Posts Tagged 'Sportjournalismus'



Lavric im Blick des sprachschöpferischen Schweizer Boulevardjournalismus

Da erzähle man mir noch einmal, die Schweizer interessierten sich nicht mehr für das Hochdeutsche und sie hätten schon eine gute Strecke auf ihrem Weg zurückgelegt vom allemanischen Dialekt hin zur eigenen Nationalsprache Schwizerdütsch. Der Boulevardjournalismus in der Schweiz macht da jedenfalls nicht mit. Gleich drei Blick-Journalisten waren besorgt beim Anblick des Schweizer Schiedsrichters Daniel Wermelinger und des beim FC St. Gallen spielenden Klemen Lavric, dessen Grundschnelligkeit während seiner letzten Saison beim MSV Duisburg 2007/2008 anscheinend eine vorauseilende Anpassung an sein jetziges Gewicht gewesen ist. Die drei Sportjournalisten wollten von ihren Lesern wissen, wie schwer ein Schiedsrichter sein darf und nahmen Klemen Lavric wahrscheinlich wegen ihrer Freude am alliterierenden Spotvokabular mit in die Pseudoberichterstattung hinein. Sie nennen ihn nämlich einen „Pummel-Profi“; ich finde, ein wunderbares Wort, das im Fußballsprachschatz viel zu spät kommt. Die Bewahrer des Hochdeutschen in der Schweiz brauchen sich bei solch sprachschöpferischen Boulevardjournalisten keine Sorgen um die Zukunft der Schweizer Teilstandardsprache zu machen. Das Foto allerdings ist schlecht gewählt, allzu viel Pummel-Profi-Sein kann ich da nicht erkennen (das Lavric-Foto ist das zweite).

Begeistertes Köln feiert Duisburgs Pokalsieg

In Duisburg, der Stadt, wo man sich notorisch selbst unterschätzt, wird der  Einzug des MSV ins DFB-Pokalendspiel beim Halbfinale gegen den FC Energie Cottbus, wenn überhaupt wahrscheinlich nur noch leise gefeiert. Das ist in Köln, der Stadt, wo man sich notorisch selbst überschätzt, natürlich ganz anders. Dort führt  der Einzug des Nachbarstadtteils der imaginären Kees-Jaratz-Stadt-am-Rhein dem Selbstbild der Kölner gemäß noch heute zu überbordender Begeisterung. Das Feiern, so habe ich den Eindruck, wird von Stunde zu Stunde maßloser. Der Kölner, der sonst immer glaubt, alles was es gibt auf der Welt, „dat-jibbet-so-nur-nur-nur-in-Kölle“, sah am Dienstagabend nach Duisburg, erinnerte sich an ein Gebot des Rheinländers und dachte, man muss och jönne könne. Da fiere mer ewe met, und dabei hätt uns noch keiner wat vürjemaacht. Die lokalpatriotischen Kölner können aber ihre sie selbst überraschende Freude über den Sieg des MSV Duisburg natürlich nicht offen zeigen. Was für ein Glück, dass heute mit Weiberfastnacht der Straßenkarneval beginnt. So können sie sich hinter der Maske des Frohsinns verstecken und behaupten, sie ständen bei diesem sonnigen Wetter doch nur „wegen dem Brauchtum“ auf der Straße.

Doch schon im Anschluss des Spiel am Dienstag waren in der Sportredaktion des Kölner Stadt-Anzeiger die Sportjournalisten aus dem Häuschen. Anscheinend waren sie so begeistert über den Einzug des MSV Duisburg ins Pokalendspiel, dass in ihnen der Wunsch entbrannt sein muss, dieses Endspiel mit Duisburger Beteiligung unbedingt in Köln sehen zu wollen. Oder wie soll der Untertitel für den Vorbericht zum Frauenpokalfinale zwischen Turbine Potsdam und dem FFC Frankfurt gedeutet werden, das ja bekanntermaßen am 26. März in Köln stattfindet? Etwa, dass an ein Frauenpokalfinale ohne den FCR 2001 Duisburg nicht zu denken ist?

