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Das neue alte Stadiongefühl beim MSV

Auch drei Tage nach der 2:1-Niederlage des MSV Duisburg gegen Darmstadt 98 kitzelt noch die Enttäuschung über das späte Tor der Darmstädter. Die Enttäuschung hält an wie ein anderes Gefühl, dem ich schon Jahre nicht mehr bei einem Spiel des MSV begegnet bin. Ein wenig misstrauisch beäuge ich dieses andere Gefühl. Es geht nämlich darum, wie ich durch dieses Spiel gegangen bin. Es geht dabei um meine Grundhaltung, die zu dieser Saison entstanden ist und die mir nach dem Spiel erst bewusst wurde. Wer jahrelang zum MSV geht, weiß, dass wir auf den Rängen immer mit allem rechnen müssen, nur nicht mit Normalität. Darum geht es.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal im Stadion war, dort ein derart spannendes Spiel gesehen habe und ich mir keinen Gedanken über dieses Spiel hinaus gemacht habe. Ich habe nicht an Abstieg verhindern gedacht oder an die Chance auf den Aufstieg. Ich war in diesem Stadion und war Anhänger des MSV als einem etablierten Zweitligisten, der am Ende der Saison im Mittelfeld landen wird, der die Aufstiegsaspiranten jederzeit schlagen kann, der unglückliche Niederlagen gegen gleich starke Mannschaften hinnehmen wird und immer einen sicheren Abstand zu den Abstiegsplätzen halten wird.

Am Freitagabend standen zwei Mannschaften auf dem Platz, die beide den Sieg wollten. Der MSV war der chancenreiche Underdog und zeigte den Darmstädtern Grenzen auf. Bei den Darmstädtern gab es Spieler, die als Einzelspieler denen des MSV leicht überlegen waren. Das waren nur wenige, aber sie machten den Unterschied in den letzten Minuten aus mit der Folge des Siegtreffers. Demgegenüber fiel das Ausgleichstor der Darmstädter als Folge der mannschaftlichen Stärke. Es war eine Art Lehrgeld, denn dieses Ausgleichstor wurde absehbar, weil es dem MSV nicht gelang, den entstehenden Druck der Darmstädter zu mindern. Die Mannschaft wollte nach jedem abgefangenen Angriff der Darmstädter weiter spielerisch aus der eigenen Hälfte heraus kommen. Wenn das aber viermal in der eigenen Hälfte scheitert, muss der Ball auch mal planlos nach vorne geschlagen werden. Nur dann kann sich die Defensive so organisieren, dass der spielerische Aufbau bei der nächsten Balleroberung wieder gelingt. Dieses Ausgleichstor war Lehrgeld.

Das Spiel war bis dahin ausgeglichen gewesen. Schon vor dem Führungstor durch Moritz Stoppelkamp hatte es auf beiden Seiten erste Chancen gegeben. Beim MSV war Cauli Souza einmal steil in den Strafraum geschickt worden und konnte dort nach artistischer Ballmitnahme nur unpräzise abschließen. Bei Darmstadt erhielt Kevin Großkreutz im Fünfmeterraum nach einem Flankenlauf den Ball und übergab ihn wie bei einem Rückpass Mark Flekken.

Nach dem Ausgleichstor war das Spiel wieder offen. Klare Chancen ergaben sich weder vor der Halbzeitpause noch danach. Dennoch verringerte sich der Offensivdrang beider Mannschaften nicht. Erst Mitte der zweiten Halbzeit wurde es auf beiden Seiten wieder torgefährlich. Der eingewechselte Stanislav Iljutcenko hatte sich bei Kevin Großkreutz abgeschaut, wie man im Fünfmeterraum frei steht und den Ball nicht verarbeiten kann. Sicher, die Flanke von Moritz Stoppelkamp kam zu hoch um zu schießen und zu flach zum köpfen. Am liebsten hätte ich Iljutcenko mitsamt dem in der Körpermitte festgeklemmten Ball ins Tor geschoben. Es sollte nicht sein.

Als der MSV die Führung verpasste, wurde es immer deutlicher, das Unentschieden zu halten würde schwierig werden. Auch wenn die Zebras weiter ihre Chance in der Offensive suchten, spielten die Darmstädter etwas präziser. Ihre Offensivaktionen strahlten mehr Gefahr aus. Die erste große Chance zur Führung ergab sich für den Gast durch einen Elfmeter. Mark Flekken hielt diesen harten Schuss von Tobias Kempe sensationell. Doch die Freude hielt nur kurz. Der Unterschied zwischen beiden Mannschaften war nicht groß in diesen letzten Minuten, aber groß genug, damit Yannick Stark in der 88. Minute den Siegtreffer für die Darmstädter erzielen konnte.

In der Bewertung dieses Spiels gibt es kaum Meinungsverschiedenheiten. Wieder hat der MSV eine sehr gute Leistung gezeigt, bei der in der Offensive vor allem Moritz Stoppelkamp und Cauly Souza im Blickpunkt standen. Simon Brandstetter rieb sich im Sturmzentrum auf. Die Defensive steht grundsätzlich gut. Die Anlage des Spiels ist erfolgsversprechend. Ob meine Haltung der Normalität angemessen ist, wird sich daran erweisen müssen, wie die Mannschaft mit der Enttäuschung umgeht. Diese Mannschaft muss lernen, dass sie trotz sehr guten Spiels nicht unbedingt gewinnt. Das wird schwer werden, denn der Einsatz dieser Mannschaft ist sehr groß. Wenn dann der Ertrag in der Selbstwahrnehmung nicht stimmt, wird es schwierig, diesen Einsatz weiter aufrecht zu halten. Deshalb war der Sieg in Heidenheim sehr wichtig. Diese Belohnung gilt es im Kopf zu behalten, dann werde ich meine Zweitliganormalität immer weniger kritisch beäugen.

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Pflaumenkuchen backen mit dem MSV

Seit Äonen vor meiner Geburt backe ich am 19. August Pflaumenkuchen. Daran ist nicht zu rütteln. Gegessen wird er danach auch. Sahne gibt es dazu, natürlich, und es wird weit geschnittene Kleidung getragen, damit der Bauch hinein wachsen kann. Die Bleche müssen leer werden. Dieser Tag im August verlangt also einige Umsicht von mir. Die notwendigen Zutaten vorzuhalten ist nicht das Problem. Aber nicht jeder Ort verfügt über Backöfen. Der Stehplatz in Heidenheim etwa wurde leider ohne Backofen-Zugang errichtet. Die Stadionordnung untersagt zwar nicht ausdrücklich die Selbstversorgung per portabler Backstube, aber ich war skeptisch, ob ich meinen kleinen Ofen unter der Jacke ins Stadion hätte hineinschmuggeln können.

Deshalb blieben Bewegtbilder vom Spiel auf dem Laptopbildschirm. Während der Hefeteig ging, gelang es dem MSV in der ersten Halbzeit die guten Leistungen der bisherigen Spiele zu bestätigen. Das Mittelfeld gehörte den Zebras. Ich sah das Spiel vornehmlich in der Hälfte der Heidenheimer, denen es nicht oft gelang, das frühe Pressing des MSV erfolgreich zu überspielen. Schafften sie es einmal den Ball in die Nähe des MSV-Tores zu bringen, waren lange Pässe viel zu unpräsise, als dass daraus Gefahr für das Tor hätte entstehen können. Mark Flekken oder die Defensivreihe liefen die meisten Bälle ab, Verlegenheitsschüsse gingen am Tor vorbei. In der Offensive arbeitete der MSV wieder viel. Die Mannschaft setzte auf den bekannten kontrollierten Spielaufbau. Wirkliche Torgefahr schaffte der MSV aber auch nicht. Dennoch wirkte das Spiel der Zebras gefälliger.

Beim Ausrollen des Teiges in der Halbzeitpause beschlich mich leise Furcht, dass die bis dahin gute Leistung erneut unbelohnt bliebe. Ohne Torgefahr kein Tor, aber die Erinnerung an die Pokalniederlage war noch frisch. Bewahre uns vor der Standardsitutation des Gegners. Schütze uns vor Zufall und Glück bei dessen Abschlüssen. Ich verpasste die ersten Minuten der zweiten Halbzeit, weil das Belegen des Teigs mit Plaumen länger dauerte, als ich dachte. So hörte ich den Torjubel nur, und er hörte sich nach Stadion an, nicht nach Gästekurve. Ich war erschüttert. Nicht schon wieder diesen Spielvorlauf, der irgendwann in die Geschichte münden würde, der MSV musste Lehrgeld bezahlen. Ich legte die letzten Pflaumen auf den Teig, schob die Bleche in den Ofen und konzentrierte mich aufs Spiel.

Vor dem Laptop blieb ich stehen, denn der Ball stürzte gerade in den Heidenheimer Strafraum hinunter und schien gleich in klassischer Rücken-zum-Tor-Stürmer-Weise per Drehschuss aufs Tor zu fliegen, so wunderbar wurde er von Boris Tashchy angenommen. Doch von der Seite kam Moritz Stoppelkamp herbei und hatte es sehr viel einfacher aufs Tor zu schießen. Tashchy überließ ihm, Stoppelkamp zirkelte ins rechte Eck und der Ausgleich fiel. Der MSV wollte danach das Führungstor. Das war so deutlich zu sehen. Boris Tashchy selbst erzielte es nur wenig später, wie gegen Bochum mit einem Schuss von der Strafraumgrenze nach sehr guter Vorarbeit von Cauly Souza.

Auch nach der Führung minderte der MSV sein Offensivspiel nicht. Das war beruhigend anzusehen, dass die Heidenheimer zunächst keinen großen zusätzlichen Offensivdruck entfalten konnten. Sicher gab es eine Chance durch einen Schuss aus etwa 16 Metern, doch der MSV hat mit Mark Flekken einen Torwart, der Chancen auch zunichte macht. Erst in den Schlussminuten geriet die Defensive des MSV tatsächlich unter Druck. Wo die Nachspielzeit von Minuten herkam, weiß ich nicht. Vier Minuten, die nicht nur meinen Pflaumenkuchen fast gefährdet hätten. Vier Minuten, in denen die größte Chance zum Ausgleich durch einen Schuss aus etwas zehn Metern auf oder kurz vor der Linie von Dustin Bomheuer abgewehrt wurde. Standen alle Spieler des MSV im Fünfmeterraum? Wahrscheinlich nicht, aber die Hälfte der Mannschaft war dort bestimmt versammelt. Mit aller Macht sollte der Ausgleich verhindert werden.

Endlich pfiff der Schiedsrichter ab. Dieser verdiente Sieg war wichtig und mein Pflaumenkuchen gerettet. Er war etwas zu lange im Ofen geblieben, die ersten Pflaumen waren schon sehr dunkel geworden. Ein verbrannter Pflaumenkuchen hätte mir wie eine erneute Niederlage die Laune verdorben. Je öfter nach erneut gutem Spiel nicht gewonnen wird, desto schwieriger wird es, an das eigene Können zu glauben. Dieser Sieg ist die Folge der guten Arbeit schon in der letzten Saison, als die Grundlage für diese Möglichkeiten des Spielaufbaus gelegt wurde. Was haben wir geschimpft auf die Spielweise des MSV. Doch seht euch an, wo Würzburg und Karlsruhe nach 5 Spieltagen in der 3. Liga stehen. Der KSC muss wie der MSV in der letzten Saison notwendig aufsteigen. Vor der Saison gab es keine Zweifel an der Verwirklichung dieses Plans. Vier Punkte aus fünf Spielen ist das Ergebnis bislang. So kann es auch gehen.

Bei hundert Ecken trifft es einen Verein

Wir Menschen sind für Statistik nicht gemacht. Wir erleben Momente und keine Zahlenverhältnisse. Wirklich ist nun einmal, was wirklich wird, so unwahrscheinlich es auch ist. Nur 1.27 Prozent aller Ecken führen zum Torerfolg. Das las ich letzte Woche noch auf der 11FREUNDE-Seite. Nun hat der MSV gestern im Spiel gegen Dynamo Dresden erst einmal dafür gesorgt, dass die anderen Zweitligavereine ein wenig gelassener bei Eckbällen sein können. Wir ja natürlich auch. Bis wieder ein Tor nach einer Ecke fällt, müssen wieder ein paar getreten werden. Oder wie ist das Verhältnis von Statistik und Wirklichkeit?

Nach einem Eckball in der 88. Minute fiel das 1:0 für Dynamo Dresden in einem Spiel, das auch der MSV Duisburg hätte gewinnen können. Ein Zeitpunkt, der die Enttäuschung größer macht. Ein Unentschieden wäre zumindest sehr verdient gewesen. Die Chancen auf ein Tor waren sogar zuvor für den MSV klarer gewesen als für Dresden. Bei Schüssen von Moritz Stoppelkamp und Simon Brandstetter war ich jeweils schon aufgesprungen. Ich hatte meinen Mund aufgerissen zum Torschrei. Tonlos musste ich mich wieder setzen.

Der MSV Duisburg hat in diesem ersten Punktespiel der Saison 2017/2018 gezeigt, diese Saison in der Zweiten Liga wird eine andere als die vor zwei Jahren. Nicht einen Moment ließ die Mannschaft einen Zweifel daran, dass sie in dieser Liga mithalten kann. Wie schwer der Klassenerhalt wird, ist natürlich immer noch eine offene Frage. Das Spiel war spannend und  abwechslungsreich. Mit dem kombinationsstarken Offensivspiel schaffte es die Mannschaft schon in der ersten Halbzeit, Spieler in aussichtsreiche Schusspositionen zu bringen. Bei dieser guten Offensive stand die Defensive meist sicher, und wenn nicht, gab es Mark Flekken. Bei zwei sehr guten Chancen der Dresdner in der ersten Halbzeit zeigte sich Mark Flekken mit großartigen Reflexen zuständig. Zudem strahlte er große Sicherheit aus, wenn es im Strafraum einmal voller wurde.

Im gesamten Spiel waren beide Mannschaften gewillt, für einen Sieg etwas zu riskieren. Dabei wurde die Defensive nicht vernachlässigt. Das machte das Spiel unterhaltsam. Darüber hinaus wurde sehr deutlich, wie wettbewerbsfähig der MSV in dieser Saison ist. Die Spieler hatten keine Schwierigkeiten mit dem höheren Tempo der Zweiten Liga selbst bei der Hitze. Sie hatten offensiv keine Schwierigkeiten mit den engen Räumen und defensiv nur wenige nach schnellem Umschalten der Dresdner. Das alles stimmt mich zuversichtlich. Das war vor zwei Jahren bis in den Winter nicht gegeben. Nun ist es am ersten Spieltag vorhanden. Nun gilt es die Leistung gegen den VfL Bochum zu bestätigten, damit die leisen Stimmen des Misstrauens in mir endgültig vestummen.

Mit dem Sieg durch das Tor nach dem Eckball ist Dynamo Dresden übrigens wahrscheinlich in Abstiegsgefahr geraten.  Wenn ich Fan von Dynamo Dresden wäre, begänne ich mir jedenfalls Sorgen zu machen. Auf jeden Fall würde ich auf kein weitere Tor nach einem Eckball hoffen. Denn die oben erwähnte Statistik verrät noch eins: Je mehr Tore eine Mannschaft nach Eckbällen erzielt, desto wahrscheinlicher wird diese Mannschaft am Ende der Saison auf einem Abstiegsplatz landen.

Alle auf den Zaun, alle auf den Zaun…

Drittligameister MSV Duisburg, so leicht die Stimmung im Stadion, so leicht das Spiel der Mannschaft. Ohne Druck gelingt ein glänzender 5:1 Sieg gegen Zwickau. Mehr Worte gibt es morgen. Heute wird auch hier noch einmal nur gefeiert.

Der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da.

