Posts Tagged 'Pyrotechnik'

Die 11FREUNDE-Redaktion fragt – Kees Jaratz antwortet

Zurück in der 2. Liga – das heißt auch mehr Berichterstattung über den MSV durch die versammelten Fußballmedien und mehr Arbeit für mich. Wie gewohnt in den letzten Zweitliga-Jahren der Zebras landete nämlich die E-Mail  mit ein paar launigen Fragen aus der 11FREUNDE-Redaktion im Posteingang. Im Bundesliga-Sonderheft erscheinen dann die Antworten, die von den Erst- und Zweitligabloggern zurückgesendet werden. Ein paar Seiten kostenloser Content für 11FREUNDE. Damit kennen wir uns aus. Für euch nun exklusiv die Sonderedition Jaratz zum MSV des 2017er 11FREUNDE-Jahrgangs.

Die nächste Saison wird eventuell legendär, weil…

nicht nur der Klassenerhalt früh feststeht und die Teilnahme am Pokalfinale den Anfang einer langjährigen Erfolgsära bedeutet, sondern auch der 50-Millionen-China-Deal im Winter – siehe unten – den Verein endgültig saniert

Wenn ich an die vergangene Saison denke, dann…

…haben alle im und um den MSV mit anfänglich sehr überlegener Spielweise und der Tabellenführung seit Spieltag neun samt Drittliga-Meisterschaft eine völlig neue Erfahrung des Dauer-Favoriten-Daseins gemacht. Dennoch wurde die Tradition nicht verraten, uns auf den Rängen bis zum Abpfiff am Erfolg zweifeln zu lassen. Tradition! Wichtig!

Auf diesen Videobeweis-Fauxpas freue ich mich besonders:

Foul ist Foul, auch wenn die foulenden Abwehrspieler klein und viele sind während der gefoulte Spieler alleine sowie athletisch und groß ist wie Kingsley Onuegbu. Würde ich gerne im Videobeweis mal sehen.

Für 50 Millionen in Richtung China verlässt uns im Winter…

…Physio, Greenkeeper und zwei Ticketing-Mitarbeiter. An Fußballer aus Deutschland traut sich nach Modeste-Deal-Fast-Scheitern gerade niemand ran.

Mein Verein muss an den DFB Strafe zahlen, weil…

Beim Pyro-Abo sind wir wie alle dabei. Dazu plädiere ich für Sonderstrafen bei Mickie-Krause-Auftritten vor einem Spiel.

Die neue Vereinshymne sollte komponiert werden von…

Von niemandem. Reden wir nicht drüber, weil Hymnenkram schon immer gegenüber dem Besten vom Besten enttäuscht. Muss ich mehr sagen als Zebratwist?

Aus unserem Team unverzichtbar für Jogi Löw ist in Russland…

Wie Confed-Cup und U21-Euro zeigen, deutsche Fußballspieler hat Jogi Löw ja mehr als genug. Einen Spieler wie Branimir Bajic aber hat er nicht. Mit seinen fast 38 Jahren gibt er inzwischen durch die Aura seines Auftretens auch von der Bank aus Sicherheit bis in alle Ecken des Spielfelds. Wenn es nötig ist, auch auf dem Spielfeld präsent. Großartiger Mann. Deshalb Nationalitäten-Sondersstatus für den Bosnier Bajic.

Fußball schön und gut, aber Weltmeister würde unsere Truppe in…

Textsicherheit beim deutschen Party-Schlager der Gegenwart, der aufklärenden Arbeit des nigerianischen Schlagersammlers und -forschers Kingsley Onuegbu sei Dank.

Auswärts schmeckt gut: Die beste Bratwurst gibt es in…

Überall dort, wo Auswärtssiege den Blick aufs Wesentliche lenken und Geschmackssinne vernebeln.

Jetzt reicht’s: Das müsste passieren, damit ich nicht mehr ins Stadion gehe…

Ich interessiere mich schon jetzt kaum mehr für die Bundesliga oder Champions League. Aber als wandelnder Zuschauer-Widerspruch wird sich das natürlich sofort ändern, wenn mein Verein in die Nähe des nächst möglichen Erfolgs kommt. Sprich: ich weiß nicht, was passieren müsste.

Dieser Filmtitel beschreibt meinen Klub perfekt…

Zurück in die Zukunft

Dieser Twitter-Account ist für Fußballfans unverzichtbar…

Zu viele, um einen zu nennen. Schaut selbst.

Zweite Liga ist eh viel schöner als Bundesliga, weil…

…mich Bundesliga kaum mehr  interessiert. Siehe oben. Und Union Berlin und St. Pauli immer eine Reise wert ist, dabei Bochum und Düsseldorf um die Ecke liegen und die Chance zum Bundesligaaufstieg greifbar nahe ist. Denn siehe oben.

Das ist die zweitklassigste Zweite Liga seit…

…der MSV vor zwei Jahren schon einmal nach dem Zwangsabstieg wieder aufstieg und die Klasse nicht halten konnte. Deshalb beste Aussichten in dieser Saison. Siehe oben.

In der Relegation scheitert diesmal…

…nicht der MSV. Denn die Grammatik der Ruhrgebietssprache verbietet es, das Verb scheitern zusammen mit dem Kürzel MSV zu gebrauchen.

Und wenn ihr nun ganz andere Antworten gewusst hättet, ich bin gespannt. Nachspielzeit in den Kommentaren.

Pyrotechnik ist Körperverletzung

Pyrotechnik mag kein Verbrechen sein, Pyrotechnik, Unterkategorie geworfener Böller, ist aber eine Körperverletzung. Als juristischer Laie sage ich, das war vorsätzliche Körperverletzung, als nach dem Spiel des MSV in Sandhausen zwischen den Anhängern auf dem etwa zwei Meter breiten Weg zum Parkplatz ein Böller unauffällig fallen gelassen wurde.

Das Ding explodierte zwischen den MSV-Fans, die das Spiel beredeten, die sich fürs Finale  gegen Leipzig Mut zusprachen. Das Ding explodierte, erschreckte fast alle in der Nähe und danach standen zwei Männer mit schmerzverzerrtem Gesicht an dem Zaun, der diesen zwei Meter breiten Weg auf der einen Seite begrenzte. Sie mussten sich anlehnen, wirkten wie im Schock, hielten sich ein Ohr und konnten nicht mehr weitergehen. Vom Böllerwerfer keine Spur. Natürlich hat ihn niemand in der vom Böller betroffenen Gruppe MSV-Fans gesehen. Natürlich war er längst weiter gegangen. Unauffällig, feige, heimtückisch, aber wahrscheinlich bester Laune. Jemand, der sich wahrscheinlich auch dem MSV verbunden fühlt. Noch wahrscheinlicher fühlt er vor allem sich selbst verbunden.

Ich versuche meinen Ton zu mäßigen. Sehr viel Verstand scheint der Böllerwerfer nicht mit ins Stadion zu bringen, und deshalb muss ich grundsätzlich werden, weil Pyrotechnik ja kein Verbrechen ist, wie die Verfechter des Rechts auf Pyrotechnik in den Stadien betonen. Das mag ja sein, dennoch haftet diese Pyrotechnik-Szene für genau diesen Böllerwurf nach dem Spiel mit. Es ist zum Räuber-und-Gendarm-Spiel geworden bei Auswärtsspielen herumzufackeln. Auch beim MSV, auch in Sandhausen, nach meinem Empfinden war ein großer Teil der mitgereisten Anhänger des MSV mit dem Abbrennen der Bengalos nicht einverstanden. Es wurde gepfiffen. Das ist das eine.

Denke ich an den Böllerwurf  nun, kommen mir so viele Sätze in den Sinn, in denen ich von verantwortungsvollem Gebrauch und solchen Dingen hörte. Soll ich irgendein Argument dieser Szene ernst nehmen, muss sie sich für die Gefahr und den Missbrauch dieser Pyrotechnik verantwortlich fühlen, so wie sie es immer behauptet.

Ihr haftet mit, ihr, die ihr Bengalos anzündet, ihr haftet mit für jeden dieser Idioten, die in der Menge Böller zünden, weil die ja unglaublich spaßig knallen. Seht mal zu, dass ihr solchen Idioten das Zeug aus den Fingern haut, ehe sie es anzünden. Dann können wir weiterreden.

Chaos vor dem Gästeeingang – Fortuna-Fans berichten

Die Berichterstattung in TV und Print galt am Freitag nicht nur dem Fußball beim Spiel des MSV Duisburg gegen Fortuna Düsseldorf. Das Spiel rief für die Gästeseite gängige Medienbilder zu Fangewalt, notwendigem Polizeieinsatz und uneinsichtigen Fans mit Vorliebe für Pyrotechnik hervor.  Eine Auswahl suggestiver Schlagzeilen findet sich mit der Google-Suche für die News.

Die Verantwortung wird in dieser Berichterstattung implizit und auch ausdrücklich den Anhängern von Fortuna Düsseldorf zugeschrieben. Das sind die gängigen Medienbilder, zumal einige dieser Anhänger durch ihre groß angelegte Pyroaktion nicht gerade zur Bereitschaft beigetragen haben, sich über das Geschehen vor dem Spiel ein differenziertes Bild zu machen.

Über die Situation vor dem Gästeeingang empören sich nun die Anhänger von Fortuna Düsseldorf ebenso wie über die einseitige Schuldzuweisung durch Polizei und Berichterstattung. Im Blog Ein BISSCHEN Fussball findet sich ein Augenzeugenbericht zur Polizeistrategie im Umgang mit den Fortuna-Fans am Bahnhof Schlenk und zur eskalierenden Lage am Gästeeingang, sehr sachlich im Ton und nachvollziehbar.

Ähnlich wird die Situation im Blog Yalla Yalla, Fortuna! geschildert, hier klingt schon mehr Empörung im Augenzeugenbericht an.

Nehme ich die Berichterstattung in den Medien und die Augenzeugenberichte zusammen, klingt das Geschehen sehr nach klassischer Polizeistrategie für Auswärtsfans, die ich ebenfalls so schon erleben durfte, ohne dass die Situation eskalierte. Nach dem Motto mitgefangen, mitgehangen werden alle Fans der Gästemannschaft, die per Bahn anreisen unterschiedlos „behandelt“. Man ist nicht frei in der Entscheidung, wo man sich, wie lange aufhalten darf. Das führt automatisch zu Zwangssolidarisierung und zu gereizter Stimmung. Wenn dann noch die Zeit vor dem Anpfiff knapp wird, kocht die Stimmung in einer Gruppe gerne hoch. Knapp wurde die Zeit nach Meinung der Augenzeugen, nicht, wie es in den Medien dargestellt wurde, nach dem verabredeten späten Losgehen vom Bahnhof Schlenk aus, sondern wegen des verspäteten Ankommens einer zuvor defekten S-Bahn.

Nun beschreiben zwei gegensätzliche Aussagen die Wirklichkeit des Freitags. Um Lehren aus solchem Geschehen zu ziehen, ist es wünschenswert, dass nicht nur beide Sichtweisen ihren Platz in der Öffentlichkeit finden, sondern beide Seiten auch in die Verantwortung genommen werden, Fans und Polizei. Dieses Geschehen ist nur das Beispiel für eine immer wieder zu führende Diskussion. Denn die nächste Auswärtsfahrt ist nach einem Heimspiel fast immer nur eine Woche weit weg.

Nachtrag: Sehr gut und detailliert analysiert Gero Wollgarten die Situation vor dem Gästeeingang und die Polizeistrategie. Für jeden mit Interesse an fundierter Information ein Klick-Muss.

Erinnert euch ans „Streifen zeigen“ – Bengalos, Maas und Prügeleien

Einige von euch wissen, dass ich mich gerade für ein Buch sehr intensiv mit den Monaten nach dem Zwangsabstieg beschäftige. Was war das für eine Zeit in diesem Sommer 2013. Was haben alle Menschen rund um den MSV Duisburg damals geleistet. Welchen Einsatz für diesen Verein MSV Duisburg haben die Verantwortlichen, die Mitarbeiter auf allen Ebenen, die Anhänger in diesen Tagen gezeigt. Es gab nur ein Ziel, dieser Verein muss irgendwie weiterleben. Was für einen Zusammenhalt gab es damals.

Anscheinend geht es uns allen mittlerweile wieder zu gut. Wir können unsere eigenen Scharmützel pflegen, uns gegenseitig beschimpfen, die übelsten Motive für ein Handeln dem jeweils anderen unterstellen. Wir müssen nicht mehr respektvoll miteinander umgehen. Der Verein ist ja da. Was stören uns dessen weiterhin vorhandene finanziellen Schwierigkeiten. Wird schon nicht so schlimm werden. Es geht schließlich manchmal auch um mehr als den Verein, es geht um die Wahrheit. Und dagegen ist der MSV Duisburg ein kleines Licht. Denn der MSV Duisburg ist wieder nicht immer der MSV Duisburg. Der MSV Duisburg ist manchmal wieder irgendeiner der Verantwortlichen des Vereins, die ohnehin ihre Arbeit nie so gut machen, wie wir es jederzeit könnten. Und da gibt es keine Kompromissse. Wer meine Wahrheit nicht einsieht, ist mein Feind und schadet der guten Sache. Irgendwie ist diese gute Sache auch  der MSV, aber bitte ohne all diejenigen, die meine Wahrheit nicht einsehen. Die können wir nicht gebrauchen. Deshalb ist es nur richtig mal ordentlich auf die Kacke zu hauen, wenn einem jemand mit seinen anderen bescheuerten Ansichten über das, was richtig und wahr ist, in die Quere kommt.

Zugegeben, das ist nur der Eindruck, der sich im Netz ergibt, wenn die Anhänger des MSV über die Prügelei zwischen den Fans in der eigenen Kurve reden und über Bernd Maas, der mit seinem Gang in die Kurve nach dem Spiel als Auslöser dieser Prügelei gilt. Doch dort im Netz bewegt sich der aktivere Kreis der Anhänger des MSV. Dort entsteht eine Grundstimmung rund um den MSV. Deshalb ist es so enttäuschend für mich während meiner Beschäftigung mit dem Sommer 2013 so viele dieser laut schreienden Stimmen zu lesen.

Die Öffentlichkeit weiß aus der lokalen Presse nur von der Prügelei und nimmt sie schlechtenfalls als Makel für den MSV wahr. Was dahinter steckt, weiß diese Öffentlichkeit nicht. Das interessiert auch die meisten Anhänger dieses Vereins nicht. Den Verein aber muss das interessieren, weil es bei dieser Auseinandersetzung um den Kern der Fanszene geht, weil die öffentliche Wahrnehmung des Vereins durch so etwas in Mitleidenschaft gezogen wird und weil der Vorwurf im Raum steht, der MSV-Geschäftsführer Bernd Maas trage daran Schuld.

Die Fakten zur Prügelei: MSV-Geschäftsführer Bernd Maas geht nach dem Spiel mit einigen Spielern in die Kurve. Wütende Mitglieder der „Kohorte“ werfen Bierbecher in seine Richtung, ein Fahnenhalter fliegt auch. Das Fangnetz hält alles ab. Laut Augenzeugenberichten verstehen das andere noch anwesende Teile der Fanszene als Angriff gegen die Spieler. Die Prügelei beginnt.

Der Hintergrund: Im Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern werden im Gästeblock des MSV Duisburg Bengalos abgefackelt. Bei der DFL wird der MSV als Wiederholungstäter geführt. Noch während des Spiels postet Bernd Maas auf seinem privaten Facebook-Account mit klaren Worten seinen Unmut über die Bengalo-Aktion. Das Posting macht im Netz die Runde. In den Tagen nach dem Spiel bittet der Verein um Mithilfe bei der Identifizierung der Bengalo-Halter. Von Fanseite gibt es den Vorwurf, der Verein rufe zur Denunziation auf. Im Spiel gegen den VfL Bochum wird im Fanblock der Kohorte ein Spruchband hochgehalten mit der Aufschrift: „Gestern noch ‚Gänsehaut‘, heute Täter. MSV ihr Verräter!“ [„MSV“ und „ihr“ ist meine Vermutung, auf dem Foto nicht klar erkennbar] An der Bande hing ein Banner mit der Drohung „Noch so´n Spruch Spielabbruch“.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn in dieser Diskussion gerade keine Mutmaßungen über Motive angestellt werden, sondern nur reines Handeln bewertet wird. Das reicht schon, um aus dem Ganzen zu lernen, wenn man es denn will. Vielleicht muss man sich dafür tatsächlich an den Sommer 2013 erinnnern, weil damals außer Frage stand, welches Motiv die Handelnden alle hatten. Das war damals das Wohl des MSV Duisburg. Bei allen unterschiedlichen Meinungen muss das immer mal wieder in Erinnerung gerufen werden, dass das auch heute die Grundlage für das Handeln der Verantwortlichen ist.

Wie ist nun das Handeln von Bernd Maas ohne Mutmaßungen genau zu bewerten? Ich meine, Bernd Maas hat sich unnötigerweise Weise angreifbar gemacht, indem er sich als Privatperson zu dem Bengalo-Vorfall schon in Kaiserslautern geäußert hat. Sein Unmut ist verstehbar. In einem sozialen Netzwerk mit seinem unkontrollierbaren Massenbewegungen sich zu positionieren halte ich aber für falsch. Schließlich ist diese Bengalo-Aktion ja nur symbolische Handlung in einem viel größeren, grundsätzlichen Konflikt, den der offizielle Fußball mit einem Teil der Fanszene bestreitet. Von Anfang an hätte nur der MSV Duisburg sich positionieren dürfen.

Nun zum Vorwurf des Denunziations-Aufrufs: Indem der MSV Duisburg am Spielbetrieb der DFL teilnimmt, unterliegt er den Regularien der DFL. Der MSV stand nach dem Spiel gegen Kaiserslautern unter Druck beweisen zu müssen, dass er zur Aufklärung des Geschehens seinen Teil leistet, und das öffentlich. Nichts anderes ist geschehen. Der 1. FC Köln hat das in der letzten Saison nach dem Platzsturm seiner Fans in Mönchengladbach auf genau dieselbe Weise gemacht. Damals hat dem 1. FC Köln niemand etwas vorgeworfen. Sollte jemand meinen, es seien auch unterschiedlich schwere Vergehen, so sage ich, das eine ist so verboten wie das andere. Und wer sich etwa an die Pyro-Aktion im Bochumer Block erinnert, wird vielleicht die Leuchtspurmunition noch vor Augen haben, die unter das Tribünendach geschossen wurde und als Querschläger zurückkam. Der Ordner, neben dem diese Munition vielleicht um Schultersbreite niederschlug, wird sicher immer wieder gerne stimmungsvolle Pyro-Technik sehen wollen.

Es war also im Hinblick auf die DFL nicht möglich, in dieser Woche das Geschehen lautlos aufzuklären. Die DFL möchte Signalwirkung, und daran kann ein MSV Duisburg nichts ändern, und schon gar nicht ein Bernd Maas. Der MSV Duisburg hat bei der DFL nicht das Standing, um solche Dinge lautlos zu regeln. Das müssen wir in Duisburg leider festhalten. Es gibt andere Vereine mit anderen Fankulturen, da geht das vielleicht. Ich weiß das nicht. Ich weiß nur, in Duisburg geht es keinesfalls.

