Posts Tagged 'Lesung'

Halbzeitpausengespräch: Jürgen Domian mit Premierenlesung von Roman im TaM

Das Foyer vom Duisburger Theater am Marientor füllte sich allmählich. Noch blieb Zeit, bis Jürgen Domian die Bühne betreten würde. Von 1995 an hatte er bis 2016 in seiner Call-in-Sendung „Domian“ Live-Gespräche mit Radiohörern geführt. Nachts ging er auf Sendung, nachts konnte mit den Anrufern über alles geredet werden – über Gewalt, Leid und Glück, über Sexualität und Lust, über das Sterben. Jürgen Domian hörte von Schicksalen, vom menschlichen Leben, oft vom Ungewöhnlichsten seiner Vielfalt. Mit „Dämonen“ erscheint nun ein Roman von ihm, und im Theater am Marientor ist eine inszenierte Lesung angekündigt. „Viele optische und akustische Überraschungen“ hatte Jürgen Domian im Vorgespräch zu seiner Lesereise versprochen.

Noch wurde getrunken, geplaudert und gelacht im Foyer. Dann ertönte der Theatergong, und Jürgen Domians Stimme erfüllte den Raum. So kannten wir diese Stimme. Ruhe strahlt sie aus, aufmunterndes Interesse. Dieser Mann lädt ein zur weltlichen Beichte. Bei ihm sollen wir sicher sein – mit allem, was uns umtreibt. Heute ging es aber nicht um alles, heute erwartete uns ein Domian-Spezial. Dämonen heißt ja sein Buch, und unsere Dämonen sollten wir auf einen Zettel schreiben. Die Publikumsbeteilung lässt Jürgen Domian nicht los, und es war nicht schwierig zu erraten, was uns später auf der Bühne auch erwartete.

Nachdem Jürgen Domian die Bühne betrat, brauchte er Licht im Zuschauerraum. Er wollte den Abend in seinem Ablauf vorstellen und dazu sein Publikum sehen. Hansen heißt die Hauptfigur seines Romans, und Hansen möchte sterben. Jürgen Domian griff auf, was der Klappentext des Romans als Essenz der Handlung verrät: „Ein Mann hat das Leben satt. Er ist gesund, nicht depressiv. Er hat einfach genug. In einer Winternacht in Lappland will er sich nackt in den Schnee legen und sterben. Schon im Sommer bricht er auf in den Norden. Doch statt den Frieden des Abschieds bringt dieser Rückzug den Kampf: Die Dämonen der Stille fallen ihn an.“

Was Jürgen Domian zunächst liest, erweist sich vor allem als Gedankenprosa und Erinnerungsarbeit seiner Hauptfigur, vermittelt durch die Autorenstimme. Hansen wird auf seinem Weg in den Norden beschrieben, und das Denken nimmt kein Ende. Allerdings deutet sich eine Grundschwierigkeit dieses Romans schon nur durch die gelesenen Ausschnitte an. Wir sollen glauben, Hansen sei nicht depressiv und hören etwa, jeder Tag liege wie Beton auf ihm. Wenn wir Jürgen Domians urteilsfreie Haltung zur Selbststötung ernst nehmen, ist das ein sprachliches Problem und keines der stimmigen Figurenzeichnung. Hansen wird mit Worten beschrieben, die an Berichte über Depressive erinnern.

Jürgen Domian unterbrach seine Lesung mehrmals für kurze mystische Texte unterschiedlicher Quellen, die vom Band eingespielt wurden. Sie hatten als Zitate im Roman Verwendung gefunden, wurden von einem Sprecher vorgetragen und zugleich auf die Rückwand projeziert. Damit deutete sich eine zweite Ebene des Romans an. Hansens Entwicklung führt ihn zu Erfahrungen, die ihm zuvor verschlossen waren. Den Weg zu solchen Erfahrungen hatten zuvor schon andere beschrieben. So stellt sich die Frage, die nur die Lektüre des gesamten Romans beantworten kann. Wie erzählt Jürgen Domian in „Dämonen“ von diesen Erfahrungen auf eine eigene Weise? Welche Sprache findet er für das, was Hansen bewegt? Konnte Jürgen Domian auf langer Erzählstrecke die gestalterischen Probleme des Themas lösen? Die gelesenen Ausschnitte haben mich noch nicht überzeugt.

Zwar wollte Jürgen Domian im mittleren Teil des Abends mit den Zuschauern über das Gehörte ins Gespräch kommen, meist aber verdrängte für die Zuschauer zunächst der Radio-Talker den Romanautor. Jürgen Domian eilte durchs Publikum, sprach hier und dort, wollte Augenhöhe und klang doch dann pastoral, als ihm seine großen Themen vor die Füße fielen, nachdem er ein paar der im Foyer ausgefüllten Zetteln vorlas. Die Dämonen des Publikums erwiesen sich als Lebensthemen des Alltags. Homosexualität, zu der sich jemand nicht bekennen kann. Perfektionismus, Sucht. Wirklich zu greifen waren diese Dämonen im Theater allerdings nicht. Zu allgemein geriet das Reden, das vor großem Publikum dann doch etwas anders ist als in der vermeintlich intimen Atmosphäre eines nächtlichen Telefonats. So nicken wir wenigstens Jürgen Domian zustimmend zu, als er uns alle mit Dämonen kämpfen sieht. Wir konnten auch nichts dagegen sagen, dass das Leben schwierig sei. Mit einer weiteren Lesungssequenz schloss der Abend ab.

Eine Lesung, in Szene gesetzt, so hatte es geheißen. Zitateinblendungen und Sprecherstimme vom Band, dazu die Einbindung des Publikums, etwas wenig Szene für meinen Geschmack, wenn das so sehr betont wird. Und vielleicht sieht Jürgen Domian seine Publikumsgespräche als optische und akustische Überraschungen an, denn seine Lesung ist dann doch eben das, was eine Lesung nun mal ist. Ein Autor tritt mit seinem neuen Buch auf.

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Gestern war der Fußball König

Jeder Fußballnachmittag im Stadion hat seine Liturgie. Der DFB als Kirche des Fußballizismus wirkt dabei als ordnende Instanz. Als ich gestern an die Lesung bei Tausendundein Buch gedacht habe, gefiel mir die Vorstellung für solch eine Lesung mit Fußball-Texten eine Liturgie zu begründen. Wenn schon der Stadionbesuch Messfeiern gleicht, müsste doch auch einer Lesung dieser Geist innewohnen. Lobpreisende Worte, ritualhafte Gesänge, und schon sind wir auf dem Weg zu einer freien Kirche des Fußballizismus.

Nach dem Anpfiff alles möglich – Infos zum Programm mit einem Klick
Ort: Tausendein Buch, Oststraße 125, Duisburg-Neudorf
Zeit: 19. Mai, 19.02 Uhr

So eine Liturgie kann sich dann durchsetzen, wenn sie sich auf eine Tradition berufen kann. Mir kam dabei der Gesang der deutschen Nationalmannschaft vor der Fußballweltmeisterschaft 1974 in den Sinn. „Fußball ist unser Leben. König Fußball regiert die Welt“.  Das haben die Nationalspieler damals – ja, was? – gesungen kann man das nicht wirklich nennen.

 

Kurze Nebenbemerkung in Klammer. Unter anderem war Klaus Wunder bei der Aufnahme ein Jahr vor der Weltmeisterschaft dabei. Damals hatte er noch Chancen auf die WM-Teilnahme.

 

Wie fremd sich das heute anhört: König Fußball. Was die Bedeutung dieses Sports für die Gesellschaft angeht, war diese Metapher zwar visionär. Allerdings wirkt der bildhafte Rückgriff auf Ständeordnung und Aristokratie tatsächlich so, als ob unsere Großeltern von ihrer Jugend erzählen. Den Fußball der Gegenwart beschreiben andere Bilder der Bedeutung. Was einer Liturgie übrigens nicht schadet. Da kann es schon eine gehörige Portion Großelternsprache sein.

In eigener Sache: Lesung am 19. Mai bei 1001 Buch in Neudorf

Am übernächsten Freitag gebe ich abends das Vorprogramm zur Aufstiegskür des MSV gegen Zwickau bei der Neudorfer Buchhandlung 1001 Buch in der Oststraße. Ich freue mich sehr auf den Abend in der wunderbaren Atmosphäre bei Petra Lohrberg und Kolleginnen. 5 Euro Eintritt kostet das Ganze. Bier wird´s geben, Snacks, und ich bringe mein Fußball-Programm „Nach dem Anpfiff alles möglich“ zur Premiere. Ich habe ein persönliches Best-of meiner Fußballtexte zusammengestellt. Das sind Kurzgeschichten, Glossen, Lyrik, und Ausschnitte aus dem letzten Buch „Mehr als Fußball“ werden nicht fehlen. Petra Lohrberg hat den Anpfiff auf 19.00 Uhr festgelegt. Ich werde mir die Freiheit nehmen, erst um 19.02 Uhr zu beginnen. Eins sei euch gesagt: Von dann an wird es wie bei einem Fußballspiel: Denn nach dem Anpfiff ist alles möglich.

In eigener Sache: Lesung am 18.3. um 20 Uhr in Ruhrorter Galerie RuhrKUNSTort

Welche Texte genau ich am nächsten Samstag für die Lesung in Ruhrort auswählen werde, weiß ich noch nicht. Sicher werden Texte mit dabei sein, in denen es um Fußball geht. Wenn es sich ergibt, werde ich in meine Schreibwerkstatt blicken lassen. Wahrscheinlich wird es dabei dann auch um „Mehr als Fußball“ gehen , dem Buch über die Energie in Duisburg, als im Sommer 2013 die Existenz vom MSV Duisburg bedroht war. An Prosa über Ruhrort denke ich noch, an den Sound und die Komik von Lyrik und an Worte über die Ruhrstadt, also das Ruhrgebiet als identitätsstiftender Bezug für die Menschen der einzelnen Städte in der Region. Und eins ist ebenfalls sicher: Ich freu mich auf euch.

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