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Versprechen kann ich genauso brechen wie Ranisav Jovanović

Eigentlich versprach ich, zu Ranisav Jovanović nichts mehr zu sagen. Denn schnell nervte mich dieser Epilog zu seinem Abgang, der gestern im Netz allerorten zu bemerken war, als das Reviersport-Interview mit ihm die Runde machte. Ich will mich nicht mit der Vergangenheit beschäftigen. Ich blicke nach vorne. Samstag beginnt die neue Saison. Ich will mich mit dem großartigen Niederrheinpokal beschäftigen, der, wie ich gestern erfuhr, ein zukunftsträchtiger Wettbewerb für die Zebras ist und ganz andere Sachen beschäftigen mich auch noch. Jovanović ist so was von vorbei und gehört zum Gestern. Soll er in Sandhausen doch absteigen und sich an dem auch für die 3. Liga gültigen Vertrag freuen.

Gleichzeitig denke ich, das darf doch nicht wahr sein und muss mein Versprechen brechen. Da möchte Thorsten Richter im Reviersport mal wieder mit ein bisschen Krawall die Leser anlocken und schon gibt es Verständnis für  Jovanović unter einigen Anhängern des MSV Duisburg nach dem Motto, wenn er die Chance hat in Liga 2… Aber darum ging es gar nicht. Das ist nämlich unstrittig, dass er wechseln kann, wenn er meint, einen besseren Arbeitsplatz gefunden zu haben. Auch für Andreas Rüttgers war das keine Frage. Es ging um die Art und Weise seines Wechsels. Andreas Rüttgers aber hat nun den schwarzen Peter beim MSV Duisburg. Er hat ihn für Udo Kirmse übernommen, weil er ihn nach seiner Ankündigung, Jovanović bliebe, nicht im Regen stehen lassen wollte. Das ist das eigentlich wichtige Thema für den MSV Duisburg, wie kommunizieren Verantwortliche des MSV Duisburg mit der Öffentlichkeit. Dazu später mehr.

Erst aber die Fakten: Denn falls jemand in einiger Zeit „Andreas Rüttgers“ googelt und diese Jovanović-Worte liest, weiß keiner mehr, wie was zu werten ist. Dann steht das Interview mit den verstümmelten Rüttgers-Zitaten neben den bei WAZ/NRZ aufgegriffenen Worten der Enttäuschung von Rüttgers, die er im MSVPortal schrieb. Der Original-Beitrag im MSVPortal wird wahrscheinlich nicht schnell zu finden sein. So ist das Internet. Das erleben wir gerade beim neuen Geschäftsführer vom MSV Duisburg. Über Bernd Maas ist manches im Netz zu lesen, und einiges davon gefällt einem auf Anhieb nicht gut. Andererseits gibt es entlastende Erklärungen, wie unangenehme Nachrichten, etwa die über seine Zeit in Dresden, zustande kamen. Alles steht plötzlich nebeneinander und niemand kann beurteilen, was von all dem zu halten ist, wenn er sich nicht intensiv mit diesen Gegebenheiten auseinandersetzt. Mit Bernd Maas habe ich das noch nicht gemacht. Mache ich das überhaupt? Vielleicht vertraue ich einem Gewährsmann? Was ist also mit der Wahrheit geworden?

Deshalb als Notiz für die zukünftig googelnden Interessenten Folgendes im Falle des Wechsels von  Ranisav Jovanović: Udo Kirmse verkündete am Tag der Lizenerteilung für die 3. Liga , er sei sehr, sehr sicher Ranisav Jovanović werde in der nächsten Saison beim MSV Duisburg spielen. Der Spieler habe ihm gesagt, er fühle sich in Duisburg sehr wohl. Die Botschaft war: „Rani“ bleibt. Zwei Tage später wurde die Nachricht verkündet, „Rani“ wechselt nach Sandhausen. Wie das? Von Seiten des MSV gab es nur  formelhafte Sätze zum Abschied ohne Bezug auf die nun voreilig wirkenden Worte von Udo Kirmse. Andreas Rüttgers machte noch einen Tag später im MSVPortal nachvollziehbar, wie es zu den Kirmse-Worten hat kommen können. Die wichtige Information lautet, es gab eine Zusage von Jovanović, dass er seinen Vertrag unterschriebe. Die Rüttgers-Worte sind der Anlass für das Reviersport-Interview. Später verdeutlicht Rüttgers nach Kritik an seinem Beitrag im MSVPortal in einem weiteren Beitrag seine Meinung.

Exkurs: Wie kam es zum Interview im Reviersport? Diese Frage möchte ich aufwerfen, weil in diesem Interview nichts, absolut nichts zum einzig wichtigen Thema des Jovanović-Wechsels steht. Die erste und allerwichtigste Frage an Ranisav Jovanović hätte lauten müssen, können Sie sich erklären, wie Udo Kirmse zu seiner Meinung kam, sie blieben in Duisburg? Dann wäre der Spieler gezwungen gewesen, sich mit Anstand zu bekennen oder rumzueiern oder seine Sicht genauer zu erklären. Alles andere interessiert nicht. Udo Kirmse bleibt aber völlig ausgeklammert. Denn es geht nicht um Aufklärung einer verworrenen Situation. Es geht mal wieder alleine um Emotionen und Krawall. Wie also ist das Interview zustande gekommen? Ob Jovanović Thorsten Richter angerufen hat mit der Bitte ihn  zu interviewen, um  Andreas Rüttgers abzuledern? Oder war es umgekehrt? Thorsten Richter ruft Jovanović an und wirft ihm einzelne Rüttgers-Sätze zum Anfüttern des Ärgers hin? Wir wissen das nicht. Wir wissen nur, die Rüttgers-Sätze in den Fragen sind verkürzt, und Jovanović hat keine Lust ein bad guy zu sein. Wieso kümmert er sich überhaupt noch um seinen Ruf in Duisburg? Ich vermute, wenn ihn einer mit der Nase drauf stößt. Bühne frei für den Krawall.

So weit der Vorgang als solcher, der uns eines zeigt. Die Verantwortlichen beim MSV Duisburg können nicht davon ausgehen, dass ihr idealistischer Ansatz für die Zukunft ausreicht, um die öffentliche Meinung auf ihrer Seite zu behalten. Denn Andreas Rüttgers ist in dem Fall ja nur der Strohmann für die MSV-Geschichte. So ist noch einmal alles gut gegangen. Dieses Mal wurde Udo Kirmse von keinem Journalisten der Vorwurf gemacht, er habe unprofessionell gehandelt. Was aber auffällt, offiziell erkärt der MSV Duisburg die Fehlinformation von Udo Kirmse nicht. Das ist eine offene Flanke für jeden Journalisten, der sich eine Geschichte zurecht basteln will. Thorsten Richter macht das dieses Mal eben nur auf indirekte Weise, weil er durch Andreas Rüttgers Worte die Gelegenheit dazu erhält. Er weiß, die öffentliche Stimmung um Udo Kirmse lässt eine Geschichte über ihn nicht zu. Andreas Rüttgers ist  umstrittener, da geht er kein Risiko ein.

Dennoch müssen der MSV und Udo Kirmse selbst das entstehende öffentliche Bild des Vereinsvorsitzenden Kirmse im Blick behalten. Mir geht es gar nicht darum, dass Udo Kirmse vorsichtiger mit seinen Worten wird. Mir geht es darum, dass der Fußball wie jedes Gesellschaftsegment oder Berufsfeld eigene Regeln und Normen hat, die niemand ignorieren kann. Das System ist auf Dauer stärker als der Einzelne. Zu diesem System Fußball gehören die Spielerwechsel trotz mündlicher Versprechen im allerletzten Moment, zu diesem System gehört aber auch die gern hervor geholte Deutung von Unvorhergesehenem als amateurhaftes Arbeiten gegenüber dem professionellen. Wie gesagt, es ist nicht dazu gekommen. Ich hoffe aber sehr, demnächst übernimmt der Verein selbst das, wozu sich Andreas Rüttgers aufgefordert fühlte. Dann wäre mir wohler.

Kann Udo Kirmse von RWO-Präsident Hajo Sommers etwas lernen?

Seit ich weiß, dass Ranisav Jovanović zum SV Sandhausen wechselt, muss ich an Hajo Sommers denken, den Präsidenten von Rot-Weiß Oberhausen. Ich habe nämlich Udo Kirmse, den Präsidenten vom MSV Duisburg, Montag am Stadion erlebt. Ich habe gesehen und gehört, mit welcher Freude und Zuversicht er über die bevorstehende Vertragsunterschrift von Ranisav Jovanović redete. Wer Udo Kirmse so erlebt hat, wird sich leicht ausmalen können, das Ausbleiben der Unterschrift war nicht einfach ein weiterer geschäftlicher Vorgang für ihn. Abgehakt, nächstes Thema. Das wird ihm wahrscheinlich schwer gefallen sein. Wer ihn so erlebt hat, wird vermuten dürfen, Udo Kirmse wurde persönlich enttäuscht. Und wir dürfen mit ihm froh sein, dass dieses Mal nicht schon wieder ein Lokaljournalist um die Ecke gekommen ist,  der zur Enttäuschung ungefragt ein Zeugnis ausstellt, weil Udo Kirmse etwas als nahezu sicher verkündete, was dann nicht eintraf. Udo Kirmse hat Ranisav Jovanović anscheinend zu sehr vertraut und die Gesetzmäßigkeiten des Profifußballbetriebs unterschätzt.

Hajo Sommers kam mir in den Sinn, weil er wie Udo Kirmse aus tiefer Verbundenheit zu seinem Heimatverein, nämlich Rot-Weiß Oberhausen, vor Jahren ebenfalls in einer Krise Verantwortung in seinem Verein übernahm. Präsident wurde er später sogar. Mit ihm zusammen gab es einen Kreis von Männern, die den endgültigen Verfall von Rot-Weiß Oberhausen verhindern wollten. Es ging ihnen um den Verein. Sie verbanden mit diesem Verein weder geschäftliches Interesse noch brauchten sie den Verein für ihren Ruf. Ihr ganzer Einsatz galt dem Gedanken, irgendwie müssen wir den Spielbetrieb am Laufen halten und wenn sich der sportliche Erfolg dazu einstellt, um so besser. Vorrangig war aber die solide finanzielle Basis. Dem war alles andere unterzuordnen. Ihr erkennt die Gemeinsankeiten?

Für das Fußballortebuch habe ich mit Hajo Sommers gesprochen. Seit dem Beginn seiner Amtszeit bei RWO waren einige Jahren vergangen. In dieser Zeit stieg Rot-Weiß Oberhausen in die 2. Liga auf, wieder ab und es drohte der Abstieg in die Regionalliga. Nach der Krise hatte die Wirklichkeit des Fußballbetriebs in Oberhausen wieder Einzug gehalten und damit eine nur schwer veränderbare Normalität des Profifußballs. Dazu gehören nicht unbedingt nur Spieler, die des Geldes wegen den Verein wechseln und somit die weichen, ideellen Faktoren eines Arbeitnehmerverhältnisses diesem Geld unterordnen. Soll ich das nun wertkonservativ nennen, weil sie damit das allgemeine Sinn- und Zielideal der zurückliegenden Jahre unserer Gesellschaft weiterhin leben? Das sind auch wir Zuschauer, von denen viele im Fußball mit dem sportlichen Erfolg des eigenen Vereins  Lebensglück suchen. Bleibt dieser Erfolg aus, entstehen öffentliche Stimmungen, die gar nichts mehr vom Zusammenhalt in Notzeiten haben. Ohne die Krise gibt es aber auch wieder im Umfeld des Vereins Menschen mit eigenen Interessen neben dem Sport, die sie im Verein versuchen durchzusetzen. Hajo Sommers wirkte desillusioniert. Hajo Sommers ist dennoch weiterhin Präsident von Rot-Weiß Oberhausen.

Ein Grund mehr für den Gedanken, Hajo Sommers und seine idealistisch gesonnenen RWO-Freunde aus den Krisenzeiten könnten bei einem informellen Treffen mit Udo Kirmse und seinen idealistisch gesonnenen Freunden aus dieser MSV-Krisenzeit mal aus dem Nähkästchen plaudern. Vielleicht gibt es ja Erfahrungen, die vereinsübergreifend nützen. Enttäuschungen lassen sich so natürlich nicht vermeiden, aber vielleicht die ein oder andere Fallgrube deutlicher erkennen. Und ein wenig Arbeit an gemeinsamer Pott-Identität kommt als Nebeneffekt hinzu. Denn eins ist gewiss, irgendwann kommt ein Lokaljournalist wieder um die Ecke auf der Suche nach einer Geschichte.

Die zweite Ehe Ronnie Worms und M-U-T für Maurice Exslager

Grinsen ist erlaubt. Denn der Fußball ruft manchmal komische Gefühle hervor. Junge Menschen werden dieses spezielle Gefühl kaum mehr kennen lernen, weil sich die Berufsbiografien von Fußballern gegenüber denen meiner Jugend so verändert haben. Aber wer weiß, vielleicht gibt es Dortmunder Fans, denen es  in dreißig Jahren ebenso geht, wenn Mario Götze als Bayern-Legende die Lage seines Vereins kommentiert. In mir kitzelte jedenfalls so eine Mischung aus Eifersucht, Empörung und Groll, als mir vom NDR ein Internet-Artikel zum Aufstieg von Eintracht Braunschweig mit folgender Überschrift eingespielt wurde: „Eintracht-Idol Worm schlägt Alarm“.

Natürlich weiß ich, wie sehr Ronnie Worm mit seinem zweiten Verein Eintracht Braunschweig und der Region heute verbunden ist. Aber diese Ausschließlichkeit! Wir hatten doch auch einmal eine gemeinsame so glückliche Zeit. Wir beim MSV und Ronnie. Darüber darf man doch nicht einfach so hinweggehen. Ich bin sicher, er denkt auch so. Und ist es nicht ein Zeichen, dass wir in Duisburg wissen, niemals war Ronald Worm ein „Ronny“, so wie es die unwissenden norddeutschen Deuter seines Lebens heute in einem Text wie dem oben verlinkten behaupten. Da ich all das schreibe, verliert sich schon mein Groll, weil ich weiß,  er trägt beide Vereine in seinem Herzen.

In dieser beruhigteren Stimmung können Genesungswünsche an Maurice Exslager nun auch ohne Schwierigkeiten geschrieben werden. Die Meldung seiner Verletztung gestern kam doch überraschend. Wann hat er sich im Spiel gegen den FC St. Pauli das Knie verdreht? Gegen Union Berlin wäre er wahrscheinlich wirkungsvoller gewesen als im Spiel am Sonntag. Die Offensivkraft der Mannschaft nimmt also weiter ab. Anscheinend ist mit einer Rückkehr von Ranisav Jovanović auch noch nicht zu rechnen. Angesichts der Lage kommt der folgende Clip passend, sowohl für Maurice Exslager als auch für die Mannschaft vom MSV Duisburg. Er zeigt eine kurze Fassung jenes Videoprojekts von Anke Johannsen und anderen Duisburgern, das ich neulich vorgestellt habe. Das swingt! Mut!

Erledigen, was getan werden muss

Wir hoffen natürlich immer auf das Beste im Spiel des MSV Duisburg und müssen dann im Moment feststellen, besser als „in Ordnung“ geht es  nicht. Allerdings lässt sich das das torlose Unentschieden gegen den FC St. Pauli auch mit viel freundlicheren Worten bewerten. Die Mannschaft vom MSV Duisburg geht unter Kosta Runjaic zum ersten Mal durch ein Leistungstief und verliert dennoch nicht. Zudem zeigte sie  gegenüber den letzten beiden Spielen eine verbesserte Leistung, obwohl neben Sören Brandy auch noch Ranisav Jovanović ausfiel. Dem Journalistentrio von WAZ/NRZ ist zuzustimmen, wenn sie in ihrem Spielbericht Jovanovics Anteil an der erfolgreichen Rückrunde des MSV Duisburg hervorheben. Ohne ihn fehlte in der Offensive der durchsetzungsstarke Spieler zum Anspiel. Srdjan Baljak und Maurice Exslager mühten sich und blieben dennoch wirkungslos.

Auf Seiten vom FC St. Pauli war es allerdings nicht besser, wenn der Ball kontrolliert im Kurzpassspiel oder mit halblangen Blällen nach vorne gebracht werden sollte. Der letzte, dann steiler gespielte Pass ging bei beiden Mannschaften immer wieder in die Leere oder landete jeweils beim Gegner. Angesichts der Fehlpassmenge dürfen wir aber eben nicht vergessen, die Zebras gaben nicht auf, sich im kontrollierten Spiel zu versuchen. So kam es in einer – insgesamt zwar weniger aufregenden –  zweiten Halbzeit dennoch zu zwei Chancen aus dem Spiel heraus. Keine Stockfehler in der Pauli-Defensive waren dafür verantwortlich, sondern alleine diese vereinzelt gelungenen Spielzüge. Es überraschte nicht, an einem dieser Spielzüge Kevin Wolze beteiligt war. Gestern bestätigte er mit einer sehr guten Leistung die Vertragsverlängerung mit ihm. Diese ausdauernden Versuche die Grundstruktur des Zusammenspiels zu bewahren sind der Grund, warum ich trotz der vielen Fehlpässe ohne ein Gefühl der Enttäuschung aus dem Stadion gegangen bin.

Beim Thema Vertrag, fällt mir zudem auch noch Dustin Bomheuer ein, der sich bei einem hohen Ball der Paulianer völlig verschätzte und anschließend Branimir Bajic danken konnte für dessen Rettungsgrätsche gegen den alleine aufs Tor zulaufenden Paulianer. Der Sprint von Bajic zurück vor der Grätsche beeindruckte nicht minder. Dustin Bomheuer wirkte nicht nur in dieser Situation leicht verunsichert und so klar vorgezeichnet wie bei André Hoffmann scheint mir sein Weg in die Bundesliga noch nicht zu sein.

Vor allem in der ersten Halbzeit schienen Tore für beide Mannschaften jederzeit möglich zu sein. Nicht durch den kontrollierten Aufbau, sondern durch freie Bälle im Mittelfeld, die hin und her titschten, aufsprangen und wenig geplant bei einem Spieler landeten, der dann freien Raum vor sich sah. Oder Fehler passierten eben. So ergaben sich einige Chancen auf beiden Seiten. Dann ging es knapp neben das Tor bei den Versuchen der Zebras und auf der Gegenseite wehrte Felix Wiedwald jeden Ball auf sein Tor ab.

Damit der MSV Duisburg noch den einstelligen Tabellenplatz erreicht, muss sich die Mannschaft gegen Union Berlin noch mehr verbessern. Nehmen wir es als Zeichen für unsere Zuversicht, dass der SC Paderborn zwei Spieltage vor Saisonende noch den Trainer entlässt. Wahrscheinlich aus Sorge vor den im letzten Spiel dann endgültig wieder auftrumpfenden Zebras. Die Saison könnte also noch vor heimischen Publikum mit einer sehr guten Leistung zu Ende gehen.

Kleine Randbemerkung noch zu  dem in Mode gekommenen Versuch, sich bei Eckbällen die Hockey-Eckenregelung zum Vorbild zu nehmen. Anscheinend gibt es eine Spieler-Bewegung, die auf die Verlegung von Eckbällen hin zur Strafraumgrenze  drängt. Wir in Duisburg sind auf Seiten der Traditionalisten und haben schon mehrmals protestiert gegen diese Versuche die Ecken-Regel aufzuweichen. Gestern endlich fanden wir im Schiedsrichter Robert Kempter einen offiziellen Unterstützer unseres Protestes. Vor Ausführung der ersten Ecke von St. Pauli hatte  sich der ausführende Spieler um keine Kreidemarkierung gekümmert. Weit außerhalb des vorgesehenen Viertelkreises lag auf provozierende Weise der Ball. Aber Robert Kempter nahm die Hinweise aus dem Publikum nach nur kurzer Irritation auf und unterband den Pauli-Versuch, die Ecken-Regel zu ignorieren. Ob so ein vorbildhaftes Zusammenwirken nicht auch andere strittige Situationen  klären könnte? Wie oft haben wir hinter dem Tor doch einen besseren Blick auf das Foulspiel etwa innerhalb des Strafraums.

Die Frühjahrskollektion der Tore in letzter Sekunde

Wenn Spielenden mit Toren in letzter Sekunde gerade in Mode sind, möchte ein Verein wie der MSV Duisburg bei der entsprechenden Frühjahrsmesse für Tore in letzter Sekunde nicht fehlen. Die Vorstellung seiner Kollektion entspricht natürlich den momentanen Möglichkeiten des Vereins. Beim MSV Duisburg sind keine Star-Designer am Werk, sondern ehrbare Handwerker, deren Kreativität sehr von der Tagesform abhängt. Gestern Abend im Spiel gegen den 1. FC Köln war wenig originelles Arbeiten für die Kollektion zu sehen und dafür viel aus Stoffresten Zurechtgeschneidertes und einiges von der Stange. Das wirkte solide, war aber zunächst zu wenig, um den Erfolg der  Konkurrenten aus Köln zu gefährden. Diese hatten in der laufenden Saison schon eine beachtliche Auswahl der Last-Minute-Fashion vorgelegt. Das letzte Mal sogar noch im Spiel zuvor gegen den VfR Aalen.

Hinzu kam eine ungewohnte Nervosität der Duisburger Handwerker in den ersten fünfzehn Minuten. Viele Lücken waren in der Defensive zu sehen. In der Zweiten Liga gibt es allerdings mit Hertha BSC nur eine Mannschaft, die solche Lücken auf jeden Fall bestraft. Viele Zuspiele misslangen auch noch in der weiteren ersten Halbzeit. Die Ballannahme funktionierte nicht oft und die Kölner Konkurrenten standen enger am Mann als die Zebras umgekehrt. Als sich die Nervosität endlich legte, blieben noch etwa fünf Minuten, in denen sich das Spiel im Gleichgewicht befand. Dann fiel das Führungstor des 1. FC Köln. Daniel Brosinski misslang es, eine Abwehraktion spielerisch zu lösen. Sein Gegenspieler Thomas Bröker nahm ihm den Ball ab und wurde von Daniel Brosinski bei seinem Schlenzer nicht entschieden genug gestört.

Nach dieser Führung entstand ein nur selten aufregendes Spiel. Der MSV Duisburg mühte sich ohne wirkliche Ideen und Möglichkeiten zu haben, die gut aufgestellte Defensive der Kölner zu überspielen. Zu Beginn der zweiten Halbzeit stellten sich der FC sogar noch tiefer auf.  Es blieb kaum Raum, um in die Nähe des Tores zu kommen, während der Raum auf der anderen Seite sich verführerisch leer für Konter anbot. Der MSV kam an seine Grenzen. Druck entstand nicht, und man musste auf jede einzelne Spielsituation hoffen, die durch eine Aneinanderreihung von Zufällen vielleicht doch noch Torgefahr gebracht hätte. Zudem machte es sich der MSV in der Vorwärtsbewegung manchmal unnötig schwer, weil die Mannschaft keinen vernünftigen Rhythmus fand zwischen Einzelaktionen und Zusammenspiel. Das war Ranisav Jovanović, der seine Mitspieler auf dem Flügel nicht mehr sah und selbst dorthin bei seinen Sprints vor der engen Mitte des Spielfelds auswich. So standen sie sich dann zu zweit im Weg. Das war aber auch Jürgen Gjasula, der nahc seiner Einwechslung keinen guten Tag erwischte und wie niedergedrückt wirkte. Seine Pässe kamen nicht an, seine Dribblings blieben erfolglos. Tanju Öztürk hatte sich zwar ins Spiel gekämpft, deutlich war aber auch, dass er noch einiges Entwicklungspotenzial ausschöpfen muss, um irgendwelche Gerüchte-Geschichten über Vereinswechsel auch nur annähernd zu rechtfertigen.

So plätscherte das Spiel in der zweiten Halbzeit dahin, unterbrochen nur von der Aufregung durch einige Konter des FC, die der MSV Duisburg durch eine Kombination von guten Reaktionen Felix Wiedwalds, der Abschlussschwäche des FC und etwas Glück ohne Gegentor überstand.  Gefährlich für den FC wurde es nur einmal in dieser Halbzeit durch einen Distanzschuss von Timo Perthel. Bis dann die letzte Spielminute der Nachspielzeit anbrach und ein Freistoß für den MSV Duisburg im Halbfeld gepfiffen wurde. Felix Wiedwald verließ sein Tor und kam an den Fünfmeterraum des FC. Gab es an dieser Linie überhaupt noch freie Bodenfläche. Was war das für ein Gedränge. Der Ball flog hoch hinein, Spieler sprangen und als Dustin Bomheuer köpfen konnte war der erfolgreiche Verlauf der Flugbahn sofort zu erkennen. So nah war er am Tor. So präzise nahm der Ball seine Richtung. Schon zuvor war nicht nur sein Kopfballspiel in der Defensive gegen Stefan Maierhofer sehr gut gewesen. Selbst früh pressende Kölner konnten ihn beim Ballvortrag nicht irritieren. Es ist sehr zu hoffen, dass er zumindest in der nahen Zukunft noch beim MSV spielen wird.

Wenn eine Mannschaft wie der FC dem Sieg so nah war und sie diesen Sieg für das Fortbestehen von Hoffnungen so braucht, bringt ein Ausgleich in fast der letzten Sekunde das intensivste Erleben von Enttäuschung. Auf den Rängen war das Spiel schon als gewonnen gefeiert worden. Auf der Bank des FC hatte sich mit Sicherheit ebenfalls schon die Vorfreude auf den Punkteeinstand mit dem FC Kaiserslautern breit gemacht. Alles verloren und vergeben. Nicht nur weil der Ausgleich für den MSV Duisburg wie ein Sieg war, fühlte er sich für den FC wie eine Niederlage an. Schon im Hinspiel haben wir das torlose Unentschieden wie einen Sieg gefeiert. Mit einem Tor aus der Last-Minute-Kollektion fühlt sich so ein Unentschieden aber nochmal so gut an.

Nachtrag des Jubels in der Buchhandlung

Am dritten Tag nach dem Spiel des MSV Duisburg gegen den FSV Frankfurt brauche ich nicht mehr viel zum Spiel zu sagen. Es geht auch mehr darum, beim Schreiben zumindest etwas vom Gefühl der Zufriedenheit über das 1:1-Unentschieden zu spüren, für das ich am Wochenende so gut wie keine Zeit gehabt habe. Vom Spiel selbst bekam ich genau vier Schlaglichter mit, eines davon war allerdings von exklusiver Besonderheit. Niemals zuvor habe ich beim Blick auf den Bestellcomputer einer Buchhandlung so gejubelt wie am Samstag. Verwunderte Kundenblicke ignorierte ich souverän. Vielleicht geht Kultur in einer literarischen Buchhandlung ja so? Auch mal bei erfolgreich durchgeführter Bestellung einer Heine-Gesamtausgabe die Fäuste vor Begeisterung ballen und wenigstens warmen Beifall klatschen für einen frühen Krimi von Joy Fielding?

Zum Vorbild für das Eventerlebnis Buchkauf wurde ich durch den Live-Ticker der Sportschau, den Lisa Evertz von der Buchhandlung Scheuermann gerade aufgerufen hatte. In der Duisburger Buchhandlung  war ich während der ersten Halbzeit anlässlich einer Signierstunde. Gerade noch den Namen in ein Exemplar der „111 Fussballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss“ geschrieben, schon führte der MSV Duisburg in Frankfurt, und die Sportschau-Tickerer orakelten irgendetwas vom Aufstieg. Die wollten witzig sein. Ich aber nehme so etwas sofort für winzige Momente ernst.  Ich rief mich zur Ordnung und hoffte auf den Fortbestand der frühen Führung. Das Halbzeitergebnis war deshalb eine leise Enttäuschung.

Insgesamt nun bin ich zufrieden. Was ja auch der Stimmung aller entspricht, die das Spiel gesehen haben. Da gibt es keinerlei Meinungsverschiedenheit über die entscheidenden Szenen und die Leistung der Spieler. Vor allem Julian Koch ist seit Samstag endgültig in den Fokus gerückt. Schon vor seiner Gelbsperre war zu merken, wie seine Formkurve abfiel.  Nun war er zudem mitverantworltlich für den Ausgleichstreffer. Mir fällt das schwer zu schreiben: Mit solchen Leistungen wird er sich in der Bundesliga nicht durchsetzen. Dennoch denke ich, das stimmt. Wahrscheinlich gönnen ihm die meisten aus der Zebraherde den Platz in einer Bundesliga-Startelf. Wollen wir mit und für ihn hoffen, dass er noch in dieser Saison ein paar Mal zumindest die Leistungen der Hinrunde wieder zeigt. Um nach der Sommerpause dann – wo auch immer – an das erste eine Jahr beim MSV Duisburg anzuknüpfen.

Das 1000. Zweitliga-Tor des MSV Duisburg ist nun auch gefallen. Für mich persönlich uninteressant, mehr was für die Saure-Gurken-Zeiten der Zukunft, in der man dann auch mal was über die Torschützen der Jubiläumstore des MSV Duisburg schreiben kann. Daniel Brosinskis Verweis auf das Big-Mac-Menü als fälliges Mannschaftsessen ist schon mal im Archiv abgelegt. Wer sich den Brosinski-Humor ansehen möchte, nebst Pressekonferenz und weiterem O-Ton von Ranisav Jovanović, bitte schön:

Die einen planen für sechs Spiele, die anderen für die nächste Saison

Im September letzten Jahres holte der MSV Duisburg im zweiten Spiel unter Kosta Runjaic gegen den VfL Bochum  mit einem torlosen Unentschieden seinen ersten Punkt der Saison. Der MSV blieb dennoch erst einmal Letzter, und der VfL Bochum stand auf dem zehnten Tabellenplatz. Am Sonntag besiegte der MSV Duisburg den SV Sandhausen nach einem wenig ansehlichen Spiel mit 2:1. Der einstellige Tabellenplatz zum Saisonende ist als Ziel ausgerufen. Den Abstieg des VfL Bochum dagegen soll seit Montag nach dem zweiten Trainerwechsel der Saison Peter Neururer verhindern.

Für mich klingt das nach dem Anreiß-Text zu einem Drama, in dem der MSV die langweilige Nebenrolle des alten Kumpels mit intakter Familie spielt. Ich bin ein großer Anhänger von langweiligen Nebenrollen. An ihnen lässt sich oft fürs Leben etwas lernen. Dort verstecken sich die Hinweise darauf, was im wirklichen Leben funktioniert und was nicht. Denn auch wenn ein Happy End in diesem Drama noch möglich ist, wie das Leben danach weitergeht, ist im Drama nicht unbedingt angelegt. Da wissen wir Anhänger des Langweilers längst mehr. Allmählich beginnt sogar Kosta Runjaic an die mittelfristige Zukunft zu denken und nicht nur an das nächste Spiel. Es bereitet mir große Freude, seine zarten Visionen während der Pressekonferenz nach dem 2:1-Sieg gegen den SV Sandhausen zu hören, ganz im typischen Runjaic-Ton der Bodenhaftung. Wenn er von der Zukunft spricht, sind das keine schönen Bilder und populäre Parolen, sondern Kosta Runjaic formuliert Aufgaben.

Vorerst bestanden diese Aufgaben darin, das nächste Spiel zu gewinnen. Gegen den SV Sandhausen wurde diese Aufgabe erledigt. Mehr nicht. Vielleicht braucht ein Gegner, der so defensiv eingestellt ist, doch von Anfang an einen Spieler wie Jürgen Gjasula auf dem Platz, der auf engstem Raum noch die Sicherheit und das Selbstbewusstheit hat, den Ball kontrollieren zu wollen. Zudem erlauben ihm seine Technik und Übersicht die überraschenden und beim Mitspieler ankommenden Pässe in den Rücken der Defensive. Nachdem er in der 54. Minute eingewechselt wurde,  begann die Mannschaft aus dem Spiel heraus torgefährlicher zu werden. Es brauchte also gegen Sandhausen nicht unbedingt Standards wie in der ersten Halbzeit für die Chance auf ein Tor. Maurice Exslager konnte gegen die enge  Defensive der Sandhausener seine Grundschnelligkeit nicht ausnutzen. Wenn er einmal an seinem Gegenspieler vorbeikam, stand der nächste Sandhausener Spieler schon im Weg.

So charakterisierte das Spiel zunächst vor allem die Kopfballstaffette um die Mittellinie herum, bei der sich beide Mannschaften darauf einigten gemeinsam den Ball so lange wie möglich den Boden nicht berühren zu lassen. In dieser Zeit machte ich mir dennoch keine Sorgen um den MSV. Dazu waren die Sandhausener an diesem Tag in der Offensive zu offensichtlich völlig überfordert. Nach vorne gelang ihnen gar nichts, hingegen der MSV zumindest immer wieder in Strafraumnähe kam. So blieb mir die Muße, mich mit dem Sandhausener David Ulm, in Aussehen und Spielweise ein wenig an Olcay Sahan zu erinnern. Ich konnte mich zudem mit dem Rest des Publikums über den offensichtlich etwas übermotivierten Nicky Adler wundern und manchmal auch aufregen. Man konnte den Eindruck gewinnen, so richtig abgeschlossen hat er mit dem MSV Duisburg noch nicht. Felix Wiedwald am Anfang des Spiels als eine Art Teppichstange zu nutzen, um mit Schwung in die Gegenrichtung wieder zurück laufen zu können. Da muss einer erstmal drauf kommen.

Das Führungstor fiel nach einer Eckenvariante, die einen Tag später dem Print-Kollegen vom Reviersport eine eigene Geschichte wert war. Co-Trainer Ilia Gruev ließ die Zebras eine Eckstoß-Ausführung des FC Barcelona trainieren. Und natürlich hat die Geschichte eine besondere Pointe, weil Timo Perthel im Gegensatz zu Lionel Messi das Tor bei der Ausführung gelang. Der schnelle Ausgleichstreffer fiel auch deshalb, weil im Spiel der Zebras von Anfang an eine leichte Nachlässigkeit zu spüren war. Vielleicht ergab sich das aus dem Gefühl der Stärke heraus. Es war deutlich zu sehen, wie selbstbewusst die Mannschaft auf dem Platz stand. Was ihr von Seiten der Sandhausener begegnete, konnte sie in diesem Gefühl nur bekräftigen. Dennoch war der MSV nicht so überlegen, um die Sandhausener Mannschaft an die Wand zu spielen. Da können dann Momente der Unachtsamkeit unangenehme Folgen haben. Unachtsam war aber nicht Timo Perthel, der den Kopfball seines Gegenspielers nicht verhindern konnte. Unachtsam war der Befreiungsschlag beim Angriff zuvor, der sofort wieder beim Gegner im zentrallen Mittelfeld landete. Wer da den Ball unbedrängt einfach wegschlug, weiß ich nicht mehr. Damit bahnte sich der Ausgleichstreffer aber an, weil nur deshalb der Ball sofort wieder in den Strafraum geflankt werden konnte.

Branimir Bajic ist inzwischen als Elfmeterschütze gesetzt. Er verwandelte in der zweiten Halbzeit zum erneuten Führungstreffer. Mit einem Steilpass hatte Jürgen Gjasula zuvor Ranisav Jovanović frei gespielt, der alleine von halblinks in den Strafraum zog und dort vom Sandhausener Torwart Danniel Ischdonat von den Beinen geholt wurde. Es wäre schön gewesen, der MSV hätte ein weiteres Tor nachgelegt. Doch das schlechte Torverhältnis ist nicht nur noch die Folge der hohen Niederlagen zu Beginn der Saison. Da bleibt noch weitere Trainingsarbeit beim Torschuss, damit die Zebras nicht im Zusammenschnitt der größten vergebenen Torchancen der Saison immer mit dabei sind. Andererseits besaß die dreistufige Chance in der Abfolge Jovanovic, Brosinski und Brandy mit der jeweils größer werdenden Wahrscheinlichkeit des Tores auch eine wunderbare Dramaturgie. Auf so etwas müssten wir dann verzichten. Aber was tut man nicht alles für den Erfolg.

Die Pressekonferenz mit dem Ausblick auf die Zukunft durch Kosta Runjaic, sowie die Stimmen nach dem Spiel von Goran Sukalo und Ranisav Jovanović:

Der Spielbericht bei Sky heute mal rüber geholt – leider ohne die Dreifach-Chance mit dem Moment, als Sören Brandy nur hätte einschieben müssen.

Von Zahlenmystik, Zeitreise und Sounddesign

Das als mein Zeichen der Gastfreundschaft vorab: Ich gönne dem SV Sandhausen den Derbysieg gegen die TSG 1899 Hofffenheim in der nächsten Saison. Ich weiß, bis es dazu käme, muss noch viel zusammenkommen. Ein Abstieg hier, kein Abstieg dort und wahrscheinlich viel Sandhausener Glück im besagten Spiel. Hingegen ist sicher, dass jeder Anbieter des Unterhaltungsprodukts Fußball sich die Gelegenheit nicht entgehen ließe, aus dieser Begegnung zweier nachbarschaftlicher Vereine mit so unterschiedlicher Wirtschaftsstruktur eine große Geschichte zu machen. Wer also auf Verschwörungstheorien steht, hat hier ein gutes Argument, um sich seine eigene Welt zurecht zu erklären, wenn am Ende dieser Saison die Voraussetzungen für das zukünftige Derby geschaffen sein sollten.

Der MSV Duisburg möchte am Sonntag seinen Teil nicht dazu beitragen. So weit geht weder unsere Gastfreundschaft noch unsere Mitverantwortung für die Attraktivität des Gesamtprodukts Zweite Liga der kommenden Saison. Da ist uns – ich denke, ich spreche in dem Fall tatsächlich für die Mehrheit der MSV-Anhänger – der Verbleib des VfL Bochum in der Liga sehr viel wichtiger. Was machen die da für einen Unsinn in Bochum? Das Entsetzen dort nach der gestrigen desaströsen 0:3-Niederlage gegen den FC Erzgebirge Aue weckt in mir so etwas wie Demut. Beide Vereine sind sich doch sehr ähnlich in ihrem Ringen um den Erfolg und die gefestigte Position in diesem Fußball der Gegenwart. Und es ist eben noch gar nicht so lange her, dass wir in Duisburg genauso  fassungslos uns die Spiele des MSV angesehen haben.

Inzwischen ist alles anders geworden, und gerade im Vergleich mit dem östlicheren Pott-Pendant erweist sich die Arbeit von Kosta Runjaic als so grundlegend für die andere Perspektive in Duisburg. Jetzt kann der Verein in Pressekonferenzen vor Spielen sogar das allgemeine Bedürfnis nach den bunteren Geschichten bedienen. Wer in möglichen Siegen zahlenmystische Folgen erkennt, der hat den Kopf freier als die Konkurrenz. Das Spiel mit den Dreier-Reihen wird von den RP und WAZ/NRZ natürlich gerne aufgenommen. An der Konzentration der Mannschaft ändert das nichts. Es ist eben ein Unterschied, ob solche Geschichten permanent in Neururer-Manier in den Vordergrund gerückt werden oder ob sie neben der alltäglichen Arbeit als zusätzliche Möglichkeit zur Unterhaltung präsentiert werden. Den Auftritt von Ranisav Jovanović glaube ich übrigens erst, wenn er bei Anpfiff auf dem Platz steht.

Vom MSV Duisburg gibt es vor dem Sandhausen-Spiel keine multimediale Begleitung. Der SV Sandhausen dagegen schickt uns auf eine Zeitreise. Statt eines Video-Clips ist bei youtube ein Audio-Mitschnitt der Pressekonferenz online gestellt. Nicht nur das Rauschen versetzt uns in eine andere Zeit. Auch Sprachrhythmen und Stimmfarben werden von Zeitgeist getragen. In Sandhausen klingt es in dieser Pressekonferenz mit Hans-Jürgen Boysen auf eine sympathische Weise nach gestern. Die Informationen sind nicht wichtig. Hier geht es nur um Sound.

Dieser Sound ist ja übrigens bei den Produkten unserer Konsumgüterwelt oft kein Geräusch, das sich von selbst ergibt. Die Unternehmen versuchen den Wünschen ihrer Kunden entgegen zu kommen. Ihr kennt ja vielleicht die Geschichten von Autos, die sich nicht so anhören, wie es die Käufer wünschten. Nicht nur Motoren auch Gebläse können leistungsstark klingen. Oder da sind die Rasierer, die zu leise knistern und deshalb den Eindruck mangelnder Rasurkraft erwecken. Sounddesigner arbeiten deshalb allerorts am richtigen Geräusch. Vor kurzem wurde auch in Old Trafford, dem Stadion von Manchester United, das Sound-Problem grundsätzlich angegangen. Noch müssen die Zuschauer bei keinem Sound-Designer in Schulung gehen, doch, wie der Guardian berichtet, wurden Akustik-Ingenieure beauftragt nach dem Rechten zu sehen. In dem Stadion ist es einfach zu leise, selbst wenn die Zuschauer laut werden. Das Stadion hat nicht den Sound, den wir von einem richtigen Fußball-Hexenkessel erwarten dürfen. Mal abwarten, welche Feinjustierung nun vorgenommen wird. Fußball als Ware muss eben rundum so sein, wie es die Kunden erwarten.

Zukunft kann kommen

Ivica Grlic kann dem Spielplan dankbar sein. Weil das Auswärtsspiel des MSV Duisburg gegen den FC Ingolstadt am Karsamstag stattfand, hatte er einen Tag mehr Zeit, seinen Terminkalender für die kommende Woche zu organisieren. Sonst hätte er heute schon im Stundentakt Vertrags- und Sondierungsgespräche eintragen können. Natürlich war er bislang auch mit dem Spielerkader der nächsten Saison beschäftigt. Aber selbst wenn das ritualhafte öffentliche Sprechen die Konzentration auf das nächste Spiel verlangt, sowie die berühmte Formel, noch sind wir nicht gerettet, so lange „rein rechnerisch“ für die Mannschaften hinter uns noch alles möglich ist, also, auch wenn das noch zwei, drei Spieltage zu hören ist, bin ich sicher, Ivica Grlics Gespräche mit Spielern für die nächste Saison besitzen nun die feste Perspektive Zweite Liga.

Wenn man das Spiel selbst Revue passieren lässt, war es einfacher als gedacht beim FC Ingolstadt zu siegen. Sobald ich es schaffte sehr rational die Bilder vom Spiel zu sehen, konnte ich mir nicht vorstellen, wie die Ingolstädter jemals ein Tor erzielen wollten. Allerdings klappte das nie sehr lange, und ich bin bestimmt nicht der einzige, der in einem Spiel des MSV Duisburg immer noch das Gegentor aus reiner Duseligkeit befürchtet. Zumal auch ohne große Fehler der Defensive im Fußball ein Tor aus dem Nichts heraus immer möglich ist. Mein inneres Bild von der Defensive der Zebras hat sich offensichtlich nicht so schnell gewandelt wie die Mannschaft selbst. Vertrauen wächst mit der Zeit, und je größer die Enttäuschungen waren, desto länger braucht es, den Blick von ihnen zu lösen. Anscheinend bin ich zu sehr von den Mannschaften der jüngsten Vergangenheit geprägt, als dass mein Wissen um die Leistungskonstanz der von Kosta Runjaic eingestellten Mannschaft während des Spiels ungefährdet bleibt.

Der MSV Duisburg hätte es mir aber auch einfacher machen können, indem jemand ein zweites Tor erzielt hätte. Das geschah nicht, auch weil Ranisav Jovanović sich bald humpelnd über das Spielfeld bewegte und schließlich in der 62. Minute ausgewechselt wurde. Die Offensivschwäche des MSV Duisburg verschwand vor allem dank seiner starken Leistungen in den letzten Spielen. Deshalb beruhigt die gestrige Nachricht vom MSV Duisburg, bei seiner Verletzung handele es sich nur um eine starke Prellung. Selbst wenn er im Spiel gegen Sandhausen noch nicht dabei sein kann, länger wird er nicht ausfallen. Auch für den Rest der Saison dürfen wir auf Torgefährlichkeit des MSV Duisburg hoffen. Es muss ja nicht gleich so ein Seitfallzieher sein, mit dem er das Siegtor gegen den FC Ingolstadt erzielte. Wie eng der Raum, wie beweglich Ranisav Jovanović! Dazu die Kopfballweitergabe in Arbeitsteilung von Jurgen Gjasula und seinem Gegenspieler. Fast über die gesamte Spielzeit auf dem Rasen, ohne Leistungseinbruch, das war ein Comeback von Jürgen Gjasula, das mich hin und her schmeißt, weil ich einerseits bedaure, dass wir ihn so lange haben nicht spielen sehen können, andererseits das aber wahrscheinlich der Grund ist, warum er auch in der nächsten Saison weiterhin beim MSV Duisburg spielen wird. Er wird dann in einer Mannschaft spielen, deren Trainer nicht nur einen mittelfristigen Plan hat, sondern auch das Wissen ihn umzusetzen.

Jurgen Gjasulas Fähigkeiten werden also erst jetzt wirklich so genutzt, dass eine Mannschaft nicht nur wegen seiner Fähigkeiten erfolgreich ist. Er wird tatsächlich als Teil einer funktionierenden Mannschaft spielen. Variabel ist das Spiel des MSV Duisburg heute schon. Mit ihm erhält diese Variabliät zusätzliche Ballsicherheit. Überraschendere Spielideen könnten Raum erhalten. Was so ein Sieg gegen den FC Ingolstadt für Folgen hat! Der Kölner in mir wird gerade zum Platzhirsch, und was dem FC die baldige Europapokalteilnahme nach Erklimmen vom 3. Platz in Liga 2 ist, wird mir gerade der Aufstieg. Nur gut, dass da der Duisburger noch ’ne Pappnas in der Hosentasche hat und sie nun dem Kölner schnell aufsetzt.

Was sonst zum Spiel zu sagen wäre, findet ihr bei den einschlägig bekannten Medien wie Kicker, WAZ/NRZ, Rheinische Post und Donaukurier. Wir sind uns sehr einig. Das braucht nicht noch mehr Worte. Markus Bollmann wäre höchstens noch zu erwähnen, der sich mit dem misslungenen Schussversuch kurz vor dem Abpfiff einen Platz in der Slap-Stick-Geschichte des Fußballs gesichert hat. Das kann passieren, und die entscheidende Nachricht angesichts der  beim Schussversuch verdrehten Körperteile ist die jeder Komödie, selbst wenn alles schief geht, der Hauptdarsteller schüttelt sich und steht wieder auf. Markus Bollmann blieb unversehrt.

In der Pressekonferenz lässt sich übrigens Tomas Oral mit einer Wertung vernehmen, die ich nicht teile. Da versucht einer vermutlich gegen eine nicht sonderlich wohlwollende öffentliche Meinung anzureden. Wo er das planvolle Spiel seiner Mannschaft über die gesamte Halbzeit gesehen hat, rätsel ich. In den letzten fünfzehn Minuten kann ich das erkennen, was er als Leistung seiner Mannschaft in der zweiten Hälfte beschreibt. Der Ingolstädter Kollege vom Blog Schwarz-Rot wertet das Spiel sehr viel realistischer. Das war doch ein Blatt Papier, das zwischen Menschen einfach keinen Platz finden kann,oder? Zwischen ihm und mir ist das so, als Brüder im Geiste der Spielbeobachtung. In diesem Fall ganz bestimmt auch ohne das häufige spätere Zerwürfnis.

Die Pressekonferenz im O-Ton:

Die Spielzusammenfassung mit einem Klick weiter bei Sky.

Ohne Schiri-Hilfe siegen wir uns zum erst einmal Nichtaussprechbaren

Aller guten Dinge sind drei. Deshalb werde ich auch nach diesem Heimspiel des MSV Duisburg gegen den FC Energie Cottbus ein paar Worte zum Schiedsrichter schreiben. Aber nicht, weil das schon nach dem Abpfiff am Freitag  auf der Hand lag, sondern weil Ranisav Jovanović nicht nur ein großartiges Spiel gemacht hat, er hatte da was zum „Schiri“ zu sagen. Dazu später. 2:1 gewonnen! Das war der Sieg, der schon sicher stellt, was ich aus altem Aberglaube noch nicht ausspreche. Ich freue mich jedenfalls auf weitere Siege.

Eigentlich fasst mein Gefühl in der Zeit nach dem Anschlusstreffer des FC Energie Cottbus kurz vor dem Schlusspfiff den Charakter dieses Heimspiels vom MSV Duisburg am besten zusammen. Da gab es so eine merkwürdige Mischung aus fast sorgloser Gelassenheit kombiniert mit Panickattacken und Vorfreude in mir. Das war schon in der ersten Halbzeit so, weil das Spiel selbst wenig Anlass bot, intensiv dabei zu sein. Wäre dieses Spiel ein TV-Film gewesen, hätte ich schnell zum Buch gegriffen, am PC was nachgeschaut und höchstens bei spannungsgeladener Musik oder Dialogfetzen hingeschaut. Was Cottbus kann, war hin und wieder in der Zone etwa 5 Meter vor dem Strafraum zu sehen. Da wurde schnell im Doppelpass gespielt. Spieler kreuzten und standen für Momente frei, doch der entscheidende Pass in den Strafraum gelang nie. Nur zu Beginn sah dieses schnelle Spiel etwas bedrohlich aus, der MSV hielt dagegen und schnell war Cottbus nicht mehr so mutig wie zu Beginn. Der MSV schaffte zudem immer wieder in Einzelsituationen Druck auf das Cottbusser Tor.

Die Sorge über das Fehlen von Goran Sukalo waren also unbegründet. Dass Julian Koch pausieren musste, hielt ich sogar für eine passende  Notwendigkeit. Angesichts seiner Geschichte beim MSV fällt so ein Satz schwer, aber in den letzten Spielen hakte es bei seinem Auftritt immer mehr. Das Rochieren auf den Positionen und die Hereinnahme von Tanju Öztürk sowie Andreas Ibertsberger schwächten das Spiel des MSV Duisburg also überhaupt nicht. In so einem Spiel fällt dann ein Tor nicht aus einem kontinuierlichen Fluss heraus, sondern jede Situation durch einzelne Spieler mit Zug zum Tor kann die große Chance ergeben. Ranisav Jovanović gehört im Moment zu den Leistungsträgern dieser Mannschaft. Das zeigt nicht nur sein Tor nach dem grandiosen Lauf mit Ball über den halben Platz. Wie er in der zweiten Halbzeit immer wieder hohe Bälle gegen manchmal drei Gegenspieler angenommen hat und sie je nach Spielsituation nahezu jedes Mal variabel und sicher verarbeitete, war sehr beeindruckend.

In der zweiten Halbzeit intensivierte Cottbus das Spiel, aber der MSV zog sich keineswegs zurück. Die Mannschaft spielte weiterhin nach vorne, was das Spiel über eine längere Strecke in ein wildes und ungestüm wirkendes Hin und Her verwandelte. Was soll ein ruhiger, sicherer Spielaufbau aus der Defensive, wenn vorne mit Maurice Exslager und Jovanovic zwei Stümer stehen, von denen der eine wegen seiner Schnelligkeit und der andere wegen seiner Lufthoheit die wild nach vorne gekloppten Bälle erobern kann? Missversteht mich nicht, ich glaube, das war das richtige Rezept, um die Pressing-Versuche der Cottbusser ins Leere laufen zu lassen. Das war die beste Lösung für die vorhandenen Möglichkeiten.

Ein typischer Exslager-Sprint brachte ihn in den Strafraum, wo das stochernde Bein des Gegenspielers auch ein Geschenk war. Ich erinnere mich jedenfalls mehr an meine Gelassenheit als an die spannungsvolle Vorfreude auf ein Tor. Sprich: An der Stelle im Strafraum schien mir Exe noch gar nicht so torgefährlich gewesen zu sein. Exe fiel, der Schiedsrichter pfiff und als Branimir Bajic den Ball zum Elfmeter an sich nahm, wurde meine Hoffnung auf das Tor schon größer. Diese 2:0-Führung schien alles sicher zu machen, doch was wären wir MSV-Fans ohne die gewohnten Zitterminuten am Ende. Der Anschlusstreffer fiel, und die letzten 6 oder sieben Minuten – wieviel waren es? – wurden noch einmal zum zähen Ringen. Da versuchte die Zebras sich in eine gestreifte Mauer zu verwandeln, und die Cottbusser schossen nicht drüber sondern mit aller Macht immer gegen die Mauer. Lücken entstanden so nicht. Mörtel und Mauerteile erwiesen sich als stabil.

So lässt sich nun immer wieder mal an die nächste Saison denken, das Nichtaussprechbare kommt mir bildhaft in den Sinn. Und was die Bilder angeht, so war der dpa-Fotograf im richtigen Moment am richtigen Platz. Auch die Rheinische Post hat für den Artikel über das Spiel  das wunderbare Gruppenfoto  von Tanju Öztürk, Sören Brandy, Maurice Exslager und Ranisav Jovanović übernommen, als die vier ein Gemälde nachgestellt haben. Ich bin mir nur nicht sicher, welche Epoche sie im Sinn hatten. Männergruppen mit Blick in die Ferne, das sind – so meine ich – Szenen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Kunsthistoriker unter euch werden´s besser wissen.

Fehlt noch der Schiedsrichter, und damit zur Pressekonferenz nach dem Spiel sowie den O-Tönen von Maurice Exslager und Sören Brandy sowie Ranisav Jovanović. „Rani“ ist es, der die stehende Redewendung des Fußballs „der Schiri war heute nicht der Grund, dass wir heute“ in einem überraschenderen Bedeutungszusammenhang verwendet. Der „Schiri“ hieß Benjamin Cortus und wird wahrscheinlich erleichtert aufseufzen, wenn er die Worte von „Rani“ hört. Ob der DFB überall seine Ohren hat und nun sämtliche zurück liegenden Siege des MSV  in blindem Aktionismus überprüfen wird? Wir leben schließlich in Zeiten, in denen Funktionäre versprechen allem nachzugehen.


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