Am Nachmittag werde ich mich als Duisburgstämmiger Kölner oder Duisburger mit Kölner Wohnsitz oder Kölner mit Duisburger Wurzeln oder auch als Imi unter die feiernden Menschen begeben und vorbildhaft für ein gelungenes integriertes Leben mit beiden Kulturen und in beiden Städten werben. Ich werde die Freude über den Finaleinzug keinesfalls hinter der Maske des rheinischen Frohsinn verstecken, dennoch allerlei kölsches Liedgut lauthals mitsingen und dabei auch in diesem Jahr sämtliche FC-Jubelgesänge allerhöchstens nachsichtig summen.

Nachtrag: Ich bemerke gerade, dass der Kölner in mir manchmal ein wenig übermütig wird und ich die Duisburger Bodenhaftung verliere. „Pokalsieg“ hört sich in der Überschrift einfach gut an, selbst wenn es nur ein Halbfinal- oder Pokalspielsieg. Ich lasse das stehen und betrachte es als Aufmunterung. Diese Überschrift hat überhaupt nichts mit möglichen Folgen von verfrühten Glückwünschen zu tun.

Beziehungsgespräche von Sportjournalisten – Mit irgendwas muss ich die Zeit ja rumkriegen

Ob Sportjournalisten zu Hause abschalten können?

Da war die Pressekonferenz des Heimatvereins am Morgen. Ein großes Spiel steht bevor, das größte  Spiel seit Jahren. Ab in die Redaktion, Artikel schreiben und dann endlich Feierabend machen. Hoffentlich ist die Liebste schon zu Hause.
„Hallo“, ruft er beim Reinkommen, „jemand da?“
Strahlend kommt sie und umarmt ihn zärtlich.
„Bald ist ein besonderer Tag. Liebst du mich deshalb mehr als sonst?“, fragt er.
„Ja“, haucht sie, „so sehr. Mit ganzem Herzen.“
„Eine Hochzeit erlebt man nicht alle Tage. So was ist schon sehr besonders, oder?“
„Natürlich, unsere Hochzeit ist etwas besonderes, das wissen alle. Wenn ich nur daran denke, brenne ich schon vor Leidenschaft. “
„Du liebst mich nicht nur voll und ganz, es könnte auch ein hundertzehnprozentiges Gefühl sein?“
„Jeder weiß, wie wichtig so ein Tag ist. Da werde ich alles geben, das kannst du mir glauben. Ich will durch das Portal die Kirche betreten.“
„Manchmal denke ich, viele Paare erzählen ja von dieser besonderen Atmosphäre in der Kirche. Meinst du, das wird deine Liebe noch größer machen?“
„Ich liebe dich so sehr. Und doch, ja, meine Liebe wächst und wächst. Sie wird an dem Tag noch größer sein. Ich werde alles für diese Liebe geben. Das verspreche ich.“
„Falls die Hochzeit gelingt, wäre das eine unerwartete Bestätigung von unserem Zusammenkommen. Ist das nicht sogar eine zusätzliche Motivation für deine Liebe?“
„Selbstverständlich, mein Schatz, meist gibt es nur einmal die Chance so eine Hochzeit zu erleben. Da gebe ich wirklich alles für. Das kannst du mir glauben.“
„Denkst du auch schon an all die romantischen Urlaube danach?“
„Vielleicht, ein wenig. Aber lass uns erst einmal auf die Hochzeit konzentrieren.“
„Du hast recht, es ist eine besondere Feier. Sie dauert wahrscheinlich länger als 90 Minuten. Da brauchen wir alle Kräfte und nur mit allergrößter Liebe und Leidenschaft können wir den Tag zu einem glücklichen Ende bringen.“   „Schatz, ich bin bereit, auch zweihundert Minuten zu feiern. Das ist kein Problem. Wenn nur du an meiner Seite bist.“

Die Pressekonferenz des MSV Duisburg, auf der unser Sportjournalist gewesen ist, findet sich übrigens hier in einem ersten Teil und hier in einem zweiten.

Milan Sasic mit trockenem Humor und Gespür für Timing

Sollte Milan Sasic nach seiner Zeit beim MSV Duisburg durch die von uns allen erhofften großen Erfolge zu satt sein, um weiter als Fußballtrainer zu arbeiten, kann er problemlos mit einem Comedy-Programm auf die Bühne wechseln. Der Mann hat trockenen Humor und Gespür für Timing. Er muss nur noch lernen, einen winzigen Moment länger ernst zu bleiben, wenn er seine Pointe setzt.

Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Fortuna Düsseldorf, Frage eines Sportjournalisten: „Man stellt ja häufiger fest, dass Vereine, wenn sie im zweiten Jahr in der Klasse… in der Liga sind, mehr Schwierigkeiten haben als im Jahr zuvor. Woran liegt das? Was meinen Sie?“

Die Antwort gibt Milan Sasic etwa bei 4:38.

Zeitgefühl

Damals als für uns Kinder Halloween noch keine erste Etappe auf dem Weg zu Weihnachten war, begann erst mit dem Martinsfest das Warten auf Heiligabend. Trotz Süßigkeiten als Lohn fürs Martinssingen und Adventskalendertürchen öffnen, dauerte es bis zum Geschenke auspacken eine Ewigkeit. Heute sorgen wir selbst für den Süßigkeitenvorrat und denken am vierten Advent, eigentlich reicht eine Kerze völlig aus, um vier Adventssonntage rumzubringen. Schließlich hat man die Kerze gerade zum ersten Mal entzündet, schon wollen am Morgen des Heiligabends die letzten Geschenke eingekauft werden. Viel Geduld brauchen wir heute nicht mehr, um die Zeit bis zu Weihnachten rumzubringen. Die von uns empfundene Dauer von Zeit ist bekannter Maßen sehr modellierbar. Für die Älteren vergeht Zeit schneller als für die Jüngeren; für den Wartenden langsamer als für denjenigen, der etwas Eindrucksvolles erlebt. Und auch dem siegeswilligen Fußballspieler vergeht Zeit mit jeder Spielminute ohne Torerfolg immer schneller. Gerade dann, wenn er gegen eine sehr kompakte Abwehr spielen muss. Sie vergeht ihm sehr viel schneller als dem Trainer auf der Bank, der die taktischen Anweisungen dann immer unzureichender umgesetzt sieht. Und wir Zuschauer haben noch ein anderes Zeitgefühl, wenn wir drohendes Scheitern aushalten müssen, ohne direkt handeln zu können. Wenn dann doch das Tor fällt, wird alles noch einmal neu bewertet.

Dementsprechend konnte ich am Sonntag eine Mannschaft des MSV Duisburg mit Geduld im Spiel gegen den Karlsruher SC erkennen und hatte dabei vor allem die zweite Halbzeit im Blick. Dagegen bemängelt Milan Sasic das Fehlen der meist als Tugend beschriebenen Eigenschaft seiner Mannschaft, während er – so meine ich – an die erste Halbzeit dachte. (Bis nächsten Montag findet sich diese Interview-Aussage als Teil des Spielberichts von Sky noch hier.)

Frage Sky: „Haben sie heute etwas auszusetzen an der Leistung ihrer Mannschaft?“

Milan Sasic: “ Nein, eh, … das, was ich meine zu sagen, habe ich schon in Halbzeit zu Mannschaft gesagt. Ich muss auch vorsichtig sein. Nicht zu viel verlangen. Die Jungens arbeiten hervorragend, und heute war nicht einfach für uns. Wir haben gespielt gegen einen Gegner, hat sich vorgenommen alles zu zu machen und für uns Leben schwer zu machen. Und dann hatten wir keine Geduld. Die ein oder andere Situation hatten wir falsch gehandelt. Wir hatten genügend ungezwungene Ballverluste,  und trotzdem haben wir geschafft, Gegner zu knacken.“

Milan Sasics Sicht auf die Geduld der Mannschaft bestätigt allerdings mein Gefühl vom Montag, dass die Sportjournalisten mit ihrem Fazit eines gegenüber dem Karlsruher SC weit überlegenen MSV Duisburg übertrieben haben. Mit der Geduld als zentraler Spielkategorie lässt sich aber auch nicht leicht, eine gute Geschichte erzählen. Gerade dann, wenn am Ende alles gut ausgeht, und das Fehlen von Geduld nicht weiter ins Gewicht fiel. Was soll man über ein Nichts schreiben?

Milan Sasics Aussage zum Spiel beruhigt mich. Nicht wegen meiner eigenen Wahrnehmung der Leistung, sondern weil ich sehe, dass er sieht, wie die Mannschaft des MSV Duisburg noch besser werden kann.

Das Larsen-Hin-und-Her

„…für Sören Larsen und Bernd Korzynietz kommt das Spiel gegen den FSV Frankfurt zu früh.“

NRZ, 13.1.2010

„Unglaublich aber wahr. Sören Larsen ist wieder fit. Der Goalgetter wird, wenn er keinen Rückschlag erleidet, gegen Frankfurt sein Comeback feiern.“

Reviersport, 14.1.2010

„Morgen werden Innenverteidiger Frank Fahrenhorst (zuletzt Knieverletzung) und Sören Larsen (Zehenbruch) erstmals wieder dem Kader angehören. […] Allerdings dürfte vor allem ein Einsatz von Sören Larsen unwahrscheinlich sein.

NRZ, 15.1.2010

MSV-Stürmer Sören Larsen musste die Trainingseinheit am Freitag mit muskulären Problemen frühzeitig beenden. Der Däne klagte über leichte Probleme in der Oberschenkelmuskulatur und wurde deshalb aus Gründen der Schonung aus dem Training genommen. Aus diesem Grund wird Larsen auch nicht dem Kader für das Heimspiel gegen FSV Frankfurt am Sonntag angehören. Eine genauere Untersuchung wird zu Beginn der nächsten Woche erfolgen.

Pressemitteilung MSV Duisburg, 15.1.2010 18.58 Uhr

Und es wär´so schön gewesen …

Das ist die Pflicht der Medien

Manchmal ist es ein einzelnes Wort, in dem sich Haltungen offenbaren. In der „News“ auf der Webseite des MSV Duisburg zum DFB-Pokalspiel gegen Mönchengladbach findet sich folgender Satz: „In der Pressekonferenz vor dem Spiel nahm Neururer auch die Medien in die Pflicht“. Was Peter Neururer als an die Medien adressierte Kritik sagte, interessiert hier erst einmal nicht. Dagegen interessiert hier sehr wohl, dass es der MSV Duisburg für richtig hält, diese Kritik sprachlich äußerst ungenau als „in die Pflicht nehmen“ zu bezeichnen.

Mit diesem Wort offenbart sich eine Erwartung von Vereinsseite, der ein Irrtum zugrunde liegt. Es gibt für Journalisten keine Pflicht gegenüber dem MSV Duisburg. Im Idealfall gibt es die Pflicht gegenüber einem journalistischen Ethos, zu dem etwa Wahrhaftigkeit gehört oder auch die Nachvollziehbarkeit der Argumentation und natürlich Unabhängigkeit. Wobei mir klar ist, dass in der Berichterstattung über Fußball, besonders in lokalen Zusammenhängen,  diese Unabhänigkeit etwa ein dehnbarer Begriff ist. Dennoch ist es wünschenswert, dass alle Akteure im Fußballgeschehen diese Spielregeln akzeptieren und wenn sie dagegen verstoßen, sie sich dessen bewusst sind.

Für mich gehören diese Versuche, Journalisten zu instrumentalisieren in die große Abteilung Unterhaltungsbranche Fußball. Doch Fußball ist in dieser Gesellschaft etwas mehr als Unterhaltung und deshalb werden die Kontroll-Mechanismen der Celebrity-Welten von Kino und Fernsehen im Fußball nie ganz funktionieren, selbst wenn es von Vereinsseite immer wieder probiert wird. Der MSV Duisburg versucht das natürlich nicht als einziger Verein, wobei ich  zweifel, ob hinter dem Versuch die öffentliche Meinung zu beeinflussen eine Strategie steht. Auch andere Vereine versuchen eine unabhängige Berichterstattung zu erschweren, wie gestern bei textilvergehen zum 1. FC Union Berlin zu lesen war.

