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Was ein MSV Museum auch bewirkt

Heute im Spiel gegen Erzgebirge Aue steht Manfred Manglitz neben Stadionsprecher Stefan Leiwen auf dem Rasen. Stefan Leiwen fragt dann ja ritualhaft nach Spieleindruck und nach möglichem Endergebnis. Ich hoffe doch, Manfred Manglitz kann dann schon von einer verdienten Führung sprechen. Nicht nachlassen, so was in etwa wird dann sicher auch als Aufforderung für die zweite Halbzeit fallen. Vielleicht auch noch, ein weiteres Tor schnell nachlegen und den Sack zu machen, was eben so zu sagen ist, wenn dem MSV der Sieg gewünscht wird. Der Heimsieg wäre schön, damit endlich einmal wieder möglichst viele Anhänger vom MSV, eben mehr als bei einer Auswärtstour, ihre Freude mit der Mannschaft teilen können.

Manfred Manglitz – hier bei Wikipedia – war von 1963 bis 1969 Torwart beim MSV. Er kam als Verstärkung für die erste Bundesliga-Saison zusammen mit Heinz Höher von Bayer Leverkusen und gehörte zur Vizemeister-Mannschaft. In dieser ersten Saison bekam er bei der Anzahl seiner Spiele die wenigsten Tore aller Bundesligatorwarte, was Jahre später das Online-Medium Stadioncheck.de dazu bewog, die Manfred-Manglitz-Medaille auszuloben.

Manfred Manglitz lebt in Spanien und ist für dieses Spiel auf Initiative vom MSV Museum angereist. Gestern gab er zusammen mit Horst „Pille“ Gecks und Heinz van Haaren Autogramme im Fanshop. So vielfältig vestehen die Macher das MSV Museum ihre Arbeit. Die Grundlagen für eine Ausstellung zu schaffen ist das eine, diese Ausstellung zu einer lebendigen Erinnerung zu machen das andere. Ein Stadionbesuch und eine Autogrammstunde sind nur ein Anfang, die Begegnung mit ehemaligen Spielern des MSV zu ermöglichen. Wer sich jetzt schon derart engagiert, lässt für die Zukunft eines etablierten MSV Museums sehr viel tiefer gehende und aufschlussreichere Begegnungen erhoffen, als sie in der Halbzeitpause eines Fußballspiels möglich sind. Zumal mit der Aussicht auf den Heimsieg die Gegenwart die Vergangenheit mächtig überlagert.

„Tradition ist nicht das Anbeten der Asche“ – Wildberg und Jaratz im Gespräch – Teil 2

„Der Kapitän der Zebras“, die Erinnerungen von Günter Preuß, waren Michael Wildberg und mir Anlass zu einem Gespräch. Nachdem es in dem Teil des Gesprächs gestern über das Buch und die Mannschaft des MSV Duisburg in der ersten Bundesligasaison ging, richteten wir unser Augenwerk in dem zweiten Teil des Gesprächs auf das Schlagwort Tradition, das in so vielen Diskussionen über den Fußball der Gegenwart zu einem Wert an sich geworden ist. Abstrakt bleibt das nicht, schließlich geht es uns gerade bei so einem wichtigen Thema immer auch um  den MSV.

Kees Jaratz: Wenn du die erfolgreiche erste Bundesligasaison des MSV Duisburg ins Feld führst: Was drückt sich für dich in dieser Betonung der Tradition des Vereins aus? Stichwort Gegenmodell in der Fußballindustrie? Mal provokant gefragt: Ist die Betonung von Tradition nicht längst schon ein vom Unterhaltungsbetrieb gern genommener Werbeclaim, um die Kundenbindung zu erhöhen? Wo gibt es Trennschärfe zwischen dem, was wir Anhänger uns ersehnen und dem, was die Fußballunternehmen als leere Hülle anbieten?

Michael Wildberg: Boar, jetzt wird’s wackelig. Wir könnten jetzt das ganze Fass von Wirtschaft und Fußball, von Unterhaltung und Fankultur, von Event-Fans und Ultras aufmachen. Dieses Gegensatzpaar von Tradition und Moderne ist komplex und paradox, ich kann es dir aber mal von meinem Leuchtturm aus erklären, also was so meine Antriebskraft in Bezug auf Tradition ist. Ich hatte mich vor etwas mehr als drei Jahren mal mit einem Mitarbeiter des MSV getroffen, der erzählte, wie er mal über die Geschäftsstelle lief und sich den spontanen Spaß erlaubte, mal jeden der Mitarbeiter zu fragen, mit welchen drei Stichpunkten er den MSV beschreiben würde. Die meisten kamen ab dem zweiten Punkt ins Stocken, drei bekam überhaupt keiner hin. Für mich war das in jenen Jahren logisch, wie sollte man den MSV auch beschreiben? Waren Walter Hellmich und seine heulende Putzfrau jetzt der Verein, waren es Bauwagen-Ehrenrunden und ein neues Stadion mit Glasfassade? Waren Ailton und ein rot-weißes Zebra jetzt unsere Tradition?

Kees Jaratz: Sofort zeigen sich zwei Perspektiven, da gibt es eine Haltung von dir, von mir, von uns Anhängern des Vereins, was den MSV Duisburg ausmacht. Aber was der Mitarbeiter des MSV Duisburg gemacht hat, führt direkt auch zu  wirtschaftlichen Grundlagen des Fußballs. Ein Unternehmen muss wissen, für was es steht, damit die potentiellen Kunden erreicht werden können und wirtschaftlicher Erfolg sich einstellt. Es ist klar, ganz ohne sportlichen Erfolg wird kein Fußballunternehmen, wirtschaftlich erfolgreich sein. Umgekehrt aber auch nicht. Braucht der Verein Tradition für das eine oder andere? Für beides?

