Posts Tagged 'Sportjournalismus'

Fundstück: Vorreiter Sportjournalismus – Gefühlte Wahrheit statt Vertrauen in Fakten

Steht eigentlich immer noch das Sportlergefühl derart im Zentrum dieser Interviews nach Spielen oder einem Wettkampf? Ich weiß das gar nicht. Ich höre nicht mehr hin, wenn einem verschwitzten Menschen ein Mikro unter die Nase gehalten wird. Zu ihren Anfängen habe ich diese bohrende, sprachlos machende Frage natürlich mitbekommen. Ein Fußballer macht ein entscheidendes Tor, und schon kommt das Mikro herangewedelt. Wie hast du dich gefühlt? Wie hast du es erlebt?

Eine steile These habe ich nun gestern zu diesen Interviews in der Süddeutschen Zeitung gelesen. Lorraine Daston, Direktorin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, ordnete zunächst das Phänomen Fake News historisch ein und bewegte sich damit noch auf sicherem Terrain. Dann aber wurde es anekdotisch.

 

Süddeutsche Zeitung: Viele Leute blocken ab, wenn man ihre Weltsicht hinterfragt. Es herrscht ein Kult der Subjektivität: Was ich fühle, muss richtig sein.

Lorraine Daston: Meines Erachtens hat dieser Kult in der Sportberichterstattung begonnen. Der arme Sportjournalist muss einen Athleten interviewen, der sich gerade verausgabt hat, vier Stunden auf dem Tenniplatz, er schwitzt und schnauft. Fragen nach einem bestimmten Set in der 37. Minute sind müßig. Also fragt der Interviewer: Wie fühlen sie sich? Irgendwie hat sich das verbreitet und den Trugschluss gestützt, das Bauchgefühl gleich Wahrheit ist.

Süddeutsche Zeitung, 7. März 2017

 

Irgendwie hat sich das also ausgebreitet. Hm… Irgendwie ist auch eine renommierte Wissenschaftshistorikerin nicht vor gefühlten Wahrheiten gefeit. Sehr schön.

Was treibt der Mann mit Mikro am Spielfeldrand?

Meine Sympathie für Per Mertesackers Reaktion im Interview nach dem Länderspiel sollte heute morgen wohl deutlich geworden sein. Eigentlich habe ich gedacht, damit sei der Fall erledigt. Für mich ging es nicht um journalistische Prinzipien, sondern um misslingende Kommunikation. Der Zeitpunkt von Boris Büchlers Frage, ob man sich das Spiel anders vorgestellt hätte,  passte nicht. Mir fehlte vor der Frage nach den Fehlern der Blick auf das Erreichte. Gerade Menschen mit Mikros müssen sich der Kommunikationssituation sehr bewusst sein, wenn sie Antworten erhalten wollen. Jeder von uns kennt das: Man strengt sich für was an, kriegt es irgendwie noch geschafft und dann kommt jemand um die Ecke und bemängelt hier was und dort was. Was glaubst du eigentlich, was ich gerade gemacht habe, denkt man sich. Manchmal sagt man’s laut.

Erledigt ist nun nichts, weil mancheiner glaubt, Boris Büchlers Frage zur falschen Zeit sei ein eindrucksvoller Beweis für seine journalistische Kompetenz. Natürlich habe ich damit gerechnet, dass manchem diese „kritische“ Frage gefallen könnte. Journalistische Kompetenz erweist sich durch sie aber gerade nicht, auch dann nicht wenn Franz Lübberding ihn in der Frankurter Allgemeinen Zeitung für seine Frage sogar beglückwünscht.

Ich hoffe für beide, sie haben einfach nur nicht lange genug überlegt, was am Spielfeldrand nach einem Spiel überhaupt möglich ist. Wäre es anders, es wäre einmal mehr ein Ausdruck des Zynismus, der in dieser Branche manchmal vorhanden ist. Andererseits erinnere ich mich an ein Zeitungsinterview mit dem ZDF-Mann Büchler, bei dem ihm die Grenzen seiner Tätigkeit sehr klar waren. Emotionen einfangen, darum könne es nur gehen, sagte er sinngemäß.

Was hier also abgefeiert wird, ist einfach ein Herauskitzeln von Emotionen. Das ist Boulevardjournalismus, und bei Taff, Brisant und Bunte wird doch niemand als politischer Journalist angesehen, nur weil er beim Bundespresseball tanzende Polit-Paare betextet.  Wer diese Frage von Boris Büchler für vorbildhaften Sportjournalismus hält, kann jeden Fan-Reporter ins öffentlich-rechtliche Programm hieven.  Was Boris Büchler macht, machen hunderttausende Stadionbesucher nach jedem Spiel. Meist geschieht das stellvertretend in der Runde, mit der man das Spiel besucht. Je tiefer die Liga, desto öfter können Fans sogar den Spielern  selbst die Frage stellen. Meist erhalten sie Antworten, auch wenn sie fragen, wieso es schlecht gelaufen ist. Das hat einen einzigen Grund.  So ein Fan wird dem Spieler nicht das Gefühl geben, er komme mit seiner Frage in einem höheren Auftrag, der Journalismus heißt. Den Fan-Sonderfall, dauerhafte Unzufriedenheit nach Nichterreichen des sportlichen Ziels, lasse ich mal außen vor.

Noch einmal: Boris Büchler mag irgendwo seriöser Sportjournalist sein, am Spielfeldrand ist er ein Boulevardjournalist, und der Nachweis von journalistischer Distanz zur deutschen Nationalmannschaft ist nur eine von vielen journalistischen Tugenden. Eine andere ist die zu wissen, mit welchen Grenzen ich umgehe, wenn ich arbeite. Diese Tugend hat gestern eindeutig gefehlt.  Eines wird beim Abfeiern von Boris Büchler doch vollkommen übersehen. Per Mertesacker hat sich  nicht gegen Kritik gewehrt. Er hat nur den Zeitpunkt unpassend gefunden. Es kann am Spielfeldrand nach einem Spiel nur um emotionale Eindrücke gehen, und dabei gilt, die Situation gibt vor, was möglich ist. Ich frage keine Trauernden als erstes nach dem lustigsten Missgeschick des Verstorbenen. Ich frage keine Hochzeitsfeiernden als erstes, wieso sie sich vor einer Woche noch so heftig gestritten haben. Wenn jemand ernsthaft an solchen Antworten interessiert ist, muss er Umwege gehen.

Und nicht vergessen, wir reden nur vom gestern schlechten Boulevardjournalisten Boris Büchler. Fundierte Kritik zur Spielweise gelingt nur mit Abstand. Und selbst die müsste mir mehr erzählen als das, was ich selbst sehe. Sie könnte mich zum Beispiel noch einmal an das grundlegende Spannungsverhältnis dieses Fußballsports erinnern: Ein schönes Spiel führt nicht automatisch zum Sieg. Davon lebt dieser Sport. Dieses Interview von Boris Büchler mit Per Mertesacker war für mich kein guter Journalismus, egal welcher Form. Dieses Interview von Boris Büchler war die Simulation von kritischer Haltung. Mehr nicht. Reicht manchmal für Beifall. Nicht bei mir.

 

Den Tag beginnen mit einer guten Nachricht, in der es vordergründig nicht um Geld geht

Bei all den Sorgen der letzten zwei Tage zur Finanzlage des MSV Duisburg ist der Spielbetrieb und eine andere offene Frage völlig aus dem Blick geraten. Nach dem letzten Spiel des MSV gegen den SC Paderborn suchte die lokale Presse ja nach einer schönen Geschichte, um ihre am MSV interessierten Leser bei Laune und Zeitung zu halten. Diese Geschichte fand sie mit den Vereinen der Bundesliga und Zweiten Liga, die ihre Trainer für die kommende Saison suchten. In so einer Situation passte es gut, dass Kosta Runjaic als der entscheidende Mann für den Erfolg des MSV Duisburg in dieser Saison gilt. So einem Trainer darf man doch wohl auch andere Aufgaben zutrauen. Es war auch nicht weiter wichtig, ob das stimmte oder nicht. Wichtig war, ein bedrohliches Szenario ist allemal eine Geschichte für mehrere Tage. Mir fiel das vor allem beim letzten Satz des oben verlinkten WAZ/NRZ-Artikels auf. Die Geschicke des 1. FC Köln verfolge ich ja vor Ort, und in der hiesigen lokalen Presse habe ich nichts von Kosta Runjaic als möglichem Trainer-Kandidaten des FC gelesen. Ich glaube, ich habe überhaupt keinen Namen gelesen. Die Kontakte der Pott-Presse in die Domstadt müssen verdammt gut gewesen sein, um in diesem namenlosen Kandidatenkreis den Trainer des MSV Duisburg zu finden.

Auf einer Äußerung von Kosta Runjaic konnte sich die Lokalpresse allerdings berufen.Er hatte betont, dass er mit seinen Co-Trainern Ilja Gruev und Sven Beuckert unbedingt weiter arbeiten wollte. Was zunächst auch einfach Ausdruck seiner Wertschätzung hat sein können. Schließlich liefen die Verträge beider Co-Trainer aus. Aber so ein Ausdruck von Wertschätzung lässt sich natürlich in ein Bedrohungsszenario problemlos einbauen.  Doch dann kam die Finanzkrise des MSV Duisburg als die noch viel bessere Geschichte dazwischen. So geht das Happy End für das Bedrohungsszenario „Trainer geht“ unter am Morgen nach der wieder einmal hoffentlich gesicherten Zweitliga-Lizenz. „Ilja Gruev bleibt beim MSV Duisburg“, titelt die Rheinische Post. Was im Bedrohungsszenario eine entscheidende dramaturgische Funktion hatte. Entweder wollten andere Vereine den Co-Trainer verpflichten oder der MSV Duisburg wollte nicht auf seine Vertragsvorstellungen eingehen. Nun arbeitet er also beim MSV weiter, und wir können darauf zählen, Kosta Runjaic wird es zufrieden mitbekommen haben. Er wird beim MSV Duisburg bleiben. Bis sich die nächste Geschichte mit seiner Person anbietet.

Jubiläumsfeiern stören

Es ist natürlich nicht angenehm für die Fußballer des MSV Duisburg Spielverderber sein zu müssen, aber heute geht es nicht anders. Das macht das Spiel für sie in Aachen nicht einfacher. Ausgerechnet heute kommt beiden Mannschaften das 1000. Zweitliagspiel von Alemannia Aachen in die Quere. Bei so einer Feier will man es doch sorgenfreier haben. Da will man doch nicht auf jeden Punkt gucken müssen. Da soll es doch mal so richtig krachen. Aber was ist? Die Aachener werden nicht weniger kniepig sein als wir Duisburger. Dennoch hoffe ich sehr, nur die Aachener Zuschauer werden schnell die Gelegenheit zu schlechter Laune bekommen. Ausnahmsweise wäre ich heute sogar mit spröder Jubiläumsansprachenstimmung auf beiden Seiten wegen eines Unentschiedens zufrieden.

Außerdem muss ich noch eben einer Legendenbildung vorbeugen. Das mache ich auch zur eigenen Beruhigung, weil ich weiter an konzeptionelles Arbeiten beim MSV Duisburg glauben will. Vorgestern hieß es in einem Vorbericht zum Spiel bei der Der Westen: Oliver Reck feierte beim 0:3 gegen den TSV 1860 München ein misslungenes Debüt. Man könnte meinen, der Effekt, den sich die sportliche Führung durch den Trainerwechsel erhofft hatte, ist bereits verpufft.“ Diese rhetorische Behauptung geht an der Wirklichkeit vorbei. Das könnte niemand meinen, weil es bei der Entlassung von Milan Sasic nicht um einen kurzfristigen Effekt ging. Es gab keine funktionierende Einheit mehr zwischen Trainer und Spieler. Und dieser in der rhetorischen Behauptung dahingesagte Grund für eine Trainerentlassung ist der schlechteste, den es überhaupt gibt. Wieviele Studien zeigen inzwischen, dass Trainerentlassungen statistisch gesehen keine Folgen haben. Im Einzelfall kann das natürlich anders sein. Milan Sasic ist hoffentlich nicht wegen seiner Erfolgslosigkeit entlassen worden. Milan Sasic ist entlassen worden, weil er in Zeiten der Erfolgslosigkeit keine Mittel besaß, mit der Erfolgslosigkeit umzugehen. Das ist ein Unterschied. Und ich hoffe, die Verantwortlichen kennen diesen Unterschied.

Welchen Journalismus braucht die finanzielle Situation beim MSV Duisburg

Mir fällt auf, dass die Rheinische Post zumindest bei der Sportberichterstattung über den MSV Duisburg in der letzten Zeit eine der grundlegenden Tugenden des Journalismus (wieder) entdeckt hat. Zunächst wird gefragt und danach erst werden Meinungen gegenüber gestellt. Auf diese Weise kommt es zu diesem sachlichen Artikel, in dem die finanzielle Situation beim MSV Duisburg zumindest an der Oberfläche berührt wird.  Der Artikel scheint von Sorgen bei MSV-Fans inspiriert zu sein, wie sie sie hier im MSVportal seit langem geäußert werden. Im WAZ-Konzern ist man mit Kommentaren wie diesem über den „MSV und alle seine Amateure“ zwar oft auch meinungstark, doch gerade beim Thema Finanzen fehlen mir einordnende Informationen und Fakten. Meinungsstark sind wir Fußballfans oft ja selbst schon.

Und wenn wir schon dabei sind, sei auf Tinas Beitrag in ihrem Achterbahn-Blog „Warum sich im Netz keine Sau für den MSV interessiert“ verwiesen, in dem sie und Talk-Kollege André Wartmann sich ein paar Gedanken zum Online-Auftritt des MSV Duisburg und dessen Social-Media-Aktivitäten machen.

Wissen ist Macht

Auch wenn es mancher jetzt nicht glauben mag, heute schreibe ich als teilnehmender Beobachter in vorwissenschaftlichem, mir selbst gegebenem Auftrag. Ich schreibe nicht als emotionaler Fan. Ich bewerte nicht, sondern nehme Daten auf. Beim Lesen dieses Artikels zu Milan Sasic in Der Westen stellte ich mir nämlich sofort die Frage, ob er vielleicht auch ein Beleg für den sich ausentwickelnden Kunstsektor Fußball ist, wie er mir neulich in Zusammenhang mit dem Xavi-Interview in der Süddeutschen Zeitung in den Sinn kam. Vielleicht ist dieser Artikel ein unbeabsichtigtes Zeugnis für diese Entwicklung.

Milan Sasic hatte anscheinend Sportberichterstatter Duisburgs geladen, um Erklärungen für mangelnden Erfolg zu geben. Ich lese als Erklärung aber nichts anderes als den allgemeinen Verweis auf Fehler der Spieler, der eine Geste der Machtdemonstration mit unausgesprochenem Herrschaftswissen folgt: „Der Trainer zeigt auch Eckbälle. Sasic schmunzelt: ‚Es gibt immer noch Leute, die nicht verstehen, warum bei uns zwei Leute an der Eckfahne stehen.'“ Dazu muss man wissen, es gibt viele Zuschauer, die diese Eckballvariante heftig kritisieren.

Milan Sasic gibt nun keine Erklärung für diese Eckballvariante. Im Artikel gibt es nur diese Beschreibung eines wissenden Schmunzelns. Wem ist nun die ausbleibende Erklärung anzulasten? Den Journalisten? Milan Sasic? Als teilnehmender Beobachter interessiert mich das gar nicht. Als teilnehmender Beobachter stelle ich fest, im Geschehen zwischen Milan Sasic und den Duisburger Sportjournalisten offenbaren sich Zeichen von Herrschaftswissen. Für den Fußball, der sich als Kunst verstehen möchte, ist das normal. Auch im Kulturbetrieb gibt es immer wieder Menschen, die Duftmarken setzen, um den Wert des eigenen Kulturerlebens zu steigern. Sie wollen sich unterscheiden. Die Mechanismen für diese Unterscheidung sind immer dieselben. Hier stehen wir, die sehen und erkennen, dort sind die, deren Reden ein Zeugnis ihrer Unkenntnis ist.

Als Fan lässt der Artikel mich übrigens verwirrt zurück. Ich weiß nicht so recht, an welcher Stelle es mit der Wissensvermittlung an die Leser hapert. An wen wollte sich Milan Sasic wenden? Wollte er die Zuschauer erreichen? Das hat er eindeutig nicht geschafft. Haben das die Journalisten vermasselt? Wollte er den Journalisten privatissime eine Fortbildung in Sachen Fußballlehre geben? Warum haben sie dann daraus diesen Artikel gemacht? Warum haben sie ihr neu erworbenes Wissen nur unzureichend weitergegeben?

Die Quintessenz dieses Artikels lautet, die Spieler des MSV Duisburg können‘ s einfach nicht. Warum das aber so ist, das scheinen die Anwesenden für so selbstverständlich zu halten, dass sie es nicht weitererzählen. Das muss von selbst verstanden werden. Das lässt sich auch als Signal an Zuschauer interpretieren, stille zu sein. Wenn ich wollte, könnte ich den Artikel als Versuch verstehen, öffentliche Stimmen durch Zuschreibung von Unkenntnis zu entkräftigen. Wenn ich wollte, könnte ich glauben, hier sollen Zeichen gesetzt werden, dass entgegen einer weit verbreiteten Meinung doch nicht jeder beim Fußball mitreden darf. Wenn ich wollte. Ich will aber gar nicht.

Die Absicht von Milan Sasic war vielleicht eine andere. Vielleicht wollte er tatsächlich etwas erklären, vielleicht wollte er einer vermuteten wirksamen Kritik von Seiten interessierter Fans mit Argumenten entgegen wirken. Vielleicht sind Dirk Retzlaff und Thomas Tartemann auch einfach nur dem Charme Milan Sasics erlegen. Könnte mir im Übrigen auch passieren.

So ignoriert Der Westen journalistische Grundsätze

Es geht hier nicht um starke Meinungen. Deshalb geht es auch nicht um ein Urteil zu dem Text eines Journalisten.  Es geht um das Arbeiten im WAZ-Konzern. Der Text eines WAZ-Journalisten über Florian Fromlowitz sorgte gestern nach seiner Veröffentlichung auf Der Westen unter MSV-Fans für Empörung. Betitelt wurde er mit Fromlowitz ist für den MSV keine Verstärkung“. Darüber steht in kleinerer Type „Contra“. Was dem Titel in anfänglich gönnerhaftem Ton folgt, verärgerte viele, die sich über die Verpflichtung von Florian Fromlowitz freuen. Der Ton macht bekanntermaßen die Musik.

Auch ich habe beim Lesen gestutzt, und das Ganze sofort abgehakt unter dem Motto, da nimmt sich einer aber ziemlich wichtig. So wichtig, dass er meint, MSV-Fans zurechtweisen zu können. Als ob da einer Meinungshoheit herstellen will. Wo kommt der her? Über den MSV Duisburg schreibt dieser Journalist ja normalerweise nicht. Wenigstens, so dachte ich, legt er ein Argument für seine starke Meinung vor. Ganz versunken im Sumpf der Journalisteneitelkeit ist er also noch nicht.

Nun finde ich heute morgen im MSVportal eine Erklärung für diesen Text, die den Journalisten zunächst frei spricht von Schuld am aufgekommenen Ärger und einmal mehr zeigt, wieso das Einhalten von Qualitätsstandards das einzige Mittel für die Lokalpresse ist, ihre Leser zu halten. Dieser Text über Florian Fromlowitz wurde eigentlich als Teil eines Pro und Contra für die Printausgabe des RevierSports geschrieben. Weil die RevierSport wie Der Westen zum WAZ-Konzern gehört, werden da gerne Texte hin- und hergeschoben. Je niedriger die Kosten für Inhalte eines Mediums desto besser. Warum nun der Pro-Text zur Fromlowitz-Verpflichtung nicht mitgeschoben wurde, weiß ich nicht. Ich weiß aber, ohne diesen Pro-Text verändert sich die Bedeutung des Contra-Textes.

Mancheiner wird das für eine Marginalie halten, für mich ist es ein Symptom des Qualitätsstandards, der im WAZ-Konzern bei journalistischen Produkten im Moment angelegt wird. Wir sehen, diese Qualitätsfrage kann der einzelne Journalist keineswegs für sich alleine entscheiden. Die Journalisten werden sicherlich versuchen, ihr Bestes zu tun. Der WAZ-Journalist hat auf Kommentare der Leser ebenfalls in den Kommentaren geantwortet. Und anscheinend ist er sich gar nicht darüber im Klaren, dass mit dem Mediumswechsel sich auch die Bedeutung seines Textes verschiebt. Vielleicht ist er ein junger Journalist, und es gehörte zu den Aufgaben der verantwortlichen Redakteure sich über solche Fragen Gedanken zu machen. Haben diese Redakteure Zeit dazu?

Die Auflagen der Zeitungen des WAZ-Konzerns sinken. Die Qualtität des Produkts ist vor allem anderen die Voraussetzung Verluste an Lesern aufzuhalten. Diese Qualität beweist sich eben auch dann, wenn es um das Wissen geht, wie journalistische Texte in welchen Zusammenhängen wirken. Wenn Texte beliebig hin- und hergeschoben werden, macht mich das skeptisch, ob in dem Konzern sich jemand über den Zusammenhang von Form und Inhalt in Zukunft noch Gedanken machen wird. Der Journalist kennt diesen Unterschied anscheinend nicht, vielleicht hat er aber auch von dem Hin- und Herschieben gar nichts mitbekommen. In seinem Kommentar zu den Leserkommentaren verweist er jedenfalls nur auf sein Recht auf Meinung. Ich denke, da lässt ihn seine Redaktion ins offene Messer laufen. Aber vielleicht findet dieses Verschieben der Texte im WAZ-Konzern auch niemand weiter problematisch. Ich möchte das nicht gerne glauben. Vielleicht hat auch niemand Zeit, sich um solche Fragen zu kümmern, und der Teufelskreis von Sparmaßnahme und Auswirkung auf das journalistische Produkt zeigt Wirkung. Für den Leser sind solche Überlegungen letztlich egal. Wenn das Wegbrechen der journalistischen Standards die Zukunft seiner Zeitung wäre, vergisst er sie zurecht.

Kölner Sportjournalisten verfolgen welche Interessen?

Wer hier immer mal wieder mitliest, weiß, dass ich in Köln wohne und auch dort durchaus zu Heimatgefühlen neige. Die gehen nicht ganz so weit, dass mich Siege und Niederlagen des 1. FC Köln berühren, doch das Geschehen beim FC nehme ich als eine Art teilnehmender Beobachter durchaus wahr. Zumal das Auskosten von Siegen meines MSV gegenüber den FC-Fans unter meinen Freunden versüßt wird, wenn ich mich beim FC ein wenig auskenne.

In den letzten Wochen erhielt ich durch mein Interesse für den FC immer mehr Anlass für eine weitere Warnung vor dem Glauben, allen Sportjournalisten ginge es bei ihrer Berichterstattung um so etwas wie die vorgefundene Wirklichkeit. Einmal mehr hatte ich den Eindruck, die Sportjournalisten, in diesem Fall die des Kölner Stadt-Anzeiger, empfinden große Lust daran, die Wirklichkeit ihres Sujets mitzugestalten. Aus meinem recht nüchternen Abstand zum FC habe ich in den letzten Wochen nämlich mit immer größerer Verwunderung die Berichterstattung im Kölner Stadt-Anzeiger über den Verein gelesen. Immer heftiger wurde da eine Vertragsverlängerung mit dem FC-Trainer Frank Schaefer eingefordert, obwohl sämtliche Beteiligten, sich darauf geeinigt hatten, nach der hoffentlich erfolgreichen Verhinderung des Abstiegs über genau diesen Tatbestand erst zu reden. Niemand hatte diese Vertragsverlängerung zum Thema gemacht. Sie wurde zum Thema, als im Kölner Stadt-Anzeiger dessen Sportjournalist Karl-Heinz Wagner darüber schrieb. Karl-Heinz Wagner deutete ein sehr sachliches Interview mit dem Geschäftsführer des 1. FC Köln Claus Horstmann als mangelnde Unterstützung des erfolgreichen Trainers. Ich konnte diese mangelnde Unterstützung in dem Interview nicht erkennen, und dachte mir nichts weiter dabei. Schließlich habe ich Karl-Heinz Wagner schon häufiger über den 1. FC Köln eher polemisch schreiben gesehen als abwägend und nachdenklich.

Danach aber wurde die Geschichte weiter befeuert. Da wurde eine Finke-Äußerung zum Verhältnis von Trainer-Dasein und Religiösität im Leben von Frank Schaefer aufgegriffen und kritisiert. Kurz darauf druckte der Kölner Stadt-Anzeiger ein Interview mit Frank Schaefer ab, das auf diese Weise angetitelt wurde:

Frank Schaefer ist tief enttäuscht

FC-Trainer Frank Schaefer hat sein Bedauern darüber geäußert, dass eine öffentliche Diskussion über seinen christlichen Glauben entstanden ist. Er bezeichnete das von FC-Sportdirektor Volker Finke zitierte Thema als „menschlich schon nicht einfach“.

Wer nur diese Überschrift liest, wird einen großen Konflikt zwischen Frank Schaefer und Volker Finke vermuten. Allerdings weist  das Interview selbst mit keinem Wort Schaefers darauf hin.  „Tief enttäuscht“ ist er über Spieler seiner Mannschaft und darüber hinaus, empfindet er die öffentliche Diskussion über seinen Glauben als „menschlich schon nicht einfach“. Die Sportredaktion gibt durch Titel und Untertitel eine Deutung vor, und wer die Zeitung nur überfliegt, wird mit dieser Deutung seine Meinung bilden. Das ist ohne Frage unlauterer Journalismus.

Volker Finke mag ja sein eigenes Spiel gespielt haben, leider trägt die Sportredaktion des Kölner Stadt-Anzeigers nicht an einem Tag ihrer Berichterstattung dazu bei, dieses Spiel klarer zu umreißen. Vielmehr weckt sie beim unvoreingenommenen Leser Misstrauen gegenüber den Grundlagen der journalistischen Sportberichterstattung beim Kölner Stadt-Anzeiger.

Denn wenn ich mir nur die berichteten Fakten über den 1. FC Köln ansehe, erkenne ich die von Karl-Heinz Wagner zugespitzte Deutung des Geschehens nicht. Ich muss also zu dem Schluss kommen, entweder weiß er etwas, was er nicht schreibt, oder er verfolgt ein eigenes Interesse, zu dem er sich nicht bekennt.  Dieses banalste Interesse der Sportredaktion wäre natürlich die eine auflagensteigernde, erzählenswerte Geschichte. Unbestritten bleibt, ohne weitere Fakten gibt es keine widerspruchsfreie Geschichte des Geschehens beim 1. FC Köln. Es ist unlauterer Journalimus die Geschichte des Geschehens als widerspruchsfrei darzustellen. Das ist Meinungsmache. Das erwarte ich in einer Boulevardzeitung und nicht in einer sich seriös gebenden Lokalzeitung wie dem Kölner Stadt-Anzeiger.

Wer es mit der Leidenschaft eines Kölner Anhängers und dennoch vorhandener sachlicher Analyse noch detaillierter aufbereitet haben möchte, der lese „Geschichte wird gemacht: Die Causa Finke“ beim Spielbeobachter.

Der „Sniper“ José Mourinho

Vor dem Pokalfinale in Spanien zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona fragte Javier Cáceres für die Süddeutsche Zeitung den ehemaligen irischen Nationalspieler Michael Robinson nach seiner Einschätzung zur Situation bei Real Madrid. Robinson arbeitet nach seiner Karriere in Spanien als Fußballexperte im Fernsehen. Zurzeit hat ihn der Pay-TV-Sender Canal+ als Kommentator engagiert.

Michael Robinson spricht in dem Interview originell und klug über Fußball, Real Madrid und José Mourinho. Als ein Beispiel sei hier seine Charakterisierung von José Mourinho zitiert:

José ist ein Sniper, ein Scharfschütze. Er kriegt einen Umschlag mit einem Auftrag, erledigt seinen Job und geht. Ohne Spuren, ohne ein Erbe zu hinterlassen. Wann immer er gehen sollte, wird Real Madrid wieder bei Null beginnen müssen. Auch am Samstag ging es ihm um sich – nicht um den Klub. Es war, als sagte er: „So lange ich hier Wache schiebe, passiert uns ein 0:5 nicht noch einmal.“ Mich umschleichen zwei Zweifel: Erstens, ob er der richtige Mann für Real Madrid ist. Weil er eher ein Trainer für Klubs ist, die Minderwertigkeitskomplexe haben, die sich sagen: „Wir wollen etwas gewinnen, wir rufen Super-M!“ Aber Real Madrid hat so viel vorzuweisen.

Der gestrige Pokalsieg von Real Madrid bestätigt die Einschätzung von Michael Robinson. Lese ich dieses Interview, möchte ich sofort ein Buch von ihm über Fußball lesen. Geschrieben hat er es noch nicht.

Der Leitsatz bis zum Pokalfinale und die emotionalen Geschichten

Ich verstehe Sportjournalisten. Es geht eben nicht nur um den Sport. Es geht auch um die emotionalen Geschichten neben dem Sport. Auch Sportjournalisten möchten ihren Lesern die großen Gefühle schenken. Sie wollen das ja auch, diese Leser. In Duisburg gibt es, wie wir wissen, die Möglichkeit zu der anrührenden Geschichte einer verschworenen Gemeinschaft, die durch Verluste unerwartet stark wird. Dort die verletzten Helden der letzten Wochen, hier die weiter um Punkte kämpfenden gesunden Spieler, die ihre Anstrengung angesichts der Opfer der Verletzten noch vergrößern und jeden Sieg diesen Mitspielern widmen. In der populären Fußballjournalismussprache der Gegenwart wird mit so einer Geschichte die Antwort auf die Frage gegeben, welcher Spieler aus welchem Grund besonders motiviert ist in einem Fußballspiel.

Milan Sasic hat diese Geschichte um das zentrale Motiv der Motivation in der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Alemannia Aachen vom Tisch gewischt. Gleichzeitig hat er den bis zum DFB-Pokalfinale gültigen Leitsatz für die Mannschaft formuliert. Seine Sätze schildern realistisch die sportlichen Gegebenheiten, und dennoch ließen sich mit ihnen eine emotionale Geschichte erzählen. Vielleicht hat er eine intuitive Abneigung gegen Klischees in den bunten Geschichten des Fußballs: „Es geht um uns, geht um unsere Leistunge, geht  … mit alle Respekt an die, was fehlen, und alle Wichtigkeit von die Spieler … Wir können die Daten … Sie habe auch die Daten … aber wir müssen versuchen die vergessen zu lassen in diese Spiel. So ist das. Das ist unsere Aufgabe. Das ist einfach unsere Aufgabe.“ Der O-Ton findet sich hier bei Minute 5.40


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: