Posts Tagged 'Matthias Kühne'

Kein Auftakt nach Maß ist kein Grund für Panik

Schön ist so ein Saisonauftakt mit einer 3:1-Niederlage gegen den SSV Jahn Regensburg nicht. Dabei habe ich das Schlimmste, die ersten 20 Minuten des Spiels, nicht einmal mitbekommen, Ausflugsgewohnheiten während Großfamilientreffen in Wolfenbüttel sei Dank. Eine zweite Halbzeit lang habe ich mich aus dem Familientreffen ausklinken könnnen und dachte beim 2:1-Rückstand so was wie behebbar und vorläufig. Allerdings schwand meine Zuversicht schon nach ein paar Minuten Spielzeit. Zwar waren Wunsch und Willen der Spieler des MSV Duisburg zu erkennen, Torchancen ergaben sich aber kaum. Außerdem erreichten viele Pässe das Ziel nicht und im Gegenzug wirkte Regensburg immer so, als könne der Konter mit einem Tor enden, zumal wenn kleinere individuelle Fehler in der eigenen Spielhälfte immer mal wieder passierten. Ein überlegenes Spiel mit Regensburger Furcht vor dem Ausgleich war nicht zu erkennen. Mein Schluss: Der Rückstand war kein Zufallsergebnis.

Dennoch hatte ich den Torschrei auf den Lippen, als Kingsley Onuegbu und Zlatko Janjic im Strafraum zum Torschuss kamen. Als diese beiden großen Chancen ungenutzt blieben, schien mir das dann auch noch klar, an der Chancenverwertung hat sich trotz neu zusammengestellter Mannschaft gegenüber der letzten Saison noch nicht viel verändert. Wenn der Rest der Mannschaft aber ebenfalls nicht dauerhaft zuverlässig spielt, müssen Tore nach solchen Chancen allen, um zumindest das Unentschieden zu erreichen. Der nächste Fehler in einer gefährlichen Zone kann passieren. Eine Unachtsamkeit nach weitem Abschlag des Regensburger Torhüters Stephan Loboué zum Beispiel. Dieses eine Mal traf der durchbrechende Regensburger Spieler nur die Latte. Das nächste Mal fiel dann das dritte Tor, als der Ball im Spielaufbau verloren ging, der Steilpass in die Spitze durchkam und Michael Ratajczak nicht entschlossen genug dem Pass in den Strafraum entgegenlief.

Von den Abwehrfehlern in den ersten 20 Minuten habe ich gestern noch gelesen, von einer Mannschaft, die im Gegensatz zum Gegner nicht von Anfang an im Spiel war. In den TV-Ausschnitten konnte ich übrigens nicht erkennen, dass Matthias Kühne eine noch viel schlechtere Leistung als seine Mannschaftskollegen gezeigt hat. Beim ersten Tor hat er sicher nicht gut ausgehen, aber am zweiten Tor ist er doch nur in der Folge beteiligt, als es ihm nicht mehr gelang, den Fehler von Christopher Schorch zu beheben. Aber TV-Ausschnitte sind eben TV-Ausschnitte.

Nebenbei gesagt, für die am MSV interessierten Leser von Zeitungen ergibt sich seit dieser Saison ein einheitlicheres Bild. Die Kooperation von Rheinischer Post Verlagsgesellschaft und Funke-Gruppe im Lokalbereich des sich überschneidenden Einzugsgebiets führt zu identischer Berichterstattung in Rheinischer Post und WAZ/NRZ. Nicht immer, aber immer öfter.

Von Wolfenbüttel aus ging es gestern wie meist in dieser letzten Juli-Woche in die angeheiratete Heimat, um den Kölner Karneval Paderborns, das Libori-Fest, zu feiern. Zum ersten Mal sah ich dort eines der vielen Konzerte  gemeinsam mit dem youtube-celebrity-Fan des SC Paderborn. Entrückt saß er kurz auf der Treppe zum Franz-Stock-Platz, trug Trikot,  Fan-Cap und ging dann doch schnell wieder. Wahrscheinlich um nach der Playstation auch noch seinen allerletzten Besitz zu verkaufen. Die Eintrittspreise des SC Paderborn sind ja deutlich teurer geworden. Ich denke, sein erstmaliges Auftauchen bei meinen so häufigen Besuchen Paderborns ist eine Erscheinung. Das will gedeutet werden. Denn seht: Der SC Paderborn, Bundesligaaufsteiger der letzten Saison, gewann sein erstes Spiel erst am fünften Spieltag. Mit einer 1:0-Heimspielniederlage gegen 1860 begann die Saison. Sie setzte sich fort mit einer 4:0-Auswärtsniederlage beim späteren Absteiger Cottbus. Zwei Unentschieden waren die ersten beiden kleinen Erfolge. Sogar in Paderborn wurden Fans unruhig und schimpften auf den Trainer. So seht, Großes kann unscheinbar beginnen. Sehet, was ich gesehen habe. Höret die gesprochenen Worte in der Stadt des Heiligen Liborius.

Ein Sieg zeigt Gründe für den Tabellenplatz

Fußballspiele des MSV Duisburg wie das beim FC Hansa Rostock kann ich mir eigentlich nicht an heimischen Bildschirmen ansehen, ohne den Familienfrieden zu gefährden. Zwangsläufig schreie ich schließlich immer wieder einmal so bedrohlich bangend auf, dass meine Frau regelmäßig besorgt ins Zimmer eilt. Diese Mischung aus Aufschrei und Stöhnen muss sich nach schwerem körperlichen Unwohlsein anhören. Sollte ich einmal tatsächlich etwa nachts gesundheitliche Probleme haben, wird sich meine Frau nur noch über die ungewöhnlichen Anstoßzeiten beim MSV wundern.

Ich bangte so sehr um den 1:0-Sieg, weil die Fallhöhe in diesem Spiel so hoch war. Der MSV Duisburg gestaltete in der ersten Halbzeit und zu Beginn der zweiten Hälfte das Spiel so überlegen, dass  die Hoffnung auf einen sicheren Sieg übermächtig war. Gleichzeitig war aber auch eins klar, diese Überlegenheit verdankte sich großer Laufbereitschaft und sehr viel Einsatz. Bis zum Ende des Spiels war diese Intensität nicht beizubehalten. Zum Ende des Spiels würde der FC Hansa Rostock zu Chancen kommen. Der MSV Duisburg brauchte ein zweites Tor, und dieses Tor fiel nicht.

Meine Sorge speiste sich aus einem vorweggenommenen Mitleiden. Denn die Mannschaft vom MSV Duisburg ist sich ihrer selbst nicht sicher genung, um einfach wegzustecken, dass sie nicht belohnt wird, obwohl sie so viel in ein Spiel investiert.  Die Enttäuschung der Mannschaft fürchtete ich genauso wie die Enttäuschung vieler Anhänger, die die Stimmung rund um den MSV noch ungemütlicher gemacht hätte. Das zweite Tor, das nicht fallen wollte, gibt aber auch die Antwort auf die Frage, warum die Mannschaft nicht immer so spielt. Die eine schnelle Antwort ist banal. Die Spieler können es nicht.

Die andere etwas ausführlichere Antwort habe ich in den letzten Wochen schon öfter geschrieben. Die Entwicklung des Spiels bestimmt mit, zu welchen Leistungen die einzelnen Spieler fähig sind und wie groß ihr Einsatz werden kann. Marcel Lenz und Matthias Kühne betonten beide nach dem Spiel, wie sehr jeder alles für die Mannschaft gegeben habe. Man könnte nun vermuten, das habe mit Karsten Baumanns wechselnden Motavitationkünsten zu tun. Sehr viel wahrscheinlicher ist etwas anderes. Dieser Einsatz wurde möglich, weil Michael Gardawski schon früh, in der 11. Minute, ein Tor erzielte, das im Übrigen durch ganz feine  Schusstechnik möglich wurde. Diese frühe Führung gab nicht nur der eigenen Mannschaft Sicherheit, gleichzeitig reduzierte dieses Tor die Risikobereitschaft der Rostocker. So konnte das frühe Pressing so erfolgreich werden.

Das zweite Tor fiel nun deshalb nicht nur, weil klare Chancen vergeben wurden. Hinzu kam, viele Spielaktionen nach dem jeweiligen Ballerobern waren nicht präzise genug oder es fehlte dem Ballführenden der Blick für die Mitspieler. Auch in dem Fall kann Michael Gardawski genannt werden, beispielhaft für die gesamte Mannschaft. Um die 30. Minute herum spielte er den nötigen Steilpass eben nicht, der Kingsley Onuegbu im Strafraum alleine vor dem Torwart hätte auftauchen lassen. Oder in einer anderen Spielsituation dribbelte er im eins gegen eins den Ball zwar am Gegner vorbei, aber dafür auch knapp ins Aus. Auf demselben Niveau bewegten sich seine Mitspieler. Die Mannschaft brauchte stets mehrere Anläufe, um den Ball einmal gefährlich vor das Rostocker Tor zu bringen. Aus der Feldüberlegenheit ergaben sich deshalb zwar weitere Chancen, doch entfaltete sich durch sie kein zwingender Druck aufs gegnerische Tor. Die Chancen ragten aus dem Spielfluss heraus. Dass sie nicht genutzt wurden, verweist ebenfalls auf die Antwort zur oben gestellte Frage.

Wenn eine Mannschaft diese Überlegenheit in keine deutliche Führung verwandelt, braucht sie zum Spielende hin neben dem aufopfernden Kampf in der Defensive einen starken Torwart. Musste Marcel Lenz im Heimspiel gegen Holstein Kiel noch seine Stabilität finden, so war er dieses Mal von Anfang an präsent. Erste Fernschüsse der Rostocker nahm er gelassen auf, und als es ab der 70. Miute herum ein paar Mal wirklich heikel wurde, zeigte er sowohl beeindruckende Reflexe auf der Linie als auch ein starkes Stellungsspiel, das die gegnerischen Stürmer zu Schüssen aus ungünstigen Positionen zwang. Wahrscheinlich langt der Auswärtssieg noch nicht, um die Stimmung rund um den MSV Duisburg zu stabilisieren. Erst nach einem weiteren Erfolg im Heimspiel gegen Elversberg wird die Saison ruhig zu Ende gespielt werden können. Hoffen wir darauf.

Die Pressekonferenz nach dem Spiel sowie die Stimmen von Marcel Kühne und Marcel Lenz.

Der MDR-Spielbericht:

Prinz Gutti I. macht den Unterschied

Einmal Prinz zu sein, gehörte bislang weder in Duisburg noch in Köln zu meinen vorrangigen Lebenszielen.  Aber wer weiß, welche Zufälle mir noch begegnen? Deshalb habe ich mir nach dem Spiel des MSV Duisburg gegen Rot-Weiß Erfurt erstmal die Kontaktdaten von Prinz Gutti I. rausgesucht und gut beiseite gelegt. Jedem anderen mit Ambitionen zur Narrenregentschaft in Duisburg sei dasselbe empfohlen, um die Pflichtaufgabe des Stadionbesuchs beim Erfahrungsaustausch mit dem diesjährigen Prinzen gut vorzubereiten. Denn es war Prinz Gutti I., der den Fluch des Regentenbesuchs gebannt hat, mehr noch, er wurde zum Glücksbringer. Denn auch wenn der MSV Duisburg viel für den 3:2-Sieg gegen Rot-Weiß Erfurt getan hat, und  „unverdient“ in dem Fall keine Standardkommentar-Karriere machen wird, einiges Glück war dennoch unbedingt notwendige Zutat zur Leistung aller Spieler im Zebra-Trikot.

Eigentlich ging das Spiel des MSV Duisburg in den ersten zwanzig Minuten gut an. Trotz der erwarteten kompakten Erfurter Defensive ergaben sich für die Zebras Chancen. Vor allem fand das Spiel  fast auschließlich in der Gäste-Hälfte statt. Kevin Wolze schoss nach wenigen Sekunden Spielzeit knapp am Tor vorbei, Tanju Öztürk kam etwas später zum Kopfball und zielte dafür auch etwas weiter daneben. Der Mannschaft gelangen Kombinationen auf engem Raum rund um den Strafraum. Die Hoffnung auf weitere Torchancen hatte durchaus Berechtigung.

Doch bei der Spielvorbereitung muss sich das Trainerteam der Erfurter über eine entscheidende Schwachstelle im Spiel der Zebras intensiv Gedanken gemacht haben. Der MSV braucht bei ruhenden Bällen oft recht lange, um wieder spielbereit zu sein. Eine Mannschaft, die den Ausball schnell einwirft oder den Freistoß im Halbfeld ohne Zögern ausführt, kann sich einige mühselige Angriffsarbeit zur Raumöffnung sparen. Erfurt war die erste Mannschaft, die das konsequent ausnutzte. Die großen Erfurter Chancen der ersten Halbzeit sowie das Führungstor ergaben sich aus schnell ausgeführten Spielaktionen nach Schiedsrichterentscheidungen für die Gäste.

So machten sich die Zebras einmal mehr das Leben selbst schwer. Die Erfurter warteten in der 24. Minute einfach nicht mit dem Einwurf, bis sich alle beim MSV auf die kommende Defensivarbeit gedanklich eingestellt hatten. Der Weg zum Tor von Michael Ratajczak war frei, und schon trudelte der Ball nach einem Lupfer Richtung Torlinie. Kurz keimte Hoffnung auf, der zur Torlinie kommende Christian Eichner könne den Ball noch wegschlagen. Gleichzeitig gab es diesen heransprintende Erfurter Spieler. Hoffen und Bangen!  Die Zeit stand still, damit die ersehnte Rettungstat geschähe. Nur keinen Querschläger! Doch das Rettende blieb fern, Christian Eichner wartete. Worauf, war nicht zu erkennen. So rannte der Erfurter Patrick Göbel kurzerhand mitsamt dem Ball ins Tor am wartenden Eichner vorbei. Ein Schock, der die Zebras völlig aus der Fassung brachte. Es dauerte Minuten, ehe sich die Spieler wieder stabilisierten. Zu unserer großen Erleichterung gelang es den Erfurtern in dieser Zeit nicht, ein weiteres Tor nachzulegen. Zwar entfalteten sie weiterhin Druck, doch dauerhaft präzise im Abschluss waren die Gäste dann doch nicht.

Nachdem im Spiel des MSV zumindest wieder Ansätze von Ordnung zu sehen waren, gelangen auch wieder vereinzelte Angriffsaktionen. Einer dieser Angriffe endete in der 36. Minute mit einem Freistoß zentral vor dem Tor in aussichtsreicher Entfernung. Branimir Bajic lief an und schoss, wie man besser nicht schießen kann, zum Ausgleich ins Tor. Zwingend war ein Tor für den MSV in dieser Spielphase nicht.  Was natürlich niemanden bei uns davon abhielt, darauf zu hoffen, die Sicherheit der ersten Spielminuten könnte zurückkehren. Zunächst musste Michael Ratajczak aber mit einem grandiosen Reflex den erneuten Rückstand verhindern, dann erst entfaltete sich nach der Halbzeitpause eine Ahnung vom möglichen Sieg, ohne dass die Zebras noch einmal so spielbestimmend wie zu Beginn werden konnten.

Mit dem Doppelwechsel, Gerrit Wegkamp und Athanasios Tsourakis für Patrick Zoundi und Deniz Aycicek, wurde die Offensivkraft verstärkt und zugleich das Risiko in der Defensive erhöht. Deniz Aycicek hatte bis dahin solide gespielt, etwas unauffälliger als gegen Leipzig, Patrick Zoundi war gut gewesen, hatte sich viele Bälle erlaufen und oft für Unruhe in der Erfurter Defensive gesorgt.  Viel Spielzeit wurde ohnehin nicht im Mittelfeld verbracht. Dort ging es auf beiden Seiten fast das ganze Spiel mit steilen Pässen schnell vorne. Die Alternative dazu waren halbhohe Bälle steil nach vorne. Gerrit Wegkamp versprach mehr Wucht vor dem Tor. Der Mann gefällt mir. Schnörkellos spielend weiß er jederzeit, wie es Richtung gegnerisches Tor geht. In der Nähe des Strafraums zieht ihn das Tor magnetisch an, ohne dass er den Blick für die Mitspieler verliert. So eine Dynamik bei gleichzeitigem Torinstinkt sowie Auge für die Mitspieler hat es beim MSV lange nicht mehr gegeben.

Spielentscheidend war dann der große Auftritt von Prinz Gutti I. von der 66. bis 67. Minute. Er machte unmissverständlich klar, statt des Niederlagenfluchs hatte er Siegesglück mitgebracht. Defensive und Offensive verstärkte sein mitgebrachtes Glück gleichermaßen. Zunächst lenkte es einen freien Schuss der Erfurter nach großem Strafraumdurcheinander an die Latte. Anschließend machte es sich sofort in der Offensive nach einem Freistoß nützlich. Der hoch herein geschlagene Ball tropfte vom Körper eines stehenden Erfurters zum Führungstreffer ins Tor. Verständlich, dass kein MSV-Spieler nach der langen Prinzenbesuchniederlagenserie an so ein Prinzenglück glauben konnte und stattdessen allesamt Kingsley Onuegbu zum Tor gratulieren wollten.

Gefährlich wurde es danach für den MSV Duisburg erstmal nicht. Im Gegenteil, Prinz Gutti I. wollte die Nerven der MSV-Fans beruhigen. Weil Athanasios Tsourakis mit einem seiner Haken-Dribblings sowie dem passablem anschließenden Schuss gute Vorarbeit leistete, brauchte er dieses Mal nur ein Quentchen Glück hinzufügen und schon hob sich das Bein eines Erfurter Abwehrspielers in die Schußbahn, um den Ball für den Torwart unerreichbar abzulenken. 3:1!

Wir gebrannten Duisburger Kinder wussten, so eine Zwei-Tore-Führung verspielen Zebras gerne auch mal kurz vor Abpfiff. Zwar kamen die Erfurter kaum mehr zu kontinuierlichen Angriffen, dennoch überraschte deshalb das zweite Tor der Gäste nach einem Freistoß in der Nachspielzeit wenig. Das kennen wir, so lieben wir unseren MSV Duisburg. Und wenn wir ehrlich sind, schützt so ein spätes Gegentor vor drohender Samstagnachmittagslangweile ohne die Gefahr einer grundsätzlich verdorbenen Laune. Zumal Markus Bollmann anschließend ein breites Repertoire als Eckenherausspieler zeigte. Er nutzte sowohl das gefühlvolle Anspielen der Beine des Gegners als auch den an brachiale Befreiungsschläge erinnernden Schuss aus ein bis zwei Meter Entfernung, der dennoch den Erfurter Spieler berührte, ohne ihn schwerer zu verletzen. Das reichte für den Zeitvertreib bis zum Schlusspfiff.

Gestern Morgen war ich dann übrigens fast versucht, auf der Drittliga-Seite vom Kicker den „Tabellenrechner“ im Menü auch endlich anzuklicken, nachdem ich mehr unbewusst als gezielt meinen Cursor immer mal über den Menüpunkt habe kreisen lassen. Letztlich war mir das dann ein Spieltag zu früh. Das Ergebnis gegen Dortmund wird entscheiden, ob ich uns wie in der Saison 2011/2012 durch meine gar nicht mal allzu optimistische Prognosekraft etwas früher schon zu einem guten Ende der Saison verhelfe.

Bleibt noch die Pressekonferenz sowie die Stimmen von Athanasios Tsourakis, Matthias Kühne und Michael Ratajczak.

Der Spielbericht beim MDR, in dem die Reporter-Sympathie für Rot-Weiß Erfurt die Wertung des Spiels leicht einfärbt.

Ein offener Brief an den DFB samt Anmerkungen zum Auswärtsspiel gegen SSV Jahn Regensburg

Sehr geehrte Mitglieder des DFB-Spielausschusses,

um mein Anliegen vorzutragen muss ich ein wenig ausholen, damit Sie sich nicht vorschnell ein Urteil bilden und meinen berechtigten Wunsch als kuriose Anfrage eines Exzentrikers abtun. Sie werden sicher mit mir der Meinung sein, in unserer Gesellschaft hat der Fußball in den letzten Jahren eine große Bedeutung erhalten. Begrüßenswerten gesellschaftlichen Entwicklungen sollte er sich deshalb keineswegs verschließen. Auch darin sind wir uns wahrscheinlich einig. Jeder in Ihrem Kreis wird zudem  hoffentlich in einer Gesellschaft leben wollen, in der Anforderung und Unterstützung den Möglichkeiten eines jeden gemäß angepasst sind. In den Schulen etwa wird dieses so grundlegende soziale Anliegen gerade umgesetzt. Schüler besitzen unterschiedliche Fähigkeiten, und  Lehrer haben die Aufgabe, Lehrpläne auf diese Fähigkeiten hin individuell auszurichten. Auf diese Weise können Schüler sich am besten entwickeln und bleiben nicht unter ihren Möglichkeiten. Nur auf diese Weise kann die allseits geforderte Inklusion gelingen.

