Posts Tagged 'Psychologie'

Die Tabelle nach dem 34. Spieltag – und wie es dazu kam

Je stabiler die Psyche, desto leichter fällt das Siegen. Ihr kennt all die Studien der (Sozial-)Psychologie, bei denen der Einfluss von Erwartungshaltungen auf Leistungen untersucht wird? Die sind auf den Wissenseiten unserer Zeitungen sehr beliebt, weil jede dieser Untersuchungen die Grundlagen unserer Wirklichkeit in Frage stellt. Alles könnte auch anders sein, steht dahinter, wenn wieder einmal so ein Effekt von Erwartung populär aufbereitet wird. Die Menschen müssten nur etwas anderes von sich erwarten.

Lustigerweise können all diese Ergebnisse, selbst wenn sie soziale Zusammenhänge im Blick haben, durch die entsprechende journalistische Aufbereitung ganz leicht in unser vorherrschendes individualistisches Denken eingepasst werden. Den sozialen Zusammenhang lässt man dann unter den Tisch fallen, und setzt den Schwerpunkt der Berichterstattung auf die Machbarkeit von Einstellungsveränderungen. Persönlichkeitsoptimiert denkt jeder einfach etwas anderes, erwartet weniger Versagen und ist schon wieder mal zu mehr Leistung fähig.

Neutral formuliert heißt das Ganze Selbstwirksamkeitserwartung, und da ich für den Verein meiner Zuneigung im Moment alles mache, damit der Abstieg vermieden werden kann, werde ich heute mal zum Gläubigen der Persönlichkeitsoptimierungs-Religion. Es ist mein kleiner Beitrag zu einer erfolgsversprechenderen Selbstwirksamkeitserwartung der Spieler vom MSV Duisburg. Wie jede Zukunftsprognose wird sie sich durch ihre Wirkung hoffentlich frühzeitig als falsch erweisen, wenn die Rückkopplungseffekte wirksam werden. Wahrscheinlich wird der Abstieg nach Veröffentlichung dieser Prognosezahlen nicht nur vermieden, sondern sogar voll vermieden. Früher hätte man gesagt, der Klassenerhalt wird frühzeitig gesichert.

Das Geheimnis meines festen Glaubens an den Klassenerhalt ist natürlich der Tabellenrechner vom Kicker. Ihr werdet erkennen, ich habe dem Verein meiner Zuneigung wenig erspart. Kein überraschendes Ergebnis auf Zebra-Seite, dafür punkten die Konkurrenten unerwartet. Was ab dem 28. Spieltag zum längeren Verweilen auf dem 17. Tabellenplatz führte. Deshalb ist das Torverhältnis am Ende sehr entscheidend. Dabei wollte ich nicht spekulieren und habe den simpelsten aller Siege, das 1:0, jeweils einkalkuliert. Außerdem musste ich feststellen, dass mir der Text-Editor meines WordPress-Accounts keinen Tabellenkalkulator anbietet. Schön sieht das nun nicht aus. Doch auch das verbindet mich nur noch mehr mit dem Verein meiner Zuneigung, auch bei der Mannschaft denke ich nicht mehr an schöne Spiele. Was momentan zählt, ist alleine das Ergebnis.

26. Spieltag
MSV – Vfl                   1
Aue – Pauli                   0
KSC – Rostock           1
Ingolstadt – PB             0
B’schweig – FSV          1
Aachen – Berlin           0

27. Spieltag
PB – MSV                   1
FSV – Aachen             1
VfL – Ingolstadt           1
Fürth – KSC                1
Rostock – Aue             0

28. Spieltag
Ingolstadt – MSV         1
Aachen – Dresden        1
Aue – Fürth                  0
1860 – Rostock           1
KSC – Union               1

29. Spieltag
MSV – Eintracht          2
Union – Aue                 1
Rostock – D’dorf          2
Ingolst. – Aachen          1
VfL – KSC                  1

30. Spieltag
1860 – MSV                1
D’dorf – FSV               1
Cottbus – Rostock       1
Aachen – VfL               0
Aue – PB                     0
Eintracht – Ingolstadt    1
KSC – Dresden           0

31. Spieltag
MSV – Aachen            1
Rostock – FSV            0
Eintracht – Aue             1
Ingolstadt –KSC          1

32. Spieltag
B’schweig – MSV        1
FSV – Fürth                 2
1860 – Ingolstadt         1
Aue – Dresden             1
KSC – PB                   0
Pauli – Rostock            1
Aachen – Eintracht       0

33. Spieltag
MSV – Aue                 1
Ingolstadt – Cottbus     1
PB – FSV                    1
Aachen – KSC             1
Union – Rostock          1

34. Spieltag
D’dorf – MSV              1
KSC – Eintracht           0
Rostock – Fürth           1
1860 – Aachen             1
B’schweig – I’stadt       0
FSV – Dresden            1

Eine Hilfe bei zu wenig Toren?

Wie wir alle wissen, erzielen die Stürmer vom MSV Duisburg zu wenig Tore. So viele Chancen erhalten sie nicht, und bei diesen wenigen Chancen gibt bevorzugt der Torwart die Schussrichtung vor. In der Mitte des Tores steht er und nimmt die Bälle problemlos auf. Wir dürfen wohl annehmen, der Torschuss geht dorthin wegen der gesteigerten Wahrscheinlichkeit, das Tor überhaupt zu treffen. Ein Stürmer, der dorthin zielt, will möglichst wenig falsch machen. Etwas weiter nach links oder rechts zu zielen erfordert unweigerlich eine verminderte Streubreite des Torschusses. Dazu braucht es erstens die Schusstechnik und zweitens das Selbstbewusstsein. Beides hängt unlösbar zusammen. Wer das eine verbessert, nutzt dem anderen.

Nun stoße ich heute  im Wissens-Ressort der Süddeutschen Zeitung auf das Destillat einer Studie, bei der die Auswirkung einer optischen Täschung auf die Zielgenauigkeit von Golf-Spielern untersucht wurde (hier im englischen Original). Vielleicht kennt ihr aus Kindertagen diese optische Täuschung noch: Welcher Innenkreis ist größer? heißt die Frage.

Natürlich sind beide Innenkreise gleich groß. Den Golfern wurde diese optische Täuschung als Versuchanordnung auf den Rasen projiziert mit dem Ergebnis, Golfer putten besser, wenn sie der Illusion erliegen, das Loch im Rasen sei größer. Die Wissenschaftler glauben, die Golfer putten dann mit mehr Selbstvertrauen.

Diese Erkenntnis gehört ins Handlungswissen auch des Fußballs. Praktiker also nach vorne. Gerade das der Fan-Kurve gegenüber liegende Tor bietet sich für jedwedes Experimentieren  an. Vielleicht könnten die leeren Sitzreihen mit den Freikarten-Schülern so besetzt werden, dass die Sitzanordnung das Tor größer erscheinen lässt. Natürlich nur in der Halbzeit, in der der MSV Duisburg auf das Tor spielt. Valeri Domovchiyski braucht einfach mehr Selbstvertrauen für den Torschuss neben den Torwart. Wenn es hart auf hart kommt, müssen alle Register gezogen werden.

Frauenfußball ist doch ganz anders

Lasst mich heute morgen mal frohen Mutes das verminte Gelände des Frauenbildes unserer Gesellschaft betreten. Das traue ich mich, weil ich mir schon Ende der 70er Jahre, zu Zeiten der Erfolge des Kaßlerfelder BC, hin und wieder Spiele des Frauenfußballs gern angesehen habe. Wenn Frauen auf hohem sportlichen Niveau Fußball spielen, betreiben sie einen anderen Sport als Männer auf gleich hohem Niveau. Kraft und Technik stehen in einem anderen Verhältnis, was natürlich Auswirkung auf die Spielanlage der Mannschaften hat. Erfolgreich spielende Frauenmannschaften müssen  präziser in der Spielanlage sein. Die geringere Grundschnelligkeit der Frauen bietet ihnen auf der Weite des Spielfelds weniger Gelegenheiten alleine durch Kraft Druck auf den Gegner auszuüben.

Heute nun erhalte ich einen Hinweis, dass Frauenfußballerinnen auch eine andere Psyche besitzen als ihre männlichen Fußballkollegen. Bei Trainerentlassungen im Männerfußball heißt es ja häufig, mit der Maßnahme habe man der Mannschaft jegliche Ausrede für schlechte Leistungen nehmen wollen. So eine Trainerentlassung im Männerfußball nimmt die Spieler mehr in die Pflicht. Wenn Druck Thema wäre, müsste es heißen, wir wollen die Mannschaft mehr unter Druck setzen.

Beim Frauenfußball-Bundesligisten FCR 2001 Duisburg wurde Martina Voss-Tecklenburg gestern nach einer Reihe von Misserfolgen überraschend entlassen. Die Begründung des Vereins funktioniert nun genau anders herum als im Männerfußball üblich: „Der Verein hofft, durch diesen Schritt Druck von der Mannschaft nehmen zu können, damit sie befreit an die noch ausstehenden Aufgaben herangehen kann. Hierzu zählt insbesondere das Erreichen des Halbfinales in der Champions League.“

In welcher Weise Frau Voss-Tecklenburg für zu viel Druck verantwortlich war, wird nicht näher erläutert. Das Stochern im Nebel bei der Ursachensuche für Misserfolg muss eine erzählende Formel erhalten, und wir befinden uns nun vielleicht am Anfang der Debatte, ob diese erzählende Formel die Geschlechterdifferenz ausdrücken wird oder nicht. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt. Noch hatte mit dem FCR-Vorstandsmitglied Guido Lutz ein Mann die Hoheit über die Sprachregelung.

Warum Ioannis Amanatidis keine Verstärkung gewesen wäre

Warum kurz vor Ende der Transferzeit, das Gerücht aufkam, der MSV Duisburg könne den Stürmer Ioannis Amanatidis von Eintracht Frankfurt ausleihen, habe ich nicht genau verfolgt. Am letzten Wochenende musste ich aber noch einmal an dieses Gerücht denken. In der Süddeutschen Zeitung ging es um die in Deutschland übliche Zurückhaltung über das eigene Einkommen zu reden. Der Verfasser des Artikels brachte diese Zurückhaltung in Zusammenhang mit der Leistungsbereitschaft der Gehaltsempfänger und kam zu dem Schluss, das Schweigen zu Gehältern kommt dem Betriebsklima sehr zugute. Die meisten Menschen beginnen schließlich ganz schnell über Gerechtigkeit nachzudenken, wenn es um sie selbst geht. Der Maßstab für die Zufriedenheit eines Arbeitnehmers ist nämlich nicht die absolute Höhe des Gehalts sondern die relative Höhe im Vergleich zum Kollegen.

Soll dieselbe Arbeit für weniger Geld erledigt werden, trägt das nicht gerade dazu bei, die Stimmung zu heben. In schlechter Stimmung wird aber weniger geleistet. Mancheiner macht das dann sogar bewusst als Trotzreaktion. Der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Bruno Frey interessiert sich für eine sehr lebensnahe wirtschaftswissenschaftliche Forschung und hat solche Effekte der Ungleichbehandlung bei der Entlohnung untersucht. Der Erfolg von Fußballmannschaften als Ausweis der Leistungsbereitschaft ihrer Gehaltsempfänger, der Fußballspieler, war für ihn sowie Sascha L. Schmidt und Benno Torgler die Ausgangsüberlegung der Untersuchung. Zur Fußball-WM 2006 wurden erste Ergebnisse, aufbereitet für die Zeitungsleser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, veröffentlicht. Der abschließende wissenschaftliche Aufsatz mit entsprechendem Statistikteil erschien zwei Jahre später.

Behalten wir das Gefühl des Neids im Blick, können wir also als Nachtrag zur letzten Transfer-Periode feststellen: Selbst wenn der MSV Duisburg das Geld zur Ausleihe von Ioannis Amanatidis gehabt hätte, das Risiko ihn zu verpflichten wäre groß gewesen und zwar nicht, weil er selbst vielleicht nicht die Verstärkung gewesen wäre, die man sich von ihm erhofft hätte, sondern weil seine Anwesenheit andere Spieler schlechter hätte machen können. Gefühle lassen sich nicht unterdrücken.


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