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Kees Jaratz warnt vor Suchtgefahr – Trailer: Von Anfang bis Westende – Meidericher Vizemeister

Nicht dass ihr diesen Trailer zu der Dokumentation „Von Anfang bis Westende – Meidericher Vizemeister“ nun als Endlosschleife laufen lasst. Deshalb warne ich euch: Suchtgefahr! Ihr müsst euren Alltag bis Ende April einigermaßen auf die Reihe kriegen. Erst dann erscheint die DVD  „Von Anfang bis Westende – Meidericher Vizemeister“, jener Fußballdokumentation von Kristian Lütjens, Matthias Knorr und Michael Wildberg, die am Sonntag Premiere hatte und zu der ich gestern ein paar begeisterte Worte geschrieben habe. Bis Ende April müsst ihr noch arbeiten, Kinder versorgen, einkaufen oder zur  Schule gehen, den ganzen normalen Kram eben, der für einen sein persönliches Leben ausmacht. Also passt bloß auf, wenn ihr euch nun anguckt, wie „Hennes“ Sabath darüber ins Philosophieren kommt, ob die Mannschaft damals überhaupt einen Trainer gebraucht hat. Ihr könnt nicht aufhören, „Hennes Sabath“ zuzuhören.

Von Anfang bis Westende – Ein wunderbarer Dokumentarfilm über die „Meidericher Vizemeister“

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Michael Wildberg, Matthias „Matze“ Knorr, Kristian „Luette“ Lütjens (v. l.)

Schon mit einer Begrüßung lässt sich, wenn auch unbeabsichtigt, eine Zeit lebendig machen, die weit zurückliegt und die für den MSV Duisburg überaus erfolgreich war. „Liebe Damen und liebe Fußballfreunde“, so begann der 87jährige Rudi Gutendorf im Duisburger filmforum seinen Gruß ans Publikum, das auf die Premiere des Dokumentarfilms Von Anfang bis WestendeMeiderich Vizemeister wartete. Mit diesen Worten stellten sich die Bilder einer Zeit ein, in der Fußball vornehmlich Männersache war, in der Frauen ihr Haar hochtoupiert trugen und  in der der deutsche Fußballmeister zum ersten Mal in der Bundesliga ausgespielt wurde. Den Jüngeren muss man es wahrscheinlich erzählen. Rudi Gutendorf war Trainer dieser Vizemeister der ersten Bundesligasaison 1963/64, denen Kristian Lütjens, Matthias Knorr und Michael Wildberg ein filmisches Denkmal gesetzt haben.

Das filmforum war ein würdiger Ort, um diesen wunderbaren Film zum ersten Mal zu zeigen. Und es ist zu hoffen, dass die drei Filmemacher Kristian Lütjens, Matthias Knorr und Michael Wildberg zusammen mit Kai Gottlob vom filmforum die Lizenzprobleme um die alten TV-Fußballberichte des Films so lösen können, dass zum demnächst anstehenden DVD-Verkauf zusätzlich öffentliche Vorstellungen dieses Dokumentarfilms möglich werden. Das Kino schafft immer noch eine so besondere Atmosphäre, die nicht vergleichbar ist mit dem heimischen Wohnzimmer, so groß die TV-Bildschirme inzwischen auch sind, so machtvoll die Soundsystem den Ton heute auch transportieren. Zweifellos würde solch ein Kinobesuch für jeden Zuschauer mit  Interesse am MSV Duisburg im Besonderen oder am Fußball sowie der Geschichte des Ruhrgebiets im Allgemeinen zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Mit der Chronik der ersten Bundesligasaison sowie deren Vorgeschichte in den letzten Wochen der Qualifikation für die Bundesliga ist der erzählerische Rahmen vorgegeben. Doch wäre dieser Film nicht so berührend geworden, wenn mit ihm nur an den sportlichen Erfolg hätte erinnert werden sollen. Der Weg zum sportliche Erfolg ist die Zeitmaschine, die uns den Anfang der 1960er Jahre und die Lebenswirklichkeit der damaligen Spieler lebendig macht. Diese Fußballdokumentation erzählt zugleich Stadt- und Ruhrgebietsgeschichte. Sie offenbart Mentalität der Vergangenheit. Sie liefert unzählige Facetten, mit denen wir einen Begriff davon bekommen, was das Leben damals ausgemacht  hat. Das sind die Arbeitsverhältnisse der Fußballer damals, die Vorteile, die sie selbstverständlich auch hatten, die gemeinsame Meidericher Herkunft oder die etwas andere Perspektive auf den Fußball, die sich im Erzählen ihrer Frauen ergibt.

Günter Preuß, Horst Gecks und Michael Bella seien beispielhaft für diese Farbe des Films erwähnt. Allesamt erzählen lebendig und detailliert, geben Einblick in Gefühle und lassen so ahnen, welch Vertrauen sie zu den Filmemachern besessen haben. Dieser Blick auf die Vergangenheit bietet schon viel, doch wird er angereichert mit Erinnerungen voller Komik, an denen vor allem „Hennes“ Sabath und Werner „Lölle“ Lotz ihren Spaß haben. Beide sind pointensichere Erzähler, in deren Sprechen das bodenständige Ruhrgebiet ein großes Schaulaufen feiert. Der eine, Lotz, lauert mit dem Schalk in den Augen auf die nächst mögliche Pointe, der andere, mehr der Vertreter des lakonischen Humors, hat immer noch als Held von damals das Geschehen fest im Griff.

Sucht man nach der filmischen Qualität, zeigt sie sich zunächst in Kristian Lütjens Gespür für den Rhythmus beim Schnitt. Die Abfolge von komischen Momenten, von notwendiger sachlicher Information durch eingeblendete Spielberichte, TV-Ausschnitte alter Spiele und der sachlichen, nicht minder lebendig erzählten Vergangenheit lässt niemals Langeweile aufkommen. Außerdem weiß er um die Bedeutung stimmungsvoller Bilder vom Duisburg der Gegenwart, die er zusammen mit Matthias Knorr eingefangen hat. Michael Wildberg verantwortete Interviews und Redaktion. Nicht zu vergessen sind noch Los Placebos, die mit ihren musikalischen Wurzeln im Ska einen schmissigen Soundtrack geschaffen haben.

Von Anfang bis Westende – Meidericher Vizemeister steckt voller Gefühl, ohne sentimental zu sein. Der trockene Humor, die bodenständige Lakonie des  Ruhrpotts steht der vollkommenen Verklärung der Vergangenheit entgegen. Und bei allen schönem Erinnern gibt es dennoch die Hinweise auf mögliche Konflikte, auf widerstreitende Interessen, auf Unmut, den es auch damals schon gegeben hat. Liebe Damen und liebe Fußballfreunde, eins aber muss ich euch leider zum Ende hin auch noch sagen. So sehr ihr nun diesen Film sofort sehen wollt, jetzt heißt es warten. Erst Ende April wird die DVD im Fanshop erhältlich sein. Bis dahin freut euch schon mal vor!

 

 

 

 

„Tradition ist nicht das Anbeten der Asche“ – Wildberg und Jaratz im Gespräch – Teil 2

„Der Kapitän der Zebras“, die Erinnerungen von Günter Preuß, waren Michael Wildberg und mir Anlass zu einem Gespräch. Nachdem es in dem Teil des Gesprächs gestern über das Buch und die Mannschaft des MSV Duisburg in der ersten Bundesligasaison ging, richteten wir unser Augenwerk in dem zweiten Teil des Gesprächs auf das Schlagwort Tradition, das in so vielen Diskussionen über den Fußball der Gegenwart zu einem Wert an sich geworden ist. Abstrakt bleibt das nicht, schließlich geht es uns gerade bei so einem wichtigen Thema immer auch um  den MSV.

Kees Jaratz: Wenn du die erfolgreiche erste Bundesligasaison des MSV Duisburg ins Feld führst: Was drückt sich für dich in dieser Betonung der Tradition des Vereins aus? Stichwort Gegenmodell in der Fußballindustrie? Mal provokant gefragt: Ist die Betonung von Tradition nicht längst schon ein vom Unterhaltungsbetrieb gern genommener Werbeclaim, um die Kundenbindung zu erhöhen? Wo gibt es Trennschärfe zwischen dem, was wir Anhänger uns ersehnen und dem, was die Fußballunternehmen als leere Hülle anbieten?

Michael Wildberg: Boar, jetzt wird’s wackelig. Wir könnten jetzt das ganze Fass von Wirtschaft und Fußball, von Unterhaltung und Fankultur, von Event-Fans und Ultras aufmachen. Dieses Gegensatzpaar von Tradition und Moderne ist komplex und paradox, ich kann es dir aber mal von meinem Leuchtturm aus erklären, also was so meine Antriebskraft in Bezug auf Tradition ist. Ich hatte mich vor etwas mehr als drei Jahren mal mit einem Mitarbeiter des MSV getroffen, der erzählte, wie er mal über die Geschäftsstelle lief und sich den spontanen Spaß erlaubte, mal jeden der Mitarbeiter zu fragen, mit welchen drei Stichpunkten er den MSV beschreiben würde. Die meisten kamen ab dem zweiten Punkt ins Stocken, drei bekam überhaupt keiner hin. Für mich war das in jenen Jahren logisch, wie sollte man den MSV auch beschreiben? Waren Walter Hellmich und seine heulende Putzfrau jetzt der Verein, waren es Bauwagen-Ehrenrunden und ein neues Stadion mit Glasfassade? Waren Ailton und ein rot-weißes Zebra jetzt unsere Tradition?

Kees Jaratz: Sofort zeigen sich zwei Perspektiven, da gibt es eine Haltung von dir, von mir, von uns Anhängern des Vereins, was den MSV Duisburg ausmacht. Aber was der Mitarbeiter des MSV Duisburg gemacht hat, führt direkt auch zu  wirtschaftlichen Grundlagen des Fußballs. Ein Unternehmen muss wissen, für was es steht, damit die potentiellen Kunden erreicht werden können und wirtschaftlicher Erfolg sich einstellt. Es ist klar, ganz ohne sportlichen Erfolg wird kein Fußballunternehmen, wirtschaftlich erfolgreich sein. Umgekehrt aber auch nicht. Braucht der Verein Tradition für das eine oder andere? Für beides?

Michael Wildberg: Der MSV nannte sich unter Hellmich ja Traditions- und Familienverein, war aber seinerzeit – wenn man mal ehrlich ist – ein ziemlich identitätsloser Haufen. Die Familienmitglieder waren alle verjagt – selbst Dietz war ja irgendwann verschwunden – und von Tradition war weit und breit auch nix zu spüren, wenn die Verantwortlichen mal wieder wortlos an Günter Preuß vorbeigingen, weil man nicht wusste, wer der Kerl überhaupt ist. Aber auch von vielen anderen wie Michael Tönnies hörte man nichts mehr, obwohl diese sinnbildlich für ganze Epochen standen. Wo waren die alle hin? Wo du also vorhin schon mal beim Marketing warst und um es mal auf den Punkt zu bringen: Selbst- und Fremdbild des MSV Duisburg waren seinerzeit nicht mehr deckungsgleich – der Fachbegriff dafür lautet „Credibility Gap“ – und insofern hast du recht: Der Verein bot mit seiner Selbstdarstellung als Traditions- und Familienverein nicht mehr als eine inhaltsleere Hülle an. Einer meiner Freunde, ausgerechnet Schalker, hat einen Lieblingssatz: „Versprich nichts, was du nicht halten kannst.“ Er kommt zwar aus dem Fußballanhang-Milieu der schnellen Fäuste und meint den Satz sicherlich anders, aber um beim Thema zu bleiben: Solch eine Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung macht einen Verein nicht gerade anziehend, für niemanden, seien es Spieler, Sponsoren oder sonstige Leute. Das damalige Verhalten des Vereins erinnert mich ein wenig an meinen Vater, der über Jahrzehnte hinweg jedem Familienmitglied Hausverbot gab, das nicht rechtzeitig von alleine abhauen konnte, und der erst letztes Jahr zu Weihnachten – als auch der letzte Verwandte endlich verjagt wurde – im leichten Wodka-Rausch säuselte: „Sind wir nicht eine harmonische Familie, mein Sohn?“ und das auch noch todernst meinte. Sowas wirkt generell eher befremdlich.

Kees Jaratz: Etwas anderes hätte mich doch sehr überrascht: Walter Hellmich verkörperte nicht die von dir gemeinte Tradition. Aber der Begriff schillert, denn was du von Walter Hellmich erzählst, ist dennoch sehr traditionelles Verhalten in Sportvereinen. Der Verein lebt immer weiter und die Menschen, die für ihn arbeiteten, werden vergessen. Ich erinnere mich an diese  Fußball-Doku „Im Westen ging die Sonne auf“. Ein Meisterschaftsspiel der DJK Katernberg, einst Oberliga West, nun in der Kreisklasse angekommen. Und die Kamera fängt die Begegnung eines über 80 Jahre alten Zuschauers mit einer gegenwärtig für den Verein sich engagierenden Frau ein. Die Frau kennt den Mann nicht, der über Jahrzehnte Kassierer des Vereins gewesen war. Was die Erinnerung an die Vereinshistorie anging, war der Unternehmer Walter Hellmich als Fußballfunktionär also ein Amateur. Für das Bewahren von Tradition braucht es ein besser funktionierendes Fußball-Unternehmen, als es der MSV Duisburg gewesen ist. Andererseits fällt einem beim Stichwort Fußball-Unternehmen nicht unbedingt jene Tradition ein, die auf den Rängen immer so hoch gehalten wird.

Michael Wildberg: In Bezug auf Familie und Tradition hausierte Walter Hellmich ja eher in den eigenen vier Wänden, Familienmitglieder bekamen gleich ganze Abteilungen unter ihre Fittiche und traditionellerweise wurde immer und nur mit Adolf Sauerland und sonstigen Freunden palavert und gekungelt, was das Zeug hielt. Mal vorsichtig formuliert: Ich denke, der Verein war für seine ganz persönliche Geschichte wahrscheinlich nicht in all seinen Facetten von Bedeutung. Was die Sehnsucht der Fans angeht, kann ich nur für mich sprechen, aber ich glaube, dass der Fußball – und vor allem sein Drumherum – sehr viel mit Folklore und Romantik zu tun hat. In Kneipen werden Geschichten erzählt, die Ruhmes- und Heldentaten der Vergangenheit sind Gesprächsthemen unter Fans und lassen einen Verein lebendig werden. Dazu bedarf es aber der Menschen, die diese Geschichten hautnah und aus erster Hand erzählen können und daher war es an der Zeit, diese Typen zurückzuholen und wieder in den Fokus zu rücken. Auch um ihretwillen und um sie für vergangene Ignoranz und  Ablehnung zu entschädigen. „Identität ist die Antwort auf die Frage, wer einer ist. Und wer einer ist, erfährt man durch seine Geschichte“, hat der Philosoph Odo Marquardt mal gesagt. Für mich sind die Erzählungen dieser alten Spieler identitätsstiftend und eigentlich ist es eine Kette: Identität schafft Identifikation, Identifikation führt zu Hingabe, Hingabe führt zu Zusammenhalt in schwierigen Zeiten und so weiter. Das ist beileibe kein Allheilmittel und auch keine Wunderdroge, aber es hilft, wenn so etwas als Baustein in den Verein integriert ist, glaube ich. Es ist schön zu sehen, dass dieser Spielball schon vor geraumer Zeit von der aktuellen Vereinsführung und dem Hauptsponsor aufgenommen wurde. Die Legendenwand in der Kurve ist dafür ein Beispiel, auch im Leitbild des MSV Duisburg werden Günter Preuß, Michael Bella, „Eia“ Krämer, Ennatz Dietz und Michael Tönnies explizit erwähnt.

Kees Jaratz: Wenn es um dieses konkrete Handeln geht, begeistert mich jeder Rückgriff auf die Geschichte des Vereins. Ich werde nur manchmal unruhig, wenn das Ganze dann auf den Begriff Tradition runtergebrochen wird und in öffentlichen Diskussionen mit dem Verweis auf Tradition der Nachweis erbracht sein soll, etwas Gutes voran zu bringen. Mir geht zum Beispiel auch durch den Kopf, wer sich auf die Tradition eines Vereins besinnt, erträgt leichter die recht starren Verhältnisse bei den Erfolgschancen in den Fußballligen. Wenn wir uns so sehr um die Vergangenheit kümmern, haben wir wenigstens etwas, was uns bei anhaltendem Misserfolg der Gegenwart tröstet. Sprich: Tradition, die von Fanseite so oft als Gegenmodell zum Kommerz des Fußballs benutzt wird, hilft erst bei der Versöhnung mit dem professionellen Fußball, für den der Kommerz ja die Voraussetzung ist.

Michael Wildberg: Tradition als „Opium des Volkes“, das ist interessant. Wobei ich denke, dass dieser Joker beim MSV noch gar nicht gezogen werden könnte. Unruhig werde ich, wenn bei Schalke 04 allwöchentlich das Zechen- und Malochererbe propagiert wird, gleichzeitig aber Kevin Kuranyi in Hip-Hopper-Pose in deren Turnhalle – formely known as „Fußballstadion“ – auf dem Videowürfel erscheint. Oder wenn St. Pauli sich Totenkopf-Fahnen schwingend auf sein Freibeuter-Image beruft, während die halbe Tribüne vor Werbetextern aus gutem Hause nur so Latte-macchiato-mäßig überquillt, dass es eine wahre Freude ist, denen beim Geld verbrennen zuzusehen. In solchen Fällen kann das Berufen auf Tradition schnell Widersprüche erzeugen, aber soweit sind wir hier noch nicht, glaube ich.

Kees Jaratz: Die Tradition ist allerdings eine höchstkomplexe Designerdroge. Sie ist zwar „opiumhaltig“, aber Amphetamine, die die beruhigende Wirkung aufheben, gibt es auf jeden Fall mit dazu. Die Widersprüche sind zu groß, die durch die Tradition verdeckt werden müssen. Ruhe kehrt da niemals ein. St. Pauli etwa ist ein gutes Beispiel. Wenn du dir ansiehst, was bei St. Pauli geschah, ist es ja eigentlich das, was die Fans immer von ihren Vereinsverantwortlichen erwarten. Dort entwickelte sich aus der Fan-Basis heraus ein öffentliches Bild des Vereins. Dieses Bild wurde Teil der Identität des Vereins und damit wurde es zwangsläufig Grundlage des Geschäfts. Da sind ideelle Werte gefährdet. Wenn dieses Image eines Vereins dann jemand zudem zum Teil seiner eigenen Identität machen will, bestimmt das der Verein zudem nicht mehr mit. Für St. Pauli aber bieten sich gleichzeitig durch ein breiteres Publikum die Möglichkeiten zu besagtem wirtschaftlichem Erfolg, der die Grundlage für den sportlichen Erfolg bedeutet. Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich Vereinsverantwortliche bewegen, wenn sie die Gegenwart mit der Tradition des Vereins in Übereinklang bringen wollen. In Hamburg ging es in den Diskussionen zum Stadionbau hoch her, als es um den Bau von Logen ging. Der Verein sah sich in der Verantwortung für seine Pläne bei den eigenen Zuschauern zu werben. Wie sehr Positionen der Fans beim Bau dann zum Tragen kamen, weiß ich allerdings nicht. Dazu habe ich das Ganze nicht intensiv genug verfolgt.

