Posts Tagged 'Nationalmannschaft'

Ahanfouf-Supervision beim DFB verhalf nur kurz zu Hoffnung

Der DFB und Joachim Löw haben im Vorfeld des WM-Qualifikationsspiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Nordmazedonien nichts unversucht gelassen, die Fähigkeiten der Nationalspieler zu verbessern und sie für jede mögliche Spielsituation vorzubereiten. Lange wurde nach einem Berater gesucht, der nicht nur ein Gefühl für die Stadiondimensionen in Duisburg hat, sondern auch spezielles Expertenwissen vom Fußball in diesem Stadion.

Dass kurzfristig der Ex-Spieler des MSV Duisburg Abdelaziz Ahanfouf für zwei Tage zur Mannschaft stieß, war eigentlich ein Glücksgriff. Denn noch immer weiß er, wie man glaubwürdig im Strafraum fällt und welcher flüchtige Körperkontakt dazu Möglichkeiten eröffnet. Wie sich gestern beim Elfmeterpfiff vor dem zwischenzeitlichen Ausgleich zeigte, hatte Leroy Sané bei der Sondereinheit des Trainings Dribbling in einen Strafraum des Duisburger Stadions besonders aufmerksam zugehört.

Anscheinend hat Uli Hoeneß die Verantwortlichen auf Ahanfouf aufmerksam gemacht. Als er von der Suche beim DFB hörte, erinnerte er sich an das Bundesligaspiel der Bayern während der Saison 2005/2006 in Duisburg. Seinerzeit war ihm Ahanfouf aufgefallen, als der den MSV durch einen Elfmeter in der 40. Minute in Führung brachte. Ahanfouf selbst hatte den Elfmeter herausgeholt. Auch wenn dieses Foul zweifellos war, deutete der Sturz die besondere Qualität Ahanfoufs an. Der MSV verlor das Spiel dennoch 1:3. Welch bittere Parallele zum Spiel der deutschen Nationalmannschaft.

Die Bewegtbilder im Netz von diesem Elfmeter sind nicht die besten:

Mehr noch als im Spiel gegen die Bayern lässt sich Ahanfoufs Können in Sachen „elfmeterreif gefoult werden“ im folgenden Clip ab Minute 2.10 sehen. Der MSV spielte während der Saison 2003/2004 am letzten Spieltag in Bielefeld. Erst hier zeigt sich die große Klasse des Stürmers deutlich, als er in den Strafraum zieht und der Bielefelder Verteidiger ihm in die Falle geht. Auch in diesem Spiel bringt der Elfmeter die 1:0-Führung. Das Endergebnis war ein 3:1 für den MSV, das für beide Vereine keine Bedeutung mehr hatte. Bielefeld war aufgestiegen, der MSV befand sich im gesicherten Mittelfeld. Schöner Nebeneffekt bei diesem Clip ist die Möglichkeit, sich ein umfassendes Bild von der spielerischen Klassse Ahanfoufs zu machen. Seine sehr unterschiedlich erzielten Tore bezeugen das.

In Halbfinalen kennt man sich – Erinnern mit REFAIT

Nach dem Sieg Frankreichs gegen Island gestern Abend findet am Donnerstag bei einer Fußballeuropameisterschaft ein Halbfinale statt, dass es bei einer Weltmeisterschaft schon einmal gegeben hat. Zur Einstimmung auf das Spiel hat sich in diesen Räumen das Abspielen einer Art „Dinner for one“ der  deutsch-französischen Turnierbegegnungen etabliert. 2010 entstand der Kurzfilm „Refait“, ein zeitloses Werk, mit dem das Künstlerkollektiv Pied la Biche  die letzten 15 Minuten des Halbfinales der Fußballweltmeisterschaft 1982 zwischen Deutschland und Frankreich so detailgetreu wie möglich in der französischen Stadtlandschaft von Villeurbanne nachstellte und das durch die französische TV-Übertragung vermittelte Originalgeschehen im Splitsceen daneben setzte.

Auch wenn mein Französisch mirnur noch in Grenzen zugänglich ist, weiß ich „refaire“ als Grundform für das Partizip „refait“ bedeutet etwas „noch einmal machen“. Dennoch warf ich einen Blick in „Langenscheidts Großes Schulwörterbuch“ aus den 70ern, und nur deshalb brachte der Titel „REFAIT“ das Wortspiel zum Leuchten. Zumindest in der damaligen Umgangssprache bedeutete „refait“ auch „geklaut“  und als Adjektiv hieß es „betrogen“. In den Netz-Lexika finde ich für diesen Sinn heute keine Hinweise.

Ich vermute dennoch, der Titel des Films erinnert an das Grundgefühl der Franzosen nach der damaligen Niederlage der französischen Nationalmannschaft im Elfmeterschießen. Frankreich war nicht nur enttäuscht, in der Enttäuschung schwang auch das Gefühl mit, ungerecht behandelt worden zu sein. Die dafür entscheidendende Szene des Dramas ist nicht nur uns Älteren bekannt: Der deutsche Torhüter Harald Schumacher springt in brutaler Straßenschläger-Manier außerhalb des Strafraums Patrick Battiston an und trifft ihn mit Ellbogen und Hüfte im Gesicht. Der Schiedsrichter pfiff kein Foul, und Schumacher zeigte sich von der schweren Verletzung Battistons völlig ungerührt. Battiston war bewusstlos liegen geblieben, hatte zwei Zähne verloren und ein Halswirbel erwies sich im Krankenhaus als gebrochen. Dieses Foul und Schumachers Reaktion nach dem Spiel bot der französischen Öffentlichkeit ein Ventil für die immense Enttäuschung nach dem Spiel. Aus Enttäuschung wurde Wut und Zorn.

Frankreich hatte sich zweimal dem Finale ganz nahe gefühlt. Da gab es die 3:1-Führung nach acht Minuten der Verlängerung. Doch Karl-Heinz Rummenige schoss das Anschlusstor in der 102. Minute und Klaus Fischer konnte in der 108. Minute ausgleichen. Zudem traf auch beim Elfmeterschießen mit Uli Stielike zuerst ein deutscher Spieler nicht ins Tor. Doch sofort nach Uli Stielike hielt Harald Schumacher den von Didier Six geschossenen Elfmeter.  Deutschland gewann schließlich 8:7. Die Berichterstattung in den französischen Medien kochte hoch und erinnerte oft genug an die vergangenen Zeiten alter Feindschaft. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt und Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterand entschlossen sich sogar zu einer gemeinsamen Presseerklärung, mit der sie die aufgebrachte öffentliche Stimmung beschwichtigen wollten.

In meiner Erinnerung fraß in diesem Spiel zum ersten Mal eine einzige Aktion eines Spielers meine Loyalität für eine Mannschaft an. Auch wenn ich mich damals schon nicht als ein Anhänger der Fußballnationalmannschaft bezeichnet hätte, ich wollte Deutschland im Finale sehen. Ich war nicht hin- und hergerissen, sondern dieses Foul wirkte wie der bittere Geschmack von Kiwis im süßen, sahnigen Fruchtquark. Während des ganzen mich mitreißenden Aufbäumens der deutschen Mannschaft in der Verlängerung machte sich die Erinnerung an das Foul unangenehm bemerkbar.

Ich konnte mich also nicht von dem Wunsch zu gewinnen distanzieren. Heute weiß ich, mein unangenehmes Gefühl damals wurzelte in einer Mitverantwortung für das Foul, in der ich durch meinen unbedingten Wunsch  auf den Sieg mit einem Mal stand. Ich hatte durch diesen Wunsch, die deutsche Mannschaft möge weiter kommen, Mitschuld zu tragen. So ist das mit Gemeinschaften, und es ist unangenehm und eigentlich nicht einsehbar. Ich hatte dieses Foul doch so entschieden verurteilt. Mancheiner wird nun sagen, was schreibt der für einen Unsinn. Das war doch Fußball. Das stimmt, und darüber bin ich ziemlich froh.

Für Frankreich war das Spiel auf jeden Fall auch ein bisschen mehr als Fußball. Wenn fast 28 Jahre nach dem Halbfinale ein Kurzfilm wie „REFAIT“ entsteht, wird das erneut deutlich. Voilà:

Quelle: Piedlabiche on Vimeo.

Mangel an Torgefahr für diese Woche verbraucht?

Gestern war ich in der Arena und habe mir das torlose Unentschieden im Länderspiel der Nationalmannschaft der Frauen gegen England angesehen. Danach geriet ich in ein Dilemma. Ob es ein philosophisches oder ein sprachliches ist, weiß ich gerade nicht genau.

Mir gefiel nämlich der Gedanke, mit diesem Spiel habe sich für diese Woche der Mangel an Torgefahr auf dem Rasen des Stadions vollends aufgebraucht. Ihr merkt das natürlich selbst, ein Mangel verweist ja auf etwas nicht Vorhandenes, und das lässt sich nun mal nicht verbrauchen. So ein Nichts besteht nicht aus einer begrenzten Summe Teil-Nichtse, die entweder in dem Spiel oder in einem anderen kleiner wird. Wahrscheinlich gibt es darüber schon einschlägige philosophische Literatur.

Wie lässt sich also die Hoffnung, wenn auch esoterisch begründet, ausdrücken, dass sämtlicher Mangel an Torgefahr für diese Woche am Donnerstag zu sehen war? Zumal der Mangel auch richtig verteilt war. Ich meine, die Engländerinnen als Gastmannschaft hatten den größeren Teil des Mangels übernommen. Könnte sich der SV Sandhausen am Sonntag zum Vorbild nehmen. Und wie gesagt, für den MSV hoffe ich auf Totalverbrauch des Restmangels durch die deutsche Nationalmannschaft.

Hocken oder Rücken krümmen? – Mannschaftsfoto-Moden

Zwischen den Spielzeiten bleibt in diesem Jahr sogar Zeit für ein paar Plaudereien über Nebensächlichkeiten dieses Fußballs. Seit längerem schon beschäftigt mich immer mal wieder ein Wandel in der Ästhetik jenes Mannschaftsfotos, zu dem sich eine Mannschaft vor dem Anpfiff der bedeutenden Spiele noch einmal zusammenfindet.

Früher war vielleicht nicht alles besser, aber früher war meiner Erinnerung nach grundsätzlich anders. Immer hockten sich Spieler in der vorderen Reihe auf dem Mannschaftsfoto. So war eine klar erkennbare Abstufung innerhalb dieser zwei Reihen Spieler erkennbar. Ab wann nun haben Spieler von Mannschaften begonnen, sich in dieser vorderen Reihe nicht mehr hinzuhocken, sondern nur noch im Stehen den Rücken zu krümmen? Das sieht unbequemer aus und wirkt auf jeden Fall flüchtiger. Der Orthopäde in mir schüttelt zudem den Kopf und behauptet schlagzeilenträchtig: „Lange Verletzungspause nach falscher Haltung auf Mannschaftsfoto!“

Bevor ich nun weiter nachdenke, welche Zusammenhänge es mit der Entwicklung des Fußballs geben könnte oder sogar mit der in der Gesellschaft, muss ich erst einmal wissen, ob meine Beobachtung statistische Relevanz besitzt. Das Hinhocken auf Mannschaftsfotos gibt es zumindest weiterhin. Noch ist meine Beobachtung also eine anekdotische Notiz. Statistisch relevante Stichproben von Mannschaftsfotos seit der Zeit meiner Stadionanfänge Anfang der 1970er Jahre müssten das belegen.

Weil ich hier nicht wegen Verstößen gegen das Urheberrecht Probleme bekommen möchte, kann ich diese Erinnerung leider nicht entsprechend bebildern. Hier aber könnt ihr euch zum Beispiel weiterklicken zu einem Foto der deutschen Nationalmannschaft, auf dem die traditionelle Hockweise noch sehr lebendig ist und alleine Bastian Schweinsteiger sich als Vorreiter der Moderne des Mannschaftsfoto erweist. Deutlich lässt sich hier bei ihm schon der stilistische Einfluss, mehr Körperhöhe in der vorderen Reihe zu schaffen, erkennen. Allerdings zeigt sich bei genauerem Hinsehen auch Bastian Schweinsteiger noch durch die traditionelle Hock-Form beeinflusst. Wie anders der Anblick der Nationalmannschaft im Jahr 2014. Bastian Schweinsteiger ist auf diesem Mannschaftsfoto nicht dabei. Doch offensichtlich wirkte seine Körperhaltung vorbildhaft. Niemand hockt mehr. Alle beugen den Rücken. Vielleicht deutet sich mit einem nahezu stehenden Mesut Özil bereits die nächste Phase in der Entwicklung des Mannschaftsfotos an. Vielleicht ist sogar diese Entwicklung des Aufstellens zum Mannschaftsfoto der eigentliche Grund, warum bei Spielerverpflichtungen die kleinen, wendigen Spieler in den letzten Jahren besonders gefragt waren. Sie könnten dem Stehen in der vorderen Reihe vollends den Durchbruch bringen und das Mannschaftsfoto noch moderner wirken lassen.

Die Veränderung des Mannschaftsfotos im Fußball wäre doch mal wieder ein schönes Thema für eine Bachelorarbeit, wenn nicht sogar Masterarbeit. Nicht nur die Studenten des Fachbereichs Sport könnten sich mit allerlei soziologischen Befunden austoben. Auch die Kunstgeschichtler könnten aus ihrer Perspektive sicher Gewichtiges zum Thema beitragen.  Wenn ihr mir dann die Ergebnisse zukommen lassen könntet? Dann brauch ich mich nicht selbst um die Datenerhebung und Auswertung zu kümmern.

Klinsmann für Klose und Bajic für Fahrenhorst

„Klinsmann für Klose“ las ich heute morgen als Überschrift einer kurzen Meldung im Kölner Stadt-Anzeiger. Seufzend bedauerte ich Mario Gomez, und dachte, nun wird es noch mehr Ärger mit den Engländern geben. Wenn Jürgen Klinsmann statt Miroslav Klose gegen Serbien stürmt, muss die FIFA dem DFB die Sondererlaubnis gegeben haben, einen Spieler nachzunominieren. Dieser gute Draht des DFB zur FIFA gibt den Engländern zwar einen ganzen Stall voll Sündenböcke für ihr Ausscheiden, aber Mario Gomez wird auf seinem Zimmer heimlich fluchen, wenn Jürgen Joachim Löw ihm so einen Michael Schumacher des Fußballs vorzieht. Was haben wir überlegt, wieviel der so herrlich anzusehende und überlegen erspielte Sieg gegen Australien Wert ist. Nach der Meldung von Klinsmanns Aufstellung wissen wir es immer noch ebenso wenig wie die Antwort auf die Frage, warum Miroslav Klose nicht spielen kann. Im ersten Moment erschreckt man vielleicht, wenn Löws Kumpel aus alten Sommermärchen-Tagen der Mannschaft weiterhelfen soll. Aber vielleicht ist es genau andersrum, die Mannschaft spielt so gut, dass sie als eine Art Jungbrunnen dem Kumpel aus alten Tagen durch seine Schaffenskrise als Trainer bringen wird. Im Fußball ist es Gott sei Dank häufig entweder so oder doch ganz anders, wahrscheinlich nur deshalb, damit wir immer was zu reden haben.

In Duisburg bietet dazu eine Spielerverpflichtung die Gelegenheit. Branimir Bajic scheint so eine Art Frank Fahrenhorst von Milan Sasic zu sein, auch wenn er ihn in Koblenz nicht mehr trainiert hat. Da verlasse ich mich mal auf die statistischen Daten bei fussballdaten.de. Wir wissen aber, in der Region seines ehemaligen Arbeitgebers kennt sich Milan Sasic noch immer bestens aus. Wie viel besser muss es also früher gewesen sein, als er die meiste Zeit seines Tages noch im direkten Einzugsgebiet verbracht hat. So wirkt diese Spielerverpflichtung wie eine Maßnahme zur Basissicherung. Grundnahrungsmittel müssen eben auch im Haus sein. Wenn man am Supermarkt mit der einen Buttermarke nicht mehr vorbeikommt, geht man zu dem anderen, der nun auf dem Weg liegt und greift zur anderen Buttermarke.

Die Planungen für die Abwehr sind nach der RevierSport-Kürzestmeldung jedenfalls abgeschlossen, bleibt die offene Frage, wie lange noch sich Fahrenhorst und Schlicke demnächst auf Meidericher Nebenplätzen fit halten werden. Überraschend wäre die Entwicklung nur noch dann, wenn wenigstens einer von beiden plötzlich doch wieder im regulären Vereinsbetrieb auftauchen würde. Bis dahin unterhalten wir uns über die Perspektiven von Bruno Soares.

Ganz bald und vielleicht schon irgendwann

Wann ist eine Nachricht eine Nachricht? Die deutschen Nationalmannschaft hat ihr Auftaktspiel bei der Fußballweltmeisterschaft 2010 gegen Australien 4:0 gewonnen: Mit Sicherheit eine Nachricht. Walter Hellmich tritt in naher Zukunft zurück: Ohne zusätzliche Information mit Sicherheit keine Nachricht. Und doch machen BILD- Zeitung und Der Westen daraus jeweils große Artikel. Die eine Zeitung sieht den Juli, die andere sogar schon das Monatsende als Termin. Es mag nun tatsächlich bald so weit sein. Aber bis ich Walter Hellmich auf einer Pressekonferenz diesen Rücktritt verkünden höre, interessiert mich dieses ungefähre Dahinreden nicht. Zu oft habe ich dieses Geraune vom baldigen Rücktritt während der letzten Wochen zu lesen bekommen. Einmal geht das, so ein Schreiben mit Anfangsverdacht, danach aber bitte nur noch den Vollzug melden.

Wir wissen nämlich seit der Jahreshauptversammlung im April, dass Walter Hellmich nicht unbedingt bis zur planmäßigen Wahl im kommenden Jahr in seinem Amt bleiben will. Wenn über den Rücktritt von Walter Hellmich zurzeit berichtet wird, müsste deshalb nicht die Frage nach dem Zeitpunkt zentrales Thema der Berichterstattung sein, sondern die herum schwirrenden Informationen zu den Folgen dieses Rücktritts. Zumindest Der Westen deutet davon etwas an, nämlich die geplante Entflechtung der Verwaltungsstruktur: „Das Amt des Vorstandsvorsitzenden des MSV Duisburg und des Aufsichtsratschefs der Kommanditgesellschaft auf Aktien soll künftig nicht mehr dieselbe Person wahrnehmen.“

Noch interessanter wäre jetzt der nächste Schritt: darüber nachdenken und schreiben, was so eine Entflechtung für den Alltag im Verein bedeutet. Ich habe dazu keine Zeit. Ich muss Fußballweltmeisterschaft gucken, und noch immer dieses Vorwort zu einer Textsammlung schreiben, damit diese Textsammlung endlich in Druck gehen kann. Das ist nämlich auch eine Nachricht: Erscheinungstermin steht wohl fest! Wahrscheinlich Ende Juni erscheint eine Sammlung von Texten, die Förderschüler im Duisburger Norden im Rahmen einer Schreibwerkstatt verfasst haben. Ungewöhnlich offen und voller naiver Poesie gewähren Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren einen Blick in ihre Lebenswirklichkeit. In einer der nächsten Wochen werden das Jugendzentrum Zitrone, der Förderverein Lemonhaus e.V. und die Städtische Förderschule Kopernikusstraße durch gemeinsame Pressearbeit, den Nachrichtenwert dieser Meldung unterstreichen.

Warten auf die DFL-Nachricht – Der Zeitvertreib mit Ennatz

Der gute Draht des RevierSport-Journalisten Thorsten Richter zu Roland Kentsch erlaubt es ihm, eine Stimmungslage in die gute Nachricht zu verwandeln: „Die Lizenz für den MSV ist da!“ Roland Kentsch hatte die Unterlagen des MSV Duisburg in Frankfurt persönlich abgegeben und dabei mit alten Bekannten gesprochen. Ich denke, gerade wegen solcher Zusatzqualifikation wurde Roland Kentsch beim MSV Duisburg als Geschäftsführer angestellt. Wenn er schon mal da war, warum sollte er dann nicht mit dem Direktor der Lizenzierung Werner Möglich sprechen?

Und der hat Kentsch schon vorab beruhigt. „Er hat sich unsere Ausarbeitung angeschaut und war mit unserer Arbeit sehr zufrieden“, lacht Kentsch. „Natürlich müssen wir noch die formale Entscheidung der DFL am Freitag abwarten, aber ich bin mir nach dieser Unterhaltung ganz sicher, dass wir die Lizenz haben.“

Wegen solcher Sätze muss ich bei diesem gesamten Verfahren ständig an Schule denken. So richtig gefällt mir das allerdings nicht. Dadurch gerät das Verfahren in ein Wortfeld, das so gar nicht zu erwachsenem Handeln passt. Mir fällt es deshalb schwer, mir Menschen während des Lizenzierungsverfahrens vorzustellen, die ihre Arbeit allein um der Inhalte Willen erledigen – sowohl bei der DFL als auch bei den Vereinen. Ständig kommt mir dann so ein patriarchalischer Gestus auf Seiten der DFL in die Quere, einmal in strafender und einmal in beruhigender Weise. Merkwürdig das Ganze.

Übrigens könnte in einem Roman der Direktor des DFL-Lizenzierungsverfahrens nur bei einem ganz exzellenten Autor Werner Möglich heißen. Sprechende Namen! Nur sehr gute Autoren stellen sich den Holzhammer in die Ecke, um ihn dann sinnvoll zu gebrauchen. Die weniger Guten halten es nämlich fast immer mit der Wirklichkeit, und der Ausgang  des Ganzen wird ganz schnell absehbar – besonders wenn es in dem Roman um Lizenzierungsverfahren der DFL ginge.

Bis das gute Ergebnis auch offiziell verkündet wird, könnt ihr euch die Zeit des Wartens vertreiben mit einer kurzen Erinnerung von Bernard Dietz an die Fußballweltmeisterschaft 1978. Diktatur, Lagerkoller und die „Schande von Córdoba“! Die Älteren von euch wissen Bescheid.

Mit Deutschland kennt Dario Vidosic sich aus

Welches Leihfristende hat eigentlich Dario Vidosic? Da müssen die Verantwortlichen beim MSV Duisburg dran denken. Vielleicht muss ja wie in Stadtbüchereien auch im Fußballgeschäft ein Euro Strafe pro Spieler für das Überziehen der Leihfrist bezahlt werden. Das notwendige Sparen fängt bei den kleinen Dingen an. Und wie schnell ist der Rückgabezettel aus den Augen verloren, gerade wenn in so einem ausgeliehenen Spieler nicht mehr täglich gelesen wird, sondern er aufgrund höherer Interessen an einen der niederländischen Trainer-Weltweisenden weitergereicht wurde.

Noch steht nicht fest, welche Spieler für Australien bei der Fußballweltmeisterschaft dabei sein werden. Wir als Anhänger des MSV Duisburg können aber erste Anzeichen erkennen, dass unser Verein sehr viel dazu beigetragen hat, die Ausgangslage für Dario Vidosic für seine Teilnahme an der WM durch breit gefächerte Weiterbildungsmaßnahmen zu verbessern. Seine Erfahrungen beim MSV Duisburg mit Vorsätzen haben ihn anscheinend zum australischen Experten für deutsche Mentalität werden lassen, der in Interviews den australischen Fußballfans Hoffnung für die Fußballweltmeisterschaft macht. „Vidosic warns cocky Germans„, so fassen die Redakteure von SBS Vidosics Meinung zusammen, die deutsche Nationalmannschaft habe den Vorsatz gegen den WM-Auftaktgegner Australien am 13. Juni zu gewinnen.

Doch nicht nur das intime Wissen über die deutsche Nationalmannschaft als Vorrundengegner könnte Dario Vidosic einen Vorteil gegenüber seinen Konkurrenten bringen. In den letzten Spielen der zurückliegenden Saison hat Dario Vidosic zudem als rechter Außenverteidiger bewiesen, lebenslanges Lernen kann nie früh genug beginnen. Außer auf der Innenverteidiger-Position ist Dario Vidosic nach seiner Weiterbildungsmaßnahme nun auf jeder Feldspielerposition einsetzbar. Sollte er in der Rückrunde der nächsten Saison noch einmal vom MSV Duisburg ausgeliehen werden, müsste das deshalb als Torwart geschehen, weil Vidosic nun der Ehrgeiz gepackt hat, als erster kompletter Spieler in die Geschichte des Fußballs einzugehen.

Vidosic has been a minor revelation in recent weeks at the club level in an unfamiliar role at right back.

“Basically now I can play almost every position except centre back,” said the former Brisbane Roar player who is expected to return to parent club Nurnberg next season.

“The last couple of games I played at right back. I’ve played defensive midfield, attacking midfield, wide on the right or just behind the strikers in a free role.

“It’s definitely a plus for my game and it gives coaches the knowledge that I am very adaptable.”

Wir sehen also, für Dario Vidosic hat es sich beim MSV Duisburg gelohnt. Für den MSV war es wohl eher eine Investition in die Zukunft, wenn am Horizont als Ideal der Zukunft der Aus- und Weiterbildungsverein MSV Duisburg aufscheint.  Im Vorgriff auf diese Zukunft, liebe Freunde der Erwachsenenbildung, erlaube ich mir zur Einstimmung auch von uns Anhängern dieses Bildungsvereins die Bemerkung, dass es sich bei dem niederländischen Trainer-Weltweisenden um Pim Verbeek handelt und bei dem SBS um den Special Broadcasting Service, eine der beiden öffentlich-rechlichen Rundfunkgesellschaften Australiens. In nächster Zeit werde ich dann auch sicher mal ein wenig Wissen über den zweiten Vorrundengegner Serbien zum Besten geben.

WM 1982, Halbfinale Deutschland – Frankreich: REFAIT

„Refait“ heißt ein wunderbarer Kurzfilm, der die letzten 15 Minuten des Halbfinales der Weltmeisterschaft 1982 zwischen Deutschland und Frankreich so detailgetreu wie möglich in der französischen Stadtlandschaft von Villeurbanne nachstellt und das Originalgeschehen im Splitsceen  daneben setzt. Das Kollektiv Pied la Biche hat diesen Film gedreht. Darauf hingewiesen wurde ich von Fritten, Fußball und Bier, wo immer wieder sehenswerte Fußballclips gefunden werden. Großer Dank dafür gen Süden.

Mein Französisch ist mir zwar nur noch in Grenzen zugänglich, „refaire“ als Grundform für das Partizip „refait“ im Sinne von „noch einmal machen“ hatte ich dennoch erkannt. Dann brachte „Langenscheidts Großes Schulwörterbuch“ aus den 70ern „REFAIT“ für mich als Wortspiel zum Leuchten. Zumindest in der damaligen Umgangssprache bedeutete „refait“ auch „geklaut“  und als Adjektiv hieß es „betrogen“. In dem Wörterbuch meines Sohnes und in den Netz-Lexika finde ich für diesen Sinn heute keine Hinweise mehr.

Ich vermute dennoch, der Titel des Films erinnert an das Grundgefühl der Franzosen nach der damaligen Niederlage der französischen Nationalmannschaft im Elfmeterschießen. Frankreich war nicht nur enttäuscht, in der Enttäuschung schwang auch das Gefühl mit, ungerecht behandelt worden zu sein. Die dafür entscheidendende Szene des Dramas ist nicht nur uns Älteren bekannt: Der deutsche Torhüter Harald Schumacher springt in brutaler Straßenschläger-Manier außerhalb des Strafraums Patrick Battiston an und trifft ihn mit Ellbogen und Hüfte im Gesicht. Der Schiedsrichter pfiff kein Foul, und Schumacher zeigte sich von der schweren Verletzung Battistons völlig ungerührt. Battiston war bewusstlos liegen geblieben, hatte zwei Zähne verloren und ein Halswirbel erwies sich im Krankenhaus als gebrochen. Dieses Foul und Schumachers Reaktion nach dem Spiel bot der französischen Öffentlichkeit ein Ventil für die immense Enttäuschung nach dem Spiel. Aus Enttäuschung wurde Wut und Zorn.

Frankreich hatte sich zweimal dem Finale ganz nahe gefühlt. Da gab es die 3:1-Führung nach acht Minuten der Verlängerung. Doch Karl-Heinz Rummenige schoss das Anschlusstor in der 102. Minute und Klaus Fischer konnte in der 108. Minute ausgleichen. Zudem traf auch beim Elfmeterschießen mit Uli Stielike zuerst ein deutscher Spieler nicht ins Tor. Doch sofort nach Uli Stielike hielt Harald Schumacher den von Didier Six geschossenen Elfmeter.  Deutschland gewann schließlich 8:7. Die Berichterstattung in den französischen Medien kochte hoch und erinnerte oft genug an die vergangenen Zeiten alter Feindschaft. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt und Frankreichs Staatspräsident Francois Mitterand entschlossen sich sogar zu einer gemeinsamen Presseerklärung, mit der sie die aufgebrachte öffentliche Stimmung beschwichtigen wollten.

In meiner Erinnerung fraß in diesem Spiel zum ersten Mal eine einzige Aktion eines Spielers meine Loyalität für eine Mannschaft an. Auch wenn ich mich damals schon nicht als ein Anhänger der Fußballnationalmannschaft bezeichnet hätte, ich wollte Deutschland im Finale sehen. Ich war nicht hin- und hergerissen, sondern dieses Foul wirkte wie der bittere Geschmack von Kiwis im süßen, sahnigen Fruchtquark. Während des ganzen mich mitreißenden Aufbäumens der deutschen Mannschaft in der Verlängerung machte sich die Erinnerung an das Foul unangenehm bemerkbar.

Ich konnte mich also nicht von dem Wunsch zu gewinnen distanzieren. Heute weiß ich, mein unangenehmes Gefühl damals wurzelte in einer Mitverantwortung für das Foul, in der ich durch meinen unbedingten Wunsch  auf den Sieg mit einem Mal stand. Ich hatte durch diesen Wunsch, die deutsche Mannschaft möge weiter kommen, Mitschuld zu tragen. So ist das mit Gemeinschaften, und es ist unangenehm und eigentlich nicht einsehbar. Ich hatte dieses Foul doch so entschieden verurteilt. Mancheiner wird nun sagen, was schreibt der für einen Unsinn. Das war doch Fußball. Das stimmt, und darüber bin ich ziemlich froh.

Für Frankreich war das Spiel auf jeden Fall auch ein bisschen mehr als Fußball. Wenn fast 28 Jahre nach dem Halbfinale ein Kurzfilm wie „REFAIT“ entsteht, wird das erneut deutlich. Voilà:

Quelle: Piedlabiche on Vimeo.


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