Posts Tagged 'Olcay Sahan'

Die einen planen für sechs Spiele, die anderen für die nächste Saison

Im September letzten Jahres holte der MSV Duisburg im zweiten Spiel unter Kosta Runjaic gegen den VfL Bochum  mit einem torlosen Unentschieden seinen ersten Punkt der Saison. Der MSV blieb dennoch erst einmal Letzter, und der VfL Bochum stand auf dem zehnten Tabellenplatz. Am Sonntag besiegte der MSV Duisburg den SV Sandhausen nach einem wenig ansehlichen Spiel mit 2:1. Der einstellige Tabellenplatz zum Saisonende ist als Ziel ausgerufen. Den Abstieg des VfL Bochum dagegen soll seit Montag nach dem zweiten Trainerwechsel der Saison Peter Neururer verhindern.

Für mich klingt das nach dem Anreiß-Text zu einem Drama, in dem der MSV die langweilige Nebenrolle des alten Kumpels mit intakter Familie spielt. Ich bin ein großer Anhänger von langweiligen Nebenrollen. An ihnen lässt sich oft fürs Leben etwas lernen. Dort verstecken sich die Hinweise darauf, was im wirklichen Leben funktioniert und was nicht. Denn auch wenn ein Happy End in diesem Drama noch möglich ist, wie das Leben danach weitergeht, ist im Drama nicht unbedingt angelegt. Da wissen wir Anhänger des Langweilers längst mehr. Allmählich beginnt sogar Kosta Runjaic an die mittelfristige Zukunft zu denken und nicht nur an das nächste Spiel. Es bereitet mir große Freude, seine zarten Visionen während der Pressekonferenz nach dem 2:1-Sieg gegen den SV Sandhausen zu hören, ganz im typischen Runjaic-Ton der Bodenhaftung. Wenn er von der Zukunft spricht, sind das keine schönen Bilder und populäre Parolen, sondern Kosta Runjaic formuliert Aufgaben.

Vorerst bestanden diese Aufgaben darin, das nächste Spiel zu gewinnen. Gegen den SV Sandhausen wurde diese Aufgabe erledigt. Mehr nicht. Vielleicht braucht ein Gegner, der so defensiv eingestellt ist, doch von Anfang an einen Spieler wie Jürgen Gjasula auf dem Platz, der auf engstem Raum noch die Sicherheit und das Selbstbewusstheit hat, den Ball kontrollieren zu wollen. Zudem erlauben ihm seine Technik und Übersicht die überraschenden und beim Mitspieler ankommenden Pässe in den Rücken der Defensive. Nachdem er in der 54. Minute eingewechselt wurde,  begann die Mannschaft aus dem Spiel heraus torgefährlicher zu werden. Es brauchte also gegen Sandhausen nicht unbedingt Standards wie in der ersten Halbzeit für die Chance auf ein Tor. Maurice Exslager konnte gegen die enge  Defensive der Sandhausener seine Grundschnelligkeit nicht ausnutzen. Wenn er einmal an seinem Gegenspieler vorbeikam, stand der nächste Sandhausener Spieler schon im Weg.

So charakterisierte das Spiel zunächst vor allem die Kopfballstaffette um die Mittellinie herum, bei der sich beide Mannschaften darauf einigten gemeinsam den Ball so lange wie möglich den Boden nicht berühren zu lassen. In dieser Zeit machte ich mir dennoch keine Sorgen um den MSV. Dazu waren die Sandhausener an diesem Tag in der Offensive zu offensichtlich völlig überfordert. Nach vorne gelang ihnen gar nichts, hingegen der MSV zumindest immer wieder in Strafraumnähe kam. So blieb mir die Muße, mich mit dem Sandhausener David Ulm, in Aussehen und Spielweise ein wenig an Olcay Sahan zu erinnern. Ich konnte mich zudem mit dem Rest des Publikums über den offensichtlich etwas übermotivierten Nicky Adler wundern und manchmal auch aufregen. Man konnte den Eindruck gewinnen, so richtig abgeschlossen hat er mit dem MSV Duisburg noch nicht. Felix Wiedwald am Anfang des Spiels als eine Art Teppichstange zu nutzen, um mit Schwung in die Gegenrichtung wieder zurück laufen zu können. Da muss einer erstmal drauf kommen.

Das Führungstor fiel nach einer Eckenvariante, die einen Tag später dem Print-Kollegen vom Reviersport eine eigene Geschichte wert war. Co-Trainer Ilia Gruev ließ die Zebras eine Eckstoß-Ausführung des FC Barcelona trainieren. Und natürlich hat die Geschichte eine besondere Pointe, weil Timo Perthel im Gegensatz zu Lionel Messi das Tor bei der Ausführung gelang. Der schnelle Ausgleichstreffer fiel auch deshalb, weil im Spiel der Zebras von Anfang an eine leichte Nachlässigkeit zu spüren war. Vielleicht ergab sich das aus dem Gefühl der Stärke heraus. Es war deutlich zu sehen, wie selbstbewusst die Mannschaft auf dem Platz stand. Was ihr von Seiten der Sandhausener begegnete, konnte sie in diesem Gefühl nur bekräftigen. Dennoch war der MSV nicht so überlegen, um die Sandhausener Mannschaft an die Wand zu spielen. Da können dann Momente der Unachtsamkeit unangenehme Folgen haben. Unachtsam war aber nicht Timo Perthel, der den Kopfball seines Gegenspielers nicht verhindern konnte. Unachtsam war der Befreiungsschlag beim Angriff zuvor, der sofort wieder beim Gegner im zentrallen Mittelfeld landete. Wer da den Ball unbedrängt einfach wegschlug, weiß ich nicht mehr. Damit bahnte sich der Ausgleichstreffer aber an, weil nur deshalb der Ball sofort wieder in den Strafraum geflankt werden konnte.

Branimir Bajic ist inzwischen als Elfmeterschütze gesetzt. Er verwandelte in der zweiten Halbzeit zum erneuten Führungstreffer. Mit einem Steilpass hatte Jürgen Gjasula zuvor Ranisav Jovanović frei gespielt, der alleine von halblinks in den Strafraum zog und dort vom Sandhausener Torwart Danniel Ischdonat von den Beinen geholt wurde. Es wäre schön gewesen, der MSV hätte ein weiteres Tor nachgelegt. Doch das schlechte Torverhältnis ist nicht nur noch die Folge der hohen Niederlagen zu Beginn der Saison. Da bleibt noch weitere Trainingsarbeit beim Torschuss, damit die Zebras nicht im Zusammenschnitt der größten vergebenen Torchancen der Saison immer mit dabei sind. Andererseits besaß die dreistufige Chance in der Abfolge Jovanovic, Brosinski und Brandy mit der jeweils größer werdenden Wahrscheinlichkeit des Tores auch eine wunderbare Dramaturgie. Auf so etwas müssten wir dann verzichten. Aber was tut man nicht alles für den Erfolg.

Die Pressekonferenz mit dem Ausblick auf die Zukunft durch Kosta Runjaic, sowie die Stimmen nach dem Spiel von Goran Sukalo und Ranisav Jovanović:

Der Spielbericht bei Sky heute mal rüber geholt – leider ohne die Dreifach-Chance mit dem Moment, als Sören Brandy nur hätte einschieben müssen.

Beşiktaş Müzesi, Olcay Sahan und vermutete Wünsche

In Istanbul heißt die jüngste Vergangenheit des MSV Duisburg Olcay Sahan. Für seinen Verein Beşiktaş Istanbul verläuft die Saison bislang durchwachsen. Für Olcay Sahan alleine fiele das Urteil besser aus. Zwei Tore erzielte er schon.

Das Siegtor beim 1:0 gegen Gaziantespor:

Und den Ausgleich zum 1:1-Endstan gegen Kayserispor:

Die Länderspielpause nutzte Beşiktaş für ein viertägiges Trainingslager in Antalya, so dass mir aus alter Verbundenheit zu Olcay Sahan in Istanbul nichts anderes übrig blieb, als einen Blick aufs Stadion und ins Museum des Vereins zu werfen.

Für das Museum hätte ich mich vorher ein wenig mehr mit der Geschichte des Vereins beschäftigten müssen, um die einzelnen Trophäen besser wertschätzen zu können. Denn dieses Museum ist ganz alte Schule. Vornehmlich ist es in einem halb geschwungenem Raum unterhalb der Stadionkurve eine Pokalsammlung nebst ganz wenigen Dokumenten der Vereinsgeschichte, die ich, des Türkischen nicht mächtig, nicht habe einordnen können. Dazu gibt es einen Flur mit Trikots und anderen Reliquien verdienter Spieler des Vereins. Das ein oder andere fiel dem deutschen Besucher natürlich besonders auf.

Ab heute bereitet sich Beşiktaş auf das Meisterschaftsspiel am Sonntag gegen Trabzonspor vor. Bis dahin werde auch ich keine Möglichkeit mehr finden, von Olcay Sahan ein paar Wünsche für das Spiel seines alten Vereins gegen Ingolstadt einzuholen. Den Boulevardjournalisten würde so was nicht groß stören. Er nähme irgendein altes Foto von dem Ex-Zebra und zitierte ihn ohne Bedenken. Ich tue das nicht, auch wenn ich vermute, Olcay Sahan hätte das ein oder andere Glück bringende Wort für die Zebras gefunden.

Entlassene Trainer und die Spielstärke von Fußballern

Manchmal wünsche ich mir von den Menschen mehr Verstand. Ich weiß, ein vergeblicher Wunsch besonders, wenn es um Fußball und um den Erfolg von Mannschaften geht. Gestern war wieder so ein Tag, und dass ich über den 1. FC Kaiserslautern schreibe, hängt mit der Trainerdiskussion um Oliver Reck zusammen. Der Trainer vom 1. FC Kaiserslautern Marco Kurz ist gestern entlassen worden. Die Begründung: „Um aber wirklich jede denkbare Möglichkeit für den Klassenerhalt ausgeschöpft zu haben, müssen wir diesen Weg gehen.“ Nun kann man auch Kerzen anzünden in Kirchen oder Medizinmänner einen Kaiserslautern-Rettungs-Tanz tanzen lassen. Macht man das nicht, hat man schon einiges unterlassen, was vielleicht auch zum Klassenerhalt beigetragen hätte. Das ist doch aus Kaiserslautern eine etwas erbärmliche Erklärung für die Trainer-Entlassung. Wäre es nicht ehrlicher zu sagen, der Druck der Straße war zu groß? In einer idealen Welt müsste so eine Entscheidung doch von klaren Analysen begleitet werden, die sich auch kommunizieren ließen: Nach unserer Überzeugung haben die taktischen Maßnahmen in den letzten sieben Spielen nicht funktioniert. Die Beziehung zwischen entscheidenden Spielern des Kaders und dem Trainer ist gestört.  Die Mannschaft ist in einem konditionell schlechten Zustand. All das wären Erklärungen, die ich akzeptiere. Ich akzeptiere nicht, wir wissen auch nicht mehr, was wir machen sollen, also entlassen wir wenigstens den Trainer.

Man sehe sich doch bitte einmal diesen Kader vom 1. FC Kaiserslautern an. Vier Spieler dieses Kaders kennen wir aus ihrer Zeit beim MSV Duisburg. Dort haben sie sich in ähnlicher Situation befunden. Nur guckten sie damals von unten nach oben. In Duisburg ging es für sie um den verzweifelten Versuch, den Aufstieg hinzubekommen. Dorge Kouemaha, Christian Tiffert, Sandro Wagner und Olcay Sahan kennen Vorgaben, die nur schwer zu erfüllen sind. Das ist kein Zufall. Es gibt Einsichten, die sind schmerzhaft. Aber es lebt sich am besten mit ihnen, wenn man sie akzeptiert und sein Handeln darauf abstellt. Die Wahrscheinlichkeit für das mittlere Drittel der Vereine von erster und zweiter Liga zwischen den Ligen hin und her zu pendeln ist groß. Leider gibt es kein Kontinuum für die notwendige Finanzstruktur. Das macht den Verbleib in der ersten Liga so schwierig. Neulich habe ich „Why England loose“ angefangenen zu lesen. Der englische Fußballbuchautor Simon Kuper hat es zusammen mit dem Wirtschaftswissenschaftler Stefan Szymanski geschrieben. Sie haben einen einzigen statistisch messbaren Einflussfaktor für sportlichen Erfolg gefunden, und der war die Höhe des Spieleretats einer Mannschaft.

In einer idealen Welt könnte ein Fußballverein sein Publikum damit dauerhaft vertraut machen, was momentane realistische Möglichkeiten des sportlichen Erfolgs der eigenen Mannschaft sind. Für Kaiserslautern gehörte der Abstieg dazu. Und warum kann ein Trainer, der vor vier Monaten noch für gut genug befunden wurde, diese Mannschaft zu trainieren, nicht auch mit dieser Mannschaft in die 2. Liga gehen? Weil das Fußballstadion einer der wenigen Orte in unserer durchrationalisierten Welt ist, in der Emotionen öffentlich ausgelebt werden können? Ich weiß es nicht. Mir ging jedenfalls angesichts von Marco Kurz Entlassung durch den Kopf,  nur gut, dass der Druck zur Trainerentlassung in Duisburg nicht so groß war. Aus welchen Gründen auch immer. Ich hoffe natürlich, der ein oder andere rationale neben dem mangelnden Geld war auch dabei.