Und natürlich ist es so schon immer gewesen…

 

Das Duisburger Fauna-Wunder: Aus Schwan wird Eichhörnchen

Warum hätte das Spiel gegen die Sportfreunde Lotte anders werden sollen als die Spiele der letzen Wochen? Weil es jetzt aber wirklich um den Aufstieg ging? Es geht die ganze Zeit wirklich um den Aufstieg. Sehr wirklich, ganz ganz wirklich. Das wissen alle. Deshalb wählt Ilia Gruev seine Taktik. Deshalb spielt die Mannschaft, wie sie spielt. Die gesamte Saison gibt es diesen Druck aufsteigen zu müssen für die Mannschaft und die sportlich Verantwortlichen. Es gab keinen realistischen Grund anzunehmen, wir könnten etwas anderes erleben als in den Wochen zuvor. Es gab nur die Hoffnung, dass jedes Fußballspiel seine eigene Geschichte haben kann. Es gab nur die Hoffnung, wir könnnten begeistert werden.

Aber um Begeisterung geht es nicht als erstes, es geht darum ein Spiel zu gewinnen. Es geht um das profane Ziel Aufstieg. Wir haben eine erste Halbzeit gesehen, in der der MSV das Spiel komplett unter Kontrolle hatte, eine Halbzeit, in der die Sportfreunde Lotte ihr eigenes Tor so dicht machten, wie es irgend geht. Der MSV hatte dennoch zu Beginn eine Chance durch Tim Albutat, dessen freier Schuss von der Strafraumgrenze aus den Lotter Torwart vor keine Probleme stellte. Nach etwa 20 Minuten verlor sich der Druck im Spiel des MSV. Blieb noch Zlatko Janjics Weitschuss über den weit vor seinem Tor stehenden Torwart, der ein Versuch wert war. Wirklich gefährlich war er dennoch nicht.

Das Offensivspiel war wie immer durch gleichmäßigen Rhythmus geprägt. Geduldiger Aufbau, Tempoaufnahme im Dribbling. Ahmet Engin unermüdlich am Flügel gegen zwei, drei Lotter Spieler. Ihm fehlte oft ein Mitspieler in der Nähe gegen diese Übermacht. Neben diesen Dribblings mit Zug zum Tor flog der Ball immer wieder auf verschiedene Weise in den Strafraum, wo Kingsley Onuegbu ebenfalls meist alleine auf sich gestellt war. Zwei, drei Lotter Defensivspieler standen bei ihm. Es wurde auf ihn von den Außenbahnen geflankt, oder es wurden hohe Bälle aus dem Halbfeld gespielt. Das Ergebnis: Keine Torgefahr.

Die Versuche der Lotter zu kontern endeten kläglich. Doch wer das Hinspiel gesehen hatte, erinnerte sich bei den Flügelläufen, wie gefährlich sie hätten sein können. Auf der Außenbahn geht es für die Lotter besonders über links sehr schnell. Um die Abschlüsse und Flanken musste sich niemand in der ersten Halbzeit sorgen.

In der Halbzeitpause war also offensichtlich, der Aufstieg sollte auch in diesem Spiel so kontrolliert geschehen, wie die gesamte Saison über dieses Ziel verfolgt wurde. Dennoch kann ein Gegentor ohne dauerhaften Druck auf das gegnerische Tor durch den eigenen Ballbesitz immer geschehen. Das war die Gefahr, und nachdem das Spiel wieder angepfiffen wurde, war zu merken, die Lotter kamen mit mehr Mut aus ihrer Kabine. Sie hatten auf einmal mehr Zugriff auf ihr eigene Spielweise. Die Konter wurden gefährlicher. Die Zebras mühten sich dagegen zu halten. Sie hatten nach einem Eckball sogar die große Chance mit dem gleichen Haijri-Kopfball wie gegen Frankfurt in Führung zu gehen. Der wuchtige Kopfball ging knapp am Tor vorbei.

Stattdessen fiel nach einem dieser immer besser vorgetragenen Konter das Lotter Führungstor. Dieses Tor ließ die Zebras für Minuten geradezu verzweifeln. In der Körpersprache fast aller drückte sich eine große Enttäuschung aus. Vielleicht kam Angst zu versagen hinzu. Die Mannschaft geriet ins Schwimmen und Mark Flecken war derjenige, der den MSV im Spiel hielt. Schon vor dem Führungstor hatte er zweimal großartig reagiert. Wenn es einen Sieger dieses Spiels gibt, ist es Mark Flekken.

Für zehn Minuten bestimmt drohte ein Totalversagen. Dann hatten sich alle gefangen. Ab der 80. Minute begann das Dauerspiel auf das Lotter Tor. Immer wieder wurden hohe Bälle aus dem Halbfeld geschlagen. Präzise war das immer noch nicht, aber es reichte, um die Lotter Defensive in Unordnung zu bringen.

Was für ein unsympathische Mannschaft im Übrigen. Jeder Spieler geht zu Boden, wenn er gefoult wird. Trashtalk ist anscheinend üblich, wenn ein Duisburger gefoult wurde. Zuminest lässt sich so die Körpersprache der Lotter oft deuten. Dazu Nickligkeiten im Zweikampf immer wieder. Für die stoische Ruhe vom „King“ in den letzten Minuten dürfen wir ruhig einmal besonderen Applaus geben. Wie er angegangen wurde, das war nicht feierlich. So war sein Ausgleichstor in der Nachspielzeit auch der Lohn für diese Kärnerarbeit im gesamten Spiel. Wer zwei Drittel des Spiels alleine auf sich gestellt im Sturmzentrum steht, kommt immer wieder in Situationen, in denen die eigene Leistung nicht gut aussieht. Dennoch immer weiter zu machen, das ist seine Qualität in diesem Spiel gewesen. Nur deshalb stand er an der richtigen Stelle. Nur deshalb konnte er die gar nicht einfach zu verarbeitende Flanke ins Tor bringen.

Die Enttäuschung der Spieler hielt nach dem Schlusspfiff an. Auf den Rängen herrschte eine gemischte Stimmung. Doch schnell war an allen Ecken von Köln zu hören. An diesen letzten Spieltagen geht es tatsächlich schnell wieder um das nach vorne Sehen. Das hässliche Entlein ist kein Schwan geworden sondern Eichhörnchen. In Duisburg schaffen wir solche besonderen Verwandlungen der Tierwelt. Punkt für Punkt sammeln wir uns dem Aufstieg entgegen. In Köln wird die Mannschaft dann hoffentlich das vollenden, was vom ersten Spieltag dieser Saison an von Bedeutung war – der Aufstieg.

Erst nicht mehr alles kontrollieren, führt zum Führen

Ein Mann, eine Mannschaft, ein Sieg. Der Mann: Stanislav Iljutcenko, die Mannschaft: der MSV Duisburg, der Sieg: ein 2:1 der Zebras gegen die SG Sonnenhof Großaspach nach einem 0:1-Rückstand. Wenn ich dieses Heimspiel des MSV mit einem Schlaglicht beleuchte, steht in diesem Licht Stanislav Iljutcenko, und die Mannschaft bildet einen Backgroundchor. Nicht seine zwei Tore rücken ihn in den Scheinwerfer. Mit seiner Spielweise in der zweiten Halbzeit lässt sich der Sieg versinnbildlichen. Zu erkennen ist dann ein unbändiger Wille dieses Spiel zu gewinnen und dafür Risiken einzugehen. Sein immenser Einsatz kommt hinzu. Vor allem aber gibt es die in jeder Spielsituation vorhandene Orientierung Richtung gegnerisches Tor.

Ob er sich im Zentrum in den Rückraum fallen ließ oder in die Halbräume auf Strafraumhöhe ging, er nahm sich keine Zeit zu überlegen, die Anschlussaktion folgte sofort und brachte Dynamik ins Spiel. Auch beim Rest der Mannschaft war klar erkennbar, die Spieler suchten nicht mehr nur den sicheren Pass. Stanislav Iljutcenko allerdings unterstützte durch seinen besonderen Kampf und seine Laufbereitschaft die entstehende Atmosphäre, die auf die Ränge überging. Dabei behielt er die Übersicht. Er bereitete Chancen vor, war Passgeber und eben im Sturmzentrum ein Strafraumstürmer, der zwei Tore erzielte.

Das alles geschah in der zweiten Halbzeit, nachdem wir 45 Minuten wieder ein sehr kontrolliertes Spiel des MSV gesehen hatten. Dieses kontrollierte Spiel führte allerdings und ebenfalls wieder zu keinen klaren Chancen. Ein Distanzschuss ging knapp am Tor vorbei. Für einen weiteren, gefärhlich wirkenden Schuss war der Torwart zuständig. Die Mannschaft des MSV machte, und ebenfalls wieder, nicht den Eindruck, sie könne auf diese Weise wahrscheinlich ein Tor erzielen. Sie spielte so, wie wir es kennen. Sie brachte den Gegner nicht wirklich in Verlegenheit, weil ihr aus der Kontrolle heraus, keine Tempovariation möglich ist. Zu diesem kontrollierten Spiel muss etwas hinzu kommen, damit ein Tor fällt.

Hinzu kamen ein Gegentor kurz nach der Halbzeitpause und für einen Moment lähmendes Entsetzen auf den Rängen. Das Tor fiel nach einer Kette von Fehlern, die so eklatant waren, dass ich an das Tor erst gar nicht habe glauben können. Ich musste mich bei meinen Freunden versichern, dass tatsächlich Mark Flekken aus einer wenig gefährlich aussehenden Schussposition den Ball hat passieren lassen. Den Fehler von Kevin Wolze hatte ich natürlich ebenso bewusst wahrgenommen wie den unnötigen Befreiungsschlag davor, der Wolze erst in die Verlegenheit brachte, einen Fehler zu begehen.

Das lähmende Entsetzen war der Angst vor dem Verspielen des Aufstiegsplatzes geschuldet. Für einen Moment schienen sogar die Spieler entsetzt gewesen zu sein. Doch schnell wandelte sich die Stimmung. Zunächst aber war es nicht entschieden, wohin sich die Stimmung im Stadion wandeln würde. Murren war aufgekommen. Ratlosigkeit schien auf dem Spielfeld vor dem Wiederanstoß vorhanden gewesen zu sein. Ratlosigkeit auch bei uns. Wie sollte diese Mannschaft ein Tor erzielen, den Rückstand aufholen? Diese Ratlosigkeit hing für Momente in der Stadionluft, als mit einem aufbäumenden Support sich der Stimmungsblock bemerkbar machte. Das Murren verschwand, geschweige denn dass Pfiffe zu hören gewesen wären.

Endgültig entschieden war die Stadionstimmung wenige Minuten später, als auch die Spieler ihre Ratlosigkeit abgestriffen hatten und schon die ersten Angriffszüge mit klarer Zielrichtung Strafraum Großaspach gespielt wurden. Von da an wurde der Kampf der Mannschaft auch auf den Rängen geschlossen unterstützt. Alle wussten, was auf dem Spiel stand. Das war nicht der verpasste Sieg in diesem einen Spiel. Das Scheitern am Saisonziel Aufstieg hatte ins Stadion hineingeschaut. Es schaute sich gerade etwas um, als Stanislav Iljutcenko und Zebras  es hochkantig wieder rausschmissen.

Von der Nervosität des Streamzuschauers war bei den Zebras nichts zu spüren

Eine Mannschaft, die so ein Spiel wie das beim Chemnitzer FC gewinnt, steigt auf.  Diesen ersten Satz wage ich kaum zu schreiben. Die vier sieglosen Spiele des MSV Duisburg hängen mir noch nach. Doch immer wieder schaffe ich es mit ein wenig Abstand vom Spieltag, einen kühlen Blick auf den Saisonverlauf zu werfen. Immer wieder sehe ich Spiele, die bei einer Mannschaft mit einer gewissen Tradition des Erfolgs zu keinem anderen als diesem ersten Satz zwingen. Der MSV Duisburg hat keine Tradition des Erfolgs, meldet sich gestern nach dem Spiel sofort eine andere Stimme in mir, und deshalb heißt das gar nichts. Genau, sagte ich, du hast ja so recht und jetzt halt bitte den Mund. Ich höre dir einfach nicht mehr. Ich zitter doch ohnehin genug, wenn ich diese Zweifellosigkeit eines solchen ersten Satzes öffentlich zur Schau stelle.

Diese andere zweifelnde Stimme in mir hatte beim Spiel des MSV Duisburg in Chemnitz allerdings jede andere Stimme der Zuversicht meist unhörbar gemacht. Der MSV Duisburg hat beim Chemnitzer FC zwar mit 3:2 gewonnen, aber entscheidende Momente des Spiels habe ich erst in der Zusammenfassung gesehen, obwohl der Livestream die ganze Zeit lief. Hinge der Aufstieg von meiner Leistung als Zuschauer ab, wäre gestern der erste große Vorrat Felle davon geschwommen. Ich habe Nerven gezeigt.  Das Führungstor von Andreas Wiegel hatte mir nur vermeintliche Sicherheit gegeben. Welch schöner Außenristpass von Fabian Schnellhardt in den freien Raum hat dieses Tor ermöglicht. Welch fussballerischer Genuss sind die Spielaktionen von Fabian Schnellhardt so oft.

Doch dann fiel der Ausgleich zum 1:1, und es gab kein Halten mehr für mich. Wahrscheinlich habe ich sogar den Rückstand verantwortet, weil ich mir den Freistoß der Chemnitzer nicht mehr konzentriert genug angesehen habe. Wahrscheinlich habe ich die Mannschaft mit meiner Nervosität auf unerklärliche Weise angesteckt, so unaufmerksam wirkten die Spieler bei diesem Freistoß der Chemnitzer. Alleine, weil die Mannschaft den Komplettausfall von mir als Zuschauer später aufgefangen hat, gab es noch eine Chance. Ich selbst habe am Spiel kaum mehr teilgenommen. Hätte ich auf dem Spielfeld gestanden, hätte ich in Ballnähe nur vorgegeben, einen Pass erhalten zu wollen. Wann immer es möglich gewesen wäre, hätte ich mich hinter meinen Gegenspielern versteckt. Ich wäre viel gelaufen, das schon, aber möglichst so, dass ich unanspielbar geblieben wäre.

Die Mannschaft vom MSV aber glaubte weiter an den möglichen Erfolg. Sie wusste um die Bedeutung des Spiels für den weiteren Saisonweg. An der Freude der Spieler war das zu erkennen, als Mark Flekken den letzten Eckball der Chemnitzer aus der Luft herunterholte und damit den Sieg gleichsam in der Hand hielt. Es war daran zu erkennen, wie Stanislav Iljutcenko bei dem Eckball davor seine Genugtuung über den zu einer erneuten Ecke abgewehrten Ball in die Luft schrie.

Vorher war diese Mannschaft aber in Rückstand geraten, und ich nahm mein Joggingprogramm in der Wohnung auf. Bewegung führt zu Spannungsabbau. Die Mannschaft aber wollte den Ausgleich, das sah ich in den Momenten, wenn ich mal einen Blick auf den Laptop warf. Sie wollte den Ausgleich so lange, bis Simon Brandstetter es Andreas Wiegel gleich machte. Beide sind in der bisherigen Saison nicht durch eine gute Chancenverwertung oder grundsätzlich gute Entscheidungen am Ende ihres Ballführens aufgefallen. Beide schienen ihrer fußballerischen Intuition nicht ganz zu vertrauen. In diesem Spiel war es anders. Beide behielten die Nerven, beiden kam das eigene Denken bei ihrem Spiel nicht in die Quere. Brandstetter gelang das Tor nach einem Pass in den freien Raum von Tugrul Eral. Ich habe den Ausgleich nicht mal in der Zeitlupe gesehen, weil ich gerade sehr weit vom Stream weggelaufen war.

Auch das Führungstor habe ich nicht gleich gesehen, sondern nur die aufgeregte Sprecherstimme gehört. Zurück kam ich zur Zeitlupe, um mein Joggingprogramm mit lang anhaltenden Sprungkraftübungen abzuwechseln. Erneut war es Tugrul Erat, der mit einem schönem Fallrückzieher den Ball parallel zur Torauslinie vor das Tor brachte, wo Kingsley Onuegbu am hinteren Pfosten stand und den Ball problemlos über die Linie bringen konnte. Von da an kämpfte auch ich wieder an meinem Platz als Stream-Zuschauer. Von da an hielt ich die Nervorsität wieder aus. Mit dem Schlusspfiff bahnte sich der erste Satz dieses Textes seinen Weg in meinem Kopf. Die andere Stimme in mir hörte sofort auf zu jubeln und begann irgendwas auf mich einzureden. Ich habe bis heute morgen nicht richtig hingehört.



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