Nicht nur wenn wir über Fans von Pauli reden, kommen wir auch dazu, dass das Bekenntnis zu einem Verein Teil der Selbstinszenierung gegenüber der Welt werden konnte. Kein Verein, auch der MSV Duisburg nicht, ist davor gefeit, dass Menschen daher kommen und das irgendwie positiv besetzte Image zum Teil der eigenen Identität machen. Auch unter Hellmich in den erfolgreicheren Zeiten wurde es ja schick zum MSV zu gehen. Das verweist auf den Stellenwert des Fußballs in unserer Gesellschaft. Als ich Anfang der 1970er Jahre Anhänger des MSV Duisburg wurde, gehörte der Besuch eines Stadion noch keineswegs so selbstverständlich zum kulturellen Leben einer Stadt. Man ging ins Stadion, um  Spaß mit den Freunden zu haben und den Verein siegen zu sehen. Heute geht es um so viel mehr noch Drumherum. Lass uns wieder auf den MSV der ersten Bundesliga-Saison zurückkommen. Sagt uns in diesem modernen Drumherum die Geschichte dieses Vizemeisters der ersten Bundesliga-Saison noch etwas?

Michael Wildberg: Mal ganz blumig: Die Vizemeister erzählen uns, wo wir herkommen, wer wir waren, was davon übrig ist, was man davon vielleicht anwenden oder verwandeln kann und was in der Mottenkiste der Geschichte landen darf, sie sind sozusagen der Gen-Code dieses Vereins, zumindest was den Profifußball angeht. Man darf das nicht mit Denkmalpflege verwechseln, es geht nicht darum, sich tote Gegenstände anzuschauen, sondern mit dieser Vergangenheit in einen Dialog zu treten und zu gucken, was wir – meinetwegen auch „wir Jüngere“ – von diesen Menschen mitnehmen können.

Aber wenn wir mal diesen intellektuellen Krimskrams weglassen und man mich fragt, was ich von dieser Mannschaft für mich selber vielleicht sogar konkret mitnehmen kann, dann war es bei mir so: Im Laufe all der Gespräche, die ich mit dem 63/64er-Kader mittlerweile geführt habe, wurden die Begriffe für mich immer einfacher. Das kommt alles ohne Schnörkel aus. Das Hauptcharakteristikum dieser Mannschaft war ihr Teamgeist, die haben aufeinander aufgepasst, sich wechselseitig bei Fehlverhalten vor dem Trainer oder dem Vorstand gedeckt und ziehen das bis heute durch. Das war ein Team. Die halfen und helfen sich, wenn es einem von ihnen schlecht geht, die fahren zusammen in den Urlaub, manche Kontakte halten die mittlerweile seit über sechzig Jahren aufrecht. Gleichzeitig war diese Mannschaft frech wie nix, die scherten sich nicht darum, ob nun Uwe Seeler oder sonst wer auf dem Feld stand, die spielten einfach drauflos und schossen den HSV mit 4:0 nach Hamburg zurück. Was in der Nachbetrachtung und auf Fotographien manchmal wie biederer Nachkriegs-Muff rüberkommt, war eigentlich Samba, da war Musik drin. Und egal, wen du fragst, ob „Pille“ Gecks, „Hatte“ Heidemann oder all die anderen, es fallen immer dieselben Worte: Freundschaft, Teamgeist, Verantwortung, und vor allem: Unbekümmertheit. Spaß war ein wichtiger Faktor. Man muss eines bei der Rückschau auf dieses Team bedenken: Wir stellen als Fans immer reflexartig die Frage, ob der Meidericher SV nicht hätte sogar in jenem Jahr deutscher Meister werden können und laben uns dann wieder im Selbstmitleid, dass es schon seinerzeit nicht geklappt hat mit einem Titel. Die alte Sehnsucht des MSV-Fans, der den Coitus Interruptus mittlerweile als Schicksal akzeptiert hat. Ich musste das selber erst lernen, aber eigentlich ist die Frage nach einer möglichen Meisterschaft gegenüber dieser Mannschaft ein Witz. Die Frage müsste viel eher lauten: Wie zum Henker hat es diese Truppe damals tatsächlich hingekriegt, derart erfolgreich zu sein? Eigentlich war das ein Wunder.

Kees Jaratz: Das klingt nach Selbstbewusstsein. Gefällt mir. Kommt aus der Fanbasis und kann im  Unternehmen MSV Duisburg lebendig werden. Weil es sowohl mit dem Erreichten als auch mit den Möglichkeiten stimmig ist. Sich nicht klein machen, aber auch nichts übersteigern. Was wiederum Voraussetzung für Erfolg ist. Im unternehmerischen Zusammenhang: Gesundes Wachstum. Auch die eigenen Wurzeln kennen gehört dazu, die alte Einsicht: wer nicht weiß, woher er kommt, kann nicht wissen, wohin er geht. Deshalb wirkt dieses so nicht geplante Zusammentreffen der Wiederveröffentlichung von „Der Kapitän der Zebras“ und dem Neubeginn in der Dritten Liga auf mich symbolhaft. Darin zeigt sich die Zukunft des MSV Duisburg, in der die Tradition des Vereins mehr ist als ein hilfloser Verweis auf die Vergangenheit bei finanziellen Schwierigkeiten. Dazu müssen die Inhalte dieser Tradition aber auch erst einmal immer wieder erzählt werden.

Michael Wildberg: Ich erinnere mich, wie ein Angestellter des Vereins mal zu mir sagte: „Vielleicht wäre es besser, den Verein wieder in seinen Ursprungsnamen umzutaufen.“ Das ist zwar nur ein Hirngespinst, von der Grundtendenz aber verlockend, also im Sinne von: Plustere dich nicht auf, spiele nicht größer als du bist und bleibe demütig. Ich finde Demut zeichnet beide Generationen aus, die 63er wie den jetzigen Verein im Gesamten, die Liga Größenwahn mit „dritter Kraft im Revier“ (Walter Hellmich) und „hier kann international gespielt werden“ (Werner Hansch) ist Gott sei Dank endlich vorüber. Aber Demut bedeutet nicht buckeln, ganz im Gegenteil, man kann auch hochgradig geerdet sein und dennoch rotzig und frech werden und diese „Jetzt erst recht“-Haltung haben. Du hörst schon, ich finde den Moment der Neuauflage auch mehr als passend, aber nur kurz zum Bedenken und bevor ich hier noch als verklärter Fußballromantiker durchgehe: Wenn dir deine Ahnen aufs Dach steigen und dich unter Kontrolle haben, dann ist es ja auch Mist. Die Pubertät ist bei aller Peinlichkeit ja nicht der sinnloseste aller Lebensabschnitte, man darf sich gegen Altlasten also auch gerne zur Wehr setzen. Bei den Schalkern zum Beispiel hat man den Eindruck, dass die sich spätestens seit 2001 gerne noch einmal zurück in Szepans Kreisel beamen wollen, um sich zu vergewissern, ob sie unter all den Wurstfabrikanten und den als Gas-Konzernen getarnten Mafiastrukturen doch noch die sind, die sie mal waren, mit Charly Neumann und allem Malocher-Klimbim, der so dazugehörte. Vielleicht würden sie für diese Rückkehr zu den Wurzeln sogar auf die unzähligen kommenden Meisterschaften verzichten, zumindest kenne ich einige Schalker, die würden einiges darum geben.

Aber um in heimischen Gefilden zu bleiben: Ich finde, dass wir in Duisburg noch recht gesund mit unserer Tradition umgehen, hier steht keiner in irgendeinem Schatten, ganz im Gegenteil: Alle Helden dieses Vereins sind extrem geerdete Leute. Ich habe keine Legende kennengelernt, die irgendwie abgehoben ist, der Abgedrehteste ist noch Joachim Hopp, aber der spielt kognitiv eh in einer komplett anderen Liga. Aber gerade die 63er haben sich immer sehr zurückgenommen und sind eben nicht in die Öffentlichkeit gedrängt. Vielleicht ist das der Grund, warum ich dieses „Meidericher SV“ so sehr mag. Dieser Gesang ist mittlerweile mit unzähligen Geschichten aufgeladen, er erinnert an große Momente, ist gleichzeitig aber weitab von all den Selbstfeier-Parolen a lá „Gegen xxx kann man mal verlieren“ oder „Deutscher Meister wird nur xxx“. Wenn du es so willst: Für mich ist dieser Gesang sehr klar, sehr rein, pur und schnörkellos, da ist keine Großkotzigkeit, keine Überheblichkeit vorhanden. Für mich hat es Sinn, dass dort der Ursprungsname des Vereins Verwendung findet. Was für eine Energie aus so etwas „Altbackenem“ entstehen kann, haben wir dann beim Spiel des MSV gegen Heidenheim gesehen. Als die Mannschaft sich noch einmal alleine sternförmig warmlief und 18 000 Leute „Meidericher SV“ sangen, war das für mich einer der schönsten Momente seit langem. Hier wurden ganz simpel elf Spieler mit Liebe überschüttet, ihnen wurde Zuversicht mitgegeben und der Mut zugesprochen, das Abenteuer dritte Liga jetzt gemeinsam mit den Fans anzugehen. Das war in seiner Intensität und von der eigenen Gefühlslage her derart tief, da war nix mit Unterhaltungsbetrieb und Inhaltsleere, das kam ohne diese schweren Begriffe aus. Und ich glaube, dass diese Momente das Refugium sind, an das niemand herankommen und auf das sich der Fußball bei allen „Angriffen“ durch Politik, Wirtschaft oder sonst wen zurückziehen kann. In diesen Minuten war der Fußball ganz bei sich. Das finde ich bei allen Diskussionen um den „Seelenverlust des Sports“ dann auch immer wieder beruhigend.

Kees Jaratz: Das klingt nach vorläufigen Schlussworten. Da kann ich nur ja zu sagen und noch hinzufügen. Für mich ist das nicht nur dieses „Meidericher SV“. Für mich gibt es diesen Anschluss an die Vergangenheit des MSV Duisburg etwa auch durchs „Wer ist der Schreck vom Niederrhein“. Das hatte ich Jahre nicht mehr gehört. Das war der Sound meiner Jugend. Und das wird ja schon seit einiger Zeit wieder gerufen, so als ob  es die Vorahnung auf den Rängen gegeben hat, dass diese Kraft der Tradition verdammt nötig wird. 

Und für die Google-Besucher von morgen: Teil 1 des Gesprächs findet sich mit einem Klick weiter hier.

„Tradition ist nicht das Anbeten der Asche“ – Wildberg und Jaratz im Gespräch – Teil 1

„Tradition ist nicht das Anbeten der Asche“ . Das Zitat von Thomas Morus greift Michael Wildberg  auf in seinem Vorwort zu „Der Kapitän der Zebras“, den Erinnerungen von Günter Preuß. Während der Fanaktionen nach der Lizenzverweigerung hörte ich das erste Mal von dem Projekt, dieses Buch neu aufzulegen. Ich wollte darüber schreiben und  fragte Michael Wildberg nach dem geplanten Veröffentlichungsdatum. Daraufhin schlug er mir statt einer der üblichen Besprechungen ein Gespräch vor. Der Vorschlag gefiel mir. Wir sprachen also über das Buch, die 64er Vizemeister und  die Bedeutung der viel gerühmten Tradition. Wir kamen auf so viele Dinge zu sprechen, dass ich dieses Gespräch in zwei Teilen veröffentliche. Heute geht es vor allem um das Buch und die Zebras der ersten Bundesligasaison, morgen steht die Tradition im Mittelpunkt.

Kees Jaratz: Nachdem die DFL dem MSV Duisburg die Lizenz für die 2. Liga verweigert hatte, kamen neben den Fans des MSV Duisburg auch ehemalige Spieler der Zebras zum Stadion. Als einer der ersten stand der Kapitän der 1960er Jahre Günter Preuß auf dem Stadionvorplatz. Ein Videoclip mit einem Interview mit ihm machte schnell die Runde. Vor Trauer und Sorge um den Verein kämpfte er mit den Tränen. Wäre der MSV Duisburg dahingesiecht, wäre auch ein Teil von Günter Preuß gestorben. Seine Geschichte mit dem MSV Duisburg hatte er bereits in seinem 2002 im Selbstverlag erschienenem Buch „Der Kapitän der Zebras“ geschildert. Lange Zeit war es vergriffen, nun ist es dank der Initiative mehrerer Fans und der Zebraherde e.V. bald wieder erhältlich. Geplant war es sicher nicht, das Buch just in der Zeit neu aufzulegen, in der alte Werte von Vereinstreue und Gemeinschaftlichkeit dazu beigetragen haben, dem MSV Duisburg eine Zukunft zu ermöglichen. Wie kam es zu dem Plan der Neuveröffentlichung und was war dafür notwendig?

 

Michael Wildberg: Der Plan schwelte schon seit zwei Jahren. Von meiner Seite aus und um mal meine Intention zu schildern: Ich hatte mir seinerzeit – kurz nach der Veröffentlichung von „So Lonely“ – vorgenommen, all die alten Helden aufzusuchen und mir ihre Geschichten anzuhören, also Bella, Preuß und so weiter. Mir war es immer suspekt, dass der MSV sich als Traditionsverein ausgab, wir aber im Gegensatz zu anderen Vereinen offenkundig unter einem Mangel an Folklore und Oral History litten, was auch kein Wunder war, der Verein hatte schließlich all jene verjagt, die hätten persönlich Zeugnis ablegen können. Es gab auch keine Literatur oder Filme, die Zeitdokumente waren sehr rar, übrig blieb die gähnende Leere der Geschichtslosigkeit. Ich wollte die Spieler der Vergangenheit aufsuchen, um für mich diese Leere mit Leben zu füllen. Als ich Preuß dann das erste Mal in Meiderich traf, merkte man sehr schnell, dass er persönlich verletzt war aufgrund der Ignoranz, die ihm seitens des Vereins entgegenschlug. Er hatte insgesamt dreißig Jahre für den MSV in unterschiedlichen Funktionen gearbeitet, hatte 1985 in Zeiten höchster Not ein Benefizspiel auf die Beine gestellt, war Kapitän der Vizemeistermannschaft gewesen, zwischendrin Trainer, Manager und Mädchen für alles in Personalunion und war von Kindesbeinen an ein Zebra. Das Ende vom Lied war, dass zu jener Zeit, als ich ihn besuchte, keine 10% der Stadionbesucher was mit seinem Namen anfangen konnten, obwohl er eigentlich – wenn alles glatt gelaufen wäre – unser Franz Beckenbauer hätte sein müssen. Schon bei unserem ersten Treffen gab mir Preuß sein Buch und erzählte mir alle Geschichten daraus, sagte aber, dass das Buch nicht mehr erhältlich sei. Nachdem Preuß dann beim Lese-Talk Anfang 2013  wieder mehr in die MSV-Öffentlichkeit rückte, taten wir uns mit dem Zebraherde e.V. – der mittlerweile auch mit der Idee einer Neuauflage schwanger ging – zusammen und fassten den Plan, seine Erinnerungen neu aufzulegen, um ihm und der damaligen Mannschaft für ihre Erfolge zu danken und gleichzeitig den Fans ein Zeitdokument zugänglich zu machen. Insgesamt haben wir mit sechs bis acht Leuten an die sechs Monate an dem Buch gearbeitet, aber dass die Neuveröffentlichung just in diese verrückte Zeit fällt und er dann mit seinen Tränen eines der vielen Sinnbilder des Lizenzentzugs wurde, ist natürlich ein äußerst gemeiner Treppenwitz des Fußballgottes. Es zeigt aber auch, dass er wieder im Verein angekommen ist. Er konnte stellvertretend für viele andere weinen, weil er wahrgenommen und in seiner Bedeutung für den Verein anerkannt wurde. Das war – bei aller Trauer und allem Mitgefühl in diesem Moment – eine sehr schöne Nachricht.

Kees Jaratz: Nur um „Der Kapitän der Zebras“ noch etwas einzuordnen: Günter Preuß’ Buch ist eine Art verschriftlichte Oral History, erzählte persönliche Geschichte. Es geht um Erinnerungen, um die eigene Wahrheit. In einem einfachen Stil ist es geschrieben. Günter Preuß erzählt seine um den Fußball zentrierten Erlebnisse von den Kindheitstagen kurz nach dem Krieg, vom Straßenfußball rund um den Gerhardsplatz bis hin zu seinem Abschied vom MSV Duisburg als Manager und Trainer im Jahr 1986. Vor allem für die 1960er Jahre deutet er aber auch den Fußball beim MSV Duisburg innerhalb der Geschichte von Oberliga West und Bundesliga. Lass mich auch noch erwähnen, für die Neuausgabe hast du ein Vorwort geschrieben. Du hast es am Stadion während einer der Fan-Aktionen gelesen. Mit dem Vorwort hast du nicht nur Günter Preuß gewürdigt sondern dieser gesamten Mannschaft der ersten Bundesligasaison ein Denkmal gesetzt. Wo wird das Buch denn erhältlich sein und wie teuer wird es?

Michael Wildberg: Dazu muss ich etwas ausholen und erklären, wie die Nummer funktioniert. Vorneweg: Es ist Günter Preuß ausdrücklicher Wunsch, dass der Gesamterlös des Werkes dem MSV Duisburg zur Verfügung gestellt wird, die Ursprungsidee war eine Spende an das Nachwuchsleistungszentrum. Auch keiner der Leute, die an dem Buch gearbeitet haben, wollte nur einen Cent für seine Arbeit sehen. Als wir unseren Plan in die Tat umsetzen wollten, traten die ersten Fragen auf: Kriegen wir einen Verlag, wie viel Erlös könnte erzielt werden, wie soll die Nummer generell ablaufen und so weiter. Das Verlags-Problem war schnell gelöst, da die Herausgabe von Büchern mit dem digitalen „Book-on-demand“-Verfahren mittlerweile ziemlich einfach und zugleich billig geworden ist, sofern man bescheuert genug ist, die ganzen Nebenkriegsschauplätze zu übernehmen, also Layout, Cover, Textkorrektur etc. Dazu braucht man dann eine Menge ehrenamtliches Engagement gepaart mit Fachwissen, aber glücklicherweise wurden diese Schauplätze dann von ein paar Zebras beackert, die verrückt genug waren, sich an dieser Odyssee zu beteiligen. Dr. Sabine Freyling tippte das komplette Manuskript ab, Harald Steffen setzte den Text und Yvonne Dörfer gestaltete das Cover. Bei der Frage, wie wir das Buch dann an den Mann bringen, wird ein Aspekt wichtig: Am meisten Geld macht man, wenn man das Buch selber als Autor oder Herausgeber ankauft und anschließend zum Buchhandelspreis auch selber verkauft. Die Zebraherde erklärte sich dann umgehend bereit, das Geld für eine Auflage von 200 Stück vorzustrecken und das finanzielle Risiko auf sich zu nehmen, gleichzeitig konnten im MSV-Portal Vorbestellungen abgegeben werden. Daraus ergibt sich jetzt folgender Ablauf: In einer ersten Phase werden die 200 vorbestellten Exemplare verteilt, daran anschließend wird das Buch für den Buchhandel und Online-Versandhandel freigeschaltet, so dass man es wie jedes andere Buch auch über den örtlichen Buchhändler oder Amazon beziehen kann. Wann das genau sein wird, weiß ich nicht, aber ich denke, dass wir spätestens im Herbst und auf jeden Fall vor Weihnachten das Buch jedem zugänglich machen werden. Das Hardcover-Buch hat insgesamt 164 Seiten und wird 20 Euro kosten.

Kees Jaratz: Dann werde ich also nochmals gesondert drauf hinweisen. Um aber auf das Werk an sich zurückzukommen: Die Erinnerungen von Günter Preuß sind ja nicht einfach nur ein Zeitdokument. Sie sind ja in Teilen auch ein Gegenbild zu klischierten Bildern über den MSV Duisburg. In diesen Teilen waren die Erinnerungen für mich besonders eindrucksvoll.  Für den MSV der ersten Bundesliga-Saison wurde ja Rudi Gutendorf als Trainer zu einer Art Sinnbild und zwar deshalb, weil sein Spitzname Riegel-Rudi auch die Spielweise des MSV Duisburg damals beschreiben sollte. Es setzte sich das Bild einer defensiv ausgerichteten Duisburger Mannschaft fest. Dabei stellte der Riegel nichts anderes dar als eine frühe Form der Raumverteidigung. Diese Mannschaft besaß eine unglaublich starke Offensive.

Michael Wildberg: Das ist wirklich eine der größten Legenden rund um diese Mannschaft, also dieser deutsche Catenaccio, der dem Team immer unterstellt wird. Das Schlimme ist, dass – wie du sagst – genau das Gegenteil zutrifft. Das Erfolgsrezept war zum einen, dass die Meidericher die ersten offensiven Außenverteidiger ihrer Zeit hatten, die dazu auch noch ausgebildete Stürmer waren und sich – damals gegen jegliche Konvention – mit in die Offensive einschalteten. Das sorgte eine ganze Zeit lang in jedem gegnerischen Strafraum für Chaos und war der Vorläufer des Fußballs, der heute so viele moderne Mannschaften stark macht. Sobald einer der Außenverteidiger mit nach vorne ging, verschob sich dann das defensive Gefüge so, dass die Position auf den Außen wieder besetzt war, erst ein paar Jahre später sollte Rinus Michels dieses Verschieben im „total voetbal“ mit dem gesamten Team perfektionieren. So abwegig es klingt: Der Fußball der Duisburger damals war revolutionär. Dazu kam, dass man mit „Eia“ Krämer das größte Talent seiner Zeit auf dem Feld stehen hatte, dazu Helmut Rahn, den Helden von Bern, und mit Manglitz und Heidemann kommende Nationalspieler, da steckte eine Menge Talent im Kader. Ein weiterer großer Vorteil: Die Truppe war ein homogener Haufen, der sich größtenteils von Kindesbeinen an kannte, drei der Spieler wuchsen zum Beispiel auf derselben Straße auf und hatten schon als Kinder auf den Bolzplätzen und Kopfsteinpflastern Meiderichs miteinander gekickt.

Kees Jaratz: Aus Meiderich kamen zwar die meisten Spieler dieser ersten Bundesligasaison, dennoch gab es auch damals schon die Suche nach Verstärkung außerhalb der Stadtgrenzen. Manfred Manglitz und Heinz Höher von Bayer 04 Leverkusen wurden verpflichtet. Der Heinz Höher, der gerade sein mediales Comeback durch Ronald Rengs Buch „Spieltage“ feiert.

Michael Wildberg: Und Helmut Rahn, der vielleicht berühmteste deutsche Spieler zu  dieser Zeit. Wobei ich die „Zugezogenen“ nicht betonen würde. Das Alleinstellungsmerkmal dieser Mannschaft, etwas, was sie von allen anderen Teams unterschied, war die Tatsache, dass dort neun Meidericher auf dem Feld standen. Rudi Gutendorf, der ja ziemlich weit rumgekommen ist, hat so etwas nie wieder auf der Welt gesehen, selbst Athletic Bilbao hat mit dem Baskenland ein größeres Einzugsgebiet. Nirgendwo auf der Welt gab es eine Mannschaft, deren Spieler auf so engem Raum miteinander groß geworden waren und die gleichzeitig derart erfolgreich zu Werke ging.

Kees Jaratz: Wenn du diesen Erfolg der Vergangenheit ins Feld führst: Was drückt sich für dich in dieser Betonung der Tradition des Vereins aus? Stichwort Gegenmodell in der Fußballindustrie? Mal provokant gefragt: Ist die Betonung von Tradition nicht längst schon ein vom Unterhaltungsbetrieb gern genommener Werbeclaim, um die Kundenbindung zu erhöhen? Wo gibt es Trennschärfe zwischen dem, was wir Anhänger uns ersehnen und dem, was die Fußballunternehmen als leere Hülle anbieten?

Die Fortsetzung folgt morgen …

Vor dem Stadion, 11.6.2013, Lesung Michael Wildberg im Bewegtbild – Eine Sammlung

Täglich wird spätestens gegen 18.30 Uhr die Menge der zusammen kommenden Zebra-Fans vor der Arena größer. Die Fans werden erwartet von denen, die hier in Schichten rund um die Uhr als Mahnwache bleiben. Die Zebrawache ist ständiger Anlaufpunkt für alle, die mehr Informationen wollen, die Austausch suchen und Gleichgesinnte treffen wollen. Außerdem wird für jeden Tag versucht ab 19.02 Uhr ein besonderes Programm auf die Beine zu stellen. Am Dienstagabend sang Janis Heldmann zum Auftakt. Michael Wildberg las aus seinem ersten Buch „So lonely“ und dem noch unveröffentlichten Manuskripts seines Buches über den MSV Duisburg. Marco Röhling und Maurice Exslager kamen ebenfalls und so ergab sich zudem eine kleine Talk-Runde.

Eine Kurzreportage des Abends von Frank-M. Fischer bei Duisburg365.de samt Auftakt-Song von Janis Heldmann

Den Talk-Part sowie Michael Wildberg bei der Lesung von ZebraMoviez.

Lesehinweis: Ivo Grlic im Gespräch mit Michael Wildberg

Kurzer Hinweis auf das bei der Zebraherde veröffentlichte Gespräch, das Michael Wildberg mit Ivica Grlic geführt hat. Das ist eine freundliche Plauderei, bei der Ivo kurze Blicke auf seinen beruflichen Weg vom Spieler zum Sportdirektor gewährt. Inhaltlich geht es viel um Atmosphärisches, um Absichtsbekundungen, die jetzt nicht überraschen, aber für die Stimmung rund um den MSV notwendig sind. Denn letztlich geht es um Wertschätzung der Fans und die Attraktivität des Arbeitsplatzes Duisburg für Berufsfußballer.

Lesegenuss nicht nur für MSV-Fans: „So lonely“ von Michael Wildberg

Vor Beginn der neuen Saison wird es nun aber Zeit, endlich etwas über „So lonely“ zu schreiben, Michael Wildbergs bereits im Frühjahr erschienenem Buch über „Ein Leben mit dem MSV Duisburg“. Vielleicht ist der Zeitpunkt auch gar nicht so schlecht. Nachdem die erste Welle der Aufmerksamkeit vorübergeschwappt ist, wirkt so ein Text vielleicht als Kauferinnerung aus der zweiten Reihe.

Ohne viel Verlagswerbung und mit nur wenigen Hinweisen in den klassischen Medien fand „So lonely“ in den ersten Wochen nach dem Erscheinen zumindest in Duisburg zahlreiche Käufer. Unter Fans des MSV wirkte die Mundpropaganda. Schließlich ist es interessant zu sehen, wie ein anderer das erlebt, was auch für einen selbst von Bedeutung ist. Wenn das dann auch noch sehr unterhaltsam geschrieben ist, um so besser. Zumal wir Fans vom MSV Duisburg mit medialen Produkten über unseren Verein nicht gerade verwöhnt sind.

Der 1981 geborene Michael Wildberg besitzt eine klassische Fan-Biografie. Vater nimmt jungen Sohn mit zum Fußball, Sohn ist begeistert, kommt nicht mehr vom MSV Duisburg los und geht schon bald den eigenen Fan-Weg mit den Kumpels. Von diesem Weg erzählt Michael Wildberg mit Selbstironie und großer Pointensicherheit. Gerade der MSV Duisburg bietet als Erzählgegenstand auch genügend Anlässe, diesen ironischen Ton anzuschlagen. Denn wir wissen, ein Fan des MSV Duisburg macht einiges mit, und wer dennoch diesem Verein treu  bleibt, braucht Mittel, seine emotionale Grundbefindlichkeit einzupegeln. Besonders in den letzten Jahren der Ära Hellmich.

Nun könnte ich es dabei belassen und sagen, ein Anhänger des MSV Duisburg  wird an dieser biographisch inspirierten Geschichte  seinen Spaß haben. Michael Wildberg weiß lebendig zu schreiben, er arbeitet die wichtigsten Momente der jüngsten MSV-Vergangenheit ab und er kennt erzählenswerte, originelle Szenen aus dem reichhaltigen Erfahrungsschatz eines Fußballanhängers. Gerade so etwas wie Pointensicherheit und Selbstironie führt aber zu einer weiteren Fährte. Man kann nämlich dieses Buch auch ambitionierter besprechen als mit dem Hinweis auf den Gebrauchswert für den Leser, der seine Leidenschaft mit dem Autor teilt und diese einmal gespiegelt bekommen möchte.

An „So lonely“ lassen sich auch literarische Maßstäbe anlegen. Das Buch gehört zu einer Art Genreliteratur, deren Übervater und Begründer Nick Hornby mit dem 1991 erschienenen Fever Pitch ist. Michael Wildberg erzählt sein „Leben mit dem MSV Duisburg“ eben nicht als sachlichen Tatsachenbericht, er möchte in gestalteter Form von der Wirklichkeit erzählen. Er spitzt Szenen zu, sucht die Komik im Moment und findet in der ersten Hälfte seiner Geschichte Erzählenswertes, was über den Fußball hinausweist. Er holt Meiderich als den Ort seines Aufwachsens in die Geschichte hinein und bietet mit einer idealisierten, rauen Meidericher Wirklichkeit eine Deutung dieser Stadtteil-Welt an. Es lässt sich darüber streiten, ob er diese Meidericher Wirklichkeit nicht zu sehr romantisiert, wenn er der Arbeitslosigkeit im Stadtteil die Lebenstüchtigkeit der Menschen dort mit Schwarzarbeit und Grauzonen-Geschäften entgegenhält. Doch der Wert dieses individuellen Bilds der Meidericher Wirklichkeit besteht darin, dass sein Bild einen Platz in der Öffentlichkeit besetzt und Anlass bietet über diese Meidericher Wirklichkeit zu reden.

In der zweiten Hälfte des Buches habe ich diese literarischen Maßstäbe dann allmählich wieder beiseite gelegt. Nicht weil das Buch stilistisch abfällt, sondern weil in dieser zweiten Hälfte nichts anderes mehr Thema wurde als der Fußball selbst in der Ära Hellmich. Diese zweite Hälfte bleibt meist bei dem, was wir alle erlebt haben und wenn der Blick über den MSV Duisburg hinausgeht, handelt es sich um ein weiteres Fußballspiel ohne Beteiligung des MSV Duisburg. Michael Wildberg erzählt dann wenig, was Leser ohne Verbindung zum MSV interessant finden könnten. Andererseits ließe sich natürlich sagen, selber schuld, wenn da einer kein Interesse am MSV Duisburg hat. Demjenigen entgeht eben die Gelegenheit mit „So lonely“ eine unterhaltsame Zeit zu verbringen.

Michael Wildberg hat im Duisburger Bürgerhof sein Buch nach dem Erscheinen bei einer Lesung vorgestellt. Bei youtube findet sich in mehreren Teilen der Mitschnitt von dieser Lesung, bei der auch Joachim Hopp und Milan Sasic anwesend waren. Den vom eigenen Arbeiter-Pathos ergriffenen Joachim Hopp sollte sich niemand entgehen lassen.

Bei Facebook gibt es zum Buch eine Seite, die Michael Wildberg regelmäßig mit Fußballhinweisen befüllt. Und nun, da ich den Link zu Facebook gesucht habe, sehe ich errötend, dass er mich ebenfalls mit kürzlich hier erschienenen Beiträgen und großem Lob verlinkt hat. Für die Verschwörungstheoretiker unter den Lesern hier möchte ich betonen, Michael Wildberg und ich pflegen keine der im sonstigen Kulturbetrieb oft üblichen Gefälligkeitsbesprechungs-Freundschaft. Könnte natürlich noch kommen. Ich werde ihm gleich mal mailen.

Michael Wildberg: So lonely. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2001. 192 Seiten. € 9,90.


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