11 entscheidende Gründe für den Sieg im Pokalfinale

Im Blog Turnhallengeruch schreibt Phil über seinen Verein. Es ist der FC Schalke 04. Letzte Woche schlug er vor, unsere seherischen Qualitäten zum Nutzen unserer Leser mit einem gemeinsamen Text in zwei Waagschalen zu werfen. Elf Gründe sollten her, warum die Vereine unserer Gunst den DFB-Pokal gewinnen werden. Mit der Herdenintelligenz im MSVPortal lassen sich natürlich ganz andere Ziele anstreben.  „1000 gute Gründe …“ für den Sieg des MSV Duisburg am Samstagabend könnten eigentlich schon ein erster Grund in meiner persönlichen Liste von Gründe für eben diesen Sieg sein.
Wollen wir aber erstmal dem Gast den Vortritt lassen und sehen, was für den FC Schalke 04 spricht. Phil schreibt:

Der FC Schalke 04 gewinnt das DFB-Pokalfinale weil, …

  1. skAndy sich unmöglich von einem Affen tätowieren lassen kann.
  2. der Señor seine Karriere nicht ohne einen nationalen Vereinspokal beenden kann, und seinen königlichen Kollegen in nichts nachstehen darf.
  3. sich unsere Freunde von der Hertha sicher fürchterlich über einen königsblauen Pokalsieg in ihrer Stadt freuen würden.
  4. nach sechs Niederlagen in Folge endlich mal wieder ein Sieg her muss.
  5. die Schalker Mannschaft noch unfassbare Kraftreserven aus der Liga übrig haben müsste.
  6. Schalke 04 noch für mindestens ein Spiel den besten Schnapper der Welt zwischen den Pfosten stehen hat.
  7. Ralf Rangnick seine freie Zeit im Winter sicherlich genutzt hat, um mögliche nächste Gegner ausgiebig zu zu bespitzeln.
  8. Ultra Beauty nur durch einen Pokalsieg zum Schlager werden kann.
  9. ein Team, welches Bayern München im Pokal geschlagen hat, eben den Pokal bekommt.
  10. ein Team, welches Cottbus im Pokal geschlagen hat, eben nur Cottbus im Pokal geschlagen hat.
  11. der FC Schalke 04 statistisch gesehen immer den DFB-Pokal gewinnt, wenn der Finalgegner nicht Bayern München heißt.

Auch wenn Phil von Schalker Seite aus den Anstoß zu den Überlegungen gegeben hat, wirklich entscheidende Gründe erkenne ich nur für einen Sieg des MSV Duisburg. Die Zebras gewinnen nämlich, weil …

  1. … die Spielstärken der einzelnen Spieler gegenüber zu stellen eine sehr theoretische Angelegenheit ist. Das unvorhersehbare Ereignis macht den Außenseiter immer stärker als den Favoriten.
  2. … Bruno Hübner schon vor Saisonende den Defensivspieler vom VfL Wolfsburg Sergej Karimow verpflichtet hat und dessen Schalke-Bezwinger-Mentalität bereits in den Kader einsickern konnte. Am 30. Januar 2008 spielte Karimov in seinem ersten Pokalspiel für den VfL Wolfsburg gegen den FC Schalke 04 und erzielte den 1:1-Ausgleichstreffer Sekunden vor dem Abpfiff. Und es war Karimov, der beim Elfmeterschießen das entscheidende fünfte Tor schoss.
  3. … auf der Liste der höchsten Niederlagen des FC Schalke 04 im Pokalwettbewerb als erstes Spiel die 6:0-Niederlage gegen den MSV Duisburg am 19.2. 1966 steht.  Im Pokalwettbewerb ist die Bilanz des MSV Duisburg gegen den FC Schalke 04 seitdem sensationell. In insgesamt einem Spiel gab es einen Sieg, kein Unentschieden und keine Niederlage. Der Sieg gegen den FC Schalke 04 war für den MSV Duisburg ein Erstrunden-Sieg in jenem DFB-Pokalwettbewerb, in dem der Verein das Endspiel zum ersten Mal erreichte. (Siehe auch unter Punkt 8 zum Thema Gestaltpsychologie.)
  4. … die letzte Finalteilnahme 1998 ermöglichte der Sieg gegen Eintracht Trier. Mit dem Sieg gegen Eintracht Trier bezwang der MSV Duisburg jene Mannschaft, die zuvor den FC Schalke 04 und Borussia Dortmund aus dem Pokal geworfen hat. Der vorweggenommene Ruhrpott-Pokalsieg muss endlich mit einem Pokal belohnt werden.
  5. … die Designer von Adidas auch beim Entwurf vom Einmal-Auswärtstrikot in Ultra Beauty an die „großen Erfolge“ vom FC Schalke 04 in den 80ern wie Abstiege und Niederlagenserien gedacht haben.
  6. … weil im Kölner Stadt-Anzeiger auf Fotos zu Jugendspielen des 1. FC Köln seit ein paar Wochen immer nur Spieler des MSV Duisburg auftauchen, auch wenn die Gegner FC Schalke 04 oder Rot-Weiß Ahlen heißen. Wenn schon die Kölner glauben, die Spieler vom MSV Duisburg seien überall, wie wird es erst den Schalker Spielern ergehen?
  7. … auf sechs Niederlagen in Pflichtspielen unweigerlich die siebte Niederlage folgen wird. Die Sechs spielt im Gegensatz zur Sieben in den Mythen unserer Welt nämlich keine Rolle. Sieben auf einen Streich.  Die sieben Weltwunder. Die sieben Zwerge. Sieben-Meilen-Stiefel und so fort.
  8. … Gesetze der Gestaltpsychologie wirken, und der Mensch Vollkommenheit in der Form sucht. Eine Saison, die wie beim FC Schalke 04 für einen Verein schlecht begonnen hat, wird schlecht enden. Eine Saison, die wie beim MSV Duisburg gut begonnen hat, wird gut enden.
  9. … der Duisburger Autokorso im Gegensatz zum Gelsenkirchener nach einem Pokalsieg die Ruhrgebietsidentät voranbringt. Gefeiert wird stadtgrenzenüberschreitend. Die Duisburger Stadtspitze verhält sich keineswegs mutlos, ängstlich oder gar kleingeistig, sondern visionär, indem sie durch Nichtstun den Ruhrstadt-Gedanken unterstützt.
  10. Olcay Sahan nach dem Spiel gegen den VfL Bochum recht hat, wenn er sagt: „Vor den drei letzten Pokalspielen gegen Köln, Kaiserslautern und Cottbus konnten wir unsere Liga-Spiele auch nicht gewinnen. Da wir nun in Bochum verloren haben, werden wir gegen Schalke gewinnen.“
  11. … weil Goran Sukalo dazu bestimmt ist, das Dieter-Hoeneß-Gedächtnis-Tor zum entscheidenden 2:1 in der 84. Minute zu  köpfen. Für die Jüngeren: Ein Kopfballtor von einem Spieler mit Kopfverband nach Platzwunde. Nach diesem Tor werden alle Lahmen des MSV Duisburg wieder gehend, alle Blinden wieder sehend und alle Hörenden werden ob des Lärms von den Tribünen taub werden.