Michael Wildberg: Der MSV nannte sich unter Hellmich ja Traditions- und Familienverein, war aber seinerzeit – wenn man mal ehrlich ist – ein ziemlich identitätsloser Haufen. Die Familienmitglieder waren alle verjagt – selbst Dietz war ja irgendwann verschwunden – und von Tradition war weit und breit auch nix zu spüren, wenn die Verantwortlichen mal wieder wortlos an Günter Preuß vorbeigingen, weil man nicht wusste, wer der Kerl überhaupt ist. Aber auch von vielen anderen wie Michael Tönnies hörte man nichts mehr, obwohl diese sinnbildlich für ganze Epochen standen. Wo waren die alle hin? Wo du also vorhin schon mal beim Marketing warst und um es mal auf den Punkt zu bringen: Selbst- und Fremdbild des MSV Duisburg waren seinerzeit nicht mehr deckungsgleich – der Fachbegriff dafür lautet „Credibility Gap“ – und insofern hast du recht: Der Verein bot mit seiner Selbstdarstellung als Traditions- und Familienverein nicht mehr als eine inhaltsleere Hülle an. Einer meiner Freunde, ausgerechnet Schalker, hat einen Lieblingssatz: „Versprich nichts, was du nicht halten kannst.“ Er kommt zwar aus dem Fußballanhang-Milieu der schnellen Fäuste und meint den Satz sicherlich anders, aber um beim Thema zu bleiben: Solch eine Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung macht einen Verein nicht gerade anziehend, für niemanden, seien es Spieler, Sponsoren oder sonstige Leute. Das damalige Verhalten des Vereins erinnert mich ein wenig an meinen Vater, der über Jahrzehnte hinweg jedem Familienmitglied Hausverbot gab, das nicht rechtzeitig von alleine abhauen konnte, und der erst letztes Jahr zu Weihnachten – als auch der letzte Verwandte endlich verjagt wurde – im leichten Wodka-Rausch säuselte: „Sind wir nicht eine harmonische Familie, mein Sohn?“ und das auch noch todernst meinte. Sowas wirkt generell eher befremdlich.

Kees Jaratz: Etwas anderes hätte mich doch sehr überrascht: Walter Hellmich verkörperte nicht die von dir gemeinte Tradition. Aber der Begriff schillert, denn was du von Walter Hellmich erzählst, ist dennoch sehr traditionelles Verhalten in Sportvereinen. Der Verein lebt immer weiter und die Menschen, die für ihn arbeiteten, werden vergessen. Ich erinnere mich an diese  Fußball-Doku „Im Westen ging die Sonne auf“. Ein Meisterschaftsspiel der DJK Katernberg, einst Oberliga West, nun in der Kreisklasse angekommen. Und die Kamera fängt die Begegnung eines über 80 Jahre alten Zuschauers mit einer gegenwärtig für den Verein sich engagierenden Frau ein. Die Frau kennt den Mann nicht, der über Jahrzehnte Kassierer des Vereins gewesen war. Was die Erinnerung an die Vereinshistorie anging, war der Unternehmer Walter Hellmich als Fußballfunktionär also ein Amateur. Für das Bewahren von Tradition braucht es ein besser funktionierendes Fußball-Unternehmen, als es der MSV Duisburg gewesen ist. Andererseits fällt einem beim Stichwort Fußball-Unternehmen nicht unbedingt jene Tradition ein, die auf den Rängen immer so hoch gehalten wird.

Michael Wildberg: In Bezug auf Familie und Tradition hausierte Walter Hellmich ja eher in den eigenen vier Wänden, Familienmitglieder bekamen gleich ganze Abteilungen unter ihre Fittiche und traditionellerweise wurde immer und nur mit Adolf Sauerland und sonstigen Freunden palavert und gekungelt, was das Zeug hielt. Mal vorsichtig formuliert: Ich denke, der Verein war für seine ganz persönliche Geschichte wahrscheinlich nicht in all seinen Facetten von Bedeutung. Was die Sehnsucht der Fans angeht, kann ich nur für mich sprechen, aber ich glaube, dass der Fußball – und vor allem sein Drumherum – sehr viel mit Folklore und Romantik zu tun hat. In Kneipen werden Geschichten erzählt, die Ruhmes- und Heldentaten der Vergangenheit sind Gesprächsthemen unter Fans und lassen einen Verein lebendig werden. Dazu bedarf es aber der Menschen, die diese Geschichten hautnah und aus erster Hand erzählen können und daher war es an der Zeit, diese Typen zurückzuholen und wieder in den Fokus zu rücken. Auch um ihretwillen und um sie für vergangene Ignoranz und  Ablehnung zu entschädigen. „Identität ist die Antwort auf die Frage, wer einer ist. Und wer einer ist, erfährt man durch seine Geschichte“, hat der Philosoph Odo Marquardt mal gesagt. Für mich sind die Erzählungen dieser alten Spieler identitätsstiftend und eigentlich ist es eine Kette: Identität schafft Identifikation, Identifikation führt zu Hingabe, Hingabe führt zu Zusammenhalt in schwierigen Zeiten und so weiter. Das ist beileibe kein Allheilmittel und auch keine Wunderdroge, aber es hilft, wenn so etwas als Baustein in den Verein integriert ist, glaube ich. Es ist schön zu sehen, dass dieser Spielball schon vor geraumer Zeit von der aktuellen Vereinsführung und dem Hauptsponsor aufgenommen wurde. Die Legendenwand in der Kurve ist dafür ein Beispiel, auch im Leitbild des MSV Duisburg werden Günter Preuß, Michael Bella, „Eia“ Krämer, Ennatz Dietz und Michael Tönnies explizit erwähnt.

Kees Jaratz: Wenn es um dieses konkrete Handeln geht, begeistert mich jeder Rückgriff auf die Geschichte des Vereins. Ich werde nur manchmal unruhig, wenn das Ganze dann auf den Begriff Tradition runtergebrochen wird und in öffentlichen Diskussionen mit dem Verweis auf Tradition der Nachweis erbracht sein soll, etwas Gutes voran zu bringen. Mir geht zum Beispiel auch durch den Kopf, wer sich auf die Tradition eines Vereins besinnt, erträgt leichter die recht starren Verhältnisse bei den Erfolgschancen in den Fußballligen. Wenn wir uns so sehr um die Vergangenheit kümmern, haben wir wenigstens etwas, was uns bei anhaltendem Misserfolg der Gegenwart tröstet. Sprich: Tradition, die von Fanseite so oft als Gegenmodell zum Kommerz des Fußballs benutzt wird, hilft erst bei der Versöhnung mit dem professionellen Fußball, für den der Kommerz ja die Voraussetzung ist.

Michael Wildberg: Tradition als „Opium des Volkes“, das ist interessant. Wobei ich denke, dass dieser Joker beim MSV noch gar nicht gezogen werden könnte. Unruhig werde ich, wenn bei Schalke 04 allwöchentlich das Zechen- und Malochererbe propagiert wird, gleichzeitig aber Kevin Kuranyi in Hip-Hopper-Pose in deren Turnhalle – formely known as „Fußballstadion“ – auf dem Videowürfel erscheint. Oder wenn St. Pauli sich Totenkopf-Fahnen schwingend auf sein Freibeuter-Image beruft, während die halbe Tribüne vor Werbetextern aus gutem Hause nur so Latte-macchiato-mäßig überquillt, dass es eine wahre Freude ist, denen beim Geld verbrennen zuzusehen. In solchen Fällen kann das Berufen auf Tradition schnell Widersprüche erzeugen, aber soweit sind wir hier noch nicht, glaube ich.

Kees Jaratz: Die Tradition ist allerdings eine höchstkomplexe Designerdroge. Sie ist zwar „opiumhaltig“, aber Amphetamine, die die beruhigende Wirkung aufheben, gibt es auf jeden Fall mit dazu. Die Widersprüche sind zu groß, die durch die Tradition verdeckt werden müssen. Ruhe kehrt da niemals ein. St. Pauli etwa ist ein gutes Beispiel. Wenn du dir ansiehst, was bei St. Pauli geschah, ist es ja eigentlich das, was die Fans immer von ihren Vereinsverantwortlichen erwarten. Dort entwickelte sich aus der Fan-Basis heraus ein öffentliches Bild des Vereins. Dieses Bild wurde Teil der Identität des Vereins und damit wurde es zwangsläufig Grundlage des Geschäfts. Da sind ideelle Werte gefährdet. Wenn dieses Image eines Vereins dann jemand zudem zum Teil seiner eigenen Identität machen will, bestimmt das der Verein zudem nicht mehr mit. Für St. Pauli aber bieten sich gleichzeitig durch ein breiteres Publikum die Möglichkeiten zu besagtem wirtschaftlichem Erfolg, der die Grundlage für den sportlichen Erfolg bedeutet. Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich Vereinsverantwortliche bewegen, wenn sie die Gegenwart mit der Tradition des Vereins in Übereinklang bringen wollen. In Hamburg ging es in den Diskussionen zum Stadionbau hoch her, als es um den Bau von Logen ging. Der Verein sah sich in der Verantwortung für seine Pläne bei den eigenen Zuschauern zu werben. Wie sehr Positionen der Fans beim Bau dann zum Tragen kamen, weiß ich allerdings nicht. Dazu habe ich das Ganze nicht intensiv genug verfolgt.

Nicht nur wenn wir über Fans von Pauli reden, kommen wir auch dazu, dass das Bekenntnis zu einem Verein Teil der Selbstinszenierung gegenüber der Welt werden konnte. Kein Verein, auch der MSV Duisburg nicht, ist davor gefeit, dass Menschen daher kommen und das irgendwie positiv besetzte Image zum Teil der eigenen Identität machen. Auch unter Hellmich in den erfolgreicheren Zeiten wurde es ja schick zum MSV zu gehen. Das verweist auf den Stellenwert des Fußballs in unserer Gesellschaft. Als ich Anfang der 1970er Jahre Anhänger des MSV Duisburg wurde, gehörte der Besuch eines Stadion noch keineswegs so selbstverständlich zum kulturellen Leben einer Stadt. Man ging ins Stadion, um  Spaß mit den Freunden zu haben und den Verein siegen zu sehen. Heute geht es um so viel mehr noch Drumherum. Lass uns wieder auf den MSV der ersten Bundesliga-Saison zurückkommen. Sagt uns in diesem modernen Drumherum die Geschichte dieses Vizemeisters der ersten Bundesliga-Saison noch etwas?

Michael Wildberg: Mal ganz blumig: Die Vizemeister erzählen uns, wo wir herkommen, wer wir waren, was davon übrig ist, was man davon vielleicht anwenden oder verwandeln kann und was in der Mottenkiste der Geschichte landen darf, sie sind sozusagen der Gen-Code dieses Vereins, zumindest was den Profifußball angeht. Man darf das nicht mit Denkmalpflege verwechseln, es geht nicht darum, sich tote Gegenstände anzuschauen, sondern mit dieser Vergangenheit in einen Dialog zu treten und zu gucken, was wir – meinetwegen auch „wir Jüngere“ – von diesen Menschen mitnehmen können.

Aber wenn wir mal diesen intellektuellen Krimskrams weglassen und man mich fragt, was ich von dieser Mannschaft für mich selber vielleicht sogar konkret mitnehmen kann, dann war es bei mir so: Im Laufe all der Gespräche, die ich mit dem 63/64er-Kader mittlerweile geführt habe, wurden die Begriffe für mich immer einfacher. Das kommt alles ohne Schnörkel aus. Das Hauptcharakteristikum dieser Mannschaft war ihr Teamgeist, die haben aufeinander aufgepasst, sich wechselseitig bei Fehlverhalten vor dem Trainer oder dem Vorstand gedeckt und ziehen das bis heute durch. Das war ein Team. Die halfen und helfen sich, wenn es einem von ihnen schlecht geht, die fahren zusammen in den Urlaub, manche Kontakte halten die mittlerweile seit über sechzig Jahren aufrecht. Gleichzeitig war diese Mannschaft frech wie nix, die scherten sich nicht darum, ob nun Uwe Seeler oder sonst wer auf dem Feld stand, die spielten einfach drauflos und schossen den HSV mit 4:0 nach Hamburg zurück. Was in der Nachbetrachtung und auf Fotographien manchmal wie biederer Nachkriegs-Muff rüberkommt, war eigentlich Samba, da war Musik drin. Und egal, wen du fragst, ob „Pille“ Gecks, „Hatte“ Heidemann oder all die anderen, es fallen immer dieselben Worte: Freundschaft, Teamgeist, Verantwortung, und vor allem: Unbekümmertheit. Spaß war ein wichtiger Faktor. Man muss eines bei der Rückschau auf dieses Team bedenken: Wir stellen als Fans immer reflexartig die Frage, ob der Meidericher SV nicht hätte sogar in jenem Jahr deutscher Meister werden können und laben uns dann wieder im Selbstmitleid, dass es schon seinerzeit nicht geklappt hat mit einem Titel. Die alte Sehnsucht des MSV-Fans, der den Coitus Interruptus mittlerweile als Schicksal akzeptiert hat. Ich musste das selber erst lernen, aber eigentlich ist die Frage nach einer möglichen Meisterschaft gegenüber dieser Mannschaft ein Witz. Die Frage müsste viel eher lauten: Wie zum Henker hat es diese Truppe damals tatsächlich hingekriegt, derart erfolgreich zu sein? Eigentlich war das ein Wunder.

Kees Jaratz: Das klingt nach Selbstbewusstsein. Gefällt mir. Kommt aus der Fanbasis und kann im  Unternehmen MSV Duisburg lebendig werden. Weil es sowohl mit dem Erreichten als auch mit den Möglichkeiten stimmig ist. Sich nicht klein machen, aber auch nichts übersteigern. Was wiederum Voraussetzung für Erfolg ist. Im unternehmerischen Zusammenhang: Gesundes Wachstum. Auch die eigenen Wurzeln kennen gehört dazu, die alte Einsicht: wer nicht weiß, woher er kommt, kann nicht wissen, wohin er geht. Deshalb wirkt dieses so nicht geplante Zusammentreffen der Wiederveröffentlichung von „Der Kapitän der Zebras“ und dem Neubeginn in der Dritten Liga auf mich symbolhaft. Darin zeigt sich die Zukunft des MSV Duisburg, in der die Tradition des Vereins mehr ist als ein hilfloser Verweis auf die Vergangenheit bei finanziellen Schwierigkeiten. Dazu müssen die Inhalte dieser Tradition aber auch erst einmal immer wieder erzählt werden.

Michael Wildberg: Ich erinnere mich, wie ein Angestellter des Vereins mal zu mir sagte: „Vielleicht wäre es besser, den Verein wieder in seinen Ursprungsnamen umzutaufen.“ Das ist zwar nur ein Hirngespinst, von der Grundtendenz aber verlockend, also im Sinne von: Plustere dich nicht auf, spiele nicht größer als du bist und bleibe demütig. Ich finde Demut zeichnet beide Generationen aus, die 63er wie den jetzigen Verein im Gesamten, die Liga Größenwahn mit „dritter Kraft im Revier“ (Walter Hellmich) und „hier kann international gespielt werden“ (Werner Hansch) ist Gott sei Dank endlich vorüber. Aber Demut bedeutet nicht buckeln, ganz im Gegenteil, man kann auch hochgradig geerdet sein und dennoch rotzig und frech werden und diese „Jetzt erst recht“-Haltung haben. Du hörst schon, ich finde den Moment der Neuauflage auch mehr als passend, aber nur kurz zum Bedenken und bevor ich hier noch als verklärter Fußballromantiker durchgehe: Wenn dir deine Ahnen aufs Dach steigen und dich unter Kontrolle haben, dann ist es ja auch Mist. Die Pubertät ist bei aller Peinlichkeit ja nicht der sinnloseste aller Lebensabschnitte, man darf sich gegen Altlasten also auch gerne zur Wehr setzen. Bei den Schalkern zum Beispiel hat man den Eindruck, dass die sich spätestens seit 2001 gerne noch einmal zurück in Szepans Kreisel beamen wollen, um sich zu vergewissern, ob sie unter all den Wurstfabrikanten und den als Gas-Konzernen getarnten Mafiastrukturen doch noch die sind, die sie mal waren, mit Charly Neumann und allem Malocher-Klimbim, der so dazugehörte. Vielleicht würden sie für diese Rückkehr zu den Wurzeln sogar auf die unzähligen kommenden Meisterschaften verzichten, zumindest kenne ich einige Schalker, die würden einiges darum geben.

Aber um in heimischen Gefilden zu bleiben: Ich finde, dass wir in Duisburg noch recht gesund mit unserer Tradition umgehen, hier steht keiner in irgendeinem Schatten, ganz im Gegenteil: Alle Helden dieses Vereins sind extrem geerdete Leute. Ich habe keine Legende kennengelernt, die irgendwie abgehoben ist, der Abgedrehteste ist noch Joachim Hopp, aber der spielt kognitiv eh in einer komplett anderen Liga. Aber gerade die 63er haben sich immer sehr zurückgenommen und sind eben nicht in die Öffentlichkeit gedrängt. Vielleicht ist das der Grund, warum ich dieses „Meidericher SV“ so sehr mag. Dieser Gesang ist mittlerweile mit unzähligen Geschichten aufgeladen, er erinnert an große Momente, ist gleichzeitig aber weitab von all den Selbstfeier-Parolen a lá „Gegen xxx kann man mal verlieren“ oder „Deutscher Meister wird nur xxx“. Wenn du es so willst: Für mich ist dieser Gesang sehr klar, sehr rein, pur und schnörkellos, da ist keine Großkotzigkeit, keine Überheblichkeit vorhanden. Für mich hat es Sinn, dass dort der Ursprungsname des Vereins Verwendung findet. Was für eine Energie aus so etwas „Altbackenem“ entstehen kann, haben wir dann beim Spiel des MSV gegen Heidenheim gesehen. Als die Mannschaft sich noch einmal alleine sternförmig warmlief und 18 000 Leute „Meidericher SV“ sangen, war das für mich einer der schönsten Momente seit langem. Hier wurden ganz simpel elf Spieler mit Liebe überschüttet, ihnen wurde Zuversicht mitgegeben und der Mut zugesprochen, das Abenteuer dritte Liga jetzt gemeinsam mit den Fans anzugehen. Das war in seiner Intensität und von der eigenen Gefühlslage her derart tief, da war nix mit Unterhaltungsbetrieb und Inhaltsleere, das kam ohne diese schweren Begriffe aus. Und ich glaube, dass diese Momente das Refugium sind, an das niemand herankommen und auf das sich der Fußball bei allen „Angriffen“ durch Politik, Wirtschaft oder sonst wen zurückziehen kann. In diesen Minuten war der Fußball ganz bei sich. Das finde ich bei allen Diskussionen um den „Seelenverlust des Sports“ dann auch immer wieder beruhigend.

Kees Jaratz: Das klingt nach vorläufigen Schlussworten. Da kann ich nur ja zu sagen und noch hinzufügen. Für mich ist das nicht nur dieses „Meidericher SV“. Für mich gibt es diesen Anschluss an die Vergangenheit des MSV Duisburg etwa auch durchs „Wer ist der Schreck vom Niederrhein“. Das hatte ich Jahre nicht mehr gehört. Das war der Sound meiner Jugend. Und das wird ja schon seit einiger Zeit wieder gerufen, so als ob  es die Vorahnung auf den Rängen gegeben hat, dass diese Kraft der Tradition verdammt nötig wird. 

Und für die Google-Besucher von morgen: Teil 1 des Gesprächs findet sich mit einem Klick weiter hier.

„Tradition ist nicht das Anbeten der Asche“ – Wildberg und Jaratz im Gespräch – Teil 1

„Tradition ist nicht das Anbeten der Asche“ . Das Zitat von Thomas Morus greift Michael Wildberg  auf in seinem Vorwort zu „Der Kapitän der Zebras“, den Erinnerungen von Günter Preuß. Während der Fanaktionen nach der Lizenzverweigerung hörte ich das erste Mal von dem Projekt, dieses Buch neu aufzulegen. Ich wollte darüber schreiben und  fragte Michael Wildberg nach dem geplanten Veröffentlichungsdatum. Daraufhin schlug er mir statt einer der üblichen Besprechungen ein Gespräch vor. Der Vorschlag gefiel mir. Wir sprachen also über das Buch, die 64er Vizemeister und  die Bedeutung der viel gerühmten Tradition. Wir kamen auf so viele Dinge zu sprechen, dass ich dieses Gespräch in zwei Teilen veröffentliche. Heute geht es vor allem um das Buch und die Zebras der ersten Bundesligasaison, morgen steht die Tradition im Mittelpunkt.

Kees Jaratz: Nachdem die DFL dem MSV Duisburg die Lizenz für die 2. Liga verweigert hatte, kamen neben den Fans des MSV Duisburg auch ehemalige Spieler der Zebras zum Stadion. Als einer der ersten stand der Kapitän der 1960er Jahre Günter Preuß auf dem Stadionvorplatz. Ein Videoclip mit einem Interview mit ihm machte schnell die Runde. Vor Trauer und Sorge um den Verein kämpfte er mit den Tränen. Wäre der MSV Duisburg dahingesiecht, wäre auch ein Teil von Günter Preuß gestorben. Seine Geschichte mit dem MSV Duisburg hatte er bereits in seinem 2002 im Selbstverlag erschienenem Buch „Der Kapitän der Zebras“ geschildert. Lange Zeit war es vergriffen, nun ist es dank der Initiative mehrerer Fans und der Zebraherde e.V. bald wieder erhältlich. Geplant war es sicher nicht, das Buch just in der Zeit neu aufzulegen, in der alte Werte von Vereinstreue und Gemeinschaftlichkeit dazu beigetragen haben, dem MSV Duisburg eine Zukunft zu ermöglichen. Wie kam es zu dem Plan der Neuveröffentlichung und was war dafür notwendig?

 

Michael Wildberg: Der Plan schwelte schon seit zwei Jahren. Von meiner Seite aus und um mal meine Intention zu schildern: Ich hatte mir seinerzeit – kurz nach der Veröffentlichung von „So Lonely“ – vorgenommen, all die alten Helden aufzusuchen und mir ihre Geschichten anzuhören, also Bella, Preuß und so weiter. Mir war es immer suspekt, dass der MSV sich als Traditionsverein ausgab, wir aber im Gegensatz zu anderen Vereinen offenkundig unter einem Mangel an Folklore und Oral History litten, was auch kein Wunder war, der Verein hatte schließlich all jene verjagt, die hätten persönlich Zeugnis ablegen können. Es gab auch keine Literatur oder Filme, die Zeitdokumente waren sehr rar, übrig blieb die gähnende Leere der Geschichtslosigkeit. Ich wollte die Spieler der Vergangenheit aufsuchen, um für mich diese Leere mit Leben zu füllen. Als ich Preuß dann das erste Mal in Meiderich traf, merkte man sehr schnell, dass er persönlich verletzt war aufgrund der Ignoranz, die ihm seitens des Vereins entgegenschlug. Er hatte insgesamt dreißig Jahre für den MSV in unterschiedlichen Funktionen gearbeitet, hatte 1985 in Zeiten höchster Not ein Benefizspiel auf die Beine gestellt, war Kapitän der Vizemeistermannschaft gewesen, zwischendrin Trainer, Manager und Mädchen für alles in Personalunion und war von Kindesbeinen an ein Zebra. Das Ende vom Lied war, dass zu jener Zeit, als ich ihn besuchte, keine 10% der Stadionbesucher was mit seinem Namen anfangen konnten, obwohl er eigentlich – wenn alles glatt gelaufen wäre – unser Franz Beckenbauer hätte sein müssen. Schon bei unserem ersten Treffen gab mir Preuß sein Buch und erzählte mir alle Geschichten daraus, sagte aber, dass das Buch nicht mehr erhältlich sei. Nachdem Preuß dann beim Lese-Talk Anfang 2013  wieder mehr in die MSV-Öffentlichkeit rückte, taten wir uns mit dem Zebraherde e.V. – der mittlerweile auch mit der Idee einer Neuauflage schwanger ging – zusammen und fassten den Plan, seine Erinnerungen neu aufzulegen, um ihm und der damaligen Mannschaft für ihre Erfolge zu danken und gleichzeitig den Fans ein Zeitdokument zugänglich zu machen. Insgesamt haben wir mit sechs bis acht Leuten an die sechs Monate an dem Buch gearbeitet, aber dass die Neuveröffentlichung just in diese verrückte Zeit fällt und er dann mit seinen Tränen eines der vielen Sinnbilder des Lizenzentzugs wurde, ist natürlich ein äußerst gemeiner Treppenwitz des Fußballgottes. Es zeigt aber auch, dass er wieder im Verein angekommen ist. Er konnte stellvertretend für viele andere weinen, weil er wahrgenommen und in seiner Bedeutung für den Verein anerkannt wurde. Das war – bei aller Trauer und allem Mitgefühl in diesem Moment – eine sehr schöne Nachricht.

Kees Jaratz: Nur um „Der Kapitän der Zebras“ noch etwas einzuordnen: Günter Preuß’ Buch ist eine Art verschriftlichte Oral History, erzählte persönliche Geschichte. Es geht um Erinnerungen, um die eigene Wahrheit. In einem einfachen Stil ist es geschrieben. Günter Preuß erzählt seine um den Fußball zentrierten Erlebnisse von den Kindheitstagen kurz nach dem Krieg, vom Straßenfußball rund um den Gerhardsplatz bis hin zu seinem Abschied vom MSV Duisburg als Manager und Trainer im Jahr 1986. Vor allem für die 1960er Jahre deutet er aber auch den Fußball beim MSV Duisburg innerhalb der Geschichte von Oberliga West und Bundesliga. Lass mich auch noch erwähnen, für die Neuausgabe hast du ein Vorwort geschrieben. Du hast es am Stadion während einer der Fan-Aktionen gelesen. Mit dem Vorwort hast du nicht nur Günter Preuß gewürdigt sondern dieser gesamten Mannschaft der ersten Bundesligasaison ein Denkmal gesetzt. Wo wird das Buch denn erhältlich sein und wie teuer wird es?

Michael Wildberg: Dazu muss ich etwas ausholen und erklären, wie die Nummer funktioniert. Vorneweg: Es ist Günter Preuß ausdrücklicher Wunsch, dass der Gesamterlös des Werkes dem MSV Duisburg zur Verfügung gestellt wird, die Ursprungsidee war eine Spende an das Nachwuchsleistungszentrum. Auch keiner der Leute, die an dem Buch gearbeitet haben, wollte nur einen Cent für seine Arbeit sehen. Als wir unseren Plan in die Tat umsetzen wollten, traten die ersten Fragen auf: Kriegen wir einen Verlag, wie viel Erlös könnte erzielt werden, wie soll die Nummer generell ablaufen und so weiter. Das Verlags-Problem war schnell gelöst, da die Herausgabe von Büchern mit dem digitalen „Book-on-demand“-Verfahren mittlerweile ziemlich einfach und zugleich billig geworden ist, sofern man bescheuert genug ist, die ganzen Nebenkriegsschauplätze zu übernehmen, also Layout, Cover, Textkorrektur etc. Dazu braucht man dann eine Menge ehrenamtliches Engagement gepaart mit Fachwissen, aber glücklicherweise wurden diese Schauplätze dann von ein paar Zebras beackert, die verrückt genug waren, sich an dieser Odyssee zu beteiligen. Dr. Sabine Freyling tippte das komplette Manuskript ab, Harald Steffen setzte den Text und Yvonne Dörfer gestaltete das Cover. Bei der Frage, wie wir das Buch dann an den Mann bringen, wird ein Aspekt wichtig: Am meisten Geld macht man, wenn man das Buch selber als Autor oder Herausgeber ankauft und anschließend zum Buchhandelspreis auch selber verkauft. Die Zebraherde erklärte sich dann umgehend bereit, das Geld für eine Auflage von 200 Stück vorzustrecken und das finanzielle Risiko auf sich zu nehmen, gleichzeitig konnten im MSV-Portal Vorbestellungen abgegeben werden. Daraus ergibt sich jetzt folgender Ablauf: In einer ersten Phase werden die 200 vorbestellten Exemplare verteilt, daran anschließend wird das Buch für den Buchhandel und Online-Versandhandel freigeschaltet, so dass man es wie jedes andere Buch auch über den örtlichen Buchhändler oder Amazon beziehen kann. Wann das genau sein wird, weiß ich nicht, aber ich denke, dass wir spätestens im Herbst und auf jeden Fall vor Weihnachten das Buch jedem zugänglich machen werden. Das Hardcover-Buch hat insgesamt 164 Seiten und wird 20 Euro kosten.

Kees Jaratz: Dann werde ich also nochmals gesondert drauf hinweisen. Um aber auf das Werk an sich zurückzukommen: Die Erinnerungen von Günter Preuß sind ja nicht einfach nur ein Zeitdokument. Sie sind ja in Teilen auch ein Gegenbild zu klischierten Bildern über den MSV Duisburg. In diesen Teilen waren die Erinnerungen für mich besonders eindrucksvoll.  Für den MSV der ersten Bundesliga-Saison wurde ja Rudi Gutendorf als Trainer zu einer Art Sinnbild und zwar deshalb, weil sein Spitzname Riegel-Rudi auch die Spielweise des MSV Duisburg damals beschreiben sollte. Es setzte sich das Bild einer defensiv ausgerichteten Duisburger Mannschaft fest. Dabei stellte der Riegel nichts anderes dar als eine frühe Form der Raumverteidigung. Diese Mannschaft besaß eine unglaublich starke Offensive.

Michael Wildberg: Das ist wirklich eine der größten Legenden rund um diese Mannschaft, also dieser deutsche Catenaccio, der dem Team immer unterstellt wird. Das Schlimme ist, dass – wie du sagst – genau das Gegenteil zutrifft. Das Erfolgsrezept war zum einen, dass die Meidericher die ersten offensiven Außenverteidiger ihrer Zeit hatten, die dazu auch noch ausgebildete Stürmer waren und sich – damals gegen jegliche Konvention – mit in die Offensive einschalteten. Das sorgte eine ganze Zeit lang in jedem gegnerischen Strafraum für Chaos und war der Vorläufer des Fußballs, der heute so viele moderne Mannschaften stark macht. Sobald einer der Außenverteidiger mit nach vorne ging, verschob sich dann das defensive Gefüge so, dass die Position auf den Außen wieder besetzt war, erst ein paar Jahre später sollte Rinus Michels dieses Verschieben im „total voetbal“ mit dem gesamten Team perfektionieren. So abwegig es klingt: Der Fußball der Duisburger damals war revolutionär. Dazu kam, dass man mit „Eia“ Krämer das größte Talent seiner Zeit auf dem Feld stehen hatte, dazu Helmut Rahn, den Helden von Bern, und mit Manglitz und Heidemann kommende Nationalspieler, da steckte eine Menge Talent im Kader. Ein weiterer großer Vorteil: Die Truppe war ein homogener Haufen, der sich größtenteils von Kindesbeinen an kannte, drei der Spieler wuchsen zum Beispiel auf derselben Straße auf und hatten schon als Kinder auf den Bolzplätzen und Kopfsteinpflastern Meiderichs miteinander gekickt.

Kees Jaratz: Aus Meiderich kamen zwar die meisten Spieler dieser ersten Bundesligasaison, dennoch gab es auch damals schon die Suche nach Verstärkung außerhalb der Stadtgrenzen. Manfred Manglitz und Heinz Höher von Bayer 04 Leverkusen wurden verpflichtet. Der Heinz Höher, der gerade sein mediales Comeback durch Ronald Rengs Buch „Spieltage“ feiert.

Michael Wildberg: Und Helmut Rahn, der vielleicht berühmteste deutsche Spieler zu  dieser Zeit. Wobei ich die „Zugezogenen“ nicht betonen würde. Das Alleinstellungsmerkmal dieser Mannschaft, etwas, was sie von allen anderen Teams unterschied, war die Tatsache, dass dort neun Meidericher auf dem Feld standen. Rudi Gutendorf, der ja ziemlich weit rumgekommen ist, hat so etwas nie wieder auf der Welt gesehen, selbst Athletic Bilbao hat mit dem Baskenland ein größeres Einzugsgebiet. Nirgendwo auf der Welt gab es eine Mannschaft, deren Spieler auf so engem Raum miteinander groß geworden waren und die gleichzeitig derart erfolgreich zu Werke ging.

Kees Jaratz: Wenn du diesen Erfolg der Vergangenheit ins Feld führst: Was drückt sich für dich in dieser Betonung der Tradition des Vereins aus? Stichwort Gegenmodell in der Fußballindustrie? Mal provokant gefragt: Ist die Betonung von Tradition nicht längst schon ein vom Unterhaltungsbetrieb gern genommener Werbeclaim, um die Kundenbindung zu erhöhen? Wo gibt es Trennschärfe zwischen dem, was wir Anhänger uns ersehnen und dem, was die Fußballunternehmen als leere Hülle anbieten?

Die Fortsetzung folgt morgen …

Die Manfred-Manglitz-Medaille und Riegel-Rudi

Die letzte Bundesliga-Saison ist zwar schon einige Zeit beendet, doch gute Ideen gehören verbreitet, zumal mit dieser Idee auch die Historie vom MSV Duisburg verbunden wird. Stadioncheck.de hat sich von der Ehrung des besten Torhüters der Saison in der spanischen Primera Division inspieren lassen und vermisst in Deutschland eine entsprechende Wertschätzung der Torwart-Leistung. Selbst ist das Sportmedium, und so verlieh Stadioncheck.de zum ersten Mal die  Manfred-Manglitz-Medaille für die beste Torhüter-Leistung in der Saison 2011/2012. Diese noch virtuelle Medaille geht an Manuel Neuer – basierend auf dem besten „Gegentore-Schnitt aller Torhüter, die mindestens ein Drittel aller Saisonspiele absolviert haben“.

Manfred Manglitz ist der Namensgeber der Auszeichnung, weil er in der ersten Bundesliga-Saison 1963/64 beim MSV Duisburg eben jenen besagten besten Gegentore-Schnitt erreichte. Die Grundlage der Auszeichnung soll nicht in Frage gestellt werden, dennoch ist gerade Manfred Manglitz ein hervorragendes Beispiel dafür, wie dieser Quotient auch abhängig ist von der Arbeit der Torwart-Vorderleute, der Verteidigung. Denn gerade die Mannschaft des MSV Duisburg dieser ersten Bundesliga-Saison war über Jahrzehnte die erfolgreichste Arbeitsprobe des Rudi Gutendorf, der fortan kaum mehr ohne zweiten Vornamen genannt wurde. „Riegel-Rudi“ hatte für die Zebras eine Taktik entwickelt, die durch diesen Spitznamen jahrelang als großes Missverständnis weiter erzählt wurde.

Wer „Riegel-Rudi“ hörte, dachte schnell an starke Abwehrwälle und eine defensiv ausgerichtete Mannschaft, die ihr Heil im Mauern suchte. Wer aber die heutige Spielweise mit geschlossenen Bewegungen ganzer Mannschaftsteile vor Augen hat, kommt der Taktik von damals schon näher. Günter Preuß erwähnt in seiner Biografie „Der Kapitän der Zebras“, wie modern das  Spielsystem des MSV Duisburg unter Rudi Gutendorf  war. Raumdeckung erhielt Vorrang vor Manndeckung. Die Abwehrreihe bewegte sich als geschlossene Einheit. Entstehende Lücken in der Defensive mussten durch viel Laufarbeit geschlossen werden. Außenverteidiger stießen als zusätzliche Offensivkräfte in die Sturmreihe, während die Stürmer sich in die Mitte bewegten. 60 Tore erzielte der MSV Duisburg mit dieser Spielweise und war damit die sechsterfolgreichste Mannschaft der Saison 1963/64. In dieser Spielweise muss viel Dynamik gewesen sein und wenig Hinten-drin-Stehen. Wie gesagt, der Spitzname „Riegel-Rudi“ legt ein Missverständnis nahe. Und ein guter Torwart war Manfred Manglitz obendrein.

Neuer Gegner gräbt nach Erinnerungen an gemeinsame Zeiten

Das Sommerloch ist in diesem Jahr verschwunden. Gerade noch plätscherten die Gedanken an die letzte Saison müde aus, schon waren neue Spielernamen nicht nur Gerücht sondern tatsächliche Verpflichtung und nun sind wir alle bereits mittendrin in der Saisonvorbereitung. Während der Trainerstab vom MSV Duisburg zusammen mit den gebliebenen Spielern in Österreich den neu verpflichteten Spielern erzählen, welche spielerische Qualität sich aus der Stimmung im Kader ergibt und dabei auch mal Fußball spielen, ergibt sich für mich die Gelegenheit mit einem Blick auf die Vergangenheit blogwärts auf einen neuen Gegnern in der kommenden Saison zu verweisen. Wer blogwärts über Eintracht Frankfurt lesen möchte, landet unweigerlich auch bei The Diva and the Kid, wo Kid Klappergaß gestern an ein Heimspiel des MSV Duisburg gegen Eintracht Frankfurt in der Saison 1967/1968 erinnerte. Er machte das mit Hilfe vom und Weiterleitung zum Eintracht Frankfurt Archiv, wo der Spielbericht zur 0:1-Niederlage zu finden ist. Aber je länger die Zeit der Niederlagen zurückliegt, desto leichter ist das Vergangene als eine erzählenswerte Geschichte zu goutieren, besonders wenn Manfred Manglitz, „Cassius“ genannt, seinem Spitznamen vor dem Spiel alle Ehren machte. Muss ich eigentlich schreiben, dass dieser Spitzname sich auf  Muhammad Ali, vormals Cassius Clay, bezog. Wäre mal interessant zu erfahren, wie groß dieser Name auch noch heute ist. Oder was ist mit Emil Zátopek? Nach dem Langstreckenläufer benannte sich ja eine nicht sehr lange bestehende Berliner Band Anfang der 80er, in der Element of Crime-Gründer Sven Regner Trompete spielte. Was mich wieder zurück zum MSV Duisburg bringt, weil der MSV Duisburg im Leben Sven Regners eine der zentralen Fußballerfahrungen war. Allerdings interessiert ihn Fußball nicht sehr. Die Geschichte spare ich mir aber für ein anderes Mal auf. Dafür nun Bühne frei für Zatopek im Kulturfeature-Gewand der 80er. Das ZDF-Magazin Aspekte widmet sich dem Punk, dem öffentlich-rechtlichen Punk. Mitreißend! Und der Fernsehfeuilleton-Blick ist auch zum Schmunzeln – wie immer wenn das damals Etablierte auf das damals Andere guckt, was heute längst schon wieder etabliert ist.


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