Posts Tagged 'Marc Rzatkowski'

Bitter, bitterer, am bittersten

Seit gestern Abend versuche ich die Ruhe zu bewahren. Das hat absolute Priorität. Nur mit Ruhe stellt sich der Erfolg ein. Keine Sorge darf vor dem Anpfiff des nächsten Spiels in unseren Köpfen sein. Die Mannschaft, ich, wir alle auf den Rängen, wir müssen gerade das nächste Spiel so beginnen, als gäbe es keine Vorgeschichte. Wir müssen im Heimspiel gegen FSV Frankfurt diese verdammte 2:0-Niederlage gegen den FC St. Pauli vergessen haben. Wir müssen vergessen haben, wie die Mannschaft in Hamburg so lange hat mitgehalten und wie sie tatsächlich die Chance besaß, einen oder gar drei Punkte mitzunehmen nach Duisburg. Wir müssen vergessen haben, wie die Mannschaft alles gab, was ihr möglich war und sie dennoch erneut verlor. Sonst lähmt die Enttäuschung. Sonst wächst die Angst, ohnmächtig den Niederlagen ausgesetzt zu sein. Zwei Punktespiele nacheinander gab es das Versprechen auf Erfolg. Wir müssen diese Spiele so vergessen, als hätte es sie nie gegeben.

Es war kein schönes Spiel zwischen dem FC St. Pauli und dem MSV Duisburg. Es gab keinen Spielfluss, es gab kaum erfolgreiche Spielzüge, Kombinationen, egal ob im Kurzpassspiel oder mit langen Bällen. Vielleicht kombinierte St. Pauli etwas erfolgreicher im Mittelfeld. Fast immer war damit aber an der Strafraumgrenze des MSV Schluss. Im ganz engen Raum besaßen die Hamburger auch keine spielerischen Möglichkeiten mehr. Sie passten vielleicht genauer, schossen aber mindestens ebenso unpräzise wie der MSV. Das Spiel bestand vor allem aus vielen aufreibenden Zweikämpfen.

Die klareren Möglichkeiten, ein Tor zu erzielen, besaß sogar der MSV. So frei wie in der 2. Halbzeit Kevin Scheidhauer – und  war es Steffen Bohl? – tauchte genau ein Spieler St. Paulis vor dem Tor der Duisburger auf, und das war Lasse Soblech, als er den Elfmeter zum Führungstreffer St. Paulis in der 70. Minute einschoss. Selten wird ein Elfmeter dieser Art gepfiffen, und wenn, so nennt ihn alle Welt unberechtigt. Einerseits. Andererseits bewegte sich Dustin Bomheuer ungeschickt in dieser Situation und gab dem Schiedsrichter Anlass zu glauben, sein Ziel sei nicht der Kopfball gewesen, sondern der Körper des Gegenspielers, den er mit dem Gewicht seines ganzen Körpers zu Fall bringen wollte. Es wirkte nur so aus einer bestimmten Perspektive, und das ist eine Kleinigkeit, aber es sind genau diese Kleinigkeiten, die den MSV momentan scheitern lassen.

Im Grunde haben es die Zebras vom Anpfiff an gut gemacht. Sie haben kein Spiel aufkommen lassen. Läuferisch und kämpferisch waren sie präsent. Auch in der Offensive konnten sie auf dem Niveau mithalten. Mit dem Pfostenschuss von Andreas Wiegel gab es auch in dieser ersten Halbzeit die größere Chance für den MSV. In der Halbzeitpause der Sky-Übertragung wurde das auch von einem verletzten Pauli-Spieler anerkennend angemerkt. Er hoffte für die 2. Halbzeit auf das Durchsetzen der spielerischen Überlegenheit.

Mit Beginn der 2. Halbzeit wurde das Spiel tatsächlich offener. Bis zum Elfmeterpfiff war aber überhaupt noch nicht entschieden, welche Mannschaft durch diese Offenheit bevorteilt werden würde. Natürlich war es wahrscheinlicher, dass St. Pauli den größeren Nutzen zöge. Abschlussschwach waren sie bis dahin aber immer noch, und wie gesagt, es war Kevin Scheidhauer, der völlig frei zum Schuss kam, auch wenn nach der Flanke der Ball nur schwer zu nehmen war. In diesem offener werdenden Spiel wurde in einer Spielsequenz auch wieder erkennbar, wie anfällig eine aufgerückte Mannschaft des MSV für Konter ist.

Das Spiel hatte Schwung aufgenommen, auch der MSV bekam etwas Raum. Ein Angriff wurde druckvoll vorgetragen, im Strafraum abgewehrt und schon lief der Konter, gegen den die Defensive machtlos wirkte. Ein einziges Mal kam das vor. Das nur angemerkt für all diejenigen, die glauben, der MSV hätte offensiver agieren müssen. An der Stelle war deutlich zu sehen, warum das ein ganzes Spiel nicht gelingen kann.

In solch einem Spiel wie gestern gibt es nur wenige Torchancen. Wenn die nicht genutzt werden, darf kein Gegentor fallen, sonst geht das Spiel verloren. Dieses Gegentor fiel mit Hilfe des Schiedsrichters, der den Elfmeter pfiff. Das zweite Tor wäre eine unbedeutende Zugabe geworden, wenn es nur nicht wieder Michael Ratajczaks gegenwärtiges Leistungsvermögen in den Blick gerückt hätte. Bei solchen Schüssen aus einer Distanz von knapp außerhalb Strafraums macht er momentan oft keine gute Figur.

Zu dem Zeitpunkt spielte die Mannschaft des MSV schon nur zu zehnt. Andreas Wiegel hatte verletzt ausscheiden müssen. Das Wechselkontingent war ausgeschöpft. Die Verletztung erweist sich heute als Kreuzbandriss, und das ist die andere bittere Nachricht, weil Andreas Wiegel in seinem ersten Spiel nach der letzten langen Verletzung sich mit einer starken Leistung präsentierte. Die Verletztung war die Folge eines Fouls von Marc Rzatkowski, für das er die gelbe Karte erhielt. Damit war er gut bedient. Es war eines jener Fouls, bei denen im Ansatz klar ist, der Gegenspieler ist das Ziel und der soll das gefälligst spüren. Diese Verletzung steigert den bitteren Nachgeschmack der Niederlage ins Unerträgliche.

Vergessen wir das alles wieder. Nur so entsteht nicht das Gefühl von Vergeblichkeit. Nur so lässt sich das Glück trotz der kleinen Fehler im Spiel des MSV auch manchmal zwingen. Am besten am nächsten Sonntag schon.

Der MSV hat einen ernst zu nehmenden Distanzschützen

Schon einmal fühlte sich in dieser Saison ein Unentschieden der Zebras wie ein Sieg an. Das war in Köln, und damals fielen keine Tore. Deshalb schwang im Freudenjubel seinerzeit auch geseufzte Erleichterung mit. Für so ein Seufzen war gestern Abend keine Zeit. Der späte Ausgleich von Timo Perthel ließ die Stimmung explodieren. Für einen Moment bebte die Erde, egal ob in Bochum oder bei mir in Köln vor dem Bildschirm. Ich hatte es nicht in den Pott geschafft und nur mit dem Bewegtbild vor Augen glaubte ich im Gegensatz zu Kosta Runjaic mit seinem sicheren Gefühl eines späten Tores nicht mehr an einen guten Ausgang des Spiels.

Dazu gab es mir zu wenig deutlich heraus gespielte Möglichkeiten in der zweiten Hälfte. Dazu hatte sich der VfL Bochum zu lange die leichte Überlegenheit erspielt. Dazu hatte ich schon wieder viel zu sehr auf Glück hoffen müssen. Ich hatte eben nicht an Timo Perthels Fähigkeiten bei Schüssen aus der Distanz gedacht. Sicher, bei so einem Torschuss wie von ihm muss ein wenig Glück hinzukommen. Aber die Betonung liegt auf: ein wenig. Denn das fußballerische Können ist die Grundlage für dieses Glück. Der MSV Duisburg besitzt wieder einen Distanzschützen. Diesen Satz muss ich mehrmals wiederholen. Schon bei seinem ersten Auflaufen in Paderborn hatte Timo Perthel mit einem beeindruckenden Fernschuss ein Tor erzielt. Wann sonst hat es das in der jüngsten Vergangenheit gegeben? Setzte ein Spieler vom MSV Duisburg zum Distanzschuss an, waren die spielerischen Möglichkeiten erschöpft. Das waren Verlegenheitsversuche mit der entsprechenden Streubreite. Vom Gefühl her haben die Torhüter der gegnerischen Manschaften sich schon zum Balljungen umgedreht, wenn sie einen Spieler vom MSV zum Schuss außerhalb des Strafraums ansetzen sahen. Und nun gibt es Timo Perthel. Wir können mehr als Verlegenheitsschüsse erwarten. Wir können auf Durchsetzungswillen setzen, auf das Erkennen der freien Schussbahn und auf genügend Kraft bei entsprechender Technik, die den Torwart des Gegners zumindest in Bedrängnis bringt. Im besten Fall ist er, wie gestern, chancenlos.

Das Spiel hatte der MSV druckvoll begonnen. Etwas mehr als zehn Minuten bereitete die Mannschaft dem VfL Bochum erhebliche Schwierigkeiten. Immer wieder wurde den Bochumern schon an der Mittellinie der Ball beim Spielaufbau wieder abgenommen. Als sich dann ein ungefähres Gleichgewicht eingestellt hatte, belehrte mich Maurice Exslager eines besseren. Ich hatte ja angesichts der Nachrichten von seinen verschossenen Bällen im Training nicht geglaubt, das könne im Spiel besser werden. Allerdings war das Tor auch ein typischer Exslager, Tempo aufnehmen, Ball recht geradlinig zwischen den Gegnern durchspielen, dabei etwas nach außen abgedrängt werden, aber dieses Mal nicht zu weit für einen Schussversuch aus spitzem Winkel. Das sah schon etwas langsam aus, wie der Ball da am grätschenden Torwart vorbei ins lange Eck rollte. Das kann was werden mit drei Punkten, dachte ich.

Doch es ist ein schmaler Grat, wenn der MSV Duisburg versucht, ein Spiel zu kontrollieren. Da soll der Ball in den eigenen Reihen gehalten werden, notfalls auch durch ein Spiel zurück bis zu Felix Wiedwald. Nur, dass der weite Pass von ihm meist knapp hinter der Mittellinie direkt beim Gegner landet. Die Alternative wäre aber der Ballverlust beim ersten Angriffsversuch auf Höhe der Mittellinie. Auch keine gute Option. Sprich: es geht nicht besser und dafür machte es diese Mannschaft, so paradox es klingt, gut. Doch in der zweiten Hälfte merkte man etwa bei diesen weiten Bällen das Fehlen von Ranisav Jovanović. Da war niemand, der solche Bälle hätte erobern können. Fehlt er, wird es unangenehm spätestens beim zweiten Anlauf. Obwohl die Bochumer das Spiel mit den zwei Tore, kurz nacheinander nacheinander, so schnell drehten, wankten die Zebras nur und brachen nicht vollständig ein. Unter Kosta Runjaic glaubt diese Mannschaft weiter an ihre Chance. Sie versuchte sich gegen die drohende Niederlage zu stemmen, obwohl die Angriffsbemühungen so oft im Ansatz scheiterten. Das war Kampf ohne ausreichende spielerischen Mittel. Und dieser Kampf wurde belohnt.

Nach dem Spiel O-Töne von Timo Perthel, Maurice Exslager, Dustin Bomheuer und Kevin Wolze.

Mancheinem mag vielleicht das Unentschieden durch die Enttäuschung auf Seiten des VfL noch ein wenig schöner vorkommen:  O-Töne von  Christoph Kramer und Marc Rzatkowski.


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