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Ooh…oohooo..MSV….weiß und blau…geschafft

So ein Mensch, der ein Partykiller sein will, braucht schon ein dickes Fell. Diese Freiburger wollten tatsächlich noch in der letzten Spielminute ein Tor machen. Ich konnte das nicht fassen. Hörten die nicht, was auf den Rängen gesungen wurde? Das war hymnisch, was wir unfassbar laut sangen – die getragene Melodie….das lang gezogene oooo als tiefes Raunen, als eine Art „roar“; das MSV, kürzer, manchmal sogar wie knallend, das weiß und blau wieder getragener, feierlicher.

Diese Freiburger wagten es noch einmal in diese Stimmung hinein, unsere Erleichterung zu bedrohen. Das war irritierend. Anscheinend konnten wir es auf den Rängen nicht mehr erwarten, dass endlich diese Zitterei vorbei war. Wir begannen den Klassenerhalt emotional schon vorwegzunehmen. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass dieser Support so anhaltend vernehmbar war. Den Support, den ich bislang nur in Spielsituationen gehört habe, in denen der MSV für den Tag sein Ziel erreicht. Vielleicht noch mal in ruhigen Spielphasen bei entspannten Spielen.

Wir schienen die Schnauze voll zu haben von diesem wirklichen Fußball. Wir wollten den ideellen Verein MSV Duisburg feiern, für den wir gekommen waren. Wir waren da. Wir waren präsent. Von so vielen Seiten hatte ich im Laufe der Woche genau diesen Appell gehört. Kommt! Schert euch nicht um die letzten Wochen. Spart euch die Kritik. Es geht um den Verein. Es geht um etwas Größeres als die schnöde eigene Enttäuschung.

Knapp 11.700 Zuschauer waren da und waren laut. Diese Zuschauer, wir alle wussten, worum es ging. Wir wollten so laut sein, als sei das Stadion ausverkauft. Der Zebratwist war die erste Ansage. Das MSV des Refrains knallte auf den Rasen wie schon Jahre nicht mehr. Das machte deutlich, wir werden unseren Part erledigen. Nun war es an den Spielern, sich auf diese Woge aufzuschwingen.

In den ersten zehn Minuten entschieden die Spieler des MSV und wir auf den Rängen gemeinsam dieses Spiel. Den Schalldruck verwandelten die Zebras in einen Pressingdruck, der die Freiburger in diesen wenigen Minuten überforderte. Deshalb geschah der Fehler. Zusammen haben wir diesen Abspielfehler beim Rückpass zum Torwart wahrscheinlicher gemacht. Ein Stoppelkamp-Tor, wie es typischer für ihn beim MSV nicht sein kann – diese Mischung aus Spekulation im freien Raum, instikthaftem Zug zum Tor und Coolness im Abschluss.

Ab der 30. Minute ungefähr hatten die Freiburger das Mittelfeld unter Kontrolle. Was natürlich nicht reicht, um ein Tor zu erzielen. Dazu fehlte in Strafraumnähe jene spielerische Überlegenheit, die die Kurzpass-Sicherheit im Mittelfeld andeutete. Mir reichte diese technische Überlegenheit, um für den Rest des Spiels zu zittern. Ich vertraute unserer Defensive keinen Augenblick. Ich war das gebrannte Kind, das bei einem Freiburger Ball etwa 20 Meter vor dem Tor den entscheindenden Stellungsfehler in unserer Defensive schon als geschehen sah. Ich schrie vor Entsetzten bei drei, vier Flanken auf, die fürs erste geklärt sofort wieder bei den Freiburgern landeten. Solche Bälle waren in früheren Spielen irgendwann auch ins Tor gegangen. Doch der Ausgleich fiel nicht. Meine Nervosität hielt an.

Die Zebras kämpften im gesamten Spiel um jeden Ball. Es wurde gegrätscht und nachgegangen. Eine kleine Schwächeperiode gab es zwischen 50. und 60. Minute in meiner Erinnerung. Von da an feierten wir jedes kurze Aufhalten eines Freiburger Angriffs bei uns. Jeder weggeschlagene Ball war uns einen Jubel wert. Die langen Bälle der Zebras ergaben dennoch ein paar winzige Chancen. Die Abschlüsse waren eher mäßig. Am meisten sorgte mich, diese Ruhe der Freiburger. Die spielten ihre Kombinationen herunter, als ob sie sicher wären, irgendwann seien die Zebras zermürbt und der Ausgleich werde noch fallen.

Deshalb beruhigte mich das hymnische Singen in den letzten Minuten. Es lenkte ab und nahm die Erleichterung ein wenig vorweg. Deshalb verwandelte sich meine Unruhe auch in empörende Ungläubigkeit. Ich fasste es nicht, dass diese Freiburger tatsächlich noch einmal den Ball in den Strafraum schlugen und dort eine zunächst unübersehbare Situation schufen. Den Freiburgern machte es tatsächlich nichts aus, Partykiller zu sein. Die hatten nicht den Anstand, sich an deren Klassenerhalt bei uns in den 90ern zu erinnern. Damals hatten sie einen Sieg nötig. Den haben sie geschafft, und der MSV hat sich in in meiner Erinnerung nicht sehr dagegen gewehrt. Nichts davon gestern. Das hymnische Singen nur senkte meinen Blutdruck etwas. Bis der Schlusspfiff uns erlöste.

Was für eine Erleichterung. Was für ein Zittern und Bangen. Noch einmal in diesem Spiel. Mit einer ersten Halbzeit, die mir lang wie ein ganzes Spiel vorkam. Mit einem Stadion, in dem mit uns auf den Rängen auch der Geist von sämtlichen MSV-Fans aller Zeiten anwesend war. Das war der MSV an diesem Tag. Die Spieler auf dem Rasen, wir auf den Rängen lebten an diesem Tag etwas, was sich nicht durch einen 1:0-Sieg und drei Punkten ausdrückt. Wir lebten eine Idee, ein Ideal unseres Fußballs, das über den Tag hinaus weist. Du bist es schon immer gewesen. Nur der MSV.

Die Freude genießen und einen richtigen Gegner erwarten

Zwischendurch musste ich mich gestern doch einige Male kurz mahnend erinnern. Hier, im Spiel gegen den TSV Havelse geht es um etwas. Das ist ein echtes, richtiges Spiel der Dritten Liga. Hier geht es um drei Punkte. Dann habe ich gleich geschimpft über verspringende Bälle im Mittelfeld und die dann möglichen Konter, die nicht ausgespielt wurden von Havelse. Im Grunde habe ich das nicht ernst gemeint. Das war mehr so eine innere Verpflichtung, es ernst nehmen zu müssen. Denn gleich war ich wieder in dieser rosigen Stimmung, die einfach nicht vergehen wollte.

Denn zu überlegen war der MSV, und schließlich stand ich wieder auf meinem Stehplatz, auf einem nummerierten Stehplatz, der oft dann doch als grobe Orientierung nur diente. Endlich traf ich jene Menschen wieder, die ich eben nur beim Fußball sehe, so flüchtig das auch manchmal ist. Die Freunde standen neben mir. Es war nicht zu heiß, es war nicht zu kalt. Auf dem Rasen sah man den Zebras von Anpfiff die große Spielfreude an. Der TSV Havelse war dafür ein ein bestens geeigneter Gegner, der wie ein ausgesuchter Sparings-Partner wirkte. Es schien so, als wollten die Zebras herausfinden, was sie so drauf haben.

Wir Zuschauer konnten ebenfalls versuchen herauszufinden, was wir unter der neuen Normalverteilung auf den Rängen so drauf haben. Luftiger angeordnet, nehmen die etwa 7000 Zuschauer mehr Raum ein als die üblichen 12.000 Zuschauer. Und da der größte Teil vom Stimmungsblock sich auf die Gegengerade unter das Dach begeben hatte, war es für uns am Stehplatz deutlich lauter als sonst, wenn Kohorte und Co sich neben uns befinden.

Der Sparings-Partner Havelse bemühte sich redlich, Fehler der Zebras zu nutzen. In der ersten Halbzeit völlig vergeblich, doch Anfang der zweiten Halbzeit führte das sogar für wenige Minuten dazu, dass die Defensive des MSV herausfinden musste, was sie so drauf hat. Natürlich müssen wir alle mit Trainern und Spielern im Chor anstimmen, wer weiß, wie das Spiel verlaufen wäre, wenn der Elfmeter zum Ausgleich verwandelt worden wäre. Richtig ernst kann ich aber auch das nicht nehmen. So ein Satz gehörte gestern eben zur Tradition wie der Zebratwist. Kann schon sein, dass auch diese Mannschaft mit den vielen neuen Spielern, wie Pavel Dotchev meint, mit Gegentreffern nicht umgehen kann. Das weiß er aber im Grunde genauso wenig wie das Gegenteil, auch wenn es Freundschaftsspiele gegeben hat. Vielleicht kann diese neue Besetzung das doch.

Der Ausgleich fiel jedenfalls nicht, bald schon aber das zweite Tor für den MSV durch einen Elfmeter und dann das dritte durch Kolja Pusch, sofort nach seiner Einwechslung. Wie gesagt, ich sah das alles entspannt und spielte zwischendurch ein wenig Ärger. Ich musste mir allerdings verbieten, an die nächsten vier Gegner zu denken. So etwas ist meine Form der wer-weiß-wie-das-Spiel-ausgegangen-wäre-Tradition. Denn ich glaube, jeder dieser Gegner wäre bei mindestens einer der bestimmt fünf oder sechs Balleroberungen von Havelse im Mittelfeld zum Abschluss gekommen. Dazu muss der Gegner nur ein kleines bisschen besser sein als der TSV Havelse.

Zwei Bilder des Tages gibt es für mich. Zum einen ist das Moritz Stoppelkamp mit seiner langen Umarmung von Alaa Bakir, als der ausgewechselt wurde. Darin steckt sowohl alles, was ein junger Spieler wie Bakir braucht, als auch alles, was ein älterer Spieler wie Stoppelkamp in einer Mannschaft neben dem eigentliche Fußball bewirken kann. Das andere Bild ist die Mannschaft nach dem Abpfiff auf ihrem Rundgang durchs Stadion vor alle Ränge. Darin steckt die Freude der Wiederbegegnung von Fußballern und Fans in besagter entspannter Sommerstimmung. Das wollte auf den Rängen und auf dem Rasen gleichermaßen genossen werden. Wir sind wieder alle da, und welch Glück, dass es dazu das passende Spiel gegeben hatte.

Aygün Yildirim erscheint der Fußballgott

An diesem Sonntag wurde das Osterfest gefeiert. Wofür der Fußballgott nicht zuständig war. Das gehörte zum Arbeitsbereich seines Kollegen vom christlichen Glauben. Der Fußballgott hatte sich von Anfang an ganz dem Ballspiel gewidmet. Da ließ er sich nicht reinreden. Am Sonntag hatte er also meist kaum Zeit. Dann hatte er nach den Spielen am Vortag zu tun. Meist arbeitete er schnell und konzentriert seine Listen ab. Es waren Folgearbeiten für ihn. Eine Erscheinung hier, ein Zeichen dort. Gehandelt werden musste schließlich nur in den Spielen.

Am liebsten erledigte er alles möglichst sofort, weil er nur zu genau wusste, wie verführerisch Fußballspiele und die Fußballer für seine Kollegen oft waren. Wie gerne griffen sie dort ein, wenn er mal kurz nur unaufmerksam war. Wie oft schon hatten sie hinter seinem Rücken mit einem Spieler Tacheles geredet, wenn er nach einem anstrengenden Spieltag erst einmal entspannen wollte.

Gerade der Kollege vom christlichen Glauben mit seinem Stolz auf den Bohei der Menschen in seinem Namen um die Schuld, mochte den Fußball sehr. Der Fußballgott wusste auch, wer von seinen Kollegen sich grundsätzlich allmächtig vorkam. Gerne wurde das zusammen mit dem Alleinvertretungsanspruch zur Sprache gebracht. Auf so eine Idee waren natürlich zuerst die Menschen gekommen, aber wer gar nicht mehr weiter weiß, greift noch auf den abwägigsten Gedanken zurück. Für Menschen in ihrer Beschränktheit war der ja vielleicht ganz praktisch gewesen, um ihr Leben zu bewältigen oder ihre Interessen durchzusetzen. Aber für Götter? Da musste er doch immer wieder lachen.

Er hatte also heute zu tun. Das war klar. Es ging um keine große Sache. Im menschlichen Maßstab ging es sogar nur um die Dritte Liga. In Deutschland. Aber ihm ging es immer um das Spiel selbst. Um die Werte, die ein Fußballspiel vermitteln konnte. So schaute er deshalb auf diese Geplänkel der großen Vereine nur noch flüchtig. Da konnte er noch so oft eingreifen, dort ging es nicht um Details. Dort ging es um Grundsätzliches. Für diese Arbeit bräuchte er vielleicht Unterstützung. Neulich hatte er zufällig einen germanischen Kollegen getroffen. Thor, Donnergott, der hatte ihn auf eine Idee gebracht. Aber das musste noch warten.

Heute richtete er seinen Blick auf Westfalen. Dort lebte die Familie Yildirim. Aygün Yildirim hatte mit seiner Mannschaft, dem SC Verl am Vortag gegen den MSV Duisburg 2:1 verloren. Der Sieg der Duisburger war nicht unverdient, wenn auch etwas überraschend. Der Fußballgott hatte unauffällig gewirkt. Er hatte auf die eindrucksvolle Leistung der Duisburg kein dunkles Licht werfen wollen. Auf keinen Fall wollte er, dass jemand nach dem Spiel von großem Glück sprach.

Dieser MSV brauchte ihn momentan eigentlich nicht. Im Grunde hatten die Spieler das selbst erledigt mit dem Siegen, welch schöne Tore hatte Moritz Stoppelkamp geschossen. Aber der Fußballgott wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Zu sehr hatte er sich über den Verler Spieler Aygün Yildirim geärgert. Zweimal hatte der sich ohne Berührung des Gegners fallen gelassen. Die Absicht einen Elfmeter herauszuholen war so offensichtlich, selbst wenn er sich einmal beim Fallensassen verschätzte und er sich nur am Strafraumrand befand. Über eine gelbe Karte hätte er sich nicht beschweren dürfen. Wenigstens ist der Schiedsrichter auf diese Versuche zu betrügen nicht hereingefallen. Sonst hätte er um der Gerechtigkeit willen für den MSV womöglich tatsächlich eingreifen müssen.

Nun also kam der Fußballgott in Westfalen nieder, fand Aygün Yildirim auf seinem Sofa vor und sprach zu ihm: „Aygün Yildirim, hörst du mich, mein Sohn? Wo bist du mit deinen Gedanken? Denkst du an deine Leistung im Spiel deiner Mannschaft gegen den MSV Duisburg? Denkst du an eure Niederlage? Deine Mannschaft hat zurecht 2:1 verloren. Du meinst zu wissen, warum. Aber zwei Tore hat der MSV Duisburg erzielt. Zwei! Tore! Weißt du, Aygün Yildirim, warum zwei Tore? Wie oft, Aygün, hast du dich dort fallengelassen, wo du geglaubt hast, der Schiedsrichter könnte Elfmeter pfeifen. Wie oft, Aygün Yildirim? Wenn du es nicht mehr weißt, ich erinnere mich genau. Zweimal, Aygün Yildirim. Zweimal bist du gefallen. Zweimal zu Unrecht. Vergiss, was dein Trainer über das Spiel gesagt hat. Erst jetzt weißt du, warum deine Mannschaft durch zwei Gegentore verloren hat.“

Ich nicht, der da war das

Momentan kommt man als MSV-Fan mit Galgenhumor besser durchs Leben. Heute morgen musste ich doch schmunzeln, als ich die zwei Kommentare nebenan las zu dem Foto einer leicht derangierten großen MSV-Fahne, die im Münsterland gesichtet wurde. 

Was für eine Zeit, in der ein Chef-Trainer vom MSV Duisburg in der Lokalzeitung richtig stellen muss, dass der Kapitän seiner Mannschaft nicht ihn beim letzten Spiel mit einem vielleicht verärgert klingenden Hinweis auf einen ständig frei stehenden Spieler beim Gegner gemeint hat sondern den Co-Trainer. Die Online-Überschrift dazu ist schön konfrontativ formuliert, damit die Sensation den Klick generiert: „MSV-Trainer Lettieri: Stoppelkamp und Compper zofften sich“.

Wir müssen über diese Geschichte nichts wissen. Die Wahrheit des Geschehens müssen wir nicht kennen. Es reicht, dass es diese Geschichte gibt. Es reicht, dass Abstimmungsfragen innerhalb des Mannschaftssystems im Nachhinein als „Zoff“ dargestellt werden können. Es reicht, dass ein MSV-Trainer in der Öffentlichkeit wie ein Schuljunge, der sich ertappt fühlt, mit dem Finger schnell auf einen anderen zeigt. Nein, ich war das nicht, das war der da. Es reicht, um zu wissen, dass Missstimmung in diesem Verein unter dem Deckel gehalten werden muss. Es reicht, um zu wissen, dass viel Energie nicht auf den sportlichen Erfolg gerichtet sein kann, weil sie dafür verwendet werden muss, Haltung zu bewahren und aufkommende negative Gefühle beiseite zu schieben. Schließlich gibt es diese Gemeinschaft, in der man täglich zusammen kommt. Es gibt eine formale Hierarchie, die offensichtlich inhaltlich vom Trainerteam nicht gefüllt wird.

Wo soll die Hoffnung auf den Klassenerhalt herkommen? Ich muss an Wunder glauben. Vertrauen habe ich keines mehr. Ich hoffe dennoch. Das ist mein Wesen. Die Mannschaft wird gewinnen können. Die Fußballer dieser Mannschaft haben ja nicht alles verlernt. Aber diese Spieler brauchen Glück für den Erfolg. Das kann es geben. Hoffen dürfen wir immer. Ich hoffe auf den Klassenerhalt und auf einen Vorstand des MSV, der die Stimmung unter den Anhängern ernst nimmt.

Normalerweise herrscht im MSVPortal  bei Serien des Misserfolgs schnell eine gereizte Stimmung unter den Usern. Irgendwo muss schließlich die schlechte Laune hin. Je mehr Menschen, desto mehr Meinungen. Selbst wenn sich Meinungen nur in Nuancen unterscheiden, werden sie in solchen Fällen als gewaltige Unterschiede wahrgenommen. Man spricht sich gegenseitig den Durchblick ab. Die Moderatoren kümmern sich dabei mit sicherem Gespür um den dann rauer werdenden Umgangston. Unflätig wird es deshalb nie. Dazwischen gibt es natürlich auch viele sachliche Beiträge, in denen deutend versucht wird, Gründe für den Misserfolg und Möglichkeiten zur Verbesserung der Lage des MSV zu finden. Selten ist in Beiträgen zu einem Trainer derart einhellig eine Meinung zu lesen gewesen. Selbst in den wohlmeinenden Kommentaren zu Gino Lettieri geht es weniger um seine Arbeit als um die Notwendigkeit zu akzeptieren, dass er nun mal da ist und wir damit umgehen müssen. Ansonsten wird Gino Lettieri in allen Belangen die Kompetenz abgesprochen. Daran wird auch ein möglicher Klassenerhalt nichts ändern. Das aber führt zur Verbindung der Anhänger mit dem Verein.

Der RWO-Präsident Hajo Sommers denkt beim möglichen Aufstieg von RWE nämlich zugleich an den MSV, weil mit RWE ein Zuschauergarant die Liga verlassen würde. Er hofft dann auf Ausgleich durch den MSV. Momentan bin ich mir nicht sicher, ob er nicht in beiden Fällen des Saisonausgangs vergeblich hofft.

Darüber hinaus ist es ein interessantes Gespräch geworden mit einigen Infos zu den Kosten für eine Regionalligamannschaft, sowie der klaren Meinung nicht die Regionalliga sei für einen Verein schrecklich, sondern die 3. Liga sei die „Schweineliga“. Illustriert in etwas derberer Sprache, was Ingo Wald auch immer sagt.

Welch wichtiger Sieg gegen den 1. FC Kaiserslautern

Gestern habe ich es nach dem Sieg gegen Chemnitz wieder gewagt, mir ein Spiel des MSV komplett anzusehen. Letztlich ausschlaggebend war die Schwächengleichheit in zweiten Halbzeiten, von der ich morgens durch die PK der Kaiserslauterner erfahren habe und die mich zum Werbespot für das Wundermittel 90plus inspierte. Zugegeben, der Spielverlauf stellte mein körpereigenes Alarmsystem  nicht auf die härteste Prüfung, aber einige wenige Aufregungen waren ja doch zu überstehen. Doch grundsätzlich habe ich dieses Spiel recht entspannt erleben können. Was natürlich das höchste Gütesiegel für die Leistung des MSV ist. Denn mein Alarmsystem ist sehr fein eingestellt. Ich reagiere noch bei einer 3:0-Führung angesichts von Torgefahr des Gegners mit Puls und Bluthochdruck, wenn die drei Tore reine Zufallsprodukte waren.

Dieser Sieg des MSV wurde trotz des kurzzeitigen Ausgleichs sehr kontrolliert und kühl herausgespielt. Dieser Sieg war überaus wichtig für den weiteren Verlauf der Saison. Von der ersten bis zur letzten Spielminute schaffte es die Mannschaft, den Unterschied im Tabellenstand durch Selbstbewusstsein und Spielkontrolle sichtbar zu machen. Zwar ließ sich nicht jeder Versuch der Kaiserslauterner, gefährlich vor das Duisburger Tor zu kommen, unterbinden, doch diese Versuche irritierten die Zebras nicht. Selbst der Ausgleich brachte kein Gleichgewicht zwischen den Mannschaften. Im Ansatz wirkte das Spiel der Zebras reifer und überlegener. Die Mannschaft kombinierte besser als der FCK, auch wenn sie aus dem Spiel heraus nur wenige Chancen schuf und zwei der drei Tore nach Eckbällen erzielt wurden.

Lange mussten die Zebras das Gefühl vermissen, zurecht an der Tabellenspitze zu stehen. Es schien mehr dem Zufall zu verdanken als dem eigenen Können. Daraus entsteht kein Selbstbewusstsein. Deshalb ist dieser Sieg zu dem Zeitpunkt so überaus wichtig. Die Mannschaft hat sich selbst den Nachweis erbracht, dass die Worte ihres Trainers über das mannschaftliche Können keine Durchhalteparolen sind.

Der Qualitätsunterschied zwischen beiden Mannschaften zeigte sich in zwei typischen Spielsituationen. Die Balleroberung von Vincent Vermeij vor dem Führungstor warf ein Spotlicht auf sein unentwegtes Arbeiten in der ersten Linie der Defensive. So eine Balleroberung gelingt nicht oft, sonst erschwert er eben fast ausschließlich den Spielaufbau des Gegners. Umso wertvoller ist sein Attackieren, weil es sonst so wenig von einem persönlichen Erfolgserlebnis gekrönt werden kann. Dieses Führungstor gehört mindestens zur Hälfte ihm und wird von seiner Laufarbeit während der gesamten Saison getragen.

Die zweite Spielsituation, an die ich denke, gehört Moritz Stoppelkamp, wobei sie sich mehrmals wiederholte. In diesem Spiel zeigten sich seine überdurchschnittlichen spielerischen Möglichkeiten in Liga 3 sehr deutlich. Wie oft er zwei, drei Gegenspieler durch Dribbling oder schnellen Pass ins Leere laufen ließ, kann ich gar nicht sagen. So zeigte sich ein Klassenunterschied, der nicht nur einen Spieler des Gegners zermürben kann. Das war großartig.

Der Kommentator ging mir übrigens von der ersten Minute an auf die Nerven. Schon sein Sprechduktus hat mich aufgeregt, als er sich aber auch noch innerlich auf die Seite der Kaiserslauterner schlug, war es ganz vorbei. Hatte der so ein Underdogfaible oder war das mehr so die grundsätzliche Rote-Teufel-Sympathie? Der hatte Glück, dass ich das Spiel so entspannt sehen konnte und statt mich aufzuregen, an möglichen Enttäuschungen freuen konnte. Wie war das mit der Schadenfreude?

Um die Chance auf ein viertes Tor fürs bessere Torverhältnis sind wir natürlich betrogen worden. Dieser Kontakt des Kaiserslauterner Abwehrspielers unterschied sich von Gembalies Kontakt überhaupt nicht. Das war dieselbe Situation, für die der FCK den Elfmeter bekommen hat. Mit diesem Spielverlauf werde ich es nun auch wagen, mir das Spiel gegen Würzburg anzusehen. Selbstbewusstsein durch den Sieg gegen Kaiserslautern statt des kaum mehr vorhandenen Heimvorteils bildet in meinen Augen eine gute Voraussetzung.

Auf dieses umfassende Berichten hätte ich gerne verzichtet

Womöglich war es meine Enttäuschung. Ich hatte am Sonntagmorgen beim Lesen im MSVportal über das Spiel vom MSV gegen Halle den Eindruck, derart genau habe ich mir noch nie nur durch Worte ein Bild von einem Spiel machen können. Vom Spiel hatte ich nämlich nichts gesehen. Am Samstag war ich mit den „111 Orten in Dortmund, die man gesehen haben muss gelesen“ wieder in einer Buchhandlung zu Gast. Während der ersten Halbzeit bin ich zur Buchhandlung gefahren und kannte deshalb zum Lesungsbeginn nur den Pausenstand. Mit dem 0:0 bin ich in die Lesung. Direkt danach schnell das Smartphone gezückt. Durch die Spielberichtsschlagzeile wurde das Ergebnis gleich noch enttäuschender. Boyd schockt MSV in der 88. Minute. So in etwa. Das las ich, und ich hörte sofort wieder auf.

Gestern erst las ich dann allerorten weiter. Nun weiß ich sehr detailliert, wie gut der MSV gespielt hat. Ich weiß, welche Chancen es zum Sieg gegeben hat. Ich weiß, dass die Verantwortung für die Niederlage eher in dieser Chancenverwertung zu suchen ist und dass sich zwei Fraktionen unter den Anhängern darüber nachdrücklich auseinander setzen, wie sich diese Verantwortung unter den Offensivkräften verteilt. Ahmet Engin hat dabei einen schweren Stand. Ich verstehe warum.

Denn ich sehe mir bekannte Bilder: Moritz Stoppelkamp, der einmal zu viel nicht abspielt. Leroy-Jacques Mickels, der beim Dribbeln den Ball verliert. Aber vor allem sehe ich Ahmet Engin, der alleine auf das Tor zuläuft und vergibt. Aber stop, auch das ist ein Streitpunkt. Engin war gar nicht alleine. Es gab Mitspieler, denen er hätte den Ball zuspielen können, die dann vielleicht getroffen hätten. Vielleicht.

Wenn es um die Bewertung der Spieler geht, kommt bei Ahmet Engin gegenüber etwa Moritz Stoppelkamp eine Last der Vergangenheit zum Tragen. Neben diesen bekannten Bildern des Chancenvergebens gibt es wenige andere Bilder des Erfolgs. Von Stoppelkamp gibt es sie in größerer Zahl. Deshalb sind viele inzwischen sehr ungeduldig mit Ahmet Engin. Was ich eben verstehen kann.

Auch ich hoffe inzwischen nicht einmal mehr auf das Tor, wenn ich Ahmet Engin alleine Richtung Strafraum ziehen sehe. Ich bin dann so entspannt, dass ich mich nicht mehr ärger, wenn er vergibt. Es ist für mich so, als ob es die Chance des MSV in meiner Wahrnehmung gar nicht erst gibt. Das ist deutlich gesünder für mich. Wenn das einzelne Spiel allerdings nur bewertet wird, sind die nachsichtigeren Stimmen mit ihm mir aber ebenfalls sofort verständlich. Im letzten Spiel zeigte er eine gute Leistung. Schlechter als die anderen scheint er in diesem einen Spiel auch nicht gewesen zu sein. Interessant, wie die Spielerbewertung bei einer unverdienten Niederlage gleich zur Gesamtbewertung wird.

Die anderen Ergebnisse des Spieltags bislang zeigen wieder, wie schwer es ist, kontinuierlich zu gewinnen, selbst wenn ein Verein in der Tabelle oben steht. Mal schauen, was Braunschweig heute noch macht. Danach hoffe ich dann wieder auf ein wachsendes Punktepolster. Denn auch das habe ich durch das immer genauere Erzählen vom Spiel gegen Halle erfahren. Der MSV ist sehr spielstark gewesen. Die Defensive hat sehr variabel gespielt und damit den Ausfall von Boeder kompensiert. Gute Voraussetzungen, um demnächst wieder Worte über Spiele zu lesen, die vor allem die eigene Freude zum Ausdruck bringen. Auf das immer genauere Erzählen von Spielmomenten, um die eigene Wertung zu begründen, hätte ich gerne zugunsten eines torlosen Unentschiedens oder gar eines Siegs verzichtet. Wie man als Anhänger des MSV ein Spiel der Zebras auch ganz anders erleben kann, zeigen die Bilder aus der Buchhandlung dreesen lesen in Dortmund.

Disziplinierte Publikumsleistung lässt KFC keine Chance

Schon die Choreo zum Anpfiff war ein Ausrufezeichen. In diesem Spiel gegen den KFC Uerdingen gingen die MSV-Anhänger von der ersten Minute an konzentriert zur Sache. Der Zebratwist schepperte, die Hymne wurde ausdrucksstark gesungen. Das verschaffte Respekt für die ersten Minuten des Spiels. Zwar wurde in der Gästekurve versucht, lautstark dagegen zu halten, doch das Stadion war in Duisburger Hand. Diese Publikumsleistung honorierten die Zebras auf dem Rasen durch intensives Spiel und unermüdlichen Offensivdrang, auch wenn die Uerdinger zunächst noch munter mitspielten und es nicht ausgemacht schien, wer sich einen Vorteil erspielen könnte.

Das Publikum zeigte sich davon unbeeindruckt. Eruptives Anfeuern und traditionelle Fangesänge standen in einem vielversprechenden Gleichgewicht. Begeistert kombinierte sich der MSV deshalb immer wieder Richtung Uerdinger Tor.  Schließlich setzte sich auf dem linken Flügel Moritz Stoppelkamp durch und flankte. Vincent Vermeij verlängerte per Kopf an den Strafraumrand, wo Lukas Daschner technisch höchst anspruchsvoll zum Führungstreffer einschoss.

Solider Torjubel brach sich auf den Rängen Bahn. Kein Überschwang folgte ihm. Diszipliniert hielt sich das Publikum an die Anfeuerungstaktik. Noch in den letzten Spielen wurde nach solch einer Führung die Spieltags-Defensive vernachlässigt und leichtfertig in Aufstiegstraum-Offensiven geschwelgt, was augenblicklich mit Enttäuschung bestraft wurde. Im Spiel gegen Uerdingen wurde nun  kontinuierlicher Fangesang kombiniert mit lautstarken variantenreichen Reaktionen, die vom Spiel auf dem Rasen beeinflusst waren. Das gefiel den Zebras auf dem Rasen. Nun hatten sie das Spiel in der Hand und wollten ein Tor nachlegen. In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit trat Leroy-Jacques Michels am linken Flügel an. Alles rechnete mit einer Flanke. Doch er zog in die Mitte und schoss traumhaft in den langen Winkel zum 2:0 ein. Dem begeisterten Jubel im Publikum war die Überraschung anzumerken. Der sofortige Halbzeitpfiff ließ offen, wie diese Führung den weiteren Verlauf des Anfeuerns beeinflussen würde.

Mit Anpfiff der zweiten Halbzeit war sofort deutlich, an diesem Tag bildete die Publikumsdisziplin die Grundlage für den möglichen Sieg. Der Gedanke an die Folgen eines Sieges der Zebras gegen Uerdingen blieb im Hintergrund. Immer noch stand konzentriertes Anfeuern und Fanggesang auf dem Plan. Die Fußballer auf dem Rasen zeigten sich zufrieden und vergaben große Chancen zur höheren Führung. Hin und wieder versuchten die Uerdinger auf dem Feld auch zu reagieren. Doch wirkliche Gelegenheiten zum Anschlusstreffer wurden nicht erspielt. Denn die Defensivleistung der Zebras beeindruckte. Max Jansen und Tim Albutat schienen überall zu sein. Die Defensivreihe dahinter ließ sich nicht überraschen. Etwa in der 80. Minute war ein leichtsinniges „Spitzenreiter, Spitzenreiter“ von den Rängen zu vernehmen. Das war einerseits der Unerfahrenheit des zum Teil jungen Publikums geschuldet, andererseits brach sich bei den Älteren auch leichtsinnige Sehnsucht nach alten Erfolgen Bahn. Doch schnell waren diese Rufe wieder eingefangen. Bis zum Abpfiff wurde der Sieg durch keine Träumereien mehr gefährdet. Die Belohnung für diese Publikumsleistung erfolgte durch die Zebras nach dem Schlusspfiff, als sie in die Kurve kamen und klar war, jetzt durfte spielerisch und leicht der Momenteindruck, Spitzenreiter zu sein, gefeiert werden.

Das eindrucksvolle Spiel verlangt das Spitzenreiterrufverbot

Seit Jahrzehnten stehen wir in dieser Besetzung gemeinsam in der Kurve. In der ganzen Zeit lautete der Standardtipp meines Stehplatzkumpels vor dem Anpfiff der meisten Heimspiele 8:0. Zugegeben, das klingt nach übertriebener Zuversicht und partieller Blindheit gegenüber der Wirklichkeit. Andererseits ist das wirkliche Leben auch nichts anderes als das Ergebnis einer komplexen Wahrscheinlichkeitsrechnung, und manchmal geschieht eben auch das Unwahrscheinliche. Am Freitag war das Unwahrscheinliche nahe. Ich erinnere mich an kein Punktespiel in diesen ganzen Jahren, bei dem der MSV näher an diesem Endergebnis war als im Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern. Vielleicht habe ich aber auch nur ein schlechtes Gedächtnis für Details.

Unsicher war ich ins Stadion gegangen, und dann ließ die Mannschaft von Anpfiff an keinen Zweifel an ihrem Willen, dieses Spiel an sich zu reißen. Torgefährlich wurde es zwar zunächst nicht, aber ungemein schnell. Mehr hin zum Kaiserslauterner Tor als her in Richtung Weinkauf-Tor bewegte sich das Spiel. Kaiserslauterner Bälle im Spiel nach vorne wurden meist abgefangen. Mit Tempo ging es in die Gegenrichtung. Rasant wurde der Ball vom MSV mit schnellen kurzen Pässen vorgetragen. Der Schiedsrichter war darauf nicht eingestellt. Er stand sage und schreibe dreimal in kürzester Zeit den Pässen im Weg. Beim dritten Mal gab es dann sogar den Schiedsrichterball.

Das Führungstor gelang nach einer Flanke in den Elfmeterraum, in dem die FCK-Defensive vergessen hatte, dass im Fußball auch mal lange Bälle gespielt werden. Man muss sich das so vorstellen, die ganze Zeit ist das Spiel in schneller Bewegung. Der steile Pass kommt zu Leroy-Jacques Mickels. Auch ich erwarte weiteren Druck durch den Flügelsprint Richtung Torauslinie. Doch Mickels nimmt das Tempo heraus. Gut, denke ich, warten wir auf die nachrückenden Spieler, um den Strafraum zu belagern. Doch dann schlägt er die Flanke. Der Ball fliegt und ich verbuche den gar nicht mal so scharf gespielten Ball unter einer dieser vielen unergiebigen Versuche Torgefahr zu schaffen. Ich hatte nicht berücksichtigt, dass die Kaiserslauterner Defensivspieler dasselbe gedacht haben müssen wie ich. Die Spieler scheinen die Flanke nicht erwartet zu haben, denn sie waren im Strafraum sehr unorganisiert. So kam der Ball punktgenau zum frei stehenden Lukas Daschner, der unbedrängt einköpfen konnte. Auch das musste natürlich erst einmal gemacht werden. Im weiteren Verlauf des Spiels haben wir ja gesehen, wie andere sehr klare Chancen vergeben wurden.

Der MSV hielt das Tempo hoch. In der Offensive wurde immer wieder rotiert. Man sah, wie im Training einstudierte Flügelkombinationen wunderbar auch im Spiel funktionierten. Das war wieder der begeisternde Fußball der ersten Spiele dieser Saison. Fiel Moritz Stoppelkamp schon beim Kombinationsspiel auf engem Raum mit technischen Kabinettstückchen auf, so zeigte sich beim 2:0 durch ihn seine technische Klasse. Ansatzlos schoss er von der Strafraumgrenze, seitwärts zum Tor stehend den von Lukas Daschner gepassten Ball ins Tor, knapp neben den Pfosten gezielt. Ein wunderbarer Torschuss, dessen besondere Qualität Moritz Stoppelkamp sehr bewusst schien.

Die Kaiserslautern bettelten nun um das dritte Tor, so verunsichert war die Mannschaft. Doch dieses Tor fiel trotz zweier großer Chancen nicht, zumal es der MSV die letzten zehn Minuten der Halbzeit gemächlicher angehen ließ. So kamen die Kaiserslauterner noch zu einer großen Chance, die ein Spieler einer gefestigteren Mannschaft womöglich verwandelt hätte.

Nach der Halbzeitpause verschärfte der MSV wieder das Tempo, und so fiel bald das dritte Tor durch Leroy-Jacques Mickels. Doch die Kaiserslauterner Verunsicherung aus der ersten Halbzeit war kurioserweise trotz dieses Tores verschwunden. Stattdessen spielte die Mannschaft weiter mit. Für den MSV ergaben sich dadurch Freiräume und große Chancen, die allesamt nicht genutzt werden konnten. Erwähnt werden muss noch, dass Vincent Gembalies und Tim Albutat ein sehr gutes Spiel gemacht haben. Bezeichnend für das Spiel von Vincent Gembalies war eine Szene in der zweiten Halbzeit. Er hatte den Ball rechts in der Ecke abgelaufen, wurde gepresst und und spielte sich gegen das Pressing mit einem Hackentrick frei. Was für eine Souveränität. Wenn er dieses Niveau stabil halten kann, entwickelt sich in Duisburg ein spielstarker Innenverteidiger, der das Aufbauspiel der Mannschaft um eine bislang nicht vorhandene Dimension erweitert. Ihr seht, ich bin noch immer sehr begeistert.

Der MSV führte souverän 3:0. Doch als bald nach dem Mickels-Tor auf den Rängen die „Spitzenreiter“-Rufe für kurze Zeit zu hören waren, glaubte ich das Spiel verloren. Womöglich wird auch diese Sorge durch selektive Wahrnehmung gespeist. Aber ich meine, sobald in diesem Stadion zu einem frühen Zeitpunkt der Saison während des Spiels so eine Momentaufnahme des Tabellenstands auf den Rängen gefeiert wird oder von der Stadionregie gezeigt wurde, fielen die Gegentore augenblicklich. Am Ende konnten wir dann froh sein, wenn das Spiel noch Unentschieden ausging.

Folgerichtig erzielten die Kaiserslautern auch kurz nach diesen Rufen den Anschlusstreffer. Das dürfen wir uns gerne noch einmal vorstellen. Der MSV führte eine Viertelstunde vor dem Ende 3:1, und wir bangten um den Sieg. Denn die Kaiserslauterner drückten auf das zweite Tor. Jede Beruhigung des Spiels nahmen wir erleichtert auf. Jede Spielverzögerung begrüßten wir. Unsere Sorgen wichen erst etwa 5 MInuten vor dem Abpfiff. Ich finde, wir sollten über ein Spitzenreiterrufverbot bis zum Zeitpunkt des gesicherten Aufstiegsplatzes nachdenken. Das würde mich erheblich entspannen, wenn der MSV in einem Spiel knapp führt. Stefan Leiwen sollte erst die Gästefans daran erinnern, dass auch in Duisburg das Abbrennen von Pyrotechnik und Feuerwerkskörpern verboten ist, um anschließend die Heimfans regelmäßig zu ermahnen: „Liebe Zebrafans, denkt daran, Hinweise auf eine mögliche Tabellenführung sind als Stadiongesang jeglicher Form verboten. Wenn ihr euch an das Verbot haltet, helft ihr unserer Mannschaft das zu erreichen, was wir alle erhoffen.“

Ein Auftaktsieg als Balsam für die Zebraseele

Was waren wir ausgehungert. Was machte das Freude, einen 4:1-Sieg des MSV endlich wieder einmal zu sehen. Was machte das Spaß, drei Tore in so kurzer Zeit mit einer Konsequenz ausgespielt zu sehen, für die ich in den vergangenen zwölf Monaten nur seltene Beispiele mühsam erinnere. Besser als mit solch einem Sieg kann eine neu zusammengestellte Mannschaft nicht in die Saison starten.

Die SG Sonnenhof Großaspach bot sich als überaus geeigneter Gegner für den ungewissen Saisonstart an. Die Mannschaft war nicht gut genug, um die vorhandenen Abspielfehler beim schnellen Kombinationsspiel mehr als einmal auszunutzen. Zugleich war sie stark genug, um einen MSV, der es nach dem vierten Tor langsamer angehen lassen wollte, in Bedrängnis zu bringen. Das zeigte auf, wie souverän mit welcher Anstrengung dieser MSV tatsächlich momentan ein Spiel gestalten kann. Das Spiel gegen Großaspach machte Spaß und ließ dennoch keine Euphorie aufkommen. Zu offensichtlich waren Schwächen des MSV, die den eingespielte Konkurrenten um den Aufstieg Zuversicht geben werden. Noch!

Wie entlarvend übrigens, wenn auf der Pressekonferenz nach diesem ersten Spieltag dem Herrn von der BILD als erste Frage nach den Stellungnahmen der Trainer die nach dem Spielglück in den Sinn kommt. Mit einfacher Sicht auf diese Welt fällt es allerdings auch leichter, berufsbedingt ständig den Menschen zu begegnen, über die man gerade noch Unwahrheiten öffentlich verbreitet hat. Torsten Lieberknecht wusste auch nicht recht etwas mit dieser Frage anzufangen. Verständlich. Was wir auf dem Spielfeld gesehen haben, lag nicht am Spielglück. Um es mit einem Bonmot zu sagen, das ist das Letzte, was mir als erstes nach dem Spiel eingefallen wäre. Wir haben eine Mannschaft gesehen, die in jeder Hinsicht schneller dachte und handelte als die Mannschaft in der letzten Saison. Das hat nichts mit Glück zu tun. Was auf dem Spielfeld geschah, beruht auf dem Können jedes einzelnen Spielers, das im mannschaftlichem Gefüge seinen Platz fand. Wie das gegen einen besseren Gegner aussieht, werden wir nächste Woche gegen Ingolstadt schon sehen.

Nichts gegen den Großaspacher Trainer, aber seine Ansicht, die Mannschaft hätte sich den Ausgleich nach der 1:0-Führung des MSV verdient, scheint mir doch sehr von der Enttäuschung geprägt. Dieser Ausgleich fiel nach einem dieser Fehler des MSV im Aufbauspiel noch vor der Mittellinie. Der Ausgleich war überraschend. Spielerisch überzeugten die Großaspacher nur in der Anfangsphase, als die Zebras mit ihrer Nervosität zu tun hatten und nach dem hohen Rückstand, als die Zebras nicht mehr so intensiv im Spiel waren.

Meine Saisonvorbereitung hat ja mangels Zeit nicht stattgefunden. Ich stand also in der Kurve vor dem Spiel und kurioserweise hatte ich den Eindruck, nicht einen Spieler auf dem Spielfeld zu kennen. Das allgegenwärtige Neue hatte mir auch die bekannten Gesichter fremd gemacht. Nach einiger Zeit erinnerte ich mich an einen Spieler namens Stoppelkamp, etwas länger brauchte ich für seinen Kollegen Daschner. Ich wusste, ich kannte den Namen Albutat, aber ich fand ihn nirgendwo unter all den neuen Spielern, deren Namen ich bislang einmal bei der Nachricht von der Verpflichtung gelesen und wieder vergessen hatte, geschweige denn dass ich mir je ein Bild von ihnen hatte angesehen.

Allerdings war ich nicht der einzige, der die Orientierung verloren hatte. Das wurde mir klar dank der historischen Anzeigetafel des MSV aus den Anfängen des 21. Jahrhunderts. Irgendein nicht schnell  zu behebender Fehler machte die  Spielerankündigung zum Namensquiz. Ein schwarzer Balken verdeckte die Nachnamen und so verriet die Lautstärke des Publikumschors beim Rufen des Nachnamens vom angekündigten Spielers, bei wem wir Fans noch etwas oder auch sehr viel mehr Nachhilfe in Sachen Gesichtserkennung benötigen. Mir geht es dabei noch schlechter als der Mannschaft des MSV, ich habe weiter keine Zeit für das Training. Ich muss meine Leistung im laufenden Spielbetrieb verbessern. Ich hoffe, die Zebras und ich, wir werden uns im Erfolg ergänzen.

Nun aber wieder ins Wortewerk Dortmund. Noch 15 Texte fürs neue Buch. Danach Verwandlung zur Fotowerkstätte für 111 Fotografien. Ich freue mich auf die nächste Pause beim Spiel gegen Ingolstadt.

Wenn MSV-Fans zurzeit einen Jazz-Standard hören

Gestern beim Jazz auf’m Platz spielte Soleil Niklasson zusammen mit dem Blue Motion Trio. Der skandinavisch klingende Name gehört einer in Chicago geborenen US-Amerikanerin. Zu hören war vom Swing inspirierter Vocal-Jazz. Zufällig habe ich beim Konzert einen Freund getroffen, mit dem ich sonst immer wieder auch im Stadion beim MSV zusammen stehe.

Obwohl wir über die Niederlage gegen Fürth schon gemeinsam vor Ort geschimpft hatten, mussten wir noch einmal kurz klagen über dieses Spiel vom MSV. So was ist Trauerarbeit und hilft, sich der Wirklichkeit der nächsten Spiele zu stellen. Denn die werden wieder auf uns zukommen, das ist ja klar, und während wir noch sprachen, hörten wir im Hintergrund, wie Soleil Niklasson das letzte Stück vor der Pause Moritz Stoppelkamp widmete. „I dedicate this song to Moritz Stoppelkamp“. Das muss sie gesagt haben. Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich. Der Freund war sich von Anfang an sicher. Er sagte sofort: „Die hat doch gerade Moritz Stoppelkamp gesagt.“

Gerade wenn ich ihre längere Erklärung vor dem Stück versuche zusammen zu bekommen, dann meine ich, sie hat sogar erzählt, wie sie in Chicago im letzten Herbst den MSV als ihren Lieblingsverein entdeckte. Sie klang so melancholisch. „What a nice one!“, sagte sie. Da muss sie sich an das Stoppelkamp-Tor erinnert haben, bei dem er auf den Rückpass zum Torwart spekulierte und dazwischenging. Und dann geriet sie ins Schwärmen und heute weiß ich, dass sie vom „early goal“ sprach, von „the volley against Sändhausen“.

Schön, wenn jemand sein MSV-Gefühl zurzeit mit einem Jazz-Standard wie These foolish things ausdrücken kann. Ein Standard, bei dem im Text Gegenstände aufgelistet werden, die an jemanden erinnern, der gerade nicht anwesend ist. Erfolgreich Enttäuschungen verarbeiten verschafft Energie und Hoffnung. Dann wird es wieder vorstellbar, dass Abwesendes durch Neues wie Stoppelkamp-Tore in der Gegenwart ersetzt werden kann. Die Fahrkarte nach Berlin habe ich schon länger im Haus.

Nat King Cole hat den Song übrigens auch schon sehr schön interpretiert.


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