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Mehr als einen Fußballverein verlieren, wenn …

Derweil die Verantwortlichen des MSV Duisburg gerade noch beim Geldzusammenkratzen sind, habe ich wieder was zum Thema. Vor dem Pokalfinale am Samstag sprach die Süddeutsche Zeitung mit BVB-Peer Steinbrück, just in jener Zeit NRW-Ministerpräsident als Borussia Dortmund 2005 in HSV-Abstiegsvermeidungsmanier an der Insolvenz vorbeischrappte.  Seit 2010 sitzt er im Aufsichtsrat des Vereins. Kurz kam das Gespräch darauf, wie der in Hamburg aufgewachsene Steinbrück sein Herz für den BVB entdeckte.

Wie kamen Sie zum BVB?

Es gab eine Zeit, in den Jahren 2003 und 2004, als Dortmund ziemlich danieder war und fast in die Illiquidität zu gehen drohte. Da habe ich auf Bitten der neuen Vereinsführung um Reinhard Rauball und Hans-Joachim Watzke versucht, im Rahmen meiner Möglichkeiten behilflich zu sein. Weil mir klar war, dass der BVB im östlichen Ruhrgebiet Identiät stiftete. Wenn angesichts eines schmerzhaften Strukturwandels auch noch der BVB den Bach runtergegangen wäre, hätten die Menschen mehr als einen Fußballverein verloren.

Süddeutsche Zeitung, Samstag/Sonntag 17./18. Mai 2014

Vor dem Sommer letzten Jahres hätte ich eine ähnliche Aussage über das westliche Ruhrgebiet und Teilen des Niederrheins niemals so deutlich ausgesprochen, wenn ich über den MSV Duisburg nachgedacht hätte. Seitdem hat sich das gewandelt. Noch entspricht die Bedeutung dieses Vereins für Stadt und niederrheinisches Umland nicht der von Borussia Dortmund für den östlichen Pott. Was im Übrigen – so meine ich – nicht alleine am Verein liegt sondern auch an einer grundlegenden Stimmung in Duisburg – ein anderes Thema. Im Sommer wurde aber erkennbar, vielen Menschen im westlichen Ruhrgebiet gibt der Verein Identität. Er stiftet Sinn, der über den aktuell gespielten Fußball hinausgeht.

Mit der Geschichte des Vereins lässt sich nämlich etwas erzählen, in dem sich viele Menschen des westlichen Ruhrgebiets wiedererkennen. Die Begeisterung über die  Dokumentation „Meidericher Vizemeister“ rührt nicht zuletzt auch daher, dass Zuschauer sich eigener Wurzeln in ihren Familien bewusst werden können. Seit dem Sommer macht sich rund um den MSV Duisburg etwas bemerkbar, was der Unterhaltungsbetrieb Fußball über Jahre hin erstickt hat. All das, was der MSV Duisburg neben dem Fußball auch ist, verliert zwar ohne den sportlichen Erfolg in der Gegenwart Wert. Umgekehrt ist es aber ebenso.

Es ist bitter, dass jetzt, wenn der MSV Duisburg zum ersten Mal seit Jahren sich anschickt, solide zu wirtschaften, die so dringliche Suche nach dem Geld, von außen gesehen, nichts anderes ist als das, was immer schon aus Duisburg zu hören war. Damit muss der Verein leben, und wir hoffen derweil, dass das fehlende Geld zusammengekratzt wird, versuchen zu helfen, kaufen Dauerkarten zumindest als Zeichen für Sponsoren, auf dass sie im MSV Duisburg etwas erkennen, mit dem ein Unternehmen öffentlichkeitswirksam positive Schlagzeilen machen kann. Denn seit dem letzten Sommer wissen wir sicher, wenn der MSV Duisburg „den Bach runtergeht“, verlieren die Menschen mehr als einen Fußballverein.

 

 

MSV geht mit der Mode – Grell und bunt beim Auswärtsspiel

Mittwoch hatte ich es schon auf der Heimfahrt von Duisburg aus nach Köln bei Radio DU gehört. Da hieß es, gleich mehr zu den neuen Auswärtstrikots des MSV. Pink sollen sie sein. Oh, nein, dachte ich sofort, und fühle mich angesichts der Fotos hier und hier auch bestätigt, selbst wenn ich jetzt sehe, dass die Farbe der Trikots nach meinem Verständnis eher einem rosa bis hellem lila entspricht. Ist aber egal, sieht trotzdem schrecklich aus.

Ich habe den Verdacht, irgendwo in dieser Welt der freien Wirtschaft hat es vor etwa zwei Jahren einen Marketing-Workshop für Sportsponsoren gegeben zu dem Thema, das etwa so wird gelautet haben: „Sponsoring und das Problem der knappen Zeit – Aufmerksamkeit ist das kostbarste Gut unserer Tage“. Das war ein zweitägiger Workshop, so stelle ich es mir vor, bei dem auch Modedesigner und Farbpsychologen eingeladen waren. Und die waren sich schnell einig, diese normalen Trikots machen irgendwie nichts her. Die kennt jeder, fallen nicht weiter auf und dienen doch glattweg vor allem als Identifikationsmittel für den Verein. Das Sponsorenbanner auf der Brust rauscht inzwischen einfach durch. Die Zahlen der Marktforscher lagen auf dem Tisch. Und dann hat einer der Farbpsychologen seine Powerpoint-Präsentation ans Laufen gebracht und die wirklich wirksamen Farben schmissen sich unübersehbar an die Wand. „Und hier“, rief der Farbpsychologe begeistert, „dieses Orange, da sieht man nur noch Fläche, nicht mal mehr die Konturen der Spieler.“

Und der Sponsorenvertreter von Bielefeld rief: „Unglaublich, wieviel mehr Bier wir verkaufen könnten. Aber was sollen wir nur machen, die Fans werden uns beschimpfen, wenn wir solche Farben nehmen. Fans sind konservativ, die gehen doch nicht mit der Mode.“

Der Farbpsychologe aber wusste Rat, denn er war nicht nur in Farbe gut, sondern auch im Rechnen. „Auswärts“ , sagte er, „auswärts gibt es doch, so weit ich weiß, viel weniger Fans eines Vereins als im eigenen Stadion. Weniger Fans heißt weniger lautstarkes Schimpfen. Wäre das nicht eine Möglichkeit?“

Die Sponsorenvertreter blickten einander an und allmählich begannen ihre Augen zu leuchten. Der Krombacher-Mann wollte auf jeden Fall das orange. Und hinten, still in der Ecke saß die Zukunft vom MSV, ein Vertreter der RAG, die wollten damals erst, was sie heute behaupten zu sein: Neu, anders, weiß und ohne Bergbau. Deshalb haben sie auch lila als ihre Evonik-Farbe gewählt, schließlich beschäftigten sie während des Unternehmensumbaus schon lange ein Team von Farbpsychologen. Und wie gut trifft es sich nun heute, dass in der Sportwelt die Botschaft des damaligen Marketing-Workshops weiterhin ihre Wirkung entfaltet. Bei Auswärtstrikots ist es nicht ganz so schlimm, wenn es schlimm wird.


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