Posts Tagged 'Manuel Schäffler'

Selbstvertrauen durch guten Sommerfußball

Besser kann die Vorbereitungszeit auf ein wichtiges Spiel einer Saison nicht verlaufen. Unter Wettbewerbsbedinungen wird gegen die Gegner gesiegt. Die Mannschaft merkt, sie kann sehenswert Fußball spielen und festigt sich weiter als Einheit. Weil außerdem die Gegner nicht ganz ohne Ehrgeiz antreten, werden die Schwachstellen der Mannschaft offenbart und können im Training noch einmal gesondert angegangen werden. Während die Spieler der Mannschaft also Selbstvertrauen gewinnen, wird in der gleichen Zeit die Stimmung beim Gegner durch Niederlagen immer schlechter.  Das klingt wirklich gut. Rund um den FC Schalke 04 kitzeln Angst und Sorge die Seelen, während rund um den MSV Duisburg eine leistungssteigernde Atmosphäre aus Lampenfieber, Freude durch Erfolgserlebnisse und Zuspruch immer spürbarer wird.

Flow heißt das Zauberwort, das die Psychologie als den erstrebenswertesten Zustand bei einer Tätigkeit beschreibt, und so wie die Mannschaft im Moment spielt, scheint beim MSV Duisburg so etwas wie ein Gruppenflow vorhanden zu sein. Da gelingt die Konzentration auf die anstehende Aufgabe. Da stabilisiert sich das Gefühl, die Kontrolle über die eigenen Fähigkeiten zu besitzen. Und vor allem durchdringen sich Handlung und Bewusstsein während eines Spiel gegenseitig. Keinen Spieler hemmt sein Denken. Der MSV Duisburg befindet sich im Flow! Es deutet vieles darauf hin, dass dieser Flow bis ins Finale anhält. Was dort dann mit und dank dieses Flows passiert, werden wir sehen.

Wie  sehr kann nämlich das Denken zum falschen Zeitpunkt im Sport den Erfolg verhindern. Ich glaube, bei Manuel Schäffler zeigt sich das im Moment. Allerdings kommt die Spielanlage des MSV Duisburg ohne Stefan Maierhofer wahrscheinlich auch den spielerischen Qualitäten von Manuel Schäffler sehr entgegen. Er braucht anscheinend den Ball mit schnellem Kombinationsspiel, flach vorgetragen. Welche Selbstsicherheit hat er gestern gezeigt. Da läuft er in der zweiten Halbzeit nach einem Zuspiel auf ihn auf vier Gegenspieler zu, hat keine Abspielmöglichkeit und läuft in hohem Tempo einfach weiter. Irgendwie gelingt es ihm dann, diese vier Paderborner zu überspielen. Er zieht den Ball unter dem Fuß des Gegners durch, spielt zwischen die Beine des nächsten Verteidigers oder nimmt den Ball beim Vorbeigehen einfach mit. Am Abschlus nach so einer Aktion muss er noch arbeiten. Schon das Tor zum 2:0 ließ dieses Selbstbewusstsein erkennen. Elegant schiebt er den Ball rechts am Verteidiger vorbei, um selbst an dessen linker Seite vorbeizusprinten, um dann in fließender Bewegung von links neben dem Tor in die Mitte zu ziehen und souverän abzuschließen. Natürlich war es hilfreich, dass ein Verteidiger der Paderborner leicht ausrutschte, aber das schmälert die Leistung von Manuel Schäffler in keiner Weise. Das ist so wichtig in diesen Spielen. Es erzielen die richtigen Spieler der Mannschaft die Tore. Manuel Schäffler brauchte das Gefühl so sehr, dass er alles das kann, weshalb er vom MSV Duisburg ausgeliehen wurde.

Den Führungstreffer erzielte Ivo Grlic, der sich seiner Fähigkeiten natürlich eigentlich sicher ist. Aber nach einer langen Pause verbessern solche individuellen Erfolgserlebnisse das Ankommen eines Spielers im sportlichen Wettbewerb dann doch auch sehr wahrscheinlich. Und schließlich führte zudem die erfolgreiche Freistoßvariante der Hinrunde zum Erfolg. Den von Benjamin Kern geschlagenen Ball köpfte Goran Sukalo ins Tor. In den Spielen vor Frankfurt war es für mich die Hauptfrage, wer erzielt nach dem Ausfall von Srdjan Baljak und Stefan Maierhofer die Tore für den MSV Duisburg. Die Mannschaft hat gezeigt, wie sie dieses Problem lösen will.

Die Schwächen zeigten sich gestern dagegen bei ein paar Momenten des Spiels in der Defensive. Direkt am Anfang wirkte der SC Paderborn für kurze Zeit wacher, und auch direkt nach Halbzeitpause war der Anschlusstreffer keine wirkliche Überraschung. Der MSV Duisburg hatte sich zu weit zurückgezogen, und es gelang der Mannschaft nicht, in dieser defensiveren Grundhaltung genügend Druck auf die angreifenden Paderborner auszuüben. Dazu musste der Sieg erst einmal als gefährdet erscheinen. Bei Eckstößen bereitete mir außerdem die Zuordnung am jeweils hinteren Pfosten ein paar Sorgen. Da kamen  zwei Paderborner Spieler nach zwei Ecken jeweils frei zum Kopfball. Dagegen scheint Daniel Reiche sich gefangen zu haben, und David Yelldell bewies auf der Linie weiterhin seine Stärke.

Jetzt folgt die Generalprobe beim VfL Bochum, der gewinnen muss, um mit Sicherheit den dritten Tabellenplatz zu behalten. Ein Sieg des MSV Duisburg könnte den fünften Tabellenplatz zur Folge haben. An meiner Hoffnung auf den Erfolg im Pokalfinale wird das Ergebnis in Bochum aber nichts mehr ändern. Lebensweisheiten  unterstützen mich bei dieser Haltung. Wir wissen nämlich alle, verpatzten Generalproben, folgen gelungene Premieren. Und wenn ich daran denke, dass schon bei der Generalprobe fast alles klappt, dann kann bei der Premiere eigentlich nichts mehr schief gehen.

MSV Duisburg mit Herz für Sportjournalisten

Der MSV Duisburg zeigt Herz für Sportjournalisten. Die bereits geleisteten und noch zu erwartenden Überstunden durch Sonderbeilagen und vermehrter Berichterstattung über den MSV Duisburg im Pokalwettbewerb müssen ja irgendwie abgearbeitet werden. Wahrscheinlich denken sich die Leute im Verein deshalb, da helfen wir, da packen wir mit an. Am besten die Mannschaft tritt in den Meisterschaftsspielen einfach so auf, dass die sympathischen Jungs und Mädchen von der Sportpresse ihre alten Texte immer wieder neu nutzen können.

Ich konnte gestern beim Spiel vom MSV Duisburg gegen den Karlsruher SC nur während der ersten Halbzeit Marco Röhling bei Radio DU zuhören. Er sprach von einer noch schlechteren Leistung des MSV Duisburg als im Spiel gegen Arminia Bielefeld. Wenn ich heute die Berichterstattung in der Printpresse lese, habe ich das Spiel sofort lebendig vor Augen. Im RevierSport wird getitelt „Lust- und ideenlos“, im Kicker lese ich „die ‚Zebras‘ … wirkten recht ideenlos im Spiel nach vorne“, und bei Der Westen wird der bekannte Spielbericht noch mit der Bemerkung „schlichen sich bislang unbekannte Abwehrfehler ein“ variiert.

Wenn ich das lese, bin ich nicht enttäuscht über den „Abschied aus dem Aufstiegsrennen“. Ich habe da keine Erwartungen gehabt. Ich habe zwar auf das Unaussprechliche gehofft, aber den Aufstieg in weiter Ferne gesehen. Ich habe tatsächlich diese Saison der alten Fußballerfloskel gemäß von Spiel zu Spiel gedacht. Deshalb mache ich mir nun einzig und allein Gedanken über Milan Sasics Reaktion in der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den Karlsruher SC auf die Frage eines Journalisten nach den schlechten Leistungen in den zurückliegenden Meisterschaftsspielen. Milan Sasic wirkte über die Frage nicht erfreut und antwortete nur indirekt. Er wollte nicht die einzelnen Spiele in der Meisterschaft betrachtet sehen, sondern „das Gesamtpaket„, wie es hier auch nochmals bei Der Westen aufgegriffen wird. Dieses Gesamtpaket beinhalte den Sieg im Pokalhalbfinale. Dieser Sieg soll also das Gegengewicht bilden zu den Niederlagen und Unentschieden in den Meisterschaftsspielen. Zu der ideenlose Spielweise sagte Milan Sasic nicht viel.

Ich habe die gleiche Frage an Milan Sasic, und dabei geht es mir gar nicht um die Ergebnisse. Mir geht es um eine ehrliche Analyse der Spielweise des MSV Duisburg in den letzten Spielen. Ich nehme in dieser Saison solche Leistungen auch über einen längeren Zeitraum hin, wenn sie mir erklärt werden. Ich will dann nichts über Schiedsrichterleistungen hören. Ich will nichts über einen kleinen Kader hören. Ich will einzig und allein erklärt bekommen, warum seit einigen Spielen das einzige Mittel des Angriffs der lange Ball auf Stefan Maierhofer ist.

Als Milan Sasic in Duisburg seine Arbeit begann, waren aus Kaiserslautern sehr widersprüchliche Kommentare über ihn zu lesen. Es war schnell klar, der Mann lässt andere Menschen zur sehr entschiedenen und sehr gegensätzlichen Urteilen kommen. Nicht immer ging es dabei um den Fußball, der beim 1. FC Kaiserslautern gespielt wurde. Wenn das aber der Fall war, wurde eins bemängelt, die ideenlose Spielweise der Mannschaft, in der nur lange Bälle nach vorne geschlagen wurden. Das soll nun keine Trainerschelte werden. Wenn ich aber ohne Erklärungen bleibe, gerate ich in dieselbe Lage wie viele Anhänger des 1. FC Kaiserslautern seinerzeit. Ich verstehe die Spielweise meiner Mannschaft nicht mehr.

Milan Sasic hat in Duisburg schon einmal Fehler eingesehen und sich öffentlich dazu geäußert. Da ging es um seinen Umgang mit den Mitarbeitern des MSV Duisburg. Es ging um seine direkte Art und seinen Perfektionismus, den er von allen Mitarbeitern des MSV einfordert. Mit dieser öffentlichen Erklärung erschienen auch die Kommentare zu seiner Persönlichkeit aus Kaiserslautern in einem anderen Licht. Nun geht es um sportliche Belange.  Es ist das eine in Zeiten von Erfolgen, eine Einheit mit den Zuschauern herzustellen. Diese Einheit muss sich in Zeiten von Misserfolgen bewähren.

Milan Sasic kann mit zwei Maßnahmen diese neue Einheit des Vereins mit den Zuschauern bewahren und weiter festigen. Er müsste über die Niederlagen genauer auch in der Öffentlichkeit sprechen. Er müsste über misslungene Taktik reden und nicht nur über das misslungene  Bekämpfen des Gegners und den Willen der Mannschaft. Die zweite und sicher schwierigere Maßnahme wären Veränderungen der Spielanlage. Wenn ich allerdings die Einwechselung von Sefa Yilmaz  und Manuel Schäffler sofort zu Beginn der zweiten Halbzeit im Spiel gegen den Karlrsruher SC sehe und den damit verbundenen Versuch, die langen Bälle durch eine variablere Spielweise zu ersetzen, denke ich erleichtert, vielleicht hat Milan Sasic auch in diesem Fall sich gegenüber seiner Zeit beim 1. FC Kaiserslautern längst geändert.

Begeistert über Alltagsarbeit

Wie sich  nach einem Fußballspiel  Siege anfühlen, verrät uns nicht nur viel über Qualität und Ambitionen einer Mannschaft sondern auch einiges über die Hoffnungen der Zuschauer. Das Gefühl nach dem 3:1-Sieg des MSV Duisburg gegen den FC Erzgebirge Aue kenne ich schon Jahre nicht mehr nach einem Sieg des MSV Duisburg. Dieser Sieg erinnerte mich an die sorgfältige und zufriedenstellende Erledigung von Alltagsarbeit.

Die Last solcher Alltagsarbeit fällt normalerweise nicht weiter auf. Sie wiederholt sich, wie etwa das tägliche Essen kochen, und nur selten begeistert sich jemand am Ergebnis. Dennoch kostet Alltagsarbeit viel Kraft, und es ist immer eine offene Frage, wie gut sie erledigt wird und wie sehr man sich auch für diese Alltagsarbeit anstrengt. Ich schätze gut erledigte Alltagsarbeit sehr. Wer täglich frisch zubereitetes, leckeres Essen auf den Tisch bringt, wird an besonderen Tagen keine Probleme bei der Zubereitung eines Festessens haben. Umgekehrt ist es aber nicht immer so. Wer ein Festessen zubereiten kann, ist längst noch nicht für den Alltag gerüstet. Der MSV Duisburg hat sich gestern im Alltag bewährt. Wer den FC Erzgebirge Aue besiegt, weil die Mannschaft besiegt werden muss, besitzt die Qualität und Ambition, um das Unaussprechliche bis zum letzten Spieltag im Blick zu behalten.

Das Spiel machte es offensichtlich, warum der FC Erzgebirge Aue trotz der so wenigen erzielten Tore in der Tabelle oben steht. Diese Mannschaft besitzt eine Defensivreihe, die ich von der Statur her eher im australischen Rugby oder im Basketball vermutet hätte. Spieler von solcher Größe und Athletik strahlen zunächst einmal Unverwundbarkeit aus. Um so beeindruckender ist es, wenn Goran Sukalo sich zweimal gegen solche Spieler beim Kopfball durchsetzen kann, um Tore zu erzielen. Vor dieser Defensivreihe gibt es ein spielfreudiges und kombinationssicheres Mittelfeld, dem abschlussstarke Stürmer fehlen.  Es wirkte aber das Spiel über so, als sei es den Auer Spielern jederzeit möglich, durch schnelle Kombinationen überraschend in Strafraumnähe zu gelangen.

Dieses Mittelfeld sollte meist durch einen langen Pass erreicht werden. Ivica Banovic wurde im mittleren Teil des Spielfelds zu einem Garanten des Erfolgs für den MSV Duisburg, weil er immer wieder die kontrolllierte Annahme dieser längeren Pässe der Auer störte. Immer wieder war er zur Stelle, um den Ball zu erobern oder um zumindest das Tempo aus dem Angriffsspiel des FC Erzgebirge Aue zu nehmen. Der MSV Duisburg wirkte auch deshalb die meiste Zeit des Spiels überlegen, ohne das Kombinationsspiel der Auer endgültig unterbinden zu können.

Ich hätte auch keine Sorge um den Sieg des MSV Duisburg gehabt, wenn nicht die Entscheidungen des Schiedsrichters Tobias Stieler nach und nach eine immer deutlicher werdende Ungleichbehandlung der Mannschaften erkennen ließen. Sicher, Schiedsrichter treffen manchmal Fehlentscheidungen, die spielentscheidend sind, selten nur aber summieren sich viele kleine Fehlentscheidungen so, dass ein Spiel zu kippen droht. Das war dieses Mal der Fall. Fouls gegen den MSV Duisburg wurden gepfiffen, dieselbe Spielweise auf der anderen Seite nicht. Der Ball an der Schulter von Olcay Sahan wird als Handspiel gegen den MSV Duisburg gepfiffen, dieselbe Ballannahme eines Auer Spielers nicht. Für kurze Zeit kochte die Stimmung hoch, die Spieler des MSV Duisburg drohten aus ihrem Rhythmus zu geraten. Die gelben Karten gegen Goran Sukalo, Stefan Maierhofer und Olcay Sahan waren direkte Folge dieser Stimmung. Wobei mir das Fehlen von Sukalo mehr Gedanken macht als das von Stefan Maierhofer, dem gestern nicht viel gelang.

Was Mannschaft und Zuschauer in diesem Moment auszeichnete, macht mich sehr zuversichtlich für die Zukunft. In dieser Mannschaft stimmt die Mischung von Spielertypen. Wenn ein Heißsporn wie Stefan Maierhofer sich seine gelbe Karte mit Ansage abholt, bleibt nicht nur genügend Ruhe im Rest der Mannschaft für das Spiel, sondern diese Ruhe strahlt in die gesamte Mannschaft zurück und zeigt Wirkung. In so einer Spielphase sind Typen wie Filip Trojan und Benjamin Kern nötig, die wieder Konzentration einfordern und daran erinnern, nicht der Schiedsrichter ist Gegner sondern die Spieler aus Aue, nicht das Foul ist das Mittel zum Erfolg sondern kämpferische Härte. Das zweite Tor von Goran Sukalo habe ich deshalb auch als gerechten Ausgeich für die Ungleichbehandlung durch den Schiedsrichter empfunden. Und auch die Zuschauer spürten, dass der Ärger gegen den Schiedsrichter besser durch das Anfeuern der eigenen Mannschaft bewältigt werden konnte als durch Unmut und Pfeifen gegen den Schiedsrichter. Dass auch die Zuschauer auf den Geraden die Mannschaft nicht nur kurz anfeuerten, sondern sie für längere Zeit durch kritische Phasen tragen wollten, kenne ich aus Duisburg kaum. Da entsteht eine so breite Identifikation mit der Mannschaft, die es jahrelang nicht gegeben hat.

Das Anschlusstor durch Tobias Kempe hat es dann noch einmal für kurze Zeit spannend gemacht. Doch vielleicht ist so ein Satz eher der Vergangenheit geschuldet als der Gegenwart. Vielleicht war die Mannschaft nach dem Gegentor sehr viel stabiler, als wir es erkennen konnten. Vielleicht werde ich demnächst so einen Satz nur noch als reine Aussage schreiben, etwa so: In der 88. Minute fiel noch ein Gegentor durch Tobias Kempe, doch Manuel Schäffler stellte zwei Minuten später das Endergebnis sicher. So ein Satz könnte deshalb bald schon Wirklichkeit sein, weil zur Erledigung von Alltagsarbeit auch die Erwartung gehört, dass das Leben seinen normalen Gang geht. Wer weiß, dass in seiner Familie täglich gekocht wird, erwartet jeden Mittag das Essen auf dem Tisch. Die Mannschaft des  MSV Duisburg hat mich an das Mittagessen des Fußballs, den Sieg, allmählich gewöhnt. Darüber bin ich dann doch auch im Alltag sehr begeistert.

Der Unsinn vom Rückschlag

Manchmal überrasche ich mich doch selbst. Da befürchtete ich vor dem Spiel des MSV Duisburg gegen den TSV 1860 München, nach dem Spiel wäre ich mit dem von mir erhofften Unentschieden dennoch unzufrieden. Stimmt aber gar nicht. Mir langt das 1:1 voll und ganz. Das mag daran liegen, dass ich das Spiel am PC gesehen habe und dabei das Unentschieden dank der Famillje in etwa nachspielen konnte. Beide Tore habe ich nämlich verpasst, weil in den jeweiligen Momenten Frau und Sohn dringender Hilfe bedurften. Das Auswärtsspiel als ausgesprochenes Heim-Spiel birgt manche Ablenkung.

Bis etwa zur 25. Minute war das Spiel ausgeglichen. Danach gelang dem MSV Duisburg kaum mehr etwas Konstruktives nach vorne. Immer öfter musste der lange Pass als Versuch eines Angriffs herhalten. Allerdings war mit der Streuweite selbst ein Kampfsprinter wie Stefan Maierhofer überfordert. Ein paar Steilpässe endeten im Nichts, und die Versuche eines Kurzpassspiels wurden knapp nach der Mittellinie vom TSV 1860 München unterbunden.

Deshalb wirkte der TSV 1860 München immer spielbestimmender,  zunächst noch ohne kontinuierlich Torgefahr auszustrahlen. Aber wenn nahezu jeder Pass in die gegnerische Hälfte fast augenblicklich wieder zurückgespielt wird, dann wissen wir, braucht die verteidigende Mannschaft selbst bei einer sehr guten Abwehrleistung auch viel Glück, um kein Tor hinnehmen zu müssen. Die Führung des TSV 1860 München war nur noch eine Frage der Zeit. Deshalb nahm ich vor der Pause beim kurzzeitigen Verlassen meines Platzes das Gegentor in Gedanken schon einmal vorweg. Ich mag keine unangenehmen Überraschungen. Was ist das Schlimmste, was passieren kann?, frage ich mich. Und wenn ich mir das dann vorstelle und ich sehe, das Leben geht selbst dann in absehbarer Zeit einigermaßen normal weiter, wirkt so ein Rückstand vom MSV Duisburg schon sehr viel verträglicher.

In der zweiten Halbzeit nahm der MSV Duisburg zwar auch im Angriff wieder etwas mehr am Spiel teil. Richtig gefährlich wurde es aber nicht. Die größeren Torchancen hatten die Münchner. Nachdem in der 60. Minute Maurice Exslager, Sefa Yilmaz und wenig später noch Manuel Schäffler eingewechselt wurden, geriet das Spiel des MSV Duisburg noch einmal etwas kraftvoller, aber keineswegs torgefährlicher. Ich begann, mich mit einer Niederlage abzufinden und dann rief mich fünf Minuten vor Spielende mein Sohn. Ich war kurz weg, kam wieder und es stand Unentschieden. Großartig! In diesem Spiel einen Punkt zu gewinnen, das glich einem Sieg.

Auch deshalb ist es völliger Unsinn einen Spielbericht mit der Überschrift „Rückschlag für Duisburg im Aufstiegskampf“ zu betiteln. Diese Überschrift lässt die besonderen Begebenheiten dieses Spieltags außer Acht. Als ich diese Schlagzeile am Samstagabend las, dachte ich sofort auch, hat der Schlagzeilentexter hellseherische Fähigkeiten? Weiß er, wie die anderen Mannschaften spielen? Und siehe da, der FC Energie Cottbus verliert einen Tag später sein Auswärtsspiel beim Karlsruher SC, und wenn sich der FC Augsburg und der VfL Bochum heute Abend Unentschieden trennen sollten, hätte dieser Spieltag nur bei sehr großem Glück besser verlaufen können.

Wer die mitgereisten Fans die Mannschaft unterstützen hörte, erkennt, wie sehr sich dieser Verein MSV Duisburg und sein Umfeld innerhalb kurzer Zeit gewandelt haben. Diese so intensive Unterstützung trägt mit zur Identität des Vereins bei und wirkt auf ein noch zögerndes Fußballpublikum Duisburgs zurück. Zurzeit gehen alle am MSV Interessierten in eine Richtung. Dabei wird es immer schwieriger, das realistische Verhältnis zu den Verheißungen der Zukunft zu finden. Natürlich wird das Halbfinale im DFB-Pokal gegen den FC Energie Cottbus kein Selbstläufer. Die Mannschaft des MSV Duisburg hat sich in den letzten zwei Heimspielen gegen Cottbus schwer getan zu gewinnen. Verloren wurden die Spiele allerdings auch nicht. Wir sind uns einig, diese Auslosung ist die beste aller möglichen Spielpaarungen und ich wünsche mir sehr, Claus-Dieter Wollitz, „Pele“ genannt, ins Schwärmen zu bringen. Über das Spiel des MSV Duisburg und das Duisburger Publikum gleichermaßen.

Das Duisburger Fußballgesetz: Doppelpack von Spielern über 1,90m Körpergröße

Ich kann mir gut vorstellen, dass die Verleger von Deutschlands Tageszeitungen aus Sorge um die verkaufte Auflage ihrer Zeitung allmählich zu ungewöhnlichen Marketing-Maßnahmen greifen, um die weiterhin vorhandene Relevanz ihres Mediums der Öffentlichkeit zu  verdeutlichen. Möglicherweise hat Alfred Neven DuMont, Verleger des Kölner Stadt-Anzeiger, selbst dafür gesorgt, dass die A3 hinter dem Hildener Kreuz wegen Bauarbeiten am Samstagmittag nur einspurig befahrbar war.  Schließlich widmete sich seine Zeitung am selben Tag als Aufmacherthema dem Verkehrskollaps in NRW. Samstagmittag, ein zehn Kilometer langer Stau, völliger Stillstand auf der A3 anderthalb Stunden vor dem Anpfiff des Spiels vom MSV Duisburg gegen die SpVgg Fürth kurz hinter der Ausfahrt Langenfeld, und die Zukunft der Regionalzeitung scheint wieder etwas gesicherter, denn der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet „kritisch“ und kennt die Hintergründe. Wir aber kennen die Ausweichstrecken und kommen etwa drei Minuten nach dem Anpfiff im Stadion an.

So brauchte ich mich nicht vor dem Fürther Abseitstor erschrecken, sondern konnte mich in Ruhe erst einmal orientieren. Erwartungsgemäß spielte Branimir Bajic wieder für Daniel Reiche. Dass Manuel Schäffler nicht spielte, war ebenfalls möglich gewesen, wenn auch der ihn ersetzende Filip Trojan sich offensichtlich auf einer anderen Position wohler fühlt als als Stürmer. Aber wieso spielte Benjamin Kern als rechter Außenverteidiger und Julian Koch im Mittelfeld für Ivica Grlic? Die Frage ging an den Nebenmann, und ich erfuhr, dass Grlic keineswegs verletzt war, sondern aus taktischen Gründen auf der Bank saß. Wenn das klappte, so dachte ich, war es ein Beweis mehr für die Qualität des MSV Duisburg in dieser Saison. Die Mannschaft erwiese sich als  variabler in der Spielanlage, wenn sie auf einen  Spieler verzichten könnte, der zu den ersten Erfolgen dieser Saison entscheidend beigetragen hat. Was von Milan Sasic geplant war, gelang tatsächlich, allerdings nur in der ersten Halbzeit.

Die Mannschaft des MSV Duisburg wirkte schnell leicht überlegen und schien das Spiel im Griff zu haben. Torgefahr ergab sich einmal recht früh durch Stefan Maierhofer und schließlich nach einem von Benjamin Kern geschossenen Freistoß durch einen Kopfball von Goran Sukalo. Den Ball hatte ich schon im Tor gesehen, doch der Fürther Torwart Max Grün zeigte einen glänzenden Reflex und lenkte den Ball noch über die Latte. Während ich noch zum Freund sagte, allmählich schießen sie sich ein, flog der von Filip Trojan getretene Eckball schon in den Strafraum und erneut kam Goran Sukalo zum Kopfball. Dieses Mal hatte Max Grün keine Chance zur Abwehr. Der MSV Duisburg führte 1:0. Ich konnte mich immer wieder an gelungenen Einzelaktionen freuen, sah den erneut beeindruckenden Auftritt von Julian Koch und zwei weitere große Chancen, ein Kopfball durch Koch knapp über das Tor und ein ungemein harter Schuss aus etwa achtzehn Metern durch Olcay Sahan. Erneut zeigte Max Grün seine Klasse und verhinderte ein weiteres Tor des MSV.

Kurz vor der Halbzeitpause blitzte mit einem Mal die Torgefahr der Fürther auf. Die MSV-Abwehr wurde mit einem steilen Pass überspielt, doch David Yeldell konnte den schwachen Schuss des Fürther Stürmers aufnehmen. Dieser Angriff war eine Art Vorausblick auf die zweite Halbzeit. Dass der MSV Duisburg die Führung in dieser zweiten Halbzeit behaupten konnte, war weniger der guten Abwehrleistung zu verdanken als der Abschlussschwäche der Fürther. Zwei sehr, sehr große Fürther Chancen endeten als Schüsse über das Tor. Neben diesen sehr, sehr großen Chancen gab es noch eine Reihe von großen Chancen. Die Mannschaft des MSV Duisburg hatte sich zu weit zurückgezogen und konnte keinen Gegendruck entwickeln, als die Fürther Angriffe erst einmal ins Rollen gekommen waren. Auch David Yelldell erwies sich in dieser Phase als Torwart der guten Reflexe.

Die Spieler des MSV Duisburg kämpften zwar aufopferungsvoll, doch ich fürchtete immer mehr, es könnte nicht reichen, die Führung über die Zeit zu bringen. Eine einzige Chance gab es in diesem Spielabschnitt für den MSV Duisburg. Doch Filip Trojan ist nicht der schussstarke Strafraumstürmer, den es in dieser Situation brauchte. Ab der fünfundsiebzigsten Minute herum keimte meine Hoffnung auf den Sieg wieder auf. Olcay Sahan verhinderte auf seiner Seite kurz nacheinander nicht nur mit eindrucksvollem Einsatz Angriffe der Fürther, sondern die gewonnenen Bälle konnten nun wieder durch kontrollierte Angriffe in die Fürther Hälfte gebracht werden. Schließlich die Erlösung: Goran Sukalo köpfte nach einer Ecke von Benjamin Kern sein zweites Tor. Was für eine Erleichterung! Im Bericht der Sportschau war stellvertretend für unser aller erleichtertes Seufzen nach dem Jubel Milan Sasic bei der gemeinsamen Freude mit Bruno Hübner zu sehen. Auch er seufzte erleichtert aus, auch er hatte offensichtlich um diese Führung gebangt.

In den letzten Minuten wurde deutlich, wie viel Kraft die Spieler des MSV Duisburg in diesem Spiel gelassen hatten. Diese Spieler gingen an ihre Reserven. Dennoch gab es Chancen auf ein drittes Tor. Olcay Sahan war in diesen Minuten weiter unermüdlich in seinem Vorwärtsdrang und in seinem Willen den verlorenen Ball zurück zu erobern. Eigentlich müssten allesamt erwähnt werden. Der eingewechselte Maurice Exslager etwa zeigte ein paar gelungene Aktionen und konnte nach einem Anspiel fast immer etwas Sinnvolles mit dem Ball anfangen.

Stefan Maierhofer will ich trotzdem noch gesondert erwähnen. Einen Spieler dieser Persönlichkeit habe ich beim MSV Duisburg lange vermisst. Dieser Mann verkörpert auf dem Spielfeld den bedingungslosen Siegeswillen. Er braucht anscheinend Reibereien und Aufregung für sein Spiel, ob das nun die Gegenspieler sind oder Balljungen, die den Ball zu schnell dem Gegner geben. So meine ich jedenfalls den leichten Rüffel verstanden zu haben, der da hinter die Bande ging. Eine Mannschaft braucht in solchen Spielen der Bedrängnis solche Typen. Mit seiner Präsenz auf dem Spielfeld entwickelt er nicht nur psychische Energie für das eigene Spiel, sondern die psychische Energie der Mannschaft wächst ebenfalls, was wiederum auf die Zuschauerränge überschlägt und von dort erneut zurückgegeben werden kann.

Dann tragen auch wir Zuschauer zur mannschaftlichen Stärke bei. Als die Führung des MSV Duisburg am gefährdesten schien, war von den Rängen dieses unterstützende „EM-ES-VAU-EM-ES-VAU“ zu hören. Wenn dieser Schlachtruf im ganzen Stadion laut wird, spüren wir, in dem Moment geht es um alles. Mit diesem Rufen soll  in Duisburg seit jeher den Spielern zu allerletzter Kraft verholfen werden. Mit diesem Rufen lösen wir Zuschauer die Grenze zwischen uns und den Spielern auf. Wir verschmelzen mit ihnen und werden zu einem Körper. Das sind die Momente, in denen das Gefühl von uns vollends Besitz ergreift, ein Teil von Sieg oder Niederlage zu sein. Das sind die Momente, in denen wir unsere Mannschaft größer machen können und uns selbst natürlich auch, wenn wir aufgehen in diesem großen Ganzen MSV Duisburg. Deshalb ist Fußball mehr als ein Geschäft. Deshalb überlege ich, ob ich es nicht doch am nächsten Sonntag nach Aachen schaffe.

Und für die Zukunft noch der kurze Hinweis an alle autofernreisenden MSV-Fans: eine erste Orientierung zur Verkehrslag bietet im Netz die Seite Verkehrsinfo.nrw. Und wo wurde die Technik dieser Seite entwickelt? An der Universität Duisburg! Auch wenn ich das aus lokalpatriotischen Überlegungen für eine erwähnenswerte Sache halte, will ich nicht so weit gehen und behaupten, die regelmäßige Anreise von Zuschauern des MSV Duisburg über die A3 war der hauptsächliche Anlass für die Entwicklung dieser Software.

Das Interesse in der alten Heimat an Manuel Schäffler

Im oberbayerischen Moorenweiß trat Manuel Schäffler als Kind dem dort beheimateten TSV Moorenweiß bei. Mit zwölf Jahren kam der Wechsel ins etwa 50 Kilometer entfernte München zum TSV 1860 München. Der weitere Werdegang von Manuel Schäffler wurde in Moorenweiß genau verfolgt, und glaubt man der Chronik des Vereins, ist Manuel Schäffler als U-20-Nationalspieler der erfolgreichste ehemalige Spieler des Dorfvereins.

Bevor Manuel Schäffler U-20-Nationalspieler wurde, durchlief er beim TSV 1860 München sämtliche Jugendmannschaften. Anschließend etablierte er sich während der Saison 2007/2008 in der U23 des Vereins, die in der Regionalliga spielte, der damals noch dritthöchsten Spielklasse. In der folgenden Saison erhielt er einen Vertrag für den Profi-Kader und nahm 2009 an der U-20-Juniorenweltmeisterschaft in Ägypten teil.

Seit Beginn dieser Saison spielt Manuel Schäffler beim MSV Duisburg per Ausleihvertrag und verständlicher Weise interessiert sich die Heimat vor dem Auswärtsspiel des TSV 1860 München gegen den MSV Duisburg dafür, wie es dem einstigen Zögling Manuel Schäffler „tief im Westen“ ergeht. Dort sei alles ganz anders als im Süden, nur die Freude über Tore bliebe dieselbe, sagt Manuel Schäffler unter anderem im Interview mit dem Münchner Merkur.

Was zunächst nach Standardantwort klingt, scheint mir die sympathisch gelassene Reaktion auf die etwas hysterisch anmutende Frage zu sein, ob sich Markus Manuel Schäffler einen besonderen Torjubel für den Fall des Falles im Spiel gegen den TSV 1860 München überlegt habe. Vielleicht sehen wir mit dieser Nachfrage des Sportjournalisten aber ja nur einen weiteren Schritt hin zur eigenständigen Wettbewerbsform „Torjubel“ innerhalb des Fußballspiels. Vielleicht sind die Fußballer auf dem Weg, Elemente des Ausdruckstanz, der rhythmischen Sportgymnastik und des Posens beim Body-Buildung zu etwas Neuem zu vereinen. Und vielleicht werden irgendwann einmal nicht mehr gelbe Karten für das Ausziehen des Trikots verteilt sondern Preisrichternoten, die mit den erzielten Toren verrechnet werden.


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