Die Liste lässt sich unten, in den Kommentaren zwanglos fortsetzen. Auch das wirkt schmetterlingsflügelschlaggleich.

Ich warte nur auf Nachrichten über Benjamin Kern

So, nun ist auch generalgeprobt. Auch wenn die Meinungen über das Spiel etwas geteilt sind, ich habe den Eindruck, die Mannschaft ist für das Finale im DFB-Pokal gewappnet. Ich habe nur die Spielzusammenfassung gesehen, kurz was aus Marco Röhlings Mund gehört und ein paar Dinge gelesen. Wenn ich mir aus all dem ein Bild mache, so spielt die Mannschaft auf dem Niveau der letzten Wochen mit bekannten Schwächen in Defensive und Offensive. Diese Schwächen kommen manchmal zum tragen und manchmal eben nicht. Manchmal schiesst ein Verein die Tore gegen den MSV Duisburg, wenn den Gegenspielern im Strafraum einen Moment zu viel Platz gelassen wird. So war es dieses Mal beim VfL Bochum. Manchmal fallen die Tore vom MSV Duisburg und manchmal wirkt sich die Abschlussschwäche eben deutlicher aus. Erschwerend kam hinzu, dass der Schiedsrichter den Spielfluss durch keinen Elfmeterpfiff hemmen wollte. Olcay Sahan hatte es in dieser Saison schon öfter schwer im Strafraum.

Bleibt für mich als einzige Frage, wie geht es Benjamin Kern? Fast sieht es in der Lokalpresse so aus, als wolle niemand der Verkünder schlechter Nachrichten sein. Benjamin Kern ist kein Thema. An anderen Stellen aber lese ich von einem „bösen“ Umknicken. Er wurde danach ausgewechselt. Als Vorsichtsmaßnahme? Zwar habe ich gestern flapsig geschrieben, wenn gegen den VfL Bochum nicht mehr als einer der wichtigen Spieler sich verletzt, haben wir im Finale eine Chance gegen den FC Schalke 04. Aber das muss doch nicht sein. Der MSV Duisburg braucht keine weitere Opfergabe mehr zur Vorbereitung auf das Finale im DFB-Pokal. Da hat die Mannschaft für welche Götter im Fußballhimmel auch immer bereits ihre Schuldigkeit getan. So Fußballgötter sollten jetzt endlich mal zufrieden sein mit dem, was sie schon an verletzten Spielern gereicht bekommen haben.

Wir sind Schmetterlinge, die mit ihren Flügeln schlagen

Auch Nachbetrachtungen zu einem Ligaspiel brauchen einen starken Gedanken, um den herum sich die Beobachtungen zum Spiel anordnen lassen. Den habe ich gestern für das Spiel des MSV Duisburg gegen Hertha BSC Berlin nicht gefunden, und ich bin mir nicht sicher, ob das heute der Fall sein wird. Es gibt zu viel, was mich vom Spiel selbst ablenkt. Unweigerlich bringe ich jedes Geschehen im Spiel mit dem DFB-Pokalfinale in Verbindung. Kaum steht ein Spieler des MSV Duisburg nach einem Foul nicht sofort wieder auf, schon hake ich innerlich den nächsten Ausfall eines Spielers ab. Wenn ich mich etwa an den Einsatz von Olivier Veigneau am Montagabend erinnere und an die Intensität seiner Spielweise, so lautet die beste Nachricht des Abends, es gibt keine weiteren Verletzten.

Es ist mir am Montag nicht mehr gelungen, im Moment des Abends zu bleiben. Ständig irritierten mich abschweifende Gedanken. Ich überlegte, ob auch Olivier Veigneau gehen würde. Wir wussten vor dem Spiel noch nichts von seiner Entscheidung, den Vertrag nicht zu verlängern. Sah ich Olivier Veigneau, sah ich die ungewisse Zukunft des Vereins. Ich dachte an Professionaliät, die ich immer wieder von Fußballern gefordert hatte, und dachte ebenfalls, nun lässt sich diese Professionalität beim MSV Duisburg erkennen. Olcay Sahan geht und versucht bis zum Abschied sein Bestes zu geben. Leihspieler wie Stefan Maierhofer kommen für ein Jahr und treten so auf, dass sie zum Publikumsliebling werden. Die Verantwortlichen des Vereins informieren stilvoll über die Zukunft der Spieler des Vereins, und gleichzeitig wird deutlich, die Mannschaft dieser Saison ist dabei, Vergangenheit zu werden. Da mischte sich Abschiedsmelancholie in die Überlegungen zum DFB-Pokalfinale in Berlin. Da mischte sich in die Überlegungen zum DFB-Pokalfinale eine leichte Unruhe durch die Gedanken an die nächste Saison. Da tauchte in der Unruhe die Verpflichtung von Emil Jula als beflügelnder Gedanke auf, und ach ja, das Spiel auf dem Platz unten lief ja auch noch.

Es war eigentlich ein Spiel, das mit einem Unentschieden hätte enden müssen. Die Berliner wollten eigentlich nicht  mehr als dieses Unentschieden, um danach aufgestiegen zu sein. Als sie aber in der ersten Halbzeit recht unvermittelt die Chance auf ein Tor erhielten, schlugen sie das Angebot nicht aus. So eine Chance kann sich in jedem Spiel ergeben, wenn Verteidiger des Gegners für einen Moment nicht an ihrem Platz sind. So Tore ergeben sich aus Spielsituationen, die wie ein Versuchsballon des Angriffs wirken. Warum nicht mal eine Flanke von rechts auf den hinteren Pfosten schlagen? Vielleicht bleiben die zwei Mann frei?  Und da sie dann frei blieben, wurde das Angebot zu einem Tor angenommen, und die Hertha war des Aufstiegs schon recht früh im Spiel ganz sicher.

Der MSV Duisburg war mit dem Unentschieden zwar nicht zufrieden, und die Mannschaft bemühte sich von Anfang an sehr, den Ball druckvoll in die gegnerische Hälfte zu bringen. Doch meist schon vor dem Strafraum unterband die Hertha jegliche Gefahr verheißende Spielaktion des MSV Duisburg. Spätestens im Strafraum aber war die Defensivleistung der Hertha dann fehlerlos. Nur in den ersten zehn Minuten der zweiten Halbzeit konnte der MSV Duisburg mit sicherem Kombinationsspiel und aggressivem Pressing genügend Druck entwickeln, um die Defensive der Hertha zu verunsichern. Zwei Chancen nach Flanken wurden nicht genutzt. Die gesamte zweite Halbzeit investierte der MSV Duisburg viel. Die Mannschaft wollte den Ausgleich und wurde nicht belohnt, weil sie zwar bis zum Strafraum ansehlich spielte, danach aber keine Torgefahr entwickelte.

Die Mannschaft denkt wahrscheinlich weniger an das DFB-Pokalfinale als wir Fans. Man merkte, diese Mannschaft will auch in Liga-Spielen weiter gewinnen. Ich hingegen versuche aus den restlichen Spiele der Saison vor allem noch die kleinsten guten spielerischen Momente zu sammeln, um angesichts der vielen Ausfälle von Stammspielern nicht nur an ein Wunder von Berlin glauben zu müssen. Was mich am Montagabend erneut zufrieden stimmte, war der sich entwickelnde Kombinationsfußball des MSV Duisburg,  der gegen eine sehr gut deckende Berliner Mannschaft immer wieder ins Rollen kam. Da steht eine Mannschaft auf dem Platz, die mitspielen will und nicht nur auf die eine Chance durch den Standard setzen muss.

Allmählich frage ich mich auch, sollten wir nicht alle beginnen, diese Mannschaft stark zu reden? Da gehen dann weniger Allmachtsphantasien mit mir durch, als dass ich weiß, gerade in Zeiten von Verunsicherung wirkt das Lob als sinnvollstes pädagogische Prinzip der Veränderung. Dann denke ich, die Spieler wissen ohnehin, welche Fehler sie machen und wo ihre Schwächen im Moment immer wieder deutlich werden. Daniel Reiche wird wissen, dass sein Passspiel erneut durch Totalversagen bedroht war. Wie schon im Spiel gegen Aachen schenkte er den Ball zweimal ohne Not her. Ein Sportpsychologe wäre da vielleicht eine Option, aber vielleicht auch die Meinung, dass er eigentlich ballsicher genug ist für den ersten Pass aus der Abwehr heraus. Wenn er zudem Lob für sein eigentlich auch gutes Defensivverhalten erhielte, könnte er an die Leistung vom Beginn der Saison anknüpfen. So Sachen gehen mir durch den Kopf. Oder auch, dass wir uns auf David Yelldells Leistungen auf der Linie verlassen können. Es ist nicht nur zu spät in der Saison für die Einzelkritik, ich stehe auch auf schwankendem Boden und weiß nicht mehr, mit welchem Ziel ich hier schreibe. Wahrscheinlich hat das alles doch mit meinem Wunsch zu tun, an den Aussichten für den MSV Duisburg beim Pokalfinale in Berlin irgendetwas drehen zu können. Ich will beeinflussen – mit welchem Schmetterlingsflügelschlag auch immer.

Die Phönix-Reportage im Netz: Integration durch Fußball

Mittwoch vor einer Woche hieß es beim öffentlich-rechtlichen Sparten-Fernsehsender Phoenix Themen-Abend „Integration“. Unter anderem wurde in einer 30-minütigen Reportage gezeigt, was Fußball in dem Zusammenhang bedeutet – Fußball in Duisburg. Die Absicht – und damit die Aussage der Reportage – war von vornherein klar, es ging um die vorbildhaften Möglichkeiten und Gedanken, die in unserer Gesellschaft das Zusammenleben fördern können.

In 30 Minuten lässt sich nicht all zu sehr in die Tiefe der Wirklichkeit gehen. Es geht dann um ein Sammeln von positiven Erfahrungen und Meinungen, Schwierigkeiten bleiben außen vor. Das gilt besonders dann, wenn sich der Bogen der Reportage von der Alltagsarbeit in einem kleinen Fußballverein des Breitensports, dem SV Rhenania Hamborn, spannt hin zum professionellen Sport beim MSV Duisburg. Auf der einen Seite geht es um das Weiterleben einer grundlegenden Struktur dieser Gesellschaft in Vierteln mit hohem Migrantenanteil, auf der anderen Seite geht es neben den individuellen Erfahrungen der Berufssportler vor allem um die Möglichkeit zu symbolhafter Identifikation. Das Herausfiltern der entscheidenden Gründe für die Wirkung dieser Integrations-Arbeit muss man selbst vornehmen.

Im Interview erzählt das Vorstandsmitglied des MSV Duisburg, Dr. Stephan Bock, über die Bedeutung des MSV für die Stadt und wo er die integrierende Wirkung des Profisports wahrnimmt. Der Vorsitzende des SV Rhenania Hamborn, Cafer Kaya, erzählt über seinen Verein und dessen Arbeit im Breitensport. Diesem Breitensport im Duisburger Norden geben eine 11-jährige Spielerin der Rhenania-Mädchenfußballmannschaft und deren Trainerin die Gesichter. Der Co-Trainer des MSV Duisburg Fuat Kilic wird über die Bedeutung des Fußballs in seinem Leben befragt, und schließlich sitzen Olcay Sahan, Burakcan Kunt und Sefa Yilmaz zum Gruppeninterview am Tisch.

Ich halte solche Reportagen für wichtig, weil sie die Vielschichtigkeit von kulturellen Identitäten im Alltag zeigen. Wenn in der Öffentlichkeit über Integration diskutiert wird, bleibt das meist abstrakt und es ensteht häufig der Eindruck, Integration sei kein Prozess sondern ein Zustand. Entweder ist jemand integriert, oder er ist es nicht. Das Leben funktioniert anders.  Die Integrationsdebatte ist in großen Teilen eine versteckte Identitätsdebatte. Deshalb ist es tatsächlich wichtig, solche Orte in unserer Gesellschaft öffentlich zu machen, wo kulturelle Identitäten der einzelnen Menschen neu entstehen und sich diese Menschen aber als verantwortlich für die Gesellschaft hier ansehen.

Besonders anschaulich wird dieses Entstehen von Identität als Prozess und als Ergreifen von Möglichkeiten noch einmal am Ende der Reportage, als sich Olcay Sahan und Sefa Yilmaz zum Thema Nationalmannschaft äußern. Für welche Nationalmannschaft entschieden sie sich mit ihren deutsch-türkischen Biografien. Zum einen fällt es Olcay Sahan offensichtlich leichter als Sefa Yilmaz etwas spielerischer mit dem Thema umzugehen. Er löst die sich zwangsläufig ergebenden Widersprüche durch Humor auf. Zum anderen ist es auch eine Frage der Chancen, und das ruft doch sehr die ökonomische Grundlage jedes Ausbilden einer kulturellen Identität in Erinnerung. Sie spielten für die deutsche Nationalmannschaft, sagt Olcay Sahan und bezieht den zurückhaltenden Sefa Yilmaz flapsig mit ein. Wenn sie die Chance erhalten.

Das Video der Reportage stellt Phoenix  hier ins Netz.

Geteilte Meinungen über ein Spiel am frühen Abend

Es gibt noch kein abschließendes Urteil darüber, ob Fußball dieses oft beschworene einfache Spiel ist, von dem meist die Stürmer-O-Töne zeugen, oder ob er als ungeheuer komplexer Sport gelten kann, der selbst von Fachleuten nur unzureichend durchdrungen wird. Diese Meinung verbreiten eher die Trainer und Sachbuchautoren. Nimmt man die Meinungsvielfalt zum Maßstab, kann das Spiel des MSV Duisburg gegen Alemannia Aachen am frühen Freitagabend kann ganz klar als Argument für die Komplexitäts-Theorie gelten.

Ich selbst habe am Freitag ein überaus unterhaltsames und spannendes Spiel zweier guter Mannschaften gesehen, bei dem Spieler beider Mannschaften sich eine überschaubare Zahl von Fehlern erlaubten.  Zu meiner Überraschung las ich sowohl bei Der Westen als auch in der Rheinischen Post Spielberichte, in denen die Fehler anders gewichtet waren. Der Ton der Berichte ließ die Leistung des MSV Duisburg schlechter erscheinen, als ich sie gesehen hatte. In den Spielberichten von Kicker und Reviersport sah das anders aus. Da fand ich mein Urteil bestätigt.  Auch Meinungen im MSVPortal zur Leistung einzelner Spieler gehen weit auseinander.

Im Fokus steht da vor allem Daniel Reiche. Natürlich fiel der Ausgleich zum 1:1 kurz vor dem Halbzeitpfiff nach dem Abspielfehler von Daniel Reiche und auch beim zweiten Tor der Aachener stand er unglücklich zum Gegenspieler und rutschte zudem weg. Doch auf das gesamte Spiel bezogen habe ich ihn als gleichwertigen Ersatz für Bruno Soares gesehen – sogar mit einem kleinen Vorteil für ihn beim Spielaufbau. Da müssen eigentlich Fakten her für ein Urteil und wer Zeit hat, analysiere die „Spiel-Matrix“ bei Bundesliga.de. Nur erinnere man sich dann daran, dass auch diese Daten nur die Interpretation von – wenn auch geschulten – Beobachtern des Spiels sind. Ob etwa ein misslungenes Tackling nur dem Spieler zuzurechnen ist oder in Teilen auch der misslungenen Aktion eines Mitspielers kurz zuvor, das steht nicht in diesen Daten. Deshalb überlasse ich für heute der sportlichen Leitung meines Vertrauens die abschließenden Urteile über die Leistungen der Spieler.

Denn meine Zufriedenheit nach dem Freitagsspiel gegen Aachen beruht nicht nur auf der Leistung der Mannschaft sondern auch auf Entscheidungen der sportlichen Leitung zur Spielweise dieser Mannschaft. Das schnelle Passspiel mit einem kontrollierten Spielaufbau schon aus der Defensive heraus war als taktische Anweisung für die Spieler deutlich zu erkennen. Die bevorzugten Anspielstationen waren die Flügel, doch wurden die Angriffe auch variiert, indem Flügel und Mittelfeldspieler zum Anspiel immer wieder auch mehr nach innen rückten. Die Spieler schienen zu wissen, der Fehler bei diesem Passspiel war eher erlaubt als der lange Pass als Notausstieg. Der unbedingte Versuch, Sicherheit und Vertrauen der Spieler in diese nach dem Ausfall von Stefan Maierhofer notwendige Spielweise zu bringen war für mich ein klares Bekenntnis zur vorhandenen Qualität der Mannschaft. So etwas ist ein Signal an die Spieler auch und gerade im Hinblick auf das Pokalfinale. Diese Spielweise lässt hoffen.

Beim Wechsel von Filip Trojan für Sefa Yilmaz war ich allerdings nicht auf der Seite der sportlichen Leitung meines Vertrauens. Das war ein uninspirierter Standardwechsel. Eigentlich war ich schon im Begriff angenehm überrascht zu sein, als ich Olcay Sahan im Moment des Wechsels zur Seitenlinie gehen sah. Diesen Wechsel hätte ich mutig gefunden, vor allem richtig, weil leistungsgemäß. Vielleicht ist aber auch bei diesem Wechsel alles viel komplexer, und das Verbleiben von Sahan war in einem von mir nicht durchschauten Gesamtsystem notwendiger als das von Sefa Yilmaz. Ausreichend erklären könnte Milan Sasic mit Sicherheit den Wechsel.

Der guten Nachrichten sind noch nicht genug. Srdjan Baljak gewinnt rechtzeitig zum Saisonhöhepunkt seine Klasse zurück. Er erläuft sich die Bälle wieder wie in der Hinrunde, selbst aus härtesten Pässen nimmt er bei der Annahme elegant die Geschwindigkeit, so dass sie ihm nicht mehr verspringen und im Zweikampf gewinnt er seine Durchsetzungsfähigkeit zurück. Die Notlösung Jürgen Säumel auf der linken Seite in der Defensive entpuppte sich vor allem im Spiel nach vorne als folgerichtige Option. Man merkt aber, sein Spielverständnis ist auf einen Platz im Mittelfeld ausgerichtet und ihm mangelt es an Automatismen auf der hintersten Linie der Mannschaft. Aber das hat mit der Sicherheit von Branimir Bajic an seiner Seite im Laufe des Spiels immer besser funktioniert. Auch Maurice Exslager hatte sich offensichtlich vom inneren Druck befreien können. In den Spielen bislang wirkte er schnell etwas übertourig und hastig. Davon war in diesem Spiel nichts mehr zu merken, um so schöner, dass er den Ausgleich erzielen konnte. Das Spiel rundete sich mit dem Siegtreffer durch Goran Sukalo. Er hatte zu Beginn den Elfmeter verschossen und bildete die letzte Anspielstation nach einer Dreierkombination von jeweils steil gespielten Pässen. Gerade diese Kombination mit dem erfolgreichen Abschluss weist in die Zukunft. Sie ist das Ergebnis von vorhandener Sicherheit im Kurzpassspiel und der Möglichkeit zum Tempo bis zum Abpfiff.

Um stärker besetzte Gegner zu schlagen, ist für eine Fußballmannschaft das Gefühl, von einer guten Stimmung getragen zu werden, keineswegs hinderlich. Solche Spiele schaffen diese Stimmung in der Mannschaft und im Umfeld. Dazu tragen dann auch die Momente nach dem Spiel bei. Julian Koch und Stefan Maierhofer waren im Stadion. Sie kamen nach dem Spiel mit ihren Krücken auf das Spielfeld gehumpelt, um sich gemeinsam mit den Kollegen zu freuen. Es war zunächst Julian Koch, den der „Stimmungsblock“ hochleben ließ, so dass er sich mit seinen Krücken auf den Weg Richtung KöPi-Tribüne machte. Kurze Zeit später eilte Stefan Maierhofer hinterher. Am Zaun angekommen boten beide tanzend und hüpfend den Fans nicht nur ein erinnerungswürdiges Bild für die MSV-Historie, sondern lieferten ihnen damit auch die Vorlage für ein witziges Gemeinschaftswerk. Titel des Ganzen: „Wer nicht hüpft, der ist kein Zebra“.

