Posts Tagged 'Leroy-Jacques Mickels'

Auf dieses umfassende Berichten hätte ich gerne verzichtet

Womöglich war es meine Enttäuschung. Ich hatte am Sonntagmorgen beim Lesen im MSVportal über das Spiel vom MSV gegen Halle den Eindruck, derart genau habe ich mir noch nie nur durch Worte ein Bild von einem Spiel machen können. Vom Spiel hatte ich nämlich nichts gesehen. Am Samstag war ich mit den „111 Orten in Dortmund, die man gesehen haben muss gelesen“ wieder in einer Buchhandlung zu Gast. Während der ersten Halbzeit bin ich zur Buchhandlung gefahren und kannte deshalb zum Lesungsbeginn nur den Pausenstand. Mit dem 0:0 bin ich in die Lesung. Direkt danach schnell das Smartphone gezückt. Durch die Spielberichtsschlagzeile wurde das Ergebnis gleich noch enttäuschender. Boyd schockt MSV in der 88. Minute. So in etwa. Das las ich, und ich hörte sofort wieder auf.

Gestern erst las ich dann allerorten weiter. Nun weiß ich sehr detailliert, wie gut der MSV gespielt hat. Ich weiß, welche Chancen es zum Sieg gegeben hat. Ich weiß, dass die Verantwortung für die Niederlage eher in dieser Chancenverwertung zu suchen ist und dass sich zwei Fraktionen unter den Anhängern darüber nachdrücklich auseinander setzen, wie sich diese Verantwortung unter den Offensivkräften verteilt. Ahmet Engin hat dabei einen schweren Stand. Ich verstehe warum.

Denn ich sehe mir bekannte Bilder: Moritz Stoppelkamp, der einmal zu viel nicht abspielt. Leroy-Jacques Mickels, der beim Dribbeln den Ball verliert. Aber vor allem sehe ich Ahmet Engin, der alleine auf das Tor zuläuft und vergibt. Aber stop, auch das ist ein Streitpunkt. Engin war gar nicht alleine. Es gab Mitspieler, denen er hätte den Ball zuspielen können, die dann vielleicht getroffen hätten. Vielleicht.

Wenn es um die Bewertung der Spieler geht, kommt bei Ahmet Engin gegenüber etwa Moritz Stoppelkamp eine Last der Vergangenheit zum Tragen. Neben diesen bekannten Bildern des Chancenvergebens gibt es wenige andere Bilder des Erfolgs. Von Stoppelkamp gibt es sie in größerer Zahl. Deshalb sind viele inzwischen sehr ungeduldig mit Ahmet Engin. Was ich eben verstehen kann.

Auch ich hoffe inzwischen nicht einmal mehr auf das Tor, wenn ich Ahmet Engin alleine Richtung Strafraum ziehen sehe. Ich bin dann so entspannt, dass ich mich nicht mehr ärger, wenn er vergibt. Es ist für mich so, als ob es die Chance des MSV in meiner Wahrnehmung gar nicht erst gibt. Das ist deutlich gesünder für mich. Wenn das einzelne Spiel allerdings nur bewertet wird, sind die nachsichtigeren Stimmen mit ihm mir aber ebenfalls sofort verständlich. Im letzten Spiel zeigte er eine gute Leistung. Schlechter als die anderen scheint er in diesem einen Spiel auch nicht gewesen zu sein. Interessant, wie die Spielerbewertung bei einer unverdienten Niederlage gleich zur Gesamtbewertung wird.

Die anderen Ergebnisse des Spieltags bislang zeigen wieder, wie schwer es ist, kontinuierlich zu gewinnen, selbst wenn ein Verein in der Tabelle oben steht. Mal schauen, was Braunschweig heute noch macht. Danach hoffe ich dann wieder auf ein wachsendes Punktepolster. Denn auch das habe ich durch das immer genauere Erzählen vom Spiel gegen Halle erfahren. Der MSV ist sehr spielstark gewesen. Die Defensive hat sehr variabel gespielt und damit den Ausfall von Boeder kompensiert. Gute Voraussetzungen, um demnächst wieder Worte über Spiele zu lesen, die vor allem die eigene Freude zum Ausdruck bringen. Auf das immer genauere Erzählen von Spielmomenten, um die eigene Wertung zu begründen, hätte ich gerne zugunsten eines torlosen Unentschiedens oder gar eines Siegs verzichtet. Wie man als Anhänger des MSV ein Spiel der Zebras auch ganz anders erleben kann, zeigen die Bilder aus der Buchhandlung dreesen lesen in Dortmund.

11 Aussagen über das Spiel des MSV gegen Viktoria Köln, die die Welt noch nicht gelesen hat

  1. Namenswitze gehen in einem Stadion immer. Denn Fußball ist auch eine Kasperlebühne der Unterhaltungsbranche.
  2. Wer Patzler heißt und Torwart wird, ist nach dem Karrierende gern gesehener Gast in Talk-Shows, um seine Fußballgeschichte zu erzählen. Das Portrait in 11Freunde ist gewiss.
  3. Eine Anekdote wird Sebastian Patzler dann immer erzählen. Er wird sich an das Auswärtsspiel der Viktoria in Duisburg erinnern, als er in der 85. Minute einen haltbar geschossenen Freistoß von Lukas Scepanik durch die Hände rutschen ließ. Dieser Fehler ging als „Patzlers Patzer“ in die Geschichte deutscher Sportberichterstattung ein. Kein Journalist ließ diese Steilvorlage zur schmunzelnden Nachbetrachtung unverwandelt.
  4. Danach erst wird er hinzufügen, bis dahin habe er mit zwei spektakulären Reaktionen das Unentschieden gerettet. Besonders ein Volleyschuss von Leroy-Jacques Mickels hätte schon das Führungstor der Zebras sein können.
  5. Erst die Leistung des MSV in der zweiten Halbzeit macht den 2:1-Sieg zu einem verdienten Erfolg.
  6. In der ersten Halbzeit waren die Zebras überfordert von der taktischen Variabilität beim intensiven Pressen der Viktoria. Nach und nach verloren die Zebras den Zugriff auf das Spiel. Das Passspiel wurde zusehends unpräziser angesichts von Unsicherheit bei zu vielen Spielern. Zudem standen sie in der Defensive oft zu weit vom Gegner bei deren schnellen Spielaktionen.
  7. Dabei wirkte Ahmet Engin auf der linken Seite in den ersten Spielminuten zunächst sehr druckvoll. Er konnte in den Strafraum ziehen, versuchte den Pass den Rückraum oder schloss ab.
  8. Die Führung der Viktoria war trotz der immer deutlicher werdenden Fahrigkeit der Zebras nicht eine zwangsläufige Folge. Beiden Mannschaften war es im Verlauf nicht – die Viktoria- oder nicht  mehr – die Zebras – gelungen das gegnerische Tor zu gefährden. Ein Zufall musste zu Hilfe kommen. Dieser Zufall war ein Befreiungsschlag, der im Mittelfeld genau bei einem frei stehenden Spieler der Viktoria landete. Nur deshalb konnte einer schneller Konter überhaupt entstehen.
  9. Der Ausgleich fiel dagegen, indem die Zebras trotz ihrer Unsicherheiten das Passspiel nicht aufgaben. Kurz vor der Halbzeitpause öffnete sich zentral die Lücke, der steile Pass auf Tim Albutat gelang. Er trieb den Ball weiter, so dass er den Defensivspieler der Kette auf sich zog. So war Vincent Vermeij frei. Albutat spielte ab. Vermeij nahm gut an und verwandelte sicher.
  10. In der zweiten Halbzeit wollte der MSV vom Anpfiff an das Spiel in der Hand haben. Die Zebras attackierten früher und spielten risikoreicher in die Spitze. Der Lohn war ein Dauerdruck, von dem es schien, die Viktoria werde dem nicht stand halten. Doch bis zur 85. Minute hatten die Gäste zum einen Glück. Zum anderen wurden zwei Konter des MSV nicht sauber genug, über alle möglichen Stationen ausgespielt. Die Spieler, die den Ball führten, verpassten den Passmoment und schlossen selbst ab.
  11. Und jetzt noch einmal alle: Der MSV siegte dank „Patzlers Patzer“ nach einem präzisen, aber nicht sehr scharfen Schuss von Lukas Scepanik.

Die Kaffeefahrt nach Würzburg

So Kaffeefahrten beginnen ja oft in aller Herrgottsfrühe. Für wenig Geld weit weg fahren, da muss man früh starten. Die Bahn hatte mir vor etwa vier Wochen ein Lockvogelangebot gemacht. Nach Würzburg  hin und zurück für 35 Euro, super, der Supersparpreis. Für diesen Tag kooperierte die Bahn sogar mit dem MSV Duisburg. Die Zebras hatten in Würzburg einen Gastauftritt. Ich kam also nicht umhin, mir ein Fußballspiel anzusehen, und ich wusste um des Risikos, dass man bei Kaffeefahrten oft irgendwo am Rand der Stadt abgesetzt wird, wo man nicht wegkommt und einem dann irgendwas angeboten wird, was man eigentlich nicht sehen will.

Zu meiner großen Überraschung war das aber zunächst gar nicht der Fall. Der MSV machte in den ersten Minuten des Spiels gegen die Würzburger Kickers eine gute Figur, zumal die befürchteten Ausfälle sich auf die Langzeitverletzten und Joshua Bitter beschränkten. Die Wackelkandidaten Tim Albutat und Leroy-Jacques Mickels waren dabei. Diesen ersten Eindruck erinnere ich noch genau. Deshalb war ich zunächst überrascht, dass der Würzburger Spieler Robert Hermann im Interview nach dem Spiel von einer Möglichkeit zum Führungstreffer erzählte. Sollte denn der Auftakt zum großen Kaffeefahrts-Tore-Sonderangebot des MSV schon vor dem Torbeispiel von Moritz Stoppelkamp gewesen sein? Vincent Gembalies habe ich mit einem riesigen Fehler vor Augen. Dieser führte nur  zur Ecke und zum sofortigen zweiten riesigen Fehler von Gembalies, der von den Würzburgern nicht genutzt wurde. War das etwa vor dem Führungstreffer schon? Ich weiß es nicht mehr.

Meiner Erinnerung nach war die Anfangsphase ausgeglichen mit Einviertel- bis Halbchancen auf beiden Seiten. Dann kam es zu dem wunderbaren Konter des MSV nach Balleroberung an der Mittellinie. Leroy-Jacques Mickels setzte sich am linken Flügel durch, flankte und Moritz Stoppelkamp schob zum Führungstreffer ein. Im Nachhinein entpuppte sich dieser Treffer aber nur als besagtes Beispielangebot des MSV für die Würzburger Kickers.

Aus alt mach neu. Nicht in der Ecke.

Ich hatte ganz vergessen, dass ich ja auf einer Kaffeefahrt war, und anscheinend gehörten die Würzburger auch zum erhofften Kundenkreis der Zebras, die an diesem Tag Tore im Angebot hatten. Ich sah die Spieler der Mannschaft mit Mikro auf der Strafraumbühne. Offensichtlich wollten sie die Würzburger dazu animieren, bei ihren unschlagbar günstigen Angeboten zuzugreifen. Sie redeten auf die Würzburger geradezu ein: Seht doch, das ist ganz einfach, ihr braucht hier im Strafraum jetzt sofort nur rechts unten in das Tor zu schießen. Nimm den Ball und probier mal. Ist ganz einfach. Tatsächlich ließ sich ein Würzburger darauf ein. Doch der Schuss ging daneben.

Wir in der Gästekurve sahen das mit Erleichterung, weil wir nicht wussten, dass am Samstag zumindest in der ersten Halbzeit die Mannschaft ein anderes Ziel hatte, als Tore des Gegners zu verhindern. Weil der eine Schuss daneben ging, nahmen die Zebras weitere Bälle und kickten sie den Würzburgern zu. Wahrscheinlich haben sie noch weitere Kaffeefahrt-Verkäufersprüche dazu gesagt à la so eine Gelegenheit bekommst du nie wieder. Nutz die. Wenn du morgen zu Hause daran zurück denkst, wirst du dich ärgern, dass du nicht zugeschlagen hast.

Doch die Würzburger wollten nicht. Ich kann es mir nur so erklären. Bei den Würzburgern spielten einfach zu wenig Rentner in der Mannschaft. So ein Rentner wäre irgendwann weich geklopft gewesen, und er hätte, egal, was es auch kostet, das Angebot angenommen. Stattdessen ging jeder freie Schuss neben das Tor. Und was waren das für freie Schüsse. Nicht einmal ein zweites Beispieltor durch Lukas Daschner kurz vor dem Halbzeitpfiff konnte die Würzburger in ihrer ablehnenden Haltung umstimmen.

Anscheinend war den Zebras dann in der Halbzeitpause die Lust an der Kaffeefahrt vergangen. Irgendwie mussten sie sie aber zum Abschluss bringen. und so hielten sie das Spiel aufrecht. Auf besondere Probe-Angebote verzichteten sie in der zweiten Halbzeit. Die Würzburger dagegen wollten wahrscheinlich plötzlich doch noch ein Tor haben. Warum sonst bewegten sie sich immer wieder Richtung Duisburger Strafraum? Da es keine wirklich günstigen Angebote mehr gab, versuchten sie sich bei anderen Gelegenheiten. Doch verpasst, war verpasst. Unter Bedrängnis ist es natürlich schwerer zum Abschluss zu kommen.

Wir in der Kurve fühlten uns derweil wieder mit unserer Mannschaft einig im Ziel. Hinten Tore verhindern und vorne welche schießen. So kennen wir ein Fußballspiel. Kontinuierlich ging es dem Abpfiff entgegen. Wirklich bedroht habe ich den Sieg in der zweiten Halbzeit nicht erlebt. Trotz noch vorhandener Würzburger Chancen. Durch die Kaffefahrt-Atmosphäre der ersten Halbzeit wird der 2:0-Sieg in Würzburg entweder als glücklich oder effizient oder erarbeitet angesehen. Glücklich empfinde ich etwas unpassend. Dazu waren die Würzburger nicht überlegen genug. Das „glücklich“ behalte ich mir für das Pokalspiel morgen vor. Neben der Toreverkaufsveranstaltung habe ich übrigens auch in Würzburg noch einiges gesehen. Das Dienstleistungsangebot in der Stadt ist breit gefächert und hat an manchen Orten eine lange Geschichte. Tradition verpflichtet, wie ihr seht.

Das eindrucksvolle Spiel verlangt das Spitzenreiterrufverbot

Seit Jahrzehnten stehen wir in dieser Besetzung gemeinsam in der Kurve. In der ganzen Zeit lautete der Standardtipp meines Stehplatzkumpels vor dem Anpfiff der meisten Heimspiele 8:0. Zugegeben, das klingt nach übertriebener Zuversicht und partieller Blindheit gegenüber der Wirklichkeit. Andererseits ist das wirkliche Leben auch nichts anderes als das Ergebnis einer komplexen Wahrscheinlichkeitsrechnung, und manchmal geschieht eben auch das Unwahrscheinliche. Am Freitag war das Unwahrscheinliche nahe. Ich erinnere mich an kein Punktespiel in diesen ganzen Jahren, bei dem der MSV näher an diesem Endergebnis war als im Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern. Vielleicht habe ich aber auch nur ein schlechtes Gedächtnis für Details.

Unsicher war ich ins Stadion gegangen, und dann ließ die Mannschaft von Anpfiff an keinen Zweifel an ihrem Willen, dieses Spiel an sich zu reißen. Torgefährlich wurde es zwar zunächst nicht, aber ungemein schnell. Mehr hin zum Kaiserslauterner Tor als her in Richtung Weinkauf-Tor bewegte sich das Spiel. Kaiserslauterner Bälle im Spiel nach vorne wurden meist abgefangen. Mit Tempo ging es in die Gegenrichtung. Rasant wurde der Ball vom MSV mit schnellen kurzen Pässen vorgetragen. Der Schiedsrichter war darauf nicht eingestellt. Er stand sage und schreibe dreimal in kürzester Zeit den Pässen im Weg. Beim dritten Mal gab es dann sogar den Schiedsrichterball.

Das Führungstor gelang nach einer Flanke in den Elfmeterraum, in dem die FCK-Defensive vergessen hatte, dass im Fußball auch mal lange Bälle gespielt werden. Man muss sich das so vorstellen, die ganze Zeit ist das Spiel in schneller Bewegung. Der steile Pass kommt zu Leroy-Jacques Mickels. Auch ich erwarte weiteren Druck durch den Flügelsprint Richtung Torauslinie. Doch Mickels nimmt das Tempo heraus. Gut, denke ich, warten wir auf die nachrückenden Spieler, um den Strafraum zu belagern. Doch dann schlägt er die Flanke. Der Ball fliegt und ich verbuche den gar nicht mal so scharf gespielten Ball unter einer dieser vielen unergiebigen Versuche Torgefahr zu schaffen. Ich hatte nicht berücksichtigt, dass die Kaiserslauterner Defensivspieler dasselbe gedacht haben müssen wie ich. Die Spieler scheinen die Flanke nicht erwartet zu haben, denn sie waren im Strafraum sehr unorganisiert. So kam der Ball punktgenau zum frei stehenden Lukas Daschner, der unbedrängt einköpfen konnte. Auch das musste natürlich erst einmal gemacht werden. Im weiteren Verlauf des Spiels haben wir ja gesehen, wie andere sehr klare Chancen vergeben wurden.

Der MSV hielt das Tempo hoch. In der Offensive wurde immer wieder rotiert. Man sah, wie im Training einstudierte Flügelkombinationen wunderbar auch im Spiel funktionierten. Das war wieder der begeisternde Fußball der ersten Spiele dieser Saison. Fiel Moritz Stoppelkamp schon beim Kombinationsspiel auf engem Raum mit technischen Kabinettstückchen auf, so zeigte sich beim 2:0 durch ihn seine technische Klasse. Ansatzlos schoss er von der Strafraumgrenze, seitwärts zum Tor stehend den von Lukas Daschner gepassten Ball ins Tor, knapp neben den Pfosten gezielt. Ein wunderbarer Torschuss, dessen besondere Qualität Moritz Stoppelkamp sehr bewusst schien.

Die Kaiserslautern bettelten nun um das dritte Tor, so verunsichert war die Mannschaft. Doch dieses Tor fiel trotz zweier großer Chancen nicht, zumal es der MSV die letzten zehn Minuten der Halbzeit gemächlicher angehen ließ. So kamen die Kaiserslauterner noch zu einer großen Chance, die ein Spieler einer gefestigteren Mannschaft womöglich verwandelt hätte.

Nach der Halbzeitpause verschärfte der MSV wieder das Tempo, und so fiel bald das dritte Tor durch Leroy-Jacques Mickels. Doch die Kaiserslauterner Verunsicherung aus der ersten Halbzeit war kurioserweise trotz dieses Tores verschwunden. Stattdessen spielte die Mannschaft weiter mit. Für den MSV ergaben sich dadurch Freiräume und große Chancen, die allesamt nicht genutzt werden konnten. Erwähnt werden muss noch, dass Vincent Gembalies und Tim Albutat ein sehr gutes Spiel gemacht haben. Bezeichnend für das Spiel von Vincent Gembalies war eine Szene in der zweiten Halbzeit. Er hatte den Ball rechts in der Ecke abgelaufen, wurde gepresst und und spielte sich gegen das Pressing mit einem Hackentrick frei. Was für eine Souveränität. Wenn er dieses Niveau stabil halten kann, entwickelt sich in Duisburg ein spielstarker Innenverteidiger, der das Aufbauspiel der Mannschaft um eine bislang nicht vorhandene Dimension erweitert. Ihr seht, ich bin noch immer sehr begeistert.

Der MSV führte souverän 3:0. Doch als bald nach dem Mickels-Tor auf den Rängen die „Spitzenreiter“-Rufe für kurze Zeit zu hören waren, glaubte ich das Spiel verloren. Womöglich wird auch diese Sorge durch selektive Wahrnehmung gespeist. Aber ich meine, sobald in diesem Stadion zu einem frühen Zeitpunkt der Saison während des Spiels so eine Momentaufnahme des Tabellenstands auf den Rängen gefeiert wird oder von der Stadionregie gezeigt wurde, fielen die Gegentore augenblicklich. Am Ende konnten wir dann froh sein, wenn das Spiel noch Unentschieden ausging.

Folgerichtig erzielten die Kaiserslautern auch kurz nach diesen Rufen den Anschlusstreffer. Das dürfen wir uns gerne noch einmal vorstellen. Der MSV führte eine Viertelstunde vor dem Ende 3:1, und wir bangten um den Sieg. Denn die Kaiserslauterner drückten auf das zweite Tor. Jede Beruhigung des Spiels nahmen wir erleichtert auf. Jede Spielverzögerung begrüßten wir. Unsere Sorgen wichen erst etwa 5 MInuten vor dem Abpfiff. Ich finde, wir sollten über ein Spitzenreiterrufverbot bis zum Zeitpunkt des gesicherten Aufstiegsplatzes nachdenken. Das würde mich erheblich entspannen, wenn der MSV in einem Spiel knapp führt. Stefan Leiwen sollte erst die Gästefans daran erinnern, dass auch in Duisburg das Abbrennen von Pyrotechnik und Feuerwerkskörpern verboten ist, um anschließend die Heimfans regelmäßig zu ermahnen: „Liebe Zebrafans, denkt daran, Hinweise auf eine mögliche Tabellenführung sind als Stadiongesang jeglicher Form verboten. Wenn ihr euch an das Verbot haltet, helft ihr unserer Mannschaft das zu erreichen, was wir alle erhoffen.“

Der Fußball ist zurück in Duisburg und im Zebrastreifenblog

So, nun beginnt allmählich die Saison auch hier wieder. Die überraschende Spielweise des MSV Duisburg zum Saisonbeginn hat mir nicht die Sprache verschlagen. Meine Worte und die nötige Zeit sind nur an anderer Stelle vollkommen aufgebraucht worden. Das Ende meiner Arbeit am Dortmund-Buch ist abzusehen, und nach dem 2:0-Pokalsieg gegen die SpVgg Greuther Fürth gestern will ich zumindest ein wenig in den Jubelchor allerorten  einstimmen.

Was war das für ein Fußballabend in Duisburg gestern – mit Begeisterung, mit immer noch ungläubigem Staunen und letzlich reiner Freude ein Fußballspiel der Zebras zu sehen. In den letzten Jahren war der MSV immer von der Notwendigkeit angetrieben, das Saisonziel Aufstieg bzw. Klassenerhalt unbedingt erreichen zu müssen. Wir haben in Duisburg die Gegenwart der Zukunft untergeordnet gesehen. Die Freude am Fußball gewannen wir vor allem durch das Erreichen der gesetzten Ziele.  Entsprechend größer wurde die Enttäuschung, wenn die Ziele verfehlt wurden oder drohten, verfehlt zu werden. Das Fußballspiel als Spiel geriet ins Hintertreffen. Das hatte natürlich einen einzigen Grund und der hieß das zum Überleben des MSV notwendige Geld der 2. Liga.

In dieser Saison haben die Mannschaft und wir die Gegenwart zurückgewonnen. Das Ziel ist nicht weniger wichtig. Doch es gibt wieder ein Gleichgewicht zwischen dem Spiel als zweckfreies Spiel um den Sieg im Heute und dem Erfolg in der Zukunft. Wir sehen ein so schnelles Kombinationsspiel und eine gewollte Rhythmisierung des Spiels über 90 Minuten. Wir sehen gezielte Pässe in freie Räume, in die Spieler hineinlaufen. Wir sehen präzise Flanken und technisch anspruchsvolle Schüsse aufs Tor aus dem Spiel heraus.

Diesen MSV Duisburg haben die Fürther nach dem Anpfiff nicht erwartet. Mit der Wucht des Offensivspiels der Zebras kamen sie genauso wenig zurecht wie mit der hartnäckigen Defensivarbeit im Mittelfeld. Die Fürther waren arm dran. Sie waren psychisch auf diese Situation nicht eingestellt, und als sie allmählich verstanden, dass sie zu größerer Anstrengung bereit sein mussten, lagen sie schon zwei Tore zurück. Die nötige Anstrengung war noch größer geworden.

Diese zwei Tore des MSV Duisburg waren beide auf eigene Weise schön anzusehen. Sie waren kleine Kunstwerke. Auch wenn das erste Tor von Lukas Daschner durch einen schnellen Pass auf ihn vorbereitet wurde, so rückte bei diesem Tor das Einzelwerk in den Vordergrund. Wie er sich trotz Haltens nach der Passannahme durchsetzte, den freien Raum zum Zug Richtung Tor nutzte, um dann den Schuss mit leichtem Drall ins lange Eck zu schlenzen. Das war große Fußballkunst.

Das zweite Tor, wenige Minuten später, war dann ein mannschaftliches Gesamtkunstwerk, das mit dem souveränen Passpiel vor dem eigenen Tor über den immer mitspielenden Torwart Leo Weinkauf begann. Die Fürther versuchten zu pressen, und die Zebras ließen sie hinterher laufen. Was für eine Sicherheit strahlte diese Hintermannschaft bei solchem Passspiel aus, mit dem sie sich über zwei, drei Stationen ins Mittelfeld bewegte, wo in dem Fall der unfassbar schnelle Joshua Bitter schon wieder den Ball annahm, um ihn steil zu schicken auf Leroy-Jackques Mickels. Der setzte sich durch, schaute, bevor er passte und leitete dann den Ball weiter in die Mitte, wo Tim Albutat hineinlief, um  wuchtig einzuschießen.

Ab der 27. Minute etwa hielten sich die Zebras zurück. So ein Tempo wie in den Minuten zuvor lässt sich nicht das ganze Spiel halten. In der zweiten Halbzeit versuchten die Fürther dann so zu tun, als hätte es die ersten 45 Minuten noch nicht gegeben. Doch sie boten einfach zu wenig, um die Defensive des MSV zu überwinden. Verlegenheitsschüsse, planlose Flanken und das Hoffen auf den Zufall waren die Mittel der Wahl. Das kam uns noch in ferner Erinnerung bekannt vor. Vor kurzem noch muss es in Duisburg eine Mannschaft gegeben haben, die auf ähnliche Weise den Erfolg suchte. Das muss der MSV gewesen sein, eine andere Mannschaft sehen wir ja nicht regelmäßig im Duisburger Stadion. Mit den Bildern aus den Spielen des Saisonanfangs im Kopf muss man für diese Erinnerung aber schon länger im Gedächtnis kramen. Ich freue mich auf den Ligaalltag gegen Zwickau.


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