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Halbzeitpausengespräch – Marseille.73 von Dominique Manotti

Mit großer Wucht trifft der zuletzt veröffentlichte Roman von Dominique Manotti über die Wirklichkeit von Marseille im Jahr 1973 auf die deutsche Gegenwart. Oft begnügen sich historische Kriminalromane mit Kulissenschieberei zum unterhaltenden Zeitvertreib. Dominique Manotti dagegen schreibt Texte der Aufklärung mit der Nebenwirkung Unterhaltung. Marseille.73 heißt ihr Roman, der auch ein Krimi ist, vor allem aber eine genaue Erzählung über die Arbeit im Polizeiapparat und die widerstreitenden, zum Teil politisch motivierten Kräfte bei der Aufklärung von rassistischen Verbrechen.

Elf Jahre nach der Unabhängigkeit Algeriens sind eingewanderte Algerier immer wieder Opfer von Gewalttaten. Südfranzösische Unternehmen nehmen die billigen Arbeitskräfte zwar gerne, doch durch ein Gesetzesvorhaben in Paris wird deren Aufenthaltsstatus prekär. Nationalisten und Rechtsextremisten fühlen sich dadurch in ihrem rassistischen Denken bestätigt. Sie handeln immer radikaler, was nichts anderes bedeutet als gewaltvoller. Algerische Migranten werden ermordet.  Ermittelt wird, wenn überhaupt, wenig. Für die Öffentlichkeit bleiben die Taten Auseinandersetzungen im Einwanderermilieu. Weil mit Kommissar Daquin ein Ortsfremder seine Arbeit in Marseille aufnimmt, wird die eingespielte Abwicklung gestört.

Das französische Original hat einen schön bebilderten Clip zur Werbung erhalten, in dem die Geschichte von Dominique Manotti kurz vorgestellt wird. Der Argument Verlag hat ihn mit Untertiteln versehen. Voilá!
Da die Einbindung nicht funktioniert, hier der Link.

Dominique Manotti nutzt eine Momentaufnahme aus der französischen Geschichte quasi-dokumentarisch, um mit ihr vor allem einen Blick auf das System Polizei zu werfen, das Rassismus begünstigt. Sie macht verständlich, warum Ermittlungen nicht vorurteilsfrei erfolgen, selbst wenn nur wenige Polizisten im rechtsextremen Milieu zu Hause sind. Da geht es dann auch um den Ruf der Polizei, um Korpsdenken, um Macht im Apparat und um Politik. Für deutsche Leser wirkt trotz aller Unterschiede zwischen politischen Hintergründen und dem Aufbau der Polizeiinstitutionen beider Länder dieser Blick angesichts der Erinnerung an die Ermittlungen bei den NSU-Morden erhellend und beklemmend. 

Um das rassistische Geschehen genau schildern zu können, verzweigt sich die Geschichte in viele Bereiche der Marseiller Gesellschaft. Dominique Manotti nutzt dazu ein großes Personal und verwebt viele, oft kurz bleibende Handlungsfäden. Dennoch schafft sie einen Sog der Spannung, wenn auch die Lektüre manchmal ein Nachblättern von Namen erforderte. Ihre karge, pointierte Sprache schafft das nötige besondere Tempo für einen solch komplex angelegten Roman. Ihre Figuren werden selbst in kurzen Skizzen lebendig.  In diesen Räumen konnte man Dominique Manotti schon mit ihrem Fußball-Roman Abpfiff kennenlernen. Wer das verpasste, sollte mit Marseille.73 nun den Anfang machen, um eine Quasi-Dokumentaristin und Sprachkünstlerin der französischen Romanliteratur zu entdecken. 

 

Dominique Manotti

Marseille.73

Aus dem Französischen von Iris Konopik.
Gebunden, 400 Seiten. Ariadne 1247.
ISBN 978-3-86754-247-0

€ 23,00

Chaos vor dem Gästeeingang – Fortuna-Fans berichten

Die Berichterstattung in TV und Print galt am Freitag nicht nur dem Fußball beim Spiel des MSV Duisburg gegen Fortuna Düsseldorf. Das Spiel rief für die Gästeseite gängige Medienbilder zu Fangewalt, notwendigem Polizeieinsatz und uneinsichtigen Fans mit Vorliebe für Pyrotechnik hervor.  Eine Auswahl suggestiver Schlagzeilen findet sich mit der Google-Suche für die News.

Die Verantwortung wird in dieser Berichterstattung implizit und auch ausdrücklich den Anhängern von Fortuna Düsseldorf zugeschrieben. Das sind die gängigen Medienbilder, zumal einige dieser Anhänger durch ihre groß angelegte Pyroaktion nicht gerade zur Bereitschaft beigetragen haben, sich über das Geschehen vor dem Spiel ein differenziertes Bild zu machen.

Über die Situation vor dem Gästeeingang empören sich nun die Anhänger von Fortuna Düsseldorf ebenso wie über die einseitige Schuldzuweisung durch Polizei und Berichterstattung. Im Blog Ein BISSCHEN Fussball findet sich ein Augenzeugenbericht zur Polizeistrategie im Umgang mit den Fortuna-Fans am Bahnhof Schlenk und zur eskalierenden Lage am Gästeeingang, sehr sachlich im Ton und nachvollziehbar.

Ähnlich wird die Situation im Blog Yalla Yalla, Fortuna! geschildert, hier klingt schon mehr Empörung im Augenzeugenbericht an.

Nehme ich die Berichterstattung in den Medien und die Augenzeugenberichte zusammen, klingt das Geschehen sehr nach klassischer Polizeistrategie für Auswärtsfans, die ich ebenfalls so schon erleben durfte, ohne dass die Situation eskalierte. Nach dem Motto mitgefangen, mitgehangen werden alle Fans der Gästemannschaft, die per Bahn anreisen unterschiedlos „behandelt“. Man ist nicht frei in der Entscheidung, wo man sich, wie lange aufhalten darf. Das führt automatisch zu Zwangssolidarisierung und zu gereizter Stimmung. Wenn dann noch die Zeit vor dem Anpfiff knapp wird, kocht die Stimmung in einer Gruppe gerne hoch. Knapp wurde die Zeit nach Meinung der Augenzeugen, nicht, wie es in den Medien dargestellt wurde, nach dem verabredeten späten Losgehen vom Bahnhof Schlenk aus, sondern wegen des verspäteten Ankommens einer zuvor defekten S-Bahn.

Nun beschreiben zwei gegensätzliche Aussagen die Wirklichkeit des Freitags. Um Lehren aus solchem Geschehen zu ziehen, ist es wünschenswert, dass nicht nur beide Sichtweisen ihren Platz in der Öffentlichkeit finden, sondern beide Seiten auch in die Verantwortung genommen werden, Fans und Polizei. Dieses Geschehen ist nur das Beispiel für eine immer wieder zu führende Diskussion. Denn die nächste Auswärtsfahrt ist nach einem Heimspiel fast immer nur eine Woche weit weg.

Nachtrag: Sehr gut und detailliert analysiert Gero Wollgarten die Situation vor dem Gästeeingang und die Polizeistrategie. Für jeden mit Interesse an fundierter Information ein Klick-Muss.

Was kann die Mehrheit für die idiotische Minderheit?

Mit meiner Wut direkt nach dem Abpfiff war ich nicht alleine. Wie idiotisch sich Duisburger vor der Kieler Kurve aufführten, war nicht zu übersehen. Ihnen war nicht nach Feiern sondern nach Gewalt. Zu einer Schlägerei kam es nicht. Die Polizeikette war schnell genug aufgezogen. Der Abschuss zweier Signalraketen aber konnte nicht verhindert werden. Was muss im Kopf von demjenigen vorgegangen sein, der die Signalrakete auf Menschen gerichtet hat? Verbrennungen, die damit verbundenen Schmerzen und dauerhaften Folgen hat der Mann anscheinend weder erlebt noch sie sich jemals vorgestellt. Die Vorbilder zu solchen Aktionen gab es schon in mehreren Stadien. In Duisburg wurde nun eine junge Polizistin durch eine dieser Raketen verletzt. Körperlich geht es ihr inzwischen besser. Die psychischen Folgen werden vermutlich länger anhalten. Diese Verletzung gibt dem Aufstieg einen bitteren Beigeschmack. Der Täter wurde identifiziert und heute verhaftet. Die Tat wird dadurch nicht ungeschehen. Vielleicht hilft die Verhaftung dem Opfer bei der Bewältigung ihres Leids. Vielleicht beginnt beim Täter das Nachdenken über seine Tat.

Es gibt nichts zu relativieren an diesem Vorfall. Es gibt keine Entlastung von Verantwortung durch einen Verweis auf irgendein Fehlverhalten der Kieler oder der Polizei in anderen Zusammenhängen. Es gibt keine Entlastung von Verantwortung durch einen Verweis auf soziale Ursachen in Duisburg, die vielleicht zu Aggression und Gewalt führen bei den Bewohnern Duisburgs. Dabei habe ich vor allem den Täter im Blick. Es gibt aber auch keine Entlastung von Verantwortung beim Verein und uns anderen Zuschauern des MSV Duisburg durch den Verweis auf eine Minderheit von Idioten im Stadion, die keine wirklichen Fans sind. Und es gibt keine Entlastung von Verantwortung durch den Verweis auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, bei denen der Fußball offenbar die Bühne bietet für eine ritualhafte Abfuhr von Aggression.

Ich will mich nicht billig empören über diese Typen, die in die Kurve gerannt sind. Diese Empörung fiele leicht, schwerer fällt es, den Einfluss zu sehen, den der Verein oder auch wir anderen Zuschauer auf diese kleine Gruppe haben können. Wenn schon nicht Fanprojekte solche Fußballzuschauer erreichen, wer dann? Unmöglich kommt es einem vor, und doch träume ich davon, wie wir alle etwas für die Stadionatmosphäre tun, wie wir alle, jeder in seinem kleinen Kreis, so viel Anstand durchsetzen, dass es zu solchen Vorfällen nicht kommt. Ich träume davon, dass die Verbundenheit mit dem MSV Duisburg so viel Wert an sich besitzt, dass niemand mit Interesse am MSV es mehr nötig hat, Anhänger eines kleineren anderen Vereins anzugreifen. Das verstehe ich unter gesundem Selbstbewusstsein, für das es als Duisburger gute Gründe gibt.

Vermutlich werden vor der Kieler Kurve die sieben, acht Typen dabei gewesen sein, die sich bei uns in Block G kurz vor Spielende zwischen uns Stehplatzbesuchern durchgerammt haben. Etwa Mitte 20 waren sie, einer war sofort bereit, jemandem „eine aufs Maul zu hauen“, der nach dem plötzlichen Stoß von hinten sich beschwerte. Ein Mann im Stadion mit Aggressionsstau aus welchen Gründen auch immer möchte sich mit einem Zebra-Fan kurz vor dem Aufstieg prügeln, was für eine Welt. Der junge Mann wirkte nicht betrunken. Er hatte einfach Bock auf Randale, schon in der eigenen Kurve. Warum gab es diese Randale nicht? Weil bei uns in der Ecke viele ziemlich normale Menschen, die eigentlich nicht nach Randale aussehen, nach der ersten Drohung von diesem Typen an der Seite dessen waren, der nichts anderes gemacht hat als sich berechtigt zu beschweren.

Es geht also um Standards im Stadion, für die wir einstehen. Ich werde diese Duisburger vor der Kieler Kurve mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht erreichen. Aber ich erreiche vielleicht jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt am Rand dieser Gruppe. Es geht darum, was im Stadion geht und was nicht geht. Was nicht geht, beginnt für mich lange vor dem Abschießen einer Signalrakete. Am Samstag gehörten für mich etwa die Schmähgesänge auf den Kieler Anhang während des Spiels schon dazu. Einen Grund dafür hat es nicht gegeben. Man muss nicht jedes Facebook-Bashing zur großen Feindschaft stilisieren.

Chaos, Platzsturm und Skandalspiel – Wörter schaffen Wirklichkeit

Zwar habe ich vorgestern gemerkt, dass das Wort  „Polizei“ im Zusammenhang mit einem Fußballspiel die Klickzahlen hier genauso steigert wie die „nackte Spielerfrau“ und „schwule Fußballspieler“, dennoch hatte ich deshalb nicht unbedingt vor, den Zebrastreifenblog in Zukunft grundsätzlich thematisch breiter aufzustellen. So sagt man wohl als Medienmanager, der ich als Mann für alles  in diesen Räumen ja auch bin. Und nun muss ich mich zwei Tage später doch schon wieder mit der Polizei beschäftigen, außerdem mit der Berichterstattung über das Halbfinale des Niederrheinpokals Rot Weiss Essen gegen den MSV Duisburg und mit der Wirklichkeit dieses Spiels, die nicht einfach da ist, um wahrgenommen zu werden. Diese Wirklichkeit wird gemacht von vielen Beteiligten, und natürlich haben auch wir Zuschauer, die Fußballer und der Schiedsrichter mit daran gearbeitet, etwas zu schaffen, was in der deutschen Öffentlichkeit nun als Chaos- und Skandalspiel wahrgenommen wird. Von „Tumulten“ ist heute in einem Print-Kommentar der Süddeutschen Zeitung die Rede und weiterhin wird vom drohenden Platzsturm gesprochen.

Diese Wirklichkeit ist nun in der Welt. Sie wird dieses Spiel wahrscheinlich auch in Zukunft weiterhin beschreiben, entgegen des Eindrucks von Zuschauern vor Ort, entgegen des späteren offiziellen Statements des Polizeipressesprechers wie er in der Reviersport weitergegeben wird. „Ausschreitungen“ hält er für das falsche Wort, mit dem die Vorkommnisse im Stadion beschrieben werden können. Nun kann man einwenden, das sei die Folge des Polizeieinsatzes, nachdem das Tor geöffnet wurde. Dennoch fehlt mir weiterhin der Beleg, dass in der Westkurve eine Masse Menschen hätten durch dieses geöffnete Tor stürmen wollen. Ab wann lässt sich von Chaos und Platzsturm sprechen? Wenn zehn schwarz gekleidete und vermummte Fans auf einer Treppe stehen? Zwanzig? Dreißig? Waren es so viele? Nach meinem Eindruck hatten die meisten Fans dort in der Westkurve Interesse am Spiel und zwar an dem Platz, an dem sie sich gerade befanden.

Nicht dass ein falscher Eindruck entsteht, ich halte das schnelle Eingreifen der Polizei für richtig. Dass Medien aber von einem Skandalspiel sprechen können, liegt am Präventionskonzept, dem die Polizei anschließend anscheinend gefolgt ist. Innerhalb kürzester Zeit wurde aus dem Stadion ein Hochsicherheitstrakt. Erst diese Bilder bedienten nahe liegende Deutungsreflexe der öffentlichen Wahrnehmung. So ein Polizeiaufgebot muss nämlich einen Sinn haben. Und dieser Sinn kann nur ein drohender Platzsturm gewesen sein. Wir Menschen mögen keine komplizierten Beschreibungen der Wirklichkeit. Wir möchten das Leben einfach. Dummerweise ist das Leben nicht einfach.

Die schnelle Berichterstattung über ein Abendspiel verhindert natürlich komplexe Geschichten, bei denen verschiedene Beschreibungen der Wirklichkeit gegenüber gestellt werden müssen. Da bleibt nur der Augenschein. Und noch eins, über das Geschehen als automatisch ablaufende Gewaltprävention zu berichten, ist langweilig. Was sind das für Geschichten, in denen Polizei-Hundertschaften vor Stadienrängen stehen und der Grund dafür ist vor allem die Vorgeschichte des Spiels, nämlich die Sorge vor Gewalt und nicht aktuell wahrnehmbare Bedrohungen. So etwas braucht Erklärung, Raum für Berichterstattung. So etwas braucht aber auch den Willen von allen Beteiligten, komplizierte Situationen geduldig aufzuklären.

Ob aber dieser Wille vorhanden ist bei den Beteiligten? Auch den Fans? Schließlich soll hier kein Fehlverhalten der Fans von MSV und RWE schön geredet werden. Mit eindeutigen Frontverläufen lässt sich aber bequem leben auf beiden Seiten. Im Grunde ist dieses Spiel von Rot-Weiss Essen gegen den MSV Duisburg ein idealtypisches Fußballspiel, um für sämtliche gegenwärtigen Diskussionen rund um die Sicherheitslage im Fußball Beispiele zu geben. Wir sehen, die Pyro-Debatte endet nicht.  Wir haben ein Fußballspiel als selbstverständlichen möglichen Anlass, um Gewalt auszuleben. Wir haben ein Beispiel für reibungslose Polizeiarbeit, deren Ausmaß aber überdimensioniert wirkt. Wir haben eine gefährliche Situation im Stadion, die sich in der Wahrnehmung vor Ort unterscheidet von der öffentlichen Wahrnehmung, die durch die Berichterstattung in den Medien bestimmt wird. Wer ernsthaft am Verhältnis von Fans zum professionellen Fußball interessiert ist, kann bei der Betrachtung dieses einen Fußballspiels viel lernen. Alle anderen werden sagen, es wird immer schlimmer.

 

 

 

 

Polizei versucht Ausschreitungen mit ungewöhnlichen Mitteln zu verhindern

Die Sorge vor Ausschreitungen während des Niederrheinpokalspiels von Rot-Weiss Essen gegen den MSV Duisburg lässt die Polizei morgen zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen. Strategische Stellen im Stadion werden von Polizeibeamten eingenommen. Zunächst wollen sich die örtlichen Einsatzkräfte aber nur auf die Position des Schiedsrichters beschränken.

2014-04-07_Polizei leitet spiel

Ich fahre auswärts – Ein Wochenendexperiment der Sozialpsychologie

Schon im letzten Jahr hatte ich nach meiner Zwangsettikettierung als gewaltbereiter Auswärtsfan durch die ostwestfälische Polizei etwas über mein eigenes Erleben schreiben wollen. Das ist untergegangen. Ich hole es nach, weil ich mich auch am Sonntag durch die Wahl meines Verkehrsmittels für die Sicherheitslage vor Ort als potentiell gefährdend erwiesen habe. Die Polizei vor Ort war wieder vorbereitet.

Man muss sich die Ankuft in Paderborn als Viehtrieb vorstellen. Es gibt nur einen Weg, und der führt über den Bahnsteig am Ende durch ein verwinkeltes Gatter auf den schmalen Ausgang zu, wo ein Bus wartet, der uns aufnimmt. Während wir zu diesem Ausgang schlendern, werden wir gefilmt und den Weg über versucht eine Phalanx von Polizisten möglichst finster drein zu schauen. Mancheiner hat vielleicht sogar einen Grund dafür. Das Wochenende ist kaputt. Unsympathische Typen kommen da an, das will ich gar nicht ausschließen. Die gibt es in Duisburg auch. Mancher Polizist hat mit ihnen schon schlechte Erfahrungen gemacht. Alle haben diesen Grund sicher nicht. Das gehörte zum Tagesbefehl, unfreundlich gucken.

Der schmale Durchlass vor dem Betreten des Busses dient der Personenkontrolle. Zwei Polizisten tasten die Männer ab, zwei Polizistinnen schauen unters lange Haar der Frauen. Natürlich folgt im Stadion später die gleiche Prozedur noch einmal. Eine Menge anderer Polizisten stehen drumherum und gucken. Natürlich möglichst finster. Es geht sehr langsam voran, denn in dem Regionalexpress waren doch noch einige Duisburger. Was da geschieht, ist nichts anderes als eine Demonstration von Macht. Eine auf Kooperation angelegte Gewaltprävention wäre auch möglich. Es hätten nur ein paar mehr der herumstehenden Polizisten bei der Durchlasskontrolle aktiv sein müssen.

Andererseits gäbe es ohne diese Haltung der örtlichen Polizei nicht diese so wunderbare Möglichkeit zur Selbsterfahrung, die, wenn ich recht überlege, eigentlich Pflichtprogramm für alle Politiker und Populisten sein sollte. Bei Auswärtsfahrten von Fußballfans vollzieht sich mit Hilfe der Polizei und der örtlichen Sicherheitsdienste unweigerlich ein Experiment der Sozialpsychologie. Dort haben wir während eines begrenzten Zeitraums die Möglichkeit, intensiv etwas zu erfahren,  was für die individualisierte Mehrheitsgesellschaft der Gegenwart meist vergessen ist. Es sind die Folgen der Zwangszuschreibung von Identität.

Mir geht es um die innere Befindlichkeit, die in dieser Situation erfahrbar ist.  Begibt man sich mit allen Sinnen und offenen Empfindens in die Situation, wird man dazu gezwungen, sich zu bekennen. In mir wuchs Empörung, obwohl ich Verständnis für Gewaltprävention habe. Obwohl ich schon in jungen Jahren beim Fußball nur den Fußball sehen wollte, und ich diesen Fußball als Anlass für Scharmützel irgendwelcher Art sogar fürchtete. Doch in solchen auswärtigen Momenten wächst ein Gefühl der Zusammengehörigkeit mit jedem MSV-Fan um mich herum. Wir sind Opfer einer willkürlichen Behandlung. Die notwendige Gewaltprävention hatte jegliches Maß verloren. Die scheinbar so wunderbar einfach zu handhabende Empfehlung der Polizei, mich gar nicht erst in Zusammenhänge von Gewalt zu begeben, wurde durch die Polizei selbst ad absurdum geführt. Sie hat den Gewaltzusammenhang in Paderborn erst installiert, und die Polizei vor Ort hat mir keine Möglichkeit gelassen, diesem Gewaltzusammenhang zu entgehen. Meine einzige Möglichkeit wäre es gewesen, mein Trikot auszuziehen, den Schal abzulegen und meiner Identität zu entfliehen. Dann hätte ich die Polizeisperre druchschreiten und den Gewaltzusammenhang verlassen können. Doch was wäre ich in Paderborn gewesen ohne diese Identität? Ein Niemand.

Ihr merkt worauf ich hinaus will? So eine Auswärtsfahrt versetzt uns für einen begrenzten Zeitraum in eine Lage, der in unserer Gesellschaft andere Menschen andauernd ausgesetzt sind. Ich kenne keine Lösungen. Ich finde es nur beachtenswert, wie das Bewahren von Sicherheit zu Gefühlen führt, die drei Stunden vorher zu einem mir völlig fremden Leben gehörten. Auswärtsfahrten sind klasse. Ich kann sie jedem als großes Experiment der Sozialpsychologie nur empfehlen. Man kommt bereichert zurück. Als Duisburger aus Paderborn zudem noch mit großer Sicherheit auch ohne Niederlage.

Großstadtfans im Kleinstadtstadion

Es ist Zufall, dass ich an zwei Wochenenden nacheinander empörte Erzählungen über Polizeigewalt gegen Fußballfans höre und lese. Letztes Wochenende, am Kommunionssonntag in Paderborn, war nämlich auch das zu dem Tag vorletzte Heimspiel des SC Paderborn gegen den 1. FC Union Berlin immer noch ein Thema, weil nach diesem Spiel die Polizei die Berliner Fans eingekesselt hatte, anscheinend wahllos Pfefferspray einsetzte und die Gewalt eskalierte. Schnell gegoogelte Berichte gibt es journalistisch hier und blogwärts hier.

Heute lese ich nun vom Gewaltnachspiel für viele MSV-Fans, die in Ahlen waren. Nicht nur die zahlreichen Kommentare ergeben ein etwas anderes Bild gegenüber dem Polizeibericht, auch hier findet sich eine Art Gegendarstellung zur offiziellen Sicht der Dinge. Gleichwohl gibt es auch Kommentare, in denen zu allererst mehr Selbstkritik bei den Fans gefordert wird.

Das große Thema der Diskussion scheint aber die Verhältnismäßigkeit der Polizeigewalt zu sein. Gewalt ist nämlich eine viel kompliziertere Sache als es ihr sichtbarer Ausdruck nahe legt. Wenn man Gewalt aus einer Gruppe heraus unterbinden will, geht das nicht mit Kollektivmaßnahmen, wenn die Gewalttäter in der Gruppe eine Minderheit sind.  Solch eine Maßnahme provoziert vielmehr die Solidarisierung der unbeteiligten Mehrheit mit der Minderheit.

Ich war nicht vor Ort, aber wie es an jedem Spieltag zwei Tore auf dem Spielfeld gibt, kommen ohne Frage immer auch Fans zum Spiel, für die Randale jederzeit im Bereich des Möglichen liegt. An manchen Tagen vielleicht sogar so sehr, dass ohne diese Gewalt dieser Tag ein verlorener Tag für sie wäre. Dass sie für diese Gewalt dann immer einen Grund nennen können, legitimiert im Gegensatz zur Meinung von Kommentatoren des oben verlinkten Artikels gar nichts. Mit solcher Gewalt setzt sich die Polizei seit Jahren auseinander.

Angesichts des zufälligen Zusammentreffens beider Polizeiaktionen in der Provinz kommt mir aber der Gedanke, dass es dort in der Provinz weniger um Gewaltverhinderung ging als um die Behauptung von Macht und symbolischer Territorialherrschaft. Bei solchem Aufeinandertreffen von Großstadtverein und Kleinstadtverein unterhalb der Bundesliga scheint es oft auf beiden Seiten Haltungen und Selbstbilder zu geben, die der Gewalt förderlich sind. Selbst wenn die Polizisten selbst nicht aus der Kleinstadt kommen, sie kommen vielleicht aus der Region und handeln stellvertretend für den Stolz der Region. Da geht es nicht einfach darum, zu verhindern, dass irgendwelche Idioten Steine schmeißen oder Busse demolieren. Da geht es darum, Fremde dafür zu bestrafen, dass sie die Ruhe vor Ort stören. Umgekehrt gibt es bei den Fans nicht selten Hochmut und Arroganz gegenüber der Kleinstadt. Die dort lebenden Menschen werden belächelt und über die Gegebenheiten dort macht man sich lustig. Als ich in der Aufstiegssaison 2006/2007 zu dem vorentscheidenden Spiel mit in Paderborn war, begegnete ich dieser unerträglichen und eigentlich nicht minder provinziellen Arroganz in fortwährenden Spötteleien über die dortigen Verhältnisse. Auf so etwas muss eine Einsatzleitung der Polizei achten, um bei solchen Spielen von Großtstadt gegen Kleinstadt deeskalierend wirken zu können. Und da die Polizisten der Einsatzleitung ja wohl meist in der Kleinstadt zu Hause sind, beißt sich spätestens hier die Katze womöglich in den Schwanz.


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