Wer´s verpasst hat, bitte schön …

Auch ohne das Elfmeterschießen wurde es dramatisch

Nein! Nein! Jaa! Ja. Nein, nicht, nein. Aah. Pfffffff. EM-ES-VAU-EM-ES. Aaaah. Ooooh. Nein. Pfffff. Hhhhhhhhhha. JAAAAAAAAA. So ungefähr muss ich mich angehört haben in den letzten Momenten dieses Halbfinales vom MSV Duisburg gegen den FC Energie Cottbus. Was war das für ein taumelndes Stemmen vom MSV Duisburg gegen den drohenden Ausgleich kurz vor dem Abpfiff im Halbfinales des DFB-Pokals gegen den FC Energie Cottbus. Was war das für eine Energie im Stadion auf den Rängen und auf dem Spielfeld. Diese Energie drohte in den letzten Minuten immer wieder richtungslos zu wabern. Und doch bündelte sie sich auf dem Spielfeld in großartigen Rettungsaktionen, mit denen das Tor der Cottbusser im letzten Moment verhindert wurde. Auf den Rängen verwandelte sich das Aufstöhnen und unartikulierte Schreien in das peitschende EM-ES-VAU, das diese Mannschaft unten auf dem Spielfeld zu dem so nah wirkenden Sieg tragen sollte.

So sicher schien der Sieg für den MSV Duisburg über etwas mehr als 70 Minuten, und so dramatisch wurden die letzten Spielminuten. Viel zu viele Spieler in roten Trikots befanden sich im Strafraum vor dem Tor von David Yelldell. Viel zu viele, um jeden so zu decken, dass er wirkungslos sein würde. Der Angriff kommt über den linken Cottbusser Flügel. Kein Bein eines MSV-Verteidigers verändert die Flugbahn der Flanke, und ich weiß irgendeiner dieser Spieler in den roten Trikots wird an den Ball kommen, schießen und wahrscheinlich treffen. Aber David Yelldell zerstört mit einem beeindruckenden Reflex auf der Linie die dritte Riesenchance zum Ausgleich.

Plötzlich bündelt sich nichts mehr, es wabert nur noch. Plötzlich entsteht ein Teppich an Energie, die nicht weiß, was das nächste Ziel ist, außer dass Schiedsrichter das Spiel abpfeifen soll. Plötzlich scheint das Tempo dem Spiel verloren gegangen zu sein. Sind die meisten Spieler zu weit vom Ball entfernt? Ist es Olcay Sahan, der den Ball in die Cottbusser Hälfte treibt. Schon im Ansatz ist zu sehen, er schafft das mit letzter Kraft und nur um den Ball möglichst weit Richtung Südtribüne zu bringen. Doch auch die Cottbusser Spieler sind so langsam. Wahrscheinlich kommt es mir auch nur so vor, weil  sich die Zeit bei den drei Cottbusser Großchancen kurz hintereinander so sehr verdichtet hatte. Dreimal hatte ich die Schüsse der Stürmer von Cottbus im Tor des MSV Duisburg gesehen. Ich war auf den Sturz in den Abgrund der Enttäuschung schon gefasst, und dann packten David Yelldell, Olivier Veigneau und der lebendig gewordene Pfosten mich bei der Hand. Sie zogen mich auf den schmalen Geröllpfad wieder hoch, der in die Glückseligkeit nach dem Abpfiff führen sollte.

Was waren das für dramatische letzte Minuten. Dabei habe ich selten zuvor ein so entscheidendes Spiel des MSV Duisburg einfach nur genossen. Bis ungefähr zur 75. Minute. Die Mannschaft des MSV Duisburg ließ dem FC Energie Cottbus in der ersten Halbzeit keine Chance. Cottbus wirkte verunsichert und übernervös. Dagegen schien die Mannschaft des MSV Duisburg von der Atmosphäre im Stadion beflügelt.

Diese Zuschauer waren für den MSV Duisburg gekommen und sie glaubten an ihre Mannschaft. In dieser Saison entsteht in Duisburg vielleicht zum ersten Mal eine Kultur des dauerhaften, intensiven Supports durch die Zuschauer. Die Stimmung war leichter als im Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern. Sie war aber selbstbewusster und vielleicht gerade deshalb auch nicht ganz so kraftvoll. Doch diese Stimmung war nahezu durchgehend vorhanden.

Klare Chancen konnte sich die Mannschaft vom MSV Duisburg zunächst nicht erspielen. Aber es war deutlich, solange jeder Cottbusser Angriffsversuch derart konsequent unterbunden wurde, könnte jederzeit ein Fehler in der Cottbusser Verteidigung zum Führungstor des MSV Duisburg werden. Das 1:0 von Stefan Maierhofer wirkte dann auch wie das perfekte Bild für die gesamte Spielweise des MSV Duisburg. Es wirkte wie die Mischung aus geplantem Angriff, dem unentwegten Hinterhergehen bei jedem verlorenen Ball und der in so einem ersten Moment der Balleroberung nicht ganz vorhandenen Ballkontrolle. Die Flanke in den Strafraum konnte Stefan Maierhofer nicht direkt köpfen, sondern der vom Verteidiger abgewehrte Ball prallte dem synchron mitspringenden Maierhofer an den Kopf, um dann erst ins Tor zu gehen.

Die Cottbusser starteten in der zweiten Halbzeit mit einem neuen Spieler, der sehr viel Gefahr verbreitete. Doch nachdem die ersten zwei heftigen Angriffe abgewehrt waren, gewann der MSV Duisburg die Kontrolle über das Spiel zurück. Konter wurden möglich, und so einen Konter schloss Srdjan Baljak nach Pass von Ivica Banovic zum 2:0 ab. Die Cottbusser gaben aber noch nicht auf. Das Anschlusstor durch den Elfmeter hätte mich nicht weiter beunruhigt. Erst die rote Karte gegen Bruno Soares ließ das Spiel noch einmal kippen. Für mich war diese rote Karte eine zu harte Entscheidung. Diese rote Karte brachte zwar zunächst keine Unruhe in der Hintermannschaft, sie brachte aber Zweifel beim Spiel nach vorne. Beeindruckend wie ruhig und abgeklärt in so einer Spielphase Branimir Bajic die Abwehr organisiert. Dieser Mann ist ein Phänomen. Wie kann ein Spieler derart unauffällig präsent sein?

Diese Mannschaft hat als Einheit den Sieg errungen. Eine so konsequentes Agieren wie in der ersten Halbzeit funktioniert nur als sorgsam organisiertes Miteinander. Ein Sinnbild dafür ist für mich auch der Jubel der Ersatzspieler beim zweiten Tor. Sie wollten nicht am Rand stehen bleiben, sondern sich gemeinsam mit David Yelldell über das Baljak-Tor freuen. Berlin, wir kommen. Und egal, was da im Finale passiert, es wird wieder gut werden.

Begeistert über Alltagsarbeit

Wie sich  nach einem Fußballspiel  Siege anfühlen, verrät uns nicht nur viel über Qualität und Ambitionen einer Mannschaft sondern auch einiges über die Hoffnungen der Zuschauer. Das Gefühl nach dem 3:1-Sieg des MSV Duisburg gegen den FC Erzgebirge Aue kenne ich schon Jahre nicht mehr nach einem Sieg des MSV Duisburg. Dieser Sieg erinnerte mich an die sorgfältige und zufriedenstellende Erledigung von Alltagsarbeit.

Die Last solcher Alltagsarbeit fällt normalerweise nicht weiter auf. Sie wiederholt sich, wie etwa das tägliche Essen kochen, und nur selten begeistert sich jemand am Ergebnis. Dennoch kostet Alltagsarbeit viel Kraft, und es ist immer eine offene Frage, wie gut sie erledigt wird und wie sehr man sich auch für diese Alltagsarbeit anstrengt. Ich schätze gut erledigte Alltagsarbeit sehr. Wer täglich frisch zubereitetes, leckeres Essen auf den Tisch bringt, wird an besonderen Tagen keine Probleme bei der Zubereitung eines Festessens haben. Umgekehrt ist es aber nicht immer so. Wer ein Festessen zubereiten kann, ist längst noch nicht für den Alltag gerüstet. Der MSV Duisburg hat sich gestern im Alltag bewährt. Wer den FC Erzgebirge Aue besiegt, weil die Mannschaft besiegt werden muss, besitzt die Qualität und Ambition, um das Unaussprechliche bis zum letzten Spieltag im Blick zu behalten.

Das Spiel machte es offensichtlich, warum der FC Erzgebirge Aue trotz der so wenigen erzielten Tore in der Tabelle oben steht. Diese Mannschaft besitzt eine Defensivreihe, die ich von der Statur her eher im australischen Rugby oder im Basketball vermutet hätte. Spieler von solcher Größe und Athletik strahlen zunächst einmal Unverwundbarkeit aus. Um so beeindruckender ist es, wenn Goran Sukalo sich zweimal gegen solche Spieler beim Kopfball durchsetzen kann, um Tore zu erzielen. Vor dieser Defensivreihe gibt es ein spielfreudiges und kombinationssicheres Mittelfeld, dem abschlussstarke Stürmer fehlen.  Es wirkte aber das Spiel über so, als sei es den Auer Spielern jederzeit möglich, durch schnelle Kombinationen überraschend in Strafraumnähe zu gelangen.

Dieses Mittelfeld sollte meist durch einen langen Pass erreicht werden. Ivica Banovic wurde im mittleren Teil des Spielfelds zu einem Garanten des Erfolgs für den MSV Duisburg, weil er immer wieder die kontrolllierte Annahme dieser längeren Pässe der Auer störte. Immer wieder war er zur Stelle, um den Ball zu erobern oder um zumindest das Tempo aus dem Angriffsspiel des FC Erzgebirge Aue zu nehmen. Der MSV Duisburg wirkte auch deshalb die meiste Zeit des Spiels überlegen, ohne das Kombinationsspiel der Auer endgültig unterbinden zu können.

Ich hätte auch keine Sorge um den Sieg des MSV Duisburg gehabt, wenn nicht die Entscheidungen des Schiedsrichters Tobias Stieler nach und nach eine immer deutlicher werdende Ungleichbehandlung der Mannschaften erkennen ließen. Sicher, Schiedsrichter treffen manchmal Fehlentscheidungen, die spielentscheidend sind, selten nur aber summieren sich viele kleine Fehlentscheidungen so, dass ein Spiel zu kippen droht. Das war dieses Mal der Fall. Fouls gegen den MSV Duisburg wurden gepfiffen, dieselbe Spielweise auf der anderen Seite nicht. Der Ball an der Schulter von Olcay Sahan wird als Handspiel gegen den MSV Duisburg gepfiffen, dieselbe Ballannahme eines Auer Spielers nicht. Für kurze Zeit kochte die Stimmung hoch, die Spieler des MSV Duisburg drohten aus ihrem Rhythmus zu geraten. Die gelben Karten gegen Goran Sukalo, Stefan Maierhofer und Olcay Sahan waren direkte Folge dieser Stimmung. Wobei mir das Fehlen von Sukalo mehr Gedanken macht als das von Stefan Maierhofer, dem gestern nicht viel gelang.

Was Mannschaft und Zuschauer in diesem Moment auszeichnete, macht mich sehr zuversichtlich für die Zukunft. In dieser Mannschaft stimmt die Mischung von Spielertypen. Wenn ein Heißsporn wie Stefan Maierhofer sich seine gelbe Karte mit Ansage abholt, bleibt nicht nur genügend Ruhe im Rest der Mannschaft für das Spiel, sondern diese Ruhe strahlt in die gesamte Mannschaft zurück und zeigt Wirkung. In so einer Spielphase sind Typen wie Filip Trojan und Benjamin Kern nötig, die wieder Konzentration einfordern und daran erinnern, nicht der Schiedsrichter ist Gegner sondern die Spieler aus Aue, nicht das Foul ist das Mittel zum Erfolg sondern kämpferische Härte. Das zweite Tor von Goran Sukalo habe ich deshalb auch als gerechten Ausgeich für die Ungleichbehandlung durch den Schiedsrichter empfunden. Und auch die Zuschauer spürten, dass der Ärger gegen den Schiedsrichter besser durch das Anfeuern der eigenen Mannschaft bewältigt werden konnte als durch Unmut und Pfeifen gegen den Schiedsrichter. Dass auch die Zuschauer auf den Geraden die Mannschaft nicht nur kurz anfeuerten, sondern sie für längere Zeit durch kritische Phasen tragen wollten, kenne ich aus Duisburg kaum. Da entsteht eine so breite Identifikation mit der Mannschaft, die es jahrelang nicht gegeben hat.

Das Anschlusstor durch Tobias Kempe hat es dann noch einmal für kurze Zeit spannend gemacht. Doch vielleicht ist so ein Satz eher der Vergangenheit geschuldet als der Gegenwart. Vielleicht war die Mannschaft nach dem Gegentor sehr viel stabiler, als wir es erkennen konnten. Vielleicht werde ich demnächst so einen Satz nur noch als reine Aussage schreiben, etwa so: In der 88. Minute fiel noch ein Gegentor durch Tobias Kempe, doch Manuel Schäffler stellte zwei Minuten später das Endergebnis sicher. So ein Satz könnte deshalb bald schon Wirklichkeit sein, weil zur Erledigung von Alltagsarbeit auch die Erwartung gehört, dass das Leben seinen normalen Gang geht. Wer weiß, dass in seiner Familie täglich gekocht wird, erwartet jeden Mittag das Essen auf dem Tisch. Die Mannschaft des  MSV Duisburg hat mich an das Mittagessen des Fußballs, den Sieg, allmählich gewöhnt. Darüber bin ich dann doch auch im Alltag sehr begeistert.


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: