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Halbzeitpausengespräch – Jan Josef Liefers braucht Nachhilfe

Heutzutage muss man konzertiert auftreten, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Nun meinen einige Schauspielerinnen und Schauspieler also etwas zu Corona-Maßnahmen, zu bestimmtem Verhalten der Menschen dieser Gesellschaft oder auch zu den Medien. Die Aktion heißt „alles dichtmachen“. Gesehen habe ich nur den Clip von Jan Josef Liefers, und der hat mir schon gereicht. Der hat mich wütend gemacht, weil der Schauspieler populistisch und pauschal die (!) Medien angreift und damit ins Herz der Demokratie zielt. Ich kann nur hoffen, dass er das nicht will. Den Effekt nimmt er aber in Kauf.

Ich verstehe ihn nicht. Ich verstehe nicht, wie in dieser Gegenwart jemand ernsthaft sich nur einseitig informiert fühlen kann. Ich verstehe nicht, dass Jan Josef Liefers tatsächlich die „Medien“ mit gleichgeschalteter Berichterstattung am Werke sieht. Das mag in den Anfangswochen von Corona des letzten Jahres so gewesen sein. Diese Haltung des Zusammenstehens galt aber für fast alle in diesem Land. Wir schienen etwas großes Unbekanntes bewältigen zu müssen. Da mussten wir uns alle erst einmal orientieren, wie so was geht.

Nicht lange danach sind die ersten Stimmen von Wissenschaftlern und Ärzten gegen den „Mainstream“ publiziert worden und natürlich auch von seriösen Medien, sei es Print, TV oder Radio, eingeordnet worden. Das möchte ich auch. Ich möchte wissen, in welchem Verhältnis und mit welchem wissenschaftlichen Hintergrund eine Stimme zu Corona spricht. Das hat etwa die Süddeutsche Zeitung gemacht. Die habe ich old school im Print-Abonnenment. Das hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk gemacht. Die anderen großen seriösen Medien habe ich punktuell im Netz ebenfalls mit anderen Stimmen wahrgenommen. Dann gibt es das große weite Internet, wo jede Stimme gehört werden kann.

Und jetzt kommt Jan Josef Liefers um die Ecke mit seinem ironischen Statement zur Medienberichterstattung in dieser Coronazeit. Er fühlt sich nicht gut informiert, weil alle dasselbe schreiben und sagen. Er meint natürlich die etablierten Medien. Das ist schon klar. Ich fass es nicht. Als ob die Corona-Maßnahmen die ganze Zeit kritiklos bejubelt werden. Er missachtet doch vollkommen die Wirklichkeit von Berichterstattung und Kommentaren.

Wo lebt der Mann? Welche Verantwortung trägt er da gerade.

Schon faseln irgendwelche Leute vom Mut so etwas zu sagen.

Ich kann das einfach nicht glauben, dass Jan Josef Liefers den Journalismus der Gegenwart derart naiv betrachtet und das nun für eine gewichtige, mutige Meinung gehalten wird. Sein Clip hat auf dem Kanal „alles dichtmachen“ die meisten Aufrufe. Stellt sich Jan Josef Liefers nur dumm für seinen Kunstgriff Ironie oder glaubt er tatsächlich an seine Verschwörungsmeinung?

Ich habe nichts daran auszusetzen, wenn jemand die in Deutschland beschlossenen Corona-Maßnahmen kritisiert, sie für falsch und übertrieben hält. Darüber lässt sich diskutieren. Daneben gibt es den vorhandenen demokratischen Prozess eines Beschlusses. Wenn jemand aber meint, die „Medien“ würden daran arbeiten, irgendeine Stimmung hochzuhalten, damit Politiker reibungslos Beschlüsse durchwinken können, arbeitet ebenso und zwar daran, diese Demokratie zu zerstören. Demokratie braucht eine ständige Kritik aller maßgeblichen Institutionen. Diese Kritik ist aber nur konstruktiv für diese Demokratie, wenn sie auf konkrete Sachverhalte hin geäußert wird. Wer pauschal Institutionen wie die Medien diffamiert, arbeitet allen in die Hände, die diese Demokratie beseitigen wollen.

Ich fühle mich gut informiert. Auch durch etablierte Medien. Und daneben gibt es im Netz die ganze Welt der noch abseitigsten Meinungen und Informationen. Da kommt auf den WDR eine neue Kostenstelle für den Tatort zu. Der Mann braucht einen Medienpädagogen am Set. Keine Frage.

Welche Geschichten wollen Sportjournalisten von Leichtathleten?

Gerade finden die Leichtathletik-Europameisterschaften statt, und die Speerwerferin Linda Stahl hat gute Aussichten auf eine Medaille. Die Süddeutsche Zeitung hat gestern ein Interview mit ihr veröffentlicht, das online nicht zu lesen ist. In diesem Interview wird deutlich, Linda Stahl steht quer zu den üblichen Wahrnehmungsmustern im Sportbetrieb. Im Grunde versuchen ja alle Sportarten in der Sparte  Unterhaltungskultur neben dem Fußball ein kleines Plätzchen zu finden. Linda Stahl ist zu der dazu nötigen Anpassung, nämlich der Ökonomisierung der eigenen Identität nicht bereit.

So wird sie am Ende des Interviews gefragt, ob sie ihren EM-Titel besser hätte vermarkten können. Implizit wird durch die Frage der Sportlerin Verantwortung für marktkonformes Verhalten auferlegt. Unausgesprochen steht dahinter, die Selbstvermarktung ist ein erstrebenswertes Ziel und wenn diese Vermarktung nicht gelingt, hat der Sportler etwas vernachlässigt, gar falsch gemacht. Wahrscheinlich ist das so nicht beabsichtigt. Die Frage folgt einfach der Selbstverständlichkeit unserer Tage, in jedem Bereich unserer Gesellschaft das Geld zum Maßstab aller Dinge zu machen. Linda Stahl ficht das nicht an.

So langen ihre Erfolge als Speerwerferin nur in engen Grenzen, um in dieser Unterhaltungsbranche Sport wahrgenommen zu werden. Sie kommt zu dem Schluss, ihre Biografie sei zu unspektakulär, um für eine breite Öffentlichkeit von Interesse zu sein. Die Berichterstattung über weniger populäre Bereiche der Unterhaltungsbranche Sport sucht gerne das klischierte Erzählmuster für den sportlichen Erfolg. Das führt sie  nebenbei noch vor.

Ich habe auch nichts für die breite Öffentlichkeit anzubieten. Wir waren bei Olympia 2012 bei der Pressekonferenz nach meiner Bronze-Medaille. Und ich habe erzählt, ich würde studieren und so. Und irgendein Journalist hat dann zu einem anderen gesagt: Was machen wir denn jetzt mit der Stahl? Kein kaputtes Elternhaus. Hat studiert. Total langweilig, Ach, die lassen wir einfach weg. Mein Trainer saß daneben. Aber ich bin nicht bereit, mir was auszudenken, damit ich doch in die Zeitung komme.

Chaos, Platzsturm und Skandalspiel – Wörter schaffen Wirklichkeit

Zwar habe ich vorgestern gemerkt, dass das Wort  „Polizei“ im Zusammenhang mit einem Fußballspiel die Klickzahlen hier genauso steigert wie die „nackte Spielerfrau“ und „schwule Fußballspieler“, dennoch hatte ich deshalb nicht unbedingt vor, den Zebrastreifenblog in Zukunft grundsätzlich thematisch breiter aufzustellen. So sagt man wohl als Medienmanager, der ich als Mann für alles  in diesen Räumen ja auch bin. Und nun muss ich mich zwei Tage später doch schon wieder mit der Polizei beschäftigen, außerdem mit der Berichterstattung über das Halbfinale des Niederrheinpokals Rot Weiss Essen gegen den MSV Duisburg und mit der Wirklichkeit dieses Spiels, die nicht einfach da ist, um wahrgenommen zu werden. Diese Wirklichkeit wird gemacht von vielen Beteiligten, und natürlich haben auch wir Zuschauer, die Fußballer und der Schiedsrichter mit daran gearbeitet, etwas zu schaffen, was in der deutschen Öffentlichkeit nun als Chaos- und Skandalspiel wahrgenommen wird. Von „Tumulten“ ist heute in einem Print-Kommentar der Süddeutschen Zeitung die Rede und weiterhin wird vom drohenden Platzsturm gesprochen.

Diese Wirklichkeit ist nun in der Welt. Sie wird dieses Spiel wahrscheinlich auch in Zukunft weiterhin beschreiben, entgegen des Eindrucks von Zuschauern vor Ort, entgegen des späteren offiziellen Statements des Polizeipressesprechers wie er in der Reviersport weitergegeben wird. „Ausschreitungen“ hält er für das falsche Wort, mit dem die Vorkommnisse im Stadion beschrieben werden können. Nun kann man einwenden, das sei die Folge des Polizeieinsatzes, nachdem das Tor geöffnet wurde. Dennoch fehlt mir weiterhin der Beleg, dass in der Westkurve eine Masse Menschen hätten durch dieses geöffnete Tor stürmen wollen. Ab wann lässt sich von Chaos und Platzsturm sprechen? Wenn zehn schwarz gekleidete und vermummte Fans auf einer Treppe stehen? Zwanzig? Dreißig? Waren es so viele? Nach meinem Eindruck hatten die meisten Fans dort in der Westkurve Interesse am Spiel und zwar an dem Platz, an dem sie sich gerade befanden.

Nicht dass ein falscher Eindruck entsteht, ich halte das schnelle Eingreifen der Polizei für richtig. Dass Medien aber von einem Skandalspiel sprechen können, liegt am Präventionskonzept, dem die Polizei anschließend anscheinend gefolgt ist. Innerhalb kürzester Zeit wurde aus dem Stadion ein Hochsicherheitstrakt. Erst diese Bilder bedienten nahe liegende Deutungsreflexe der öffentlichen Wahrnehmung. So ein Polizeiaufgebot muss nämlich einen Sinn haben. Und dieser Sinn kann nur ein drohender Platzsturm gewesen sein. Wir Menschen mögen keine komplizierten Beschreibungen der Wirklichkeit. Wir möchten das Leben einfach. Dummerweise ist das Leben nicht einfach.

Die schnelle Berichterstattung über ein Abendspiel verhindert natürlich komplexe Geschichten, bei denen verschiedene Beschreibungen der Wirklichkeit gegenüber gestellt werden müssen. Da bleibt nur der Augenschein. Und noch eins, über das Geschehen als automatisch ablaufende Gewaltprävention zu berichten, ist langweilig. Was sind das für Geschichten, in denen Polizei-Hundertschaften vor Stadienrängen stehen und der Grund dafür ist vor allem die Vorgeschichte des Spiels, nämlich die Sorge vor Gewalt und nicht aktuell wahrnehmbare Bedrohungen. So etwas braucht Erklärung, Raum für Berichterstattung. So etwas braucht aber auch den Willen von allen Beteiligten, komplizierte Situationen geduldig aufzuklären.

Ob aber dieser Wille vorhanden ist bei den Beteiligten? Auch den Fans? Schließlich soll hier kein Fehlverhalten der Fans von MSV und RWE schön geredet werden. Mit eindeutigen Frontverläufen lässt sich aber bequem leben auf beiden Seiten. Im Grunde ist dieses Spiel von Rot-Weiss Essen gegen den MSV Duisburg ein idealtypisches Fußballspiel, um für sämtliche gegenwärtigen Diskussionen rund um die Sicherheitslage im Fußball Beispiele zu geben. Wir sehen, die Pyro-Debatte endet nicht.  Wir haben ein Fußballspiel als selbstverständlichen möglichen Anlass, um Gewalt auszuleben. Wir haben ein Beispiel für reibungslose Polizeiarbeit, deren Ausmaß aber überdimensioniert wirkt. Wir haben eine gefährliche Situation im Stadion, die sich in der Wahrnehmung vor Ort unterscheidet von der öffentlichen Wahrnehmung, die durch die Berichterstattung in den Medien bestimmt wird. Wer ernsthaft am Verhältnis von Fans zum professionellen Fußball interessiert ist, kann bei der Betrachtung dieses einen Fußballspiels viel lernen. Alle anderen werden sagen, es wird immer schlimmer.

 

 

 

 

Fundstück II: In der Liga der großen Ligen

Passend zum Ausklang der Fußballsaison wurde für die Medien-Seite der Süddeutschen Zeitung am letzten Wochenende auch der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga, Christian Seifert, interviewt. Das Interview gibt es meines Wissens nicht online. Christian Seifert zeigt große Sympathien für Sky und die als Marke der ARD angesehene Sportschau. Angesichts der hohen Summe, die die Deutsche Fußball Liga für die TV-Rechte erzielen konnte, lässt  Seifert erkennen, so eine Summe Geld wird nicht nur für die Rechte an bewegten Bildern vom reinen Sport gezahlt.  Da muss noch ein bisschen mehr als die Fußballer am Ball drin sein. Was genau? Wir lassen uns überraschen.

SZ: Gibt es eigentlich eine Verpflichtung für die Bundesliga-Klubs, Sky künftig umfrangreicher als bisher zur Verfügung zu stehen vor und nach den Spielen für Interviews, Storys und Analysen?

Seifert: Ich habe das ausdrücklich in der Mitgliederversammlung angesprochen: Wenn man so viel Geld bekommt, dann ist das kein Kultursponsoring. Das viele Geld bekommen wir auch nicht, weil die Bundesliga so sexy ist, dass man uns gefallen möchte. Jeder Bieter zahlt so viel, weil er sich positive Effekte für sein Geschäftsmodell verspricht, und zwar völlig egal, ob das Geschäftsmodell auf Gebühren basiert, Abos oder Werbung. Mit diesem Abschluss spielen wir in der Liga der großen Ligen mit, und dann müssen wir uns auch so eine große Liga verhalten. Man muss eine mediale Gegenleistung erbringen, und die besteht nicht darin, 90 Minuten Fußball zu spielen.

Kölner Sportjournalisten verfolgen welche Interessen?

Wer hier immer mal wieder mitliest, weiß, dass ich in Köln wohne und auch dort durchaus zu Heimatgefühlen neige. Die gehen nicht ganz so weit, dass mich Siege und Niederlagen des 1. FC Köln berühren, doch das Geschehen beim FC nehme ich als eine Art teilnehmender Beobachter durchaus wahr. Zumal das Auskosten von Siegen meines MSV gegenüber den FC-Fans unter meinen Freunden versüßt wird, wenn ich mich beim FC ein wenig auskenne.

In den letzten Wochen erhielt ich durch mein Interesse für den FC immer mehr Anlass für eine weitere Warnung vor dem Glauben, allen Sportjournalisten ginge es bei ihrer Berichterstattung um so etwas wie die vorgefundene Wirklichkeit. Einmal mehr hatte ich den Eindruck, die Sportjournalisten, in diesem Fall die des Kölner Stadt-Anzeiger, empfinden große Lust daran, die Wirklichkeit ihres Sujets mitzugestalten. Aus meinem recht nüchternen Abstand zum FC habe ich in den letzten Wochen nämlich mit immer größerer Verwunderung die Berichterstattung im Kölner Stadt-Anzeiger über den Verein gelesen. Immer heftiger wurde da eine Vertragsverlängerung mit dem FC-Trainer Frank Schaefer eingefordert, obwohl sämtliche Beteiligten, sich darauf geeinigt hatten, nach der hoffentlich erfolgreichen Verhinderung des Abstiegs über genau diesen Tatbestand erst zu reden. Niemand hatte diese Vertragsverlängerung zum Thema gemacht. Sie wurde zum Thema, als im Kölner Stadt-Anzeiger dessen Sportjournalist Karl-Heinz Wagner darüber schrieb. Karl-Heinz Wagner deutete ein sehr sachliches Interview mit dem Geschäftsführer des 1. FC Köln Claus Horstmann als mangelnde Unterstützung des erfolgreichen Trainers. Ich konnte diese mangelnde Unterstützung in dem Interview nicht erkennen, und dachte mir nichts weiter dabei. Schließlich habe ich Karl-Heinz Wagner schon häufiger über den 1. FC Köln eher polemisch schreiben gesehen als abwägend und nachdenklich.

Danach aber wurde die Geschichte weiter befeuert. Da wurde eine Finke-Äußerung zum Verhältnis von Trainer-Dasein und Religiösität im Leben von Frank Schaefer aufgegriffen und kritisiert. Kurz darauf druckte der Kölner Stadt-Anzeiger ein Interview mit Frank Schaefer ab, das auf diese Weise angetitelt wurde:

Frank Schaefer ist tief enttäuscht

FC-Trainer Frank Schaefer hat sein Bedauern darüber geäußert, dass eine öffentliche Diskussion über seinen christlichen Glauben entstanden ist. Er bezeichnete das von FC-Sportdirektor Volker Finke zitierte Thema als „menschlich schon nicht einfach“.

Wer nur diese Überschrift liest, wird einen großen Konflikt zwischen Frank Schaefer und Volker Finke vermuten. Allerdings weist  das Interview selbst mit keinem Wort Schaefers darauf hin.  „Tief enttäuscht“ ist er über Spieler seiner Mannschaft und darüber hinaus, empfindet er die öffentliche Diskussion über seinen Glauben als „menschlich schon nicht einfach“. Die Sportredaktion gibt durch Titel und Untertitel eine Deutung vor, und wer die Zeitung nur überfliegt, wird mit dieser Deutung seine Meinung bilden. Das ist ohne Frage unlauterer Journalismus.

Volker Finke mag ja sein eigenes Spiel gespielt haben, leider trägt die Sportredaktion des Kölner Stadt-Anzeigers nicht an einem Tag ihrer Berichterstattung dazu bei, dieses Spiel klarer zu umreißen. Vielmehr weckt sie beim unvoreingenommenen Leser Misstrauen gegenüber den Grundlagen der journalistischen Sportberichterstattung beim Kölner Stadt-Anzeiger.

Denn wenn ich mir nur die berichteten Fakten über den 1. FC Köln ansehe, erkenne ich die von Karl-Heinz Wagner zugespitzte Deutung des Geschehens nicht. Ich muss also zu dem Schluss kommen, entweder weiß er etwas, was er nicht schreibt, oder er verfolgt ein eigenes Interesse, zu dem er sich nicht bekennt.  Dieses banalste Interesse der Sportredaktion wäre natürlich die eine auflagensteigernde, erzählenswerte Geschichte. Unbestritten bleibt, ohne weitere Fakten gibt es keine widerspruchsfreie Geschichte des Geschehens beim 1. FC Köln. Es ist unlauterer Journalimus die Geschichte des Geschehens als widerspruchsfrei darzustellen. Das ist Meinungsmache. Das erwarte ich in einer Boulevardzeitung und nicht in einer sich seriös gebenden Lokalzeitung wie dem Kölner Stadt-Anzeiger.

Wer es mit der Leidenschaft eines Kölner Anhängers und dennoch vorhandener sachlicher Analyse noch detaillierter aufbereitet haben möchte, der lese „Geschichte wird gemacht: Die Causa Finke“ beim Spielbeobachter.

Meinungskampf auf Kölner Straßen spitzt sich zu

Für Journalisten des Kölner Express ist die BILD-Zeitung seit jeher nicht nur wirtschaftlicher Konkurrent, sondern auch Gegner im Kampf um die Meinungshoheit im Rheinland. In dieser mit Schlagzeilen geführten Auseinandersetzung verstand sich der Express als die liberalere Zeitung. Mancher schwärmte in früheren Zeiten sogar von einem linken Boulevardjournalismus. Noch heute, in den unübersichtlicher gewordenen Zeiten offenbart sich dieser Gegensatz, wie gestern wieder auf dem Titelblatt zu sehen war.

Frank Schaefer im Interview

Fußball ist ein kompliziertes Geschäft. Es gibt nebem dem Kerngeschäft, des zu trainierenden komplexen Spiels selbst, viel Arbeit drum herum. Das Auftreten in der Öffentlichkeit gehört dazu. Dabei lässt sich viel falsch machen. Ich denke da gerade nicht in erster Linie an das Verhältnis der Fußballspieler oder der Verantwortlichen zu den Zuschauern, sondern an die Wirkungen von öffentlich gesprochenen Worte in die Binnenverhältnisse das Fußballs hinein. Fußballtrainer etwa stehen bei einem Interview immer vor der Frage, was sie über ihre Arbeit sagen können, um den Erfolg dieser Arbeit nicht zu gefährden. Deshalb schätze ich Interviews mit Trainern, in denen auch die Alltagsarbeit dieses Berufs deutlich wird.  Der Trainer des 1. FC Köln Frank Schaefer hat Philipp Selldorf für die Süddeutsche Zeitung ein solches Interview gegeben. Lesenswert – auch für Menschen, die dem FC nicht so verbunden sind.

Begeistertes Köln feiert Duisburgs Pokalsieg

In Duisburg, der Stadt, wo man sich notorisch selbst unterschätzt, wird der  Einzug des MSV ins DFB-Pokalendspiel beim Halbfinale gegen den FC Energie Cottbus, wenn überhaupt wahrscheinlich nur noch leise gefeiert. Das ist in Köln, der Stadt, wo man sich notorisch selbst überschätzt, natürlich ganz anders. Dort führt  der Einzug des Nachbarstadtteils der imaginären Kees-Jaratz-Stadt-am-Rhein dem Selbstbild der Kölner gemäß noch heute zu überbordender Begeisterung. Das Feiern, so habe ich den Eindruck, wird von Stunde zu Stunde maßloser. Der Kölner, der sonst immer glaubt, alles was es gibt auf der Welt, „dat-jibbet-so-nur-nur-nur-in-Kölle“, sah am Dienstagabend nach Duisburg, erinnerte sich an ein Gebot des Rheinländers und dachte, man muss och jönne könne. Da fiere mer ewe met, und dabei hätt uns noch keiner wat vürjemaacht. Die lokalpatriotischen Kölner können aber ihre sie selbst überraschende Freude über den Sieg des MSV Duisburg natürlich nicht offen zeigen. Was für ein Glück, dass heute mit Weiberfastnacht der Straßenkarneval beginnt. So können sie sich hinter der Maske des Frohsinns verstecken und behaupten, sie ständen bei diesem sonnigen Wetter doch nur „wegen dem Brauchtum“ auf der Straße.

Doch schon im Anschluss des Spiel am Dienstag waren in der Sportredaktion des Kölner Stadt-Anzeiger die Sportjournalisten aus dem Häuschen. Anscheinend waren sie so begeistert über den Einzug des MSV Duisburg ins Pokalendspiel, dass in ihnen der Wunsch entbrannt sein muss, dieses Endspiel mit Duisburger Beteiligung unbedingt in Köln sehen zu wollen. Oder wie soll der Untertitel für den Vorbericht zum Frauenpokalfinale zwischen Turbine Potsdam und dem FFC Frankfurt gedeutet werden, das ja bekanntermaßen am 26. März in Köln stattfindet? Etwa, dass an ein Frauenpokalfinale ohne den FCR 2001 Duisburg nicht zu denken ist?

Am Nachmittag werde ich mich als Duisburgstämmiger Kölner oder Duisburger mit Kölner Wohnsitz oder Kölner mit Duisburger Wurzeln oder auch als Imi unter die feiernden Menschen begeben und vorbildhaft für ein gelungenes integriertes Leben mit beiden Kulturen und in beiden Städten werben. Ich werde die Freude über den Finaleinzug keinesfalls hinter der Maske des rheinischen Frohsinn verstecken, dennoch allerlei kölsches Liedgut lauthals mitsingen und dabei auch in diesem Jahr sämtliche FC-Jubelgesänge allerhöchstens nachsichtig summen.

Nachtrag: Ich bemerke gerade, dass der Kölner in mir manchmal ein wenig übermütig wird und ich die Duisburger Bodenhaftung verliere. „Pokalsieg“ hört sich in der Überschrift einfach gut an, selbst wenn es nur ein Halbfinal- oder Pokalspielsieg. Ich lasse das stehen und betrachte es als Aufmunterung. Diese Überschrift hat überhaupt nichts mit möglichen Folgen von verfrühten Glückwünschen zu tun.

Mal wieder kölsches Lebensgefühl

Der Kölner glaubt gerne, dass das Leben ihm grundsätzlich gewogen ist. Das ist eine sympathische Eigenschaft, mit der man in viel besserer Laune seine Tage verbringt. Von außen betrachtet wirkt dieser Grundoptimismus aber oft  wie Größenwahn und Selbstverliebtheit. Ich verstehe das. Ich bin beides:  drinnen und draußen. Kölner und Duisburger. Normalerweise. Wenn es hart auf hart geht, bin ich allerdings nur draußen. So fühlt sich das Leben eines um Integration bemühten Immigranten der ersten Generation an.

Da denke auch ich, wo bleibt euer Respekt, ihr Kölner, und ich denke, euch werden wir (!) es schon zeigen, wenn ich bei Radio Köln lese, wie dort die Meldung zur Auslosung der nächsten Runde im DFB-Pokal betitelt wird: „FC im Losglück: Zuhause gegen Duisburg“. Gerade Lokalradios sind natürlich der städtischen Identität des Standortes auf besondere Weise verbunden. Es gehört praktisch zum Geschäftsmodell, zum Selbstbewusstsein und Heimatgefühl der Hörer beizutragen.

Deshalb kann ich inzwischen wieder schmunzeln über diese Erfolgsgeschichte, die Radio Köln über den FC schreibt und bei der der MSV Duisburg ungeachtet der bis zur Auslosung erlebten Wirklichkeit benutzt wird, um gute Laune zu haben. Mit Frank Schaefer gibt es eben einen neuen Trainer, dem Kraft seiner nahezu berufslebenslangen FC-Verbundenheit die Sympathien zufliegen. Da rumpelt die von ihm übernommene Mannschaft einen Tag nach seinem Arbeitsbeginn in die nächste Pokalrunde, und am folgenden Spieltag der Bundesliga gibt es endlich auch dort eine gute Leistung, die sogar mit einem dramaturgisch perfekt inszenierten Sieg endet.  Soll dann etwa ein Gedanke an die Spielstärke des MSV Duisburg stören?  Auf keinen Fall. Die Mannschaft spielt eine Klasse tiefer, es gibt ein Heimspiel. Das reicht, um das Lebensglück eines am 1. FC Köln interessierten Menschen in diesen Tagen zu vollenden. In der übrigen Presselandschaft der Stadt Köln wurde die Pokalauslosung allerdings nicht als Sahnehäubchen des Lebensglücks benutzt.

Natürlich hätte es der 1. FC Köln schwerer treffen können. Es bleibt aber weiter ein Problem der Stadt Köln, dass Radio Köln mit der Wertung zur Pokalauslosung das Grundempfinden dieser Stadt eher widerspiegelt als die anderen Medien mit ihrer nüchternen Berichterstattung. Auch wenn der Einsturz vom Historischen Archivs der Stadt Köln im März 2009 dieses Grundempfinden beschädigt hat, bleibt die etwas zu rosige Sicht auf die Dinge im Alltag Kölns sehr lebendig. In Duisburg ist es übrigens genau umgekehrt. Die Stadt könnte etwas mehr Selbstbewusstsein vertragen. Manchmal vermisse ich dort tatsächlich das rosige Kölngefühl. Gründe für diese Farbe erlebe ich nicht nur bei meiner Arbeit rund um die Kultur in Duisburg immer wieder.

Im Moment interessiert mich dieses Pokalspiel des MSV Duisburg in Köln nicht mehr sehr. Ich weiß, ich werde es mir ansehen, vorher mit Duisburger und Kölner Freunden vielleicht ein Kölsch trinken und vor dem Stadion werden sich Wege trennen. Aber mehr lässt sich jetzt nicht sagen. Denn wie beide Mannschaften in den nächsten Wochen auftreten werden, bleibt etwas ungewisser als noch vor einer Woche. Ob der 1. FC Köln seine einmal gefundene  Stärke öfter zeigen kann, ist ebenso eine offene Frage, wie die, ob der MSV Duisburg mit der Genesung von Srdjan Baljak wieder zurückfindet zu den vor dem Spiel gegen Fortuna Düsseldorf gezeigten guten und sehr guten Leistungen.

Nach zehn Tagen Pause fast kein Wort über Fußball

Vor zehn Tagen verabschiedete ich mich in den Urlaub in der Hoffnung, nach der Pause über die abgeschlossene Personalplanung beim MSV Duisburg schreiben zu können. Diesen Faden des Fußballalltags sofort aufzunehmen ist mir nach dem Geschehen am vorletzten Samstag bei der Loveparade unmöglich. Auch wenn ich weiß, dass inzwischen unzählige Worte schon geschrieben sind, und in Duisburg sich sicherlich eine erste Ruhe nach der Katastrophe eingestellt hat, kann ich nicht einfach zur Tagesordnung übergehen in einem Blog, in dem Duisburg auch als Stadt selbst hin und wieder Thema ist.

Nach Katastrophen hilft es den Menschen in unserer durchrationalisierten Gegenwart, die Frage nach Ursachen und Schuld zu stellen. Antworten auf diese Frage suggerieren, wir Menschen haben dieses Leben eigentlich immer im Griff, und es sind immer nur Fehler einzelner, die unsere umfassende Sicherheit im Leben verhindern. Das stimmt natürlich nicht. Wir verdrängen die stets vorhandenen Gefahren in unserem Leben und wenn wir einem Unglück als Vollendung einer Gefahr begegnen, kehren die verdrängten Ängste zurück. Sie verwandeln sich in ungerichtete Aggression und sobald sich jemand als Projektionsfläche für diese Aggression anbietet, wird diese Aggression ausgelebt. Gebt uns einen Sündenbock! Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland sei Dank, war der schnell gefunden.

Adolf Sauerland war nach den ersten Nachrichten von der Katastrophe völlig überfordert und hat nicht die Größe besessen, so zu handeln, wie es sich in so einem Moment der Fassungslosigkeit und wortlos machenden Entsetzens geziemt. Ungeachtet seiner ebenfalls vorhandenen politischen Verantwortung hat er mit dem Verweis auf die Schuld der Opfer an der Katastrophe jegliche Integrität verspielt, um weiterhin Oberbürgermeister der Stadt Duisburg sein zu können. Ärgerlich ist allerdings die Berichterstattung über seine Person. Sie diente zeitweilig allein der Sensationslust eines vom Schrecken faszierten Publikums. Im Gelsenkirchen Blog gibt es dazu einen Text, der für mich das Thema „Ursache, Schuld und Verantwortung“ klug beleuchtet.

Darüber hinaus sind so viele der von den Medien zu Duisburg erzählten Geschichten an der Wirklichkeit vorbei konstruiert, indem die Motivlage um die Loveparade sehr vereinfacht wird. Ich denke, ohne Kulturhauptstadt Ruhr.2010 hätte es die Loveparade in Duisburg nicht gegeben. Fritz Pleitgen bekennt sich zu einer moralischen Schuld, weil die Loveparade in das Programm der Kulturhauptstadt hatte integriert werden sollen. Weitaus mehr in der Verantwortung sehe ich Dieter Gorny mit seinen in den Zeitungen des WAZ-Konzerns strategisch verbreiteten, drängenden Worten, als der Widerstand in Duisburg gegen die Durchführung der Loveparade noch groß war. Er befürchtete eine „Blamage“ für das gesamte Ruhrgebiet, wenn die Loveparade ausfiele. Dagegen gab es in Duisburg selbst keineswegs durchweg die Hoffnung auf einen bleibenden Imagegewinn, wie es als Motivation für die Durchführung so oft hieß. Es gab Stimmen – auch auf Verwaltungsebene und in der Politik- die allenfalls den Wert des punktuellen Ereignisses sahen.

Aber Wahrheit ist nur ein Kriterium für die Berichterstattung von Medien über das Geschehen in Duisburg. Ein anderes Kriterium ist schnelle Verständlichkeit und der eingeräumte Platz für die Berichterstattung – egal in welcher medialen Verbreitungsform. Da wird sich dann auf Duisburg konzentriert. Alte Bilder der Lebenswelt im Ruhrgebiet werden zur Illustration der Berichterstattung genommen und komplexe Prozesse des städtischen Wandels werden auf den einzigen Begriff des Imagegewinns gebracht.

In meinen Augen ist die Katastrophe selbst und die anschließende Berichterstattung über Duisburg ein einziger Beweis dafür, dass die Städte im Ruhrgebiet zusammenrücken müssen. Sollte die Umsiedlung der Loveparade nicht ein Ruhrgebietsprojekt sein? Hieß es nicht so, als an Stelle von Berlin ein neuer Veranstaltungsort gesucht wurde? Hier gibt es einen eindeutigen Beweis für den strukturellen Unterschied zwischen den Möglichkeiten der Ruhrmetropole oder wie auch immer man das nennen soll und den einzelnen Städten. Wer das Ruhrgebiet im Mund führt, muss auch  Organisationsstrukturen schaffen, die dem entsprechen. Das Still-Leben Ruhrschnellweg war auch deshalb ein so großer Erfolg, weil das Ruhrgebiet als Ganzes gemeint war, und es nicht nur beim Lippenbekenntnis zur Einheit der Städtelandschaft blieb.

Wenn nun Trostlosigkeit als Klischee zur Beschreibung Duisburgs eine zeitlang wieder populär sein wird, liegt das an dem sinngebenden Erzählmuster für das Geschehen. Das Klischee zur Loveparade heißt jugendliche Lebensfreude. So lässt sich mit dem Gegensatzpaar eine Geschichte der Selbstüberschätzung erzählen. Diese Trostlosigkeit wird durch die Dramaturgie dieser populären Erzählung verlangt. Natürlich ist die Wirklichkeit umfassender.

Viele Duisburger fühlen ihre Stadt nicht angemessen beschrieben. Und wer sich in Duisburg mit den Funktionsweisen von Kommunikation in medialen Zusammenhängen auskennt, will, wie hier beim Hafenmeister, die eigenen professionellen Möglichkeiten nutzen, diesem öffentlichen Bild Duisburgs in den letzten Tagen etwas entgegenzusetzen. Es soll im Netz Raum geschaffen werden, das Geschehen zu verarbeiten. Skeptisch bin ich allerdings bei dem dort erkennbaren, verständlichen Wunsch, gegenüber den düsteren Bildern von Duisburg eine Öffentlichkeit auch für die andere Lebenswirklichkeit der Stadt zu schaffen. Ohne Anschluss an den Ruhrgebietsgedanken halte ich das Anliegen für einen Kampf gegen Windmühlenflügel. Hätte das gesamte Ruhrgebiet hinter der Loveparade gestanden, wäre die Geschichte vom vergeblichen Versuch, die Trostlosigkeit zu überwinden, schon nicht mehr so einfach zu erzählen gewesen. Mich wird das Spannungsverhältnis zwischen Stadtidentität und Ruhrgebiet weiter beschäftigen. An anderer Stelle.

Irgendwann kehren die Gedanken dann wieder in den Alltag zurück. Beim MSV Duisburg etwa sind die Personalplanungen doch noch nicht abgeschlossen. Auf den Mittelfeldspieler warten wir noch. Stefan Maierhofer lässt mich derweil manchmal an hohe und weite Pässe denken, auch wenn ich von Kennern seiner Spielweise zu lesen bekam, dass er eher ein spielerisch gutes Team braucht, um wirkungsvoll zu sein. Damit kann doch nur ein kontrollierter Ballvortrag gemeint sein? Nur noch eine Woche bis zum ersten Pflichtspiel, und in so vielen Vereinen fehlen noch die gewünschten Spieler für die kommende Spielzeit. Früher war das anders. Ich glaube, das habe ich neulich schon mal geschrieben. Auch dazu an anderer Stelle mehr.


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