Posts Tagged 'SF Lotte'

Statt grauer Maus ein hässliches Entlein?

Diese Saison weckt merkwürdige Gefühle. Der MSV Duisburg spielt morgen gegen die Sportfreunde Lotte. Es ist das drittletzte Spiel der Saison. Der MSV Duisburg kann in diesem Spiel aufsteigen, wenn Magdeburg im Heimspiel gegen Frankfurt nicht gewinnt. Dennoch müssen wir alle uns in den Foren dieser Netzwelt gegenseitig davon überzeugen, dass dieses Spiel eine Art erstes Finale um den Aufstieg ist. Eigentlich müsste sich die Finalspieltagstimmung von selbst einstellen.

Doch überall im Netz drängt es die Entschlosseneren unter den MSV-Anhängern in ihren Kommentaren andere davon zu überzeugen, wie wichtig eine gute Stimmung auf den Rängen in diesem Spiel ist. Es wirkt weiter so, als hinge etwas Bedrohliches in der Luft. Es wirkt so, als könne die Bedeutung dieses Spiels untergehen. Von möglicher Euphorie brauchen wir gar nicht erst reden. Diese Saison ist Arbeit für die Mannschaft und für uns Zuschauer. Wir auf den Rängen hofften auf Leichtigkeit des Spiels hin und wieder. Diese Hoffnung wurde oft enttäuscht. Es ist ein bemerkenswerter Widerspruch dieses Fußballgeschäfts in Duisburg, dass in einer Stadt der Arbeit kein Gespür für den Arbeitscharakter dieser Saison des MSV Duisburg vorhanden ist. Ich nehme mich selbst nicht aus.

Vor langen Zeiten war das Lieblingssportjournalistenklischee für die Pottvereine MSV und VfL Bochum die graue Maus. Für das Saisonende denke ich nun weniger an Nagetier als an Schwimmvogel. Ist die Mannschaft oder ist nur das Spiel morgen ein hässliches Entlein? Der Schwan Aufstieg war vom ersten Spieltag an als Wunschbild in unseren Köpfen. Je länger die Spielzeit dauerte, desto intensiver mussten wir ihn uns vorstellen. Denn immer wieder meinten wir auf ein hässliches Entlein zu schauen, doch längst lassen sich die weißen Federn bei genauem Hinsehen entdecken. Eines ist dabei gewiss: Nicht nur die Saison ist besonders, auch dieser zum Vorschein kommende Schwan ist anders als andere. Er ist einer der seltenen Vögel, die bei ihrer Reifung die Unterstützung von außen sehr gut gebrauchen können. Also, helfen wir dem Schwan Schwan zu werden und schreien Lotte aus dem Stadion.

Kein Blick zurück

Der MSV Duisburg hat in Aalen mit 2:1 verloren. Es gibt zum Ende der Saison für mich nichts weiter darüber zu sagen. Alles, was dieses Spiel beschreibt, hat hier immer wieder gestanden. Es gibt nichts weiter darüber zu sagen. In dieser Saison reden wir seit Monaten über dasselbe Geschehen. Als Fakt können wir nur festhalten: Mal ist die Mannschaft mit ihrer Spielweise erfolgreich, mal nicht. Die einen verstehen nicht, wieso der Druck auf den Gegner nicht das ganze Spiel über gezeigt wird und damit vermeintlich unnötige Niederlagen und Unentschieden verhindert werden. Die anderen sagen, es mangelt den Spielern für diese dauerhafte Leistung an der individuellen Qualität. Im Moment ist mir das vollkommen egal. In den nächsten drei Spielen geht es nur um den Aufstieg.

Ohne den Aufstieg können wir uns mit denen aus Essen, Wattenscheid und Oberhausen zum Stammtisch Fidele Potttraditionalisten treffen. Die Aachener begrüßen wir dann gerne als regelmäßige Gäste. Mich interessiert keine Problembetrachtung mehr. Mich interessiert nur noch eins. Jeder, dem der MSV am Herzen liegt, muss sofort ohne Schuldzuweisung seine Enttäuschung zurückstellen und nach vorne sehen. Lotte kommt, und gegen Lotte muss gewonnen werden. Das ist das, was zählt. Sofort muss es heißen, Energie sammeln, nach vorne sehen, für uns speziell, Lotte aus dem Stadion schreien und für die unten auf dem Rasen, Lotte aus dem Stadion schießen.

Wer braucht schon Eurhytmieschuhe in Lotte?

Die Verkehrshinweislegende Lotte/Osnabrück ohne Stau. Ein Gästeparkplatz, der im sonstigen Leben Bauernhof ist. Ein Stadion, bei dem in jeder Ecke der Amateursport der unteren Ligen sympathisch hervorlugt. Ein Dorf behauptet seinen Platz im Unterhaltungsbetrieb Fußball. Ein 2:0-Auswärtssieg bei den Sportfreunden Lotte. Was für ein gelungene Auswärtsfahrt.

2016-12-04_lotte_vorherDie Sportfreunde müssten allerdings die Haupttribünenkarten mit einem Warnhinweis verkaufen. Der Blick auf das Spielfeld kann in den Wintermonaten während der Nachmittagsspiele zu dauerhafter Beeinträchtigung ihrer Sehleistung führen. Ohne geeignete Schutzbrillen gefährdet die tief stehende Sonne ihre Gesundheit. Manchmal war es anstrengend, sich das Spiel des MSV in Lotte anzusehen. Das lag aber nicht an der Spielweise des MSV.

Endlich wieder hat die Mannschaft zu ihrem Selbstbewusstsein zurück gefunden. Endlich waren Ballsicherheit und Entschlossenheit zurückgekehrt. Endlich wieder war die verhaltene, zögerliche Spielweise der letzten Spiele verschwunden. Vom Anpfiff an wollte der MSV dieses Spiel bestimmen. Zunächst versuchten die Lotter Spieler noch das Spiel im Gleichgewicht zu halten. Zunächst sah es außerdem so aus, als wollten beide Mannschaften den im Tribünenschatten der Gegengerade gelegenenen vereisten Rasenstreifen tunlich nicht bespielen. Die Lotter agierten zumeist auf ihrer linken Angriffshälfte, und Fabio Leutenecker hatte alle Mühe mit seinem schnelleren Gegenspieler, der ihn zwei-, dreimal überlaufen konnte, ohne dass das zu gefährlichen Anschlussaktionen führte.

2016-12-04_lotte_choreoDer MSV verteilte seine Angriffe mehr im Raum. Die Mannschaft versuchte sich über rechts und die Mitte. Schon früh ließ Kingsley Onuegbu mit einem Drehschuss auf eine dauerhaft gute Leistung hoffen. Denn lange haben wir ihn nicht mehr mit einem so schnellen Abschluss in enger, technisch schwieriger Strafraumposition gesehen. Schon in der 10. Minute fiel dann der Führungstreffer nach einem Freistoß, den der Lotter Torwart nur abklatschen konnte. Sowohl der King als auch Tim Albutat waren zum Nachschuss bereit.

2016-12-04_lotte_tribueneDieses Mal hätte ich Zlatko Janjic nicht widersprochen, wenn er erneut gesagt hätte, der MSV hätte das Spiel im Griff gehabt. Baris Özbek allerdings bereitete dem in der 26. Minute ein Ende. Rot wegen einer Tätlichkeit und danach ein Abgang, bei dem es kurzzeitig nach einer Rudelschlägerei aussah. Die Lotter Spieler hatten auch ihren Anteil daran, zu solcher Art Konflikt gehören immer zwei Parteien. Ob die Infotafel der Sportfreunde auf der Haupttribüne Özbek vor seinem Handeln bewahrt hätte, wage ich allerdings zu bezweifeln.

Wenn man sich die TV-Bilder ansieht, können wir erleben, wie ein überschaubarer Konflikt innerhalb von Sekunden eskalieren kann. Ein idealtypisches Fallbeispiel zur Konfliktforschung. Özbeks leichtes Schubsen des ersten Lotter Spielers folgt der blicklose Abwehrstoß gegenüber dem zweiten Lotter Spieler. Dummerweise war dessen Gesicht in Handhöhe und die Steilvorlage zum Schmerzensdrama hat der Lotter Spieler gern genommen. Natürlich war das eine Tätlichkeit, schaut man genau hin, spielt der Zufall eine große Rolle. Da gibt es nichts zu entschuldigen, sondern nur zu verstehen.

Nach der roten Karte brauchte der MSV die Halbzeitpause, damit die Mannschaft sich auf das eigene Spiel wieder besinnen konnte. Die Führung war in diesen 20 Minuten bis zum Halbzeitpfiff gefährdet. Doch die Zebras stemmten sich mit aller Macht gegen den Ausgleich. Mark Flekken bot den Rückhalt in dieser Zeit, einmal kam Glück hinzu. Ein Schuss der Sportfreunde ging an den Innenpfosten und sprang ins Feld zurück.

Einmal war der Sieg noch gefährdet. Ein Eckball direkt nach dem Wiederanpfiff führte zu einem Schussversuch im Getümmel. Ich hatte den Ball schon im Tor gesehen. Doch Mark Flekken hielt mit großartigem Reflex auf der Linie. Unfassbar, dass er diesen Schuss abwehren konnte. Diese Parade war das Vorspiel zur Siegsicherung. Das 2:0 fiel, nachdem Kingsley Onuegbu sich auf dem rechten Flügel durchsetzte und flanken konnte. Es war die Bestätigung seiner sehr guten Leistung in diesem Spiel. Er agierte variabler, war nicht nur der Wandspieler, der den Ball behaupten sollte.  In seine Flanke lief Zlatko Janjic und köpfte im Lauf unhaltbar ein. Solche Kopfballtore kann er machen.

Danach war nicht mehr zu erkennen, dass der MSV mit einem Mann weniger spielte. Unermüdlich wurden die Lotter Spieler schon in deren eigenen Hälfte angelaufen. Nie wurde ihnen die Ruhe zum Spielaufbau gelassen. Es war beeindruckend, wie ausdauernd und intensiv noch in den letzten Spielminuten Tim Albutat, Fabian Schnellhardt oder auch der King noch die Gegner attackierten. Dieser Sieg war hoch verdient, und meine Notfallvorsorge mit Funny van Dannens Eurhythmischuhen für die ausgeglichene Stimmung war nicht nötig gewesen. Vielleicht hätten Baris Özbek die Eurhytmieschuhe genutzt. Aber wie man damit zugleich Fußball spielen soll, weiß ich auch nicht.

Falls das in Lotte wieder…

Sonntag spielt der  MSV in Lotte. Der Drittliga-Experte sagt, ein Spitzenspiel. Allerdings befinden wir uns ja in einer Saisonphase, in der jedes zweite Spiel in Spitzenspiel ist. Der Drittliga-Experte sagt deshalb gerne auch, die 3. Liga ist in der Breite der Spitze so stark aufgestellt wie keine andere Liga. Die Breite der Spitze macht das Spitzengeschehen deshalb unfassbar eng.  Auch das ist die 3. Liga – gefaltete Räume. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann die theoretische Physik sie zu erklären beginnt.

Die Physiker werden dann mit Drittliga-Experten diskutieren und vielleicht könnten sie im Vorbeigehen auch mal mit Zlatko Janjic reden, so von Theoretiker zu Praktiker. Um mal zu schauen, welche Vorstellung vom Spiel – um nicht von Theorie zu sprechen – seine erstaunliche Wahrnehmung leitet.

Auf nach Lotte, das war zu Beginn der Saison für mich keine Frage. You have to see before you die – die schönsten stauträchtigsten Autobahnkreuze der Verkehrshinweise. Lotte/Osnabrück, einen Haken dran. In den letzten Tagen aber war ich mir nicht mehr sicher, ob ich mir diesen Haken durch eine Auswärtsfahrt zu einem Spiel vom MSV holen wollte. Zu sehr hatte ich mich bei und nach dem Spiel gegen Aalen aufgeregt. Ich hatte es schon einmal angedeutet, eine ungesunde Aufregung.

Gestern Abend aber hat mich Funny van Dannen daran erinnert, dass ich bedenkenlos nach Lotte fahren kann, wenn ich nur das richtige Schuhwerk dabei habe. Ich muss mal sehen, wo ich die Eurythmieschuhe jetzt herkriege, falls in Lotte wieder… An etwas anderes denke ich seit Janjics mir uneinsichtiger Beurteilung des Spiels gegen Aalen vorsichtshalber gar nicht erst.

 


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 9,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: