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Der „Welttorhüter“ blickt zurück – Lutz Pfannenstiel: Unhaltbar

Dem größten Teil von Fußball-Deutschland wurde der Torwart  Lutz Pfannenstiel erstmals im Jahr 2000 bekannt. Damals spielte er in Singapur bei Geylang United und hätte mit Sicherheit gern auf die Schlagzeilen verzichtet. Die deutschen Zeitungen berichteten über ihn nämlich als Opfer der Justiz in Singapur. Man warf ihm vor, an der Manipulation von Spielen beteiligt gewesen zu sein. Betrachtete man die Vorwürfe näher, so beinhalteten sie sogar die absurde Unterstellung, durch die gute Leistung in einem Spiel die Niederlage seines Teams verhindert zu haben. Fünf Monate Haft, so lautete damals das Urteil. Während seiner Karriere spielte Pfannenstiel bei über 20 Vereinen und im letzten Jahr wurde er mit seinem Engagement bei dem brasilianischen Club Hermann Aichinger zu dem ersten Fußballprofi weltweit, der während seiner Karriere auf allen Kontinenten bei einem Verein einen Vertrag besessen hatte.

Lutz Pfannenstiel verkörpert also jenen Berufssportler der Gegenwart, den wir in Deutschland sonst meist aus Osteuropa, Afrika oder Lateinamerika kennen. Fans schimpfen solche Spieler Söldner, sobald sie mit deren Leistungen unzufrieden sind. Wenn ein Spieler aus Deutschland den umgekehrten Weg geht, raus aus Deutschland und hinein in die Welt, könnte ein Buch über diese Zeit nicht nur einen interessanten Einblick in das internationale Fußballgeschäft ergeben, sondern auch viel über die Haltung eines solchen Berufssportlers offenbaren.

Dazu muss der Leser allerdings seine eigenen Schlüsse ziehen. Lutz Pfannenstiel macht zusammen mit dem Journalisten Christian Putsch den Rückblick auf seine Erlebnisse zu einer Art Materialsammlung, die an der Oberfläche des Geschehens bleibt und wenig Distanz zu dem Erlebten erkennen lässt. „Unhaltbar“ gleicht einem zusammengestrichenen Tagebuch, in dem das Banale gleichgewichtig neben lebensverändernden Erfahrungen steht.

Die einzelnen Perlen seines Rückblicks muss man sich deshalb zusammenklauben. Da gibt es die Momente aus dem Leben eines jungen Berufssportlers, der in England, Südafrika oder Singapur im Alltag seinen Lebenshunger stillen will und das nötige Kleingeld und den Ruf dazu hat. Da wird blitzlichtartig der Fußball als globalisierte Unterhaltungsbranche erkennbar. Da zeichnet sich der Mensch Lutz Pfannenstiel vor allem in seinem Erzählen über die Zeit der Anklage in Singapur und der anschließenden Haftzeit deutlicher ab.

In „Unhaltbar“ wird der Ton jener Prominentenbiografien angeschlagen, die darauf zählen, dass die eigene Person Sensation genug ist, um den Leser bei der Stange zu halten. In solchen Biografien geben die Autoren gerne vor, wie die Ereignisse ihres Lebens zu bewerten sind. Lutz Pfannenstiel macht da keine Ausnahme und rückt den Scheinwerfer verständlicher Weise auf seine guten Seiten. Was mir manchmal etwas zu penetrant gerät, weil sogar die selbstkritischen Momente letztlich noch positiv gewendet werden.

Die Fallen einer solchen Haltung werden zum Ende des Buches hin in einer Selbstbeschreibung überdeutlich: „Ich bin vielleicht der Gegenpol zu den mediengeschulten Profis der Bundesliga mit ihren gleichermaßen durchgeplanten wie langweiligen Karrieren. Sie gewinnen Titel und verdienen Millionen, aber wecken keine Emotionen, die über die Inszenierung von Bundesliga und Champion League hinausgehen. Sie schaffen nur noch selten Träume in den Köpfen der Fans. Das ist mir mit den Höhen und Tiefen meines Lebens offenbar einige Male gelungen.“

Wer hier Selbstbeschreibung mit Medienkritik und Kritik am Fußballgeschäft vermischt, muss sich sagen lassen, aus dieser Position heraus, kann die Kritik nur ganz, ganz kurz greifen. Mal davon abgesehen, dass „mediengeschulte Profis“ wahrscheinlich mehr Träume schaffen, als Pfannenstiel da vermutet, Pfannenstiel selbst besetzt mit seiner Geschichte natürlich auch eine von den Medien mitgestaltete Rolle. Und wenn die einen sich im Umgang mit Medien schulen lassen, wird er vom Agenten angerufen, der ihn zum „Welttorhüter“ machen will. Liest man Pfannenstiels Darstellung des Brasilien-Engagements, dessen Motive sicher  vielschichtig waren, hat bei dem Gedanken an den Rekord das damit verbundene Medien-Interesse mit großer Wahrscheinlichkeit nämlich auch hineingespielt.

In „Unhaltbar“ hat Lutz Pfannenstiel kaum Interesse daran, seine Erfahrungen als „Welttorhüter“ bei den einzelnen Stationen seines Fußballerlebens zu deuten. Vielleicht hätte Christian Putsch besser über ihn geschrieben und nicht mit ihm. Vielleicht aber ist Lutz Pfannenstiel einfach auch mehr ein Mann der Tat. Bedenkt man sein Engagement für „Global goal“, macht er dort genau das, was ich im Text vermisse, er stellt seine Erfahrungen in einen größeren Sinnzusammenhang.

Lutz Pfannenstiel, mit Christian Putsch: Unhaltbar. Meine Abenteuer als Welttorhüter. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2009. 255 Seiten, € 8,95.

Stig Töfting will im Polargebiet Fußball spielen

Morgen gibt es hier eine Besprechung der Fußballerbiografie  „Unhaltbar“ des „Welttorhüters“ Lutz Pfannenstiel. Eine Randnotiz des Buches soll euch aber schon heute nicht vorenthalten werden. Pfannenstiel hatte die Idee zu einem ungewöhnlichen Fußballspiel, um damit medienwirksam für den Klimaschutz zu werben. Das Projekt nennt er „Global Goal“. Zunächst war von ihm geplant, in der Antarktis ehemalige und aktuelle Fußballstars  in einem Benefizspiel aufeinander treffen zu lassen. Inzwischen wird das Projekt von vielen Fußballern unterstützt und andere mögliche Spielorte sind hinzugekommen.

Einen dieser Fußballstars, die Lutz Pfannenstiel eine Zusage für das Benefizspiel gegeben haben, konnten wir von 1997 bis 2000 auch in Duisburg spielen sehen: Stig Töfting. Töfting gehört für mich zu den erinnerungswürdigsten Spielern der MSV-Geschichte, und alleine der Abstieg des MSV in der Saison 1999/2000 und Töftings damit verbundener Vereinswechsel verhinderte,  dass sein Name in Duisburg heute in einem Atemzug mit den Helden der 70er Jahre genannt wird. Mit seiner körperbetonten Spielweise im Mittelfeld und mit dem wegen seines bulligen Körpers sehr typischen, dynamischen Laufstils, mit seiner Einsatzbereitschaft und seiner emotionalen Verbundenheit mit dem Publikum gab es jedenfalls alle Zutaten zur Legendenbildung. Die drei Spielzeiten in Duisburg waren dazu einfach nur eine zu kurze Zeit.


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