Posts Tagged 'Martin Kind'

Fußballfans sind Fußballfans in München, Braunschweig und demnächst woanders

Schon lange warte ich auf die Gelegenheit mal einen schönen Satz des SZ-Journalisten Jens Bisky zu zitieren. Ich wollte diesen Satz nicht für eine Kleinigkeit vergeben. Die reflexhaften Stellungnahmen zur Fangewalt nach den Relegationsspielen sind keine Kleinigkeit. Heute kann ich diesen Satz endlich verwenden. „Keine Ahnung, aber viel Meinung, das ergibt Bescheidwissen.“ So ist es.

Wussten doch viele Bescheid, wie man verhindern kann, dass Sitzplatzschalen auf das Spielfeld fliegen, wie in München bei der Niederlage von 1860 im Relegationsspiel gegen Regensburg geschehen. Der Vereinspräsident von Hannover 96 Martin Kind weiß das etwa ebenso wie Niedersachsens SPD-Innenminister Boris Pistorius, der sich schon mal warm-meint für den Bundestagswahlkampf. Wie verhindert man also, dass jemand seine Sitzplatzschale wirft? Das liegt bei Sitzplatzbesuchern ja auf der Hand. Als wirklich nur äußerste Maßnahme wären die Stehplätze eben abzuschaffen. Ich wiederhole das, damit wir alle das besser verstehen. Sitzplatzschale auf dem Feld: böse. Deshalb Stehen: böse. Und Sitzen? Tja… Denkt lange drüber nach. Man braucht einige Zeit für diese besondere Erkenntnis.

Das Leben ist aber auch kompliziert, und die Empörung über Fangewalt groß. Da helfen zwischendurch immer mal wieder einfache Rezepte. Dann weiß die Welt, notfalls haben die Verantwortlichen alles im Griff. Anwenden will man es ja nicht, doch es bringt ein gutes Gefühl, wenn man weiß, wo das Böse des Lebens sich gerade aufhält. Schließlich wird sonst der Fußball kaputt gemacht. Von den Bösen eben. Da sind sich alle einig. Natürlich weiß das auch Peter Neururer, wie er zu allem eine Meinung hat. Ihm blieb es in einer Kolumne für BILD vorbehalten, keine Ahnung zu haben und einen Gewaltreaktions-Klassiker variierend hervorzukramen. Variierend deshalb, weil er alle gewaltbereiten Fans zunächst als Ultras ansprach und dann erst zur alten Leier anhob, diese Menschen nun seien keine Fans sondern Kriminelle.

Er schreibt das leicht dahin, weil er sich nicht nur mit den Fußballverantwortlichen sondern auch mit vielen Besuchern eines Fußballspiels einig weiß. So eine Ausgrenzung erleichtert sehr. Was soll auch der Fußball selbst mit solchem Verhalten zu tun haben? Das aber ist die interessante Frage. Denn sogar wenn Menschen im Stadion kriminell werden, bleiben sie dennoch Fußballfans. Das will keiner im Fußball gerne wahrhaben. Ich übrigens auch nicht. Niemand sagt zu einem Autofahrer, der illegale Rennen fährt und Menschen gefährdet, er sei kein Autofahrer. Er ist aber ein Autofahrer, der sanktioniert wird. So einfach ist das.

Da wir das nun geklärt haben, können wir uns der interessanten Frage zuwenden. Allerdings will ich hier nicht den Fußballnostalgiker geben, der den Kommerz beklagt und die Tradition gegen das Produkt der Unterhaltungsindustrie ausspielt. Das wäre etwas zu einfach. Ich will mich nicht über einen Fußball mokieren, der als Teil der Unterhaltungsindustrie zu Auswüchsen führt, die mich nicht mehr interessieren. Es sei denn mein eigener Verein gerät in die Nähe seiner Möglichkeiten. Schon stecke ich in all den Widersprüchen, die dieser Fußball der Gegenwart aufwirft. Das ist aber ein anderes Thema.

Mir geht es um Gefühle und Bedeutung; Gefühle, die Vereine wecken wollen sind zugleich Gefühle, die von Fans als wesentlich für ihre Identität angesehen werden. Die Komplizenschaft von Unterhaltungsindustrie und Tradition sollte sofort einsichtig sein. Wo an der Oberfläche die Gegensätze zelebriert werden, halten sich die Beteiligten, ohne es sich zuzugestehen, unter dem Tisch an der Hand. Wovon sprechen noch mal all die Vereinsclaims in diesem Fußball der Gegenwart immer wieder? Da wird die Liebe beschworen, die Leidenschaft, die Treue und die Absolutheit des Allumfassenden, das der Verein sein soll. Diese Worte kommen nicht von ungefähr. Sie sind schon immer im Reden der Fans aufgetaucht. Fans wurden Reportagen gewidmet und die Sympathie für solche Haltung schwang immer mit. Erst der Fußball der Gegenwart erlaubt es aber nun den Fans, solche Selbstbeschreibung als sozialen Wert zu empfinden. Denn im Wechselspiel mit der Bedeutung, die der Fußball in dieser Gesellschaft erhalten hat, werden diese Gefühle mehr als eine persönliche Sache. Sie werden sinnhaft über den Sport hinaus. Aufmerksamkeit, Wirksamkeit sind hier die Stichworte, auf die ich noch zu sprechen komme.

Wenn Vereine also die Fan-Bindung mit dem Bedeutungsspektrum der Liebe aufladen, darf sich niemand wundern, dass das gesamte  mit der Liebe verbundene Handeln im Stadion wirklich werden kann. Wer von Liebe spricht, kann auch entäuscht werden. Auf enttäuschte Liebe reagieren Menschen sehr verschieden. Die Menschen lieben zudem nicht immer so selbstlos wie es idealerweise  sein sollte. Es erstaunt mich doch sehr, wie ungläubig Vereinsverantwortliche angesichts der Gewalt beim Versagen ihrer Vereine oft wirken. Es ist doch nur Fußball, sagen sie und blenden völlig aus, dass sie für die Emotionalisierung des Geschäftsbetriebs Fußball ständig das komplette Gegenteil erzählen. Was für eine Heuchelei.

Allerdings können sich Fans mit ihrem Blick auf das Geschehen nicht besser fühlen. Sie wissen nichts davon, dass der Bedeutungsgewinn des Fußballs in dieser Gesellschaft auch ihre Identität aufwertet. In unserer Gegenwart trägt Aufmerksamkeit zum Selbstwert bei. Diese Aufmerksamkeit erhalten junge Menschen in Fußballstadien auf eine Weise wie sie sonst in dieser Gesellschaft kaum so leicht zugänglich ist. In Fußballstadien erleben junge Menschen, dass ihr Handeln von Bedeutung ist. Dieser Bedeutungsgewinn geschah aber nur, weil der Fußball sich immer mehr als Produkt der Unterhaltungsindustrie positionierte.

Wenn der Fußball dieser Gegenwart kaputt geht, dann geht er als System kaputt. In einem solchen System zeigen die Beteiligten dann mit den Fingern gegenseitig auf sich. Die Beteiligten am Rand des Systems gibt es auch, keine Frage. Doch wie gesagt, ich bin hier nicht als nostalgischer Kulturkritiker unterwegs. Ich wollte nur auf zwangsläufiges Verhalten hinweisen, mit dem umgegangen werden muss. Die Mittel dazu gibt es – von Sozial- und Jugendarbeit bis hin zur Strafverfolgung und, bitte schön, in Zukunft keine zur Schau gestellte Empörung mehr von Verantwortlichen des Fußballs oder Politikern.

Wer wie Fredi Bobic Arbeit sucht, braucht ein dickes Fell

Als Fredi Bobic erfolgreich war, hatte ich mich als aktiver Sportler schon seit Jahren dem Basketball zugewendet und Fußball hieß für mich, die Gegengerade im Wedau-Stadion aufzusuchen. Deshalb lag es mir nicht nur als MSV-Fan völlig fern, davon zu träumen, wie Fredi Bobic vor dem gegnerischen Torwart aufzutauchen und als ein Eckpunkt des Stuttgarter „Magischen Dreiecks“ den Ball ins Tor zu zaubern. Heute nun aber denke ich: mal wie Fredi Bobic sein, und dann nämlich auf den Tisch hauen, das ist bestimmt nicht schlecht. Wann sonst wird einem Arbeitssuchenden schon mal so zugehört, wenn er beginnt, von seinen schlechten Erfahrungen mit all den ignoranten Arbeitgebern zu erzählen. Schließlich gibt es nicht wenige, die wie der Chef bei Hannover 96, Martin Kind, auf eine Bewerbung nicht mal mit einem kurzen Standardbrief reagieren. Viele Arbeitgeber sitzen eben nun doch schon seit einiger Zeit am längeren Hebel. Doch wenn man als Fredi Bobic einmal ein berühmter Fußballer war, gibt es zumindest immer einen Journalisten beim Sportinformationsdienst, der seine Meldungen schreiben muss und ein offenes Ohr für den Ärger über solches Verhalten von Arbeitgebern hat. Doch! Das sorgt für eine ausgeglichene Psyche, so ein Dampfablassen, und man weiß es nicht, ob diese öffentliche Stellungnahme nicht doch auch ein ganz kleines Bisschen dazu beiträgt, an grundlegende Regeln der Höflichkeit zu erinnern. Auch oder eher gerade auf einem rauhen Arbeitsmarkt bedarf es zivilisierter Umgangsformen. Fredi Bobic hat natürlich einen weiteren Vorteil, zuguterletzt weiß der Mann, wohin er sich wenden muss. Schließlich hat man irgendwann auch einfach die Nase voll von all der Ignoranz in dieser Welt und dann ist es wunderbar, wenn es da den guten Kumpel aus alten Zeiten gibt. So einen kann man unverblümt fragen, ob er nicht was weiß … von einem Job, und wenn er mal was hören sollte, dann … Und manchmal sagt der Kumpel sogar sofort: „Du kommst gerade richtig!“


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: