Posts Tagged 'Rheinland'

Akzente inoffiziell: Rheinlied I – Nah und Fern

Wie im letzten Jahr begleite ich die 37. Duisburger Akzente mit einem inoffiziellen Programm. In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“.

Rheinlieder waren im Deutschland der 1920er Jahre die Italienschlager der 1950er und waren noch mal was der Gegenwart? Ich stelle gerade fest, so richtig drängt sich mir in der Vielfalt der paradisischen Gegenwartsschlager-Orte nichts auf. Da gleicht der Gegenwartsschlager dann doch dem Angebot des Reisebürokatalogs. Heute, am ersten Tag eines Rheinlied-Doppelprogrammtags stelle ich euch einen Klassiker des Rheinlied-Genres vor. Dieses Lied bringt noch genügend Substanz mit sich, von der die Rhein-Weib-und-Gesang-Lieder später zehren konnten. Morgen kommt dann Kurt Tucholsky mit einem Kommentar zum Rheinlied zu Wort nebst einer kleinen Auswahl weiterer Beispiele.

„Grüß mir das blonde Kind vom Rhein“ entstand schon 1911. Bis heute wird es immer wieder interpretiert. Der 1866 geborene und 1921 gestorbene Hans Willy Mertens war der Textdichter. Seinerzeit gehörte er zu den populärsten Textdichtern von Rheinliedern. Einige wenige biografische Angaben finden sich auf der Seite des Goethezeitportals.  Zu hören ist es in einer Aufnahme von Heinrich Schlusnus.

 

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Akzente inoffiziell: Der Ruhrorter Hafen im Bewegtbild

Wie im letzten Jahr begleite ich die 37. Duisburger Akzente mit einem inoffiziellen Programm. In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“. Eine Gelegenheit zu einem Hafenfilm-Special.

Ein Zusammenschnitt alter Filmaufnahmen aus den 1920er und 1930er Jahre, die dank Wilfried Krüssmanns VideoDu.de bei YouTube zu finden ist.

 

Eine Dokumentation aus dem Jahr 1955

 

Noch einmal öffnet Wilfried Krüssmann sein Archiv mit einem PR-Film des Hafens, der wohl in den 1980er Jahren entstanden ist.

 

Der Gegenwart nähern wir uns mit den Hafenimpressionen von Wilfried Krüssmann.

 

Der WDR hat 2015 die Dokumentation „Geheimnis Duisburger Hafen“ gezeigt. Ich vermute, der Clip war zunächst Programmhinweis.  Die gesamte Doku wurde bei YouTube ebenfalls hochgeladen – nicht vom WDR. Mal sehen, wie lange sie online ist.

 

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Akzente inoffiziell: Von deutsch-französischer Nachkriegsfreundschaft

Wenn etwas zum zweiten Mal im Zebrastreifenblog geschieht, beginnt der Kölner in mir schon von unserer schönen Tradition zu sprechen. Wie im letzten Jahr begleite ich die 37. Duisburger Akzente mit einem inoffiziellen Programm. Ob ich tatsächlich jeden Tag etwas bieten kann, werden wir sehen. In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“.

Die folgende kurze Erinnerung an die Anfänge des Basketballs in Duisburg ist dem Buch 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen entnommen. Im Ruhrorter Hafen arbeiteten kurz nach dem 2. Weltkrieg Männer aus Frankreich und Deutschland in derselben französischen Spedition. Aus Kollegen wurden Freunde. Die jahrzehntelange Feindschaft zwischen beiden Nationen wurde nicht mehr vererbt. Aus Ferne war Nähe geworden. Im Ruhrorter Hafen wurde etwas gelebt, was als Hoffnung für beide Nationen erst später auf politischer Ebene zum Ausdruck gebracht wurde.

Der Basketballfreiplatz am Ruhrdeich
Von deutsch-französischer Nachkriegsfreundschaft

Als 1950 der französische Außenminister Robert Schuman dem Misstrauen zwischen Frankreich und Deutschland mit der Vision eines gemeinsamen Wirtschaftens begegnet, dachte er noch nicht an Freundschaft. In Ruhrort ist das damals schon anders. Jene Freundschaft, die dann 13 Jahre später Konrad Adenauer und Charles De Gaulle mit dem Élysée-Vertrag endgültig vertiefen wollen, ist in dem Hafenstadtteil schon bald nach dem Krieg gelebter Alltag für junge Franzosen und Deutsche.

Der Basketball vereint diese Männer. Bei den Franzosen ist der Sport beliebt, und die jungen Ruhrorter finden das in Deutschland noch exotisch wirkende Mannschaftsspiel interessant. Eine Art Betriebssportgruppe entsteht. Denn alle diese jungen Basketballer arbeiten bei der französischen Staatsspedition Compagnie Générale Du Rhin. Allerdings fehlt ihnen ein richtiges Basketballfeld. An eine Sporthalle ist gar nicht erst zu denken.

Da trifft es sich gut, dass der Platzwart der Tennisanlagen des VfvB Ruhrort/Laar in dem Schifffahrtsunternehmen nach Arbeit fragt. Neben diesen Tennisanlagen am Ruhrdeich gibt es eine Brachfläche. Der Franzose Jean Amiot wird zur treibenden Kraft bei der Anlage des Basketballplatzes. Mit Spaten und anderem Gartenbaugerät wird eine plane Fläche hergerichtet, Sträucher werden gerodet, grobe Steine beiseite geräumt. Die Bretter für die Basketballkörbe werden im Schifffahrtsunternehmen gezimmert. Als zwei Jahre später die jungen Männer Meisterschaftsspiele bestreiten wollen, erhält der VfvB Ruhrort/Laar, vormals nur für Fußball und Tennis eine Adresse, offiziell eine Basketballabteilung.

 

 

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Akzente inoffiziell: Nordseestadt Ruhrort

Wenn etwas zum zweiten Mal im Zebrastreifenblog geschieht, beginnt der Kölner in mir schon von unserer schönen Tradition zu sprechen. Gestern Abend sind im Landschaftspark Nord die  37. Duisburger Akzente eröffnet worden. Wie im letzten Jahr werde ich versuchen, das Kulturfestival mit einem inoffiziellen Programm zu begleiten. Ob ich tatsächlich jeden Tag Programm bieten kann, werden wir sehen. Ich weiß es noch nicht.

In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“. Duisburg als den Hafen erweiternden Namenszusatz klingt fremd für mich, der ich in Ruhrort die ersten elf Jahre meines Lebens verbracht habe. Der Hafen war meine Welt, und die lag nun einmal in Ruhrort. Bühne frei für den Auftakt des inoffiziellen Akzente-Programms im Zebrastreifenblog.

Nordseestadt Ruhrort

Meine ersten Lebensjahre habe ich in Ruhrort verbracht. Dort bin ich in den Kindergarten gegangen, pumpte im Hafenmund, jedes Mal aufs Neue begeistert, Wasser aus den Handpumpen am Leinpfad und wartete im Hochsommer meist vergebens auf dem Hanielspielplatz, dass das Wasser aus den Spritzdüsen der Klettergerüste spritzte. Von der Geschichte Ruhrorts erfuhr ich in Heimatkunde auf der Grundschule Homberger Straße, und ich habe mir nicht vorstellen können, dass die Kinder anderer Stadtteile etwas wie “Heimatkunde” überhaupt brauchten. Was sollten die lernen, wenn der Stadtteil keinen Hafen hatte? Alles andere war doch uninteressant und ohne besondere Bedeutung. Der Hafen war meine Welt. Wenn ich etwas malte, waren das Schiffe. Immer wieder Schiffe.

Der Blick von der Mühlenweide den Rhein hinunter, das war mein Blick auf die Nordsee. Selbst die größten Dinge wurden rheinabwärts ganz klein. So etwas gab es in keinem anderen Teil von Duisburg, so dachte ich. In anderen Stadtteilen versperrten Häuser die Sicht und alles Große verschwand hinter der nächsten Ecke. Der Zutritt zu den großen Werksgeländen war sogar verboten. Im Ruhrorter Hafen lagen die Dinge offen. Schiffe waren beim An- und Ablegen zu beobachten. Abgedeckte Planken gestatteten Blicke in die Bäuche eines jeden Lastschiffs. Die Kräne als riesige Vögel mit großen gefährlichen Schnäbeln auf der anderen Seite des Hafenbeckens verlangten Respekt. Ich konnte mir selbst ein Bild von ihnen machen anders als von den Hochöfen, die auch gefährlich sein mussten. Der Vater meines Patenonkels war auf der „Hütte“ tödlich verunglückt.

Schon der Wohnort meiner Großeltern, Meiderich, war für mich im Gegensatz zur Nordseestadt Ruhrort ein staubiges Wüstendorf tief im Landesinneren, dessen Einwohner ich bedauerte. Ich fragte mich, wieso das vom Rhein noch entfernter gelegene Oberhausen im Rheinland liegen sollte. Immer wieder las ich dieses Wort rätselnd auf dem Bahnhofsschild im Oberhausener Hauptbahnhof. Als Kind aber nimmt man die verwunderlichsten Aussagen von Erwachsenen einfach hin. Nach dem Essen von Obst darf man nichts trinken etwa. Unzählige Male habe ich mich nicht an diese damalige Grundregel erwachsenen Lebens gehalten und nichts passierte. Da kam es auf eine Ungereimtheit mehr auch nicht an.

Ich selbst wusste es besser. Ruhrort, das war die einzige lichte Welt des Wassers in dieser Gegend.

 

Für die zukünftigen Leser schon der Hinweis: Mit einem Klick weiter zu allen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms im Zebrastreifenblog.

Problemlotse klingt erstmal nicht nach Pop

Der Verein unserer Zuneigung bereitet uns allen im Moment nicht allzu viel Freude.  Da hilft der Blick über den Tellerrand des Unterhaltungsbetriebs Fußball hin zum Breitensport Fußball, wo sich manchmal Gelegenheiten bieten, den Sport auch als Mittel anzusehen, etwas Gutes zu tun. So wird meine Stimmung sofort heller, wenn ich auf die Sportfreunde Stuckenbusch schaue. Über fußballerische Ziele und Möglichkeiten des Vereins weiß ich nichts. Das müsste ich nachschlagen. Schon etwas mehr kann ich aber über das  kreative Potential einer der Jugendmannschaften des Vereins erzählen.

Stuckenbusch ist ein Ortsteil von Recklinghausen und Einzugsgebiet vom FC Schalke 04. Wenn dort als Preis für einen Wettbewerb ein Training mit Schalker Profis ausgelobt wird, sind Jugendliche besonders  motiviert, ihre kreativen Energien freizusetzen. „Gib Gas gegen Gewalt“ hieß der im Jahr 2007 vom Schalke-Sponsor Gazprom ausgelobte Wettbewerb. Zwei Jahre später waren bei einer zweiten Runde Politik und Sport mit ihm Boot.  Dr. Theo Zwanziger, Präsident des DFB, und Dr. Ingo Wolf, damaliger Innen- und Sportminister von NRW waren die Schirmherren für „Deine Aktion gegen Gewalt“. Der Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen sowie die Fußballverbände Niederrhein und Mittelrhein unterstützten den Jugendwettbewerb.

An beiden Wettbewerben nahmen jene Jugendliche teil, die 2007 beim SV Hochlar 28 in der C-Jugend spielten und heute bei den Sportfreunden Stuckenbusch in der A-Jugend. Beide Male gingen sie als Sieger ihrer Kategorie aus dem Wettbewerb hervor. Für den zweiten Wettbewerb hatten sich die Jugendlichen die Erlaubnis von den Toten Hosen geholt, deren Stück  „Innen alles neu“ mit einem neuen Text zu versehen, der zum Wettbewerbs-Thema Gewalt im Fußball passte. Nach noch einmal zwei Jahren entstand nun aus dem Wettbewerbsbeitrag damals ein Video-Clip mit professioneller Unterstützung, der in der Medienarbeit eingesetzt werden soll.

Gib Gas gegen Gewalt – Musikclip from Düse TV on Vimeo.

Sowohl bei der Medienwirkung als auch beim Thema Gewalt gibt es komplexe Ursache-Wirkungs-Gefüge und wo in diesem Bedingungsfeld so ein Clip welche Erfolge erzielt, lässt sich nicht sagen. Aber egal ob die Botschaft des Clips letztlich von anderen Jugendlichen angenommen wird, eins lässt sich sicher sagen, die Beteiligten an solchen Projekten haben mehr Möglichkeiten, gewaltlos durchs Leben zu gehen.

Video und Wettbewerbsausschreibung haben mich übrigens einmal mehr auf die Mentalitätsunterschiede zwischen Rheinländern und Westfalen aufmerksam gemacht. Schon im Clip stolperte ich über das sperrige Wort „Problemlotse„, der rund um Stuckenbusch und damit bei den Vereinen im Fußball- und Leichathletik-Verband Westfalen ein Retter vor Gewalt sein soll. Ich dachte erst, wie sozialpädagogisch inspiriert und lernte danach, diese „Problemlotsen“ gibt es tatsächlich. Die Umschreibung „Problem“ als Aufgabengebiet des Lotsen entspricht dem Bild vom direkten Westfalen, wo hingegen im Rheinland jene Worte bevorzugt werden, die den unangenehmen Dingen des Lebens den Stachel etwas ziehen. Was schlimm sein könnte, muss ja nicht unbedingt gleich auch so genannt werden. Deshalb: gleiche Funktion, anderer Name. Der Fußballverband Mittelrhein nennt seine Ansprechpartner bei Problemen „Fußball-Lotsen“, so auch der Fußballverband Niederrhein, wo allerdings der Bindestrich im Namen verschwindet. Das klingt auch nicht weniger sperrig als in Westfalen, und wir wissen nicht sofort, worum es bei so einer Funktion geht, aber darüber kann man ja miteinander ins Gespräch kommen. Auch wenn sich alle gegen Gewalt engagieren. Ein regionaler Unterschied kann dabei drin sein.

Offenes Bekenntnis von Kees Jaratz! – Ein Leben ohne Derby-Gefühle

Heute bekenne ich: Ich gehöre zu einer Minderheit. Man sieht es mir nicht an, doch ich bin anders als die meisten Anhänger eines Fußballvereins. Viele werden mich nun fanbehindert nennen. Ich kann nur sagen, ich leide nicht unter einem Mangel. Die Derby-Empfindungslosigkeit gehört zu meinem Leben. Diese Eigenschaft macht in der persönlichen Begegnung vielleicht unsicher und ängstlich. Doch ich hoffe auf die integrative Kraft des Fußballs nach meinem Bekenntnis, und vielleicht ergibt sich in den Zeiten des Internets nach einer solch offenen Erklärung der regelmäßige Austausch mit Betroffenen anderer Vereine.

Seit Anfang der Woche wird das Reden im Fußballkulturraum NRW immer aufgeregter, und ich kann nicht richtig mitreden. Derby raunt es den Rhein runter von Köln über Leverkusen nach Duisburg und von dort weiter Richtung Osten nach Oberhausen über Gelsenkirchen bis nach Dortmund. Im Ballungsraum Rhein-Ruhr werden die Fußballanhänger hibbelig und kribbelig, und ich bin nur so angespannt, kantersieg-vorfreudig wie immer.

Nachdem wir letzten Freitag beim Auswärtsspiel des MSV Duisburg in Bielefeld laut Stadionsprecher zu meiner Überraschung ein West-Derby erleben durften, sind drei Spiele dieses Wochenendes nun ganz deutlich wirklich wichtig für die Identität der beteiligten Vereine.  Oder für die Identität der Fans? Für wen auch immer. Drei Derbys an einem Wochenende! In England ließ man sich nicht lumpen und benannte eine ganze Grafschaft nach so einem Ereignis. Mutterland! Mehr muss man in so einem Fall nicht sagen. Dort begann die Geschichte der Derbys. Klingt in meinen Ohren übrigens komisch: Derby im Plural. Hat vielleicht was mit Einzigartigkeit zu tun, die nicht beliebig vermehrbar ist. Im Ruhrgebiet heißt eines dieser Derbys ja gerne auch: DAS Derby. Hier allerdings interessiert DAS Derby nur der Vollständigkeit halber.

Denn der MSV Duisburg spielt in einem anderen Derby. Der Gegner heißt Rot-Weiß Oberhausen, und da wir Zebra-Fans uns noch immer über Zweitliga-Anstoßzeiten freuen dürfen, wird  die Derby-Serie im Ballungsraum mit dem Spiel in Duisburg um 18 Uhr eröffnet. Zweieinhalb Stunden später geht es weiter mit DEM „Revierderby“ FC Schalke 04 gegen Borussia Dortmund, und am nächsten Tag spielen im rheinischen Derby noch Bayer Leverkusen gegen den 1. FC Köln. Heißt das Spiel des MSV Duisburg gegen Rot-Weiß Oberhausen eigentlich wie das Spiel des Vfl Bochum gegen den FC Schalke O4 oder Borussia Dortmund ebenfalls „Kleines Revierderby“? Oder bewegen wir uns noch eine Etage tiefer? „Klitzekleines Revierderby“ würde mir aber gar nicht gefallen. Gibt es „Rhein-Herne-Kanal-Derby“ oder „Emscherderby“? Oder gehört das Spiel gar in die Rheinschiene und wäre als kleines rheinisches Derby der Begegnung Bayer Leverkusen gegen den 1. FC Köln verwandt? Das war jetzt nicht ganz ernst gemeint. Aber vergesst mir nicht „Oberhausen/Rheinland“ (!).

Als Kind hat mich diese regionale Zuschreibung sehr verwundert. Ich habe meine ersten Lebensjahre in Ruhrort verbracht, und schon der Wohnort meiner Großeltern, Meiderich, war für mich im Gegensatz zur Nordseestadt Ruhrort ein staubiges Wüstendorf tief im Landesinneren, dessen Einwohner  ich bedauerte. Wieso beanspruchte dann das vom Rhein noch entfernter gelegene Oberhausen diese regionale Zuschreibung – deutlich sichtbar für mich auf dem Bahnhofsschild im Hauptbahnhof? Als Kind aber nimmt man die verwunderlichsten Aussagen von Erwachsenen einfach hin. Nach dem Essen von Obst darf man nichts trinken, ist nur ein Beispiel. Unzählige Male habe ich mich nicht an diese damalige Grundregel erwachsenen Lebens gehalten und nichts passierte. Da kam es auf eine Ungereimtheit mehr auch nicht an.

Vielleicht wäre ich jetzt voller Derby-Emotionen, wenn schon damals mein in Oberhausen lebender Großonkel mit irgendwelchen Rheinland-Erklärungen zu seinem Wohnort mir und meinem Ruhrortstolz zu nahe gekommen wäre. Kam er aber nicht. Es gab auch nicht einen Anhänger von Rot-Weiß Oberhausen in meiner Nähe, der meine aufblühende MSV-Zuneigung bedroht hätte. Für die Stabilisierung der eigenen unsicheren Gefühle lässt sich ein ausgeprägtes Freund-Feind-Schema nämlich effektiv nutzen. Der Ehemann einer Arbeitskollegin meiner Mutter war der einzige RWO-Fan, von dessen Interesse die Erwachsenen jedoch stets mit unaufgeregter Verständnislosigkeit sprachen. In meiner Familie gab es also keinerlei Ermunterung und Anregung zu Derby-Gefühlen. Damals dachte auch noch niemand daran, solche familiären Defizite durch intensive Förderung auszugleichen. Damals war vor allem die SPD vollauf damit beschäftigt, ihr Bildungsprogramm auszuarbeiten. Die klassische Schulbildung stand dabei an erster Stelle. An soziale Kompetenz für Fußballanhänger wurde dabei weniger gedacht.

Andererseits beginnen wir heute erst zu begreifen, wie kompliziert das Wechselspiel zwischen angeborenen Eigenschaften und den Einflüssen der Umwelt vonstatten geht. Vielleicht lautet eine der nächsten Schlagzeilen in der Boulevard-Presse: „Derby-Gen entdeckt!“. Was mir die Gewissheit gäbe, in meinem Gen-Pool wiese die entsprechende Sequenz gegenüber der Bevölkerungsmehrheit eine veränderte Abfolge der DNA-Molelüle auf. Das wäre dann besonders wichtig, wenn wir aus irgendeinem Grund plötzlich in einer Gesellschaft lebten, in der die Empfänglichkeit für Derby-Gefühle als gesund und die Abwesenheit von Derby-Gefühlen als krankhaft beschrieben würde. Dann hätten meine Nachkommen nämlich ein Problem. Aus dem sich nach dem heutigen Tag vielleicht ergebenen losen Austausch von ebenfalls Betroffenen müsst dann auf jeden Fall ein Interessenverband entstehen. Wir fordern mehr Mittel für die Frühförderung von Derby-Gefühl-Empfänglichkeit. Das wären doch mal überraschende Forderungen an die Politik, wo es immer nur um Kultur und traditionelles Lernen geht.

Aber heute müssen wir uns um so etwas noch keine Gedanken machen. Es ist, wie es ist. Ich kann aus einem erhofften 5:1-Sieg gegen Rot-Weiß Oberhausen nicht mehr Gefühle heraus holen als aus einem ähnlich hohen Sieg meinetwegen gegen TuS Koblenz. Mir kommt aber gerade noch ein weiterer Gedanke. Vielleicht ist es ganz anders? Vielleicht bin ich gar nicht derbygefühlsempfindlungslos? Vielleicht bin ich spielgefühlshypersensibel? Vielleicht schlagen meine Gefühle als Anhänger des MSV Duisburg an jedem Spieltag so hoch aus, wie es für andere Fans nur an Derby-Spieltagen erlebbar ist. Wenn sich die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern, werde ich auf diesen Gedanken zurück kommen. Im Moment bin ich erst einmal nur froh, dass endlich die Wahrheit gesagt ist.


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