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Die einen planen für sechs Spiele, die anderen für die nächste Saison

Im September letzten Jahres holte der MSV Duisburg im zweiten Spiel unter Kosta Runjaic gegen den VfL Bochum  mit einem torlosen Unentschieden seinen ersten Punkt der Saison. Der MSV blieb dennoch erst einmal Letzter, und der VfL Bochum stand auf dem zehnten Tabellenplatz. Am Sonntag besiegte der MSV Duisburg den SV Sandhausen nach einem wenig ansehlichen Spiel mit 2:1. Der einstellige Tabellenplatz zum Saisonende ist als Ziel ausgerufen. Den Abstieg des VfL Bochum dagegen soll seit Montag nach dem zweiten Trainerwechsel der Saison Peter Neururer verhindern.

Für mich klingt das nach dem Anreiß-Text zu einem Drama, in dem der MSV die langweilige Nebenrolle des alten Kumpels mit intakter Familie spielt. Ich bin ein großer Anhänger von langweiligen Nebenrollen. An ihnen lässt sich oft fürs Leben etwas lernen. Dort verstecken sich die Hinweise darauf, was im wirklichen Leben funktioniert und was nicht. Denn auch wenn ein Happy End in diesem Drama noch möglich ist, wie das Leben danach weitergeht, ist im Drama nicht unbedingt angelegt. Da wissen wir Anhänger des Langweilers längst mehr. Allmählich beginnt sogar Kosta Runjaic an die mittelfristige Zukunft zu denken und nicht nur an das nächste Spiel. Es bereitet mir große Freude, seine zarten Visionen während der Pressekonferenz nach dem 2:1-Sieg gegen den SV Sandhausen zu hören, ganz im typischen Runjaic-Ton der Bodenhaftung. Wenn er von der Zukunft spricht, sind das keine schönen Bilder und populäre Parolen, sondern Kosta Runjaic formuliert Aufgaben.

Vorerst bestanden diese Aufgaben darin, das nächste Spiel zu gewinnen. Gegen den SV Sandhausen wurde diese Aufgabe erledigt. Mehr nicht. Vielleicht braucht ein Gegner, der so defensiv eingestellt ist, doch von Anfang an einen Spieler wie Jürgen Gjasula auf dem Platz, der auf engstem Raum noch die Sicherheit und das Selbstbewusstheit hat, den Ball kontrollieren zu wollen. Zudem erlauben ihm seine Technik und Übersicht die überraschenden und beim Mitspieler ankommenden Pässe in den Rücken der Defensive. Nachdem er in der 54. Minute eingewechselt wurde,  begann die Mannschaft aus dem Spiel heraus torgefährlicher zu werden. Es brauchte also gegen Sandhausen nicht unbedingt Standards wie in der ersten Halbzeit für die Chance auf ein Tor. Maurice Exslager konnte gegen die enge  Defensive der Sandhausener seine Grundschnelligkeit nicht ausnutzen. Wenn er einmal an seinem Gegenspieler vorbeikam, stand der nächste Sandhausener Spieler schon im Weg.

So charakterisierte das Spiel zunächst vor allem die Kopfballstaffette um die Mittellinie herum, bei der sich beide Mannschaften darauf einigten gemeinsam den Ball so lange wie möglich den Boden nicht berühren zu lassen. In dieser Zeit machte ich mir dennoch keine Sorgen um den MSV. Dazu waren die Sandhausener an diesem Tag in der Offensive zu offensichtlich völlig überfordert. Nach vorne gelang ihnen gar nichts, hingegen der MSV zumindest immer wieder in Strafraumnähe kam. So blieb mir die Muße, mich mit dem Sandhausener David Ulm, in Aussehen und Spielweise ein wenig an Olcay Sahan zu erinnern. Ich konnte mich zudem mit dem Rest des Publikums über den offensichtlich etwas übermotivierten Nicky Adler wundern und manchmal auch aufregen. Man konnte den Eindruck gewinnen, so richtig abgeschlossen hat er mit dem MSV Duisburg noch nicht. Felix Wiedwald am Anfang des Spiels als eine Art Teppichstange zu nutzen, um mit Schwung in die Gegenrichtung wieder zurück laufen zu können. Da muss einer erstmal drauf kommen.

Das Führungstor fiel nach einer Eckenvariante, die einen Tag später dem Print-Kollegen vom Reviersport eine eigene Geschichte wert war. Co-Trainer Ilia Gruev ließ die Zebras eine Eckstoß-Ausführung des FC Barcelona trainieren. Und natürlich hat die Geschichte eine besondere Pointe, weil Timo Perthel im Gegensatz zu Lionel Messi das Tor bei der Ausführung gelang. Der schnelle Ausgleichstreffer fiel auch deshalb, weil im Spiel der Zebras von Anfang an eine leichte Nachlässigkeit zu spüren war. Vielleicht ergab sich das aus dem Gefühl der Stärke heraus. Es war deutlich zu sehen, wie selbstbewusst die Mannschaft auf dem Platz stand. Was ihr von Seiten der Sandhausener begegnete, konnte sie in diesem Gefühl nur bekräftigen. Dennoch war der MSV nicht so überlegen, um die Sandhausener Mannschaft an die Wand zu spielen. Da können dann Momente der Unachtsamkeit unangenehme Folgen haben. Unachtsam war aber nicht Timo Perthel, der den Kopfball seines Gegenspielers nicht verhindern konnte. Unachtsam war der Befreiungsschlag beim Angriff zuvor, der sofort wieder beim Gegner im zentrallen Mittelfeld landete. Wer da den Ball unbedrängt einfach wegschlug, weiß ich nicht mehr. Damit bahnte sich der Ausgleichstreffer aber an, weil nur deshalb der Ball sofort wieder in den Strafraum geflankt werden konnte.

Branimir Bajic ist inzwischen als Elfmeterschütze gesetzt. Er verwandelte in der zweiten Halbzeit zum erneuten Führungstreffer. Mit einem Steilpass hatte Jürgen Gjasula zuvor Ranisav Jovanović frei gespielt, der alleine von halblinks in den Strafraum zog und dort vom Sandhausener Torwart Danniel Ischdonat von den Beinen geholt wurde. Es wäre schön gewesen, der MSV hätte ein weiteres Tor nachgelegt. Doch das schlechte Torverhältnis ist nicht nur noch die Folge der hohen Niederlagen zu Beginn der Saison. Da bleibt noch weitere Trainingsarbeit beim Torschuss, damit die Zebras nicht im Zusammenschnitt der größten vergebenen Torchancen der Saison immer mit dabei sind. Andererseits besaß die dreistufige Chance in der Abfolge Jovanovic, Brosinski und Brandy mit der jeweils größer werdenden Wahrscheinlichkeit des Tores auch eine wunderbare Dramaturgie. Auf so etwas müssten wir dann verzichten. Aber was tut man nicht alles für den Erfolg.

Die Pressekonferenz mit dem Ausblick auf die Zukunft durch Kosta Runjaic, sowie die Stimmen nach dem Spiel von Goran Sukalo und Ranisav Jovanović:

Der Spielbericht bei Sky heute mal rüber geholt – leider ohne die Dreifach-Chance mit dem Moment, als Sören Brandy nur hätte einschieben müssen.

So ist das Geschäft

Tief durchatmen muss ich schon, wenn ich die Abgänge beim MSV Duisburg so deutlich vor Augen geführt bekomme wie in Tinas Liste. Beim Lesen des Fließtextes bei Der Westen beruhigt sich das Gemüt mit der Zeit, doch die reine Namensliste macht mich unruhig. Das hat weniger mit den Fakten selbst zu tun als mit Sentimentalität und noch nicht gefestigtem Vertrauen in die Arbeit beim MSV Duisburg. Meine Unsicherheit ergibt sich zwangsläufig, weil die sportlich Verantwortlichen zum ersten Mal die nun anstehende Aufgabe wirklich angehen. Der konzeptionellen Aufbauarbeit kamen bislang die Hoffnungen auf den Aufstieg immer wieder in die Quere.

Bislang glichen Spielerverpflichtungen dem Einzelmöbelkauf mit der vagen Idee, wir wollen es auf jeden Fall sehr wohnlich und sehr schön haben. Wir hatten schon ein paar Möbel, die uns gefielen. Dort gab es dann den günstigen Küchenstuhl dazu, ein Möbelhaus weiter den  Wohnzimmertisch und als wir schon an dem SB-Markt vorbeikamen, konnten wir die Lampe gleich auch mitnehmen. Das passende, uns gefallende Sofa konnten wir uns erstmal noch nicht leisten. Deshalb nahmen wir die zwei Sessel vom Nachbarn. Das hatte auch den Vorteil, sobald wir ausziehen müssten, könnten wir die wieder zurückgeben. Und wenn es ganz gut gekommen wäre,  hätten wir einen behalten und noch ein Sofa dazugenommen. Unser  Einrichtungsbevollmächtigter Bruno Hübner hat dabei meiner Meinung nach gute Arbeit geleistet, wenn ihm nicht gerade mal wieder jemand bei der Möbelauswahl reingeredet hat. So richtig wohl haben wir uns mit der Einrichtung aber doch nur bei der Aussicht auf baldigen Auszug in ein besseres Viertel gefühlt.

Nun wird das Ganze anders angegangen. Ersteinmal ist es klar, wir bleiben im Viertel, müssen uns aber mit einem Wohnungswechel verkleinern. Wahrscheinlich wohnen wir dort dann auch etwas länger. Deshalb können  wir viele Möbelstücke nicht mitnehmen. Vielleicht klappt es aber, nach und nach eine Einrichtung zu finden, die auf mittlere Frist und bei entsprechender Heimwerkertätigkeit zum Vorzeigestück in Schöner Wohnen wird. Wie gesagt, Bruno Hübner und Milan Sasic betreten Neuland. Wir können also nichts sicher erwarten, und wir können nur hoffen, dass wir uns bald wieder heimisch fühlen.

Zurzeit sieht die alte Wohnung sehr nach Umzug aus. Vor allem der bevor stehende Abschied von Nicky Adler macht mich jetzt schon etwas sentimental, auch wenn ich glaube, dass es im Kader für seine spielerischen Qualitäten Ersatz geben wird. Ich merke an dieser aufkommenden Abschiedswehmut, wie sehr es mir bei meinem Interesse für Fußball in meinem tiefsten Inneren nicht nur um Erfolg meines Vereins geht. In dieser Wehmut versteckt sich mein Bedürfnis nach Dauerhaftigkeit und emotionaler Verbindung. Spieler in der Mannschaft müssen mir für diese anderen Gefühle unabhängig vom Erfolg Gelegenheit geben. Auch wenn es im Reden über Fußball so wirkt, als seien die Vereine und ihre Geschichte die unzerstörbaren Kerne des Fußballs. Es ist nicht ausgemacht, dass das immer so bleibt. Irgendjemand im Verein muss diese ideelen Momente des Fußballs lebendig halten und zwar durch sein Handeln in der Gegenwart. Beschwörendes Reden hilft da ebenso wenig wie die Erinnerung an alte Zeiten.  Spieler wie Nicky Adler machen das. Sie sind keine überragenden Fußballer. Sie stehen aber für sämtliche Gefühle und Werte dieses Sports unabhängig vom Erfolg. Man konnte sich über vergebene Torchancen von Nicky Adler ärgern und über seine überhasteten Dribbelversuche schimpfen, dennoch begegnet man ihm bei seinem nächsten Spiel ohne Ablehnung. Sein Wert für den MSV Duisburg waren nicht die Tore sondern der Respekt gegenüber der Geschichte dieses Vereins, die sich in seiner Spielweise, bewusst und unbewusst, ausgedrückt hat. Auf alles das, was er als Spielertyp verkörpert, berufen wir Anhänger uns beim anekdotischen Erzählen über unser Fan-Dasein. Ohne Spieler wie Nicky Adler würde der emotionale Kern von Fußball nach und nach sterben. Deshalb beschleicht mich Wehmut, wenn ich an den Abschied von Nicky Adler denke.

Schade!

Manchmal verrennt man sich beim Nachdenken über ein Problem. Das Problem hieß: Misstrauen bei Betrachtung der zu erwartenden Leistung eines Fußballspielers zum Ende der Saison hin. Ich habe vorgestern die Verantwortung für die Lösung des Problems zu einseitig bei denjenigen gesehen, die mit dem Fußball ihr Geld verdienen. Die Zuschauer des Fußballs stehen aber ebenfalls in einer Verantwortung. Die Spieler kamen gestern ihrer Verantwortung nach, ein Teil der Zuschauer nicht. Diese Mannschaft des MSV Duisburg wollte gestern gewinnen. Diese Mannschaft versuchte, was ihr möglich war. Was sollen da Pfiffe im Stadion? Vor dem Spiel gegen Christian Tiffert, während des Spiels gegen die Mannschaft, als nach der Halbzeitpause zunächst die Versuche immer wieder scheiterten, den Ball kontrolliert in Tornähe zu bringen.

In den Fußballspielen der Gegenwart erleben wir sowohl in Bundesliga als auch in der 2. Liga so häufig solche Spielverläufe. Die Defensive  beider Mannschaften steht sehr gut und die fortwährenden Angriffe der einen Mannschaft wirken in Strafraumnähe oft hilflos. Es ist so viel einfacher, im Training die kollektive Bewegung gegen den Ball führenden Spieler zu üben als den Angriff. In Ballbesitz kommt es für den Erfolg viel mehr auf die technische Fertigkeit jedes einzelnen Spielers an. Es ist eine Binsenweisheit, dass der Raum für den Ball und damit der Raum, das Spiel zu gestalten, so gering geworden ist. Wo setzt man also beim Training an?

Zu sehen war eine zu Beginn sehr entschlossene Mannschaft des MSV Duisburg, die wusste, sie muss dieses Spiel gewinnen. Doch wir sahen wieder, wie schwierig es im heutigen Fußball ist, die Verantwortung für das Spielgeschehen zu übernehmen, ohne in der Defensive große Lücken zu schaffen. Gestern spielte der MSV Duisburg in der Defensive wirklich gut. Dennoch wurde Ballverlust manchmal gefährlich, weil unsere Außenverteidiger diese Vorwärtsbewegung mit unterstützen müssen, um den notwendigen Druck auf den Gegner zu erzeugen. Die Ballverluste geschehen aber. Diese Mannschaft steht also immer vor der Aufgabe, den notwendigen Druck zu erzeugen, ohne die Kontermaschinerie des Gegners zu füttern. Das gelang gestern gut, im Vergleich zu so vielen anderen Spielen der Saison, in denen die Mannschaft offensiv spielen sollte. Dass in der Vorwärtsbewegung eine gesicherte Ballkontrolle selten mit einer gefährlichen Aktion endete, ergibt sich aus dem Zusammenwirken von guter Defensive der Fürther und den spielerischen Möglichkeiten während der Vorwärtsbewegung des MSV Duisburg. Die Angriffe kann die Mannschaft über das gesamte Spiel hin nicht so präzise vortragen, wie es nötig wäre, weil die technischen Fähigkeiten der einzelnen Spieler bei der Ballverarbeitung nicht dauerhaft so gut sind, um Angriffe mit vielen zwingenden Chancen abzuschließen.

Die großen Chancen in der zweiten Halbzeit ergaben sich deshalb durch Standardsituationen. Wer darauf hinweist, um zu mäkeln, dem sei gesagt, das ist bei anderen Mannschaften, auch der Bundesliga, häufig nicht anders; und auch diese Standardsituationen müssen erst einmal erarbeitet werden. Außerdem: wann haben wir diese mehrmalige Torgefahr nach Ecken und Freistößen das letzte Mal gesehen? Fahrenhorst an den Pfosten und zweimal knapp vorbei.  Tiago, dessen wuchtigen Kopfball der Fürther Torhüter Max Grün mit einem beeindruckenden Reflex hält. Nicky Adler mit einem Kopfball kurz vor Spielende an den Pfosten. Das sind nur die Chancen, an die ich mich ganz klar erinnere. Es waren mehr, und es ist schade, dass nicht eine dieser Chancen zum Tor wurde.

Will man Kritik üben, muss man in der ersten Halbzeit ansetzen, als nach etwa 25 Minuten mit einem Mal Unsicherheit in der Mannschaft zu spüren war. Der Grund waren Fehlpässe im Mittelfeld. Im Gegensatz zur zweiten Halbzeit, in der die Angriffe des MSV Duisburg erst in Strafraumnähe mit einem zu unpräzisen Pass endeten, wurden in der ersten Halbzeit die Bälle auf einfache Weise hergegeben. Deshalb kamen die Fürther ins Spiel zurück und fühlten sich mit jeder Balleroberung wieder etwas stärker. So kam es zum von Caiuby verursachten Elfmeter, den Tom Starke mit eindrucksvoller Parade hielt. Die Begeisterung, mit der seine Mitspieler ihm danach gratulierten, zeigte ebenfalls, wie motiviert die Mannschaft war.

In einer idealen Fußballwelt würde dieses Spiel gegen die SpVgg Greuther Fürth von den Zuschauern genommen, um sich trotz aller Enttäuschung mit dem MSV Duisburg verbunden zu fühlen. In dieser idealen Fußballwelt könnte der Verein mit ein wenig Abstand die Fehler vor allem der ersten Halbzeit noch einmal benennen. Es könnte überlegt werden, dass im mittelfristigen Trainingsplan auf jeden Fall Laufwege beim Konterspiel einen Platz finden müssten. Und schließlich könnte auf kurze Frist mit dem Vertrauen auf die verbesserte Stimmung im Umfeld an das Spiel in Augsburg gedacht werden – das ja als Auswärtsspiel vielleicht mal wieder mit einem Sieg enden könnte. Ich bin gespannt, welche Momente der idealen Fußballwelt ich in der Wirklichkeit vorfinde.

Einfach nur Hoffen können wäre schöner

Eigentlich ist es ganz einfach. In jedem Fußballspiel geht es darum zu gewinnen. Noch aus dem belanglosesten Fünf gegen Fünf auf Tore, die durch Sporttaschen markiert werden, kann ein hartes Kämpfen um den Moment des absoluten Glücks werden, den Sieg. War ich irgendwo Teil einer Mannschaft, egal in welchem Sport, gab es immer genügend Spieler, deren Ehrgeiz nicht nur von der einzelnen gelungenen Spielaktion befriedigt wurde, sondern die bei Spielende den Gegner bezwungen haben wollten. Im Wettkampf werden archaische Gefühle lebendig, und ein Spiel entwickelt deshalb eine auf den Tag bezogene Bedeutung des Spielausgangs.

Werden diese archaischen Gefühle auch bei Berufsfußballern am Ende einer Saison lebendig, wenn ihre Mannschaft nur noch geringe Chancen hat, das gesteckte Ziel zu erreichen oder wenn es sogar um nichts mehr als das Ergebnis des aktuellen Spiels geht? Am Sonntag spielt der MSV Duisburg gegen die SpVgg Greuther Fürth, und es herrscht eine zwiespältige Stimmung rund um den MSV Duisburg. Rechnerisch gibt es noch die Chance den dritten Platz zu erreichen, und die Art und Weise, wie viele an dem Verein Interessierte mit dieser Chance umgehen, weist über Skepsis angesichts des Saisonverlaufs hinaus. Für viele am MSV Duisburg Interessierte ist es fraglich, ob sowohl alle Spieler als auch die Verantwortlichen im Verein diese Chance wirklich wahrnehmen wollen. Dieses Misstrauen scheint mir ein Symptom zu sein für ein Missverhältnis zwischen der Sehnsucht nach dem Fußball als sportlichem Vergnügen und den Strukturen, die für das Funktionieren dieses Sports als Unterhaltungsbranche notwendig sind.

Aus dem Verein heraus gibt es von der Spielerseite her eine klare, professionelle Haltung zu den restlichen Spielen der Saison, die etwa von Tom Starke und Nicky Adler deutlich gemacht wird. In ihrer Haltung drückt sich Realismus aus, der für die Hoffnung auf das Erreichen des unwahrscheinlichen dritten Platzes dennoch genügend Raum lässt. Lese ich das, vertraue ich ganz der eigenen Dynamik eines jeden Spiels, weil auch ein  Berufsfußballer grundsätzlich an Siegen größere Freude hat als an Niederlagen. Was weckt nun Skepsis?

Auch bei mir stellt sich etwa eine andere Stimmung ein, wenn die nächste Saison den Schwerpunkt der Berichterstattung über den MSV Duisburg darstellt. Ivica Grlic hat Lust bei einem Neuanfang des MSV Duisburg zu helfen. Die Zukunft von Christian Tiffert hat sich als „Teufel aus Überzeugung“ geklärt. „Tiago hängt beim MSV in der Warteschleife„, und es wird gefragt, ob Marcel Herzog die neue Nummer eins wird. Die Zukunft als Thema der Artikel trübt angesichts der ungewissen Aussichten für den MSV Duisburg naturgemäß jegliches Gefühl der Hoffnung ein. Denn dabei geht es nicht in erster Linie um den Sport, dabei geht es vor allem um den MSV Duisburg als ein Unternehmen der Unterhaltungsbranche Fußball und als Hintergrund der einzelnen Geschichten klingen die Rahmenbedingungen für das Wirtschaften dieses Unternehmens an. Hoffnung auf den Erfolg im Augenblick spielt in diesen Artikeln, wenn überhaupt, nur am Rande eine Rolle.

Rückt aber der Verein als Wirtschaftsunternehmen in den Blick, gerät unser Empfinden sofort unter den Einfluss ökonomischen Denkens. Die Kategorien für die Motivation in einem Spiel heißen dann nicht mehr Sieg oder Niederlage sondern Gewinn oder Verlust. In dieser Perspektive werden die Berufsfußballer zur Projektionsfläche des eigenen Verhaltens. Wir kennen das nämlich aus unserem Alltag: Nicht jeder von uns arbeitet jeden Tag mit derselben Intensität und Effizienz, die von uns gefordert wird. Wir kennen ebenfalls den Abschied vom Arbeitsplatz, der schon einige Zeit vor dem letzten Arbeitstag beginnt. Und wir alle überlegen immer wieder sehr gut, wie und wo wir günstige Angebote wahrnehmen und wo unser Einsatz sich lohnt.

Unser Misstrauen wirkt wie eine passiv-aggressive Kritik an den so lange einzig gültigen Werten unserer Gegenwart. Wir wollen es auf dem Platz spüren, wie sehr dort die Berufsfußballer sich für unseren Verein einsetzen und damit für einen anderen Wert als das Geld. Das gelingt immer weniger, je länger die Saison andauert und ein erhoffter Erfolg sich nicht einstellt. Sowohl Spieler als auch Zuschauer müssen dann mit dem Widerspruch umgehen, dass im Spiel individueller Gewinn jedes Spielers und mannschaftlicher Sieg nicht mehr per se zusammen fallen. Je länger die Saison andauert, desto heller erleuchtet wird daher eine Leerstelle in der Unterhaltungsbranche Fußball, die Berufsethos heißt. Was erhält ein Verein, wenn ein Fußballspieler seine Arbeitskraft verkauft? Wie groß wird die Bereitschaft an körperliche Grenzen zu gehen? Es ist sinnlos, solche Fragen an einzelne Spieler zu richten und jemanden Söldner zu schimpfen, wenn er dem Wunsch der Zuschauer nach Leistung nicht nachkommt.

Nehmen wir vergleichsweise einen Musical-Künstler. Muss dieser eine besondere emotionale Beziehung zu seinem Musical-Theater aufbauen, damit ihm ein guter Auftritt gelingt?  So eine Beziehung kann sich entwickeln, notwendig ist sie nicht. Denn so ein Musical-Künstler ist neben der einzelnen Bühne auch seinem Handwerk verpflichtet. Das reicht. Ich habe den Eindruck, bei den Spitzenvereinen ist der Fußball auf diesem Niveau der Professionalisierung als Unterhaltungsbetrieb angekommen. Doch schon im unteren Tabellendrittel der Bundesliga klagen Anhänger über Söldnertum in ihren Vereinen.

Noch fehlt in der Unterhaltungsbranche Fußball solch eine Selbstverpflichtung der Akteure auf eine höhere Idee. Institutionell drückt sich das im Nebeneinander von DFB und DFL aus – beim DFB kümmert man sich um die Idee, bei der DFL um das Geschäft. Nur zu Beginn einer Saison wird die Leerstelle durch die Verpflichtung zum Verein besetzt. Doch was geschieht am Ende einer Saison. Ich weiß es nicht. Deshalb muss ich am Sonntag mein Misstrauen besänftigen und auf die Kraft archaischer Gefühle hoffen. Sich keine Gedanken über die Interessenlage von Spieler und Verein zu machen und einfach nur auf den Sieg hoffen können wäre aber schöner.

Wärmer als in Cottbus ist noch kalt genug

Die Siegesserie reißt nicht. Bereits drei von drei Auswärtsspielen gewann der MSV Duisburg, wenn ich mir den Verein aller Vereine  zusammen mit dem befreundeten Schalke-Fan vor einem Fernseher in Köln-Nippes angesehen habe. Mein unmittelbarer Kontakt mit der Schalke-Aura wird nicht jedem gefallen, doch wie ich uns Menschen kennen gelernt habe, können sorgsam gepflegte Feindschaften Grenzen überwindende Freundschaften normaler Weise gut vertragen.

Dieser 1:0-Sieg in letzter Minute gehört in die Klasse jener Spiele, um deren Bewertung im Nachhinein noch etwas gerungen wird. Nicht, weil das Tor so spät fiel, sondern weil beide Mannschaften ihre Chancen hatten und keine von beiden der anderen deutlich überlegen war. So können sich die Cottbusser ihren Ärger wegen des späten Tores von der Seele reden und sich dem tröstenden Glauben hingeben, sie hätten eigentlich mit drei oder vier Toren führen müssen. Aus so einer Perspektive ist der Sieg des MSV Duisburg natürlich glücklich gewesen.

Vergessen werden dabei nicht nur die zwei Großchancen des MSV durch Srdjan Baljak in der ersten Halbzeit und Anfang der zweiten Halbzeit sondern auch die gesamten letzten zehn Minuten. So etwas lindert natürlich unangenehme Gefühle. Verantwortung für das eigene Handeln übernimmt man so aber nicht. Abspaltung nennen das Psychotherapeuten. Wenn „Pele“ Wollitz da nicht aufpasst, verfestigt sich so etwas, und man wird für seine Umwelt ganz wunderlich.

Deshalb wehren sich zurecht gegen diese eindeutige Wertung sowohl Milan Sasic, „Das war kein Glück, sondern Können“, als auch Ivica Grlic im Interview mit Marco Röhling, „von unverdient oder glücklich zu reden? Nö, muss nicht sein.“ Doch warum spricht Tom Starke dann vom „Quentchen Glück“, das der MSV gehabt hatte? Natürlich richtet er als Torwart seinen Fokus mehr auf die Chancen des Gegners als Ivo. Doch noch etwas anderes spielt da hinein, und das gibt mir Gelegenheit auf zwei Bedeutungsdimensionen des Wortes Glück hinzuweisen.

Wir sprechen nun einmal nicht allzu oft von denselben Dingen, wenn wir dieselben Worte in den Mund nehmen. Sich verstehen grenzt oft entweder an ein Wunder oder ist ohnehin nichts weiter als ein Missverständnis. Es gibt dieses Glück, von dem die Cottbusser reden und das Milan Sasic und Ivo Grlic mit Recht bestreiten. Dieses Glück ist der Zufall, jener Lottogewinn, der über einen kommt, ohne dass man mehr dazu getan hat als den Schein abzugeben. Dann gibt es aber auch dieses Glück von dem Tom Starke spricht. Das ist weniger ein Ereignis als ein andauernder Zustand. Es ist die Gunst der Götter, eine unsichtbare Macht, die es gut mit einem meint. Dieses Glück ist die schützende  Energie, die die alltägliche Anstrengung eines jeden mal mehr mal weniger unterstützt. Dieses Glück muss man sich erarbeiten. In diesem Sinne nur war der Sieg des MSV Duisburg glücklich.

Und verdient war er deshalb auch. Denn die Mannschaft hat bis zur letzten Minute versucht, das Tor zu erzielen. Wobei mir auffiel, wie sehr der Druck zunahm, nachdem Nicky Adler eingewechselt wurde. Zugegeben, wieder vergab er eine Großchance, doch seine Leistung stabilisiert sich. Eine Aktion wie seinen Übersteiger im Strafraum mit torgefährlichem Abschluss habe ich noch vor wenigen Wochen von ihm nicht für möglich gehalten. Da war er der unermüdliche Sprinter, der notfalls auch durch den Gegner hindurchlaufen wollte und den Ball dabei immer wieder auch mal vergaß. Da hat sich was getan, keine Frage.

Vor seiner Einwechslung hatte ich jedenfalls nicht das Gefühl, der MSV könne noch einmal torgefährlich werden. Richtig zwingend wurde da nichts mehr nach den ersten Aktionen in der zweiten Halbzeit. Da fürchtete ich eher einen erneuten langen Pass auf Cottbussens Kweuke. Gleichzeitig war ich dennoch mit der Leistung in der Defensive  zufrieden. Beim Spiel nach vorne haperte es ein wenig, das war gestern nicht so präzise wie in den Spielen zuvor. Was aber an den eisigen Temperaturen gelegen haben mag.

Trotz des perfekten Zusammenspiels der beiden Winter-Neuzugänge bei dem Siegtor ist Dario Vidosic auf dem Platz längst nicht so präsent wie Srjdan Baljak. Allerdings kann ich mich auch an keinen neuen Spieler beim MSV Duisburg erinnern, der sich sofort derart gut in die Mannschaft eingefügt hat wie der Ex-Mainzer. Erneut waren sowohl seine Einzelaktionen als auch sein Zusammenspiel mit den Mitspielern auf einem Niveau, das die spielerische Leistung der Mannschaft mitträgt.

Als ich nach Hause fuhr, war es in Köln um die zehn Grad wärmer als in Cottbus. Bei aller guten Laune noch immer kalt genug. Doch der Gedanke an den Freitag hat da weiter geholfen. Da wurde mir sofort wärmer, wenn ich an die vier punktgleichen Mannschaften dachte und die Möglichkeit, dass auch die Kaiserslauterner und St. Pauli bald schon nicht mehr allzu weit von diesen vier Vereinen entfernt sein könnten. Das kann spannend werden. Wobei ich das nicht all zu lange brauche. Wärmer wird es in den nächsten Wochen ohnehin.

Wellness-Therapie zum Rückrundenauftakt

Den angestrengten Arbeitsalltag überwinden manche Zeitgenossen ja gerne auch mit dem Besuch von sich selbst so nennenden Wellness-Oasen, -Paradiesen und dergleichen. Bei Ayuverda-Massage und japanischer Kräuter-Sauna braucht es dann nur noch die entsprechend hohen Eintrittspreise und schon fühlt man sich unweigerlich so richtig well.

Die Spieler des MSV Duisburg versuchten es nach ihrem harten Trainingsalltag gestern einmal mit dem Wellness-Tempel MSV-Arena und ein wenig sportlicher Betätigung. Diese Spieler fühlten sich irgendwann so wohl, dass es ansteckend wirkte. Die Zuschauer des Spiels waren ja von vornherein gerne bereit, die Hochstimmung zu teilen. Aber dass auch ein Linienrichter gegen Ende des Spiels so guter Dinge war, dass er Bonus-Geschenke verteilte, erstaunt doch sehr. Schön für ihn und für Christian Tiffert, der nun auf die Reporterfrage nach dem kuriosesten Tor seiner Karriere endlich eine originelle Antwort besitzt: Jener Lattentreffer mit anschließendem Abprallen des Balles ein bis zwei Meter vor die Linie zum 5:0 des MSV Duisburg gegen den FSV  Frankfurt.

Schon die Aufstellung deutete an, das Spiel könnte ein Versuch des Trainergespanns sein, stimmungsaufhellend wirken zu wollen.  Caiuby stand von der ersten Minute an auf dem Platz, und vielleicht konnte ja dieses überraschende Vertrauen seine von irgendwem einmal wahrgenommenen Qualitäten wieder beleben. So richtig gut ist es für ihn trotz seiner Flanke zum 1:0 und einiger erkämpfter Bälle nicht geworden, aber so richtig schlecht, wie wir es von ihm gewohnt sind, war es auch nicht. Einen Stammplatz erspielen sieht aber anders aus.

Da sollte er sich Srdjan Baljak zum Vorbild nehmen. Was für ein starkes erstes Spiel für den MSV Duisburg! Nicht nur, weil er mit einem technisch anspruchsvollen Schuss nach einer glänzenden, ebenso anspruchsvollen Ballannahme das 1:0 erzielt hat. Er strahlt Gefahr aus, weil sein Spiel nicht leicht ausrechenbar ist. Er hat einen schnellen Antritt, ist dribbelstark und sieht dennoch die Abspielmöglichkeiten. Die Abstimmung mit den Mitspielern war natürlich noch nicht immer vorhanden, aber diese Zahl von Pässen ins Nichts gab es im Spiel des MSV auch schon mal in einer längst eingespielten Mannschaft. Bleibt also festzuhalten, mit Baljaks Verpflichtung hat Bruno Hübner doch sehr wahrscheinlich alles richtig gemacht.

Der MSV begann das Spiel gegen den FSV Frankfurt stark, druckvoll und ich war mir sicher, der Führungstreffer würde schnell fallen. Er fiel dann in der 13. Minute so früh, dass der Mannschaft genügend Zeit in der ersten Halbzeit blieb, die Zuschauer allmählich zu beunruhigen. Der MSV ließ in seinem Zug zum gegnerischen Tor nach und trotz der begrenzten spielerischen Möglichkeiten kam der FSV Frankfurt immer öfter in die Nähe des Tores von Tom Starke. Vielleicht aber wollte der Rest der Mannschaft  Tom Starke auch nur einmal das Gefühl gönnen, sich wohl zu fühlen, wenn er eine große Chance der Frankfurter verhindert. Die gab es, als nach einem steilen Pass der Frankfurter Sebastian Göbig alleine auf Starke zulief. Der Starke-Klassiker „Fußbabwehr auf der Linie“ verbreitet im Übrigen auch bei den Zuschauern besonders dann großes Wohlgefühl, wenn das mögliche Unheil für einige Zeit bei seiner Entwicklung beobachtet werden kann.

Dem Spiel des MSV Duisburg war deutlich die strenge taktische Anweisung anzumerken, den Ball kontrolliert aus der eigenen Hälfte nach vorne zu bringen. Das führte zu Kurzpassspiel auf Höhe des Elfmeterraums, was leicht gewöhnungsbedürftig ist in Duisburg, weil sich das Vertrauen in dieses kontrollierte Spiel erst entwickeln muss. Ich glaube außerdem, ich muss Björn Schlicke mal ein wenig zur Seite springen, der von vielen Fans ob seiner Leistungen angefeindet wird. Nun war er auch gestern nicht der sicherste Innenverteidiger, und dennoch gilt es festzustellen, dass er für den Erfolg der Mannschaft das spielerische Terrain zu verlassen versucht, auf dem er sich sicher fühlt.

Wir wissen, dass er in Bedrängnis sehr viel lieber den Ball wegschlagen würde und wir sahen aber auch, wie er dieses Mal immer wieder diesen befreienden Schlag vermieden hat. Das wirkte holprig und er schien manchmal überfordert, dennoch ist es ihm anzurechnen, dass er etwas versucht, was seinem ureigenen Spiel erst einmal nicht entspricht. Darüber hinaus war er nicht alleine mit diesen Schwierigkeiten. Der FSV Frankfurt war deshalb ein guter Übungspartner, um das kontrollierte Spiel zu verbessern. Es wurde nicht allzu gefährlich, wenn der Ball durch die Frankfurter schnell wieder dorthin zurück kam, wo er sich drei  kontrollierte Pässe vorher gerade noch befunden hatte.

Björn Schlicke hatte übrigens großes Glück kurz vor der Pause nicht zumindest mit gelb-rot bedacht worden zu sein. Als der Schiedsrichter nach Schlickes zweitem Foul vor der Auswechselbank der Frankfurter dorthin eilte, war dessen Hand, so meine ich,  schon bei der Karte und dann erst erkannte er, dass da jener Spieler des MSV lag, dem er bereits gelb gezeigt hatte. Daraufhin beließ er es beim Freistoß.

Und dann ist da noch ein Ivo Grlic, dem ich die Ovationen nach seiner Auswechslung so sehr gönne. Er öffnete nicht nur immer wieder durch kluge Pässe das Spiel, sondern erneut schoss er zu einem wichtigen Zeitpunkt ein Tor. Dieses 2:0 kurz vor der Pause war der Sieg. Selbst wenn es die rote Karte gegen den Frankfurter Lagerblom nicht gegeben hätte, die Frankfurter waren nach dem Wiederanpfiff zu harmlos und nicht entschlossen genug. Da wurde in der zweiten Halbzeit nicht für einen Moment die Erinnerung an das Spiel gegen RW Ahlen geweckt.

Dem Klima des Wohlbefindens war es auch zuträglich, dass Olcay Sahan der Torschütze zum 3:0 wurde. Es war die Belohnung für eine immer besser werdende Leistung. Technisch beschlagen ist er ja ohnehin, doch seine Durchsetzungsfähigkeit hat sich sehr verbessert. Er braucht nicht mehr unbedingt viel Raum für sein Spiel. Auch wenn es eng wird, behauptet er den Ball in größter Bedrängnis – manchmal gegen drei Gegenspieler.

Außerdem war auch Nicky Adler eingewechselt worden, und er erhielt die Gelegenheit sein Karlsruher Torschusstrauma durch klassische Gegenkonditionierung zu verarbeiten. Wiederholte sich doch da eine Spielsituation, als er halbrechts den Ball im schnellen Lauf erhielt und ihn sich, so sah es fast aus, zu weit vorlegte und er daraufhin in eine etwas ungünstigere Schussposition leicht nach außen getragen wurde. Dieses Mal traff sein Schuss aber zum 4:0 ins Tor. So gehört es sich in einem Klima des Wohlbefindens auch.

Ich könnte mich mit der MSV-Arena als meinem persönlichen Wellness-Tempel gut anfreunden. Allerdings habe ich keine Illusionen darüber, dass es sich dabei um ein Wandergewerbe handelt. Auch wenn die Mannschaft gegen einen wirklich starken Gegner da weitermacht, wo sie gestern noch ein bisschen üben durfte, wird es solch entspannende Wohlfühlmomente in Duisburg-Wedau nicht allzu oft geben.

Ivo, geh du voran! Den Rest erledigt die Mannschaft dann

Mitfiebern! Das hieß am Freitagabend für mich, auch einmal die eigentliche Bedeutung dieses sonst nur bildhaft gebrauchten Wortes auszuprobieren. Was mir neben der  Freude über das Ergebnis des Spiels vom MSV Duisburg beim Karlsruher SC zudem die Gelegenheit gab, das Gefahrenprogramm meines Körpers mal wieder so richtig in Aktion zu erleben. Sämtliche biochemischen Prozesse verlaufen weiterhin so wie schon in jenen ostafrikanischen Zeiten des ersten tastenden Menschseins. Das kann ich zufrieden feststellen. Im Verlaufe des Spiels habe ich mich immer gesünder gefühlt. Gerade bei dem zunehmenden Ballbesitz der Karlsruher in der zweiten Halbzeit hätte ich ohne Probleme aufspringen und vor dem nahenden Fressfeind wegrennen können. Dauerhaft gesund ist der fiebernde Urzeitmensch nach so einem Hormonschub aber auch nicht gewesen. Der brauchte nach seiner Rettung erst recht den heilsamen Schlaf. Der eine oder andere Tag Ruhe, zusammen mit etwas Pflege durch die Sippe ist außerdem auch nicht schlecht. So erweist sich der Mensch besonders in Notfällen als soziales Wesen, was ihn, wie wir wissen, als Art ja einigermaßen erfolgreich gemacht hat.

Der MSV Duisburg gibt gerade ebenfalls ein weiteres Beispiel für die Wirksamkeit von sozialem Zusammenhalt ab. Sämtliche Spieler, die noch spielbereit sind, versuchen in ihren aktuellen Möglichkeiten alles zu geben, was sie können und agieren als Einheit auf dem Platz. Sie dehnen Grenzen vor allem ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit aus. Das macht jeder einzelne deshalb, weil er sich darauf verlassen kann, dass sein Nebenmann das ebenfalls so macht. So wird ein  Sieg möglich, den wir als Fans zwar erhofft haben, der aber nach rein rationaler Betrachtung der gegebenen Lage nicht sehr wahrscheinlich war.

Mitgefiebert habe ich in einer persönlichen Simultankonferenz am PC. Aus den Lautsprecherboxen im Hintergrund hörte ich Marco Röhling übers Web-Radio, während das zweite geöffnete Fenster des Browsers den erleichertenden Ausgang der von Marco Röhling immer sorgenvoller kommentierten Szene bereits im Live-Bild zeigte. Auf diese Weise war es für mich einigermaßen aushaltbar, das Spiel zu verfolgen. Daraus ergeben sich interessante Gedanken am Rande. Was ist live, wenn die Live-Signale zeitversetzt ins Haus kommen? So viel Technik steckt heute manchmal hinter der Konstruktion von Wirklichkeit.

Deshalb war ich bereits zu all den vergebenen Chancen klagend aufgesprungen, als Marco Röhling den Torschrei noch auf den Lippen hatte. Was tat nicht Nicky Adler alles dafür, um den Ball ins Tor zu schießen. Er schaffte es nicht.  Kein Vorwurf an ihn. Er geht an seine Grenzen. Dennoch bin ich enttäuscht, wenn er nicht trifft, oder das eine Mal nicht in die Mitte spielt, wo Sahan den Ball unbedrängt hätte einschieben können. Allerdings hätte ich mich bei Adlers Torerfolg dann auch am Ende des Spiels genauso fiebrig gefühlt wie zu Beginn. Dann hätte es zur Halbzeit mindestens zwei zu null gestanden und meine Aufregung hätte sich in Grenzen gehalten, weil in Halbzeit zwei das drei zu null durch Adler gefallen wäre. Änis Ben-Hatiras Kopfball ins Tor statt an die Latte hätte natürlich denselben Effekt gehabt.

Für die Tore aber ist zurzeit nur einer zuständig. Ivo Grlic! Was hat der Mann für einen Lauf! Wie lange traf er solche Freistöße in aller Regelmäßigkeit nicht mehr? Und nun findet er jene Schusssicherheit wieder, die er vor zweieinhalb Jahren schon einmal bewiesen hat. Wie wichtig er in dieser Mannschaft zudem als beruhigende Anspielstation ist, zeigte sich in der zweiten Halbzeit nach seiner notwendig gewordenen Auswechslung. Von dem Moment an blieb der Ball kaum einmal länger in den Reihen des MSV Duisburg. Deshalb vor allem wurde es immer aufregender. Nicht weil das Spiel der Karlsruher die ganze Zeit über so zwingend geriet, wie es zu Beginn der zweiten Halbzeit zunächst den Anschein hatte. Aber je öfter jemand die Gelegenheit zum Schrotschuss erhält, desto wahrscheinlicher ist ein Treffer auch mal per Zufall.

Das Spiel folgte am Ende den Regeln klassischer Dramaturgie. Die Spannung wurde auf hohem Niveau gehalten durch die breit vorgetragenen, aber kaum bis zu Starke  kommenden Karlsruher Angriffe, damit sie schließlich zu einem letzten Höhepunkt gesteigert werden konnte, als den Karlsruhern ein Flügellauf über die linke Seite gelang, der das Unglück fast wirklich werden ließ. Unser Held, die Mannschaft des MSV Duisburg, rettete sich aber in einem letzten großen Aufbäumen, nachdem mit Schlicke und Starke schon zwei der üblichen Retter überwunden waren und im Strafraum, knapp vor dem leeren Tor ich-weiß-nicht-mehr-wer den Ball vor allen möglicherweise heran eilenden Karlsruher Spielern weit weg schlagen konnte. Danach war Schluss und die Begeisterung groß.

Wenn ich nach so einem Spiel schon wieder nach vorne schaue, geschieht das zum einen mit zwei Tagen Abstand, in denen ich mich schon ausgiebig gefreut habe, zum anderen aber auch aus einem Rätseln heraus. Am Freitagabend fand Caiuby einmal mehr nicht den Anschluss an das Niveau des Mannschaftsspiels. Er muss innerhalb dieser derzeitigen Mannschaft nicht einmal gut spielen, sondern bereit sein, sich anzustrengen und jeden Fehler der egal von wem passiert, wieder auszubügeln. Änis Ben-Hatira hat das verstanden. Wenn auch in Karlsruhe für einen Moment ein kurzer Rückfall in alte Gewohnheiten zu sehen war und er Tiago nach einem zu spät gegebenen Pass anmeckerte. Was aber geht in Caiuby vor? Als Zuschauer erkennt man das nicht und ich frage mich, ob die sportlich Verantwortlichen das wissen. Das ist eine ernsthafte Frage. Der Spieler selbst gibt durch seine Leistung bislang dazu wenig Auskunft. Verstärkt seine individuelle Spielanlage diesen lethargischen Eindruck, den er jeweils macht? Dann wäre der Weg für Caiuby zu einer passablen Leistung nicht ganz so weit. Denn Nicky Adler könnte da vorne ein wenig Entlastung gut gebrauchen.

Das neue Verhältnis zum Spiel

So fühlt sie sich also mal wieder an, diese interesselose Neugier auf das Spiel. Beißender Ärger oder großer Jubel sind der stillen Zufriedenheit gewichen, als ich zum Ende der ersten Halbzeit mir kurz den Live-Ticker durchlese und mich danach endlich einmal wieder an Marco Röhling bei Radio DU erfreuen konnte. Ich lese also von der sicheren Führung des MSV Duisburg. Zudem wecken gelbe Karten und die Verletzten bei mir die Vorstellung von ruppiger Zweitligawelt, aber auch von Ungeschicklichkeiten der Spieler und der damit verbundenen Verletzungsgefahr. Letzteres ist nicht ein unfreundliches Vorurteil gegenüber den technischen Fähigkeiten und der Körperbeherrschung der Spieler auf dem Platz, sondern eine Reiz-Reaktions-Kette Pawlowscher Art, die sich in mir über die letzten Jahre hin verfestigt hat und nur durch eine lang andauernde Gegenkonditionierung durch mehrmonatige Beobachtung von sehr gutem Kombinationsfußball durch den Verein aller Vereine wieder aufhebbar ist.

Der MSV gewinnt also, Peter Neururer ist mit der zweiten Halbzeit überhaupt nicht zufrieden und Nicky Adler zeigt anscheinend endlich einmal auch im Spiel, weshalb er neulich einen Vertrag unterzeichnen durfte. Dumm, dass ich das nicht habe sehen können. Ich hoffe, seine Leistung wiederholt sich im nächsten Heimspiel.

So geht es also ruhig ins Wochenende, gleich werde ich noch einmal in die Gerüchteküche hineinschauen. Mal sehen, welche herumschwirrenden Namen da gerade wieder zu schmackhaften Gerichten vorbereitet werden.  Da frage ich mich, ob ich nicht auch einmal das Gefühl genießen möchte, der Urheber eines einzigartigen Gerüchtes zu werden. Sich unsterblich machen mit dem sicheren Wissen aus einer vertraulichen Quelle zur bevor stehenden Neuverpflichtung eines gestandenen, herausragenden Mittelfeldspielers; einer, der angesichts der Wirtschaftskrise und des fast tödlichen Autounfalls eines nahen Freundes erkannte, dass Geld nicht alles im Leben ist. Glücksgefühle wie beim Aufstieg nach einer langen Zweitliga-Saison machen so ein Leben nämlich auf eine ganz andere Weise reicher als es mit Geld jemals möglich wäre.

Zur Beruhigung denke ich an Nicky Adler

Normalerweise gebe ich ja hier einen Einblick in meine Gefühlswelt nur dann, wenn das mich beschäftigende Spiel schon stattgefunden hat. Ein bisschen Mehrwert über das reine Fantum hinaus sollte nämlich aus meiner Sicht so ein Text schon haben. Dass ich allmählich unruhig werde, muss man doch wahrscheinlich niemandem, der heute Abend ins Stadion geht, erzählen. Es sind noch 5 Stunden  und 15 Minuten bis zum Anpfiff, noch 2 Stunden 45 Minuten sind es, bis ich aufbreche, und in 2 Stunden 44 Minuten werde ich ein drittes Mal kontrollieren, ob ich meine Eintrittskarte eingesteckt habe. Nur das jetzt zu schreiben, genügt meinen Ansprüchen nicht, schließlich kennen wir als Anhänger des Vereins aller Vereine alle die Bedeutung des heutigen Spiels. Aber irgendwas muss ich jetzt tun. Wie schon Tom Starke in „Mitten in Meiderich“ sagte, nein, das ist kein Endspiel. Es ist eben nur sehr wichtig. Ja, doch, wirklich wichtig. Aber auch wenn wir verlieren sollten, ist noch alles drin. Es wäre aber besser, wir verlieren nicht. Daher ist es schon wirklich ganz wichtig. Ein … nein, das Wort haben wir nicht, kein Sechs-Punkte-Spiel. Das wäre jetzt zu wichtig. Aber irgendwie fast ein Vier-Punkte-Spiel? Eben ein bisschen mehr als wichtig.

Voraussichtlich wird Peter Neururer endlich auch mit dem Publikum zufrieden sein. 17.500 Karten sind schon verkauft. Da sollten es dann nun gegen Mainz 05 die schon gegen Freiburg anvisierten 20.000 Zuschauer werden. Es zieht mich also gedanklich alles nach Duisburg, dabei muss ich vorher noch in Köln ein Mittagessen kochen und eine Mail gibt es auch noch zu beantworten. Irgendwas zum Ablenken wäre nicht schlecht, auch wegen des Mehrwertes hier. Deshalb will ich ab jetzt bis gleich immer mal wieder über den Zweijahresvertrag für Nicky Adler nachdenken. Nicky Adler muss ja im Training sehr gut sein. Kann das jemand bestätigen? In einem Spiel dieser Saison habe ich nicht einmal im Ansatz sehen können, was seine Qualitäten sind.  Ein Mann für die Zukunft, heißt es und Bruno Hübner sagt, er habe Pech gehabt in letzter Zeit. Bei solchen Sätzen bleibt in einem Verein wie dem MSV Duisburg immer nur die Hoffnung, dass die Voraussagen der Verantwortlichen sich tatsächlich auch einmal bewahrheiten. Hat das nun gelangt als Mehrwert? So eine Frage? Ein anderer beruhigender Gedanke ist übrigens der Spielstand von 2:0 nach 88 Minuten.


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