine dunkle Seite der Stadt erkennen, über die sonst wenig Worte verloren wird.

Zurück zum Spiel. Dass es ab der 75. Minute noch einmal spannend wurde, lag einmal mehr an der Chancenverwertung des MSV Duisburg. Welch große Chancen erspielte sich diese Mannschaft. Doch Srdjan Baljak fehlt im Moment jegliche Sicherheit beim Abschluss, und Olcay Sahans Torgefährlichkeit ist nun auch keine beständige. Beim Pfostentreffer gelingt ihm der Schuss noch gut, wenige Minute später war so ein Schuss mal wieder mehr eine Rückgabe zum Torwart. Aber ich habe gelernt damit zu leben, schließlich spielte er gestern wieder ansonsten sehr gut. Julian Kochs Tor zum 2:0 hat für mich alle Zutaten einer für ihn typischen Spielaktionen. Dieser dynamische Antritt, das Vorantreiben des Balls und das sofortige Nachgehen, wenn dieser Ball für den ersten Moment verloren scheint. Großartig! Einmal mehr.

Ab der 75. Minute war der Mannschaft anzumerken, wie anstrengend das Spiel bis dahin gewesen ist. So viele Konter schnell zu laufen kostet Kraft, und deshalb ist es doch auf mittlere Frist sehr sinnvoll, noch ein Tor mehr aus so vielen Chancen zu machen. In dieser Spielphase drohte die Ordung in der Defensive immer wieder verloren zu gehen, zumal der ein und andere Fehler von Bruno Soares für Unruhe sorgte. Er soll den Ball nicht wegschlagen, sicher, aber manchmal kommen dann so Aussetzer und dann gibt er ihn einfach wieder weg. Das hat mich schon sehr nervös gemacht. Wahrscheinlich habe ich deshalb auch für etwa eine Minute gedacht, der von Lukas Podolski im Strafraum geschossene Freistoß sei ins Tor gegangen. Ich sah ein Netz sich ausbeulen, guckte auf den Boden und mir ging durch den Kopf, ob noch genug Kraft vorhanden sei, sich gegen den Ausgleich zu stemmen. Dann sah ich wieder nach oben und wunderte mich nur kurz, wieso David Yelldell den Ball schon wieder abschlug. So schnell war der Anstoß ausgeführt worden? Und der wurde in die eigene Hälfte zurückgespielt? Erst nach dem Abstoß fiel mein Blick auf die Anzeigetafel und die weiterhin bestehende 2:0-Führung. Anscheinend braucht nicht nur die Mannschaft die Winterpause, auch ich muss meine Kräfte erneuern, um mir im neuen Jahr mit der Konzentration des Saisonanfangs die Spiele anzusehen.

Als das Anschlusstor dann wirklich fiel, war ich deshalb gar nicht mehr beunruhigt. Ich bangte nicht um den Sieg. Ein irrationaler Moment. Mit Wahrscheinlichkeit hatte das alles nichts zu tun, sondern nur mit der Hoffnung, dass alles gut ausgeht und dem Gefühl, die Kölner Mannschaft war zu planlos. Allenfalls hätte sich ein zufälliger Ausgleich noch ergeben können. Großer Jubel beim Schlusspfiff, und genügend Plexiglasscheiben zwischen mir und den hasserfüllten Idioten, um ausgiebig in der Zebraherde die Mannschaft und uns selbst zu feiern. Heute nun schwinge ich immer noch ein wenig in der Stimmung bei allen letzten Weihnachtsvorbereitungen und bedauere den 1. FC Kaiserslautern. Ein unglückliches Viertelffinal-Los für die Mannschaft. Denn mit großer Wahrscheinlichkeit wird beim Nachholspiel im Januar nun nämlich TuS Koblenz weiterkommen. Im anderen Fall gäbe es ja für den MSV Duisburg in der nächsten Runde des DFB-Pokals ein Heimspiel, und wir kennen alle das eine der neueren Pokalgesetze. Auf dem Rasen des Duisburger Stadions herrscht striktes Pokalspielverbot, das andere heißt ja, zwei Zweitligavereine kommen in dieser Saison ins Finale.

Mal wieder kölsches Lebensgefühl

Der Kölner glaubt gerne, dass das Leben ihm grundsätzlich gewogen ist. Das ist eine sympathische Eigenschaft, mit der man in viel besserer Laune seine Tage verbringt. Von außen betrachtet wirkt dieser Grundoptimismus aber oft  wie Größenwahn und Selbstverliebtheit. Ich verstehe das. Ich bin beides:  drinnen und draußen. Kölner und Duisburger. Normalerweise. Wenn es hart auf hart geht, bin ich allerdings nur draußen. So fühlt sich das Leben eines um Integration bemühten Immigranten der ersten Generation an.