Sollte sich der Fußball diese Entwicklung nicht zum Vorbild nehmen? Wäre es nicht eine großartige Sache, wenn Sie sich auf diesem Gebiet sozialen Fortschritts neben die Schulen stellten? Nun wissen Sie vielleicht nicht, wie das im Fußball als traditioneller Form eines Wettbewerbs geschehen kann. Einem Wettbewerb ist ja das Aufteilen der Teilnehmer in Sieger und Verlierer wesenseigen. Am Wettbewerbscharakter des Fußball soll auch keinesfalls gerüttelt werden.

Aber nehmen Sie einen Fußballverein wie den MSV Duisburg. Gestern war im Auswärtsspiel gegen den SSV Jahn Regensburg zu erkennen, selbst wenn vier bis fünf Stammspieler ausfallen, spielt die Mannschaft des Vereins eine Halbzeit lang ganz gut. In der zweiten Halbzeit aber gelang das nicht mehr. Zunächst nur  waren die Zebras lange Zeit spielbestimmend. Sie störten früh in der gegnerischen Hälfte den Spielaufbau von Jahn Regensburg. Die Mannschaft kombinierte sich regelmäßig sicher in Richtung Strafraum, auch wenn die Passgenauigkeit in Tornähe ebenso noch verbessert werden kann wie die Treffsicherheit beim Abschluss. Einen Vorgeschmack auf die zweite Halbzeit gab es kurz vor dem Pausenpfiff. Mit einem Mal wirkte die Defensive unkonzentriert, schien die innere Anspannung abzufallen, wurde den Gegenspielern mehr Raum gegeben. Der gerade eroberte Ball wurde ohne Not dem Gegner zurück gespielt.

Nutzen konnten die Regensburger diese zwei, drei Minuten andauernde Schwäche noch nicht. Im Gegenteil, der MSV Duisburg kam sogar noch zu einem Angriff kurz vor der Halbzeitpause, bei dem Matthias Kühne mit starkem Einsatz einem zweiten Ball im Strafraum hinterherging und  ihn fast schon fallend raus auf den Flügel spielen konnte. Die Flanke kam sofort auf den frei stehenden Patrick Zoundi, der im zweiten Versuch den Ball über die Torlinie zur 1:0-Führung brachte. Branimir Bajic hatte kurz zuvor wegen einer Verletzung ausgewechselt werden müssen. Insgesamt fehlten in der zweiten Halbzeit schon sechs Spieler aus der Anfangsformation.

Eine schwache zweite Halbzeit der Mannschaft hatte ich befürchtet. Im Verlauf der Saison kam es schon oft zu einem Bruch im Spiel der Zebras, wenn die Spieler nach der Pause wieder auf dem Platz standen. Zwar hatte Pierre De Wit noch eine große Chance, die Führung auszubauen. Doch das blieb nur ein Aufflackern. Fortan griff der SSV Jahn Regensburg an und der MSV Duisburg wirkte zu überfordert, um konsequent und sicher die Angriffe zu verteidigen. Der Ausgleich war nur eine Frage der Zeit. Es schien lange so, als ob die Führung folgen könnte. Ihr Ausbleiben war mehr der Abschlussschwäche der Regensburger geschuldet als der Stärke des MSV. Dennoch wurden die Zebras zum Ende des Spiels hin auch selbst noch ein-, zweimal gefährlich. Das half die Regensburger zumindest so sehr zu verunsichern, dass sie nicht mehr mit aller Macht auf die Führung drangen. Das Unentschieden war gerecht. Beide Mannschaften hätten allerdings ebenfalls gewinnen könnnen. Niemand hätte sich darüber beschweren dürfen.

Ahnen Sie vielleicht, worauf ich mit diesem kurzen Rückblick auf das gestrige Spiel hinaus will? Über die gesamte Saison hinweg spielt der MSV Duisburg immer wieder in der zweiten Halbzeit schlechter als in der ersten. Ich gebe zu, der Gedanke ist ungewöhnlich, möglicherweise sogar irritierend. Aber ich bin der Meinung, wenn die Leistung einer Mannschaft so offensichtlich wie  beim MSV Duisburg an die Spieldauer gebunden ist, sollte ihr diese zweite Halbzeit von der Gesamtspieldauer erlassen werden. Der DFB würde damit nur dem sozialen Bildungsideal folgen. Wer nämlich die Spieldauer an die Möglichkeiten der Mannschaft anpasst, ermöglicht den Spielern des MSV Duisburg Erfolgserlebnisse und trägt zu zukünftig besseren Leistungen wesentlich bei. Ich bin nicht allein mit meiner Meinung. Vielen anderen MSV-Beobachtern ist es schon aufgefallen, wie schwer es die Zebras mit jenen Anforderungen durch die so starr festgelegte Spieldauer haben, die einfach nicht zu den momentanen Möglichkeiten der Mannschaft passen. So führt im MSVPortal der User Red Bull sechs Spiele auf, in denen der MSV Duisburg führte und die die Mannschaft letztlich nicht gewann. Mehr als diese aussagekräftige Statistik braucht man eigentlich nicht, um folgerichtige Regeländerungen vorzunehmen.

Ich weiß selbst, letztlich müssen die Verantwortlichen des MSV Duisburg aktiv werden und Anträge stellen. Aber Sie wissen auch, ehe irgendwo auf dieser Welt konkrete Maßnahmen gegen Missstände ergriffen werden, braucht es viele Anstöße von außen. Wir brauchen eine breite Diskussion, in der alle Betroffenen beteiligt werden. Gerade wir Zuschauer sind ja Leidtragende, wenn wir den Verein unserer Zuneingung in den zweiten Halbzeiten jeweils so gebeutelt sehen. Ich hoffe, nach meinen Ausführungen sind auch Sie nun der Ansicht, die Anpassung der Spielzeit an die Spielstärke des MSV Duisburg gehört auf die Agenda des DFB. Ich weiß aber auch, mit Radikalforderungen kommen wir nicht weiter. So kann ich mir als erste Akutmaßnahme auch vorstellen, dass der Verzicht auf die zweite Halbzeit nur beim Ausfall von vier Stammspielern zum Tragen kommt. Das wäre schon mal ein Anfang, der aber deutlich machen würde, einmal mehr trägt der Fußball entscheidend zum gesellschaftlichen Fortschritt bei.

In Erwartung Ihrer hoffentlich wohl gesonnenen Antwort grüßt Sie freundlich

Ihr Kees Jaratz

Wenn Überlegenheit nicht mal durch Schwächen gemindert wird

Solch ein 3:1-Auswärtsieg vom MSV Duisburg gegen Rot-Weiß Erfurt lässt sich auch am zweiten Tag nach dem Spiel noch einmal mit Schlaglichtern in Erinnerung rufen. Was für ein überlegen geführtes Spiel! Welch schöne Tore! Welch schnelles, beeindruckendes Kombinationsspiel war in Erfurt vom MSV Duisburg zu sehen. Kein ruckelnder Livestream hat mir das alles vorenthalten. Dafür wuchs mit jeder Spielminute mein Bedauern nicht vor Ort sein zu können.

Noch entsprach der Verlauf dieses Spiels nicht vollends dem, was sich Kevin Wolze in der letzten Woche gewünscht hatte, mehrere Schritte in die erhoffte Richtung wurden aber genommen. Eine klare Führung hatte sich Kevin Wolze ausgemalt, um so „ein Ding“ einfach mal runterspielen zu können und Kräfte zu sparen.  Die klare Führung hatte es zur Halbzeitpause ebenso gegeben wie das überlegene Spiel der Mannschaft. Dennoch ließen sich die Kräfte nicht ganz wie gewünscht sparen, weil die Zebras ab der 33. Minute nur zu zehnt spielten. Markus Bollmann hatte wegen einer Notbremse die rote Karte erhalten. Für diese Überlegenheit musste also etwas mehr getan werden, als es sonst der Fall gewesen wäre.

Diese rote Karte wirkt im Nachhinein wie ein riesiger Hinweispfeil auf Schwächen der Mannschaft, die es bei aller spielerischen Überlegenheit dennoch gegeben hat. Was für ein Luxus, wenn wir uns diesen Schwächen in entspannter Stimmung widmen können. Noch wirkt die Abwehrreihe nicht stabil. wir wissen, Markus Bollmann und Branimir Bajic sind nicht die Schnellsten. Hat der lange Ball erst einmal den sprintenden Stürmer erreicht, ist aber Sprintstärke gefordert.  Das gute Stellungsspiel war dann einen Moment lang wohl doch nicht so gut. Schwierigkeiten sind immer wieder auch dann zu erkennen, wenn gefährliche Angriffssituationen des Gegners eigentlich schon geklärt sind. Ein Defensivspieler erobert den Ball in Strafraumnähe oder ein Querschläger wird vom MSV kontrolliert. Dann ist das Vorhaben deutlich erkennbar, die eroberten Bälle nicht planlos nach vorne zu schlagen. Gleichzeitig ist das Zusammenspiel in Strafraumnähe nicht immer sicher genug, um die dann vielen Gegenspieler in Strafraumnähe ohne erneuten Ballverlust zu überspielen. Manchmal bleibt wohl nur das Abwägen, riskiere ich den Ballverlust in Strafraumnähe oder im gegnerischen Halbfeld. Was ist da nur beruhigender für die Nerven von uns Zuschauern?

Andererseits – und nun lassen wir die Schwächen endlich ganz und gar hinter uns – andererseits wartet da vorne Kingsley Onuegbu. Wahrscheinlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Physiker bei ihm eine neue Form des Magnetismus entdecken. Der starke Onuegbumagnet zieht auch immer wieder weit geschlagene Bälle mit einiger Streubreite in seinen Wirkungsbereich. Solche Bälle blieben aber die Ausnahme im Spiel. Es überwog die planvolle Ballsicherheit. Aber egal, welcher Pass ihn da erreichte, es war wieder fantastisch anzusehen, wie er diese Pässe behauptete. Zudem wird er immer torgefährlicher. Kingsley Onuegbu war aber nur Teil eines sehr überzeugenden Zusammenspiels in der Offensive. Wie lange spielen diese Spieler schon zusammen?  Laufwege werden mit einer Sicherheit erahnt, die sprachlos macht. Die ersten beiden Tore konnten nur deshalb fallen, weil sowohl Pierre De Wit als auch Kingsley Onuegbu darauf vertrauen können, ihre Mitspieler nutzen den freien Raum für ihre Spielideen. Das zweite Tor von Kevin Wolze offenbart zudem seine sehr gute  Schusstechnik. Was will man mehr? Vielleicht den glänzend aufspielenden Michael Gardawski, der am Flügel engste Räume im Zusammenspiel mit Phil Ofosu-Ayeh zu nutzen wusste, um den Ball Richtung Erfurter Tor voranzutreiben? Oder einen eingewechselten Patrick Zoundi, dessen Flügelläufe ihm hoffentlch Selbstvertrauen für die nächsten Spiele geben?

Dieses Spiel war bestens geeignet für das Profi-Debut von Fabian Lenz im Tor. Er konnte sich mit der Spielsituation im Ligabetrieb vertraut machen und Sicherheit gewinnen. Bessere Bedingungen fürs learning by doing lassen sich nicht vorstellen. Wenn Tobias Feisthammel, Branimir Bajic, Sascha Dum, Tanju Öztürk und der kurz vor Spielende eingewechselte Matthias Kühne nicht gesondert erwähnt werden, ist das kein Hinweis auf ihre Leistung. Diese Mannschaft bestach durch ihre Geschlossenheit. Diese Mannschaft zwang Rot-Weiß Erfurt in der zweiten Halbzeit zu haarsträubenden Fehlern. Diese Mannschaft hatte ihren Gegner derart verunsichert, dass Rot-Weiß Erfurt nicht einmal mehr die einfachsten Zuspiele gelangen. Die Spieler von Rot-Weiß Erfurt waren frustriert, weil sie keine Mittel fanden, diesem MSV Duisburg stand zu halten. Allenfalls in den allerletzten Minuten war es diesem Gegner möglich, sich daran  zu erinnern, wie Fußball eigentlich gespielt wird. Mein Beifall für diesen Auftritt vom MSV Duisburg will gar nicht enden.

Bleibt noch ein Klickhinweis: Ludger Conrad war in Erfurt und erzählt, bei Nostras Passionem, wie es war. Die Pressekonferenz nach dem Spiel gibt es auch noch, sowie die Kommentare von Kevin Wolze, Tobias Feisthammel und Sascha Dum, dem Ilia Gruevs bei Rot-Weiß Erfurt spielender Sohn mental zur Seite steht.

Bewegtbilder plus ansprechendem Reporterkommentargibt es im Spielbericht vom MDR:

Und wer überhaupt nicht genug bekommen kann, für den gibt es auch noch das gesamte Spiel: die erste Halbzeit mit einem Klick weiter zum MDR.

Und die zweite Halbzeit gibt es natürlich ebenfalls mit einem Klick weiter.


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