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Lesen und Hören: Machtspieler von Ronny Blaschke im Podcast Nachspielzeit

Über die Jahre in der Kulturbranche hörte ich immer mal wieder von Buchkritiken, bei denen sich herausstellte, das höchste Lob oder das vernichtende Urteil geschah ohne wirkliche Lektüre des kritisierten Buchs. Konkreter wurde das nicht. Ich bin mir deshalb nicht sicher, ob das nicht ein moderner Mythos ist, der aus Begegnungen von Autorinnen und Autoren mit uninformierten TV-Moderatoren entstand.

Andererseits empfehle ich heute auch ein Buch nachdrücklich, ohne es gelesen zu haben. Ich werde es aber noch lesen. Nun liegt meiner Empfehlung keine hellseherische Gabe zugrunde, sondern ein über dreistündiges Gespräch im Podcast Nachspielzeit, der von den Machern des Blogs Brustring 1893 verantwortet wird. Vornehmlich geht es dort um den VfB Stuttgart, oft aber auch um allgemeine Themen des Fußballs.

Ron und Daniel sprachen im April letzten Jahres mit Ronny Blaschke, der sich seit Jahren mit ganz unterschiedlichen Fußballthemen beschäftigt. Immer geht es ihm dabei darum, den Fußball in gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen genauer zu fassen. Schon vor langer Zeit habe ich mit „Angriff von Rechtsaußen“ hier ein Buch von ihm besprochen.

Im Gespräch unterhalten sich die drei über Ronny Blaschkes jüngstes Buch „Machtspieler“. In dem Buch beleuchtet er, wie in unterschiedlichen Regionen dieser Welt nationale und regionale Konflikte sich auch über den Fußball organisieren, zum Teil verstärken oder wie der Fußball Chancen bietet, sie aufzulösen. Beispielhaft wird das an Jugoslawien und den Nachfolgestaaten, Israel und Palästina sowie Ruanda erkennbar. Man erfährt in dem Gespräch überaus viel über die jeweiligen Länder und welche Rolle der Fußball bei den dortigen Konflikten spielte. Gleichermaßen erhält man einen Eindruck von Ronny Blaschkes Arbeitsweise in den jeweiligen Gebieten.

Das Gespräch ist überaus hörenswert, dank der Vorbereitung der Podcaster und des offenen Erzählens von Ronny Blaschke. Es wirkt informativ in alle möglichen Richtungen. Journalistisches Handwerk, Haltung und Ethos werden zum Thema, Kultur und Politik der jeweiligen Regionen und eben der Fußball in seiner gegenwärtigen Entwicklung sowie seiner Bedeutung in den jeweiligen Regionen.  Nutzt die Gelegenheit zum Weiterklicken.

Ich zögere keinen Moment, nach diesem Gespräch „Machtspieler“ auch zur Lektüre zu empfehlen, selbst wenn ich es erst demnächst lesen werde.  Auf der Webseite vom Verlag Die Werkstatt finden sich begeistert klingende Zitate aus Rezensionen quer durch die Print-Welt. Nach dem Podcast sind solche lobende Worte nicht überraschend für mich.

 

Ronny Blaschke
Machtspieler – Fußball in Propaganda, Krieg und Revolution

Verlag Die Werkstatt

Paperback € 19,90 oder als Ebook €14,90

ISBN: 9 783 73070495 0

Klickhinweis: Wie kam der Verdacht in Ronny Blaschkes Leben?

Ronny Blaschke ist Sportjournalist und Buchautor. Er ist mehrmals preisgekrönt, auch weil er im Sport immer wieder über jene Themen schreibt, die für die Gesamtgesellschaft von Bedeutung sind. Er ermöglicht Blicke auf sehr unterschiedliche Wirklichkeiten sowohl im Breitensport als auch im Profi-Betrieb. Vielen Menschen mit ihrem Einsatz für Demokratie und Humanität gibt er mit seinen Texten eine Stimme in der Öffentlichkeit. Er wirkt in bester aufklärerischer Tradition mit seiner Arbeit. Auch hier hatte es schon einmal eine Leseempfehlung für sein Buch „Angriff von Rechtsaußen“ gegeben.

Nun erfuhr Ronny Blaschke, er wurde vom Verfassungsschutz beobachet. Warum das geschah, ist nicht genau nachvollziehbar. Gründe an seiner Verfassungstreue zu zweifeln gab es weder durch sein Handeln noch durch seine Arbeit. In der Süddeutschen Zeitung erschien heute ein längerer Text von ihm. Er ist sehr lesenswert, weil Ronny Blaschke in Kürze nachvollziehbar macht, wie der Verdacht in seinem Leben Raum gewonnen hat. Das als Hinweis für Argumente in der allgemeineren Diskussion zur Überwachung von Online-Aktivitäten. Es reicht nicht immer aus, ruhigen Gewissens den Blick aufs Private zuzulassen, weil es ja nichts gibt, was vorwerfbar ist.

1 Jahr „Aktion Libero“ – Ein Diskussionsabend zu Fußball und Homosexualität

Vor einem Jahr rief eine Gruppe von Sportbloggern die „Aktion Libero“ ins Leben. In der Welt der Sportblogs sollte das Engagement gegen Homophobie, insbesondere in der Welt des Fußballs, einen ständigen publizistischen Ort erhalten. Sportblogger kamen als Unterstützer und Multiplikatoren hinzu.  Seitdem wirkt die „Aktion Libero“ mit daran, die Diskriminierung von Homosexuellen in der Welt des Fußballs zu mindern.

Anlässlich des Jahrestages der Gründung des Netzwerks veranstaltet die „Aktion Libero“ am kommenden Samstag in Köln einen Diskussionsabend.  Über die Rolle der Medien bei dem Thema Fußball und Homosexualität soll dabei geredet werden.

Hier das Ganze noch einmal in kompakter Form

»Fußball und Homosexualität – die Rolle der Medien«.
Samstag, 17. November 2012
Zeit: 19 Uhr
Ort: Musikclub Zum Scheuen Reh,
Hans-Böckler-Platz 2, 50672 Köln

An dem Abend diskutieren: Ronny Blaschke, Journalist und Autor, der in dem Buch „Versteckspieler“ die Geschichte des schwulen Fußballers Marcus Urban erzählt. Andreas Stiene, Gründer und Organisator des Come-Together-Cups in Köln und Mitgründer des schwul-lesbischen FC-Fanclubs »Andersrum Rut-Wiess«.Jan F. Orth, Präsidiumsmitglied und Pressesprecher des Fußballverbands Mittelrhein (FVM), sowie Beisitzer des DFB-Bundesgerichts. Dirk Leibfried, Journalist und Autor, der gemeinsam mit Andreas Erb das Buch „Das Schweigen der Männer. Homosexualität im deutschen Fußball“ geschrieben hat. Die Gesprächsleitung übernimmt der freie Publizist Alex Feuerherdt, der auch bloggt und die »Aktion Libero« mit initiiert hat.

Wer sich auf der Seite von „Aktion Libero“ noch einmal gebündelt mit kurzen Porträts über die Diskussionsteilnehmer informieren möchte, kann das mit einem Klick weiter hier machen.

Halle, MSV und Rechtextreme – Argumente für Öffentlichkeit

Einen Sinn für PR und öffentlich wirksamen Effekt haben sie ja gehabt, die anscheinend ganz in weiß gekleideten, martialisch aussehenden Männer mit sehr eigenen Vorstellungen davon, was Fangesang bedeutet im Gästeblock des MSV Duisburg beim Pokalspiel in Halle. Während eines Auswärtsspiels im weiter entfernten Osten ist die Chance groß, mit wenig stimmlichen Aufwand  mit antisemitischem und rassistischem Schmähgesang wahrgenommen zu werden. So weit also geschehen am letzten Samstag, und nach langer Zeit stehen der Verein und viele seiner Fans vor der Frage, findet rechtsextremistisches Gedankengut zunehmend Anklang in der Duisburger Fankurve und wie darauf reagieren?

Diese Frage stellt sich unabhängig von den Möglichkeiten der Strafverfolgung, einer jener Männer verstieß ohne Zweifel gegen ein Gesetz. Das wird vom Staatsschutz verfolgt, so weit, so gut. Allem nicht verbotenen zu begegnen wird da schon schwieriger. Die dringlichste Forderung heißt da für mich, Öffentlichkeit herstellen. Das betone ich, weil sich mancher Anhänger des MSV Duisburg in den letzten Tagen um das Image seines Vereins sorgte. Sie wollten dieses Thema nicht so groß beredet haben, hielten es für eine Lappalie. Der Ruf der Zebras nehme deshalb schaden, weil so eine Lappalie zur rechtsextremistischen Gefahr dramatisiert werde.

Dabei ist es gerade umgekehrt. Es wirkt vorbildhaft, dass möglichst viele Anhänger des MSV Duisburg sich öffentlich dazu äußern. Es wirkt vorbildhaft, dass sich Fans gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus positionieren. Es geht nicht darum jemanden aus dieser Gruppe weiß gekleideter Männer zu überzeugen. Es geht darum, zu zeigen, in Duisburg werden Anzeichen für rechtextremistisches Gedankengut in der Kurve ernst genommen. Im MSVportal wird über Reaktionen diskutiert, der MSV Duisburg reagiert auf seiner Seite. Mir fehlt jetzt nur noch ein Statement  vor dem Spiel gegen Dynamo Dresden. All das ist inzwischen unabhängig davon nötig, wie groß der Vorfall in Halle tatsächlich gewesen ist, und zwar deshalb weil jede Gesellschaft mit ihrer besonderen Geschichte eigene Empfindlichkeiten und Tabus entwickelt. Wenn diese berührt werden, hilft es nicht, so zu tun, als sei nichts gewesen.

Ronny Blaschke hat für sein Buch „Angriff von Rechtsausßen“ den Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer interviewt, der sich während seiner gesamten Karriere mit Rechtsextremismus  – unter anderem im Fußball – beschäftigt hat. Eine seiner Antworten gibt mir und uns ein Argument für diese gesuchte Öffentlichkeit, für das Bereden des Geschehenen, aber auch ganz dringlich für Präventionsarbeit durch den Verein mit seinem Fanbeauftragten:

Wir haben in den Kurven zwar homogene Gruppen, aber wir haben auch eine Hierarchie. Diese Hierarchie wird formal nicht festgelegt, sondern sie entsteht schleichend. Wer entwickelt sich zum Meinungsführer? Wer zum Sympathieträger? Wer hat die schönste Freundin? Über solche Mechanismen laufen Hierarchisierungen ab. In diesem Raum können rechtsextreme Einstellungsmuster leicht reproduziert werden, gegenteilige Meinungen werden unterdrückt. … das Stadion ist das einzige Setting, wo die Abwertung schwacher Gruppen massiv und lautstark nach außen in die Öffentlichkeit getragen werden kann, etwa durch Fangesänge und Symbole.

Es entsteht ein Grundkonsens, der Abwertung im Stadion akzeptiert?

Richtig, jede Art von Normalisierung ist gefährlich, denn alles, was als normal gilt und worübr sich niemand mehr aufregt, kann man nicht problematisieren. Wenn ein Normalitätsstandard das Bewusstsein der Fans erreicht hat, dann befinden sie sich schnell in dem Glauben, sie seien mit diesen Einstellungsmustern Teil einer Mehrheit und nicht einer Minderheit.

Für Rechtsextremisten gibt es an dieser Stelle die entsprechenden Anknüpfungspunkte. Und es wird immer wieder irgendwo versucht, die Hoheit über die Kurve zu erlangen. Es geht dann für jüngere Fans schnell nicht mehr um rationales Handeln, es geht um Gruppenzugehörigkeit, dabei sein wollen, Anerkennung und irgendwann auch nochmal um den Fußball. Deshalb ist beides richtig, öffentlich zu sagen, was da in Halle geschehen ist, will ich beim MSV Duisburg nicht sehen. Gleichzeitig sind auch der Verein und die Sicherheitskräfte gefragt. Notwendig ist aber auch auf Seiten des Vereins das Reden mit jungen Fans, die nach Orientierung suchen. Da braucht es den Einsatz vom Verein! Da braucht es wahrscheinlich mehr als einen Fanbeauftragten.

Und noch eins: Weil im Detail der diskutierten Reaktionen die Meinungen auseinander gehen bei allem Konsens über die zu ächtende extremistische Haltung. Die Kleidungsfrage steht da häufig umstritten im Zentrum, und dabei erweist sich das Private durchaus schnell als politisch. Wir Individuen unterliegen Gruppenzuschreibungen beim Auftreten in der Öffentlichkeit, und wer die bei Rechtsextremen beliebte Modemarke Thor Steinar trägt, muss viel erklären, ehe man ihm glaubt, dass allein der modische Geschmack der Entscheidung zugrundeliegt. Und Ausschlusskriterien nach Kleidung gibt es doch längst. Nicht alles, was sich anziehen lässt, ist im Stadion gerne gesehen. In der Fan-Kurve ist manches sogar schon jetzt verboten. Ich kann noch so sehr beteuern, dass allein der Schnitt des Schalke-Trikots die Schönheit meines Körpers besonders betont. Glauben werden mir nur die wenigsten.

Halbwegs begründete Empfehlung für „Angriff von Rechtsaußen“ von Ronny Blaschke

Manchmal möchte ich mir hier einen Platz einrichten, an dem ich meine Gedanken völlig undurchdacht rausschreibe. Frei nach dem Motto: Betreten auf eigene Gefahr! Starke Meinungen ohne Argumente! Unklare Gedanken in verführerischen Worten! Einfache Wahrheiten erst nach drittem Lesen zu verstehen. Der aktuelle Grund dafür ist ein wachsender Bücherstapel auf meinem Schreibtisch. Die Bücher sind gelesen. Sie sollen empfohlen werden. Doch mir fehlt der Schwung drüber zu schreiben. Da spielt mir meine Psyche einen Streich. Aus Vergnügen ist Arbeit geworden, und die soll es hier nicht sein. Da lehne ich mich gegen mich selbst auf mit Wörterknappheit und Begründungsmüdigkeit. Ihr könnt euch etwa sicher sein, Ronny Blaschke hat mit „Angriff von Rechtsaußen“ ein sehr lesenswertes Buch über rechtsradikales Milieu im Fußball geschrieben. Mehr sage ich erstmal nicht dazu. Glaubt´s einfach, oder lasst es sein.

Andererseits fällt mir nun doch noch ein: Mit einer Vielzahl von Reportagen und einigen Interviews versucht er, zunächst die Wirklichkeit rechtsradikalen Handelns im Fußball zu erfassen. Das geht von der Fanszene beim 1. FC Lokomotive Leipzig, über Schiedsrichter mit NPD-Parteibuch hin zur Rechtsrockband Kategorie C oder Sicherheitsdienste mit fragwürdigen Kontakten zur rechtsradikalen Szene. Wenn es um Fans in Leipzig oder Lübeck geht, geht es aber auch um die Versuche, den Einfluss der Neonazis zu verhindern. Gerade O-Töne wie im Interview mit dem NPD-Funktionär Klaus Beier machen zudem deutlich, wie geschmeidig die unter Fans akzeptierte Kritik am Fußball als Geschäft und dem globalisierten Profitum, sprich: dem Ausländeranteil in den Mannschaften, in das rechtsradikale Argumentieren eingebaut wird. Im zweiten Teil des Buches richtet Ronny Blaschke seinen Blick auf jene Menschen, denen die Neonazis feindlich gesinnt sind. Mit dem Perspektivwechsel verliert das Buch an thematischer Schärfe, weil es in diesen letzten Kapiteln weniger um konkretes Geschehen geht als um atmosphärische Eindrücke und Willensbekundungen. Es kommen Interessenvertreter zu Wort und so wird das Gesagte allgemeiner und weniger anschaulich. Viel neues gibt es auf diesen letzten Seiten also nicht zu erfahren. Das mindert die Gesamtqualität nur wenig, soll aber nicht verschwiegen werden.

Ronny Blaschke: Angriff von Rechtsaußen. Wie Neonazis den Fußball missbrauchen. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2011. 223 Seiten. € 16,90.


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