Der Gang in die Kurve: Es gab während des Spiels die Banner. Im Grunde gleicht die Kurve den sozialen Netzwerken in der realen Welt. Dort geht es nicht um konstruktiven Austausch, sondern darum Flagge zeigen. Es stellt sich also die Frage, ob der Zeitpunkt richtig war. Gäbe es nicht eine stets  latent vorhandene Konfliktstimmung in der Kurve, wäre es womöglich ein Versuch wert gewesen. Hätte Bernd Maas die zusätzliche Brisanz in dem Moment erkennen müssen?  Im Nachhinein war es ein Fehler in die Kurve zu gehen. Er hat die Situation unterschätzt. Er sah sich zudem wahrscheinlich nicht als Teil eines größeren Konflikts im Fußball. Er sah sich als Teil des MSV, der mit Leuten, die auch Teil des MSV sind, sprechen kann. Das ist nicht mehr immer der Fall. Der Zusammenhalt des Sommers 2013 hört an dieser Stelle auf. Da dürfen wir uns nichts vormachen.

Es nutzt aber auch nichts mit den Fingern auf die Kohorte zu zeigen oder meinetwegen auf die PGDU, um auf diese Weise Schuld auf die andere Seite zu verteilen. Die Ultrabewegung ist ein Teil der Jugendkultur, und in solchen Jugendkulturen geht es immer um absolute Wahrheiten, um Gruppenzugehörigkeit, um soziale Heimat. Repression alleine stärkt dann den Gruppenzusammenhalt.  Diesen Spagat muss der MSV Duisburg leisten: Der Verein muss der DFL genüge tun und durch intensive Fanarbeit den Kontakt zu den Fangruppen nicht verlieren. Diese Fanarbeit wird nicht jeden der Fansszene erreichen. Auch da dürfen wir uns nichts vormachen. Geleistet werden muss sie dennoch. Die Anforderungen der DFL sind erfüllt worden. Nun gilt es, lautloser weiter zu machen, die entstandenen Konflikte wieder zu beruhigen. Die Fansszene des MSV ist zu klein, als dass solche Konflikte unbefriedet bleiben können.

Jugendkultur, Protest und die Sicherheit

Dem DFL-Sicherheitskonzept stimmte die Mehrheit der Profivereine des Fußballs gestern zu. Stellungnahmen gibt es längst in großer Zahl. Als ein Beispiel hier die Berichterstattung in der Süddeutschen Zeitung, deren Titel auch meine Haltung umschreibt: „Ein Gefühl von Unwohlsein bleibt“. Begleitet wird der Artikel von einem Kommentar,  in dem sich eine Haltung ausdrückt, die  in anderen Medien auch schärfer formuliert wird. Diese Haltung scheint mir fast schon Konsens bei allen zu sein, die sich regelmäßig mit dem Fußball beschäftigen und denen es nicht genügt,  ein komplexes Geschehen in einem Imperativsatz zusammen zu fassen. Der Tenor dieser Haltung: Alles übertriebener Aktionismus, der viel Porzellan zerschlagen hat. Jetzt muss das Gespräch der gemäßigten und vernünftigen Köpfe wieder in Gang kommen.

Der Romantiker in mir hofft darauf. Der Realist erinnert sich an die eigenen Erfahrungen. Mir ging bei der gegenwärtigen Debatte nämlich eines schon seit längerem durch den Kopf. Wer seine Jugend Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre erlebte, fühlt sich angesichts des Debattenverlaufs an die eigene Jugend erinnert.  Damals ging es in der öffentlichen Sicherheitsdebatte um die Sorgen angesichts einer sich als links verstehenden Protestbewegung, die in Teilen auch eine Jugendbewegung war. Damals ging es um das große Ganze, die Sicherheit in Deutschland. Und jede Änderung der Sicherheitsgesetze  schuf die Voraussetzung für die nächste Debatte über unzureichende Sicherheit, weil immer wieder neue junge Menschen sich radikalisierten.

Heute geht es nur um das, was in und vor den Stadien passiert. Die Struktur der Debatte ist dieselbe. Ordnung auf der einen Seite, eine Vorstellung vom Wahren und Guten auf der anderen Seite und als Maßstab für die Relevanz dieses Wahren und Guten in der Wirklichkeit gilt die Sicherheit. Die sachliche Frage, wie sicher ein Stadionbesuch sein kann, wird mit Moral befrachtet.

Heute ist die Debatte aber auch etwas komplizierter, weil die Politik nicht direkt auf die Regeln im gesellschaftlichen Feld Profi-Fußball Einfluss nehmen möchte. Es gibt mit DFL und DFB damals in der Debatte nicht vorhandene Zwischeninstanzen. Sei nehmen als eine Art Wandelfiguren an der Debatte teil. Einerseits gelten sie den Fans als Vertreter der Ordnung, andererseits stehen sie als Teil der Unterhaltungsbranche Fußball den Fans näher als der Politik. Das birgt Chancen und macht dem Romantiker in mir Hoffnung, dass zu den von Reinhard Rauball erwähnten Leitplanken allerorten großer Abstand gehalten wird. Der Realist in mir sieht, wie ich von der Polizei schon jetzt per se als Problemfan angesehen werde, nur weil ich aus der Stadt der Gästemannschaft mit dem Zug anreise und wie diese Atmosphäre der Ungewünschtheit vor dem Stadion durch den dortigen Sicherheitsdienst ebenfalls verbreitet wird.

Und noch eins sei angefügt: Die Debatte wurde in den letzten Wochen deshalb auch so groß, weil es um einen sehr leicht verständlichen Konflikt und um klar erkennbare Interessen geht, die vor allem von jüngeren Fußballfans überall in Deutschland geteilt werden können. So ensteht ein Lebensgefühl für eine Generation. Hoffentlich ist es auf der Seite der Sicherheits-Hardliner inzwischen angekommen, die Ultras, über die geredet wird, sind ein Phänomen der Jugendkultur.

Sozialwissenschaftler wie der in Duisburg für die Fan-Arbeit um die Jahrtausendwende nicht unbekannte Gerd Dembowski weisen darauf in Interviews und Texten hin. Und sie betonen die Konsequenzen, die dieser Tatbestand für die Sicherheitsdebatte hat. Sie müssten nur von mehr Beteiligten der Debatte gehört oder gelesen werden. Auf der Seite von MegaScene, einem Stadtmagazin aus Hannover,  gibt es ein ausführliches Interview mit Gerd Dembowski online.

So zeigt die Auseinandersetzung über das DFL-Konzept auch das: Das Stadion wird von jungen Fußballfans als Ort erlebt, wo das eigene Handeln noch nachvollziehbare Wirkung entfaltet und wo dieses Handeln von Sinn in einer Gemeinschaft getragen wird. Und schon geht es auch im Fußballstadion wieder um das große Ganze, um die Gesellschaft.

Den 1. FC Energie Cottbus in Sicherheit wiegen

Es hat nicht geregnet, und ich habe keinen Tinitus, weil ich nicht in der Nähe von einem der Schwachköpfe stand, die meinten, Böller explodieren lassen zu müssen. So schlecht war also der Abend gestern im Niederrrheinstadion überhaupt nicht. Sicher,  der MSV Duisburg erspielte sich bei  Rot-Weiß Oberhausen nur ein torloses Unentschieden, und es war eines dieser torlosen Spiele, nach denen man jeden verstehen kann, der Fußball für eine der unattraktivsten Publikumsveranstaltungen der Welt hält. Aber es hat nicht geregnet, und außerdem hat die Mannschaft des MSV Duisburg sich dieses Unentschieden auf eine Weise erspielt, die dem 1. FC Energie Cottbus vor dem Pokalhalbfinale am nächsten Dienstag einige Rätsel aufgibt.

Betrachtet man mit den Augen von Claus-Dieter Wollitz die letzten Spiele des MSV Duisburg, so dürfte die taktische Ausrichtung seiner Mannschaft eigentlich keine Frage mehr sein. Diese Taktik müsste das genaue Gegenteil der sonstigen Cottbusser Spielweise bedeuten. Cottbus dürfte in der ersten halben Stunde des Spiels auf keinen Fall den Eindruck erwecken, die Mannschaft könne einen Angriff sicher vortragen und das Tor des MSV Duisburg in Gefahr bringen. In dieser Zeit wird der MSV Duisburg mehr oder weniger druckvoll versuchen, ein Tor zu erzielen. Erfolgreich werden sie in dieser Spielphase wahrscheinlich nicht sein. Um die 35. Minute herum wird die Mannschaft des MSV Duisburg einen ersten torgefährlichen Angriff zulassen. Selbst wenn in dem Moment der Ball nicht ins Tor geht, wird das Angriffspiel des MSV Duisburg danach erlahmen und immer ideenloser.

Wenn ich die Stimmen vom MSV Duisburg nach dem Spiel gegen Rot-Weiß Oberhausen im Reviersport lese, verstehe ich das mit Blick auf das Halbfinale des DFB-Pokals am  nächsten Dienstag als ein Bemühen, die Stimmung in der Mannschaft nicht allzu sehr zu beeinträchtigen. Manchmal benötigen wir Scheuklappen, um anspruchsvolle Aufgaben zu erledigen. Ich hoffe nur, nachdem dieses Halbfinale gespielt ist, werden sportliche Leitung und Mannschaft sich noch einmal etwas gründlicher mit dem Spiel gegen Rot-Weiß Oberhausen beschäftigen und dabei auch wieder an das Spiel gegen den 1. FC Union Berlin denken.

Ein variable Spielkultur besitzt der MSV Duisburg im Moment allenfalls zu Beginn des Spiels. Schon im Verlauf der ersten Halbzeit beginnt sich die Mannschaft dann auf eine einzige Möglichkeit des Ballvortrags zu konzentrieren. Angriff um Angriff wird der Ball hoch nach vorne geschlagen, und während  ich das schreibe, merke ich, was ich gestern gesehen habe, bräuchte ein anderes Wort als Angriff. Dieses Wort weckt den Eindruck von möglichem Erfolg. Doch nach der ersten Torchance von Rot-Weiß Oberhausen in der 35. Minute konnten wir uns mit dem Gefühl begnügen, ein Tor des MSV Duisburg fiele nur durch einen Zufall. Es mangelte an Spielideen. Druck auf die Abwehr von Rot-Weiß Oberhausen entstand nicht. Aber es hat wenigstens nicht geregnet, und die Verteidigung spielte so stabil wie in den meisten Spielen dieser Saison.

Die Leistung von Rot-Weiß Oberhausen blieb ebenfalls bescheiden, und man braucht schon eine rot-weiß gefärbte Vereinsbrille, um in so einem Spiel die Spielkontrolle einer Mannschaft zu erkennen. Verbuchen wir so eine Meinung  unter Ruhrgebiets-Folklore. Ein Hoch auf die eigene Stadt, was sich auch in den Lokalsportredaktionen der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung zeigen darf. Neutral und die Wirklichkeit treffend liest sich die Berichterstattung im Kicker.

Noch gibt es keine Nachricht, wie schwer Julian Koch verletzt ist. Dass er im Spiel gegen den 1. FC Energie Cottbus nicht dabei sein wird, war selbst von der Kanal-Kurve aus an seiner Reaktion nach dem Zusammenprall mit dem Oberhausener Verteidiger sofort zu erkennen. Die Wucht seines Schussversuchs, der ungünstige Winkel, die Drehung des Körpers, das lässt schlechte Nachrichten erwarten. Für Dienstag gilt, es gab auch schon Siege ohne ihn. Wie lange er voraussichtlich fehlen wird, werden wir am Montag sicher erfahren. Nicht allzuviel länger wird es vermutlich dauern, bis wir wissen, welche Strafe der MSV Duisburg für die Pyro-Aktionen erhält. Da habe ich eine deutliche Meinung. Im besten Fall sind solche Aktionen wie das Abbrennen einzelner bengalischer Feuer Abenteuerspielchen auf Kosten des Vereins, im schlechteren Fall wie beim Böllerwerfen ist das zumindest der Versuch der Körperverletzung.


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: