Posts Tagged 'Mannschaftspsychologie'

Die SZ kommentiert die Niederlage in Fürth

Gestern war auf der Wissensseite der Süddeutschen Zeitung ein Kommentar zur Stimmung in Duisburg rund um den MSV zu finden. Auch Thorsten Lieberknechts Bemerkung der fehlenden Bereitschaft zur Präsenz der Spieler lässt sich mit diesem Wissen der Psychologie besser verstehen: Wenn etwas schief läuft, vermuten Menschen dahinter rasch Absicht. Wirkliche Motive interessieren zunächst weniger.

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Zu viel wollen und schon wieder an das eine denken

Wahrscheinlich hat Milan Sasic recht, als er nach dem Sieg gegen Fortuna Düsseldorf die paradoxe Bemerkung machte, der Erfolg sei der größte Gegner vom MSV Duisburg. Viele Sportler auf jeder Leistungsebene bis hinab zur Kreisklasse kennen wahrscheinlich diesen Moment. In einem Spiel oder einem Wettbewerb wird etwas möglich, was zu Beginn des Spiels oder des Wettbewerbs allenfalls eine insgeheime Hoffnung gewesen ist. Gewinnen wollen wir als Sportler am Anfang natürlich immer. In meinem Sport Basketball will ich das noch in der voraussichtlich aussichtslosesten Begegnung gegen Spieler, die unsere Kinder sein könnten und zudem allesamt einen Kopf größer sind als wir. Das sich selbst Überraschen mit dem eigenen Erfolg nehme ich in meinem Alter als amüsante Volte des Lebens, während ich häufig erlebe, wie junge Spieler nervös werden angesichts der Möglichkeit zum unerwarteten Sieg.

Dauerhaft gut zu sein, braucht auch Übung. Es ist leichter, immer mal wieder mit einer besonderen Leistung zu verblüffen als ein höheres Niveau stabil zu halten, selbst wenn sich das noch unter dieser einmaligen besonderen Leistung befindet. Vielleicht gibt es in der Mannschaft des MSV Duisburg tatsächlich zu viele Spieler, die von den Möglichkeiten dieser Saison für den großen Erfolg zu beeindruckt waren. Sie verloren in der Rückrunde ihre Unschuld gegenüber dem Erfolg. Wenn das stimmt, liegt es auf der Hand, dass auch das Weiterkommen im DFB-Pokal die Alltagsarbeit eher erschwert hat als das daraus sich ein stabiles Selbstbewusstsein entwickelt hat. Auch dieses Erreichen des Finales kann in den Spielern Ansprüche an sich selbst geweckt haben, an die sie noch nicht gewöhnt waren.

Für den MSV Duisburg, den Verein und sein Umfeld, ist dieses Finale am 21. Mai in Berlin ein außerordentlich bedeutsames Spiel. Der MSV Duisburg ist solche Spiele nicht gewöhnt. Wir Zuschauer mussten wie die Spieler des MSV Duisburg mussten erst einmal damit umgehen, unsere Gedanken wieder auf die Zweite Liga zu konzentrieren.  Auch bei  mir schiebt sich das baldige Spiel der Spiele immer wieder vor die Gegenwart. Selbst ich als Zuschauer brauchte unabhängig von der Leistung der Mannschaft einige Zeit im Spiel gegen Fortuna Düsseldorf, um mich wirklich über die Leistung der Manschaft während der ersten Halbzeit zu ärgern.

Nun sind wir allesamt hoffentlich wieder im Liga-Alltag angekommen, und ich kann ohne Gefahr von den den Gesprächen vor dem Spiel gegen Fortuna Düsseldorf erzählen. Denn auch in diesen Gesprächen war der Pokalwettbewerb immer wieder ein Thema. Zweimal habe ich dann um eine kurze Pause gebeten und das Aufnahmegerät rausgeholt. So bekam ich Lesestoff für das Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg. Dort steht nun eine kurze Erinnerung an das Halbfinale 1974/75 gegen Borussia Dortmund neben der etwas längeren Erinnerung an den Tag des Finales 1998 im Vergleich zu dem von 1974. Doch nicht nur Pokalwettbewerbe prägen die Erinnerungen von MSV-Fans. Manchmal werden Fußballgötter zum Leidwesen von jungen Fans sehr menschlich, als das Reinlichkeitsverhalten Anfang der 70er Jahre von ganz nahem betrachtet werden konnte.

Warum Ioannis Amanatidis keine Verstärkung gewesen wäre

Warum kurz vor Ende der Transferzeit, das Gerücht aufkam, der MSV Duisburg könne den Stürmer Ioannis Amanatidis von Eintracht Frankfurt ausleihen, habe ich nicht genau verfolgt. Am letzten Wochenende musste ich aber noch einmal an dieses Gerücht denken. In der Süddeutschen Zeitung ging es um die in Deutschland übliche Zurückhaltung über das eigene Einkommen zu reden. Der Verfasser des Artikels brachte diese Zurückhaltung in Zusammenhang mit der Leistungsbereitschaft der Gehaltsempfänger und kam zu dem Schluss, das Schweigen zu Gehältern kommt dem Betriebsklima sehr zugute. Die meisten Menschen beginnen schließlich ganz schnell über Gerechtigkeit nachzudenken, wenn es um sie selbst geht. Der Maßstab für die Zufriedenheit eines Arbeitnehmers ist nämlich nicht die absolute Höhe des Gehalts sondern die relative Höhe im Vergleich zum Kollegen.

Soll dieselbe Arbeit für weniger Geld erledigt werden, trägt das nicht gerade dazu bei, die Stimmung zu heben. In schlechter Stimmung wird aber weniger geleistet. Mancheiner macht das dann sogar bewusst als Trotzreaktion. Der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Bruno Frey interessiert sich für eine sehr lebensnahe wirtschaftswissenschaftliche Forschung und hat solche Effekte der Ungleichbehandlung bei der Entlohnung untersucht. Der Erfolg von Fußballmannschaften als Ausweis der Leistungsbereitschaft ihrer Gehaltsempfänger, der Fußballspieler, war für ihn sowie Sascha L. Schmidt und Benno Torgler die Ausgangsüberlegung der Untersuchung. Zur Fußball-WM 2006 wurden erste Ergebnisse, aufbereitet für die Zeitungsleser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, veröffentlicht. Der abschließende wissenschaftliche Aufsatz mit entsprechendem Statistikteil erschien zwei Jahre später.

Behalten wir das Gefühl des Neids im Blick, können wir also als Nachtrag zur letzten Transfer-Periode feststellen: Selbst wenn der MSV Duisburg das Geld zur Ausleihe von Ioannis Amanatidis gehabt hätte, das Risiko ihn zu verpflichten wäre groß gewesen und zwar nicht, weil er selbst vielleicht nicht die Verstärkung gewesen wäre, die man sich von ihm erhofft hätte, sondern weil seine Anwesenheit andere Spieler schlechter hätte machen können. Gefühle lassen sich nicht unterdrücken.

Wird ein Muster nun erkennbar?

Seit Jahren spiele ich Basketball. Schon sehr lange gibt es dabei keinerlei Ambitionen mehr,  außer zu gewinnen. Das einzelne Spiel. Das gilt für mich wie für meine Mitspieler, auch wenn wir zum Teil gegen Mannschaften spielen mit Spielern im Alter unserer Kinder. Eine Voraussetzung für dieses Gewinnen wird aber von mir und meiner Mannschaft oft nur etwas nachlässig beachtet: Das Spiel beginnt mit dem Anpfiff. Wir sind es von unseren mannschaftsinternen Basketballabenden – Training ist das längst nicht mehr – nämlich gewohnt, uns ganz allmählich an schnelle Bewegungen heranzutasten und die für das Siegen notwendige Präsenz auf dem Spielfeld in gegenseitigem Einvernehmen nach und nach erst zu entwickeln. Wir brauchen diese Zeit, schließlich sind wir nicht mehr die jüngsten.

Bei einem Meisterschaftsspiel ist das dummer Weise anders. Da gibt es tatsächlich gegnerische Mannschaften, die suchen von dieser ersten Sekunde des Spiels an den Erfolg. Das ist unangenehm für uns, weil wir diese andere, uns so vertraute Haltung einfach nicht aus dem Kopf bekommen, selbst wenn wir uns lange genug aufgewärmt haben. Obwohl wir die Gefahr so gut kennen, liegen wir dann innerhalb von fünf Minuten mit acht bis zehn Punkten zurück. Ändern lässt sich dieser Spielauftakt fast nie. In meiner Mannschaft hat sich eine Kultur der Spielweise etabliert, die mächtiger ist als unser bewusster Wille diesen befürchteten Rückstand zu verhindern. Wir gewinnen manchmal dennoch. Aus unterschiedlichen Gründen. Manchmal ist der Gegner einfach zu schlecht, um den Vorsprung zu halten. Manchmal bringen wir dank unserer Erfahrung eine jüngere gegnerische Mannschaft aus ihrem Spielrhythmus. Manchmal wird der Gegner zu leichtsinnig und nachlässig.

In dieser Saison scheint der MSV Duisburg immer mal wieder mit einem ähnlichen Problem zu kämpfen wie meine Basketballmannschaft. Wenn ich bei Der Westen lese, wie der Verein aller Vereine in München verloren hat, erinnert mich das sehr an das Spiel gegen Rot-Weiß Oberhausen. Das Freistoßtor fiel nur eine Minute früher als im Niederrhein-Stadion. Die Mauer scheint erneut eher mäßig gestellt gewesen zu sein. Tom Starke kommentiert, erst nach 20 Minuten sei der Schalter umgelegt worden. Das verstehe ich so, vorher war die Mannschaft noch nicht mit der Konzentration auf dem Platz wie es notwendig gewesen wäre.

Mehrmals habe ich in den letzten Wochen lesen können, die Mannschaft sei stärker besetzt als in der letzten Saison wahlweise auch als in der letzten Aufstiegssaison. Mir scheint das nicht falsch zu sein. Dennoch stehen diese starken Einzelspieler weder in jedem Spiel nach dem Anpfiff von Anfang an entschlossen auf dem Platz, noch finden sie regelmäßig zur Einheit. Auch das lese ich nämlich vor allem in den Kommentaren zu dem oben verlinkten Artikel oder im msvportal, es mangelt an Geschlossenheit und Zusammenspiel.

Hat sich da nun etwas verfestigt, was den Erfolg verhindert? Gibt es da nun eine mir und meiner Basketballmannschaft so bekannte Kultur der Spielweise. Ist das ein sozialpsychologisches Phänomen, eine Gruppendynamik des Misserfolgs? Gibt es da eine Atmosphäre innerhalb der Mannschaft, die Konzentration verhindert? Einen Geist der Mannschaft? Gerade dann wenn der Gegner spielerisch nicht überlegen ist, macht sich eine solche Kultur der Spielweise bemerkbar. Gerade dann entscheidet das Auftreten der Mannschaft, wie der Gegner sein Spiel entwickeln kann. So war das gegen Rot-Weiß Oberhausen, so muss es gegen TSV 1860 München gewesen sein.

Wie auch immer man diese Eigenart der Mannschaft nennen will, eins ist sicher, wenn schon erste Muster von Niederlagen erkennbar sind, wird es sehr schwer für die Spieler, sich der Wirksamkeit einer solchen sich ausbildenden Kultur der Spielweise zu entziehen. So unbedingt das auch jeder einzelne in dieser Mannschaft will, braucht es Spiel für Spiel mehr Können und mehr Einsatzbereitschaft, je öfter das Vorhaben missrät. Gelingt es einmal mehr nicht, von Anfang an entschlossen auf dem Platz zu stehen, ergeben sich Ratlosigkeit und Ohnmacht. Denn jeder der Spieler fühlt sich als Einzelperson ja bereit dazu, alles beizutragen den erkannten Fehler nicht zu wiederholen. Doch irgendwann geht es der Mannschaft wie einem Fahrradfahrer auf Feldwegen. Der muss die alten Spurrillen weit umfahren, um nicht gleich wieder drin zu landen und dann unweigerlich nach ein paar Metern zu stürzen.

Manchmal möchte ich wissen, wie in einem Fußballverein nach solch einem Spiel, Gründe für die Niederlage gesucht werden. Was macht Peter Neururer konkret? Gibt es ein offenes Reden von vielen? Ich frage mich das, weil ein Verändern der Spielweise nicht alleine durch das Trainieren des Fußballspiels selbst gelingen wird. Zur Einstimmung der Mannschaftspsyche vor einem Spiel reicht es uns als Basketballmannschaft, wenn wir uns nach dem Aufwärmen gegenseitig versichern, dieses Mal aber von Anfang an der Entschlossenheit der gegnerischen Mannschaft etwas entgegen zu halten. Ich hoffe sehr, beim MSV Duisburg wird das Problem etwas grundsätzlicher angepackt. Wir landen nämlich mit unserer Kultur der Spielweise und dem meist nur symbolhaften Aufbäumen dagegen seit ein paar Jahren stets im Mittelfeld der Tabelle.


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