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Fußballwirklichkeit und eine Kurzgeschichte – Ralf Rothmann

Kurzgeschichten,  wenn sie von deutschen Autoren zwischen den  50er und 60er Jahren geschrieben wurden, wecken bei mir augenblicklich die Vorstellung einer Denksportaufgabe. Lies den Text und finde die Bedeutung! Das hat natürlich auch mit dem Deutschunterricht früher an unseren Schulen zu tun. Kurzgeschichten im Deutschunterricht waren immer deprimierend, langweilig, aber ungeheuer bedeutungsschwanger.

Marie Luise Kaschnitz etwa brannte sich da in mein Gedächtnis. Hieß die Kurzgeschichte „Schnee“? Mit der die Autorin uns noch mal was sagen wollte? Etwa tatsächlich das: Das geht nach hinten los, wenn Eltern ihren Kindern zu guter Bildung verhelfen? Dann verlassen die nämlich den kleinen Ort, gehen in die große Stadt und kehren zurück, um nicht zu wissen, was sie mit den Eltern reden sollen. So hat Marie Luise Kaschnitz uns aufs Leben vorbereitet. Das ist keine erbauliche Lektüre für Zwölf- und Dreizehnjährige an einem Gymnasium in der Arbeiterwelt des Duisburger Nordens. Wir entfremden euch gerade euren Eltern als nebenwirkende Botschaft des Unterrichts. Um solche aufkommenden Sorgen, machten sich Deutschlehrer aber keine Gedanken, die sahen nur den Lehrplan und die Frage, was will die Autorin uns mit der Kurzgeschichte nur sagen.

Vielleicht verdeckte der Land-Stadt-Gegensatz der Kaschnitz-Geschichte aber auch für den Lehrer damals den eigentlich uns Schüler berührenden Teil der Geschichte. Vielleicht hätte es eine Kurzgeschichte aus der Wirklichkeit des Ruhrgebiets gebraucht. Das aber war in den 1970er Jahren im Literaturkanon dieses Landes noch nicht so richtig zu Hause. Inzwischen ist das ein wenig anders geworden. Da gibt es sogar ein literarisches Ruhrgebiet, das mit der alten Kategorie Hochliteratur geadelt wird. Ralf Rothmann hat dazu mit seinen ersten Romanen einiges beigetragen; Romane, die ich gerne gelesen habe.

Die Kurzgeschichte „Erleuchtung durch Fußball“ aus seinem 2001 erschienenen Sammelband „Ein Winter unter Hirschen“ weckte allerdings bei mir neulich alte, aus der Schule bekannte Gefühle von Bedeutungüberlast. Besagter Fußball kam mir dann zu Hilfe, um mein Urteil mit einem besonderen Argument zu untermauern. Ein später Triumph über Deutschunterricht und Lehrplan. Bei aller Interpretation wurde der Lehrinhalt literarische Wertung nämlich nicht wirklich verfolgt.

In „Erleuchtung durch Fußball“ gibt es einen männlichen Ich-Erzähler mittleren Alters, der momentan mit seinem Leben unzufrieden ist. Trotz Ehefrau und erwachsener Tochter wirkt er einsam. Dieser Eindruck entsteht, weil er mit den leicht esoterischen Anwandlungen seiner Frau nichts anfangen kann, es viele kleine Dinge gibt, die beide beim jeweils anderen nicht mehr mögen und er ihr von seiner tiefen Enttäuschung im Beruf nichts erzählt. Als Drucker hat er sich zwar zum Niederlassungsleiter seines Unternehmens hochgearbeitet, doch der neue Geschäftsführer des Gesamtunternehmens ist sein erster Lehrling, ein Karrierist, der keine Skrupel hat die Leistung anderer als die seine auszugeben.

Auch in dieser Kürze ist das also eine der wohl bekannten Rothmann-Welten, in denen  Industriearbeit mit ihren Anforderungen die Gefühle der  Hauptfiguren beeinflusst, in denen Männer viel mit sich selbst ausmachen und in denen die Wirklichkeit mit einer Fülle von Details aus der Perspektive der Figuren genau beschrieben wird.

Es ist unspektakulär, was da erzählt wird. Für die lange Form des Romans ist das kein Problem, weil auf der längeren Erzählstrecke so ein Leben der Hauptfiguren ein Eigengewicht erhält. In der Kürze wird das Unspektakuläre zum Problem. Die Kurzgeschichte verlangt das Ereignishafte, sie verlangt eine Pointe. Sie verlangt eine Antwort auf die Frage, warum gerade diese Wirklichkeit nun entfaltet wurde. Ralf Rothmann gibt sie mit dem versöhnlichen Ende, für das er ein Fußballspiel symbolhaft nutzt.

Die Geschichte mündet im müden Zappen des Ich-Erzählers durchs Fernsehprogramm. Bei der Aufzeichnung des Champions-Leaugue-Spiels von Panathinaikos Athen gegen Dynamo Kiew bleibt er hängen. Es steht Null zu Null und nichts mehr war von dem Spiel zu erwarten, bis einer der Athener Spieler kurz vor dem Abpfiff einen Ball hoch in die gegnerische Hälfte schlägt. Der Torwart will den Ball aufnehmen. „Doch hatte er, der gelassen seinen Kaugummi kaute, offenbar unterschätzt, mit welcher Wucht ein Geschoß aus einer derartigen Höhe herunterkommt. Schwerer als es tatsächlich war, sauste es wie nichts zwischen den großen Handschuhen des Keepers hindurch, riß ihm die Mütze vom Hinterkopf, prallte an seinem Nacken ab und – flog ins Tor.“

Als ich das las, dachte ich sofort Ralf Rothmann hat dieses Tor trotz des Verweises auf die Fußballwirklichkeit erfunden. Er wollte der momentanen Tristheit eines Männerlebens einen versöhnlichen Dreh geben, und er wollte dieses Ende glaubhafter machen, indem er seine erzählte Welt in die Wirklichkeit seiner Leser hineinlappen lässt. Ich denke, damit überfrachtet er die kurze Erzählung mit Bedeutung. Einen ersten Hinweis darauf gibt die Beschreibung des Tores. Wenn einem Torhüter ein Ball mit solch hoher Flugbahn durch die Hände gleitet, kann der Ball niemals von dessen Nacken (!) ab-„prallen“. Wo muss ein Torwart hingucken, damit ein Ball, von oben fallend, vom Nacken abprallen kann?

Mir ließ das keine Ruhe, und ich habe nachgeschaut, welche Spiele für dieses Tor in Frage kamen. In der Champions League gab es bislang nur zwei Begegnungen zwischen zwischen Panathinaikos und Dynamo Kiew. Es handelte sich um Hin- und Rückspiel während der Gruppenphase in der Saison 1998/99. Das in der Kurzgeschichte erwähnte Spiel ist das Heimspiel von Panathinaikos, das eigentlich  im September stattgefunden hat. Dieses  Spiel gewann Panathinaikos und das Siegtor fiel schon früh, ohne symbolischen Mehrwert durch ein Tor in der 68. Minute von Nikos Liberopoulos. Es ist das 2:1, nachdem Kiew in der 31. Minute in Führung ging und Erik Mykland in der 57, Minute den Ausgleich erzielt hatte.

Bei youtube findet sich folgender Clip vom Spiel:

Das Spiel, das dem im Buch von der Witterung her gleicht, ist das Heimspiel von Kiew im November, das Panathinaikos mit 2:1 verlor. Es gab zwar ein Selbsttor, das aber führte zum Sieg von Kiew und war einfach Pech.  Es war ein Slap-Stick-Tor, das ebenfalls keinen symbolischen Mehrwert besaß. Angelos Basinas wurde vom Mitspieler beim Abwehrversuch angeschossen.

Bei youtube findet sich folgender Clip vom Selbsttor:

Außerdem gibt es einen Clip vom Vorprogramm zum Spiel, bei dem mehr Michael Jackson-(Imitat?) als Fußball zu sehen ist.

Ralf Rothmann nutzt also ein Fußballspiel, das tatsächlich stattgefunden hat und verändert dessen Ablauf, um seinen Ich-Erzähler und damit uns mit dessen Schicksal zu versöhnen. Was mich daran stört ist die so deutlich wahrzunehmende Konstruktion von Bedeutung. Dieses Gewicht ist der Geschichte anzumerken und mindert deren literarische Qualität. Es ist wie beim Fußball. Wir schätzen spielerische Momente, denen die Trainingsarbeit nicht anzusehen ist, höher ein. In dieser Kurzgeschichte hat Ralf Rothmann des Guten zu viel getan. Er hat sie zur Denksportaufgabe für den Schulunterricht gemacht. Gut, dass es seine Romane gibt.

Sämtliche Tore von Dynamo Kiew in jener Champions-League-Saison sieht man übrigens mit einem Klick weiter hier.

Griechische Hallensportfankultur

Wenn ich jetzt von Fankultur rede, meine ich vor allem die ungeschriebenen Regeln, wie Fans die eigene Mannschaft unterstützen wollen oder sollen. Schließlich müssen sich die Einzelnen zur Masse finden. Dabei geht es nicht anders zu als in anderen Teilen unserer Gesellschaft. Es gibt Moden – vor allem der Anfeuerungsrufe. Es gibt das Establishement und diejenigen, die Veränderung wollen. Es gibt tatsächlich auch Entscheider. Über die Jahre ist aber eins immer gleich geblieben. Fankultur, die  in Deutschland von einer größeren Öffentlichkeit wahrgenommen wird, ist nahezu identisch mit der Fankultur im Fußball. Hinzu kommt, die kleinen Pflanzen von Fankultur bei den populären Hallensportarten sind sehr domestizierte Gewächse. Fans der Hallensportarten verhalten sich auch bei größter Freude und zornigstem Ärger gebändigter.  Zivilisatorische Regeln besitzen für Hallensportfans weiterhin sehr große Wirksamkeit, Ausnahmen bestätigen hier nur diese Regeln.

Um so beeindruckender ist es für einen deutschen Zuschauer, wenn Fans in einer Halle sich so verhalten, als befänden sie sich bei einer Freiluftveranstaltung des Fußballs. Vor zwei, drei Jahren habe ich in der Düsseldorfer Phillipshalle einmal  bei einem Basketballspiel das Spektaktel gesehen, das die Fans von Panathinaikos Athen veranstalten. Und vielleicht hat der ein oder andere vor dem Wochenende mitbekommen, welche Sorgen die Ordnungskräfte in Berlin umtrieben, weil dort beim Final Four, einer Art Championsleague-Endrunde des Basketballs, im Halbfinale Olympiakos Piraeus und Panathinaikos Athen aufeinander trafen. Schalke gegen Dortmund in verschärfter Form. Das Spiel war ungemein spannend, die Fans waren beeindruckend laut und zu Gewaltausschreitungen ist es, was in Berlin die griechischen Fans angeht, anscheinend nicht gekommen.

Der Blick auf die griechische Hallensportfankultur erinnert daran, wie Vorurteile das Leben begleiten.  Was wir sehen, wirkt fremd und vertraut zugleich. Etwas, was von Fans beim Hallensport in Griechenland  zu sehen und hören ist, findet sich in Deutschland, wenn überhaupt, nur in Fußballstadien. Bei youtube gibt es unzählige andere Clips unter den Stichworten Basketball, Olympiakos, Panathinaikos. Wie gesagt, beindruckend und manchmal auch gefährlich.


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