Posts Tagged 'Oberhausen'

Im Halbzeitpausengespräch ein Gastbeitrag von Helmut Junge – Ein Jazzkonzert im Gdanska

Länderspiele sind ja keine wirkliche Alternative in einer spielfreien Zeit vom MSV. Besonders dann, wenn man sie nicht sieht. Ihr wisst das, Fußball, den ich mag, gehört zur Bühnenkunst der kleinen Hallen und Clubs. Gestern Abend war ich deshalb bei einem privaten Garagenkonzert. Mississippi-Blues und Singer-Songwriting aus Schweden. In der Garage bin ich mit dem Duisburger Künstler Helmut Junge ins Gespräch gekommen. Er hatte sich im Oberhausener Gdanska ein Konzert des Trios Accordion Affairs angesehen und etwas dazu geschrieben. Gdanska und Kultur an der Basis können jede Aufmerksamkeit brauchen. Deshalb habe ich ihn eingeladen, seine Worte über den Abend auch in diesen Räumen online zu stellen. Bitte schön, Helmut Junge über die Atmosphäre im Gdanska und ein Konzert der dort beheimateten Reihe „Jazz-Karussel“.

Ich gehe selten in ein Konzert seltener jedenfalls als alle mir näher bekannten Personen. Warum das so ist, weiß ich selbst nicht. Aber ich bin musikalisch gesehen schon als Kind das „Schwarze Schaf“ innerhalb einer durchaus musikalischen Familie gewesen. Andererseits halte ich mich nicht für unmusikalisch, weil ich ja auch ein paar musikalische Richtungen mag. Wenn ich dann mal eine Form von Musik oder bestimmte Interpreten in mein Herz geschlossen hab, kann es sein, daß ich mich regelrecht daran berausche. Um es gleich vorweg zu sagen, Jazz hat noch nie dazu gehört. Warum nicht? Kann ich nicht erklären.

Manche Leute behaupten, sie könnten sich genau beim Jazz besoffen hören. Davon war ich immer meilenweit entfernt, obwohl ich in den letzten Jahren den Eindruck hatte, dass musikalische Elemente als Jazz betrachtet werden, die früher der Weltmusik zugeordnet wurden. Mari Boine kannte ich schon, bevor sie in Moers aufgetreten war, und meine Lieblingsband The Tiger Lillies hatte ich beim stöbern in der Rubrik „Jazz“ überhaupt erst entdeckt. Ja, neugierig bin ich manchmal schon, und dann höre ich auch mal hinein.

Diesmal bin ich sogar ins Oberhausener Gdanska in ein Jazz-Konzert gegangen. Eingeladen hatte mich die Jazzsängerin und Kuratorin des „Jazz-Karussels“ Eva Kurowski.  Weil sie die Gruppe Accordion Affairs so schön vorgestellt hat „…Stilistisch offen reicht das Programm von Weltmusik verschiedenster Kulturen, über Eigenkompositionen bis hin…“ bin ich neugierig geworden und mit meiner Frau, die viel aufgeschlossener und unternehmensfreudiger ist als ich, dahin. Ich hab es nicht bereut.

Schon allein das Gdanska ist wert, sich dort zu treffen, ein Bier zu trinken, oder zu essen, sogar während eines Konzerts. Das ist durchaus angenehm. Ich hätte zwischen Köpi und einem polnischen Bier wählen können, hab die Experimente an dem Abend aber nicht überziehen wollen, und bin beim bewährten heimischen Brauereiprodukt geblieben. Meine Frau bevorzugte Wein. Und so waren wir gut versorgt. Die Atmosphäre im Saal war entspannt, obwohl der Saal gut gefüllt war.

Als die Musiker Jörg Siebenhaar (Akordeon & Piano), Konstantin Wienstroer (Bass) und  Jan Wienstroer (Drums) für den ausgefallenen Peter Baumgärtner auf die Bühne kamen, war ich gespannt. Eva hatte ja vorher schon geschrieben:„Ein besonders eigener Sound entsteht durch Siebenhaars synchrones Bedienen von Accordion und Piano, was die Möglichkeiten von Arrangement und Improvisation erheblich erweitert. Accordion und Piano werden eins!  Das Trio besticht durch die außerordentliche Dynamik von fast gehauchten bis hoch voluminösen Klängen, expressiv oder ultracool.“ So war es. Ich glaube, ab dem vierten oder fünften Stück war ich ganz dabei.

In der Pause ergab sich zudem ein interessantes Gespräch mit unserer Tischnachbarin, die eigentlich Bebop Fan ist, aber trotzdem ebenso begeistert war wie wir. Ihr Großvater war der Architekt vom Rathaus in Oberhausen  und hat der Stadt jenen Platz geschenkt, der jetzt der Marktplatz ist. Interessante Leute lernt man im Gdanska also auch noch kennen. Nach der Pause gefiel mir die Musik immer noch super. Mit dem Abstand von knapp einer Woche glaube ich, dass ich mich bezogen auf den Jazz, gar nicht mal viel selber bewegt habe. Aber Jazz hat sich weiter entwickelt, neue Elemente aufgesaugt und so hat er sich auf mich zubewegt. Der Gedanke gefällt mir. So wird es sein. Eva Kurowski macht jeden Donnerstag so einen Jazz-Abend im Gdanska. Ich werde wiederkommen.

Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 35: Mottek – Kommsse rauf, kannze kucken

Ein paar Mal habe ich schon darüber nachgedacht, ob ich in der Heimatliedsammlung neben dem Ruhrstadt-Stadtteil Duisburg auch die anderen Stadtteil-Sektionen eröffnen sollte. Wenn ich das mache, muss eine eigene Seite her. Heute erwähne ich das, weil der Gasometer in Oberhausen als besungene Landmarke zum zweiten Mal im Ruhrstadt-Heimatlied auftaucht. „Oberhausen“ von den Misfits ist hier eben nur nicht aufgenommen, weil es sich auf diesen Ruhrstadt-Stadtteil konzentriert. Alleine wegen dieses Lieds müsste ich meine Sammlung ausweiten. So sehr gefällt es mir.

Nun habe ich von Mottek den Gasometer ein weiteres Mal besungen gefunden – mit der Perspektive Ruhrstadt, die man von Dortmund bis zum Rhein sehen kann, wenn man oben steht. Das ist nun etwas übertrieben, aber Heimatlieder nehmen es oft nicht ganz genau. Es geht ja mehr ums Gefühl, wenn man dort oben auf die Städtelandschaft sieht. Eigentlich ist Mottek eine Coverband und spielt Rock quer durch die Musikgeschichte. Anscheinend haben sie aber auch ein paar eigene Stücke gemacht. Es sei denn, auch „Kommsse rauf, kannze kucken“ hat ebenfalls einen anderen Original-Interpreten, den ich auf die Schnelle nicht gefunden habe.

Wenn in Köln ohne den Dom in den Standardkarnevalsschlagern nichts geht, so könnte nach und nach der Gasometer der Kölner Dom des Ruhrstadt-Heimatlieds werden.

Und die Gelegenheit zu „Oberhausen“ von den Missfits lasse ich mir nun auch nicht nehmen.

 

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen

Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 31: Matthias Reuter mit Wir ham keine Kohle

Heute gibt es eine schnelle zweite Folge des Ruhrstadt-Heimatlieds, weil ich von den Orten im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen einen Beitrag in Teilen übernehmen kann. Mathias Reuter ist Kabarettist aus Oberhausen, über den es bei Wikipedia einen kurzen Eintrag gibt und zu dessen eigener Seite im Netz es mit einem weiteren Klick geht.

Mit „Wir ham keine Kohle“ hatte Matthias Reuter eine alternative Hymne zum Kulturhauptstadtjahr 2010 geschrieben. Hätte ich seine Anmoderation seinerzeit schon gekannt, ich hätte laut „ja“ gerufen: „Wer also vielleicht den Herbert-Grönemeyer-Kulturhauptstadt-Song schon mal gehört hat, der weiß, dass da eine Alternative vonnöten ist.“

Das Lied ist ein wunderbarer Kommentar zur historisch gewordenen Kulturhauptstadt-Verstiegenheit mancher Stadtverantwortlicher  sowie zu deren Erlösungsphantasien in Sachen wirtschaftlicher Schwierigkeiten. Damit ist das Lied nicht nur künstlerischer Ausdruck sondern auch ein aussagestarkes Dokument zum Strukturwandel. Matthias Reuters großartiges Bonmot „Kultur im Ruhrgebiet ist der verzweifelte Versuch ohne Kohle schwarze Zahlen zu schreiben“ gilt auch heute noch.

 

 

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen

Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 30: Mittelklasse mit Ruhrpott

Einiges weist darauf hin, dass die Punkcombo Mittelklasse ein kurzlebiges Projekt wiederbelebter Punkbegeisterung ist. Viel findet sich jedenfalls im Netz über die Band nicht. Konzerttermine, die schon länger zurück liegen und eine Facebook-Seite, auf der der letzte Eintrag nun auch schon fast drei Jahre alt ist. 

Ungeachtet dessen gibt es mit Ruhrpott ein Stück der Band, das fraglos in die Heimatlied-Sammlung gehört. Zentrale Motive des Lieds für das Gefühl zu Hause zu sein, sind viele Menschen, die malochen, die A40 und Fußballfieber. 5 Millionen leben hier, 4 Millionen malochen hier. Punk gefühlvoll, eine schöne Mischung.

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen

Akzente inoffiziell: Von deutsch-französischer Nachkriegsfreundschaft

Wenn etwas zum zweiten Mal im Zebrastreifenblog geschieht, beginnt der Kölner in mir schon von unserer schönen Tradition zu sprechen. Wie im letzten Jahr begleite ich die 37. Duisburger Akzente mit einem inoffiziellen Programm. Ob ich tatsächlich jeden Tag etwas bieten kann, werden wir sehen. In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“.

Die folgende kurze Erinnerung an die Anfänge des Basketballs in Duisburg ist dem Buch 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen entnommen. Im Ruhrorter Hafen arbeiteten kurz nach dem 2. Weltkrieg Männer aus Frankreich und Deutschland in derselben französischen Spedition. Aus Kollegen wurden Freunde. Die jahrzehntelange Feindschaft zwischen beiden Nationen wurde nicht mehr vererbt. Aus Ferne war Nähe geworden. Im Ruhrorter Hafen wurde etwas gelebt, was als Hoffnung für beide Nationen erst später auf politischer Ebene zum Ausdruck gebracht wurde.

Der Basketballfreiplatz am Ruhrdeich
Von deutsch-französischer Nachkriegsfreundschaft

Als 1950 der französische Außenminister Robert Schuman dem Misstrauen zwischen Frankreich und Deutschland mit der Vision eines gemeinsamen Wirtschaftens begegnet, dachte er noch nicht an Freundschaft. In Ruhrort ist das damals schon anders. Jene Freundschaft, die dann 13 Jahre später Konrad Adenauer und Charles De Gaulle mit dem Élysée-Vertrag endgültig vertiefen wollen, ist in dem Hafenstadtteil schon bald nach dem Krieg gelebter Alltag für junge Franzosen und Deutsche.

Der Basketball vereint diese Männer. Bei den Franzosen ist der Sport beliebt, und die jungen Ruhrorter finden das in Deutschland noch exotisch wirkende Mannschaftsspiel interessant. Eine Art Betriebssportgruppe entsteht. Denn alle diese jungen Basketballer arbeiten bei der französischen Staatsspedition Compagnie Générale Du Rhin. Allerdings fehlt ihnen ein richtiges Basketballfeld. An eine Sporthalle ist gar nicht erst zu denken.

Da trifft es sich gut, dass der Platzwart der Tennisanlagen des VfvB Ruhrort/Laar in dem Schifffahrtsunternehmen nach Arbeit fragt. Neben diesen Tennisanlagen am Ruhrdeich gibt es eine Brachfläche. Der Franzose Jean Amiot wird zur treibenden Kraft bei der Anlage des Basketballplatzes. Mit Spaten und anderem Gartenbaugerät wird eine plane Fläche hergerichtet, Sträucher werden gerodet, grobe Steine beiseite geräumt. Die Bretter für die Basketballkörbe werden im Schifffahrtsunternehmen gezimmert. Als zwei Jahre später die jungen Männer Meisterschaftsspiele bestreiten wollen, erhält der VfvB Ruhrort/Laar, vormals nur für Fußball und Tennis eine Adresse, offiziell eine Basketballabteilung.

 

 

Mit einem Klick weiter zu den bisherigen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms im Zebrastreifenblog.

Akzente inoffiziell: Nordseestadt Ruhrort

Wenn etwas zum zweiten Mal im Zebrastreifenblog geschieht, beginnt der Kölner in mir schon von unserer schönen Tradition zu sprechen. Gestern Abend sind im Landschaftspark Nord die  37. Duisburger Akzente eröffnet worden. Wie im letzten Jahr werde ich versuchen, das Kulturfestival mit einem inoffiziellen Programm zu begleiten. Ob ich tatsächlich jeden Tag Programm bieten kann, werden wir sehen. Ich weiß es noch nicht.

In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“. Duisburg als den Hafen erweiternden Namenszusatz klingt fremd für mich, der ich in Ruhrort die ersten elf Jahre meines Lebens verbracht habe. Der Hafen war meine Welt, und die lag nun einmal in Ruhrort. Bühne frei für den Auftakt des inoffiziellen Akzente-Programms im Zebrastreifenblog.

Nordseestadt Ruhrort

Meine ersten Lebensjahre habe ich in Ruhrort verbracht. Dort bin ich in den Kindergarten gegangen, pumpte im Hafenmund, jedes Mal aufs Neue begeistert, Wasser aus den Handpumpen am Leinpfad und wartete im Hochsommer meist vergebens auf dem Hanielspielplatz, dass das Wasser aus den Spritzdüsen der Klettergerüste spritzte. Von der Geschichte Ruhrorts erfuhr ich in Heimatkunde auf der Grundschule Homberger Straße, und ich habe mir nicht vorstellen können, dass die Kinder anderer Stadtteile etwas wie “Heimatkunde” überhaupt brauchten. Was sollten die lernen, wenn der Stadtteil keinen Hafen hatte? Alles andere war doch uninteressant und ohne besondere Bedeutung. Der Hafen war meine Welt. Wenn ich etwas malte, waren das Schiffe. Immer wieder Schiffe.

Der Blick von der Mühlenweide den Rhein hinunter, das war mein Blick auf die Nordsee. Selbst die größten Dinge wurden rheinabwärts ganz klein. So etwas gab es in keinem anderen Teil von Duisburg, so dachte ich. In anderen Stadtteilen versperrten Häuser die Sicht und alles Große verschwand hinter der nächsten Ecke. Der Zutritt zu den großen Werksgeländen war sogar verboten. Im Ruhrorter Hafen lagen die Dinge offen. Schiffe waren beim An- und Ablegen zu beobachten. Abgedeckte Planken gestatteten Blicke in die Bäuche eines jeden Lastschiffs. Die Kräne als riesige Vögel mit großen gefährlichen Schnäbeln auf der anderen Seite des Hafenbeckens verlangten Respekt. Ich konnte mir selbst ein Bild von ihnen machen anders als von den Hochöfen, die auch gefährlich sein mussten. Der Vater meines Patenonkels war auf der „Hütte“ tödlich verunglückt.

Schon der Wohnort meiner Großeltern, Meiderich, war für mich im Gegensatz zur Nordseestadt Ruhrort ein staubiges Wüstendorf tief im Landesinneren, dessen Einwohner ich bedauerte. Ich fragte mich, wieso das vom Rhein noch entfernter gelegene Oberhausen im Rheinland liegen sollte. Immer wieder las ich dieses Wort rätselnd auf dem Bahnhofsschild im Oberhausener Hauptbahnhof. Als Kind aber nimmt man die verwunderlichsten Aussagen von Erwachsenen einfach hin. Nach dem Essen von Obst darf man nichts trinken etwa. Unzählige Male habe ich mich nicht an diese damalige Grundregel erwachsenen Lebens gehalten und nichts passierte. Da kam es auf eine Ungereimtheit mehr auch nicht an.

Ich selbst wusste es besser. Ruhrort, das war die einzige lichte Welt des Wassers in dieser Gegend.

 

Für die zukünftigen Leser schon der Hinweis: Mit einem Klick weiter zu allen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms im Zebrastreifenblog.

Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 11: Emscherkurve 77 – II –

Neulich habe ich bereits drei Songs von Emscherkurve 77 vorgestellt. Nun gibt es einen Nachtrag, der meinen Eindruck bestätigt, dass diese Band einen großen Teil ihrer kreativen Kraft aus dem Verhältnis zur Ruhrstadt zieht. „Nenn du es Stadt, ich nenne es Heimat, das Fleckchen Erde, das ein jeder gerne hat“, heißt es in: „Wurzeln, Seele, Elternhaus“.

Kurz nochmals die Wikipedia-Stichworte zu Emscherkurve 77: 2000 gegründet, stammt aus dem Ruhrstadt-Stadtteil Oberhausen, steht fest zum Punk sowie zu Rot-Weiß Oberhausen, so dass zwei Band-Songs dem Verein gewidmet sind: Die Macht vom Niederrhein und Rot-Weiß Oberhausen.

„Wurzeln, Seele, Elternhaus“ ist auf einem Sampler erschienen. Der zum Song gehörige Clip zeigt schöne Bewegtbilder eines 50er-Jahre-Ruhrgebiets, in dem die Schwerindustrie noch den Alltag bestimmt und das Leben in den Arbeitersiedlungen sich oft auf der Straße abspielte. Den wunderbaren O-Ton zu Beginn hatte ich noch niemals gehört. Die patriarchische Stimme zeigt sich zufrieden mit der Entwicklung unter den Bergarbeiten. Ich muss mal nachfragen, wer da spricht.

Zusammen mit den Bildern macht dieser Mann jedenfalls Arbeiteralltag auf grandiose Weise lebendig. Man muss sich nur vergegenwärtigen, was sich heute so kurios anhört, war seinerzeit Thema in vielen Familien. Doch kann er der Öffentlichkeit mitteilen: „Der Freitag, der Lohntag, ist für unseren Kumpel kein Sauftag mehr“, denn der „Kumpel sucht heute sein Zuhause“. Das Stück selbst ist dann bester Heimatliedgesang in besagter Punk-Tradition – Ton ab:

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen

Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 8: Emscherkurve 77

In Köln brauche ich bei einem Stadtteilfest oder zu Weiberfastnacht auch zu jedem Auftritt der Kölschbands aus der dritten Reihe ein Antidot, wie wir Musikmediziner gerne sagen, eine musikalische Gegenwirkung, etwas Ausgleichendendes. Deshalb erhält die letzte Folge des Ruhrstadt-Heimatlieds heute schon ein schnelles Gegenstück, das dem Punk gewidmet ist.

Es überraschte mich, bei Wikipedia zu lesen, Emscherkurve 77 sei erst im Jahr 2000 gegründet worden, wenn auch einzelne Bandmitglieder schon etwas länger im Punk unterwegs waren. Der Punk hat also auch eine Art Gegenwärtigkeit des Interesses entwickelt. Wir Fußballinteressierten des Potts wissen beim Bandnamen sofort: Rot-Weiß Oberhausen. Damit wäre also schon mal der Stadtteil der Ruhrstadt geklärt, aus dem die Band stammt. Es gibt die Nähe zum Verein, dem die Band sowohl Die Macht vom Niederrhein als auch Rot-Weiß Oberhausen gewidmet hat.

Wenn ich recht überlege, begegne ich mit den Stücken von Emscherkurve 77  zum ersten Mal auch im Ruhrgebiet jener andauernden musikalischen Beschäftigung mit der eigenen Heimatstadt, nämlich der Ruhrstadt, wie ich sie aus Köln kenne. Bislang bin ich keinem musikalischen Werk, egal welcher Musikrichtung, begegnet, in dem das Ruhrgebiet als Einheit wohlgemerkt derart oft besungen wurde. Ihr dürft mich gerne korrigieren. Alleine die Schlagerwelten kommen annähernd in diese Dimensionen. Da tut sich doch eine interessante Themenverwandtschaft in den so auseinanderliegenden musikalischen Geschmacksrichtungen auf.

Komm ma hier bei uns im Ruhrgebiet hin

Eine Live-Version des Stücks in der Zeche Carl am 12. Mai 2010

Bei uns im Revier

A40

 

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen

In eigener Sache: 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen

Immer mal wieder blicke ich hier auch über den Fußball-Tellerrand. Heute mache ich das in eigener Sache. Der ein oder andere wird es schon mitbekommen haben, seit einer Woche ist 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen im Buchhandel erhältlich. Inzwischen weiß ich manchmal nicht mehr, wer zunächst das Alter Ego des anderen war, jedenfalls hat dieses Buch nicht Kees Jaratz geschrieben sondern Ralf Koss.

Als Der Stig mich neulich beim Erscheinen fragte, was es denn mit diesen 111 Orten auf sich habe, erzählte ich ihm, mit diesen 111 über das Ruhrgebiet verteilten Orten wollte ich die gesamte Geschichte des Ruhrgebiets von der Antike bis in die jüngste Vergangenheit auf unterhaltsame Weise erzählen. Ich wollte die unbekannteren Geschichten an manchen bekannten, klassischen Orten dieser Region erzählen. Ich wollte an überraschenden Orten Bedeutsames für die Region vorstellen und den Bogen schlagen – wenn möglich oder nötig –  zur allgemeinen deutschen Geschichte. Ich wollte den Lesern des Ruhrgebiets zeigen, da kommt ihr her und  ihr habt eine gemeinsame Geschichte. Außerdem sollten historische Bilder der Orte zu sehen sein und mit einem aktuellen Bild sollte gezeigt werden, wie es heute dort aussieht. Ich hatte mir also viel vorgenommen.

Anschließend habe ich Dem Stig das Vorwort des Buchs zu lesen gegeben. Vielleicht hilft es euch ebenfalls einen Eindruck zu gewinnen, worum es mir bei der Arbeit an dem Buch ging.

Das Ruhrgebiet in der Vergangenheit, das sind Kohle und Stahl. So wird es meist erzählt. Tatsächlich führte erst die Industrialisierung in den Städten der Region zu dem Bewusstsein, eine gemeinsame Geschichte zu besitzen. Tatsächlich richtete sich die Aufmerksamkeit meist auf das Geschehen in der Montanindustrie. Hoffnung, Auseinandersetzungen und Sorgen brachte sie mit sich, oft stellvertretend für ganz Deutschland, sei es im Deutschen Reich oder nach dem Zweiten Weltkrieg, sei es im Zuge des so genannten Strukturwandels.
Doch so sehr die Industrie noch das gegenwärtige Bild des Ruhrgebiets prägt, diese Stadtlandschaft bietet selbstverständlich auch andere Geschichte(n). Ob es Ereignisse in den Hanse- oder Ackerbürgerstädten fernerer Zeiten sind oder Begebenheiten der jüngeren Vergangenheit, die im Ruhrgebiet nicht vermutet werden, weil sie selten erzählt sind. In Kultur und Sport geschah Bemerkenswertes. Was gibt es zur Identität des Ruhrgebiets zu sagen?
Bestimmte Plätze, Häuser, manchmal auch Schächte, einzelne Orte des Ruhrgebiets bestimmen diese Geschichten. Etwas geschah und wirkt weiter, auch jetzt, wo die Bevölkerung sich nicht mehr zu großen Teilen aus Bergleuten und Stahlarbeitern sowie ihren Familien zusammensetzt. Mit den erzählenswerten Geschichten der Vergangenheit geht es eben auch um die Frage, was diese Region für wichtig nimmt, und wohin sie vielleicht gehen wird.
Mit unseren Geschichten wollen wir auch Alltag und Lebenswirklichkeit des Ruhrgebiets durch die Zeitläufte einfangen. Wir wollen zum Weiterlesen anregen, zum Nachdenken darüber, wie die Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirkt. Wo sie bestimmend ist, ohne wahrgenommen zu werden. Wo sie hilfreich sein kann, weil mit ihr Stärken dieser Region aufscheinen.

Wer einen Blick ins Inhaltsverzeichnis werfen will, klickt einmal weiter zu der Seite im Netz, auf der nicht nur zusätzliche Informationen rund um das Buch online gestellt werden, in Zukunft wird es dort regelmäßig um weitere Orte im Ruhrgebiet gehen, die Geschichte erzählen. 

 

Ralf Koss und Stefanie Kuhne
111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen
240 Seiten
Emons Verlag
€ 14,95

Lesen, lesen, lesen! – Zechenkinder von David Schraven

Mit das Schwerste beim Schreiben sind erklärende Worte für die eigene Begeisterung. Am liebsten wäre es mir, für „Zechenkinder“ von David Schraven glaubt ihr einfach ohne weitere Gründe so eine Art Klappentext-Megaloblyrik á la „Die vielen Stimmen der Bergmänner finden zu einem beeindruckenden Gesang auf die Revier-Vergangenheit zusammen“ oder prosaischer „Wunderbarer Lesegenuss für Menschen- und Revierfreunde“.  Vielleicht auch: „Großartige Worte über eine fast vergangene Zeit, ohne die Gegenwart aus dem Blick zu verlieren!“

Wenn ihr mir das einfach mal glaubt, könnte ich mich wieder meiner Begeisterung hingeben, mich vom Klang der Sprache der von David Schraven interviewten Bergmänner in die Wirklichkeit hinein ziehen lassen, in der ich aufgewachsen bin – eine Wirklichkeit, die im Ruhrgebiet der Gegenwart beim Umgang der Menschen miteinander so oft weiterhin lebendig ist. Aber das nutzt ja alles nichts, hier kommen schließlich auch immer wieder mal  Leute vorbei, denen meine Begeisterung als Argument für die Lektüre von „Zechenkinder“ nicht genügen wird.  Dabei verdient das Buch von David Schraven jede Unterstützung.

In „Zechenkinder“ lässt David Schraven 25 Bergleute selbst zu Wort kommen. Was sie über ihr Berufsleben im Besonderen und ihre Haltung zum Leben, zur Welt im Allgemeinen erzählen, hat er aufgezeichnet und zu einem O-ton-nahen Fließtext verdichtet. Drei bis sieben Seiten sind diese Erzählungen lang. Der älteste Bergmann ist Jahrgang 1932, der jüngste Jahrgang 1971. Sie haben in unterschiedlichen Funktionen auf Zechen gearbeitet. Die verschiedenen Bereiche ihres Berufslebens sind der Grund für ihr Erzählen über die Welt. Beeindruckende Portraitfotos von Uwe Weber sind den Texten vorangestellt, eine kurze Fotoreportage von ihm über den Bergbau leitet das Buch ein. Diese Fotos verweisen auch auf die liebevolle Ausstattung des Buches. „Zechenkinder“ ist ein Fest für bibliophile Leser.

David Schraven wollte ein „Bild von den Zechenkindern zeichnen: offen, ehrlich und ungeschönt“. Dieses Vorhaben ist ihm in jeder Hinsicht großartig gelungen. „Zechenkinder“ ist aber noch sehr viel mehr geworden. Ein einzige Stimme nur erzählt in diesem Buch in ausschließlich biografischer Perspektive. Alle anderen Erzählungen verweisen über das eigene Leben hinaus. In allen anderen Erzählungen ist das eigene Erleben nur Anlass, um Einblicke in andere Welten zu geben. Natürlich wird über das Leben unter Tage berichtet. Wehmut klingt manchmal an, wenn an den Zusammenhalt in den 1950ern und 1960ern erinnert wird und an die harte Arbeit damals, die die „einzige Währung“ war, die zählte. Deshalb wurden Ex-Nazis unter Tage in Ruhe gelassen.

Die 1970er Jahre werden lebendig. Konkurrenzdruck wird zum Thema, und heil ist die Welt des Bergbaus nicht mehr für alle. Über Zechenschließungen können die Gewerkschafter unter den Bergleuten viel erzählen. Bis in die Gegenwart hinein führen die Erinnerungen, die Einblicke in die Wirklichkeit von Politik und Gewerkschaftsarbeit geben. Da mangelt es ebenso wenig am harschen Urteil über EU-Kommissar Günter Oettinger wie am lebendigen Erzählen über die explosive Stimmungen unter den Kumpels Mitte der 1980er bis Anfang der 1990er.

Ein Kapitel versammelt zudem all die „Zechenkinder“, die in die Welt hinaus gekommen sind. Sie arbeiteten in Russland oder nahmen in China an der Weltmeisterschaft der Bergleute teil. Manche Bergleute verließen aber auch schon früh die Zechen und kamen in anderen Berufen und Milieus der deutschen Gesellschaft unter. Dennoch blieb die Arbeit auf Zeche für sie eine prägende Erfahrung.  David Schraven gelang mit „Zechenkinder“  mehr als er zunächst vorhatte. Im Buch findet sich  die Auslandsreportage ebenso wie die Milieustudie. „Zechenkinder“ wurde zum Geschichtsbuch. Es ist Heimatbuch, und natürlich ist es auch ein wunderbares Buch über die Menschen des Ruhrgebiets.

Zechenkinder

David Schraven
Zechenkinder
25 Geschichten über das schwarze Herz des Ruhrgebiets.
Mit Fotografien von Uwe Weber
Ankerherz, Hamburg 2013
ca. 230 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
Leineneinband mit Prägung
inkl. E-Book
ISBN-13: 978-3-940138-54-5
24,99 EUR


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: