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Von wendigen Ochsen und dem Kom’ma-Theater

Der Trainer der SG Sonnenhof Großaspach, Uwe Rapolder, ist schon so lange im Geschäft, dass er manchmal Dinge sagt, die für junge Sportreporter der öffentlich-rechtlichen Sender nicht sofort verständlich sind. Den Ochsen etwa mit seinen Stärken kennen vielleicht wir Älteren noch aus den Tagen der eigenen aushilfsweisen Feldarbeit beim Bauern an der Ecke. So ein junger Kerl aber wird sich bei dem Wort  höchstens an seine Kindheit erinnern, als er mit den Eltern in der Vorweihnachtszeit immer Ox und Esel gesehen hat, jenes so erfolgreiche Kindertheaterstück von Norbert Ebel, in dem die zwei Nebenfiguren der Weihnachtsgeschichte die Hauptrolle spielen. Wenn Uwe Rapolder also vor und nach dem Spiel die zwei Stürmer des MSV Duisburg anerkennend Ochsen nennt, rätselt so ein Reporter wahrscheinlich, welche der vielen Spieler des MSV Duisburg früher mal unbeachtet in einem Stall herumgestanden haben und nun eine große Rolle spielen. Schließlich lassen Anfangsaufstellungen angesichts der taktischen Variabilität der Spieler heutzutage keinerlei Rückschlüsse mehr auf die eigentliche Position der Spieler zu.

So wurde statt Kevin Scheidhauer Zlatko Janjic für SWR– und Sportschau-Reporter neben Kingsley Onuegbu der zweite Ochse im Angriffsspiel des MSV Duisburg, was er nicht nur mit seinem stampfenden ochsengleichen Anlauf vor der Ausführung des Freistoßes in der ersten Minute des Spiels sofort unter Beweis stellte. Der Ball flog so schön angeschnitten Richtung Tor, als folge er einer der präzisen Furchen, die sonst ein vom Bauer geführter Ochse in den Acker pflügt. Doch so eine Furche besitzt immer auch kleinere Ungenauigkeiten und letztlich landete der Ball nur an der Latte. Das Spiel begann also vielversprechend. Eine weitere Kopfballchance folgte, und selbst das Elfmetertor der SG Sonnenhof Großaspach in der 17. Minute beeindruckte den MSV Duisburg nur wenig. Die Mannschaft spielte ruhig weiter und schien sich ihrer Sache sicher zu sein. So möchte ich den MSV Duisburg sehen: Die Spieler wirken selbstbewusst genug, das gesteckte Ziel Aufstieg zu erreichen.

Allerdings war schon in dieser Spielphase erkennbar, warum dieses Selbstbewusstsein im weiteren Spielverlauf Schaden nahm. Der lange Ball war schon in dieser Anfangszeit das zuweilen gewählte Mittel zur Spieleröffnung. In Variante eins wurde er quer auf den Flügel zu Nico Klotz gespielt. Die Folge: Entweder kam dieser nicht an den Ball oder der Ball ging ins Aus. Variante zwei kennen wir in Spielen mit Kingsley Onuegbu zu genüge. Wir kennen aber auch die Erfolgslosigkeit dieser Variante, wenn der Gegner weiß, das wird das Spiel des MSV Duisburg. Erstickt das Spiel des Kings, heißt es dann. Auch der Großaspacher Defensive gelang das dank großer Laufbereitschaft. Das Kurzpassspiel erwies sich gleichzeitig als schwierig, nicht zuletzt auch, weil im Mittelfeld Tim Albutat fehlte, und niemand da war, der den Ball sicher raumöffnend den eigenen Mitspielern zuspielen konnte. Wenn im Mittelfeld aber jeder Pass ein Risikopass zu sein scheint, gehört das Selbstbewusstsein zu den aussterbenden Fußballarten in der Duisburger Flora und Fauna.

Noch aber wurde in dieser ersten Halbzeit versucht, den langen Ball mit dem schnellen Passspiel zu variieren. Entsprechend fiel der Ausgleich durch Zlatko Janjic nach einem Kombinationspielzug. Bei diesem Tor wurde einmal mehr seine spielerische Klasse deutlich. Niemand sonst ist in dieser Mannschaft in der Lage, aus dem Stand ansatzlos so präzise und fest aufs Tor zu schießen wie er. Er muss sich nicht den Ball zurecht legen. Ihm wird schnell zugepasst, er nutzt den kurzen, freien Moment und trifft oft genug ins Tor. Ein wahrer Ochse in dieser schnellen Beweglichkeit.

Der Ausgleich aber schien das Risikobewusstsein der Mannschaft zu stärken. Sie hatten nun diesen einen Punkt zu verlieren, und die Spieler merkten, dass sie den Gegner nicht beherrschten. Sie sahen die eigenen Mängel im Passspiel und konnten sie nicht abstellen. Ein ruhiges Aufbauspiel verschwand zusehends. Als Alternative zum langen Ball boten sich zweimal Konter an. Ich muss mich wiederholen: Beim Konterspiel über die halbe Spielfeldlänge fehlen abgestimmte Laufwege. Improvisation ist immer notwendig. Doch Improvisation ohne Grundstruktur, von der man sich löst, bleibt im besten Fall Stückwerk, im schlechteren Fall droht Chaos.

Das Unentschieden war in der zweiten Halbzeit nicht wirklich gefährdet. Dazu musste der MSV Duisburg sich defensiv aber gehörig anstrengen. Immer wieder kamen lange Pässe bei einer schnellen Spitze der SG Sonnenhof Großaspach an, auch wenn es am Abschluss dann haperte. Für den MSV Duisburg hätte alleine ein Glückstor in der zweiten Hälfte den Erfolg gebracht. Kurz vor dem Abpfiff  gab es zwei Ecken, die noch etwas Hoffnung machten. Beim zweiten Mal nahm Kevin Wolze an der Strafraumgrenze den Ball volley. Diese Eckballvariante war nicht nur schön anzusehen, der Schuss gelang auch sehr gut, nur eben nicht perfekt. Und deshalb fehlte der Körper eines Spielers im Strafraum, der den Ball hätte abelenkt.

Nun lässt sich der zweite Platz der Tabelle zum ersten Mal (?) nicht mehr mit dem nächsten Spiel erreichen. Das Spiel ging nicht verloren. Das ist gut, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Für die Aussichten auf den weiteren Weg ergaben sich Zweifel. Hören wir andererseits Uwe Rapolder in der Pressekonferenz nach dem Spiel, so könnte noch manch andere Mannschaft in Großaspach ihre Schwierigkeiten haben. Gemischte Gefühle bleiben also an diesem Montagmorgen. Gemischte Gefühle, die ein wenig Ablenkung brauchen. Vielleicht mit dem Hinweis, wer Ox und Esel noch nicht gesehen hat, sollte es sich ansehen. In diesem Jahr ist es wahrscheinlich zu spät Karten zu bekommen, aber Weihnachten kommt ebenso wieder wie Ox und Esel. Zumal es in Duisburg die Gelegenheit gibt, das Stück vom Uraufführungsensensbleme des Theaterstücks aufgeführt zu sehen. Das Duisburger Kom’ma-Theater war der Ort seiner Uraufführung. Auch hier wiederhole ich mich nun und mache es in dem Fall gerne, in Duisburg gibt es mit dem ReibeKuchenTheater in der Spielstätte Kom’ma-Theater eines der profilliertesten Kinder- und Jugendtheater dieses Landes – nicht zuletzt daran zu sehen, wieviele über die Jahre erfolgreiche Kindertheaterstücke dort ihre Uraufführung hatten.

Und das noch:

 

Halbzeitpausengespräch: Auf zu „Schiller – sämtliche Werke … leicht gekürzt“ im Kom’ma-Theater

Gestern Abend, Rheinhausen, Kom’ma-Theater. Gegeben wurde „Schiller – sämtliche Werke“. Das war eine Ansage. Nun ja, „leicht gekürzt“. Das steht etwas kleiner gedruckt auf dem Theaterplakat. Allerdings hatte ich das schon vermutet und mit einiger Zuversicht auf einen unterhaltsamen Abend voller Komik gehofft. Diese Zuversicht wurde nicht enttäuscht. Das Publikum im ausverkauften Haus des Kom’ma-Theaters war begeistert und wollte die vier Schauspieler nach der Vorstellung nicht von der Bühne lassen.

Heute morgen muss es schnell gehen, deshalb wird das auch jetzt keine große Besprechung. Ich will nur der Bitte von Hilmi Sözer nachkommen und weitererzählen, wie wunderbar dieser Abend gewesen ist, voll von unterschiedlicher Komik; mit einigen kurzen berührenden Momenten, in denen sich sogar die Tragik der Schillerschen Werke auf der Bühne als Ahnung entfaltete; getragen von einer intelligenten und vielschichtigen Textvorlage, die auf die Duisburger Verhältnisse zugeschnitten wurde und in der virtuos komische Möglichkeiten des Spiels im Spiels genutzt wurden. So gelang es, die Essenz der Schiller-Stücke zu erzählen, Rezeptionsgeschichte einzubinden und in einer karikierten Theaterwirklichkeit der Gegenwart aus deutschen und türkischen Wurzeln der Schauspieler satirische Momente zur Integrations-Debatte zu gewinnen. Ein Spiel im Spiel, wie es gar nicht anders geht, wenn an einem Abend Schiller im Schnelldurchlauf gebracht wird. Die vier Schauspieler, Hilmi Sözer, Uwe Frisch-Niewöhner, Till Beckmann und Nils Beckmann bestachen durch ihre Spielfreude, waren mitreißend,  komisch, ausdrucksstark und variabel in all den notwendigen Gefühlslagen der dargestellten Schiller-Figuren. Noch einmal: großer Beifall.

Wer Besprechungen zur Premiere im April lesen möchte, einmal die Rheinische Post mit einem Klick weiter, einmal WAZ/NRZ.

Hier geht es mit einem Klick weiter zur Seite des Stücks. Dort sind  Kartenvorbestellungen möglich. Einige Restkarten für die Aufführung am 13. Dezember sind noch erhältlich. Hoffentlich wird es im nächsten Jahr weitere Aufführungen geben, damit noch sehr viel mehr Besucher diesen so unterhaltsamen Theaterabend genießen können.

Übrigens wird das andere Theaterstück für Erwachsene „Gerolimenos“, über die drei Labyrinthe-Bauer und deren Lieben  auch noch gegeben. Für den heutigen Abend sind noch Karten erhältlich. Außerdem gibt es eine Vorstellung am 14. Dezember. Zu diesem Stück des Kom’ma-Theater gibt es hier in den Räumen auch eine ausführliche Besprechung.

Halbzeitpausengespräch: Begeisterndes Kom’ma-Theater für das erwachsene Publikum

Als ein Ort für Kinder- und Jugendschauspiel ist das Kom’ma-Theater seit Jahren eine feste Größe in Duisburg. Nun wird das Repertoire  erweitert. Nach einer langen Pause wird wieder erwachsenenes Publikum gesucht und hoffentlich in großer Zahl gefunden. Denn „Gerolimenos“, das erste Stück dieses Neuanfangs, zeigt, welch originelles, frisches Theaterspiel im westlichen Pott möglich ist. Noch muss das weitererzählt werden. Noch blieben bei der Vorstellung am letzten Freitag Plätze frei. Wer das Stück gesehen hat, versteht das nicht.

Die Anfangsszene gibt die Tonlage des begeisternden Abends vor. Auf der karg ausgestatteten Bühne sitzt auf einem Sofa der Usbeke  in Pelzmantel und -mütze, eine Sonnenbrille tragend und strickt. Da macht sich Komik und Groteske sofort bemerkbar, zumal Renate Frisch den Usbeken mit brummiger Stimme,  herbem Charme  und slawischem Akzent gibt. Der Usbeke wartet auf das regelmäßige Treffen mit Chili und Gerolimenos. Die drei sind Labyrinth-Baumeister und erzählen über ihre Pläne für Projekte sowie das Leben.

Wenn dann Hilmi Sözer als Gerolimenos die Bühne betritt, wird noch etwas sofort deutlich. Die Schauspieler treten auch als Erzähler ihres Erlebens auf und durchbrechen immer wieder die Bühnenrealität. Der Rahmen der Handlung wird von Hilmi Sözer abgesteckt, indem er sich zum Publikum wendet. Die Hauptfiguren werden vorgestellt. Später begleitet die beschreibende Erzählung von Helle Hensen als Chili das Spiel der beiden anderen. Pantomime ersetzt Requisite. Einige Register modernen Theaters werden gezogen. Doch geht es dabei nicht um reine Effekte der Distanzierung und der Komik, letztlich dient alles Bühnengeschehen dazu, im kleinen Raum auch eine große Welt erfahrbar zu machen.

In diesen Anfangsminuten braucht das Stück ein wenig Zeit, um Fahrt aufzunehmen. Dann aber kennt die Spielfreude der drei Schauspieler kein Halten mehr. Die Schauspieler nehmen je nach Handlungsort weitere Rollen an, wechseln eindrucksvoll von jetzt auf gleich zwischen ihnen hin und her, und erschaffen auf der Bühne ein imaginäres schottisches Landgut, wo Geromilenos im Auftrag von dessen Besitzerin und auf Anraten Chilis ein einzigartiges Labyrinth erschaffen soll. Das Labyrinth steht aber auch als Sinnbild für  Gefühle. Schließlich ist in Schottland auf einem Landgut voller Frauen unterschiedlichen Alters mit der Liebe zu rechnen. Denn auch wenn Gerolimenos von sich glaubt, er bevorzuge die reiferen Frauen, kann er sich den Avancen von Elena, der ältesten Tochter seiner Auftraggeberin, nicht entziehen. Für sie scheint die Liebe aber ein Spiel zu sein. Und so zeigen sich neben aller Komik auch kleine berührende Momente.

Der belgische Theaterautors Geert Genbrugge hat für Gerolimenos nicht nur originelle Figuren samt verwickelter Handlung geschaffen. Auch seine Sprache ist besonders. Ungewohnt bildhaft lässt er zuweilen seine Figuren reden, und auch diese Sprache ist Quelle von Komik und Witz. Mit der Auswahl des Stückes beweist das Kom’ma-Theater Mut.  Zuschauer müssen für ein Stück gefunden werden, das weder von einem in Deutschland bekannten Namen gestützt wird, noch dass es sich ins im Ruhrpott beliebte Gegenwarts-Boulevardtheater einreiht mit potttypischen Figuren und Themen. Noch einmal: Belohnt diesen Mut. Erzählt weiter, welch wunderbarer Theaterabend am Kom’ma-Theater mit Gerolimenos zu erleben ist. Welch mitreißende schauspielerische Darbietung Renate Frisch, Helle Hensen und Hilmi Sözer auf die Bühne bringen. Welch neue alte Theaterbühne in Duisburg zu entdecken ist.

Mit einem Klick weiter geht es zu der Seite zum Stück samt Informationen zu Terminen und Kartenbestellung.


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