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Die Stimmungsreaktions-PK

Gute Laune und der MSV haben sich gerade eine Paar-Auszeit genommen. Die On-Off-Beziehung von beiden kennen wir ja schon länger. Aber manchmal kommt das doch wieder unerwartet. Erneut der Abstand, um zu sich selbst zu finden. Schon wieder Zeit für Treffen mit Freundinnen und Freunden, die einen verstehen. Schon wieder intensive Beziehungsgespräche. Das dauert dann bei so einer Therapiesitzung vulgo Pressekonferenz auch länger als die üblichen 15 bis 20 Minuten.

Eines lässt sich vorab feststellen. Die Verantwortlichen beim MSV wissen um die brisante Stimmung unter den Anhängern und sie versuchen darauf zu reagieren. Sie nehmen die Fans ernst. Deshalb war Ivo Grlic an der Seite von Pavel Dotchev bei der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen die Würzburger Kickers. Jeder scharfe Kritiker der Verantwortllichen müsste darüber zufrieden sein. Wenn diese Welt die beste aller Welten wäre, entspannte sich jetzt die Stimmung und wir könnten sachlich über Inhalte sprechen. Da sie es nicht ist, wird nur ein Sieg gegen Würzburg zur Entspannung führen.

Dabei hat Pavel Dotchev auf der Pressekonferenz eine grundsätzlichen Kritik an ihm entkräftigen können. Zu emotionslos wirkt er auf viele MSV-Fans. Diese Pressekonferenz sahen wir ihn von Anfang an in kämpferischer Stimmung. Wir können nur rückschließen, ob er in dieser kämpferischen Weise auch bei Ansprachen vor der Mannschaft motivierend wirken kann. Lethargisch ist er jedenfalls nicht. Auch Ivo Grlic hat seine Sache grundsätzlich gut gemacht. Nicht oft wirkt er zuletzt bei angespannter Stimmung um den Verein so souverän wie in diesem Fall.

Allerdings wurde er auch nichts gefragt, was seine Arbeit als Sportdirektor konkret in Frage gestellt hätte. Ganz allgemein gefragt, ob er irgendwas falsch bei der Vorbereitung gemacht haben, wird jeder etwas erfahrende Mensch antworten, niemand könne immer alles richtig machen. Was soll man da schon anderes sagen? Und Corona war für ihn ein sicheres Terrain, weil alle geimpft sind, Hyginiemaßnahmen eingehalten werden und Infektionen nun einmal dennoch geschehen können. Wer diese Corona-Infektionen beim MSV zum Anlass nahm, die Arbeit dort zu kritisieren, folgt dem Irrglauben dieser Gesellschaft, das Schicksal komplett kontrollieren zu können. Deshalb braucht diese Gesellschaft immer Schuldige. Das erleichtert die Hoffnung, man selbst werde niemals von Leid betroffen sein.

Zurück zur PK. Machmal bringt mich dieses Starren auf die emotionalen Seiten des Fußballs zum Verzweifeln. So sehr bewegte sich das Sprechen immer wieder hin zur Psyche. Wie niedergeschlagen sind alle gerade? Die eigene Mannschaft, der Gegner? Was haben Sie für die Stimmung gemacht? Und schon reden wir über Bauchgefühl und Küchenpsychologie. Pavel Dotchev machte mir die Möglichkeiten eines Vereins wie dem MSV unfreiwillig deutlich. Er hat mit Ivo überlegt, ob sie Szenen des Spiels aus Dortmund mit den Fehlern der Spieler noch einmal zeigen oder nicht. Beide entscheiden aufgrund eigener Erfahrungen. Die Unterhaltungsunternehmen Fußball der Oberklasse haben für solche Entscheidungen eine Abteilung Psychologie, in der basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen Anleitungen gegeben werden, wie Spieler ihre Fehler konstruktiv verarbeiten. Wir sehen, dieses Wissen ist in einem Verein wie dem MSV zufällig vorhanden. Es fehlt einfach das Geld, um es dauerhaft im Verein zu speichern. Pavel Dotchev mag dennoch die richtige Entscheidung getroffen haben. Der nächste Trainer dann vielleicht nicht. Oder auch umgekehrt.

