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Auch erwartete Niederlagen vermiesen die Laune – nur kürzer

Die Niederlage gegen den SC Freiburg ist in meinem Klassenerhaltsszenario einkalkuliert gewesen. Was mich natürlich nicht daran hinderte, auf einen anderen Ausgang des Auswärtsspiels zu hoffen. Verstohlen hatte ich auf die zu vergebenden Punkte geschielt und zugleich an das 2:2-Unentschieden der Freiburger in Braunschweig gedacht, nach einem Rückstand von 0:2. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die spielstarken Freiburger sich ein zweites Mal die Aufstiegsstimmung trüben lassen wollten. Ich hoffte dennoch und mit mir das überfüllte „Ostende“ in Duisburg.

Schon die ersten Spielminuten dämpften allerdings meine Erwartungen. Der SC Freiburg wirkte weitaus stabiler in allen Mannschaftsteilen als die Nürnberger vor 14 Tagen. Nach etwa fünfzehn Minuten Spielzeit war für mich ein Unentschieden das Glück verheißende Ziel, für das der MSV aber auch eben viel Glück gebraucht hätte. Sicher, die Defensive der Zebras stand bis dahin sicher, doch die Freiburger gaben sich keinerlei Blöße. Souverän und früh wurde jede offensiv gemeinte Spielaktion des MSV unterbunden. Ruhig, zugleich im Tempo variierend wurde das eigene Offensivspiel aufgezogen. Noch wurde es vor dem Tor des MSV nicht wirklich brenzlig, doch wie oft der Ball in halbgefährliche Zonen der MSV-Defensive gebracht werden konnte, machte mir keine Freude. Nur durch große gemeinsame Anstrengung der MSV-Defensive konnten etwa Angriffe durch die Mitte aufgehalten werden. Zwei, drei Defensivspieler brauchte es manchmal um einen einzigen technisch starken Angreifer der Freiburger aufzuhalten. Der alternative Weg über die Flügel wurde ebenso versucht. Zwingend wurden die einzelnen Aktionen weiterhin nicht.

Wenn dann aber zum individuellen Können schnelles Passspiel hinzu kommt, reicht auch die konzertierte Defensivaktion nicht mehr. Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass jemand zu spät für das Grätschen ohne Foul kommt. Gegen diese MSV-Defensive ging es in der Spielphase für die Freiburger gar nicht darum, aus dem Spiel heraus ein Tor zu erzielen. Aussichtsreiche Standardsituationen als Ende einer Spielaktion waren auch ein Mittel für Torgefahr. Das 1:0 fiel nach einem Freistoß aus einer Distanz, die für eine Mannschaft wie den MSV gar nicht so vielversprechend gewesen wäre. Die Freiburger haben aber einen Freistoßschützen wie Vincenco Grifo. Für ihn hätten in der Mauer mindestens zwei Spieler mehr stehen müssen. Dann hätten allerdings im Strafraum Defensivspieler gefehlt. Die Aufstellung der Spieler des MSV war eine schwierige Entscheidung bei dieser Freistoßdistanz. In dem Fall blieb Grifo für den Freistoß genügend Raum neben der Mauer. Das 1:0 fiel.

Nun hätte das Schicksal nicht nur eine Tür dem MSV für den Erfolg im Spiel öffnen müssen. Ein großes Einfallstor hätte es nun gebraucht und dazu am besten noch zwei, drei Hintertüren. An eine Torchance erinnere ich mich, knapp ging ein Schuss von Hajri (?) aus dem Getümmel im Strafraum heraus am Pfosten vorbei. Es ist bezeichnend für meine aufgekommene Resignation, dass ich nicht mal mehr weiß, ob das der Ausgleich hätte sein können oder später der Anschlusstreffer nach dem 2:0. Bezeichnend für das Gefühl der Unterlegenheit ist auch, wie unaufgeregt die meisten im „Ostende“ und die Mannschaft dieses 2:0 nach einem Eckstoß haben hingenommen. Schließlich stand ein Freiburger Stürmer im Abseits versetzt neben Michael Ratajczak. So etwas wird auch schon mal als Sichtbehinderung und aktives Abseits ausgelegt. Darüber aufregen, dass das nicht geschah? Fehlanzeige.

Ich hatte den Eindruck, die Mannschaft und wir vor dem Bildschirm begannen uns mit der Niederlage anzufreunden. Sie war uns als Wahrscheinlichkeit vor dem Spiel vertraut.  Bei mir rief sie eine Mischung aus Enttäuschung und Schicksalsergebenheit hervor, die nach der Halbzeitpause mit irrationalem Hoffnungsschimmer garniert wurde. Die Spieler versuchten noch einmal alles zu geben, doch dieser große Einsatz brachte der Mannschaft und uns keine Ahnung, wie ein Unentschieden noch erreichbar hätte sein können.

Wir befinden uns nun in jener Saisonphase, in der Tore in anderen Stadien manchmal genauso gefeiert werden wie die eigenen. So blieb der MSV zwar chancenlos nach dem Wiederanpfiff, gejubelt wurde dennoch. In Düsseldorf hatte die Fortuna 1:0 geführt. Nun fiel endlich der Ausgleich für St. Pauli. Auch dieses Unentschieden hatte ich im Abstiegsszenario einkalkuliert. Läuft doch alles nach Plan, dachte ich.

Bleibt noch die rote Karte für Enis Hajri zu erwähnen. Auch diese rote Karte nahm ich nur halbwegs verärgert hin. Der einzig wichtige Gedanke dabei schien mir, am Freitag ist Branimir Bajic wieder fit für 90 Minuten. Hajri hatte im Strafraum am Trikot des an ihm vorbeiziehenden Freiburgers allenfalls etwas gezuppelt. Das war mehr eine freundschaftliche Geste, die Bewegung des Arms von Hajri war dennoch offensichtlich und die Reaktion des Schiedsrichters entsprechend. Der Elfmeter war obligatorisch. Danach stand es 3:0. Zwei Tore weniger wären mir lieber gewesen.

Die Enttäuschung hielt nur kurz an. Lasst mich aber lieber nicht länger darüber nachdenken warum. Sonst könnte ich womöglich an der Wirksamkeit meines Tabellenrechners zweifeln. Eine halbe Stunde nach Abpfiff schien es mir nämlich so, als passe sich die Wirklichkeit meinem geplanten Saisonverlauf an. In meinem Kopf sind die jeweiligen Spieltagsprognosen momentan schon das Geschehen der Vergangenheit, eine unveränderbare Wirklichkeit, die für den MSV Duisburg und uns keine unangenehmen Erfahrungen an den letzten drei Spieltagen mehr bereit hält. Wir befinden uns in einer Phase der Saison, in der magisches Denken immer mächtiger wird. Zumindestens mir hilft es, die Zeit bis zum nächsten Spiel auszuhalten.

Fieberfantasien mit Tabellenrechner

Am Montag begann meine Erkältung mit starkem Husten und heftigem Krankheitsgefühl. Sie nahm einen für mich klassischen Verlauf. Der leichten Besserung am zweiten Tag folgte Fieber am dritten. Da lag ich also im Bett, war genervt, las zuweilen etwas ohne Konzentration, döste ein, guckte wach werdend, was Facebook und Twitter mir ins kranke Leben reinschickten und langweilte mich immer mal wieder. Mir war heiß – trockene Hitze auf der Haut in müder Unruhe.

Plötzlich hörte ich ein Flüstern: „Weißt du noch, wie es schon zweimal war? Du warst Gott der Zweiten Liga.“

Oh, nein, dachte ich, das glaube ich jetzt nicht.

Das Flüstern wurde lauter. „Der Tabellenrechner“, raunte es, „Du hast es in der Hand. Die Mannschaft braucht dich. Jetzt, in diesem Moment. Mach es!“

„Das hilft doch nichts“, warf ich ein, „jetzt doch nicht mehr. Die Ausgangslage war damals beide Male sehr viel besser“.

„Unsinn“, hörte ich, „das denkst du nur. Hast du nicht gerade noch geschrieben, die Mannschaft spielt inzwischen so, dass ein Platz im unteren Mittelfeld kein Problem gewesen wäre, wenn sie von Anfang an  so aufgetreten wäre?“

Jetzt diskutierte ich mit der Wand über den MSV. Ich fasste es  nicht und rief: „Ich habe aber auch geschrieben, diese Mannschaft kann ein Spiel nicht unbedingt gewinnen. Sie braucht Glück. Glück! Manchmal klappt’s auch, wenn sie gar nichts mehr zu verlieren hat.“

„Und? Ist es etwa gerade anders?“, raunte es beruhigend.

Die Seite vom Kicker war bereits geöffnet. Wer machte so etwas? Ich starrte über den Laptopbildschirm hinweg ins Leere und hörte immer weiter diese Stimme. „Ein Sieg gegen Heidenheim. Fang klein an.“

Ich traute meinen Ohren nicht. Der letzte Rest gesunder Verstand meldete sich zaghaft, während die Stimme immer hoffnungsfroher klang: „Sechs Punkte. Du packst das. Acht Punkte! Quatsch Relegation. Klassenerhalt. Streng dich an.“

„Aber…“, begann ich und hatte schon das 1:0 gegen Heidenheim eingetippt. Weiter ging es, und wenn ich mir das heute morgen alles ansehe, habe ich in meinem Fieberwahn nur ein einziges ganz unwahrscheinliches Ergebnis vorgegeben, sieht man mal davon ab, dass Siege vom MSV in gewisser Weise grundsätzlich wenig wahrscheinlich sind in dieser Saison. Dieses sehr unwahrscheinliche Ergebnis ist ein Sieg des MSV gegen RB Leipzig, denen ich am letzten Spieltag eine mächtige Aufstiegsfeierlaune verordnet habe. Dafür gab es in Sandhausen ein Unentschieden. Notfalls lässt sich das noch tauschen. Relegationsrang habe ich geschaffft als Zweitliga-Gott im Fieberwahn per Tabellenrechner.

Seht selbst. Und wenn ich dann bei diesem dritten Male meines göttlichen Tabellenrechner-Daseins mit der Saisonziel-Gelingensprognose zum ersten Mal scheitern sollte, hat´s mir zumindest dabei geholfen, wieder gesund zu werden.

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Spielermienenspiel beim SC Freiburg verhilft zu Zufriedenheit

Manchmal muss man in die Mienen der Spieler und des Trainers beim Gegner schauen, um den Wert eines Ergebnisses besser einschätzen zu können. Das 1:1 beim Schlusspfiff im Spiel vom MSV Duisburg gegen den SC Freiburg hinterließ bei mir nämlich widersprüchliche Gefühle. Aber die Spieler vom SC Freiburg und ihr Trainer Christian Streich wirkten sehr enttäuscht. Das Unentschieden war dem vorläufigen Tabellenersten zu wenig.

Dieses Mienenspiel half mir, mit der eigenen, immer wieder kitzelnden Enttäuschung klar zu kommen. Ich schwankte zwischen Erleichterung, Zufriedenheit und eben der Enttäuschung darüber, die zur Halbzeitpause so verführerisch winkenden 3 Punkte doch nicht eingesackt zu haben. Sicher, bei realistischer Betrachtung können wir alle beim MSV zufrieden sein, doch wer ist schon immer jederzeit Realist?

Höchstens in den ersten zehn, fünfzehn Minuten des Spiels war ich ein Realist gewesen. In dieser Zeit fürchtete ich doch sehr den Führungstreffer des SC Freiburg und den anschließend Kantersieg. Die Spieler des MSV brauchten etwas Zeit, um ihre Nervosität in den Griff zu bekommen. Offensichtlich hatten sie großen Respekt vor dem Freiburger Offensivspiel. Zu recht. Ball- und kombinationssicher, handlungsschnell zeigten sich die Freiburger und erspielten sich sofort Chancen. Was für ein hektisches Defensivgewusel mit unkontrolliertem und deshalb unzureichendem Ballwegschlagen ging schließlich der größten Chance der Freiburger in dieser ersten Halbzeit voraus. Ein Pfostenschuss war das Ergebnis. Doch gerade dieser Pfostenschuss läutete die Wende ein. Von da an ordnete sich das Spiel des MSV. Die Defensive stand stabil. Die Angriffe der Freiburger, egal ob schnell oder im geduldigen Aufbauspiel vorgetragen, konnten stets am oder im Strafraum unterbrochen werden.

Zudem beschränkte sich das Offensivspiel des MSV nicht mehr auf lange, weite Bälle. Zwar fehlten für den kontrollierten Spielaufbau weiterhin die spielerischen Mittel. Doch gab es Kombinationen nach schnellem Umschaltspiel, insgesamt wirkte die Offensive etwas variabler auf mich als in den Spielen zuvor, wenn auch noch nicht zwingend in der Torgefahr. Aber der Gegner war der SC Freiburg, und wenn die Spieler des MSV gegen diesen Gegner unermüdlich versuchen, ein Offensivspiel in Gang zu bringen, ist das ein Erfolg. Es gab Bewegung in den Raum hinein und zwar über den zentralen Spielfeldkorridor. Nicht mehr jeder Angriff wurde zwangsläufig über die Außenbahnen versucht. All das macht mir Hoffnung. Denn nur wenn die Eindimensionalität des Offensivspiels aufgebrochen wird, wenn der Zufall als hauptsächliche Ursache der Torchance aufgegeben wird, verliert sich die Harmlosigkeit der Mannschaft des MSV.

Christian Streich spricht in der Pressekonferenz später von der ersten Chance des MSV zum Führungstor, als er über das 1:0 in der 42. Minute spricht. Vielleicht stimmt das, aber der MSV war in dieser Spielphase keineswegs eine Mannschaft unter Druck. Souverän wurden die Freiburger Angriffe unterbunden. Zwingende Chancen gab es auch für die Freiburger nicht mehr. Dann ging es beim MSV plötzlich schnell über den linken Flügel, Victor Obinna flankte auf rechts, wo Thomas Bröker frei stand und in den Strafraum zog, um aus rechtem Winkel einzuschießen. Endlich einmal in dieser Saison (!) ging ein Schuss überhaupt aufs Tor, und schon war der Ball im Netz. Dieses 1:0 verschaffte uns auf den Rängen ein völlig neues Gefühl für die Saison. Jubel über eine Führung in der ersten Halbzeit, in Teilen war das ein ungläubiger Jubel. Ich sah für einige Zeit Sterne und denke nun daran, einen Arzt zu Rate zu ziehen, ob ich bei der momentanen Tabellenlage des MSV nicht meine Gesundheit zu sehr im Stadion gefährde.

Wer auf Duisburger Seite direkt nach dem Führungstor das Aufbäumen des SC Freiburg erwartete, konnte sich erst einmal entspannen. Viel kam nicht mehr von der Mannschaft in den wenigen Minuten bis zum Halbzeitpfiff. In der Halbzeitpause allerdings waren die Freiburger wieder sehr früh auf dem Platz. Das war eine Kampfansage und bereitete wahrscheinlich nicht nur mir und meinen Freunden Sorgen. Zumal die Voraussetzungen für eine Abwehrschlacht sehr ungünstig waren. Früh hatte der Schiedsrichter, Thorsten Schriever, begonnen, seine gelben Karten zu verteilen. Basketballschiedsrichter lassen heute in den Spitzenligen härteres körperliches Spiel gewähren als er in dieser Begegnung.

Mit Wiederanpfiff begann das erwartete druckvolle Spiel der Freiburger. Wenn der MSV um die 15 Minuten ohne Gegentor bliebe, dachten wir bei uns in der Ecke, dann ließe sich der Sieg vielleicht durchbringen. Der Ausgleich fiel in der 62. Minute. Es war eine jener Ballstaffetten, die zuvor spätestens im Strafraum geklärt werden konnten. Dieses Mal wurde dem Freiburger Spieler zu viel Zeit und zu viel Raum gelassen. Von der Strafraumgrenze aus konnte er den Ball ins lange Eck  schießen.

Für den weiteren Saisonverlauf ziehe ich Hoffnung daraus, dass die Mannschaft dieses Gegentor sofort wegsteckte. Es gab keine Minute des Nachlassens und der Irritation. Die Mannschaft spielte selbstbewusst weiter. Sie zog sich nicht zurück. Sie gestaltete das Spiel offen, rückte mutig geschlossen bei Ballbesitz vor. Mir war das zweimal sogar zu offensiv. Die eigene Hälfte war völlig entblößt und ließ den schnellen Freiburgern den Raum für den Konter. Das eine Mal konnte dieser Konter im letzten Moment am Strafraum unterbunden werden, das andere Mal ging Thomas Meißner noch in der Freiburger Hälfte hart dazwischen. Die zweite gelbe Karte bedeutete in der Summe rotgelb

Selbst in Unterzahl ließ der MSV nicht davon ab, mit Offensivaktionen weiter im Spiel zu bleiben. Zwar wurden die langen Bälle immer unpräziser gespielt, doch wurde die Konterchance immer noch gesucht. So mussten noch etwa zehn Minuten überstanden werden – bei einem größeren Spielanteil der Freiburger. Wirklich in Gefahr geriet das Unentschieden nicht mehr, auch wenn der Schlusspfiff letztlich sehr erleichterte. Allein die Tabellensituation mit dem Punkteabstand zu den Nichtabstiegsplätzen erschwert es für mich, das Unentschieden gegen einen Aufstiegsfavoriten ungetrübt als Erfolg zu werten.

Übrigens hoffe ich für Christian Streich, er hat gute Freunde, die ihn mal beiseite nehmen und mit ihm über seine Laune sprechen. Er ist auf dem Weg ein ungenießbarer Wutnickel zu werden. Vielleicht ist er das schon? Mir kommt es so vor, als sei für ihn inzwischen – zumindest als öffentliche Person – Griesgrämigkeit seine gute Laune. Als er in Freiburg Cheftrainer wurde, wirkte er sehr viel umgänglicher. Manchmal verändert einen der Beruf, weil die Wirklichkeit dem eigenen Lebensideal hinterherhinkt. Ist es das? Der Konflikt zwischen Individuum und dem System Profi-Fußball?

Meine Sorge soll´s aber nicht sein. Ich muss mich um andere Dinge kümmern. Ich bin eher der depressive Typ. Ich bin einer, dem das Unentschieden die aufgekeimten Hoffnungen auf das Klassenerhalts-Wunder bedroht. Diese Gefahr will ich jetzt mal im Zaum halten.

Ein Qualitätsbeweis? SC Freiburg sucht gerne Verstärkung beim MSV

Ob Cedrick Makiadi noch mit Armin Veh gesprochen hat, wie es seine Absicht nach dem letzten Spiel für den MSV Duisburg war? Ich kann es mir nicht vorstellen, so schnell wie jetzt der Vertragsabschluss von ihm mit dem SC Freiburg verkündet wurde. Nachdem die Freiburger mit Mohamadou Idrissou schon einmal mit der Verpflichtung eines Stürmers vom MSV Duisburg zufrieden sein konnten, sind sie laut Sportdirektor Dirk Dufner jetzt auch von den „spielerischen Fähigkeiten“ des nächsten MSV-Stürmers überzeugt. Zumal Makiadi als erfolgreicher Stammspieler nach Freiburg wechselt und Idrissou bei seinem Wechsel in der Winterpause 2008 zwar in der Hinrunde dieser letzten Bundesliga-Saison des MSV 2007/2008 auch regelmäßig zum Einsatz kam, er in der damaligen Zeit aber eine Formkrise durchlebte. Unvergessen sein Platzverweis beim Auswärtsspiel gegen Bayern München kurz vor Ende des Spiels, als man nicht wusste, ob sein Nachtreten gegen Oli Kahn dem ganzen Frust über die eigene Leistung geschuldet war oder ob das nur den nicht bewusst angestrebten Höhepunkt jenes damaligen Unvermögens darstellte. Das letzte Spiel der Hinrunde wurde damit zum letzten Spiel Idrissous für den MSV Duisburg. Die Enttäuschung über diesen Auftritt Idrissous in München hat Rudi Bommer, wir erinnern uns, damals noch Trainer, anscheinend in die Winterpause mitgenommen und nicht mehr überwunden.

Makiadi kommt da mit einem anderen Selbstbewusstsein nach Freiburg und braucht für seine zukünftigen Bundesligaeinsätze nicht erst aufgebaut zu werden. Trotz seiner Tore beim MSV halte ich Makiadis Erfolg in Freiburg aber für keinen Selbstläufer. Dazu spielte er mir nicht konstant genug auf hohem Niveau als Teil des Mannschaftsgefüges. Solch eine Leistung hängt natürlich wiederum von den Nebenleuten ab, und deshalb ist die Prognose über die zukünftige Leistung immer mit einem Unsicherheitsfaktor verbunden. Fußball ist nun mal ein Mannschaftssport und die Zusammenstellung einer Mannschaft bestimmt, wie sich das Potential eines Spielers entfaltet. Besäße man jetzt die Sicherheit zu sagen, Makiadi spielt in der 1. Liga für Freiburg konstant auf hohem Niveau, hätte er in dieser vergangenen Saison für den MSV nicht gespielt. Dann wäre er so gut, dass er auch ohne die entsprechende Leistung seiner Nebenleute in jedem Spiel sein ganz persönliches Können gezeigt hätte und damit so gut, dass er für den Verein aller Vereine gar nicht erst erschwinglich gewesen wäre. Man sieht, Fußball ist ein kompliziertes Geschäft.

Saison 2008/2009 – 24. Spieltag SC Freiburg (H)

Bevor ich irgendeinen Spielbericht lese, möchte ich noch einmal im Gefühl des gestrigen Abends schwelgen, jenem umfassenden Hochgefühl, das nur den Nachteil der Totalen hat und den zur genaueren Spielanalyse notwendigen Blick auf das Detail, die Nahaufnahme, sehr erschwert. Es passierte außerdem in diesem Spiel zu viel, als dass es ein Leichtes wäre, dieses Geschehen ohne spielbegleitende Notizen und den Blick auf Einzelne gerecht zu beurteilen. Das, als Vorrede, sei gestattet, um das Folgende einzuordnen.

Auch wenn Erinnerungen oft trügen können und ich vielleicht später andere Quellen zur Überprüfung zu Rate ziehe, das muss ich erst einmal ungedeckt schreiben. So ein Spiel habe ich in Duisburg sehr lange nicht mehr erlebt. Ein Spiel, bei dem über die gesamte Spielzeit beide Mannschaften etwas riskierten und dabei nicht planlos wirkten. Ein Spiel, das aus diesem Grund ansehlichen Fußball bot (In Klammern gesprochen für alle, die bereits wieder den Blick nach vorne werfen: Natürlich ist da Luft nach oben beim Verein aller Vereine).  Und vor allem ein Spiel, das trotz allen Bangens mit einem von glücklichem Jubel begleiteten Ergebnis für den MSV endete. Kurzum, es war ein Spitzenspiel, das man nicht mit den sonst so häufig notwendigen Standardsätzen der Berichterstattung einschränken muss.

Manchmal kommt es mir so vor, als erreichte ich ein Alter, in dem es immer schwerer für mich wird, die Spannung solcher Spiele zu ertragen. Zum ersten Mal ist mir das bei zwei, drei Spielen in der letzten Erstliga-Saison so gegangen und auch heute kam ich ab ungefähr der 65. Minute an einen Punkt, ab dem ich für ungefähr fünf Minuten aus dem Stadion flüchten wollte und nur die beruhigenden Worte der Freunde mich davon abhielten. Ich hatte das Gefühl, zwar könnte ich eine mögliche Niederlage aushalten, aber keinesfalls mehr sehenden Auges. So viel investierte der MSV in das Spiel, so groß wurde der Druck in der zweiten Halbzeit und so sehr ergaben sich die Konterchancen für die Freiburger, die ich schon beim MSV-Angriff gleichsam mitdachte. Der Höhepunkt war ein Freistoß  von halbrechts, der ja eigentlich Gefahr für die Freiburger sein sollte und bei dem sich sämtliche Freiburger in den Strafraum zurück zogen, aus diesem Freistoß, befürchtete ich, würde das erste Tor der Freiburger unweigerlich folgen. Schon wieder wurden die Last-Minute-Gegentore der letzten Saison wieder lebendig und die Angst vor der Enttäuschung drohte, mich zu überwältigen. Andererseits wuchs ja gerade dadurch das mögliche Glück,  je länger ich diese Angst aushielt und es sich dann doch schließlich zum Guten wendete, desto mächtiger konnte mich die Freude erfüllen. Man sieht, es gibt dieses Gefühl der großen Begeisterung nicht ohne das Risiko ebensolch großer emotionaler Gefahren.

Ohne journalistische Stimmen zum Spiel gehen mir nun nur einzelne Momentaufnahmen durch den Kopf, die höchstens Ansätze bilden für Urteile. Wann habe ich mich etwa das letzte Mal so einig im Urteil mit dem Trainer meiner Mannschaft gefühlt wie in dem Moment, als Sandro Wagner schon zu Beginn der zweiten Hälfte tatsächlich für Dorge Kouemaha eingewechselt wurde?  Kouemahas Spiel erinnerte an die Leistungen der Hinrunde. Da sah man ein paar altbekannte Stockfehler und die fehlende Schnelligkeit, um dem dann wegspringenden Ball hinterherzujagen. Wagner zeigte zunächst ebensolche Stockfehler, aber war im Antritt so schnell, dass er dem dazwischengehenden Verteidiger den Ball wieder abnehmen konnte. Eine sehr gute Auswechslung, zumal die hohen Bälle auf Kouemaha nicht wirklich Gefahr brachten. Dazu stand die Freiburger Abwehr zu gut. Diese Abwehr war nur mit schnellem flachen Spiel zu überwinden, und das erste Tor lieferte den Beweis dazu. Dennoch ergaben sich für den MSV wie Freiburg schon auch in der ersten Hälfte Chancen auf ein Tor. Zwar war Kouemaha daran beteiligt, hatte aber zu wenig Spielübersicht, um den völlig frei stehenden Mitspieler zu sehen. Stattdessen schloss er selbst ab, ohne wirklich gefährlich zu werden.

Tom Starke war ja schon in der Erstliga-Saison auf der Linie sehr gut. Diese Klasse hat sich gestern wieder gezeigt. Zudem ist seine Strafraumbeherrschung besser geworden. Er läuft entschlossener raus, auch wenn immer wieder mal die alte Schwäche aufblitzt.

Dann fällt mir Adam Bodzek ein, der immer besser wird. Unzählige Bälle im schnellen Spiel der Freiburger hat er ungefährlich gemacht und kontrollierte danach den Ball. Das war kein Retten, sondern konzentriertes Erobern, sein Stellungsspiel wird von Spiel zu Spiel besser und der anschließende Pass findet den Mitspieler. Manchmal geht das dann sofort in den Angriff über, auf jeden Fall wird aber nahezu immer ein sicherer Pass gespielt und sogar nur das wäre bereits ein großer Fortschritt. War es bislang im Spiel des MSV doch häufig so, der Angriff des Gegners wird zwar zerstört, aber die Anschlusshandlung bringt den Ball nahezu augenblicklich wieder in die Reihen des Gegners.

Auch die Einwechslung von Marcel Heller ergab sich zwangsläufig aus dem Versuch, das Spiel nach vorne weiter zu beschleunigen. Änis Ben-Hatira war mit seiner am Dribbling orientierten Spielweise nicht sehr erfolgreich und wie sich das Spiel entwickelte, wurde er immer wirkungsloser. Das zweite Tor war übrigens jenes Wagner-Tor, das er in der Hinrunde gegen St. Pauli bereits hätte machen können. Wie vor ein paar Monaten erkämpft er sich den Ball und macht dieses Mal alles richtig. Ich bin mir jetzt nicht mal sicher, ob Makiadis Einsatz noch nötig gewesen wäre.

Dass ich andere Namen nicht erwähne, liegt nicht an mangelnder Leistung sondern an mangelndem Ausdrucksvermögen, ach Quatsch, Phrasen her, ich will keinen Spieler mehr herausheben, weil die Mannschaft gewonnen hat. Das hat den Eindruck einer funktionierenden Gemeinschaft gemacht, in der jeder deshalb so gut spielen konnte, wie er spielte, weil er sich der Mitspieler sicher war. So soll es weiter gehen, und dann wäre es natürlich enttäuschend, wenn es am Ende doch nicht klappt, aber Fußball ist eben nicht bis ins Letzte planbar. Zufrieden wäre ich nach einer auf diese Weise gespielten Saison dennoch.


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