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In eigener Sache: Lesung am 18.3. um 20 Uhr in Ruhrorter Galerie RuhrKUNSTort

Welche Texte genau ich am nächsten Samstag für die Lesung in Ruhrort auswählen werde, weiß ich noch nicht. Sicher werden Texte mit dabei sein, in denen es um Fußball geht. Wenn es sich ergibt, werde ich in meine Schreibwerkstatt blicken lassen. Wahrscheinlich wird es dabei dann auch um „Mehr als Fußball“ gehen , dem Buch über die Energie in Duisburg, als im Sommer 2013 die Existenz vom MSV Duisburg bedroht war. An Prosa über Ruhrort denke ich noch, an den Sound und die Komik von Lyrik und an Worte über die Ruhrstadt, also das Ruhrgebiet als identitätsstiftender Bezug für die Menschen der einzelnen Städte in der Region. Und eins ist ebenfalls sicher: Ich freu mich auf euch.

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Akzente inoffiziell: Ruß von Feridun Zaimoglu und die Ruhrstadtidentität

Wie im letzten Jahr begleite ich die 37. Duisburger Akzente mit einem inoffiziellen Programm. In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“.

russ_zaimogluIn diesem Jahr gehörte zum Akzente-Programm eine Lesung von Feridun Zaimoglu, zu der es in der Rheinischen Post einen kurzen Bericht gibt. Zaimoglu selbst hat anscheinend von „Heimkehr“ gesprochen, wohnte er zur Recherche seines Duisburg-Romans „Ruß“ doch einige Zeit in der Stadt. Dieser Duisburg-Roman hat mich schon mehrmals beschäftigt, weil die Rezeption gerade direkt nach der Veröffentlichung für mich viel über Selbstbild und Selbstbewusstsein der Ruhrstadt verrät.

In der Zeit während der Arbeit am Roman hatte ich ein Interview mit Feridun Zaimoglu gesehen. Er sprach davon, dass ihn  “Revierkitsch” nicht interessierte, sondern “echte Menschengeschichten” in einer Stadt, in der die Epoche der Industriealisierung nicht vollends museal aufbereitet sei. Ihm ginge es um die Gegenwart. So hatte ich ihn verstanden. Er wollte nicht über eine hippe Szene schreiben, sondern eine „deutsche Arbeitersaga“.

Richtig nah ist er diesem „herben“ Arbeitermilieu aber nicht gekommen. Zum einen verknüpft er eine bemühte Kriminalhandlung mit dem Blick auf die Wirklichkeit des Ruhrgebiets. Zum anderen bekam ich bei der Lektüre das Gefühl, in eine Welt der 60er Jahre einzutauchen. Eigentlich waren seine Hauptfiguren Männer meiner Generation, doch wenn er sie sprechen ließ, hatte ich immer das Gefühl, meinen Großeltern zuzuhören.

Das mag für Leser und Kritiker ohne Anbindung ans Ruhrgebiet keine Rolle spielen. Für mich ist es eines von vielen Zeichen, dass Feridun Zaimoglu eine Kunstwelt geschaffen hat, mit der er seine  eigenen formulierten Ansprüche sicher nicht eingelöst hat. Er nimmt seine Wirklichkeit des Ruhrgebiets als Material, um sich vom alltäglichen Sprechen zu entfernen und zu versuchen, eine Kunst-Sprache zum Klingen zu bringen. Das macht die Lektüre stellenweise anstrengend und die Geschichte verschwindet zudem immer wieder hinter dieser Sprache. Der Klang der Sätze schiebt sich in den Vordergrund. Eine bedrückende Atmosphäre gelingt ihm so. Eine Balance zwischen Handlung und einer notwendigen Sprachform entsteht für mich  nicht.

Im Ohr hatte ich immer noch “echte Menschengeschichten” des Interviews, die er hat schreiben wollen. Was die Figuren erleben, wirkt zwar grundsätzlich gegenwärtig, doch gleichzeitig kommt mir die Handlung wie eine manieristische Anstrengung vor. Letztlich lese ich dort nichts über die „raue“ Gegenwartswirklichkeit Duisburgs. Zugespitzt formuliert sehe ich nur den Kunstwillen des Kulturbetriebs in einem Roman, der mir zudem zu oft zu sehr nach Vergangenheit klingt. Kurzum, ich erkenne all das nicht, worauf mich Feridun Zaimoglu neugierig gemacht hat.

Bezeichnenderweise lese ich im oben verlinkten RP-Bericht das klare Urteil vom misslungenen Roman zum ersten Mal. Die überregionalen Medien waren da sehr viel nachsichtiger. Mir geht es aber gar nicht unbedingt um ein klares Urteil. Mir geht es überhaupt um Debatte, die eben nicht stattgefunden hat. Eine Debatte, in der die literarische Wertung ohne den Blick auf die Ruhrstadtidentität nicht ausgekommen wäre. Denn Zaimoglu hatte ja den Anspruch formuliert einen Roman zu schreiben, in dem er sich einer zentralen Identitätsfrage der Region hatte annehmen wollen. Was wird aus der Arbeiterwirklichkeit dieser Region, aus der das Ruhrgebiet seinen Stolz gezogen hat? Wo findet die gegenwärtige Ruhrstadt Identität, wenn diese Arbeiterwirklichkeit untergeht, an den meisten Orten untergegangen ist?

Der Roman bekam seine Geschichte in den Medien des Ruhrgebiets ohne diese Fragen. Schließlich wird die Region nicht oft zum Thema in Romanen bundesweit renomierter Autoren. Es gab Rezension und reportageartige Berichte über den Aufenthalt Zaimoglus im Ruhrgebiet. Man durfte geschmeichelt sein, weil der Autor nicht mit Lob sparte über diese von ihm als untergehend wahrgenommene Arbeiterwirklichkeit. Ob die Imagebeobachter der Ruhrstadt grimmig die Augen gerollt haben? Was für eine Steilvorlage für eine Debatte zur Ruhrgebietsidentät. Sie wurde verpasst.

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Akzente inoffiziell: Der Sportplatz des Ruhrorter TV als Keimzelle vom EuroPortsCup

Wie im letzten Jahr begleite ich die 37. Duisburger Akzente mit einem inoffiziellen Programm. In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“. Wie das diesjährige AkzenteMotto als gelebte Geschichte erkennbar wird, zeigt sich an einem vielleicht ungewöhnlichen Ort in Ruhrort, dem Sportplatz des Ruhrorter TV. Dieser Sportplatz mit einer seiner Geschichten ist einer der “111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss”. Der Text ist diesem 2012 erschienenen Buch entnommen.

Der Sportplatz Ruhrorter TV
Gestern Zeltplatz, heute Festsaal

Der Ruhrorter Verteilerkreis am Rand des Stadtteils liegt in fast jeder Himmelsrichtung nah am nächsten Hafengewässer. Ruhrort besaß nicht viel Platz zur Ausdehnung. Klein blieb so der Stadtteil, dessen Geschichte an vielen Ecken spürbar ist. In der letzten Zeit entdeckten Künstler und Kulturschaffende dessen Reiz. Ob das Hoffnungswort vom Kreativquartier sich weiter mit Leben füllt? Hafen – der weckt Bilder einer intensiven Wirklichkeit, und er könnte Motor dafür sein.
Genauso wie der Hafen auch die Freizeitfußballer im Ruhrorter Turnverein, RTV Staubwolke, und die vom VfvB Ruhrort/Laar, die »Amtsschimmel«, auf eine Idee mit andauernden Folgen brachte. »Hafenturnier« nannten sie die Fußballveranstaltung für Freizeitmannschaften europäischer Hafenstädte zu Pfingsten 1984. Gegner kamen aus Amsterdam, Basel und Bremen, und die Verhältnisse waren bescheiden. Übernachtet wurde in Zelten auf dem Sportplatz.
Inzwischen heißt das jährlich in wechselnden Hafenstädten stattfindende Turnier »EuroPortsCup«, zu dem Bürgermeister vor Ort, ob in Hamburg, Bergen oder Malmö, Eröffnungsreden halten. Es wird mit zwei Jahren Vorlauf geplant, und Festbankette stehen auf dem Programm. 12 bis 14 Mannschaften nehmen in der Regel teil, die Wirtschaftslage bestimmt, welche. Denn fast alle sind nun Betriebsmannschaften von Reedereien oder von Hafenbetreibern wie Duisburgs »duisport« und werden von den Arbeitgebern gesponsert. RTV Staubwolke blieb als einzig unabhängige Freizeitmannschaft übrig, auch weil der Spielergenerationenwechsel meist unproblematisch verlief.
Und warum Staubwolke? Der Ascheplatz des Ruhrorter TV, auf dem sich 1977 die noch jugendlichen Fußballer erstmals trafen, besaß einen Unterboden aus Trümmerschutt des Zweiten Weltkriegs. Der wurde zu einer solch wirksamen Drainage, dass die oft dichten Staubwolken den Ball nicht mehr erkennen ließen – im Pott nicht selten.

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Akzente inoffiziell: MS Franziska bringt 1978 TV-Deutschland die Binnenschifffahrt ins Haus

Wie im letzten Jahr begleite ich die 37. Duisburger Akzente mit einem inoffiziellen Programm. In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“.

Noch bevor 1981 die erste Schimanski-Folge Ruhrort und damit Duisburg endgültig zum selbstverständlichen Handlungsort eines fiktionalen TV-Geschehens machte, nutzte schon 1978 die TV-Serie MS Franziska das erzählerische Potential von Duisburg und dem Ruhrorter Hafen als Teil der Binnenschifffahrtswelt. Regie führte Wolfgang Staudte, die Bücher hatte Heinz Oskar Wuttig geschrieben. Die ARD richtete mit der Erstausstrahlung der Serie seinerzeit den Montagabend als neuen Seriensendeplatz ein.

Wie sehr für mich die Welt der Binnenschifffahrt grundsätzlich mit meiner Ruhrorter Hafenwelt verschmolzen war, seht ihr daran, dass in meiner Erinnerung die gesamte Serie ihren Handlungsschwerpunkt in Duisburg besaß. Was nicht stimmt. Zwei Folgen nur spielen in Duisburg. Ein Binnenschiff liegt nun mal nicht vornehmlich vor Anker, sondern es ist in der MS-Franziska-Welt auch mal auf dem gesamten Rhein unterwegs.

Mit dem Anfang der ersten Folge sehen wir die MS Franziska im Mittelrheintal, und ein Grundkonflikt der Serie wird etabliert. Der von Paul Dahlke gespielte Binnenschiffer im Rentenalter Jakob Wilde ist ganz Patriarch alter Schule. Er glaubt weiterhin auf die Anforderungen des Lebens die besseren Antworten zu haben als seine Söhne. In dieser einführenden Szene geht es natürlich um die grundsätzliche Fähigkeit eines Binnenschiffers, das Steuern des Frachtschiffes, das er seinem von Ulrich von Dobschütz gespielten Sohn Paul in einer Gefahrensituation aus der Hand nimmt.

Die Folge 2, Zum Grünen Hahn, spielt vor allem in Ruhort und Homberg. Die MS Franziska liegt in Ruhrort vor Anker. Jakob und Paul warten auf einen lukrativen Frachtauftrag. Das Alltagsleben in der Binnenschifffahrt wird mit Fahrtauglichkeitsprüfung von Jakob und den Begegnungen mit dem Hafenpastor erzählt. Zudem beginnt für den von Jochen Schroeder gespielten Enkel Jakobs, Niko Wilde, ein zehnwöchiger Lehrgang auf dem im Homberger Eisenbahnhafen liegenden Schulschiff Rhein.

In der Folge 4, Probefahrt, liegt die MS Franziska mit einem Motorschaden in Duisburg fest. Dramatik erhält die Folge durch den Blinddarmdurchbruch von Paul. Für ihn muss Jakob einen Ersatz suchen muss, als er für die MS Franziska einen Frachtauftrag erhält.

Bei Wikipedia gibt es hauptsächlich die inhaltliche Zusammenfassung der einzelnen Folgen. Zusammen mit dem Episodenguide bei Fernsehserien.de erhält man ein gutes Bild vom Handlungsgeschehen.

Auf der Seite TV-Nostalgie gibt es Ausschnitte aus einem Interview, das der Seitenbetreiber mit dem Komponisten der Filmmusik, Peter Schirmann, geführt hat.

Sämtliche Folgen finden sich auf YouTube

 

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Akzente inoffiziell: Rheinlied II – Der Rhein und Deutsche Stämme von Kurt Tucholsky

Wie im letzten Jahr begleite ich die 37. Duisburger Akzente mit einem inoffiziellen Programm. In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“. Eine Gelegenheit zu einem Hafenfilm-Special.

Mir ist gar nicht klar, wie gegenwärtig Kurt Tucholsky bei jüngeren Lesern überhaupt noch ist. Für meine Generation gehörte diese Stimme der Weimarer Republik zum literarischen Kanon. Sein fortwährendes publizistisches Engagement für ein demokratisches Deutschland und gegen den bornierten Nationalismus seiner Gegenwart weckte den Hass der Nazis und machte ihn zum verachteten Linksintellektuellen in ultrakonservativen Kreisen. Er war aber nicht nur Beobachter der politischen Zustände der Weimarer Republik. Ihm ging es immer auch um den gesellschaftlichen Boden für diese Zustände. Als Theobald Tiger hat er im Sommer 1927 die Rheinlied-Begeisterung in Deutschland mit folgendem Liedtext kommentiert.

Der Rhein und Deutsche Stämme

Es fließt ein Strom durch das deutsche Land,
drin spiegeln sich Schlösser und Zinnen;
er ist in den deutschen Gauen bekannt,
kein Refrain kann demselben entrinnen.

Und alle Romantik hat hier ihr Revier,
und je lauter das Rheinlied, je kälter das Bier
der kleinen und großen Verdiener.
Zum Beispiel so der Berliner:

»Ein rheinischet Meechen – beim rheinischen Wein –
Ja, Donnerwetter nich noch mal!
Na, det muß ja der Hümmel auf Erdn sein –!
Wat, Lucie –?«

Wer Lieder für Operetten schreibt
aus Prag, aus Wien und aus Bentschen –:
den Rhein möcht ich sehn, der da ungereimt bleibt –
es sind halt geschickte Menschen!

Und was sie dichten, ganz Deutschland grölts,
von Aachen bis Dirschau, von Kiel bis nach Ölz;
wo nur Treue und Weinbrand wachsen.
Zum Beispiel so unsere Sachsen:

»Ein rheinisches Mädchen – beim rheinischen Wein –
Nu heere mal, Agahde, was hasdn dn
Krachenschonr nich midgenomm? ’s is doch
so giehle uffm Wasser?
Diß muß ja der Himmel auf Erden sein!
Eicha … !«

Im Rhein, da quillt unsere Mannesbrust,
da liegen dicke Tantiemen;
und befällt den Deutschen die Sangeslust:
hier kann er das Ding unternehmen.

Es reimt sich der Rhein
auf Schein und auf Sein
und auf mein und auf dein,
auf Jüngferlein, Stelldichein, Gänseklein…

Und ist auch zerklüftet das Deutsche Reich:
im Moorbad der Lyrik verstehn sie sich gleich.
Viel schneller als bei Richard Dehmel.
Zum Beispiel so jener aus Memel:

»Äin rhäinisches Mädchen – bäim rhäinischen Wäin –
äi, das muß ja der Himmel – auf Erden säin –
Wäißt, wenn dir der Wäin nich schmeckt,
jieß noch ’n kläin Schnapsche räin! –
Äi, das muß ja der Himmel auf Erden säin –!
Oder mäinst näin –?«

So ist der Rheinstrom ohne Fehle,
das Familienbad der deutschen Seele.

 

Bei Youtube findet sich mit einem Klick weiter eine mit dem Suchbegriff „Rheinlied“ gefundene Auswahl solcher Rhein-Weib-und-Gesang-Lieder.

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Akzente inoffiziell: Der Ruhrorter Hafen im Bewegtbild

Wie im letzten Jahr begleite ich die 37. Duisburger Akzente mit einem inoffiziellen Programm. In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“. Eine Gelegenheit zu einem Hafenfilm-Special.

Ein Zusammenschnitt alter Filmaufnahmen aus den 1920er und 1930er Jahre, die dank Wilfried Krüssmanns VideoDu.de bei YouTube zu finden ist.

 

Eine Dokumentation aus dem Jahr 1955

 

Noch einmal öffnet Wilfried Krüssmann sein Archiv mit einem PR-Film des Hafens, der wohl in den 1980er Jahren entstanden ist.

 

Der Gegenwart nähern wir uns mit den Hafenimpressionen von Wilfried Krüssmann.

 

Der WDR hat 2015 die Dokumentation „Geheimnis Duisburger Hafen“ gezeigt. Ich vermute, der Clip war zunächst Programmhinweis.  Die gesamte Doku wurde bei YouTube ebenfalls hochgeladen – nicht vom WDR. Mal sehen, wie lange sie online ist.

 

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Akzente inoffiziell: Niederrhein von Willy Bartock

Wenn etwas zum zweiten Mal im Zebrastreifenblog geschieht, beginnt der Kölner in mir schon von unserer schönen Tradition zu sprechen. Wie im letzten Jahr begleite ich die 37. Duisburger Akzente mit einem inoffiziellen Programm. Ob ich tatsächlich jeden Tag etwas bieten kann, werden wir sehen. In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“.

Um den in Hamborn geborenen Lyriker und Dramatiker Willy Bartok einzuordnen, wird schnell das Etikett Arbeiterdichtung hervorgeholt. Die enge Thematik Arbeitswelt wird aber nur einem Teil seines Werks gerecht, auch wenn  er sich in den 1960er Jahren dann institutionell u.a. mit seiner Mitgliedschaft bei der Gruppe 61  für eine Literatur einsetzte, in der die Wirklichkeit der Industriearbeit einen Platz fand.

Sein 1963 erschienenes Gedicht „Niederrhein“ zeigt nun nicht die Wirklichkeit der Arbeitswelt, sondern die umweltverschmutzenden Folgen der Industrie. Rhein-Romantik war früher.

Niederrhein

Ich will dir
kein verlogenes Loblied mehr singen.
Dein geborgtes Sonnenlicht
soll mich nicht mehr blenden,
dein Reichtümer schleppender Buckel
mich nicht mehr bestechen.

Du bist weit gekommen. Du bist tief gesunken.
Du kamst von heiteren Weinhöhen
und sankst in dumpfe Niederung.
Die Dome und Burgen sind längst
entsetzt stehengeblieben.
Schwefelrauchend, rußrülpsend und ölkotzend
drängen sich Kamine, Waschtürme
und mannsdicke Rohre
an deinen betäubten Strand.

Den toten Fischen will ich einen Nachruf spenden,
die verreckten an dem Gebräu,
das du rechts und links deiner Straße
aus zahllosen Abwässerkanälen säufst.
Deine letzten Töchter, Ruhr, Emscher und Lippe, kriechen,
von dauernder Schändung ermüdet,
in dein schmutziges Altenbett.

Du wehrst dich nicht mehr,
Gewaltiger, Vergewaltigter, Vergifteter.
Deine Sommer stinken zum Himmel.
Deine Winter sind ätzend traurig.
Du benimmst mir den Atem.
Das Meer sträubt sich, dich zu empfangen.
Sogar in Selbstmörderkreisen
verlierst du jeden Kredit:
Wer – wenn er schon sterben will –
will in einer Kloake ersaufen . .

 

 

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Akzente inoffiziell: Von deutsch-französischer Nachkriegsfreundschaft

Wenn etwas zum zweiten Mal im Zebrastreifenblog geschieht, beginnt der Kölner in mir schon von unserer schönen Tradition zu sprechen. Wie im letzten Jahr begleite ich die 37. Duisburger Akzente mit einem inoffiziellen Programm. Ob ich tatsächlich jeden Tag etwas bieten kann, werden wir sehen. In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“.

Die folgende kurze Erinnerung an die Anfänge des Basketballs in Duisburg ist dem Buch 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen entnommen. Im Ruhrorter Hafen arbeiteten kurz nach dem 2. Weltkrieg Männer aus Frankreich und Deutschland in derselben französischen Spedition. Aus Kollegen wurden Freunde. Die jahrzehntelange Feindschaft zwischen beiden Nationen wurde nicht mehr vererbt. Aus Ferne war Nähe geworden. Im Ruhrorter Hafen wurde etwas gelebt, was als Hoffnung für beide Nationen erst später auf politischer Ebene zum Ausdruck gebracht wurde.

Der Basketballfreiplatz am Ruhrdeich
Von deutsch-französischer Nachkriegsfreundschaft

Als 1950 der französische Außenminister Robert Schuman dem Misstrauen zwischen Frankreich und Deutschland mit der Vision eines gemeinsamen Wirtschaftens begegnet, dachte er noch nicht an Freundschaft. In Ruhrort ist das damals schon anders. Jene Freundschaft, die dann 13 Jahre später Konrad Adenauer und Charles De Gaulle mit dem Élysée-Vertrag endgültig vertiefen wollen, ist in dem Hafenstadtteil schon bald nach dem Krieg gelebter Alltag für junge Franzosen und Deutsche.

Der Basketball vereint diese Männer. Bei den Franzosen ist der Sport beliebt, und die jungen Ruhrorter finden das in Deutschland noch exotisch wirkende Mannschaftsspiel interessant. Eine Art Betriebssportgruppe entsteht. Denn alle diese jungen Basketballer arbeiten bei der französischen Staatsspedition Compagnie Générale Du Rhin. Allerdings fehlt ihnen ein richtiges Basketballfeld. An eine Sporthalle ist gar nicht erst zu denken.

Da trifft es sich gut, dass der Platzwart der Tennisanlagen des VfvB Ruhrort/Laar in dem Schifffahrtsunternehmen nach Arbeit fragt. Neben diesen Tennisanlagen am Ruhrdeich gibt es eine Brachfläche. Der Franzose Jean Amiot wird zur treibenden Kraft bei der Anlage des Basketballplatzes. Mit Spaten und anderem Gartenbaugerät wird eine plane Fläche hergerichtet, Sträucher werden gerodet, grobe Steine beiseite geräumt. Die Bretter für die Basketballkörbe werden im Schifffahrtsunternehmen gezimmert. Als zwei Jahre später die jungen Männer Meisterschaftsspiele bestreiten wollen, erhält der VfvB Ruhrort/Laar, vormals nur für Fußball und Tennis eine Adresse, offiziell eine Basketballabteilung.

 

 

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Akzente inoffiziell: Ruhrort 1988 – Lyrische Beobachtung zum Strukturwandel

Am Spieltag fehlt mir die Zeit für Neues. Deshalb gibt es im Programm heute eine Wiederaufführung aus dem letzten Jahr: Als ich das Gedicht in den 1980ern schrieb, konnte ich das nur als Ralf Koss machen. „Kees“, „Jara“  und „-tz“ kannte ich nur von den Namen der MSV-Spieler einer vergangenen erfolgreichen Zeit her. Gerade erst hatte das Ruhrgebiet begonnen, seine Industriearchitektur als Kulturgut zu entdecken. Der RVR, der Regionalverband Ruhr, hieß noch KVR, Kommunalverband Ruhrgebiet, und erste Reisegruppen waren in der Ruhrstadt unterwegs. Wahrscheinlich kamen sie meist auch aus der Ruhrstadt.

 

Zu neuen Ufern – Duisburg-Ruhrort 1988

Die Reisegruppe auf der Mühlenweide: 30 Minuten Zeit.
Man betrachtet Rhein, Hafenmund, die Homberger Brücke
Fotoapparate werden entladen.
„Der ist breiter als ich dachte“, ist zu hören.
Derweil fühlt sich ein Pärchen allein.

Und am gespundeten Ufer brechen sich die Wellen.
Wer hätte das gedacht?
Ursache: Wind und Schiffe auf dem Rhein.
Heute ist es eine offene Frage, wo passt das hinein?
Der Mensch macht Wirklichkeit und denkt.
Noch zehn Minuten Zeit.
Etwa das Pärchen: So was wie Strand,
dort Hand in Hand, der Rest: geschenkt.

Die Masse aber folgt der KVR-Information.
Denn Diesel stinkt in Andeutungen hier rum.
Wenn zudem noch hochglanzfarbene Kräne kreischten.
Fünf weitere Minuten Imagination.
Das Pärchen: Extrawurst.
Jemand murmelt: „Auf eine eigene Weise interessant.
Früher hat man das alles doch gar nicht gekannt.“
Deshalb gibt es Reiseleiter. Der beantwortet Fragen.

Nur Ignoranten werden hier vorübergehen.
Dann die Ermahnung: Weiter. Tross zum Bus.
Der Bergbau weiter östlich wartet.
Eine Stunde vorgesehen: Zeche Zollern.
Mühlenweide abgehakt.
Rentner jeden Alters wieder unter sich.
Einer hat eine Meinung: „Dat sind Zeiten.
Statt Aabeit hamma Seenswüadichkeiten.“
Allgemeines Nicken. Kurzes Schweigen.

 

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Akzente inoffiziell: Nordseestadt Ruhrort

Wenn etwas zum zweiten Mal im Zebrastreifenblog geschieht, beginnt der Kölner in mir schon von unserer schönen Tradition zu sprechen. Gestern Abend sind im Landschaftspark Nord die  37. Duisburger Akzente eröffnet worden. Wie im letzten Jahr werde ich versuchen, das Kulturfestival mit einem inoffiziellen Programm zu begleiten. Ob ich tatsächlich jeden Tag Programm bieten kann, werden wir sehen. Ich weiß es noch nicht.

In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“. Duisburg als den Hafen erweiternden Namenszusatz klingt fremd für mich, der ich in Ruhrort die ersten elf Jahre meines Lebens verbracht habe. Der Hafen war meine Welt, und die lag nun einmal in Ruhrort. Bühne frei für den Auftakt des inoffiziellen Akzente-Programms im Zebrastreifenblog.

Nordseestadt Ruhrort

Meine ersten Lebensjahre habe ich in Ruhrort verbracht. Dort bin ich in den Kindergarten gegangen, pumpte im Hafenmund, jedes Mal aufs Neue begeistert, Wasser aus den Handpumpen am Leinpfad und wartete im Hochsommer meist vergebens auf dem Hanielspielplatz, dass das Wasser aus den Spritzdüsen der Klettergerüste spritzte. Von der Geschichte Ruhrorts erfuhr ich in Heimatkunde auf der Grundschule Homberger Straße, und ich habe mir nicht vorstellen können, dass die Kinder anderer Stadtteile etwas wie “Heimatkunde” überhaupt brauchten. Was sollten die lernen, wenn der Stadtteil keinen Hafen hatte? Alles andere war doch uninteressant und ohne besondere Bedeutung. Der Hafen war meine Welt. Wenn ich etwas malte, waren das Schiffe. Immer wieder Schiffe.

Der Blick von der Mühlenweide den Rhein hinunter, das war mein Blick auf die Nordsee. Selbst die größten Dinge wurden rheinabwärts ganz klein. So etwas gab es in keinem anderen Teil von Duisburg, so dachte ich. In anderen Stadtteilen versperrten Häuser die Sicht und alles Große verschwand hinter der nächsten Ecke. Der Zutritt zu den großen Werksgeländen war sogar verboten. Im Ruhrorter Hafen lagen die Dinge offen. Schiffe waren beim An- und Ablegen zu beobachten. Abgedeckte Planken gestatteten Blicke in die Bäuche eines jeden Lastschiffs. Die Kräne als riesige Vögel mit großen gefährlichen Schnäbeln auf der anderen Seite des Hafenbeckens verlangten Respekt. Ich konnte mir selbst ein Bild von ihnen machen anders als von den Hochöfen, die auch gefährlich sein mussten. Der Vater meines Patenonkels war auf der „Hütte“ tödlich verunglückt.

Schon der Wohnort meiner Großeltern, Meiderich, war für mich im Gegensatz zur Nordseestadt Ruhrort ein staubiges Wüstendorf tief im Landesinneren, dessen Einwohner ich bedauerte. Ich fragte mich, wieso das vom Rhein noch entfernter gelegene Oberhausen im Rheinland liegen sollte. Immer wieder las ich dieses Wort rätselnd auf dem Bahnhofsschild im Oberhausener Hauptbahnhof. Als Kind aber nimmt man die verwunderlichsten Aussagen von Erwachsenen einfach hin. Nach dem Essen von Obst darf man nichts trinken etwa. Unzählige Male habe ich mich nicht an diese damalige Grundregel erwachsenen Lebens gehalten und nichts passierte. Da kam es auf eine Ungereimtheit mehr auch nicht an.

Ich selbst wusste es besser. Ruhrort, das war die einzige lichte Welt des Wassers in dieser Gegend.

 

Für die zukünftigen Leser schon der Hinweis: Mit einem Klick weiter zu allen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms im Zebrastreifenblog.


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