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Halbzeitpausengespräch: Der Gesellschaft auf der Spur beim Wandern mit Jürgen Wiebicke

Regelmäßig lasse ich mich in den Stadtbüchereien von Duisburg oder Köln auf den Zufall ein. Ich gehe durch die Regale, ziehe hier und dort ein Buch heraus, blätter vielleicht noch kurz und nehme es dann manchmal mit. Es gibt auch eine Art geführten Zufall. Dann greife ich zu jenen Büchern, die von den Mitarbeitern der beiden Bibliotheken auf Tischen oder in Regalen augenfällig präsentiert werden. Neulich lag in der Kölner Gesellschafts-Ecke „Zu Fuß durch ein nervöses Land“ von Jürgen Wiebicke aus. Ich kann mich nicht erinnern, dass schon einmal dieses Herumstreifen in der Bücherei und der damit verbundene Zufall der Lektüre dem Inhalt des von mir ausgeliehenen Buches so ähnelte wie dieses Mal.

Im Sommer 2015 ist Jürgen Wiebicke von Köln aus losgewandert. Er ging zuerst Richtung Niederrhein und von dort aus über das Ruhrgebiet nach Ostwestfalen. Auf seinem Weg befanden sich ein paar zuvor festgelegte Ziele, sonst aber überließ er sich dem Zufall der Begegnung. Das waren Menschen direkt auf seinem Weg, auf der Straße, auf Feldern oder an Flüssen. Hervorgerufen wurden sie aber auch durch Örtlichkeiten, die ihm auffielen, waren es Gaststätten, herrschaftliche Anwesen oder etwa ein Privattheater. Immer wieder suchte er das Gespräch und den vorurteilsfreien Austausch. Voller Neugier wollte er erfahren, was all diese Menschen zu erzählen hatten. Manchmal wie bei einem Mönch, bei einer Künstlerin oder an einer Schule ging es um die gegenwärtige Lebensweise und deren Folgen für das sinnhafte Dasein. Es ging um psychische Schwierigkeiten dieser Zeit, um die Schnelligkeit, mir der sich dieses Leben der Gegenwart ununterbrochen verändert.

All diese Gespräche geschahen nicht im wirklichkeitsfernen Debatierraum der Sinnfindung oder Gesellschaftskritik. Durch die Begegnungen erfahren wir immer auch vom konkreten Leben der jeweiligen Menschen, von ihre Berufen und den wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen sie versuchen ihr Leben zu gestalten. Wir erfahren von privatem Glück und Zufriedenheit. So erhält man kurze Einblicke in sehr unterschiedliche Sphären dieser Gesellschaft. Unter welchen industriellen Bedingungen wird am Niederrhein Landwirtschaft betrieben. Wie gelingt es Pädagogen und Sozialarbeitern sozial auffälligen Kindern, Sicherheit für ihr Leben zurück zu geben? Wie kann ein privat betriebenes Musical-Theater am Rand des Ruhrgebiets existieren? Wie hat sich das Arbeiten in der Psychiatrie verändert? Wie sieht der größte Schlachthof Europas von innen aus?

Das Unbehagen an der Gegenwart durchdringt als Generalbass fast alle Gespräche. Jürgen Wiebicke moderiert verschiedene Hörfunksendungen auf WDR 5 und war mir vor allem als Gastgeber für Das philosophische Radio aufgefallen. Seine Radiogespräche über Philosophie hatten für mich immer schon eine sehr lebenspraktische Perspektive. Diese Haltung von ihm findet sich auch im Buch wieder. Sein Blick auf das Erlebte wird eng verwoben mit dem Nachdenken über unsere Gegenwart und das eigene Leben. Da geht es ganz klassisch um die Folgen unseres industriellen Wirtschaftens für die Umwelt und für die Menschen außerhalb der westlichen Hemisphäre. Es geht um den Umgang mit Tieren und welchen Einfluss all das auf Zufriedenheit sowie Lebensglück hat. Unausgesprochen steht oft die Frage im Raum, wie sollen wir angesichts des Wissens um notwendige Veränderungen leben und wie lässt sich der dazu notwendige Gemeinsinn herstellen?

Jürgen Wiebicke stellt Fragen zu den komplexen Themen der Gegenwart, und Antworten sind, wie wir wissen, nicht leicht zu finden. Eine Antwort aber hat Jürgen Wiebicke, die in unterschiedlicher Form immer wiederkehrt. Sie lautet, Verantwortung im eigenen Umfeld übernehmen. Natürlich weiß er um System und Strukturzusammenhänge, doch wenn die Lösung nicht auf den bislang eingeschlagenen Wegen zu finden ist, liegt sie vielleicht woanders. Ohne Gemeinsinn wird nichts gelingen. Also gilt es den Blick dorthin zu werfen, wo Menschen im Kleinen Verantwortung übernehmen und trotz aller Widersprüchlichkeiten andere Wege einschlagen.

„Zu Fuß durch ein nervöses Land“ bietet eine wunderbare Mischung aus Reportage, Gesellschaftskritik und Selbstreflexion. Durch Jürgen Wiebickes Blick auch auf sich selbst wird das eigene Nachdenken beim Lesen ununterbrochen angeregt. Unaufdringlich und zugleich nachdrücklich verweist Jürgen Wiebicke auf die Folgen unserer gegenwärtigen Wirtschaftens und Konsumverhaltens. Der Angst und der Nervosität hält er einen nachdenklichen Optimismus entgegen. Am liebsten möchte ich ihm zurufen, demnächst noch einmal in einer anderen Region dieses Landes loszuwandern. Seinen Blick auf Wirklichkeit und Menschen sowie sein Denken beim Wandern können wir gut gebrauchen.

Zu Fuß durch ein nervöses Land

 

Jürgen Wiebicke: Zu Fuß durch ein nervöses Land. Verlag Kiepenheuer & Witsch 2016.
336 Seiten, geb., 19,99 €.

ISBN: 978-3-462-04950-3

 

 

Akzente inoffiziell: Niederrhein von Willy Bartock

Wenn etwas zum zweiten Mal im Zebrastreifenblog geschieht, beginnt der Kölner in mir schon von unserer schönen Tradition zu sprechen. Wie im letzten Jahr begleite ich die 37. Duisburger Akzente mit einem inoffiziellen Programm. Ob ich tatsächlich jeden Tag etwas bieten kann, werden wir sehen. In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“.

Um den in Hamborn geborenen Lyriker und Dramatiker Willy Bartok einzuordnen, wird schnell das Etikett Arbeiterdichtung hervorgeholt. Die enge Thematik Arbeitswelt wird aber nur einem Teil seines Werks gerecht, auch wenn  er sich in den 1960er Jahren dann institutionell u.a. mit seiner Mitgliedschaft bei der Gruppe 61  für eine Literatur einsetzte, in der die Wirklichkeit der Industriearbeit einen Platz fand.

Sein 1963 erschienenes Gedicht „Niederrhein“ zeigt nun nicht die Wirklichkeit der Arbeitswelt, sondern die umweltverschmutzenden Folgen der Industrie. Rhein-Romantik war früher.

Niederrhein

Ich will dir
kein verlogenes Loblied mehr singen.
Dein geborgtes Sonnenlicht
soll mich nicht mehr blenden,
dein Reichtümer schleppender Buckel
mich nicht mehr bestechen.

Du bist weit gekommen. Du bist tief gesunken.
Du kamst von heiteren Weinhöhen
und sankst in dumpfe Niederung.
Die Dome und Burgen sind längst
entsetzt stehengeblieben.
Schwefelrauchend, rußrülpsend und ölkotzend
drängen sich Kamine, Waschtürme
und mannsdicke Rohre
an deinen betäubten Strand.

Den toten Fischen will ich einen Nachruf spenden,
die verreckten an dem Gebräu,
das du rechts und links deiner Straße
aus zahllosen Abwässerkanälen säufst.
Deine letzten Töchter, Ruhr, Emscher und Lippe, kriechen,
von dauernder Schändung ermüdet,
in dein schmutziges Altenbett.

Du wehrst dich nicht mehr,
Gewaltiger, Vergewaltigter, Vergifteter.
Deine Sommer stinken zum Himmel.
Deine Winter sind ätzend traurig.
Du benimmst mir den Atem.
Das Meer sträubt sich, dich zu empfangen.
Sogar in Selbstmörderkreisen
verlierst du jeden Kredit:
Wer – wenn er schon sterben will –
will in einer Kloake ersaufen . .

 

 

Mit einem Klick weiter zu den bisherigen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms im Zebrastreifenblog.


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