Nun haben wir dennoch auch Fakten rund um die Defensivabteilung erfahren. Wir haben bestätigt bekommen, dass Fehler geschehen und die möglichst nicht geschehen sollen. Wir haben von der Bedeutung von Marvin Bakalorz, Moritz Stoppelkamp und Aziz Bouhadouz erfahren. Wir haben immer wieder über einzelne Spieler gesprochen. Mich wundert, dass eine entscheidende Frage einfach nicht gestellte wurde. Wieso wirkt die Mannschaft so planlos in der Offensive? Das ist eigentlich die einzige Frage, die mich interessiert hätte. Die anderen Fragen konnte sich im Grunde jeder selbst beantworten.

Natürlich ist es wichtig, dass die Verantwortlichen das Offensichtliche auch selbst einordnen und Zeitungen dann darüber schreiben können. Aber manchmal träume ich davon, dass einmal ganz sachlich über den ominösen Matchplan gesprochen wird. An der Stelle lichtete sich kein Nebel. Aber es war ja auch eine Stimmungsreaktions-PK, und Stimmung beantwortet man mit Stimmung. Was gut gelungen ist. Die Menschen hinter dem Trainer und dem Sportdirektor wurden erkennbar. Mir ihrer Energie, die sie in der täglichen Arbeit aufbringen. Was vielleicht hilft. Sicher helfen 3 Punkte gegen Würzburg. Auch das habe ich deutlich als Botschaft von Pavel Dotchev gehört und ebenfalls zuvor schon gewusst.

Aus neu wird alt – Die unerwartete Kontinuität

Das Entsetzen nach dem Auswärtsspiel in Saarbrücken ist allgegenwärtig. Welch ein Glück! 2:0 nur hat der MSV verloren. Die Mannschaft hätte untergehen können, wären die Saarbrücker abschlussstärker gewesen. Freie Schüsse aus 20 Metern, die über das Tor gingen, haben den MSV vor dem Schlimmsten bewahrt. Hinzu kamen mehrere noch nicht perfekt vollendete Spielzüge, bei denen die zentralen Spieler frei vor dem Tor knapp verfehlten.

Man brauchte kein Hellseher zu sein, um in den Anfangsminuten sehr offensive Saarbrücker zu erwarten. Die erste Großchance ergab sich nach zwei Minuten? Oder waren es doch schon vier Minuten? Die Hoffnung, nach diesem zu erwartenden Angriffsdruck könnte sich das Spiel beruhigen, machte ab der 20 Minute etwa meiner neuen Hoffnung Platz, mit viel Glück vielleicht torlos in die Halbzeitpause zu gehen. Dem war nicht so. Das Führungstor der Saarbrücker fiel, und es war nahezu sicher, dass dem ein weiteres Tor folgen würde.

Die Defensive der Zebras war kaum vorhanden. Vor allem auf der linken Seite schien es so, als wolle man dem Gegner ein Labyrinthspiel für Kleinkinder aufstellen. Die Abstände zwischen den Spielern waren möglichst so groß gewählt, dass die Gegner im Dribbling mit ein paar gemütlichen Richtungsänderungen plus Dopelpassspiel hindurchspazieren konnten. Die jeweiligen Gegenspieler dort liefen in gebürtigem Abstand mit – wie Eltern, die fürsorglich und stolz die Ballführung ihrer Kinder beobachten. Zum abrundenden Bild hat nur noch so ein typisches Aufmuntern von Eltern beim Mitlaufen gefehlt.

Als Moritz Stoppelkamp eine Ecke verhindern wollte und den Ball von der Grundlinie kratzte, war auf dieser linken Seite weit und breit niemand, der um diesen freien Ball hat kämpfen können. Diese Szene vor dem zweiten Tor ist das Symbolbild für das gesamte Spiel. Wenn dann noch Ballverluste in der eigenen Hälfte hinzu kommen, sowohl beim Passspiel als auch beim Versuch den heranlaufenden Stürmer auszuspielen, dürfen wir alle mit der überschaubaren Höhe der Niederlage zufrieden sein.

Natürlich ist das ein Spiel nur, wie jenes gegen Havelse auch nur ein Spiel war. Dennoch beunruhigt mich die atmosphärische Kontinuität zur letzten Saison. Eine Mannschaft, die zu mehr als der Hälfte aus neuen Spielern besteht, tritt genauso auf wie beim Aus im Niederrheinpokal in der letzten Saison.

Nach diesem katastrophalen Auftreten der Mannschaft erweist sich nun, wie befürchtet, Pavel Dotchevs offene Komunikation mit der Öffentlichkeit als ein Problem. Nach dem Spiel zeigte auch er sich überrascht von dem Versagen seiner Mannschaft. Er versteckt sich nicht hinter einer glatten Oberfläche, die Kontrolle der Situation vorgibt. Mich überrascht nicht, dass der Ärger vieler Fans über dieses Auftreten der Mannschaft sein Ventil jetzt schon im Schimpfen über den Trainer findet. Sein Engagement auf der Trainerbank während des Spiels wurde zudem vermisst.

Wie groß so ein Einfluss während des Spiels ist, steht allerdings keinesfalls fest. Denn auch in dem Fall zählt, ob jeder Spieler unter Druck im laufenden Spiel überhaupt Anweisungen umsetzen kann. Je niedriger die Liga, desto niedriger das Niveau. Geändert wurde und zwar in der Pause. Ein wenig war davon im Spiel zu sehen. Folgen für das Ergebnis gab es keine.

Das Spiel macht keine Hoffnung für den Mittwoch in Osnabrück. Der MSV trifft auf eine wütende Mannschaft, die in letzter Minute noch verlor. Der VfL wird wie Saarbrücken etwas gut machen wollen. Morgen aber werde ich wieder meine Grundzuversicht gefunden haben. Für einen Teil von euch da draußen hoffe ich auch auf die Rückkehr der Geduld mit Pavel Dotchev.

Der Dotchev der Woche – VII –

Vielleicht werden irgendwann Psychologen oder Sozialpsychologen Pressekonferenzen mit Pavel Dotchev als Anschauungsmaterial entdecken, um anhand der Worte von Pavel Dotchev zu illustrieren, wieviel Einflüsse es auf das von Gruppen gibt und wie komplex es bestimmt wird.

Das Spiel gegen Dresden zeigt eine weitere Facette von Pavel Dotchevs Arbeit, weil er nach seiner vierten gelben Karte in Dresden weder am Spielfeldrand sitzen noch 30 Minuten vor und nach dem Spiel Zeit mit der Mannschaft verbringen darf. Hört man diesem Mann in den ersten Minuten der PK zu, beeindruckt es einmal mehr, wie er den ersten Fragen ihren Beiklang der schwierig zu bewältigenden Besonderheit der Situation nimmt.

Wenn man hört, wie er die Bedeutung seiner Abwesenheit in ein grundsätzliches Vertrauen in Co-Trainer und Mannschaft verwandelt, ohne die zusätzliche Schwierigkeit kleinzureden oder sie zu dramatisieren, bleibt einem nur festzustellen: Dieser Mann ist ein begnadeter Erwachsenenpädagoge. Er hat ein Gespür dafür, wann er dem Gegenüber Raum lassen muss für die eigene Persönlichkeit. Gleichzeitig besitzt er eine klare Vorstellung davon, wie ein Handeln wirken muss, wenn der einzelne Verantwortung wahrnimmt.

Schon bald nach den ersten Pressekonferenz ging mir durch den Kopf, dass genau diese Transparenz seines Denkens und Handelns ihm in Phasen des sportlichen Misserfolgs zum Nachteil werden kann. Sie ist so ungewöhnlich, dass alleine diese Besonderheit ihn im konservativen Fußballgeschäft angreifbar macht. Völlig unabhängig davon, wie seine Arbeit mit Spielern zu bewerten ist. Sollte es je so sein – was natürlich nur ein Gedankenspiel ist -, so wünsche ich mir gerade so sehr denselben Rückhalt vom Verein wie ihn die ganze Zeit Ivo Grlic erlebt. Es wäre schön, wenn dann nicht von irgendwelchen Gesetzen des Fußballs gesprochen würde. Die gibt es nämlich nicht. Es gibt nur ein komplexes Geschehen, in dem Stimmungen rund um den Verein nur eine Einflussgröße sind.

Sehr viel besser gefällt mir allerdings der Gedanke, dass der MSV Duisburg in Zukunft vom folgenden ganz anderen Leitspruch Pavel Dotchevs bestimmt wird, der einen „Dotchev der Woche“ wert ist.

Man macht die meisten Fehler, wenn man erfolgreich ist.

Pressekonferenz vor dem Spiel gegen die SG Dynamo Dresden, 15. April 2021

Da Pavel Dotchev eine der größten Gefahren des Erfolgs kennt, ist der MSV Duisburg in Dresden und in weiterer Zukunft gewappnet. Bemerkenswert war zudem sein klares Wissen um die oft vernachlässigte Wahrheit, dass vorher niemand weiß, wie ein Mensch auf eine ihm zuvor unbekannte Situation reagiert. Die Mannschaft Dresdens ist in eine ihr bis jetzt unbekannte Situation geraten. Dreimal erfolglos nacheinander mit der Zuspitzung gegen den Tabellenletzten verloren zu haben, macht diese Mannschaft entweder besonders gefährlich oder besonders angreifbar.

Niemand weiß das, und deshalb lassen sich die Chancen des MSV weniger genau bestimmen als noch vor drei Wochen. selbst wenn der Dresdner Journalist Pavel Dotche in der PK auf eine selbstbewusstere Aussage festnageln will. Was wir aber wissen: das Handeln des MSV ist ein externer Einfluss auf das Handeln der Gruppe Dynamo Dresden. Schauen wir welche Entwicklung dieses komplexe System Fußballspiel nehmen wird. Auf die gute Vorbereitung des MSV durch Pavel Dotchev dürfen wir auf jeden Fall zählen.

Der Dotchev der Woche – VI –

Während der MSV Duisburg gegen den SV Waldhof Mannheim Fußball spielen wird, versucht sich Pavel Dotchev gegen den Trainer Waldhofs Patrick Glöckner in einer fußballgemäßen Abwandlung des Quartettspiels, dem Terzett. Zweimal standen die Trainer in dieser Saison am Spielfeldrand bereits nebeneinander. Pavel Dotchev hat dabei Niederlage und Unentschieden gesammelt. Nun braucht er noch den Sieg, dann ist das Terzett vollständig.

Um diesen persönlichen Erfolg im Terzettspiel erreichen zu können, war Pavel Dotchev diese Woche kommunikativ besonders gefordert. In der Pressekonferenz konnten wir ihn als Großmeister wertschätzender Pädagogik erleben. Er weiß, wie wichtig es ist, das Gefühl, erfolgreich zu sein, nicht zu beschädigen. Das ist schwierig, wenn der Erfolg nicht als sicher wiederholbar erkennbar ist. Also braucht es Hinweise der Korrektur, die aber nicht als mangelnde Anerkennung bremsend auf das Selbstbewusstsein wirken dürfen.

Ich habe keinen Zweifel, dass Pavel Dotchev solche Spagatübungen der Kommunikation bestens gelingen. Er ist sich des dazu notwendigen pädagogischen Handwerks sehr bewusst. Deshalb kann er allgemein gültige Lebensregeln so aussprechen, dass sie nicht inhaltsleer wie ein Kalenderspruch wirken, obwohl sie jeden solcher Weisheits-Kalender schmücken würden.

Nimmt man den Gesamtzusammenhang für den Dotchev dieser Woche, stehen wir auf dem festen Fundament einer humanistischen Pädagogik, die die Gegenwart gleichmaßen schätzt wie das Wachstum von Menschen, dem manchmal leichte Lenkung gut tut.

Wir sind gut, aber um gut zu bleiben, müssen wir uns verbessern.

Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den SV Waldhof Mannheim, 8. April 2021

Kennt Patrick Glöckner eigentlich die Terzett-Regeln noch? Ihm ist hoffentlich klar, dass nur ein vollständiges Terzett gewinnt. Weiß er, dass ihm nur noch die Niederlage für sein Terzett fehlt. Welch seltenes Ereignis bahnt sich da an. Ein Spiel, bei dem jeder gewinnen kann, sogar wenn Waldhof verliert. Sicherheitshalber sollte das Patrick Glöckner wahrscheinlich gesagt werden, damit er seine Mannschaft entsprechend einstellen kann.

Der Dotchev der Woche – Spezial – Heute zu Gast Serdar Dayat

Trotz ganz unterschiedlicher Lebensbedingungen ist der Blick der Menschen auf die Wirklichkeit oft ganz ähnlich. Wir neigen nun mal dazu, das Leben selbst als grundsätzliches Problem anzusehen. Da kann dem einen schon mal der 2:0-Vorsprung fast so vorkommen wie ein 0:2-Rückstand. Weil auf der Pressekonferenz nach dem Spiel des MSV gegen Türkgücü München erinnert wurde, dürfen wir mit dem Trainer von Türkgücü München Serdar Dayat einen Gast beim „Dotchev der Woche“ begrüßen.

Um die Lage für seine Mannschaft nach der ersten Halbzeit zu beschreiben, griff er auf eine weit bekannte Fußballweisheit zurück und passte sie an die Wirklichkeit des Tages an.

2:0 ist immer gefährlich, auch für die zweite Halbzeit.

Serdar Dayat, Pressekonferenz nach dem 3:2-Sieg des MSV gegen Türkgücü München, 20. März 2021

Pavel Dotchev offenbarte wenig später, dass er nach dem 2:0 gedacht habe, es werde „verdammt schwer“ für den MSV. So sahen die Trainer scheinbar gleiche Ausgangsbedingungen für die zweite Halbzeit des Spiels. Ob Gefahr oder große Bürde, beides macht das Leben nicht gerade einfach.

Doch wie im richtigen Leben offenbart der Blick des Benachteiligten die wahren Machtverhältnisse. Pavel Dotchev sprach aus, wie er die soziale Lage des Spiels sah:

Solche Bedingungen für die, ist ja sogar Riesenvorteil.

Pavel Dotchev, Pressekonferenz nach dem 3:2-Sieg des MSV gegen Türkgücü München, 20. März 2021

Es blieb Niko Schmitz, einem Journalisten des Münchner Merkur, vorbehalten, Serdar Dayat mit der Sozialkritik an diesem Spiel zu konfrontieren. Er versuchte die Wirklichkeit zu benennen hinter Serdars Nebelkerze der vermeintlich ähnlichen Ausgangslage beider Mannschaften ab Minute 45 und verband sie zudem mit der Machtfrage. Er wollte wissen, wie sich Serdar Dayat erklärte, „dass das Spiel wieder in der zweiten Halbzeit aus der Hand gegeben wurde?“ Serdar Dayats Antwort besitzt ebenfalls eine lange Tradition im richtigen Leben. Einst war Erfolg das Zeichen für Gottes Wille. Heute bemühen wir Magisches Denken und das Schicksal.

Erste Halbzeit wollte der Ball uns, war auf unserer Seite, zweite Halbzeit war er auf deren Seite. Deswegen haben wir 3:2 verloren.

Serdar Dayat, Pressekonferenz nach dem 3:2-Sieg des MSV gegen Türkgücü München, 20. März 2021

Bleiben wir also bei seiner Weltdeutung und freuen uns, dass die Zebras so attraktiv wurden für den Ball. Lassen wir ihm zudem den Glauben an die Treue des Balls in Halbzeit eins und verraten ihm nicht, dass der schon in der ersten Halbzeit immer mal wieder mit den Zebras geliebäugelt hat.

Lasst uns Spaß haben am Sieg und Spielereien mit Pressekonferenzen. Denn irgendwie muss ich mir immer wieder die Anflüge von Melancholie vertreiben, die mich beim Denken an das Siegestor in der 88. Minute anwehen. Ich bekomme einfach die Leere des Stadions nicht aus dem Kopf und die Erinnerung an diese explosiven Aufschreie von Tausenden, wenn der MSV so kurz vor Ende ein Spiel gedreht hatte. Mit dem Spaß füttere ich meine Hoffnung auf andere Zeiten.

Der Dotchev der Woche – V –

Keine Verspätung lässt mich heute erst zum „Dotchev der Woche“ kommen, auch wenn die schon zwei Tage zurückliegende Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Halle meine Quelle für das Dotchev-Zitat ist. Vielmehr folgte ich der Weisheit der Worte selbst. Sie geben Gelassenheit, wenn man die richtigen Schlüsse aus ihnen zieht. Ich nahm Abstand vom Aktualitätenwahn. Ich sah die Zeitlosigkeit als anzustrebendes Lebensgefühl und konnte mich dem Fluss des Alltags überlassen. Denn der richtige Moment für den „Dotchev der Woche“ käme, wenn ich mich nicht von der trotz Pandemie in einigen Teilen unserer Gegenwart bemerkbaren Hast und Unruhe anstecken lassen würde.

Auf dem Spielfeld in Halle war letzteres Dienstagabend der Fall. Was Pavel Dotchev nicht unkommentiert ließ:

Und je länger das Spiel dauerte, desto hektischer wurde natürlich auch das Spiel durch diese ganze Hektik.

Pressekonferenz Halle, 16. März 2021, ab Minute 2.19

Ich bin alleine auf meinem Spielfeld vor der Tastatur. Deshalb fällt mir diese innere Ruhe leichter als einem Spieler vom MSV, der auf dem Rasen unter einer Menge Leute ist. Wir sind soziale Wesen und Gefühle sind ansteckend. Verursacht wird das durch unbewusste, reflexhafte Reaktionen unserer Körper. Wir können nur schwer etwas gegen diese Ansteckung machen, wenn wir uns in Situationen befinden, die vor allem intuitiv und ohne Rationalität bewältigt werden müssen. Ein Fußballspiel ist so eine Situation. Dann springt Angst leichter von einem zum anderen als in Situationen mit Zeit zum Überlegen. Dann verführt die für den Einsatzwillen vorhandene Aggressivität beim einen zum unpassendem Aggressivitätsschub beim anderen, so dass ein Pass dann doch stärker gespielt wird als beabsichtigt, usw usw.

Bleibt mir fürs nächste Spiel auf ansteckende Ruhe zu hoffen, die mir momentan besonders bei Aziz Bouhaddouz vorhanden zu sein scheint. Damit sich diese Ruhe aus der vordersten Reihe über das ganze Spielfeld ausbreiten kann, muss sie möglichst lange wahrnehmbar bleiben. Denn Pavel Dotchev wird mir sicher zustimmen, wenn ich prophezeie, je länger ein Spiel dauert, desto ruhiger wird das Spiel durch diese ganze überzeugende Ruhe.

Der Dotchev der Woche – IV

Diese Woche entnehme ich denkwürdige Sätze von Pavel Dotchev nicht der Pressekonferenz des MSV vor dem Spiel gegen Viktoria Köln, sondern dem Gespräch unten, das er mit Magenta TV geführt hat. Auch wenn ich sehr mit einer Lebensweisheit aus der PK geliebäugelt habe. „Wir werden jetzt bestimmte Sachen nicht ändern können. Es kommt, so wie es kommen soll. Ich kann jetzt mir nicht Sorgen und Gedanken machen über Sachen, die nicht passiert sind.“

Den behalte ich im Sinn, wenn ich nach Dotchevs langen Jahren beim MSV mal einen Portrait-Kalender mit ihm machen werde. Pro Monat ein Foto mit einem Sinnspruch. Ich sehe schon die Fotos: Pavel Dotchev kommt nachdenklich aus dem Kabinengang. Im Gegenlicht natürlich, so dass ein strahlender Lichtkranz ihn umgibt, und darunter steht ein ewig gültiger Satz aus einem öffentlichen Auftritt aus der Zeit beim MSV.

Da uns momentan aber die sportliche Situation noch immer nicht ganz entspannt, nehme ich lieber jene Sätze, in denen es konkreter um sportliche Belange geht.

Ich bin Trainer, der gerne auf Aufstieg spielt. […] Jetzt bin ich jetzt bei MSV auch gekommen, wo der Verein momentan auch unbedingt Punkte braucht. Aber ich weiß zum Beispiel, dass wir mit MSV das jetzt schaffen, diese Klassenerhalt, dass wir nächstes Jahr wieder sehr viel Freude mit Duisburg haben werden.

Der Dotchev der Woche – III –

Zur Selbstverantwortung

„Ich brauche auch Rückmeldung von dem Spieler, um zu wissen, wie er drauf ist. Und wenn er mir sagt, es ist alles ok, erstmal nehm ich ihn in Pflicht, und dann zweitens weiß ich, was ich zu tun habe. Weil, wenn ich ihn spiele lasse und dann nicht mit ihm gesprochen habe, würde er mir nachher sagen, aber Trainer ich war müde, ich hab Probleme da und da, aber wenn ich mit ihm spreche, dann gibt’s keine Ausrede.“

Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den 1. FC Saarbrücken, 2. März 2021

 

Der Dotchev der Woche – II –

Der Dotchev der Woche

Er ist immerhin auch schon 34 Jahre alt. Biologische Uhr tickt nicht gerade für ihn. So wie für uns alle übrigens.

PK vor dem Spiel gegen KFC Uerdingen, 26. Februar 2021

 

Nach dem Spiel gegen Unterhaching habe ich über die Einführung einer regelmäßigen Rubrik nachgedacht, die ich Dotchev der Woche nennen wollte. Das war nicht ganz ernst gemeint. Aber ich glaube, diese Rubrik ist notwendig, weil Pavel Dotchev auf den Pressekonferenzen uns immer wieder etwas allgemeingültiges zu Fußball und gar dem Leben erzählt.

 

Der Dotchev der Woche

Seit Samstag weiß ich nicht genau, worüber ich mich mehr freue. Ist es der so wichtige 2:1-Sieg des MSV gegen die SpVgg Unterhaching? Oder sind es Pavel Dotchevs Worte auf der Pressekonferenz nach dem Spiel? Wenn das so weitergeht, werde ich demnächst wohl begeistert kreischend tagelang ein Haus in Meiderich belagern. Pavel Dotchev möchte ja in der Nähe des Trainingsgeländes wohnen. Vielleicht hat er die Wohnung schon. Wisst ihr genaueres? Irgendwas Verrücktes im Alter tun und peinlich werden. Warum soll das nur amerikanischen Touristen in merkwürdiger Sommerkleidung vorbehalten sein?

Wie wertschätzend kann ein Trainer über die Spieler seiner Mannschaft sprechen, ohne die Leistungen schön zu reden. Beeindruckend, wie es Pavel Dotchev gelingt, einen Sieg mit Freude zu bewerten und dabei zugleich Mängel dieses Spiels sehr umfassend auf den Tisch legt. Beeindruckend, wie er in wenigen Sätzen, die unterschiedlichen Einflussgrößen auf Leistung in Beziehung zueinander bringt; wie er das Verhältnis von Trainerentscheidungen, Spielerverhalten und Spielglück ganz selbstverständlich in einem Zusammenhang erwähnt und damit allem gleichermaßen gerecht wird. Für mich ist das einen Dotchev der Woche wert. Ich hoffe auf den Anfang einer lang währenden Rubrik.

Der Dotchev der Woche

Ich habe natürlich viele Spiele gehabt, in denen ich Leute gebracht habe, die nicht getroffen haben. Heute war das Glück auf meiner Seite. Ich habe mir natürlich was dabei gedacht. Ich habe schon meine Gedanken gehabt, weil die die Woche über gut trainert haben. Und der Pepic und der Krempicki, die sind beide sehr ballsicher. Die haben gute Leistung gebracht die Woche. Und ich habe gedacht, letzte Minuten, letzte Phase vom Spiel möchte ich ein bisschen mehr Kontrolle haben. Und dass Krempicki noch das Tor macht, das war natürlich umso schöner, aber das war natürlich Glückssache


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