Posts Tagged 'Kurt Jara'

Advent in den Blogs – Der Fußball-Weihnachtskalender, Tür 6: Mitten in das Schalker Herz

Im Dezember 1977 trat am ersten Samstag des Monats der MSV Duisburg beim FC Schalke 04 an. Es war das letzte Spiel der Hinrunde, und viel erhoffte ich mir nach den Ergebnissen der davor liegenden Jahre nicht. Bei den drei Niederlagen in den Spielzeiten zuvor war der MSV zweimal mit fünf Gegentoren nach Hause gefahren. Andererseits lag eines der beeindruckendsten Spiele der MSV-Geschichte gerade knapp einen Monat zurück. Das war jener legendäre MSV-Heimsieg gegen den FC Bayern München, bei dem Bernard Dietz den MSV nach zweimaligen Rückstand in der 78. Minute mit 4:3 in Führung brachte und als einziger und damit viermaliger Torschütze des MSV bis dahin für die Führung sorgte. Fünf Minuten später brachte ein Tor von „Ronnie“ Worm die endgültige Entscheidung. Das 6:3 von Norbert Stolzenburg war dann noch das Sahnehäubchen in diesem Spiel.

Bis zu diesem kalten Dezembersamstag hatte ich also eine der besseren Spielzeiten vom MSV gesehen, der in meinem jugendlichen Empfinden schon seit Ewigkeiten mein Verein war. Als mein Stiefvater mir anbot, nach Gelsenkirchen zu fahren, war das eine Überraschung. Seine Heimat war Oberhausen, sein Sport war früher der Feldhandball und am MSV-Geschehen nahm er erst Anteil durch mich. Da vor den Heimspielen Schalkes auf der A 42 schnell ein Stau vor der Stadionabfahrt entstand, wollte er früh in Meiderich aufbrechen. Viel zu früh. Problemlos erreichten wir den Parkplatz, der noch so gut wie leer war. Nur vereinzelt schlenderten Zuschauer zusammen mit uns zum Stadion. Die Stadiontore waren noch geschlossen, und die Ordner verteilten sich gerade auf die Eingänge. In den Kartenhäuschen wurde alles getan, nur keine Eintrittskarten verkauft.

In der blau-weißen Schalker Umgebung fiel mein etwa zwei Meter langer MSV-Schal in denselben Farben nicht weiter auf. Ganz im Gegenteil, wie sich herausstellte. Als ich zu einem Kassenhaus laufen wollte, sprach mich ein Mann an. Ob ich mir ein paar Mark verdienen wollte?, fragte er. Eintritt für das Spiel müsste ich auch nicht zahlen, fügte er hinzu und mein Platz befände sich sogar auf der Sitzplatztribüne. Ich müsste nur vor dem Spiel am Eingang die Eintrittskarten der Zuschauer abreißen. Er würde auch dafür sorgen, dass ich auf jeden Fall so früh gehen könne, dass ich zum Anpfiff an meinem Platz sei.

Ich zögerte. Doch aufmunternde Worte von meinem Stiefvater zusammen mit der Aussicht, das erste Mal einen Sitzplatz einzunehmen, gaben den Ausschlag. So stand ich kurz danach an einem Eingangstor. Die Schalker Zuschauer freuten sich am vermeintlichen Blau-Weiß des Schals um den Hals des ungewohnt jungen Kartenabreißers. Für mich sahen die Ordner alle nach Rentnern aus. Aber wahrscheinlich war es damals nicht anders als heute, und auch Männer im mittleren Alter rissen die Karten ab. Nur Sicherheitsunternehmen gab es eben nicht als Sub-Unternehmer, und Fan-Utensilien waren fast immer eine Angelegenheit von Jugendlichen. Deshalb fiel der Schal am Stadioneingang besonders auf. Denn erwachsen waren damals nahezu alle Zuschauer ab Mitte zwanzig.

Besonders wohl fühlte ich mich nicht. Keineswegs wagte ich all den Männern zu widersprechen, die mir väterlich und erwartungsfroh den Schalke-Sieg verkündeten. Dafür hielt sich der Ansturm in Grenzen. Das Entwerten der Eintrittskarten war kein Problem. Kurz vor dem Spiel durfte ich dann mit einer ersten Gruppe von Ordnern zu meinem Tribünenplatz gehen. Er befand sich nahe an einer Kurve, auf dem Oberrang der Tribüne, etwas abseits von den anderen Zuschauern. Unter all den älteren Männern, die sich schon seit Jahren zu kennen schienen, fühlte ich mich einsam. Dieses Fußballspiel des MSV wurde anders als das Gemeinschaftserlebnis Stadion, das ich bislang kannte.

An die erste Halbzeit des Spiels habe ich nur verschwommene Erinnerungen. Ich meine, das Spiel war ausgeglichen, und der MSV gestaltete das Spiel offen. Das Halbzeitergebnis von 0:0 könnte meine Erinnerung bestätigen. In der Pause wurde das Geld ausgezahlt. Ich weiß nicht mal mehr, wie groß die Summe gewesen ist. Zwanzig Mark? Fünfzehn? Als die zweite Halbzeit begann wusste ich allmählich nicht mehr, ob ich vor dem Spiel richtig entschieden hatte. Auf dem Stehplatz hätte es mir mehr Spaß gemacht, das Spiel zu sehen. Andererseits wusste ich, am Montag konnte ich in der Schule eine gute Geschichte erzählen. Und diese Geschichte wurde noch besser.

Das Spiel blieb zwar zäh, aber dann erhielt Kurt Jara etwa Mitte der zweiten Halbzeit in zentraler Position an der Mittellinie den Ball und begann in die gegnerische Hälfte zu dribbeln. Kurt Jara war 1975 vom FC Valencia zum MSV gekommen. Zusammen mit dem Niederländer Kees Bregmann hatte er die Spielkultur des MSV verwandelt. Größere technische Fertigkeiten waren auf dem Rasen ab Mitte der 1970er Jahre zu sehen. An jenem Tag in Gelsenkirchen hielt sich das allerdings in Grenzen. Dafür lief Kurt Jara ungehindert Richtung Schalker Tor und setzte zum Schuss an. Solche Weitschüsse begleitete er mit einer sehr typischen, weit ausholende Armbewegung. In meiner Erinnerung taucht diese Armbewegung immer wieder auf. Dabei weiß ich nicht mal genau, ob ich sie für das Schalke-Spiel nicht aus einem Heimspiel oder aus einem Sportfoto in meine Erinnerung hineinkopiert habe.

Mit Sicherheit weiß ich, Volkmar Groß im Tor der Schalker war bei dem Schuss chancenlos. Dieses 1:0 durch Kurt Jara in der 72. Minute war zugleich der Endstand des Spiels. Unter all den älteren Schalker Herren wagte ich nicht, mich laut zu freuen. So erhielt ich an diesem Nachmittag in Gelsenkirchen neben freiem Eintritt und dem zusätzlichem Taschengeld noch eine überraschende Übung in Selbstbeherrschung. Erst bei der Rückfahrt konnte ich den von mir nicht erwarteteten Auswärtssieg genießen. Und ich begann mich zu freuen über die erste und einzige Siegprämie, die ich als Zuschauer erhalten habe. Eine Siegprämie vom Verlierer, vom FC Schalke 04.

Tür 7 öffnet sich morgen an dieser Stelle.

Der Fußball-Weihnachtskalender ist ein gemeinsames Projekt von @berlinscochise, Zebrastreifenblog, Cavanis Friseur, turus.net, Nachspielzeiten und 120minuten.

Informationen zur Fußballblog-Weihnachtskalender-Idee und eine Liste mit allen bisherigen Türchen, die natürlich fortlaufend aktualisiert wird, findet Ihr hier.

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Das MSV Museum – Die Sammler II

Museums-Verwirklicher         Detlef Luderer, 4. v. l.

Beim Cup der Traditionen gab der MSV Museumsverein einen Eindruck von seinen Aktivitäten. Erste Impressionen von der kleinen Ausstellung zu den vier Pokalfinalen waren im Zebrastreifenblog schon zu sehen.  Nun kommen hier in loser Folge Menschen zu Wort, die sich sich für die Eröffnung eines MSV Museums engagieren. Detlef Luderer gehört zu den Gründungsmitgliedern vom MSV Museumsverein. Er ist einer jener Sammler, die mit ihren Exponaten die Grundlage für eine zukünftige Dauerausstellung bilden. Der Vorsitzende des Museumsvereins Volker Baumann sowie der Sammler Wolfgang Berndsen werden folgen. Zum Interview mit dem Sammler Willi Blomenkamp geht es mit einem Klick.

Zebrastreifenblog: Wann hast du angefangen zu sammeln?

Detlef Luderer: In ganz frühen Jahren war das. Da war ich ungefähr zehn, zwölf. Denn ich hatte das große Vergnügen, in einem Bungalow in Homberg groß zu werden, neben dem Kurt Jara, und der hatte einen Sohn. Mit dem habe ich immer gespielt und bin bei den Jaras rein und rausgegangen. Damals hatte ich schon jede Menge Zeitungen: Sportreport, Stadionzeitungen etc. Irgendwann ist das im jungen erwachsenen Leben in den Karton gewandert und hat sich da zehn, zwölf Jahre allein amüsiert. Dann habe ich das irgendwann mal wieder hervor geholt, und schon war der Bann wieder gebrochen.

Wo bekommst du deine Exponate her?

Von überall – von anderen Sammlern, von ehemaligen Spielern, von aktuellen Spielern, Ebay natürlich, das ist auch klar. Trödelmärkte. Überall gibt es die Möglichkeit, etwas zu finden.

Du bist also immer unterwegs mit dem Blick auf mögliche MSV-Sammelstücke?

Ja, ich war neulich zum Beispiel bei einem ehemaligen Spieler der MSV-Amateure. Der hat mir ein Trikot gegeben von einem Spieler aus der Ersten Mannschaft zu seiner Zeit. Das hatte er selber bekommen.

Das bekommst du dann geschenkt? Du bezahlst aber auch, wenn du etwas unbedingt haben willst?

Genau, manches bekomme ich ohne Geld auszugeben, aber meistens ist das mit einer Gegenleistung verbunden. Die Spieler sind immer scharf darauf, aus ihrer Zeit Zeitungsberichte etc. zu bekommen. Dann kopiere ich die denen und lege denen praktisch einen Ordner an. Oder auch Fotos wollen sie auch immer gerne haben. Und dann kriegt man schon mal ein Paar Schuhe, ein Trikot. Aber Geld gebe ich natürlich auch aus.

Wer das MSV Museum unterstützen will, findet auf der Seite des Museum alle nötigen Informationen. 

Sich erinnern mit dem Umbro-Trikot – Auswärtssiege in Saarbrücken und Schalke

Stefan Naas sammelt MSV-Trikots. Das machen einige Anhänger des MSV Duisburg. Stefan Naas lässt uns aber auf seiner Seite im Netz MSV-Trikots.de am Wachstum seiner Sammlung teilhaben. Die letzte Errungenschaft seiner Sammlung ist ein Umbro-Auswärtstrikot aus der Saison 1977/78. Zu dem Trikot erzählt er eine kurze Geschichte, die eine Frage offen lässt. Denn eigentlich war der Ausstatter der Mannschaft in jener Saison adidas. Wer seine Seite noch nicht kennt, wird sich zudem beim Weiterklicken durch die Sammlung noch an das ein und andere Spieler der eigenen MSV-Vergangenheit erinnern können.

In jener Saison wurde das Trikot zweimal getragen. Es ist ein schöner Zufall, dass ich bei einem dieser Spiele dabei war, und auch ich über diese Auswärtsfahrt bereits eine schöne Geschichte erzählt habe, eine Geschichte, die eine der ersten für mein Fan-Gedächtnis vom MSV Duisburg gewesen ist. Beim 1:0-Auswärtssieg des MSV gegen den FC Schalke 04 habe ich nämlich seinerzeit von diesem FC Schalke 04 als MSV-Fan eine etwas ungewöhnliche und wahrscheinlich nicht beabsichtigte Siegprämie für meine Auswärtsfahrt erhalten.

Ich nutze mal die Gelegenheit, um auf das Fangedächtnis hinzuweisen. Ich hatte es begonnen, um Geschichten zu sammeln, die ihr aus eurem Leben mit dem MSV Duisburg für besonders erinnerwert haltet. Schreibt sie auf, schickt sie mir. Jetzt ist Sommerpause. Da habt ihr vielleicht etwas mehr Zeit. Es reichen auch Stichworte, wenn ihr nicht selbst länger was schreiben wollt. Dann würden wir uns demnächst mal vor einem Spiel des MSV treffen. Ihr erzählt dann. Ich nehme auf und transkribiere.

Knapp 3 Minuten Bernard Dietz im Jahr 1978

Mir ist heute nach wenigen Worten und weiterer Stimmungsaufhellung. Deshalb ordne ich die Bewegtbilder aus dem argentinischen Archivo DiFilm auch nur sehr oberflächlich ein und freue mich, ohne melancholisch zu werden, über Bernard Dietz im Jahr 1978 in Spielszenen sowie bei der Arbeit in seinem Sportartikelgeschäft. Offensichtlich sollte mit diesem Clip „Ennatz“ anlässlich der Weltmeisterschaft in Argentinien vorgestellt werden. Welchem Publikum wird nicht ersichtlich. Vielleicht war es das argentinische TV-Publikum?

Sicher ist das jedoch nicht, weil DiFilm auch auf Quellen außerhalb Argentiniens zugreift. Das Archiv enstand – so weit ich das mit rudimentären Spanischkenntnissen verstehe – aus einer privaten Sammlung und wird weiterhin privat geführt. Die eigentliche Quelle des Clips ist auf der Archivseite nicht angeführt. Zur WM 2010 hatte sich Bernard Dietz für Die Zeit an die WM in Argentinien erinnert. Natürlich endet auch diese Erinnerung mit der 2:3-Niederlage gegen Österreich. An der Pointe mit dem Verweis auf den Österreicher Kurt Jara in der damaligen Mannschaft vom MSV Duisburg konnte der aufzeichnende Journalist nicht vorbei gehen.

Ich hingegen kann beim Erwähnen eines Länderspiels von Österreich gegen Deutschland niemals am Hinweis auf den Komik-Klassiker des deutsch-österreichischen Kabarettisten-Duos Stermann & Grissemann vorbei gehen. „Cordoba – wie es wirklich war“ – auch nach mehrmaligem Sehen einen Klick weiter wert.

Saisonvorbereitung – Fragen aus der 11FREUNDE-Redaktion beantworten

Mitte Juni plingte eine Mail aus der 11-Freunde-Redaktion ins Haus. Die wollten noch ein paar Seiten ihres Quasi-Sonderheftes für die neue Saison füllen, und unversehens stand ich vor der Aufgabe „möglichst rasch“ einen Fragebogen zu beantworten. In Teilen bietet der Fragebogen Vorlagen für Humor bei den Antworten, was die 11-Freunde-Redaktion wohl als Anreiz für den Arbeitsauftrag Wunsch „unterhaltsam sein“ verstanden wissen wollte. Doch natürlich geht es bei solchen Fragen zum Verein der eigenen Zuneigung eigentlich um verdammt ernste Dinge. Den Spagat musste ich erstmal hinkriegen.

Für uns, die wir ab Sonntag das Wort Saisonvorbereitung für knapp ein Jahr wieder vergessen, kommt die Veröffentlichung des Hefts Ende Juli zu spät. Ich vermute jedenfalls, dass dieser Saisonausblick als August-Nummer veröffentlicht wird. Wo sich doch überall zeigt, dass dieser vorgezogene Zweitliga-Start keine sonderlich gute Idee gewesen ist. Ich will euch meine Antworten nicht vorenthalten. Mein Gefühl sagt mir nämlich, in diesem Haus hier kämen sie zeitgleich mit der Veröffentlichung im Print-Magazin viel zu spät. Da ist es längst schon wieder ganz ernst geworden in Duisburg und manch launiger Ton besäße vielleicht Fettnapf-Potential. Alles zu seiner Zeit.

Betretet also ohne Scheu den roten Teppich und kneift die Augen zu, wenn der Wander-Spot euch blendet. Lest unbekümmert weiter. Heute präsentiert der Zebrastreifenblog ohne die freundliche Unterstützung von irgendjemand die exklusive Preview von „11FREUNDE fragt – Kees Jaratz antwortet„.

11FREUNDE: Die neue Saison wird unvergesslich, weil…

Kees Jaratz: … alles so aussieht, als gebe es beim MSV Duisburg nach langer Zeit wieder eine Vorstellung davon, dass im Fußball zwar Siege das Ziel sind, darüber hinaus aber ein Bild innerhalb des Vereins davon vorhanden sein muss, was ihn auch in erfolglosen Zeiten ausmacht. Die souverän herausgespielten Auswärtssiege gegen Fortuna Düsseldorf, Eintracht Frankfurt und den VfL Bochum, sowie die unglaubliche Heimserie von 17 Spielen mit nur einer Niederlage, empfinde ich dagegen als eher nebensächlich.

11FREUNDE: An die alte Saison werde ich mich lange erinnern. Warum?

Kees Jaratz: Siehe oben, erster Satz. Hinzu kommt, es wurde immer wieder schön anzusehender Fußball gespielt. Da waren wir in Duisburg sehr entwöhnt. Zwar konnte dieser Fußball nicht über die gesamte Saison in der Liga gezeigt werden, doch durch die Erfolge im Pokalwettbewerb entstand ein wunderbarer Rhythmus von wechselhaftem Liga-Alltag und Erfolg. Und selbst das  DFB-Pokalfinale endete mit solch einem traumhaften Erfolg, wenn auch den Rest von Fußballdeutschland das wahrscheinlich überraschen wird. Immer wieder wurde ich nämlich von Freunden auf die „hohe Niederlage“ angesprochen, doch mir ging es gut. Der Grund dafür waren die letzten zehn Minuten dieses Finales, in dem der ununterbrochene Gesang von 20.000 Anhängern des MSV Duisburg zu hören war. Zehn Minuten, die die Niederlage vergessen machten. In diesen zehn Minuten drückte sich Identität, Zusammengehörigkeit und ein Bewusstsein von Stärke aus; Stärke, die aus den Menschen selbst kam und zu der kein Gegner notwendig war, der als Feind die Masse einte und niedergemacht werden musste. Das war ein utopischer Moment.

11FREUNDE: Drei Wünsche frei:

Kees Jaratz: Erstens: Ich hätte nichts dagegen, wenn der Dreijahresplan innerhalb von zwei Jahren verwirklicht werden könnte. Muss ich hinzufügen, dass ich meine nebensächliche Vision von oben dazu für eine gute Grundlage halte? Zweitens: Möglichst wenig Samstagsspiele, die sind einfach zu früh für Markteinkauf, zweites Frühstück und so einen Kram. Und wenn, drittens, dann noch der MSV Duisburg sein Auswärtsspiel gegen den FC St. Pauli am Montag bestreiten könnte, dann wird das auch was mit der Saison inklusive der Auswärtsfahrt nach Hamburg.

11FREUNDE: Dein größter Albtraum:

Kees Jaratz: Seitdem Ailton Spieler und Peter Neururer Trainer beim MSV Duisburg waren, kann mich nichts mehr schrecken.

11FREUNDE: Lieblingsspieler im aktuellen Team:

Kees Jaratz: Für Anhänger von ambitionierten Zweitliga-Vereinen mit Dreijahresplänen meist eine schwierige Frage, weil es im Kader nach jeder Saison doch sehr viel Austausch gibt und gerade Lieblingsspieler häufig auch Lieblingsspieler von Fans anderer Vereine werden wollen oder müssen. Lieblingsspieler können also für mich grundsätzlich nur Spieler sein, die ich bei meinem Verein schon mehr als ein Spiel spielen gesehen habe. Bleiben mir bei einem Kader von bislang 27 Spielern 10 zur Auswahl, und da sage ich heute Branimir Bajic, weil er in unaufgeregter Weise eine eindrucksvolle Präsenz auf dem Spielfeld zeigt. Morgen könnte es übrigens auch Benjamin Kern sein.

11FREUNDE: Dein Lieblingsspieler aller Zeiten:

Kees Jaratz: Da komme ich an Kees Bregmann nicht vorbei. Für mich als Jugendlichen, der Amsterdam in den 70ern als ein Versprechen auf Freiheit und cooles Leben ansah, war er der lebendige Beweis, dass an diesem Versprechen etwas dran sein musste. Ein Libero aus Holland, der im eigenen Strafraum die Nerven hat, den Ball mit dem Hintern zu stoppen. Ein technisch perfekter Spieler, der in eben diesem eigenen Strafraum auch mal erst zwei, drei Gegenspieler ausspielt, ehe er den Ball in die sichereren Gefilde des Spielfelds passt. Morgen könnte mein Lieblingsspieler übrigens auch Kurt Jara oder Bernard Dietz sein.

11FREUNDE: Lustigster Fanchoral/Spruch der letzten Saison:

Kees Jaratz: Humor war in Duisburg während der letzten Saison nicht unbedingt nötig. Zu sehr bestimmte die Erleichterung über den sich ändernden Verein die Stimmung. Da wurde zudem weniger mit Worten als mit Bildern gearbeitet, sprich: in die eindrucksvollen Choreografien floss die kreative Energie. Dass die Fans in Duisburg sehr wohl witzig sein können, hatten sie in der Saison zuvor bewiesen, die nur mit Witz und Humor ertragbar war. Wer´s versteht: „Außer Ente könnt´ihr alle gehen!“

11FREUNDE: Das schau ich mir nicht mehr an!  Was müsste passieren, damit Du nicht mehr ins Stadion gehst?

Kees Jaratz: Rückenbeschwerden? Ich kann mir Fußballspiele so schlecht im Sitzen ansehen. Ich brauche ein wenig Raum zur Bewegung, um den Ball notfalls mit ins Tor zu schießen und in Gefahrensituationen dazu beizutragen, dass unsere Verteidiger den Ball im letzten Moment wegspitzeln.

11FREUNDE: Auf dieses Auswärtsspiel freue ich mich besonders, weil :

Kees Jaratz: Auf das Spiel beim SC Paderborn. Da geht es in die angeheiratete Heimat.

11FREUNDE: Unser aktuelles Trikot…

Kees Jaratz: Ich bin nicht so sehr der Mann für modische Details und Applikationen. Hauptsache das Heimtrikot hat blau-weiße Streifen und das Auswärtstrikot ist nicht rosa oder Müllmann-orange. Dann ist alles gut.

11FREUNDE: Als Nachfolger für Udo Lattek schlage ich aus meinem Verein vor:

Kees Jaratz: Vor zwei Jahren hätte ich den damaligen Torwart-Trainer Manfred Gloger vorgeschlagen, der mit seiner rustikalen Art noch sehr im Fußball alter Tage verwurzelt ist. Heute ist er bei Fortuna Düsseldorf angestellt. Milan Sasic könnte den Job sicher auch gut übernehmen. Sein bildhaftes und von der kroatischen Muttersprache eingefärbtes Deutsch macht den Fußball dieser Tage immer sehr anschaulich. Zudem besitzt er trockenen Humor und ein gutes Gespür für Timing. Aber der hat keine Zeit, der muss im Moment auch noch Sportdirektor sein.

11FREUNDE: Im Stadion brauche ich nur Wurst, Bier und…

Kees Jaratz: … keinen Schreihals im Rücken, der bei seinem Ärger über das Spiel immer glaubt und das dann auch in die Welt rausbrüllt, schlechte Leistung habe irgendwas mit der Herkunft von Spielern zu tun.

11FREUNDE: Was unserem Stadion / Klub fehlt ist …

Kees Jaratz: … zur Zeit nur noch ein zweiter linker Verteidiger. Da gibt es zwar noch etwas mehr, aber ich müsste länger ausholen und dazu fehlt jetzt die Zeit.

11FREUNDE: Die Zweite Liga verlässt nach oben  ….

Kees Jaratz: … wahrscheinlich doch erstmal nur eine Mannschaft. Und das ist wahrscheinlich bei allem Favoritenstraucheln in diesem Jahr doch wieder der starke Erstliga-Absteiger Eintracht Frankfurt. Sollte ich eine zweite Mannschaft definitiv nennen, müsste ich doch meinem Herzen folgen und da will ich alten Gepflogenheit gemäß, für den MSV Duisburg nicht das Unaussprechliche nennen. Natürlich werden es die Fürther auch mal wieder versuchen und nicht schaffen. Ob der FC St. Pauli als Wundertüte oben dauerhaft dabei sein wird? Der VfL Bochum auf jeden Fall. Es ist wie immer in der 2. Liga, die Vergabe von Platz zwei und drei sind nicht sonderlich vorhersehbar. Schließlich sehen sich bis auf wenige Ausnahmen die meisten Vereine der 2. Liga mittelfristig auf dem Weg in die Bundesliga. Da kann sich der ein oder andere immer auch überraschend kurzfristig Hoffnung machen.

11FREUNDE: Und nach unten:

Kees Jaratz: Dieses Jahr glauben auch die griesgrämigsten Unken in Duisburg nicht, dass der MSV dabei sein wird. Das war im letzten Jahr noch anders. Der Rest interessiert mich heute erstmal nicht.

11FREUNDE: Relegationsspiele sind super, …

Kees Jaratz: … weil wir alle von der Abstiegsangst gebeutelten noch immer das Entsetzen spüren, wenn am letzten Spieltag in der 90. Minute irgendwo auf einem anderen Platz doch noch so ein blödes Kopfballtor zum Ausgleich fällt und da irgendein Schlunzverein gerettet ist, während der hart umkämpfte Auswärtssieg meines Heldenvereins seinen Sturz auf Platz 16 nun doch nicht aufhält. Dank der Relegationsspiele gibt es aber heute unter den Spielern ein allgemeines Durchschütteln, weil das die Sportdirektoren in den Interviews nach dem Spiel so vorgeben, während wir auf den Rängen unser Schweigen nach einem tiefen Atemzug beenden und mit dem hilfreichen Satz weiter hoffen: „Dann gewinnen wir eben die Relegation.“ Was für den Erstligisten dann ja auch sehr wahrscheinlich ist.

11FREUNDE: Oder doch nicht so super, …

Kees Jaratz: … weil  sich der Verein meiner Zuneigung in einer höllenlangen Zweitligasaison nach einer desaströsen Hinrunde in einer nie da gesehenen Aufholjagd  am letzten Spieltag  durch einen 7:1-Kantersieg gegen den schon lange aufgestiegenen Zufallsabsteiger der letzten Erstligasaison souverän auf Platz 3 schwingt und  wir wissen, dass das alles doch nichts genützt haben wird. Die Relegationsspiele werden entweder ohnehin vom Erstligisten gewonnen, und wenn der unwahrscheinliche Fall einträte, dass unser Verein siegreich aus den Spielen hervorginge, bliebe einfach viel zu wenig Zeit, um einen ausreichend starken Kader für die Erstliga-Saison zusammen zu stellen. 2. Liga, unser Verein käme wieder.

Mitten in das Schalker Herz – Das soll nicht vergessen werden

Nach all den angerissenen Geschichten zum MSV Duisburg vom letzten Sonntag beim Projekt Still-Leben Ruhrschnellweg will ich heute hier eine erste vollständige Geschichte erzählen. Das ist meine eine Erinnerung, die ich auf jeden Fall bewahrt haben möchte. Sie steht hier erst einmal vollständig, um das Projekt und die Archiv-Seite des Gedächtnisses bekannt zu machen. Später wird hier auf solche Geschichten im Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg nur noch verwiesen.

In den 70ern, als Jugendlicher ging ich mit Freunden zusammen zu den Heimspielen ins Wedaustadion. Auch zu einzelnen Auswärtsspielen machten wir uns auf, doch so eine Fahrt in der Clique blieb auf die engere Region um Duisburg beschränkt. Der Besuch der Spiele in Düsseldorf, Uerdingen und Essen war keine Frage für uns. Nach Schalke, Dortmund, Bochum oder Köln fuhren wir schon nicht mehr so selbstverständlich. Wenn aber Erwachsene oder große Brüder sich zur Fahrt mit dem Auto bereit erklärten, nutzten wir auch einzeln die Chance, selbst wenn nicht alle aus dem Freundeskreis mitfahren konnten oder wollten.

Am ersten Samstag im Dezember 1977 fand das Auswärtsspiel gegen den FC Schalke 04 statt. Es war das letzte Spiel der Hinrunde, und allzu viel erhoffte ich mir nach den Ergebnissen der davor liegenden Jahre nicht. Bei den drei Niederlagen in den Spielzeiten zuvor war der MSV  zweimal mit fünf Gegentoren nach Hause gefahren. Andererseits lag eines der beeindruckendsten Spiele der MSV-Geschichte gerade knapp einen Monat zurück. Das war jener legendäre MSV-Heimsieg gegen den FC Bayern München, bei dem Bernard Dietz den MSV nach zweimaligen Rückstand in der 78. Minute mit 4:3 in Führung brachte und als einziger und damit viermaliger Torschütze des MSV bis dahin für die Möglichkeit des Sieges sorgte. Fünf Minuten später brachte ein Tor von „Ronnie“ Worm die endgültige Entscheidung. Das 6:3 von Norbert Stolzenburg war dann noch das Sahnehäubchen in diesem Spiel.

Ich hatte bis zu dem Dezember also eigentlich eine der besseren MSV-Spielzeiten meines noch nicht ganz so langen Fan-Daseins gesehen. Warum mein Stiefvater mir anbot, nach Gelsenkirchen zu fahren, weiß ich nicht mehr. Seine Heimat war Oberhausen, und am MSV-Geschehen nahm er erst Anteil durch meine Mutter und mich. Ich weiß nicht einmal, ob er vor diesem Samstag überhaupt einmal ein Spiel des MSV Duisburg in einem Stadion gesehen hatte. Jedenfalls stand am Samstagmorgen plötzlich die Frage im Raum, sollen wir nach Gelsenkirchen fahren? Da sagte ich nicht nein.

Mein Stiefvater wusste, dass immer wieder bei Heimspielen des FC Schalke 04 auf der A 42 vor der Abfahrt zum Parkstadion ein Stau entstand. Auch für diesen Samstag befürchtete er ihn, und so brachen wir in Meiderich sehr früh schon auf. Viel zu früh. Problemlos kamen wir auf den Parkplatz, wo sich noch kaum Autos befanden, und nur vereinzelt schlenderten Zuschauer zusammen mit uns zum Stadion. Dort waren noch nicht einmal sämtliche Kartenkontrolleure an den Eingängen verteilt und von weitem sahen wir, wie die Kartenverkäufer in den Kassenhäuschen noch geschäftig allerlei andere Dinge erledigten. Nur wenige waren schon dazu bereit, Eintrittskarten zu verkaufen.

In der blau-weißen Schalker Umgebung fiel mein weiß-blauer Duisburg-Schal von etwa zwei Meter Länge nicht weiter unangenehm auf. Ganz im Gegenteil, wie sich dann herausstellte. Ich wollte in Richtung eines Kassenhauses laufen, als mich ein Mann ansprach. Ob ich mir ein paar Mark verdienen wollte?, fragte er. Eintritt für das Spiel müsste ich auch nicht zahlen, fügte er hinzu und mein Platz befände sich sogar auf der  Sitzplatztribüne. Ich müsste nur vor dem Spiel am Eingang die Eintrittskarten der Zuschauer abreißen. Er würde auch dafür sorgen, dass ich auf jeden Fall so früh gehen könne, dass ich zum Anpfiff an meinem Platz sei.

Ich zögerte. Doch aufmunternde Worte von meinem Stiefvater zusammen mit der Aussicht, das erste Mal einen Sitzplatz einzunehmen, gaben den Ausschlag. So stand ich kurz danach an einem Eingangstor. Die Schalker Zuschauer freuten sich am vermeintlichen Blau-Weiß des Schals um den Hals des ungewohnt jungen Kartenabreißers. In meinen jugendlichen Augen sahen die anderen Kartenabreißer alle nach Rentnern aus. Aber wahrscheinlich war es damals nicht anders als heute, und auch Männer im mittleren Alter rissen die Karten ab. Nur Sicherheitsunternehmen gab es eben nicht als Sub-Unternehmer, und Fan-Utensilien waren ausschließlich eine Angelegenheit von Jugendlichen. Deshalb fiel der Schal am Stadioneingang besonders auf. Denn erwachsen waren damals nahezu alle Zuschauer ab Anfang zwanzig.

Richtig wohl fühlte ich mich in meiner Haut nicht. Ich widersprach doch keineswegs all den Männern, die mir väterlich und erwartungsfroh den Schalke-Sieg verkündeten. Dafür hielt sich der Ansturm in Grenzen, und das eigentlich Entwerten der Eintrittskarten überforderte mich nicht. Kurz vor dem Spiel durfte ich dann mit einer ersten Gruppe von Kontrolleuren zu meinem Tribünenplatz gehen. Er befand sich nahe an einer Kurve, auf dem Oberrang der Tribüne, etwas abseits von den anderen Zuschauern. Unter all den älteren Männern, die sich schon seit Jahren zu kennen schienen, kam ich mir ziemlich einsam vor. Dieses Fußballspiel mir anzusehen, wurde so anders als das Gemeinschaftserlebnis Stadionbesuch, das ich bislang kannte.

An die erste Halbzeit des Spiels habe ich deshalb auch nur verschwommene Erinnerungen. Ich meine es war ausgeglichen, und der MSV gestaltete das Spiel offen. Mit dem 0:0 zur Halbzeitpause war ich zufrieden. In der Pause wurde das Geld ausgezahlt. Ich weiß nicht mal mehr, wie groß die Summe gewesen ist. Zwanzig Mark? Fünfzehn? Ich weiß es nicht mehr. Die zweite Halbzeit begann. Ich war wieder auf meinem Platz und wusste allmählich nicht mehr, ob ich vor dem Spiel die richtige Entscheidung getroffen hatte. Auf dem Stehplatz hätte es mir sicher mehr Spaß gemacht, das Spiel zu sehen, andererseits wusste ich auch, am Montag, in der Schule konnte ich eine gute Geschichte erzählen. Und diese Geschichte wurde noch besser. Ob es tatsächlich ganz so gewesen ist, kann ich wieder nicht beschwören, aber in meiner Erinnerung blieb das Spiel zäh und viele Chance gab es nicht. Dann aber erhielt Kurt Jara etwa Mitte der zweiten Halbzeit in zentraler Position an der Mittellinie den Ball und begann in die gegnerische Hälfte zu dribbeln. Er nahm immer mehr Fahrt auf und setzte schließlich irgendwann zu einem Schuss an.

Kurt Jara gab seinem Körper vor diesen Weitschüssen mit einer sehr typischen weit ausholenden Armbewegung Schwung. In meiner Erinnerung taucht diese Armbewegung immer wieder auf. Dabei weiß ich nicht mal genau, ob ich sie für das Schalke-Spiel nicht aus einem Heimspiel oder aus einem Sportfoto in meine Erinnerung hineinkopiert habe. Jedenfalls weiß ich mit Sicherheit, Volkmar Groß im Tor der Schalker war bei dem Schuss chancenlos. Dieses Führungstor durch Kurt Jara in der 72. Minute wurde später zum Endstand des Spiels, und es war ein Tor, bei dem ich mich unter all den Schalker älteren Herren nicht laut zu freuen wagte. So erhielt ich an diesem Nachmittag in Gelsenkirchen neben freiem Eintritt und dem zusätzlichem Taschengeld noch eine überraschende Übung in  Selbstbeherrschung. Wahrscheinlich war die so anstrengend, dass ich weder den Rest des Spiels im Gedächtnis behalten konnte noch die Zeit nach dem Abpfiff, als ich zum Parkplatz zurückging, um meinen Stiefvater wieder zu treffen.

Bei der Rückfahrt setzt die Erinnerung wieder ein. Endlich konnte ich den von mir nicht erwarteteten Auswärtssieg genießen und die erste und einzige Siegprämie, die ich als Zuschauer erhalten habe. Eine Siegprämie vom gegnerischen Verein, dem FC Schalke 04.

Und nun das Ganze ab ins Archiv zum Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg.


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