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Der Liveticker neben der Helmut-Rahn-Gedenkwand

Die anderen Gäste in der Frohnhausener „Friesenstube“ verfolgten mit dem Reporter von Radio Essen das Auswärtsspiel von Rot Weiß bei der Kölner Viktoria. Die Leitung war gut, entsprechend  auch das Spiel. Die Anhänger der Mannschaft aus dem Pott konnten zufrieden sein. Rot Weiß führte. Den Gästen der Friesenstube war das  nicht anzumerken. Für den FC Kray in derselben Liga lief es gegen die zweite Mannschaft vom 1. FC Köln anders. Die Telefonverbindung passte zur skeptischen Reporterstimme angesichts des Spielverlaufs. Sie passte aber auch zu unserem Helmut-Rahn-Gedächtnistag. Diese Radio-Momente klangen nach Vergangenheit.

Mit dieser Telefon–Stimme im Hintergrund war es leicht vorstellbar, dass Helmut Rahn zur Tür reinkommt, sich an den Tresen setzt und kurz zu uns rüberguckt, ob auch wir in der Kneipe unbekannten Gesichter mal wieder die Geschichte von seinem Tor erzählt bekommen wollten. Wir hätten ihn überrascht. Was interessierte uns ein Wunder von Bern, wenn die erfolgreichste Bundesliga-Saison des MSV Duisburg zu besprechen gewesen wäre. Mit Freunden war ich nach Essen gefahren, erst zur Helmut-Rahn-Sportanlage, dem 60. der „111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss„, danach ging es zur Friesenstube, der einstigen Stammkneipe Helmut Rahns, die als Ziel auf der Deutsche Fußballroute NRW sogar touristisch erschlossen ist. Doch nur das Routenschild vor der Kneipe weist darauf hin. Reisebusse fahren nicht vor.

Während die wortkargen Gäste dem Radio lauschten, hatten wir unseren Live-Ticker und wussten um die 1:0-Führung des MSV Duisburg gegen den SV Sandhausen. Was dort im Süden geschah, schien selbst nach der Halbzeitpause nicht weiter bedrohlich zu werden. Die Nachricht vom zweiten Brandy-Tor machte die Friesenstube dann zum Zebrastall. Die einsamen Herren am Tresen bedachten uns ebenso mit freundlichen Blicken wie Bedienung Chrissi. Auch mal eine schöne Erfahrung mit Fußball in Essen.

Dieser Sieg war notwendig, wichtig und nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Als ich den Vorbericht aus der Region mit o-Tönen von Nicky Adler las, wusste ich, im Grunde wird es dassselbe Spiel wie gegen Ingolstadt, nur dass der Gegner dieses Mal weniger fußballerische Qualität aufweist. Der SV Sandhausen machte die Zebras zum Favoriten, sie würden deshalb tief stehen und wieder einmal bekäme der MSV Duisburg Probleme gefährlich vor das gegnerische Tor zu kommen. Doch Kosta Runjaic hatte aus dem Spiel gegen den FC Ingolstadt einen nahe liegenden Schluss gezogen, über den viele von uns Zuschauern auch schon oft nachgedacht hatten. Er nahm Antonio da Silva von Beginn an in die Mannschaft.

So kamen viele Dinge zusammen. Wahrscheinlich war der SV Sandhausen nicht nur im Spiel nach vorne schlechter als der FC Ingolstadt. Auch die Defensive bot mehr Lücken. Diese zu nutzen, dazu musste die Mannschaft des MSV Duisburg aber erst einmal in der Lage sein. Nach dem, was ich hörte, las und gesehen habe, war die Leistung aller einzelnen Spieler deutlich besser als vor einer Woche. Aber auch das durch die Hereinnahme von da Silva variablere Spiel schuf für den MSV Duisburg Vorteile.  Das Problem zwei kurz nacheinander aufgestellte Vierer-Ketten überspielen zu müssen konnte so gelöst werden. Wenn ich zudem das zweite Tor von Sören Brandy sehe, weiß ich auch, dem Mann gelang an diesem Tag mehr, als wir bislang von ihm gesehen haben. Wie Brandy sich im Strafraum mit dem Rücken zum Tor samt Ball vom Gegenspieler löst und sofort erfolgreich den Abschluss sucht, das hat Klasse. Es zeugt von seinem Selbstbewusstsein an diesem Tag. Wollen wir hoffen, diese Erfahrung trägt in die nächsten Wochen hinein. Kämpferisch konnte er bislang ja stets überzeugen. Es fehlten genau solche spielerischen Momente wie gegen Sandhausen, die ihn in Paderborn regelmäßig ausgezeichnet hatten.

Den Ausblick auf die nächsten zwei Spiele wage ich nur zögerlich. Wir wissen einfach nicht, wie gefestigt das spielerische Niveau dieser Mannschaft ist. Sehr viel mehr aus  wirtschaftlicher denn aus sportlicher Perspektive wäre ein Auswärtssieg im Pokalspiel gegen den Karlsruher SC wichtig. Aber Pokal ist Pokal. Wir werden sehen und hoffen. Und wenn am nächsten Samstag der Auswärtssieg gegen Sandhausen mit einem ebenso nicht selbstverständlichen Heimsieg unterfüttert würde, sähe unsere Zebrawelt schon wieder etwas rosiger aus.

Ich bin übrigens mal gespannt, welchen Nachfolger der VfL Bochum für Andreas Bergmann findet. Doch egal, wer in Bochum jetzt Trainer wird, die Veränderung dort wird keinen so großen Unterschied machen wie der Trainerwechsel in Duisburg. Zumal die Saison inzwischen voran geschritten ist. Da ist der MSV Duisburg sehr viel weiter in der Entwicklung und besitzt gegenüber diesem Konkurrenten aus dem Pott eindeutige Vorteile. Davon ab begrüßte ich es natürlich, wenn auch der VfL die Klasse hielte – trotz der komischen gelb-roten Embleme auf den Trikots.

Zum Glück war Wacker nicht der Spielverein – Teil 2

Hans F.  (* 1939)

Einmal sind wir nach Schalke gefahren, und dann kommen wir da an … wir hatten ja keine Karten, du musstest ja immer da die Karten kaufen. Ja, und dann hieß es, ihr kommt nicht rein, das Stadion ist voll. Da standen wir dann da an so einem Nebentor. Das hatten die zugemacht, und die Fans, die haben geglaubt, die wollten uns nur nicht reinlassen. Da standen zwei Ordner, die haben gesagt: „Das geht nicht“, …. es hatte vorher geregnet … „dahinter ist ´ne Riesenpfütze“. Und die Fans haben das nicht geglaubt. Ich schätze mal, das waren so hundert, hundertfünfzig Leute. Die haben sich dann alle gesagt: „Wir gehen hier rein“. Dann haben die mit Gewalt das Tor aufgedrückt. Da war dann wirklich eine Pfütze … bestimmt dreißig Meter im Durchmesser …Wahnsinn … und da kannst du dir vorstellen, die ersten …da lagen bestimmt zwanzig, dreißig Mann in der Matsche da. Das sah aus. Aber das hat die nicht gestört. Da sind die durch und rein. Hauptsache, die waren im Stadion.

Ja, und dann hier noch Oberhausen … nach Rot-Weiß Oberhausen … da sind wir ja immer zu Fuß gelaufen … am Kanal entlang. Aber Oberhausen war nicht gut. Da musste man immer aufpassen  Das war immer mit Schlägerei verbunden. Das war damals auch schon so mit der Rivalität. In Oberhausen war es schlimm. In Aachen bin ich nicht gewesen. Das war mir zu weit. Aber in Aachen war es auch immer sehr schlimm mit den Schlägereien. Das waren ja immer die Kartoffelkäfer … mit den gelben Trikots. Auch hier nach Bottrop sind wir gefahren und nach Essen …selbstverständlich auch ins Duisburger Stadion …der DSV war ja damals auch in der Oberliga. Das war ja nicht nur der MSV. Da war ja auch noch Hamborn 07, Duisburger Spielverein … das waren ja schon alleine drei Vereine hier in Duisburg.

Die Atmosphäre damals im Stadion an der Westender Straße … das war schön. Das war kleiner als heute. Gut, da waren ja auch fünfzehn-, zwanzigtausend Zuschauer. Aber … ich weiß nicht … das war alles … wie wollen wir mal sagen … wie so eine Familie. Das war so richtig angenehm. Da freute man sich so richtig drauf. Nachher als das mit der Bundesliga losging … die Spiele gegen Frankfurt und Hamburg und die ich da noch gesehen habe … das war ja zu voll alles. Das Stadion war zu voll. Obwohl … wenn hier auch Dortmund kam, damals noch in der Oberliga zur Westender Straße oder auch Rot-Weiß Essen, das Stadion war auch voll.

Schon die Straßen in Meiderich zum Stadion, die waren dann proppevoll. Da fuhr ja bloß so eine kleine Bimmelbahn zum Stadion. Da gingen ja vielleicht dreißig, vierzig Mann rein. Das waren Massen, die dahinströmten. Da war gegenüber von dem MSV-Platz noch alles frei. Da parkten die ganzen Autos. Hinten, Richtung Ratingsee war auch noch ein Platz für die Autos. Es war schon sehr beengt. Da ging nichts mehr, wenn die Zuschauer da so im Trupp kamen. Die Straßen waren ja nicht so breit wie heute. Das war alles eng. Das war ja was … 15.000 zum Meidericher Spielverein.

Wenn ich mich jetzt an was besonderes erinnern soll, da denke ich an Helmut Rahn. Da war der noch bei Rot-Weiß Essen. Und die haben dann in Meiderich gespielt und Helmut Rahn hat einen Strafstoß geschossen. Das war ein Wahnsinn. Jetzt weiß ich nicht mehr, ob das der Faust war oder der Pajonk Der hatte die Hand zwischen Latte und Ball und hat sich vor Schmerzen die Hand fest gehalten. Der Rahn hatte ja einen Gewaltschuss.

Bei den Meiderichern fällt mir Burger Hetzel ein. Den habe ich zwar nicht mehr viel gesehen, aber das war ein guter Spieler. Da haben wir uns gewundert, dass der nicht in die Nationalmannschaft kam. Aber der Herberger mochte den nicht. Warum weiß ich nicht, ich nehme mal an, der Hetzel hat sich nichts gefallen lassen. Dann haben die so ein Auswahlspiel gemacht … Nationalmannschaft gegen den MSV. Da hat der Burger Hetzel der Auswahlmannschaft drei Tore reingemacht. Und seitdem war´s ganz aus. Nee, der Herberger mochte den nicht. Der hielt sich immer an Ottmar und Fritz Walter fest. Da hatte der Hetzel keine Chance. Gut, der Fritz und der Ottmar, die waren einiges jünger. Da konnte man sagen, dass die Zeit von Hetzel schon vorbei war. Die haben ja damals zu der Zeit, als ich noch auf den Platz ging, mit vier-, fünfunddreißig nicht mehr gespielt. Wenn die mal bis achtundzwanzig, dreißig gespielt haben, war das lang.

Aufgezeichnet von Kees Jaratz

Und ab ins „Fan-Gedächtnis“

Den Ruhrschnellweg mit Fußball entlanggebloggt

Wenn ich zwischen dem Blick auf eine Landkarte und dem auf die entsprechende Landschaft wählen muss, gewinnt die Landkarte. Der Blick von oben erschließt Zusammenhänge und bildet Identitäten. Wenn ich die A 40 als Ort des Still-Leben Ruhrschnellweg im Netz entlang surfe, um mir anzusehen, wer am Sonntag so dabei ist, sehe ich Stadtteile eines größeren Verbundes. Wir wissen alle, im Alltag dieser Städtelandschaft ist das keineswegs so eindeutig, und egal wieviel Kultur und Symbolik als Gemeinschaftswerk produziert wird, das alles bleibt sinnlos, ohne entsprechendes Handeln auf politischer Ebene.  Zudem frage ich mich mit meinem Blick von außen, ob es überhaupt genügend Bürger dieser Region gibt, die ein wirkliches Interesse an so einer Einheit haben.

Was mich nun nicht daran hindert, in mir selbst diese Einheit immer mal wieder intensiv wahrzunehmen. Als ich heute die A 40 entlang surfte, kamen mir bei den entsprechenden Städten auch die dazu gehörigen Blogger in Sachen Fußball in den Sinn. Als Karte habe ich so eine Ruhrgebiets-Landschaft des Fußball-Bloggens noch nicht hinbekommen. Aber anlässlich des Still-Leben Ruhrschnellweg wollte ich die Blogger doch zumindest auflisten und zur Orientierung die A-40-Still-Leben-Segemente zuordnen.

Die Zielsetzung des Literaturbüros  Ruhrgebiet aufgreifend habe ich Fußball-Blogger aufgelistet, die entweder im Ruhrgebiet leben oder Blogger, die sich dem Ruhrgebiets-Fußball thematisch widmen. Thema ging bei der Einordnung vor Wohnort. Der letzte Beitrag sollte nicht länger als zwei Monate zurück gelegen haben – Ausnahme: RWO qua Alleinstellung und Versprechen für die kommende Saison. Wer auch immer sein Fehlen beklagt, mache sich bemerkbar. Wer mehr weiß, ergänze, so er mag.

Von West nach Ost sieht das folgendermaßen aus:

Duisburg Häfen – Autobahnkreuz Kaiserberg

Ein Zebra in der Achterbahn – Der MSV Blog

Rolf das Zebra schreibt (MSV Duisburg)

Zebrastreifenblog – Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus (MSV Duisburg)

Trainer Baade

OberhausenMülheim Heimaterde

RWO-Fanblock (Rot-Weiß Oberhausen – unregelmäßig und in Verantwortung des Vereins?)

Essen Frohnhausen – Essen Kray

Im Schatten der Tribüne (Rot-Weiß Essen)

Gelsenkirchen Süd

Auswärtssieg. … is wie wennze fliechs … (FC Schalke 04)

Königsblog. Über König Fußball im Allgemeinen und Königsblau im Besonderen (FC Schalke 04)

Turnhallengeruch. Kalter Schweiß, Gummifußboden (FC Schalke 04)

Web.04. Blog (FC Schalke 04)

Schalkefan – Am Samstag um halb vier war die Welt noch in Ordnung

Bochum Wattenscheid – Bochum Werne

18:48 – Mein Blick auf den VfL Bochum und darüber hinaus

Der freie Blog der Fantastic Supporters (VfL Bochum)

Der blaue Kanal (VfL Bochum)

Scudetto – Fußball und das Leben. Ben Redelings

Dortmund Lütgendortmund – Dortmund Märkische Straße

Any given weekend (Borussia Dortmund)

Boisseree’scher Blog (Borussia Dortmund)

Hamburg Schwartz Gelb –  Über den Versuch eines Hamburger BVB-Fans Job, Fußball und Frau in Einklang zu bringen (Borussia Dortmund)

Am Sonntag dann strafe ich meinen Einleitungssatz Lügen und bevorzuge die Wirklichkeit der A 40. Am Tisch 34 im Block 8 bei km 42,2 werde ich hoffentlich viele Stimmen sammeln, die das Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg anwachsen lassen. Der Tisch steht zu Beginn des Kreuzes Kaiserberg, und Zebra-Maskottchen Ennatz wird ebenfalls vor Ort sein. Der MSV Duisburg möchte das Projekt auf diese Weise unterstützen. Damit Besucher der A 40 ihre MSV-Erinnerung mir erzählen können, müssen sie mich schließlich erst einmal an der „längsten Tafel der Welt“ wahrnehmen.

Im Westen ging die Sonne auf – Ein Dokumentarfilm

Ich bin ein Junkie, historische Dokumente sind meine Droge. Und wie das mit Süchten und der Selbstwahrnehmung so ist, genau weiß ich nicht, was es mir alles gibt, auf dem Schwarzweißfoto aus den 20ern Fahrradfahrer zu mustern, sämtliche Lebensmittel auf einem handgeschriebenen Einkaufszettel vom Ende des 19. Jahrhunderts nachzulesen oder gebannt auf Filmaufnahmen von Werkstorgeschäftigkeit im Ruhrgebiet der 50er Jahre zu starren.

Ich bin also bei der Wertung eines Dokumentarfilms voreingenommen, wenn ich bald nach dem Start der DVD „Im Westen ging die Sonne auf“ neben den Interviews mit Zeitzeugen einen Bergmann im  Straßeninterview der 60er Jahre sehe oder den Sportjournalisten in den 70ern, der neben einem Aschenplatz stehend von den noch älteren Zeiten Ende der 40er erzählt. Die Wirkung der Filmausschnitte mit diversen Fußballspielen von den 50ern bis zum Anfang der 70er brauche ich wahrscheinlich nicht besonders betonen?

„Im Westen ging die Sonne auf“ lässt sich als Heimatfernsehen für das Ruhrgebiet und als anekdotenreicher Rückblick auf den dortigen Fußball vor allem der 50er und 60er Jahre gleichermaßen empfehlen. Als Episodenfilm klassischer dokumentarischer Machart hat Wolfgang Ettlich das Ganze angelegt. Einen Verein nach dem anderen nimmt er sich im nördlichen Ruhrgebiet vor und widmet ihnen jeweil 13 bis 20 Minuten. Rot-Weiß Essen, Westfalia Herne, Sportfreunde Katernberg, Spielvereinigung Erkenschwick und der SV Sodingen sind seine Stationen. Interviews mit Zeitzeugen und historische Filmausschnitte oder Dokumente im Standbild dagegen geschnitten, das ist seine erzählerische Form für die Vergangenheit. Für den Blick auf die Gegenwart schneidet er die O-Töne gegen den Blick auf Spielbetrieb und Alltagssituationen der Interviewten. Manchmal klingt der Kommentar des Films zu pathetisch in meinen Ohren und die Filmmusik erinnert mich zu sehr an auswechselbare Industriefilme der PR-Branche.

Doch stört letzteres nur wenig, denn die Dokumentation lebt vor allem durch die Menschen, die sie zeigt – ob das nun die alt gewordenen Fußballer oder Vereinsverantwortlichen mit ihren Anekdoten sind oder die F-Jugendtrainerin der Gegenwart, die den Laden bei den Sportfreunden Katernberg mit am Laufen hält.  Man erhält auf diese Weise einen Einblick in Alltagsgeschichte der 50er bis Anfang der 70er, in denen die vorgestellten Vereine noch Größen im Fußball der Region waren, im Fall von Rot-Weiß Essen als Deutscher Meister von 1955 sogar im Fußball Deutschlands. Ebenfalls wird aber an anderer Stelle die Bedeutung der Fußballvereine im Leben der Gegenwart aufgezeigt.

Geht es um das Früher schwingt im Erzählen der ehemaligen Spieler oder Vereinsverantwortlichen immer auch der Stolz auf diese Zeit mit, die in der Gegenwart als überaus fern erscheint. Welcher RWE-Zuschauer der vierten Liga bekommt nicht glänzende Augen, wenn er über seinen Verein hört:  „Ich sach das mal und das kann ich ohne weiteres so behaupten: Wir waren Deutschlands bester Botschafter in Sachen … für Fußball in aller … in der ganzen Welt.“ Das waren jene Zeiten, in denen die Fußballer noch Tür an Tür mit den Zuschauern ihrer Vereine wohnten, Zeiten, in denen sie mit den Zechen sogar oft denselben Arbeitgeber hatten. Während die einen unter Tage fuhren, erhielten die anderen den leichteren Arbeitsplatz und wurden freigestellt für Trainingseinheiten. Das ergab eine andere Verpflichtung den Zuschauern gegenüber, jene Verpflichtung, an die sich die Anhänger heute überall  immer wieder nostalgisch verklärt erinnern. Doch auch damals trennten die hier vorgestellten Vereine bereits Welten. Während Willy Lippens bei Rot-Weiß Essen schon so viel Wert war wie „drei Einfamilienhäuser“, wurden über die Sportfreunde Katernberg schon Erinnerungsreportagen – wahrscheinlich  für „Hier und Heute“ –  gedreht.

Die jeweiligen Episoden haben unterschiedliche erzählerische Schwerpunkte. Bei der Spielvereinigung Erkenschwick und Rot-Weiß Essen geht es vor allem um die Historie des Vereins, bei den anderen drei Vereinen rückt deren Bedeutung für Menschen in der Gegenwart in den Blick. Wenn bei den Sportfreunden Katernberg die F-Jugendtrainerin Katja spricht, erfährt man nicht nur von bekannten Problemen des heutigen Breitensports, sondern man erkennt auch in ihrem Reden jene Wesenszüge des Ruhrgebiets, an die wir Exil-Ruhris uns immer mit als erstes erinnern und die die Öffentlichkeitsarbeiter der Region so gerne als positiven Standortfaktor in ihren Imagebroschüren erwähnen.  Sie verkörpert das bodenständige, zupackende Ruhrgebiet, das die Dinge nimmt, wie sie kommen und dabei klar auspricht, worum es geht. So eine Frau des Ruhrgebiets beantwortet die Frage nach der großen Vergangenheit des Vereins ganz lakonisch: „Ist schade, dass es nicht mehr so ist, aber ist mir eigentlich relativ egal, weil ich trotzdem zur ersten Mannschaft halte.“

Katja ist die Gegenwart dieses Vereins und eine ihrer Begegnungen mit der Vergangenheit wird von der Kamera zufällig begleitet. Sie verantwortet während der Heimspiele der ersten Mannschaft auch den Kioskverkauf und ein älterer Besucher, der um einen Kaffee bittet, erweist sich als langjähriger Vereinsfunktionär.  „43 Jahre im Vorstand, 38 Jahre Hauptkassierer“, erzählt der ältere Herr und erzählt noch dies und das und zwischendurch fällt der Satz: „Meinen 80. Geburtstag haben sie trotzdem vergessen.“ In solchen Momenten offenbart sich dieses Leben mit all seinen Gefühlen. Da schwingt Stolz, Enttäuschung, aber auch noch die Energie der Vergangenheit im Reden mit und das alles spielt in der Gegenwart des Vereins keine Rolle. Katja hatte ihn zunächst nicht gekannt. Solche Momente hat dieser Film immer wieder und in solchen Momenten ist die Dokumentation am stärksten.

Da ist der Stadionsprecher vom SV Sodingen, der seit Jahrzehnten seinen Platz einnimmt und für viele Menschen des SV Sodingen so ganz anders wirkt, so „interessant“, gemeint ist „fein“ und „geistreich“. Da ist der Platzwart von Westfalia Herne, dessen Ehrgeiz, den Fußballern den best möglichen Rasen zu bieten, den sportlichen Ehrgeiz eines jeden Spielers in den Schatten stellt. Da sind die übergreifenden Erinnerungen der Alten an die schöne Zeit der „unzähligen, gemeinsamen Feste“ und an die „Priorität der Kameradschaft“. Egal, wie sehr sich da auch etwas verklärt hat, die Lebensverhältnisse der Vergangenheit waren bei aller Unterschiedlichkeit der sozialen Positionen sehr viel ähnlicher als heute. In dem Bezug auf diesen Topos der Erinnerung gleicht sich eine Generation, die in den 50ern und 60ern jung gewesen ist. Auch meine Mutter, im Basketball ab Mitte der 50er aktiv, erzählt die gleichen Geschichten wie Willy Lippens, wenn es um das Vereinsleben geht. Für einen kleinen Preis bietet „Im Westen ging die Sonne auf“ sehr viele Bilder und eine große Zahl kleinerer Geschichten, die berühren. Das lohnt sich!

DVD: Im Westen ging die Sonne auf. Ein Film von Wolfgang Ettlich. Baukau Media 2003. Ab € 8,90.

Lokale Perspektiven

Das Bemerkenswerte an den Zeitungen im Ruhrgebiet des WAZ-Konzerns sind die lokalen Perspektiven. Welcher Artikel kommt aus der Duisburger Redaktion und welcher aus Essen: „Zebras brachten RWE wieder ins Spiel“ oder „RWE-Fehler werden gnadenlos bestraft„? So ein Titel drückt ja Stimmungen aus und die hängen wohl vom grundsätzlichen Vertrauen in den Erfolg des Vereins ab. Darum geht es mir hier aber gar nicht. Mir geht es darum, dass der WAZ-Konzern beide Perspektiven auf „Der Westen“, nämlich demselben Portal, ins Netz stellt. So ein gemeinsamer Auftritt zweier Städte unter einer Internetidentität kann sehr unterschiedliche Folgen haben. Zum einen könnte das einen wahrscheinlich so nicht beabsichtigten Beitrag zur Entwicklung von Ruhrgebietsidentität haben, zum anderen – und das ist mit Sicherheit sehr beabsichtigt – werden Maßnahmen zur Umstrukturierung des Konzerns und insbesondere seiner Redaktionen erleichtert. Menschen, die im Ruhrgebiet die Medien beobachten, haben da so ihre Sorgen um die Qualität des Lokaljournalismus im WAZ-Konzern. Ob die berechtigt sind, kann ich nicht beurteilen. Da sind die Leute vor Ort wie hier bei den „Ruhrbaronen“ oder hier im „Pottblog“ besser informiert. Es wird nur an solchen Artikeln zu einem Derby-Freundschaftsspiel so offensichtlich, dass dieser lokale Bezug der Zeitungen, das Pfund ist, mit dem der WAZ-Konzern weiter wuchern müsste. Ich verstehe die Sorgen um die Qualität. Denn eins ist sicher: Für jemanden, der Kosten reduzieren will, ist es ganz schön verführerisch, zu einem Ereignis an dem zwei Städte des Ruhrgebiets beteiligt sind, nur noch einen Journalisten hinzuschicken. Das brächte Spielraum, um im Lokalen Redakteursstellen abzubauen. Da könnten dann in einiger Zeit zwei Spielberichte zu einem werden. Dieser Spielbericht wäre aus einer wie auch immer aussehenden neutraleren Perspektive geschrieben. Das wäre schade – trotz aller notwendiger Ruhrgebietsidentität.


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