Da denke auch ich, wo bleibt euer Respekt, ihr Kölner, und ich denke, euch werden wir (!) es schon zeigen, wenn ich bei Radio Köln lese, wie dort die Meldung zur Auslosung der nächsten Runde im DFB-Pokal betitelt wird: „FC im Losglück: Zuhause gegen Duisburg“. Gerade Lokalradios sind natürlich der städtischen Identität des Standortes auf besondere Weise verbunden. Es gehört praktisch zum Geschäftsmodell, zum Selbstbewusstsein und Heimatgefühl der Hörer beizutragen.

Deshalb kann ich inzwischen wieder schmunzeln über diese Erfolgsgeschichte, die Radio Köln über den FC schreibt und bei der der MSV Duisburg ungeachtet der bis zur Auslosung erlebten Wirklichkeit benutzt wird, um gute Laune zu haben. Mit Frank Schaefer gibt es eben einen neuen Trainer, dem Kraft seiner nahezu berufslebenslangen FC-Verbundenheit die Sympathien zufliegen. Da rumpelt die von ihm übernommene Mannschaft einen Tag nach seinem Arbeitsbeginn in die nächste Pokalrunde, und am folgenden Spieltag der Bundesliga gibt es endlich auch dort eine gute Leistung, die sogar mit einem dramaturgisch perfekt inszenierten Sieg endet.  Soll dann etwa ein Gedanke an die Spielstärke des MSV Duisburg stören?  Auf keinen Fall. Die Mannschaft spielt eine Klasse tiefer, es gibt ein Heimspiel. Das reicht, um das Lebensglück eines am 1. FC Köln interessierten Menschen in diesen Tagen zu vollenden. In der übrigen Presselandschaft der Stadt Köln wurde die Pokalauslosung allerdings nicht als Sahnehäubchen des Lebensglücks benutzt.

Natürlich hätte es der 1. FC Köln schwerer treffen können. Es bleibt aber weiter ein Problem der Stadt Köln, dass Radio Köln mit der Wertung zur Pokalauslosung das Grundempfinden dieser Stadt eher widerspiegelt als die anderen Medien mit ihrer nüchternen Berichterstattung. Auch wenn der Einsturz vom Historischen Archivs der Stadt Köln im März 2009 dieses Grundempfinden beschädigt hat, bleibt die etwas zu rosige Sicht auf die Dinge im Alltag Kölns sehr lebendig. In Duisburg ist es übrigens genau umgekehrt. Die Stadt könnte etwas mehr Selbstbewusstsein vertragen. Manchmal vermisse ich dort tatsächlich das rosige Kölngefühl. Gründe für diese Farbe erlebe ich nicht nur bei meiner Arbeit rund um die Kultur in Duisburg immer wieder.

Im Moment interessiert mich dieses Pokalspiel des MSV Duisburg in Köln nicht mehr sehr. Ich weiß, ich werde es mir ansehen, vorher mit Duisburger und Kölner Freunden vielleicht ein Kölsch trinken und vor dem Stadion werden sich Wege trennen. Aber mehr lässt sich jetzt nicht sagen. Denn wie beide Mannschaften in den nächsten Wochen auftreten werden, bleibt etwas ungewisser als noch vor einer Woche. Ob der 1. FC Köln seine einmal gefundene  Stärke öfter zeigen kann, ist ebenso eine offene Frage, wie die, ob der MSV Duisburg mit der Genesung von Srdjan Baljak wieder zurückfindet zu den vor dem Spiel gegen Fortuna Düsseldorf gezeigten guten und sehr guten Leistungen.

Der einzig mögliche Endspielort

Hat es ein offizielles Auswahlverfahren für den Spielort des DFB-Pokalfinales der Frauen geben müssen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es fraglich war, ob irgendeine der sich bewerbenden Betreibergesellschaften der Stadien die organisatorischen Anforderungen des DFB nicht erfüllt hätte. So ein DFB-Pokalfinale ist ja keine Fußball-WM. Da hätten die Verantwortlichen beim DFB auch sagen können, das Pokalfinale macht ihr jetzt in Sowiesostadt und wir sind sicher, das kriegt ihr hin. Dennoch wollten die Verantwortlichen beim DFB ein Auswahlverfahren. Es musste also um noch etwas anderes gehen, was die Entscheidung beeinflusste, und das scheint mit der Unsicherheit beim DFB zu tun zu haben, ob die Idee von einem eigenständigen Pokalendspiel der Frauen wirklich eine gute Idee ist. Der Zuschauer des Frauenfußballs ist nämlich ein unbekanntes Wesen.

Das aufwändige Auswahlverfahren hätte sich der DFB allerdings sparen können, wenn er meinen Nebenerwerbsbetrieb Consulting in Anspruch genommen hätte. Die einzig mögliche Stadt Deutschlands, in der ein Pokalendspiel der Frauen überhaupt eine Chance hat als eigenständige Veranstaltung zu einem besonderen Ereignis zu werden, ist nämlich Köln. Das von mir skizzierte Szenario hätte dann so ausgesehen: Wir wissen, es gibt nur kleines Stammpublikum des Frauenfußballs. Gleichzeitig ist aber auch ein flüchtiges, ereignisorientiertes Publikum vorhanden, das der DFB als Veranstalter gewinnen muss. Zu den Spitzenvereinen der Frauenbundesliga kommen durchnittlich vielleicht 2000- 3000 Zuschauer. Einzelne Länderspiele oder etwa das UEFA-Cup-Endspiel in Duisburg machen aber Hoffnung, dass besondere Spiele eine weitaus größere Attraktivität für Zuschauer besitzen können.

Welches Publikum kommt nun zu den besonderen Spielen des Frauenfußballs? Es kommen auf jeden Fall zu wenig eingeschworene Fans, die eine weite Reisen auf sich nehmen. Erschwerend kommt hinzu, viele Fans des Männerfußballs schätzen den Unterhaltungswert des Frauenfußballs weiterhin als gering ein. Man lese nur als ein beliebiges Beispiel einige der Kommentare zu diesem Artikel in der taz, der nach dem 7:0-Sieg des FCR 2001 Duisburg im diesjährigen Pokalendspiel das Zuschauerinteresse im Frauenfußball zu beleuchten versucht. Es kommen also Menschen, die mit dem Besuch des Stadions etwas Besonderes erleben wollen und für die der Fußball der Frauen ein Mittel zum Zweck ist. Diese Menschen werden wahrscheinlich in der Region gefunden werden müssen.

In Köln nun sind die Einwohner der Stadt immer auch gerne dazu bereit, ein Geschehen, das innerhalb der Stadtgrenzen stattfindet als weiteres Zeichen der Besonderheit Kölns zu deuten. Mehr noch, indem Kölner an einem möglichen besonderen Ereignis teilhaben, wollen sie diese Besonderheit spüren und erleben, sie möchten aber auch aktiv zur Besonderheit beitragen. So entsteht eine sich selbst verstärkende Dynamik. Die Zeichen der Besonderheit werden freudig begrüßt und stolz gezeigt. Einen Teil dieser Besonderheit Kölns macht das Feiern aus und das Gefühl, sich mit den anderen Kölner in diesem Wohlgefühl des Kölner-Seins eins zu wissen.

Es gibt keine Stadt in Deutschland, in der so viele Musikgruppen existieren, die nichts anderes als dieses Kölner-Sein besingen. Denn Kölner wollen sich selbst und der Welt zeigen und davon bestätigend hören, welch leichte Lebensart in dieser Stadt möglich ist. Sie wollen zeigen, dass Kölner zu feiern verstehen und dass das Wichtigste an Köln der Kölner selbst ist. Erst sein „Hätz“ und sein „Jeföhl“ machen aus Köln einen so lebenswerten Ort. Das hat sich, so meine ich, in den letzten zwanzig Jahren verselbstständigt. Die Heimspiele des FC sind immer ein Ereignis  eine halbe Stunde vor dem Anpfiff. Immer! Das Spiel selbst ist das nur manchmal. Beim Köln-Marathon wird am Straßenrand ein „Pittermännchen“ aufgemacht, um die Läufer, aber immer auch sich selbst zu feiern. Oder das Verhältnis Kölns zum Christopher Street Day. Auch diese Veranstaltung ist für viele Kölner keine schwul-lesbische Angelegenheit sondern eine Demonstration, welch grandioses Feiern in Köln möglich ist. Und das Literaturfestival  lit.cologne ist auch deshalb so erfolgreich und gut besucht, weil die Veranstalter von Anfang an das Atmosphärische des Köln-Gefühls als sinnstiftend für die Lesungen aufgegriffen haben.

