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Ach, könnte man Kontrollverlust nur immer kontrollieren

Siege durch Tore in letzter Minute geschehen auf vielfältige Weise. Der unbändige Jubel auf den Rängen hört sich dabei vielleicht gleich an, doch der Charakter der letzten Minuten unterscheidet sich jeweils. Es gibt Siege, die durch Kampf und schiere Willenskraft einzelner Spieler errungen werden. Es gibt zwangsläufige Siege, die die unterlegene Mannschaft bis zur letzten Minute nur durch pures Glück hatte verhindern können. Und es gibt diesen Sieg des MSV Duisburg gegen Preußen Münster, der mir wie das Ideal eines solchen Sieges in letzter Sekunde vorkommt; eine Komposition vieler Eigenschaften dieses Fußballs, die in harmonischen Gleichgewicht ein vollkommenes Bild ergeben.

Die Mannschaft des MSV war in der 71. Minute 1:2 in Rückstand geraten. Das Minimalziel eines Unentschiedens war in der 87. Minute durch ein Tor von Dustin Bomheuer erreicht worden. Verhalten war die Freude auf dem Spielfeld über diesen Ausgleich. Auch auf diese Weise wurde sichtbar, dass sich die Spieler mehr erhofft hatten. Noch waren drei Minuten zu spielen, und die Nachspielzeit würde sicher etwas länger dauern, hatten sich die Preußen doch als passables Schmerzschauspielensemble bewiesen. Wahrscheinlich hat der halbe Kader einen Nebenjob an der medizinischen Fakultät der Uni Münster. Es gibt ja inzwischen Seminare, in denen die angehenden Ärzte Patientengespräche mit Schauspielern lernen. Spezialisten für die Darstellung von Muskelblessuren und Gelenkirritationen gesucht? Anruf auf der Geschäftsstelle von Preußen Münster genügt.

Die Spieler des MSV wollten noch den Sieg, dennoch entstand nicht diese Atmosphäre eines bedingungslosen Anrennens. Dazu war das Umschaltspiel der Preußen zu gefährlich. Zweimal hatte es der MSV erlebt, dass beim Ballverlust die eigene Defensive überfordert war. Beim ersten Tor der Preußen war der Weg für den Stürmer ganz frei, beim zweiten Tor war die Defensive noch zu ungeordnet. Anscheinend hatten die Spieler dieses Risiko im Kopf. Deshalb drückte der MSV Richtung Preußen-Tor, dennoch blieb das Mittelfeld abgesichert. Hier war ein erstes harmonisches Gleichgewicht zu sehen zwischen Spielkontrolle und freiem Angriff. Denn für das Spiel hintenrum blieb keine Zeit mehr. Nun mussten die Außen das Risiko im Spiel eins gegen eins in jeder Sekunde suchen, wo in der ersten Halbzeit noch nur der sichere Pass gewählt wurde. Nun ging es nur nach vorne. Es blieb keine andere Wahl.

Zudem spielten die Preußen weiter mit und suchten ebenfalls den Weg nach vorne. Es ging hin und her in dieser Nachspielzeit ohne wirkliche Torgefahr, bis Nico Klotz zu einem Dribbling auf dem Flügel ansetzte. Er konnte sich durchsetzen und den steil laufenden Tim Albutat anpassen. Dessen Flanke war harmlos. Sie war aber deshalb harmlos, weil er beim Flanken gefoult worden war. Das hatte ich nicht gesehen, weil mein Blick nur diesem Ball folgte, die Enttäuschung über die vermeintlich vergebene letzte Chance inklusive. Doch der Pfiff folgte. Martin Dausch schlug den Freistoß recht weit hinter den hinteren Pfosten, wo Stanislav Iljutcenko Mühe hatte, den Ball vor der Torauslinie zurück Richtung Strafraum zu köpfen. Dort versuchte ein Spieler der Preußen, den Ball wegzuschlagen, doch in der zweite Reihe bei etwa 25 Metern wartete Fabian Schnellhardt. Er nahm diesen Ball auf und legte ihn sich zurecht. Den Schuss von dort hatten wir nicht erwartet. Ein perfekter Schuss in den Winkel, hart, gerade, vollendete Fußballkunst. Die ganze Szene von der Ausführung des Freistoßes an war die perfekte Komposion aus Zufall, Kampf, Kraft und Technik.

Dieses Tor in letzter Sekunde bedeutet nicht nur einen Sieg in diesem Spiel. Dieses 3:2 ist ein besonderer Sieg für den Aufstieg, der Abstand auf die Verfolger ist größer geworden. Dieses Tor wurde möglich, weil der MSV die Spielkontrolle etwas aufgegeben hatte. Kontrolle als Lebensmaxime soll uns Sicherheit im Alltag geben. Kontrolle soll uns vor den Gefahren des Lebens schützen, sie soll das Risiko in unserem Leben minimieren. Die Kontrolle ist irgendwann auch im Fußball als Spielprinzip eingegangen, und da uns Menschen der Gegenwart der Fortschritt eine selbstverständliche Haltung zum Leben ist, wurde diese Kontrolle immer weiter perfektioniert. Ballbesitz schafft Kontrolle, aber auch Stabilität im Spiel insgesamt, von der in paradoxer Weise auch der Gegner profitieren kann. Denn Kontrolle macht das Mannschaftsspiel vorhersehbarer.

Der Weg des MSV Duisburg durch diese Saison in der 3. Liga ist ein kontrollierter Weg. Denn diese Kontrolle bietet die höchstmögliche Sicherheit für Erfolg am Ende der Saison, den überlebensnotwendigen Aufstieg. Der Erfolg in einem einzigen Spiel ist deshalb noch lange nicht garantiert, aber die Wahrscheinlichkeit für den langfristigen Erfolg ist größer, wie wir an der Tabelle schon vor dem Spiel gegen Preußen Münster hatten ablesen können. Dennoch reicht die Kontrolle eben nicht für den Erfolg in jedem Spiel, und eine Mannschaft, die darauf setzt, wird immer wieder vor dem Problem stehen, wieviel Kontrollverlust sie eingeht, um den Erfolg dennoch zu sichern, wenn keine Tore fallen.

In der ersten Halbzeit fiel das Führungstor durch Fabian Schnellhardt auch nicht aus einem geordneten Angriff heraus. Ein Ballverlust der Preußen und schnelles Umschalten ging dem voraus. Der erste Abschluss konnte dann noch abgewehrt werden, ein Schuss von Kingsley Onuegbu. Doch der zweite Ball bot dann die Torschussmöglichkeit für Fabian Schnellhardt, weil er lange genug frei stand. Auch dieses Tor aus etwa 18 Metern war schon wunderbar anzusehen. Es war nur eine Ouvertüre. Das wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Das Finale in der Schlusssekunde sollte noch besser werden.

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft

Die erste Einsicht: So verschieden fühlen sich 1:1-Unentschieden an. Was am Sonntag in Osnabrück im Glück des späten Ausgleichtores völlig unterging, dem war gestern nach demselben Ergebnis durch eine andere Torfolge nicht mehr auszuweichen. Das war ein vergebener Sieg. Es überwog bei mir und allen um mich herum das Bedauern, dieses Spiel gegen Preußen Münster nicht gewonnen zu haben. Zwei Punkte wurden verschenkt, weil dem MSV das zweite Tor nicht gelang. Die Chancen dazu hatte es gegeben. Es waren nicht allzu viele, doch es waren genug.

Preußen Münster war verunsichert, das Heimpublikum war ungeduldig und wie in Osnabrück hatte der MSV das Spiel in der ersten Halbzeit im Griff. Es sah einfach nicht so aus, als könnten die Preußen in diesem Spiel ein Tor erzielen, es sei denn, der Zufall käme ihnen zu Hilfe. Ihre Offensiv-Bemühungen endeten in Stockfehlern, Fehlpässen und einer souveränen Defensive des MSV. Wenn dann mal ein Zufall zu einem Distanzschuss führte, gab es Mark Flekken im Tor, der schnell genug in der Ecke lag, um den Ball zu halten.

Das Führungstor des MSV in der 20. Minute entsprach dem kontrollierten Spiel der Mannschaft. Den von Zlatko Janjic getretenen Eckball köpfte Dustin Bomheuer ins Tor. Ein ruhender Ball bringt die Führung. Wir erhielten eine Ahnung davon, wie es aussehen kann, wenn eine abgeklärte Mannschaft gegen einen eifrigen, aufgeregten Gegner spielt. Ich weiß, ich übertreibe mit dem Bild, aber es war nun mal nach einiger Zeit da, jenes klassische Filmmotiv „Ein größerer Mann hält vollkommen entspannt und ruhig einen wild um sich schlagenden kleinen Jungen oder Mann auf Distanz, indem er ihn am Kopf von sich weghält“.  Eine Vision ist im Spiel des MSV erkennbar. Für die erfolgreiche Umsetzung über 90 Minuten fehlt die Präzision bei jedem Angriff und letztlich die Abschlusssicherheit.

Es gab die Chancen zum zweiten Tor in der zweiten Halbzeit nach Kontern. Die besser postierten Mitspieler wurden nicht gesehen, und als mit Zlatko Janjic der Mann der Offensive den Ball zum Konter bekam, dem dieses Tor hätte gelingen können, wälzte sich jener Preußen-Spieler am Boden, der den Ball beim eigenen Angriff gerade verloren hatte. Was für ein erbärmliches Schauspiel! Natürlich steht er auf, als Janjic den Ball ins Aus spielt. Janjic war alleine am linken Flügel gewesen, freie Bahn zum Tor. War das auch Preußens Bischoff, der zuvor schon gerne auch mal herummeckerte? Ich weiß das nicht mehr. Ich weiß nur noch, selbst das Ball überlassen danach geriet zum Nachteil des MSV, weil der Angriff natürlich nicht an der Stelle fortgesetzt wurde, sondern die Preußen den Ball weit in die Hälfte des MSV schlugen. Was für eine Unsitte im deutschen Fußball, die manchmal auch noch als faire Geste betrachtet wird.

Als Krönung dieser Szene erweist sich allerdings, dass der darauf abgefangene halbherzige Angriff des MSV in jene Offensiv-Aktion der Preußen mündete, die zum Elfmeterpfiff führte. Ob Kevin Wolze gezogen wurde, konnte ich nicht erkennen. Fabio Leutenecker hat es nach dem Spiel wohl so gesagt. Er empörte sich über den Pfiff. Was am Ausgleich nichts ändert. Wenn die Vision der Spielweise schon wirklich wäre, hätte dieses Tor nicht viel verändert. In der Vision fällt kurze Zeit später das zweite Tor des MSV. Bis das Spiel des MSV diese Qualität besitzt, braucht es noch etwas Zeit. In der letzten Viertelstunde war das Spiel offen. Die Preußen hatten noch eine große Chance. Deshalb lässt sich mit dem Unentschieden leben. Eine weitere Erkenntnis bringt dieses Spiel aber auch: Fünf neue Spieler standen in der Startelf und in der Spielweise der Mannschaft war kein Bruch zu erkennen. Die Qualität der Mannschaft blieb stabil. Auf die Saison bezogen ist das für mich die Erkenntnis dieses Spiels. Der breite Kader beruhigt sehr. Visionen wollen verwirklicht werden.


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