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Sechs Tage im Anderen und zurück

Es ist ein Klischee, und doch gibt es solch ein Geschehen immer wieder auch in der Wirklichkeit. Jemand geht für eine Erledigung aus dem Haus und kehrt nie wieder zurück, weil er irgendwo ein anderes Leben beginnt. Ich weiß jetzt ein wenig, warum so jemand ohne Abschied geht.

Sechs Tage gab es den MSV Duisburg nicht mehr in meinem Leben, ich war sechs Tage Anhänger von Girodins de Bordeaux, dem Verein, dem in Deutschland bei der Nennung des Namens das „de“ abhanden kommt. Ich ärgerte mich über dessen 3:1-Niederlage im Champions-League-Viertelfinale gegen Olympique Lyonnais, dem Verein, der in Deutschland immer Olympique Lyon heißt. Ich las zudem in einer kostenlosen Tageszeitung während einer Fahrt mit der Pariser Metro beeindruckt von Frank Ribery, der anscheinend für den FC Bayern München im Alleingang Manchester United mit 2:1 bezwang und meine Hoffnungen für „Les Bleus“ bei der WM in Südafrika stiegen. Ich ging jeden Morgen in meinem Pariser Vorort mit einem Baguette in der Hand über die Straße und fühlte mich dabei sehr französisch. Letzten Dienstag hatte ich kurz überlegt, ob ich die Auszeit bis Ostern ankündigen sollte. Schließlich drängte die Familie zum Aufbruch, und ich fuhr ohne weitere Worte des Abschieds. Ich bin sicher, deshalb verschwand der MSV Duisburg aus meinem Pariser Leben. Ich wurde auf Zeit ein anderer.

Ich erzähle das, weil es etwas über menschliche Identität verrät. Seit einiger Zeit nehme ich bei vielen Anhängern von Fußballvereinen etwas wahr, was ich aus dem Geschichtsunterricht kenne. Da wird über den eigenen Verein und dessen Bedeutung für das eigenen Leben mit solchen Worten geredet, die ich aus frühren Reden über die eigene Nation kenne. Da geht es dann um Stolz und um das wahre Bekenntnis zu besonderen Werten, die es nur in diesem einen Zusammenhang gibt, dem eigenen Verein. Es handelt sich dabei um einen kleinen Teil der Fußballzuschauer, auf die sich die öffentliche Aufmerksamkeit dennoch richtet.

Natürlich ist der Fußball zumindest in Deutschland ein weitaus unproblematischeres Terrain, um solche Gefühle von Identität auszuleben, als es früher in nationalen Zusammenhängen der Fall war. Dennoch frage ich mich, was es uns allen zeigt, wenn ein Teil der Fußballzuschauer ihren Stolz auf „wahres“ Fantum ausleben und daraus das Recht ableiten, eigene Regeln zu etablieren und zu versuchen, andere diesen Regeln zu unterwerfen. Den Einfluss der Vereine, der DFL und des DFB, die alle zusammen diesem Ausleben von Identität den Rahmen geben, vernachlässige ich jetzt hier. Offensichtlich handelt es sich bei dem, was ich da beschreibe um fundamentalistisches Denken, das anscheinend sehr verschiedene Menschen in unserer Gegenwart als anziehend empfinden.

Was macht so ein Fundamentalismus aber damit, dass es mir gelingt, meinen Verein, den MSV Duisburg, in einem anderen Leben zurück zu lassen. Ich werde in diesem anderen Leben kein ganz anderer Mensch, ich interessiere mich weiterhin für Fußball und finde mit Bordeaux meinen Verein. Warum mir sechs Tage lang Bordeaux von Bedeutung war und nicht Lyon, das weiß ich aber nicht. Die Entscheidung hatte nichts mit dem Spiel vom Dienstag zu tun, sie stand sofort fest als ich die erste Schlagzeile von diesem Spiel vor Augen hatte. Es gibt keinen mir erkennbaren, eindeutigen biografischen Zusammenhang. In beiden Städten war ich vor langer Zeit für einen Tag. Bordeaux wurde einmal von Sportjournalisten sehr oft als Beispiel für die gute Nachwuchsarbeit im französischen Fußball genommen. Vielleicht war das der Grund? Bei allen bewussten Entscheidungen unseres Lebens gibt es Momente des Zufalls durch die unsere so intensiven Gefühle von Identität entstehen, und dieses Zufällige dessen, was uns wichtig ist, hat nichts dauerhaft Erhebendes.

Allerdings gebe ich gerne zu, dass beim allmählichen Zurückschlittern in den gewohnten Alltag meine Laune recht gut ist, seitdem ich die Zweitligaergebnisse vom Wochenende kenne. Die Vereine halten sich an meinen Tabellenrechner-Plan. Die wenigen Zeilen Spielbericht bei Der Westen, im Kicker, im RevierSport oder eben die  Kommentare im MSVportal zum 1:0-Sieg des MSV Duisburg gegen Rot-Weiß Ahlen nehme ich deshalb nicht ganz ernst. Ein schwaches Spiel soll der MSV gezeigt haben. Da denke ich, na und. Ich lasse mir doch meine Laune nicht verderben. Alltag kommt in den nächsten Tagen sowieso schon genug.  Doch mit Siegerlaune lebt es sich bis dahin einfach besser.


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