Posts Tagged 'RUHR.2010-Programm'

Und vor dem Spiel noch etwas ganz anderes: Ruhrtriennale 2012

Die erste Spielzeit von Heiner Goebbels als künstlerischer Leiter der Ruhrtriennale verspricht dem Publikum Erfahrungen, die uns Zuschauern des MSV Duisburg oft nicht fremd sind. Heiner Goebbels möchte mit dem zusammengestellten Programm Begegnungen bieten „mit etwas, das wir noch nicht kennen: ein ungesehenes Bild, ein ungehörter Klang, eine nicht für möglich gehaltene Bewegung.“ Im Stadion ist so etwas in dieser Saison für uns lange Zeit normal gewesen. Wir wussten nicht, was uns erwartet, welche Qualität die Mannschaft im Spiel zeigen konnte, und so standen wir oft genug verständnislos vor der Leistung der Mannschaft. Dieses Risiko der Verständnislosigkeit geht Heiner Goebbels mit dem Programm der Ruhrtriennale ein. Überfliegt man das Programm findet sich auf den ersten Blick kaum etwas, was einem Publikumsbedürfnis nach erzählerischen Formen von Kulturerfahrungen entspricht. Nachvollziehen von Handlung tritt in diesem Programm zurück hinter die reine Wahrnehmung von Geschehen. Heiner Goebbels interessiert „Theater als eigene Realität“. In den Räumen der Industriekultur soll auf kein Draußen verwiesen werden, und die Zuschauer sollen ihre eigenen Verbindungen zwischen ihrem Erleben im Theater und der Realität ziehen.

Wenn Heiner Goebbels im folgenden mit Holger Noltze über das Eröffnungswerk der Ruhrtriennale, Europeras 1&2 von John Cage, spricht, werden auch seine Vorstellungen von Kunst noch einmal deutlich.

Nun wissen wir Zuschauer des MSV Duisburg aus dieser Saison, nicht immer möchte man als Zuschauer ein Spiel voller Überraschungen und ungeahnten Spielmöglichkeiten, die nicht auf einen Zweck verweisen. Manchmal möchte man einfach auch nur einen ungefährdeten Anpfiff-Abpfiff-Sieg sehen. Man möchte manchmal auch nur ein schönes Spiel sehen mit dem ein oder anderen technischen Kabinettstückchen. Erst danach ist man auch wieder für die Wundertüte MSV Duisburg bereit. Deshalb bin ich ein wenig skeptisch, ob das Ruhrgebiet der richtige Ort für das künstlerische Konzept von Heiner Goebbels ist. Mir fehlen Programmteile, bei denen ich etwas genauer weiß, was mich erwartet. Es war ja in den vorherigen Spielzeiten keineswegs so, dass jeder Programmteil Boulevard für das Bildungsbürgertum des Ruhrgebiets bot. Auch zuvor gab es Kunst, deren Bezüge zur Realität, das Publikum selbst herstellen musste; Kunst, die sehr auf das Ereignis des Abends bezogen war, die nicht eingängig war und die manchmal ratlos zurückließ. Die Mischung war aber da, die ein Publikum dazu bereit machte, sich auf das ganz andere einzulassen. Ich bin gespannt, welche Folgen diese Programmgestaltung für die Zuschauerzahlen haben wird.

Für den schnellen Programmüberblick sei hier auch noch einmal die Pressemitteilung der Ruhrtriennale zitiert: „Zu den Höhepunkten des Festivals zählen die Opern Europeras 1&2 von John Cage in der Jahrhunderthalle, inszeniert von Heiner Goebbels und seinem Team, und Carl Orffs Prometheus in der Kraftzentrale – in der Regie des samoanischen Choreografen Lemi Ponifasio, sowie die Live Art-Ausstellung 12 Rooms im Essener Museum Folkwang. Die Jahrhunderthalle Bochum wird mit En Atendant und Cesena von Anne Teresa de Keersmaeker außerdem Schauplatz einer einzigartigen Doppelinszenierung bei Sonnen-untergang und Sonnenaufgang. Erstmalig Gäste der Ruhrtriennale sind die Theatermacher Robert Lepage, der im Salzlager auf Zollverein, Essen, seinen neuen Theaterzyklus Playing Cards eröffnet und Romeo Castellucci, der mit FOLK. im Duisburger Landschaftspark die Grenzen des Theaters in Bewegung bringt. Ein Open Air-Konzert der japanischen Gruppe Boredoms sorgt für Schlagzeug-Power in der Bergarena der Halde Haniel in Bottrop.“

Schon mal kurz und schnell: Großartig! Still-Leben Ruhrschnellweg, Erinnerungen an den MSV

Zum gestrigen Tag auf der A 40 beim Kreuz Kaiserberg gehen mir zu viele Gedanken durch den Kopf. All das zu ordnen braucht Zeit, dabei will ich erst einmal sofort und ganz schnell meine Begeisterung teilen und mich einreihen in den Chor der freudigen O-Töne. Noch immer bin ich beschwingt von diesem Tag. Noch immer bin ich froh, Teil dieses Ganzen gewesen zu sein und die leichte Stimmung beim Still-Leben Ruhrschnellweg genossen zu haben. So vieles hat zu dieser Stimmung beigetragen. Später sammel ich vielleicht an anderer Stelle noch einmal meine Gedanken. Vor allem aber geht es mir heute um etwas, was ich im Ruhrgebiet viel seltener erlebe als in Köln. Das ist die Haltung der Menschen so einem Ereignis gegenüber, ihr Wunsch gemeinsam an einem Ort uneingeschränkt Spaß und Freude zu haben.

Man kann an allem immer etwas finden, was einem nicht gefällt. Das muss nicht verschwiegen werden, ich habe aber den Eindruck, im Ruhrgebiet rückt dieses Missfallen häufiger in den Vordergrund als im rheinischen Köln, wo es dann das andere Extrem zu beklagen gibt – die blind machende Selbstverliebtheit. Gestern fühlte sich das Ruhrgebiet verbunden. Das gilt es weiter zu erzählen. Immer und immer wieder. Neue Geschichten brauchen Zeit, bis sie in den Köpfen der Menschen angekommen sind.

Bei dieser frohen Grundstimmung auf der A 40 war es ein Leichtes mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und die Idee vom Fan-Gedächtnis zu verbreiten. Was aber sofort deutlich wurde: Die Menschen konnten nur erst einmal nur einen Vorgeschmack auf ihre Erinnerungen geben. Sie zu dokumentieren, dazu blieb weder die Zeit, noch waren die Bedingungen mit all dem fröhlichen Hintergrundrauschen dazu geeignet. Jetzt besitze ich eine lange Liste mit E-Mail-Adressen und Telefonnummer, die es nach und nach abzuarbeiten gilt.

Dann können die Geschichten aus den 50ern von Spielen des Meidericher SV gegen Duisburger SV zu Ende erzählt werden. Dann werde ich erfahren, welche Bewandnis es mit den Steinen des alten Wedau-Stadions gehabt hat, wie „Pille“ Gecks zum Meidericher Spielverein kam, und was in Trier beim Halbfinale des DFB-Pokals 1997/98 während des Elfmeterschießens auf dem Stehplatz passiert ist. Und dann wird auch jene Buchhändlerin eigene Worte für die Geschichte gefunden haben, von der ich heute aber schon in aller Kürze erzählen will.

Während ihrer Lehre um 1980 herum bediente sie in der Meidericher Buchhandlung Filthaut einen ihr unbekannten Kunden. Das Buch, das er kaufen wollte, sollte als Geschenk eingepackt werden. Wie es damals üblich war, gehörte es sich, um das Geschenkpapier auch ein Geschenkband zu wickeln. Das feste Verknoten eines Geschenkband aber ist zu zweit einfacher als alleine. So setzte die angehende Buchhändlerin mit einer Frage an. Ob der Kunde mal eben einen Finger auf den Knoten halten könne.  Die Frage war noch gar nicht ganz ausgesprochen, als ihre  Chefin sie an der Schulter packte und nach hinten zog. Sich entschuldigend übernahm die Chefin den Rest des Einpackens. Bernard Dietz beruhigte die Chefin aber. So eine Frage nehme er doch niemandem übel. Nicht jeder kannte damals Ennatz und wusste, dass er als gelernter  Schmied während seiner Gesellenzeit zwei Finger einer Hand verloren hatte.

Diese kleine Anekdote gefällt mir deshalb so gut, weil in ihr nicht nur bekannte Persönlichkeitszüge von Bernard Dietz erkennbar sind, die den damaligen MSV-Star so beliebt gemacht haben. Außerdem steckt trotz der Kürze der Anekdote viel Alltagsgeschichte in ihr. Es scheint eine Zeit auf, die anders war. Kann man sich vorstellen, dass ein prominenter Spieler des MSV Duisburg heute in die immer noch bestehende Meidericher Buchhandlung geht? Ich kann mir das nur schwer vorstellen. Das Trainingsgelände und die Buchhandlung befinden sich immer noch an denselben Orten, doch das Leben an diesen Orten hat sich sehr voneinander entfernt.

Von einer anderen Entwicklung erzählen die noch Älteren, für die das „M“ im Vereinsnamen noch sehr viel lebendiger ist als das Duisburg. Mehrmals wurde mir gestern gesagt, wenn ich das Fan-Gedächtnis wollte, müsste ich auf meiner kleinen improvisierten Ankündigungstafel aber Meidericher SV schreiben und nicht MSV Duisburg.

Es geht bei den Erinnerungen also immer auch um das Aufzeigen von Entwicklungen. Dazu sind viele Erinnerungen notwendig, und dazu müssen die Menschen machmal auch erst überzeugt werden, dass ihre Erinnerungen wertvoll sind. Manchmal kam ich mir ganz plötzlich wie ein Drücker zum Eintreiben von Spenden oder zum Abschluss von Zeitungsabos vor.  Der Schatz der Erinnerung lag vor mir, aber ich musste reden und reden, um diesen mir so kostbar erscheinenden  Schatz Erinnerung zu retten.  Auch das braucht eben Zeit bis die Idee Fan-Gedächtnis Gestalt in fremden Köpfen erhält. Für mich haben sich meine Ziele bei dem Projekt jedenfalls weiter geschärft. Es wird wahrscheinlich tatsächlich sehr viel einfacher werden, Erinnerungen zu erhalten, die an den Fußball gebunden sind. Für alles weitere, den Alltag drumherum, dafür müssen die Blicke der Menschen auf ihre Erinnerungen noch gelenkt werden.

Den Ruhrschnellweg mit Fußball entlanggebloggt

Wenn ich zwischen dem Blick auf eine Landkarte und dem auf die entsprechende Landschaft wählen muss, gewinnt die Landkarte. Der Blick von oben erschließt Zusammenhänge und bildet Identitäten. Wenn ich die A 40 als Ort des Still-Leben Ruhrschnellweg im Netz entlang surfe, um mir anzusehen, wer am Sonntag so dabei ist, sehe ich Stadtteile eines größeren Verbundes. Wir wissen alle, im Alltag dieser Städtelandschaft ist das keineswegs so eindeutig, und egal wieviel Kultur und Symbolik als Gemeinschaftswerk produziert wird, das alles bleibt sinnlos, ohne entsprechendes Handeln auf politischer Ebene.  Zudem frage ich mich mit meinem Blick von außen, ob es überhaupt genügend Bürger dieser Region gibt, die ein wirkliches Interesse an so einer Einheit haben.

Was mich nun nicht daran hindert, in mir selbst diese Einheit immer mal wieder intensiv wahrzunehmen. Als ich heute die A 40 entlang surfte, kamen mir bei den entsprechenden Städten auch die dazu gehörigen Blogger in Sachen Fußball in den Sinn. Als Karte habe ich so eine Ruhrgebiets-Landschaft des Fußball-Bloggens noch nicht hinbekommen. Aber anlässlich des Still-Leben Ruhrschnellweg wollte ich die Blogger doch zumindest auflisten und zur Orientierung die A-40-Still-Leben-Segemente zuordnen.

Die Zielsetzung des Literaturbüros  Ruhrgebiet aufgreifend habe ich Fußball-Blogger aufgelistet, die entweder im Ruhrgebiet leben oder Blogger, die sich dem Ruhrgebiets-Fußball thematisch widmen. Thema ging bei der Einordnung vor Wohnort. Der letzte Beitrag sollte nicht länger als zwei Monate zurück gelegen haben – Ausnahme: RWO qua Alleinstellung und Versprechen für die kommende Saison. Wer auch immer sein Fehlen beklagt, mache sich bemerkbar. Wer mehr weiß, ergänze, so er mag.

Von West nach Ost sieht das folgendermaßen aus:

Duisburg Häfen – Autobahnkreuz Kaiserberg

Ein Zebra in der Achterbahn – Der MSV Blog

Rolf das Zebra schreibt (MSV Duisburg)

Zebrastreifenblog – Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus (MSV Duisburg)

Trainer Baade

OberhausenMülheim Heimaterde

RWO-Fanblock (Rot-Weiß Oberhausen – unregelmäßig und in Verantwortung des Vereins?)

Essen Frohnhausen – Essen Kray

Im Schatten der Tribüne (Rot-Weiß Essen)

Gelsenkirchen Süd

Auswärtssieg. … is wie wennze fliechs … (FC Schalke 04)

Königsblog. Über König Fußball im Allgemeinen und Königsblau im Besonderen (FC Schalke 04)

Turnhallengeruch. Kalter Schweiß, Gummifußboden (FC Schalke 04)

Web.04. Blog (FC Schalke 04)

Schalkefan – Am Samstag um halb vier war die Welt noch in Ordnung

Bochum Wattenscheid – Bochum Werne

18:48 – Mein Blick auf den VfL Bochum und darüber hinaus

Der freie Blog der Fantastic Supporters (VfL Bochum)

Der blaue Kanal (VfL Bochum)

Scudetto – Fußball und das Leben. Ben Redelings

Dortmund Lütgendortmund – Dortmund Märkische Straße

Any given weekend (Borussia Dortmund)

Boisseree’scher Blog (Borussia Dortmund)

Hamburg Schwartz Gelb –  Über den Versuch eines Hamburger BVB-Fans Job, Fußball und Frau in Einklang zu bringen (Borussia Dortmund)

Am Sonntag dann strafe ich meinen Einleitungssatz Lügen und bevorzuge die Wirklichkeit der A 40. Am Tisch 34 im Block 8 bei km 42,2 werde ich hoffentlich viele Stimmen sammeln, die das Fan-Gedächtnis des MSV Duisburg anwachsen lassen. Der Tisch steht zu Beginn des Kreuzes Kaiserberg, und Zebra-Maskottchen Ennatz wird ebenfalls vor Ort sein. Der MSV Duisburg möchte das Projekt auf diese Weise unterstützen. Damit Besucher der A 40 ihre MSV-Erinnerung mir erzählen können, müssen sie mich schließlich erst einmal an der „längsten Tafel der Welt“ wahrnehmen.

A 40: km 42,2 – Jungfrau Jaratz kommt zum Still-Leben-Tisch

Block 8. Kilometer 42,2. Tisch 34.  Das war eines von über 20.000 Losen, die für die Tischvergabe beim Projekt der Kulturhauptstadt Ruhr.2010  Still-Leben Ruhrschnellweg gezogen wurden. Gewinnerin dieses Tisches war Tina Halberschmidt, die als Zebra in der Achterbahn ihren Tisch sogleich dem MSV Duisburg widmen wollte. Nun kamen in letzter Zeit viele Dinge für Tina zusammen, und sie bat mich irgendwann, die Verantwortung für diesen Tisch zu übernehmen. Tina hofft aber, dass sie zumindest kurz vorbeischauen wird. Wenn sie genauer weiß, wann das sein könnte, wird das auch hier zu lesen sein.

So, also, kam ich, Jungfrau Kees Jaratz,  zum Kind Tisch beim Still-Leben Ruhrschnellweg, wo „die längste Tafel der Welt zur Bühne kultureller Vielfalt der Metropole Ruhr“ wird. Betrete ich am Sonntag mal diese Bühne im Block 8, am Kreuz Kaiserberg. Doch der Unterhaltungswert von Ausdrucks-Schreiben hält sich ja in Grenzen, und Live-Blogging ist zudem höchstens für Nicht-Anwesende von einigem Interesse. Also Gespräche führen? Bestimmt! Aber nur Gespräche führen?

Zwar war die Alltagskultur zum Leitmotiv des Projekts bestimmt worden, doch ohne übergreifende Idee für den Tag war mir das zu viel Alltag und zu wenig Kultur. Schließlich kam mir nun der Gedanke, wenn ich schon Gespräch führe, dann könnte ich doch während des Gesprächs immer mal auch eine immer gleiche Frage stellen. Ich könnte jene Besucher und Autobahn-Flaneure nach einem einzigen Erlebnis fragen, bei dem der MSV Duisburg eine Rolle spielt und das sie für so erinnernswert halten, dass es aufgeschrieben werden muss.

Das „Gedächtnis der Fans“ nahm Konturen an. Auch wenn viele MSV-Fans wahrscheinlich einzelnen Spielen, Spielern oder Spielszenen ein Denkmal setzen werden wollen, so hoffe ich doch auch auf andere Erinnerungen. So eine Erinnerung könnte der Moment sein, als jemand einmal als Balljunge am Spielfeldrand stand. Vielleicht ist es aber auch die zufällige Begegnung mit einem fremden Menschen weitab von Duisburg, bei der der MSV Duisburg zu einem bis heute nicht vergessenen Tag beitrug. Wir werden sehen. Ich hoffe, an diesem Tag ensteht der Anfang vom „Gedächtnis der Fans“, ein Gedächtnis, das nach und nach nicht nur Historie des MSV Duisburg aufscheinen lassen soll sondern auch Alltagsgeschichte Duisburgs und des Ruhrgebiets. Vielleicht lassen sich all diese Stimmen irgendwann sogar verdichten zu einer einzigen Erzählung. Bis dahin werde ich mir natürlich auch noch einmal Das Echolot von Walter Kempowski angesehen haben. Vorerst aber werde ich die einzelnen Stimmen ungefiltert auf einer eigenen Seite online stellen.

Nun noch zum Sonntag: So ein Biertisch unter vielen ist leicht zu übersehen. Aber beim MSV Duisburg war man der Idee gegenüber ganz aufgeschlossen, und so kommt das Maskottchen Ennatz vorbei, auf dass Kinder etwas zu tun haben, wenn sich Eltern einfach nicht auf die eine entscheidende Erinnerung festlegen wollen. Also, wir sehen uns am Sonntag auf der A 40 ungefähr dort, wo ich mittwochs auf der Gegenfahrbahn vor der Heimreise nach Köln immer mal wieder im Stau stehe.

Ruhr-Lit-Cup 2010 – Autorennationalmannschaft tritt an

Lesungen in Schulen am Morgen und eine Gala am Abend bilden in Unna den Auftakt zum Ruhr-Lit-Cup 2010, der Fußball-Europameisterschaft der Autoren. Der Sport wird dann das erste Mal in Vorrundenspielen am Freitag betrieben. Samstag finden ab 10 Uhr das Halbfinale und die Platzierungsspiele statt. Am Abend widmen sich einige der Autoren ihrer erweiterten Kernkompetenz und geben literarische Liebeserklärungen per Lesung zum besten. Virginia Jetzt spielen dazu auf, und die Queen of Poppolitics Claudia Roth probiert aus, ob Kulturhauptstadtstalkrundenleiterinnensessel ebenso bequem sind wie RTL-Showgästesofas und Plenarsaalstühle. Das Finale und Spiel um Platz 3 finden am Sonntag ab 10 Uhr statt. Wer also am vorletzten Liga-Wochenende sich im Ruhrgebiet schon von seinem Verein enttäuscht abgewendet hat, erhält Gelegenheit sich an der von Jörg Berger gecoachten deutschen Autorennationalmannschaft zu begeistern.  Wenn ich das nun überblicke, gibt es noch nicht viele Fußballanhänger im Ruhrgebiet, für die der Ruhr-Lit-Cup eine Fußball-Alternative wäre. Und der Weg von Duisburg nach Unna ist einer der längsten, den die Metropole Ruhr zu bieten hat. Da müsste man schon ein sehr großer Crossover-Fan der Popkultur sein, um angesichts der eigenen  Enttäuschung tief im Osten Trost zu finden.

Uraufführung dieser „Abseitsfalle“ vom Theater Oberhausen

Wer als Fußballspieler in eine Abseitsfalle läuft, erhält beim nächsten Angriff seiner Mannschaft eine neue Chance, ein Tor zu erzielen. Wenn die Abseitsfalle aber auf Verhältnisse im wirklichen Leben anspielt, sieht es düster aus mit dieser neuen Chance. Dann geht es um ein dauerhaftes Abseits oder wenigstens um die Gefahr dort zu landen. In Oberhausen als einer der überschuldeten Städte des Ruhrgebiets kennen die Menschen diese Gefahr als Alltag. Jahr für Jahr sieht sich die Stadt zu neuen Sparmaßnahmen aufgefordert. Geschaut wird dann jeweils als erstes auf die freiwilligen Leistungen. Hinter diesen zwei Wörtern der Verwaltungssprache versteckt sich vieles, was ein Leben lebenswert macht. Dazu zählen Kultur, Sport und Bildung, so dass nicht selten Theaterleute und Sportler in einem Wettbewerb um kommunale Gelder stehen.

Diesen Moment des kommunalen Alltags greift Schorsch Kamerun für sein Theaterprojekt „Abseitsfalle“ auf und verwandelt ihn in eine märchenhafte Phantasie. Denn wenn die Stadt kein Geld hat, hilft mit „Arab Petrol“ vielleicht ein Sponsor aus dem Orient. Der Eigner von Arab Petrol, Herr Vorsprung genannt, weiß allerdings nicht so recht, ob er dem Theater Oberhausen oder dem ortsansässigen Fußballverein Rot-Weiß  sein Geld zukommen lassen soll. Bei einer „Vier-Chancen-Tournee“ treten deshalb an: „Team Theater“ mit Schauspielern, Pförtner und Dramaturgin gegen „Team RWO“ mit Vereinsvorsitzendem, Fans, Securitymitarbeiter und Sportjournalistem. Sie werben um die Gunst des Publikums, dessen Votum Herr Vorsprung sich zueigen machen möchte. Es ist ratsam, diese Entscheidung zum Ende der Vorstellung hin nicht spielerisch und leicht zu nehmen. Man sollte sich ihr bewusst stellen, denn darin liegt der Wert dieses Abends.

Etwa zehn Minuten dauert die Sonderfahrt mit dem Oberhausener Linienbus vom Theater der Stadt aus zur Dreifachsporthalle der Gesamtschule Osterfeld, wo die „Vier-Chancen-Tournee“ stattfindet. Auf dem Hinweg erfahren wir durch die Schauspielerin Anna Polke, wie die Industriearbeit aus Oberhausen verschwand und dass Europas größtes Einkaufszentrum stattdessen als „Neue Mitte“ für die Identität dieser Stadt wichtig ist. Die Wirklichkeit soll an diesem Abend nicht vergessen werden.

Es ist ein ungleicher Wettbewerb, der dann in Osterfeld stattfindet, nachdem das Publikum auf den Ausziehtribünen der Sporthalle Platz genommen hat. Zwar steht der RWO-Vorsitzende Hajo Sommers als Schauspieler auch auf anderen Theaterbühnen, doch seine Mitstreiter im „Team RWO“ sind Laien. So geht es für das Team RWO weniger um künstlerischen Ausdruck als um authentische Präsenz von Menschen, in deren Leben Fußball von Bedeutung ist. Da werden dann Fußballersprüche vorgelesen. Da wird ein Bild im Keith-Haring-Stil gemalt. Oder zur Vorstellung des neues Vereinslogos wird die von Schorsch Kamerun geschaffene Oberhausen-Hymne eher gerappt als gesungen sowie eine Cheerleader-Choreografie wird dazu getanzt. King Lear im „volksnahen“ Stil bildet den Abschluss dieser ersten Halbzeit.

Team RWO malt im Stil von Keith Haring ein Gastgeschenk für Arab Petrol. Auf der Leinwand ist eine Videoprojektion zu sehen von der gleichzeitig stattfindenden Aufführung einer Szene aus „King Lear“ durch das Team Theater.

Foto: Axel J. Scherer

Zeitgleich beginnen beide Teams in zwei der drei Querfelder der Sporthalle mit ihren Darbietungen und bald nach Beginn senkt sich eine Faltwand zwischen den beiden Hallenteilen herab. Erst in Halbzeit zwei wird man, nach einem Wechsel der Tribünenseite, vom jeweils anderen Team in Gänze sehen, was als Videoprojektion manchmal im Hintergrund auf eine große Leinwand eingespielt wird.

Das „Team Theater“ agiert selbstverständlich in professioneller Weise. Auch wenn die Darbietungen dabei den Anschein von Arbeitsproben annehmen, machen die Schauspieler Qualität und Möglichkeiten ihrer Kunst erlebbar. Da wird jene  Szene aus King Lear in klassischer Sprechtheatermanier gegeben, wobei die an Stars-Wars-Filme erinnernden Kostüme den Kontrapunkt Moderne bilden. Da wird Actionpainting per Gruppenaktionskunst persifliert. Da wird die Oberhausen-Hymne vom Männerchor gesungen, während die Schauspieler, maskiert als Kulturklassiker und Feuilletonstars der Gegenwart einen Ausschnitt des Kulturkanons auf die Bühne bringen.

Marek Jera spielt den „Prinz“, der den potentiellen Sponsor „Herrn Vorsprung“ vertritt und der als Spielleiter den Wettbewerb begleitet.

Foto: Axel J. Scherer

Auch wenn es in der Vorberichterstattung so angedeutet wurde, „Abseitsfalle“ kritisiert keineswegs Auswirkungen möglichen Sponsorings. Dazu geht das Stück nicht tief genug in die Wirklichkeit solcher Finanzierungsquellen. Da bewegt sich der Abend auf der Ebene bekannter Gags aus Comedy- und Kabarett-Zusammenhängen, wenn die Darbietung selbst sponsorgerecht inszeniert wird und während der Übergänge per Großleinwand der tatsächlich existierende lokale Sponsor präsentiert wird.

Klaus Zwick als Mitglied im Team Theater tritt als „King Lear“ auf. Im Hintergrund warten zwei seiner Töchter, gespielt von Annika Meier und Nora Buzalka.

Foto: Axel J. Scherer

Wenn wir der Prämisse des Stück vertrauen, so leben wir noch in zivilisierten Zeiten. Noch scheint es den Glauben an wirksame Verfahren der Entscheidung zu geben. Zumindest hält der Glaube bis zum Ende an, wenn sich Herr Vorsprung dann doch per Telefon als wahrer Machthaber erweist und mit einem Mal die Ökonomie als Entscheidungsgrundlage entdeckt.  Sonst deutet der Text des Stückes aber nirgendwo an, was da als heftigerer Verteilungskampf noch kommen mag. Da ist der Zuschauer auf sich gestellt und muss in sich selbst spüren, was passiert, wenn er sich auf den Wettbewerbsgedanken dieses Stückes wirklich einlässt. Nimmt der Zuschauer seine Macht als Juror ernst, bewegt der Abend.

„Abseitsfalle“ braucht nicht den Überbau einer kritischen Aussage, wie sie in der Pointe des Ende angelegt ist. Herr Vorsprung meldet sich telefonisch und setzt sich über das vermeintliche Publikumsvotum für das Theater Oberhausen hinweg. So eine Pointe macht nur jene Schublade mit Fragen auf, die von dem Stück nur unzulänglich behandelt werden. Es wäre nicht nötig gewesen. Es langt, die Zuschauer mit dem Gefühl alleine zu lassen, sich entscheiden zu müssen. Es reicht aus,  das Publikum vor die Wahl zu stellen, was wichtiger ist für die Stadt, für die Allgemeinheit und letztlich vielleicht nur für einen selbst. In dem Moment wirkt dieses Theaterstück in die Wirklichkeit hinein. Das aber muss man als Zuschauer zulassen.

Weitere Vorstellungen:

25. und 27. März 2010
13. und 29. April 2010
4., 14., 15. und 19. Mai 2010

Theater Oberhausen: Abseitsfalle von Schorsch Kamerun

Heute Abend werde ich mir eine Abseitsfalle auf der Bühne ansehen. Schorsch Kamerun hat sie für das Theater Oberhausen einstudieren lassen. Die Grundidee des Stücks: Rot-Weiß Oberhausen und das Theater der Stadt treten gegeneinander an, um einen reichen Investor zu überzeugen, das so sehr vermisste Geld fließen zu lassen.

Die Wirklichkeit schlägt sich schon in der Besetzung des Stückes nieder, wenn Hajo Sommers, Schauspieler und Vorsitzender von Rot-Weiß Oberhausen, als Vertreter seines Vereins auch auf der Bühne zu sehen ist. Ich bin neugierig, wie dieses Stück noch weiter seine Bezüge zur Wirklichkeit findet.

Zunächst kam mir der Gedanke, in der Realität gibt es den öffentlich wirksamen Wettstreit um allerdings kommunale Gelder ja eher zwischen den Sparten Kultur/Bildung, Jugendhilfe und Breitensport. Zumindest waren das in Duisburg die drei gesellschaftlichen Bereiche, deren Vertreter angesichts der angedrohten Sparmaßnahmen jede für sich zum Protest im Rathaus vorgesprochen haben. Mal sehen, wie es wird heute Abend. Spätestens übermorgen wisst auch ihr dann mehr.

Team RWO mit Schildträger Hajo Sommers (Foto: Axel J. Scherer)

Weitere Vorstellungen sind:

Donnerstag, 25. März, 19.30 Uhr
Samstag, 27. März, 19.30 Uhr
Donnerstag, 29. April, 19.30 Uhr


JETZT IM BUCHHANDEL
Die berührende, oft komische und tief emotionale Geschichte über ein Leben in Duisburg mit dem MSV

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: