Posts Tagged 'Meiderich'

Discofoot – Eine Fußballverirrung aus Frankreich

Die Fußball-WM ist nah. Zeit für Verirrungen, wenn die Kunst sich des Fußballs annimmt. Discofoot heißt der Unsinn, und er kommt aus Frankreich. Zur EM vor zwei Jahren hatte das Projekt des CCN Ballet de Lorraine seine Premiere. Nun ist es wieder hervorgekramt worden.

Wenn Tänzerinnen und Tänzer neben ihren tänzerischen Möglichkeiten kein anderes sportliches Talent haben, kommt mir sofort der Sportunterricht in unteren Klassen während der 1970er Jahre in den Sinn. Wenn es hieß, was machen wir heute?, hieß die Antwort, Fußball spielen. Das war dann für viele, egal ob Mädchen oder Jungen, ein Wir-tun-so-als-ob. Zu sehen waren komische Tritte in die Luft, mit dem Ball rennen, der immer wegspringt, irritierende Ausweichbewegungen aus Angst vor Ball und Mitspielern. Trotz aller Gender-Debatten der Gegenwart muss ich auch das noch sagen: ausschließlich die Mädchen versuchten beim Einwurf den Ball auf eine merkwürdige Weise von hinter dem Kopf direkt vor die eigene Füße zu werfen. Ball und Körper waren sich überall immer wieder fremd. Nur goldene Sporthosen hatten wir damals noch nicht.

So erinnert mich der Clip unten an meine Schulzeit. Aber Discofoot hat ja einen künstlerischen Anspruch. Das hat sich der  kürzlich verstorbene Klaus Quinkert sicher nicht gedacht. Der Fußballtrainer war gar kein Sportlehrer am Meidericher Max-Planck-Gymnasium. Er war ein Choreograf und bereitete seine Schüler langfristig auf die Karriere im künstlerisch hervorgehobenen Modesport der Zukunft vor, dem Discofoot.

Hier erklärt der Macher vor zwei Jahren im Interview das Projekt. FSK 0, aber Bewegtbild im franzöischen Original.

Im offiziellen Video des Balletts wirkt das Ganze wegen der schnellen Schnitte weniger deplatziert.

DISCOFOOT from CCN Ballet de Lorraine on Vimeo.

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Der Duisburger Gerd Hennig – Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter – Folge 13

Vor einiger Zeit habe ich begonnen, die Erinnerungen von FIFA-Schiedsrichter Gerd Hennig zu sichten. “Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter” hat Gerd Hennig diese Erinnerungen genannt, die ich nach und nach bearbeite und hier in loser Folge veröffentliche.

Heute geht es um Prominentenspiele unter der Leitung von Gerd Hennig.


Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter – Folge 13
Von Gerd Hennig
Herausgegeben und bearbeitet von Kees Jaratz

Nach der Leitung des Endspiels bei der Studenten-WM 1982 in Mexiko beendete ich meine offizielle Schiedsrichterlaufbahn. Von da an konnte ich meiner zweiten Leidenschaft, dem Laufsport, fast meine ganze Freizeit widmen. Mehrmals in der Woche machte ich meine Dauerläufe. Ich begann direkt an der Haustür, lief über den Kaiserberg durch den Mülheimer Wald bis in den Kurpark Raffelberg in Mülheim und zurück. Das war in etwa zwei bis zweieinhalb Stunden zu bewältigen.

Auch wenn ich nicht mehr offizieller DFB-Schiedsrichter war, erreichten mich zwischendurch immer wieder Anrufe mit der Bitte, Prominentenspielen zu pfeifen. Letztlich konnte ich das nicht immer ablehnen, vielleicht wurde ich aber einfach nur schwach bei der Vorstellung, wieder einmal eine Spielleitung zu übernehmen. Zum Beispiel leitete ich das Spiel der Uwe-Seeler-Truppe, in der unter anderem auch Franz Beckenbauer spielte gegen eine Revier-Auswahl mit bekannten Spielern aus verschiedenen westdeutschen Vereinen im ländlichen Hünxe bei Dinslaken. Der STV Hünxe hatte dieses Spiel ganz groß ausgerichtet. Es folgte eine Einladung des Meidericher Tennisclubs 03, der zu seinem 80. Jubiläum die Les Humphries Singers als Gegner im Fußball zur Westender Straße in Meiderich verpflichtet.

Kurz danach hatte die Traditionsmannschaft des  Meidericher SV eine Auswahl des Westdeutschen Rundfunks eingeladen. Gespielt wurde ebenfalls an der Westerender Straße. Bei dem Spiel kam in der Halbzeitpause der damals bekannte WDR-Sportreporter Ernst Huberty zu mir. Er war bei seiner Mannschaft im Sturm eingesetzt und sagte: „Wenn Sie nach dem Wechsel gegen meinen Gegenspieler Danzberg nicht energisch einschreiten, werde ich ohne Abmeldung den Platz verlassen. Denn meine Gesundheit ist mir wichtiger!“ Vor dem Wiederanpfiff nahm Dieter Danzberg zur Seite. „Pitter“ wurde er allgemein gerufen. Ich bat ihn höflich, seine oft etwas zu rustikale Spielweise zu „drosseln“. Er hielt sich an meine Bitte und die an sich faire Partie endete 3 zu 3. Bei der gemütlichen dritten Halbzeit im MSV-Clubhaus saßen wir dann zu dritt bei „Burger“ Hetzel an der Theke. Beim gemütlichen Bierchen ließen wir lachend das Geschehen noch einmal Revue passieren ließen. So schön kann eben Fußball sein!

Unvergessen sind auch die regelmäßig ausgetragenen Duelle der Alten Herren vom MTV Union Hamborn 02 und der SG Wattenscheid 09, bei denen sich die beiden ehrgeizigen Kontrahenten Helmut Bigalke bei Hamborn und Klaus Steilmann, der Vereinspräsident und Mäzen von Wattenscheid gegenüberstanden. Das Spiel der Wattenscheider endete stets damit, dass die Mitspieler, dass die Mitspieler ihrem „Boss“ den Ball präzise für den Torschuss servierten. Der Torjubel war dann nur Formsache. Wattenscheids Siege wurde dafür aber anscließend im UNION-Eigenheim von allen Anwesenden gebührend und lautstark auf Kosten des glücklichen Torschützen gefeiert.

Abschließend wurde mir auf Wunsch von Bernard Dietz die Leitung seines Abschiedspiels zwischen den Nationalmannschaften von 1980 u. 1988 übertragen. Dieses Spiel fand am 10. Mai 1988 im ausverkauften Wedau-Stadion statt und war vom DFB und dem MSV Duisburg organisiert worden war. Ein unvergessliches Erlebnis und eine stets bleibende Erinnerung !

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Akzente inoffiziell: Meiderich – Auffe Basaastraße

Ich war schon Ende 20, als mich meine Frau, die damals noch meine Freundin war, endlich aufklärte. Ich hatte nicht gewusst, dass es zweierlei Sorten Menschen gibt: Meidericher und den Rest da draußen in Deutschland. Für letztere heißen Geschäftsstraßen mit eingeschränktem Autoverkehr Fußgängerzonen. Für einen Meidericher aber heißt so eine Straße „Basaastraße“.

Wie es sich für eine vernünftige Aufklärung gehört, wollte ich von der Wahrheit nichts wissen. Empört begann ich Freunde aus allen Teilen Deutschlands um mich herum zu befragen, ob sie nicht auch „Basarstraße“ kennen. Was soll ich sagen, meine Frau, die damals noch meine Freundin war, hatte recht. Niemand meiner Freunde verstand mich, geschweige denn jemand anderer in Köln, wenn ich ihm erzählte, ich wolle mal eben zur Basarstraße. Ich meinte die Schildergasse. Jeder hatte mir zwar immer freundlich zugenickt, doch mir begann zu dämmern, das war gar nicht freundlich gemeint. Ich wurde nachsichtig und begütigend angelächelt, aus Vorsicht.

Die dachten, red du mal, träum du von deinem Orient in Deutschland, wir wollen keinen Streit. Das wächst sich aus. So junge Menschen haben schon mal spinnerte Gedanken. Es gab die rotgekleideten geschäftstüchtigen Bhagwans, linke Politsekten aller Radikalitäten, Nicaragua-Komitees, Frauengruppen für eine Welt ohne Männer. Und dann gab es dann eben noch einen, der die Kultur des Orients dem deutschen Alltag überstülpte, völlig normal. Was hätten sie alle über die Welt in Meiderich gestaunt. Da ging jeder mal eben auffe Basaastraße, um bei Tchibo nen Kaffee zu trinken, bei Pauly Brötchen zu holen oder bei Thummes wat Wuast.

 

Auffe Basaastraße

Ich lebe mein Leben, egal, wo ich wohne, immer noch ohne Fußgängerzone.
Geschäftsstraßen ohne Autoverkehr bringen mir Meiderichs Basarstraße her.

 

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Halbzeitpausengespräch – erster Teil: Brandschutz und Park-Kult-Tour

Vorletztes Wochenende sprachen Gerhard Polt und Michael Well vor der Premiere ihres neuen Bühnenprogramms Ekzem Homo mit der Süddeutschen Zeitung. Es war ein langes Gespräch (online ist es frei nicht zu lesen), in dem Gerhard Polt betont, dass es in dem Programm nicht um aktuelle politische Themen, um die Aktualität ginge, sondern um das „Akute“.  Das sei nach wie vor der Mensch, der dem Mensch ein Mensch ist.

Well fügt aber hinzu, mit den „Gstanzln“ könnten sie immer schnell etwas einbeziehen. Da käme auch das Thema Steuern vor. „Und Brandschutz“, merkt Well an, „da machen wir wir eine Feuerwehrschul-Nummer.“ Erstaunte Rückfrage: „Brandschutz?“ Wieder Well: „Das ist mittlerweile, seit Duisburg, der größte Kulturkiller in Deutschland.“

Seit gestern Abend macht die Nachricht die Runde: Mit Park-Kult-Tour 2015 gibt es ein weiteres Opfer. Das Meidericher Open-Air-Festival fällt dieses Jahr aus. Wer die Stellungnahme der Stadt im O-Ton lesen möchte, klickt zu Duisburg365.de weiter. Gerhard Polt und Michael Well könnte die Nachricht gefallen, nicht inhaltlich, alleine aus der Autorenperspektive betrachtet.  Das Gstanzl könnte mit einer zusätzlichen Duisburg-Strophe vielleicht eine vollkommene, runde Form finden.

 

 

Der Duisburger Gerd Hennig – Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter – Folge 7

Vor einiger Zeit habe ich begonnen, die Erinnerungen von FIFA-Schiedsrichter Gerd Hennig zu sichten. “Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter” hat Gerd Hennig diese Erinnerungen genannt, die ich nach und nach bearbeite und hier in loser Folge veröffentliche.

Heute geht es um das Ende des Zweiten Weltkriegs und wie der mit seiner Mutter nach Süddeutschland evakuierte Gerd Hennig zurück nach Duisburg gelangte.


Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter – Folge 7
Von Gerd Hennig
Herausgegeben und bearbeitet von Kees Jaratz

Gailingen liegt am  am wunderschönen Hochrhein zwischen Bodensee und dem Rheinfall bei Schaffhausen. In diesem Ort hatten  meine Mutter und ich zum Ende des Krieges dank der Hilfe meiner schon dort lebenden Schwester gewohnt, nachdem wir in Meiderich ausgebombt worden waren. Die Rückkehr nach Meiderich aus der von uns gewählten Selbstevakuierung nach Gailingen wurde zu einem strapaziösen Abenteuer und vollzog sich in zwei Etappen.

Von Gailingen aus war es nach dem Kriegsende zunächst zu meiner Schwester nach Singen am Hohentwiel gegangen. Sie  bewohnte dort mit ihrem aus Siebenbürgen gebürtigen Ehemann Wilhelm und zwei zwischenzeitlich zur Welt gekommenen Töchtern Hilde und Brigitte eine bescheidene 3-Zimmer-Wohnung. Von dort aus wollten wir die Reise antreiten. In jener Zeit ohne Auto und geregelten Zugverkehr benötigte man gute Beziehungen, um zumindest auf Güterzügen mitgenoemmen zu werden. Mein Schwager konnte so einen Kontakt herstellen und brachte uns in einer Nacht- und Nebelaktion auf den Güterbahnhof Singen. Dort bestiegen wir einen geschlossenen Waggon, um nach Stuttgart-Kornwestheim aufzubrechen. Zwei Tage und Nächte dauerte die Fahrt zu dem zentralen Güterbahnhof für den süddeutschen Raum. Dort wurden die Züge für andere Regionen zusammengestellt.

Als wir in Kornwestheim ankamen, wurden wir von einer Familie Spielvogel mit Leiterwagen abgeholt. Wir waren dank nachbarschaftlicher Freundschaft an sie weitergeleitet worden. Unser verbliebenes Habe an Leib- und Körperwäsche passte in zwei große Koffer. Für drei Nächte blieben wir bei der Familie in ihrem geretteten Einfamilienhaus. In dieser kurzen Zeit hatte meine Mutter eine Putzstelle angenommen. Währenddessen schlenderte ich tagsüber durch die Innenstadt Stuttgarts und sammelte weggeworfene Zigarettenkippen auf. Am Abend pulten wir sie gemeinsam auseinander. Den dadurch gewonnenen Tabak tauschten wir am nächsten Tag auf dem heftig blühenden Schwarzmarkt gegen lebenswichtige Produkte und Erzeugnisse ein.

Die nächste Etappe unserer „Odyssee“ begann, als unser Gastgeber und Hausherr durch seine beruflichen Verbindungen herausbekam, dass am nächsten Sonnabend ein Güterzug in den damaligen „Goldenen Westen“ zusammengestellt wurde. Zur Weiterfahrt war der für uns ideal, obgleich dieses Mal nur offenene Wagen zur Verfügung standen. Letztendlich war uns das egal. Wir bestiegen einen Waggon, die Fahrt begann. Unzählige Male wurde auf der Fahrt umrangiert, ehe der Zug im Westen ankam.

Nachdem wir an einem Güterbahnhof ausgestiegen waren, ging es zu Fuß weiter. Am Montagfrüh erreichten wir die Kanalbrücke in Duisburg-Meiderich an der Koopmannstraße.  Sie war allerdings gesprengt worden, weshalb wir den Rhein-Herne-Kanal mit unseren zwei Koffern auf einem schwankenden, schmalen Holzsteg überqueren mussten. Auf der Bügelstraße nahm uns mein Onkel Fritz in Empfang. Er hatte einen grünen Holzkarren dabei, auf den wir unsere zwei Koffer stellten. Durch die menschenleeren Straßen geleitete er uns zur Hausnummer 62, wo er die eine Hälfte eines alten, ehemaligen Bergmanns-Häuschens alleine bewohnte. Dort konnten wir erst einmal bleiben, weil er sich auf einen Bauernhof nach Hünxe zurück gezogen hatte und nur am Monatsende zum Abholen seiner Bahnrente in Ruhrort zu einem Kurzbesuchen kommen wollte. Das störte uns nicht weiter, denn jetzt hatten wir wieder ein Dach über dem Kopf in der Heimat.

Ich musste dann zwar mein eigenes Zimmer gegen das Sofa im Wohnzimmer eintauschen, doch das war gegenüber fünf Nächten auf Güterwaggons der reine Luxus. Auch spielte es keine Rolle, dass die Fensterscheiben durch die Gläser alter Bilderrahmen zusammengestückelt werden mussten und durch genagelte schmale Holzleisten zu befestigen waren. Fensterkitt war nicht aufzutreiben. Alle Fenster wurden mit jeweils zwei grünen Holzblenden gesichert, denn die heute üblichen Rolläden gab es noch nicht oder waren nicht erschwinglich. Um Lebensmittel zu erhalten, wurden farblich unterschiedliche Karten vom Einwohnermeldeamt ausgegeben. Die Anzahl der zum betreffenden Haushalt gehörenden Personen bestimmte die Menge. Lebensmittel waren streng rationiert.

Gekauft wurde bei Caspers Trina auf der Talbahnstraße, die mit ihrer sehr korrekten Verkäuferin Mathilde einen alteingesessenen „Tante-Emma-Laden“ betrieb. Supermärkte oder Einkaufszentren gab es nicht. Zum Monatsende konnte man bei ihr noch „anschreiben“ lassen und die offen stehende Summe Geld erst nach der Lohn- oder Gehaltszahlung begleichen. So hatte diese Zeit auch gewisse Vorteile!

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Der Duisburger Gerd Hennig – Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter – Folge 5

Vor einiger Zeit habe ich begonnen, die Erinnerungen von FIFA-Schiedsrichter Gerd Hennig zu sichten. “Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter” hat Gerd Hennig diese Erinnerungen genannt, die ich nach und nach bearbeite und hier in loser Folge veröffentliche.

Heute geht es nicht um den Schiedsrichter Gerd Hennig, sondern um dessen Kindheit und das Leben während des Zweiten Weltkriegs.


Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter – Folge 5
Von Gerd Hennig
Herausgegeben und bearbeitet von Kees Jaratz

Am 24. April 1935 wurde ich als Sohn des Büroangestellten Otto Hennig und seiner Ehefrau Margaretha auf der Stolzestraße 10 im Duisburger Stadtteil Mittelmeiderich geboren. Meine Eltern waren Jahrgang 1902, und meine Mutter hieß mit Mädchennamen Stratenwerth. 1924 schon war meine ältere Schwester Hildegard zur Welt gekommen. Wir bewohnten in der 2. Etage des Hauses auf der Stolzestraße eine 5-Zimmer-Wohnung, eine für damalige Verhältnisse ungewöhnlich große Wohnung.

Ein normaler Tagesablauf sah damals folgendermaßen aus: Mein Vater verließ bereits gegen 7.30 Uhr das Haus, um zu Fuß seinen nahe gelegen Arbeitsplatz bei einem ansässigen Betrieb der Zinkverarbeitung  zu erreichen. In der Kantine dort aß er zu Mittag. Gegen 18.30 Uhr kam er auf direktem Weg in die Wohnung zurück. Meine Mutter blieb, was seinerzeit normal war, ohne Beruf und versorgte zusammen mit meiner Schwester den gesamten Haushalt. Meine Schwester fand in ihrem jungen Alter damals selbstverständlich keine geeignete Lehrstelle, so dass sie meiner Mutter hilfreich zur Seite stand. Denn das Einkaufen, die Zubereitung der üblichen drei Mahlzeiten sowie die Reinhaltung der mit vielen Fenstern und Türen bestückten Wohnung war sehr aufwändig.

Ich, als kleines Kind, spielte nur innerhalb der eigenen Wände mit einfachem Spielzeug wie Kochtöpfen mit Holzlöffeln und Stampfern oder malte in einem Malbuch mit Buntstiften. Das Spielen auf der Straße war wegen möglicher Gefahren auf Geheiß meiner strengen Mutter absolut verboten. Sie trug für die Erziehung der Kinder die alleinige Verantwortung, da mein Vater fast immer abwesend war und nur selten eingreifen konnte. So spielte sich das ganze Familienleben in der meisten Zeit nur daheim statt, zumal freundschaftliche Begegnungen mit Nachbarn sowie Verwandten und Bekannten kaum stattfanden. Das Familienleben war dementsprechend eintönig.

So freute ich mich schon früh auf den April 1941. Von da an durfte ich als Sechsjähriger die nahegelegene Volksschule an der Stolzestraße besuchen. Meine Schwester hatte mich durch häusliches Vorschulen bereits bestens vorbereitet, so dass ich mit dem Unterricht keinerlei Schwierigkeiten hatte. Weil ich in den geforderten Fächern glänzende Zensuren erhielt, war eine Versetzung in die nächsthöhere Klasse nie infrage gestellt. Auch bei den früher so wichtigen drei Kopfnoten „Führung und Haltung“, „Allgemeines Betragen“ sowie „Beteiligung am Unterricht“ gab es nie Schwierigkeiten. Der Fußball spielte damals noch keine Rolle in meinem Leben, weil auf dem großen Schulhof ein Fußballverbot gab.

Der Krieg bestimmte schon lange unser Leben. In dieser Zeit nahmen die Luftangriffe immer mehr zu. Schließlich wurde unsere Wohnung durch den Einschlag mehrerer Luftminen in die Gärten zwischen Stolze- und Gabelsbergerstraße fast restlos zerstört. Mit den wenigen verbliebenen Resten unseres Besitzes kamen wir zunächst in der zufällig leer gewordenen Wohnung einer Familie Lankhoff, schräg gegenüber liegend, unter. Das war aber nur von kurzer Dauer, weil auch auch diese Behelfswohnung nach dem Abwurf von Brandbomben ausbrannte. So sollten wir zwangsevakuiert werden. Meine Schwester konnte das verhindern, weil sie kurzfristig eine Stellung im Haushalt der Unternehmerfamilie Reinhold, auf der Kardinal-Gahlen-Straße in der Duisburger Stadtmitte, angenommen hatte. Diese Familie verfügte mit der „Villa Alpenblick“ über einen zweiten Wohnsitz in Gailingen am Hochrhein. Meine Schwester arbeitete dort bereits. Auf ihren Wunsch konnten meine Mutter und ich nachkommen. Mein Vater war seinerzeit als Soldat beim Bodenpersonal der Luftwaffe. Von da an war eine Dachgeschosswohnung mit 3 Räumen unser zu Hause.

In Gailingen besuchte ich nach Bezug unseres neuen Domizils sogleich die konfessionsfreie Volksschule in der Ortsmitte. Zwanzig Minuten dauerte es dorthin zu laufen. Ein Fräulein Mayer war die Lehrerin, die den Stoff für alle Klassen und Stufen über den gesamten Tag hinweg den Schülerinnen und Schüler vermitteln musste. Sport war dabei nicht vorgesehen, weil stattdessen die von der Hitlerjugend zwangsweise angeordnete Körperertüchtigungen den Vorzug erhielten. Wieder war von Fußball nie die Rede.

Unser einziges Spielzeug dort war der sogenannte „Bensel“, der aus einem ausrangierten Fahrrad entnommmenen war. Dieser „Bensel“ war eine blanke Felge,  ohne Speichen und Nabe, die mit einem kurzen Holzstab in alle Richtungen von uns bewegt wurde. Auf der harten Dorfstraße machten wir dann allerlei Wettrennen mit dem „Bensel“. Nach Schulschluß konnten mich zum Leidwesen von Mutter und Schwester die zweifellos vorhandenen Annehmlichkeiten im Umfeld der hochherrschaftlichen „Villa Alpenblick“ nicht reizen. Mich zog es zu der etwa 300 Meter weiter wohnenden kinderreiche. Sie lebten in einer dürftigen, kleinen Holzbehausung. Von dort aus fuhr der  Vater Stefan jeden Morgen mit dem Fahrrad 15 Kilometer zu seiner Arbeitsstelle bei den FAHR-Landmaschinenfabriken. Die Mutter Maria blieb zu Hause und kochte an jedem Tag einen Kessel Kartoffeln für ihre fünf Kinder und mich. Dieser Kleinbauernbetrieb mit Hühnern und Puten war  mein Leben und ließ mich die komfortablere Vorteile in der Villa vergessen – auch wenn mich meine Mutter nach der Heimkehr am Abend mit gesammeltem Obst und Beeren aus der freien Natur verwöhnte.

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Halbzeitpausengespräch: Die Buchmesse schätzt Finnland und Finnland den lachenden Vagabund

Manchmal denke ich an Meiderich und habe plötzlich ein Geschehen vor Augen, das es nie gegeben hat. Ich sehe den in Duisburg geborenen und aufgewachsenen Fred Bertelmann, wie er bei Sonnenschein mitten auf der Bahnhofstraße läuft und dabei seinen „lachenden Vagabund“ singt. Keine Autos fahren, und im nächsten Moment stutze ich immer, nicht weil ich so einen Quatsch denke, sondern weil sich niemand zu ihm gesellt. In meiner Pseudo-Erinnerung ist Fred Bertelmann ein einsamer Sänger, obwohl normalerweise auf dem Weg von der evangelischen Kirche bis zur Ecke Westender Straße immer mehr Meidericher lachend mit ihm laufen sollten. Denn gerade in den 1950er Jahren, der Karrierehochzeit von Fred Bertelmann, liefen die Menschen in den Dörfern und Städten Europas zusammen, weil ständig jemand singend in ihre kleine Welt kam. Zumindest kommt es mir so vor, wenn ich an die Filme meiner Kindheit denke.

All das ging mir gestern Abend mangels Fußballprominenz auf der Buchmesse durch den Kopf. Vielleicht kommen sie noch, vielleicht habe ich jemanden verpasst. Aber irgendwen verpasst man dort ja immer. Nur Finnland als Partnerland der Buchmesse war nicht zu verpassen, und deshalb ging mir Fred Bertelmann nicht mehr aus dem Kopf, weil sich die traurigen Finnen mit dem lachenden Vagabund etwas Heiterkeit ins Land geholt haben. Auf finnisch heißt das Lied anscheinend „Naurava kulkuri“, und wenn der Schauspieler Vesa-Matti Loiri es singt, lacht der Saal. Ich höre den Finnen gerne dabei zu, wenn sie so viel mehr Buchstaben in Wörtern unterbringen, als ich überhaupt kenne. So verbindet sich meine Meiderich-Erinnerung auf das wunderbarste mit exotischem Hörgenuss.


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