Das  Selbstbild der Kölner wird auch bei Zugereisten, den Immis wie mir, wirksam. Das ist die Kraft von Kultur. Als Bewohner dieser Stadt komme ich nicht umhin, auf die sich zuweilen zum Größenwahn steigernde Kölner Selbstverliebtheit zu reagieren. Bin ich auf einer solchen besonderen Feier, bei der diese Selbstverliebtheit wieder überschwappt, werde ich ergriffen, wenn ich nicht gehe. Selbst in ironischer Brechung bleibt das Selbstverständnis von Kölns Besonderheit lebendig. Einer steht auf der Bühne und gibt vor, dass es das alles so nur in „Kölle“ gibt und wir im Publikum stimmen lachend mit ein. Ganz ernst nehmen wir das nicht, aber ein bisschen ernst schon. So werden wir hier in Köln alle Kölner mit der Zeit, egal woher wir kommen.

Deshalb war die Wahl des DFB eine gute Wahl. Für den Kölner könnte es zu einer Art Selbstverpflichtung werden, das Pokalendspiel zu jenem besonderen Ereignis zu machen, das Köln angemessen ist und das er von seiner Stadt erwartet. Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung wäre das, denn solch ein Pokalendspiel der Frauen, dat jibbet nur, nur, nur in Kölle.

Was am Karneval feiern in Köln schlimm sein könnte

Eins könnte gewiss ganz schlimm sein am Karneval feiern in Köln, wenn mir nicht die schon erwähnte Nachsicht und der Großmut zu eigen wären. Das will ich am Morgen des erhofften sicheren 3:1-Sieges über den TSV 1860 München noch erzählen, und dann ist aller Voraussicht nach aber auch Schluss mit dieser ganzen Brauchtumserklärerei.

Neben dem, was schlimm sein könnte, gibt es natürlich nicht wenig, was wirklich schlimm ist.  Die Polizeistatistik des Freitagmorgens oder die Bläck Föös in der Süddeutschen Zeitung vom Samstag geben einen Eindruck davon, warum ich die Kölner Innenstadt an den Karnevalstagen seit Jahren großräumig umfahre. Das  hat jedenfalls nicht nur mit dem dort das Fahrradfahren sehr behindernden Glasscherbenmeer zu tun. Wer mich also fragt, Karneval feiert man am besten in seinem Veedel. Das ist entspannt, unbeschwert und dennoch ausgelassen. Für die Karnevalsexzesse der Innenstadt reichen meine Nachsicht und mein Großmut längst nicht aus.

Beides allerdings brauche ich, gepaart mit Gelassenheit, dennoch beim Feiern und zwar weil das Karneval feiern zu einem großen Teil auch bedeutet, textsicher jedes angestimmte Lied mitzusingen. Grundsätzlich ist das die reine Freude. Es lässt auch mich so gefühlsduselig über Köln werden, wie es der eingeborene Kölner ja ohnehin grundsätzlich ist. Selbstverliebt glaubt der ja allen Ernstes, dat alles, was er gerade so wunderbares erlebt, „et so nur, nur, nur in Kölle jibt“.

Im zeitgenössischen Liedgut des Kölner Karnevals macht sich diese Selbstverliebtheit seit ein paar Jahren unangenehm bemerkbar. Ganz im Gegensatz zur textlichen Vielfalt des klassischen Karnevalsschlagers der 20er bis 60er Jahre gibt es in der Gegenwart eine thematische Verengung beim Karnevalsschlager. Als Auslöser für überbordende Heimatgefühle gibt es den Dom, das Kölsch, kölsche Mädcher und den FC. Und hier erhält ein MSV-Fan im Kölner Karneval eben reichlich Gelegenheit seine Nachsicht und seinen Großmut tatsächlich auf die Probe zu stellen. Wenn mal wieder so ein selbstverliebtes Nirjendwu-suns-iset-su-schön-wie-in-Kölle-am-Rhing-Lied angestimmt wird, heißt es natürlich mitsingen. Aber wenn solche Strophen als deutlicher Versuch mich zu einer hier vorherrschenden Leitkultur zu bekehren angestimmt werden, lächel ich in die Runde und stelle mir für einen Moment zum Beispiel das Tor von Markus Daun beim ersten Spiel des FC unter Christoph Daum vor.

Diese Erinnerung passt auch deshalb so wunderbar, weil ich den sagenhaften 3:1-Sieg im Dezember 2006 inmitten von FC-Fans spielfeldnah auf Höhe der Mittellinie bejubeln durfte. Als einziger sprang ich in dieser Menge jeweils hoch. Und wo mich beim ersten Tor noch gönnerhafte Blicke trafen, nach dem Motto, mal sehen, wer zuletzt lacht, gab es nach meinen impulsiven Aufspringen nach dem dritten Tor schon leicht feindselige Blicke mit dem unausgesprochenen Vorwurf, ich würde meine Freude wohl als Provokation zelebrieren. Stimmte natürlich überhaupt nicht, sondern entsprach einfach meinem Grundgefühl, eines der besten Erlebnisse in meinem ganzen MSV-Fan-Leben mitzumachen.

Gelandet bin ich in dieser FC-Fan-Masse übrigens, weil ich ansonsten ein Beispiel für gelungene Integration bin. Die Grundlage für den kölschen Klüngel, wir kennen uns, wir helfen uns, weiß ich nämlich zu schätzen und nehme gerne die angebotene zweite Tribünendauerkarte des Kölner Freundes und FC-Mitglieds an, wenn der MSV mal wieder hier vor Ort spielt.

Ich hoffe natürlich, heute wird weiter daran gearbeitet, dass das möglichst bald wieder geschieht. Wie es so aussieht, muss der Verein aller Vereine dazu aber aufsteigen. Denn der FC festigt ja gerade seinen Platz im Mittelfeld der Tabelle. Ich hoffe also wider besseren Wissens weiter und übe mich statt des Stadionbesuchs wie angekündigt in Sangesfreude und Schunkeln am Straßenrand. Nachsicht und Großmut werden mir dabei natürlich erneut bei allerlei FC-Bejubel-Textstellen helfen.

Heute in Heimatkunde: Die Kölner Mentalität

Manchmal erheitert mich selbst die flüchtige Lektüre von Zeitungen am Morgen so sehr, dass ich schon zu dieser frühen Stunde weiß, heute ist ein guter Tag.  Werden im Sportteil des Kölner Stadt-Anzeigers doch durch die Spieler-Kurzkritiken zum gestrigen Länderspiel ganz subtil, durch ein einziges Wort, die Erinnerungen an für Köln bedeutsame historische Ereignisse wachgehalten. Gleichzeitig erlebt man durch dieses einzige Wort, dass Geschichte keineswegs etwas ist, was einmal geschehen ist und von dem dann nur noch erzählt werden muss. Auch in der Sportvergangenheit geht es, je länger die Ereignisse zurückliegen, immer auch um Deutung. Natürlich handelt es sich in diesem Fall um das Schicksal von Lukas Podolski. Aus Kölner Perspektive, und nur diese zählt meist in Köln, kann man dieses Schicksal nur noch tragisch nennen, und allmählich kristallisiert sich heraus, wer an diesem Schicksal Schuld hat:

„Die deutsche Mannschaft in der Einzelkrititik

….
Lukas Podolski:
Der Zwangs-Münchner zeigte viel Einsatz, aber auch ungewohnte Ballfehler.“

Kölner Stadt-Anzeiger, Nr 242, 16. Oktober 2008

Ich muss gestehen, inzwischen hat die kontinuierliche Berichterstattung aus Kölner Perspektive über Lukas Podolski allmählich auch bei mir eine Wirkung. Ich sehe inzwischen auch, wie sich dieser Münchner Stoßtrupp in Lederhosen-Kampfanzug und mit Seppl-Sturmhauben an das Vereinsgelände des 1. FC Kölns angeschlichen hat. Und ich bin mir auch sicher, dass ein Mann dieses Stoßtrupps das Gespräch mit dem kleinen Lukas suchte und ihm ein paar Bonbons versprach, wenn er nur mitkomme. Doch Lukas wusste, er durfte von fremden Männern nichts annehmen und wollte wegrennen. Da sind dann alle anderen Männer aus dem Dickicht hervorgestürzt und haben sich auf ihn geschmissen. Die lauten Schreie von Lukas haben zwar noch seine Kölner Freunde alarmiert. Doch gegen die Übermacht konnten sie nichts machen. Unter Tränen mussten sie zusehen, wie der verzweifelte Lukas am Militärring in einen Mannschaftsbus geschleppt wurde. Seitdem muss er nun Dienst unter dieser so entseztlichen Münchner Herrschaft leisten. Damit ihr es auch im Ruhrgebiet endlich begreift: ER HAT ES NICHT GEWOLLT, DER LUKAS. DAT ISS NE KÖLSCHE JONG! So viel historische Wahrheit muss sein, damit wenigstens das Verhältnis zwischen Duisburg und Köln nicht so vor die Hunde geht wie das zwischen diesem Zwangssystem im Süden und der freien Welt am Rhein.


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