Posts Tagged 'Markus Kauczinski'

Abschiede, ein Sieg und der rastlose Aytekin

Was gibt es zwei Tage nach dem 2:0-Sieg über den FC St. Pauli im letzten Spiel der Saison noch zu schreiben? Wir haben Sommerpause. Die Mannschaft sei auf Mallorca, las ich gestern. Der Sieg rundete eine Saison, wie wir sie nicht erwartet hatten. Vom letzten Juli bis vorgestern bot der Verein unserer Herzen uns jede emotionale Befindlichkeit eines Fußballfan-Lebens. Wir durften staunen über fußballerische Klasse der Mannschaft, die dennoch verlor. Dann konnten wir uns mit den gesammelten Siegen einen entspannten Ablauf der Restspielzeit vorstellen. Wir wurden immer erfolgreicher und durften heimlich oder auch laut von einem Aufstieg reden. Aber was wäre eine Saison ohne eine Serie von Misserfolgen nach schlechtem Spiel? Unsere Gefühle wären nicht vollständig angesprochen gewesen. Die Sorge vor dem Abstieg bot uns die Mannschaft ebenso noch wie die entspannte Sommerlaune auf der Zielgerade der Saison.

Was soll ich also noch über ein nicht mehr so wichtiges Spiel schreiben? Meine gute Laune hält an. Allenfalls nervt schon jetzt die Dauer der Sommerpause. Was für eine Zeit des Stillstands und welch klägliche Versuche des Fußballunterhaltungsbetriebs, sie mit nebensächlichen Wettbewerben wie dieses Jahr in Russland der WM zu füllen.

Die Abschiede gehen mir allerdings noch durch den Kopf, bei denen es ja nur um Spieler ging, von denen die sportlich Verantwortlichen glauben, ihre Leistungsstärke reiche nicht mehr für die kommende Saison. Bei diesen Abschieden wurde offensichtlich, wie gut es den sportlich Verantwortlichen, Ilia Gruev und dem Trainerteam sowie Ivo Grlic gelingt, im Kader ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu  entwickeln. Davon ab trägt auch die Vereinsführung dazu bei. Es kommt nicht von ungefähr, wenn die Ersatzspieler die Verabschiedungszeremonie in der Pause begleiten. Das ist nur eines der Zeichen für die Stimmung im Kader. Darin steckt eine gerichtete Energie, die der Leistung einer Mannschaft zugute kommt. Diese Abschiede wurden gut bewältigt. Keine falschen Töne ließen sich vernehmen, und dass auch Kingsley Onuegbu in seinem Königsgewand während der Halbzeitpause noch einmal eine besondere Würdigung erhielt, war eine gelungene Geste.

Das Spiel gegen den FC St. Pauli fühlte sich in der  ersten Halbzeit sehr nach einem Freunschaftsspiel zwischen zwei gleichwertigen Gegnern an. Eine Führung für St. Pauli war genauso wahrscheinlich wie eine für den MSV. Keine Frage, dass das 1:0 durch Moritz Stoppelkamp nach der Ecke in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit uns sehr viel besser gefiel. Er lief zur rechten Zeit in den leeren Raum. Das war ein typisches Tor für ihn, dank dieser Verbindung von Erfahrung und spekulierender Bewegung, die man dann Instinkt nennt.

In der zweiten Halbzeit sah es nur kurz so aus, als wolle St. Pauli sich für den Ausgleich noch anstrengen. Immer mehr überließen sie dem MSV den Ball für deren Offensivaktionen. Alleine am Spielfeldrand schien St. Paulis Trainer Markus Kauczinski sich nicht zufrieden geben zu wollen. Er kämpfte darum, Einfluss auf seine Spieler zu nehmen. Vielleicht legte er damit eine Grundlage für die unerklärliche Rudelbildung in der Nachspielzeit. Friedlich plätscherte das Spiel dahin, bis die Nachspielzeit angezeigt wurde und den Spielern St. Paulis anscheinend dann erst auffiel, dass sie nicht ewig Zeit haben, ein Tor zu erzielen. Erst regte sich Markus Kauczinski noch einmal auf. Dann geriet Moritz Stoppelkamp mit einem Spieler St. Paulis aneinander, der während des eigenen Angriffs bis zur Mittellinie beim gemeinsamen Trab mit Stoppelkamp unentwegt auf ihn einschimpfte. Als dann der Ball noch einmal in das Areal von beiden kam, gab es kein Halten mehr. Hoch die Tassen und alle kamen zum gemeinsamen Aufregen hinzu. Geschubse hier, Geschubse da. Was für eine kuriose Entwicklung.

Der Schiedsrichter, Deniz Aytekin, hatte das schnell wieder im Griff, und damit komme ich zu seiner besonderen Leistung. Ich habe noch nie bewusst ein ganzes Spiel unter seiner Leitung wahrgenommen. Der Mann läuft und läuft und läuft. Ist er während des Spiels einmal stehen geblieben? Konnte er die Beine still halten, als er in der Nachspielzeit Markus Kauczinski ermahnte? Oder trabte er auf der Stelle? Ununterbrochen ist er in Bewegung. Er pfeift einen Freistoß, läuft nur kurz an die Stelle der Ausführung und vertraut darauf, dass sämtliche Regularien von den Spielern eingehalten werden. Es war natürlich fast die gesamte Zeit ein einfaches Spiel für ihn, aber sein ständiges Kreises auf dem Platz ist sehr eigen und auffällig, wie ein Mensch gewordener Radar zur Spielüberwachung. Was ihm ja bestens gelingt.

Wer sich so spät aufregt und nicht merkt, dass er das macht, nur weil er verliert, wird sofort bestraft. Das 2:0 kurz vor dem Schlusspfiff war eine gelungene erzieherische Maßnahme für den FC St. Pauli. Ob sie gewirkt hat, werden wir nächste Saison sehen, und ich muss jetzt schauen, wie ich die Zeit der Sommerpause rumkriege. Ich finde schon was. Keine Sorge.

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Trainerentlassungen sind komplett überwertet

Als der FC St. Pauli letzte Woche ein zweites Mal so hoch verlor, überlegten wir im Stadion kurz, welche Folgen diese hohen Niederlagen für den MSV beim Auswärtsspiel morgen haben könnten. Zum einen gab es bei uns die optimistische Fraktion mit dem Credo, der Gegner sei noch mehr verunsichert, die andere Fraktion dachte, jetzt hat es der MSV schwerer, weil sich St. Pauli nach zwei solchen Niederlagen vor eigenem Publikum erst recht beweisen will.

Solche Überlegungen sind nun durch die Einflussgröße Trainerentlassung hinfällig geworden. Der neue Trainer Markus Kauczinki verändert die Ausgangslage komplett. Die Spieler des Gegners müssen sich neu zeigen. Sie strengen sich deshalb vielleicht gerade jetzt im ersten Spiel unter dem neuen Trainer besonders an. Es gibt vielleicht vom neuen Trainer andere Spielideen, auf die Ilia Gruev noch nicht vorbereitet ist. Andererseits lässt sich aus der Arbeit Kauczinkis in Ingolstadt oder Karlsruhe etwas ablesen. Dass das beim MSV versucht wurde, davon dürfen wir bei Ilia Gruevs Arbeitsweise ausgehen.

Trainerwechsel haben statistisch betrachtet keinen Erfolg. Das ist inzwischen oftmals schon geschrieben worden, was nichts an den so oft hilflosen Versuchen das Schicksal zu beeinflussen ändert, wie gerade der 1. FC Köln sehr schön beweist. Ebenfalls sagt das nichts über den Einzelfall aus, geschweige denn etwas über das spezielle erste Spiel nach einem Trainerwechsel. Aber in diesem Fall gibt es den Transfermarkt mit der sehr schönen Statistikseite „Trainereffekt“, die ich bislang noch nicht kannte. Mit einem Blick lässt sich dort überprüfen, welche Auswirkung ein Trainerwechsel kurz- oder langfristig hatte. Die Daten beziehen sich nur auf die Bundesliga, aber das reicht erst einmal für ein beruhigendes Gefühl.

In der laufenden Saison hat es in der Bundesliga  vier Trainerentlassungen gegeben. Die Bilanz der vier neuen Trainer lautet: ein Sieg, eine Niederlage, zwei Unentschieden. Für den Sieg war Jupp Heynckes verantwortlich, und der fällt mit seinen bayernspezifischen messianischen Fähigkeiten ohnehin aus der Wertung.

Ich fasse die Trainerwechsel während der laufenden Saison für die letzten 6 Spielzeiten mal tabellarisch zusammen:

2016/2017: 10 Trainerwechsel – 2 Siege, 4 Unentschieden, 4 Niederlagen
2015/2016: 7 Trainerwechsel – 1 Sieg, 3 Unentschieden, 3 Niederlagen
2014/2015: 9 Trainerwechsel – 5 Siege, 1 Unentschieden, 3 Niederlagen
2013/2014: 11 Trainerwechsel – 4 Siege, 5 Unentschieden, 2 Niederlagen
2012/2013: 10 Trainerwechsel – 4 Siege, 4 Unentschieden, 2 Niederlagen
2011/2012: 11 Trainerwechsel – 5 Siege, 3 Unentschieden, 2 Niederlagen

Die Stichprobe ergibt bei 58 Trainerwechsel für das erste Spiel unter dem neuen Trainer 21 Siege, 20 Unentschieden, 16 Niederlagen. Wenn wir mit einem Unentschieden in Hamburg zufrieden sind, reist der MSV also mit einem kleinen Vorteil nach Hamburg. Und wenn wir der Statistik eine zeitliche Dimension geben, lässt sich gar ein Trend ablesen. Der Sieg im ersten Spiel nach einem Trainerwechsel wird seit zwei Spielzeiten immer unwahrscheinlicher. Tut uns leid, FC St. Pauli, Zahlen lügen nicht, allzu viel braucht ihr morgen nicht zu erwarten.


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