Neben diesen grundsätzlichen Überlegungen weiß ich zudem gar nicht, wen Peter Neururer mit seiner Kritik überhaupt meint, wenn er sagt: „Bei dem ein oder anderen Journalisten habe ich das Gefühl, dass er nur darauf wartet, dass hier etwas schief läuft, um dann ordentlich drauf zu hauen“. Nun lese ich zwar schon viel über den MSV Duisburg aber auch nicht jeden Artikel. Vielleicht habe ich es einfach nicht gelesen, was Peter Neururer missfiel. Vielleicht sind die Sätze aber auch eine Nebelkerze, um den Druck ein wenig von Mannschaft zu nehmen.

Lese ich die geplante Mannschaftsaufstellung für den heutigen Abend, fällt es mir jedenfalls schon leichter, die vergangenen zwei Spiele erst einmal zu vergessen. Die offensive Ausrichtung  zeugt vom Versuch das Selbstbewusstsein zurück zu gewinnen und Caiubys Rückkehr macht Wagners Ausfall erträglich. Und der Gerechtigkeit halber, sei daran erinnert, dass nicht Peter Neururer sondern Thomas Tartemann hier diese Aufstellung „totale Offfensive“ nennt. Eine Formulierung, die natürlich eher Anlass zu Widerspruch gibt als die einfache Feststellung Peter Neururers, wir „möchten dort erfolgreich sein“.

Und noch was zur Erklärung: Auf der Seite vom MSV Duisburg erscheinen einzelnen Texte immer unter der Index-Adresse in der Adresszeile. Anscheinend werden sie nicht mit einer nach außen hin sichtbaren eigenen Adresse geführt. Wenn ich also hier auf bestimmte Seiten vom MSV verlinke, landet man immer erst beim Index und muss die entsprechende Seite selbst suchen.

Vor dem Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern

Je näher das Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern rückte und je mehr Vorberichte und Stimmungseindrücke von Fans ich hörte und las, desto mehr hat es mich umgetrieben, mal schnell den Blick auf die letzte Saison zu werfen. Nicht auf den MSV Duisburg sondern auf den 1. FC Nürnberg, selbst wenn sich Peter Neururer den dritten Platz nicht zum Ziel  gesetzt hat. Einfach nur um mit dem Beispiel Nürnberg in der letzten Saison zu sagen, selbst wenn in Kaiserslautern kein Punkt geholt wird, heißt das nur, da wurde ein Spiel verloren. Mehr nicht.

Ich habe den Eindruck, es hat sich in der Länderspielpause eine etwas zu spannungsvolle Erwartung aufgestaut. Entweder mündet diese Spannung in leichten Überschwang oder in die Frage, zeigt sich in Kaiserslautern, wie gut der MSV Duisburg wirklich ist? Für mich stellt sich diese Frage nicht mehr, trotz der ersten 30 Minuten gegen Fortuna Düsseldorf. Der MSV Duisburg hat in dieser Saison eine Spielanlage, die in Duisburg schon lange nicht mehr zu sehen war.  Es geht nicht um das Spiel heute Abend, es geht um die Konstanz über die gesamte Saison hinweg. In der Perspektive ist das Spiel heute Abend wichtig und nicht, um Spielstärke endgültig zu beweisen. Nürnberg hatte übrigens 5 Punkte nach dem fünften Spieltag. Und davon ab, der MSV gewinnt natürlich heute Abend 2:1.

Bodzeks Retten lässt mir keine Ruhe

Sowohl die NRZ als auch die Rheinische Post haben das Spiel vom Freitagabend mit dieser Artikelüberschrift zusammen gefasst: „Bodzek rettet […] einen Punkt“. Heute beschäftigen mich nebem dem Spiel selbst auch diese Artikelüberschriften noch immer. Ich überlege nämlich, ob diese häufig gebrauchte Sprachformel des Sportjournalismus die Wirklichkeit des Spiels trifft.

Selbstverständlich gibt eine sehr eng verstandene Aussage des Satzes eine Wirklichkeit des Fußballspiels wieder, die nicht im Widerspruch zu dem steht, was am Freitababend zu sehen war. Aber der Bedeutungsraum, der in meinem ersten, intuitiven Verständnis des Wortes „retten“ ebenfalls anklingt, entspricht nicht dem, was ich gesehen habe.

Anscheinend habe ich in meinem Leben mehr Artikel gelesen, in denen die Sprachformel der Rettung angewendet wurde, wenn eine Mannschaft über das Spiel hinweg die schwächere Mannschaft war und dann ein Spieler dieser unterlegenen Mannschaft das Führungstor kurz vor Spielende ausgleicht.  So hat sich mit diesem Bild des Retters in meinem Sprachverständnis ein Bedeutungsraum verfestigt, der nicht mehr mit meinem Eindruck vom Freitagabend übereinstimmt. Der MSV war nicht unterlegen. Deshalb stutze ich, wenn ich das Wort „retten“ lese. Es stellt sich für mich ein Gefühl der Unstimmigkeit ein. Was Adam Bodzek mit seinem Tor getan hat, war etwas anderes als retten. Nur was? Das Wort „retten“ klingt also in meinen Ohren falsch, weil es das überlegene Spiel des MSV Duisburg für mich ausschließt.

Wahrscheinlich gibt es genügend Menschen, die mir bei diesem Gedanken nicht folgen und nicht verstehen, was am Wort „retten“ falsch sein soll. Wenn ich über die Bedeutung des Wortes „retten“ schreibe, geht es mir aber gar nicht darum, jemanden von einer anderen Bedeutung des Wortes zu überzeugen oder gar Journalisten zu korrigieren. Es geht mir darum an einem nicht so wichtigen Alltagsgebrauch von Sprache zu zeigen, gegenseitiges Verstehen gelingt seltener als man meint. Meist ist es nämlich nicht ganz so wichtig, was so ein dahin gesprochenes Wort alles bedeutet. Dann geben wir uns mit einem ungefähren Verstehen zufrieden und fühlen uns zusammen gut. Manchmal aber gibt es Situationen, in denen genaues Verstehen angebracht ist. In so einem Moment sollte man sich erinnern. Wir haben alle solche oft unscheinbaren Wörter, die Bedeutungsräume öffnen oder verschließen, von denen das Gegenüber nicht ahnt. Von denen meinen wir aber, jeder müsse sie kennen.

Das war vorhersehbar

Die BILD ist nicht nur deshalb eine Boulevard-Zeitung, weil sie sich die Wahrheit ihrer Kürzest-Artikel zum Teil selbst erfindet, sondern auch weil sie diese Artikel gerne als Drama erzählt. Im Drama aber braucht es einen starken Konflikt, und dass dieser Konflikt im Verhältnis von Walter Hellmich und Peter Neururer angelegt sein könnte, war von Anfang an vorhersehbar. Zwei Menschen mit einer starken Persönlichkeit und unterschiedlich motivierter Neigung zur Selbstdarstellung treffen aufeinander.

Deshalb ist es auch nicht von Belang, ob diese heuchlerische Besorgnis tatsächlich auf einer Wahrheit des gegenwärtigen Verhältnisses zwischen den beiden beruht. Die BILD hat nur eins und eins zusammengezählt. Die für sich genommenen kleinen Vorkommnisse nach dem Spiel in Aachen bieten in Kombination mit der Persönlichkeit beider Männer das Zeug zum notwendigen Konflikt. In solchen Fällen erweisen sich die BILD-Journalisten ja im Übrigen stets als profunde Kenner der menschlichen Psyche. Es ist bedauerlich, dass der MSV Duisburg die Gelegenheit für solche Geschichten bietet und selbst, wenn es in Wirklichkeit noch nicht so dramatisch war, spätestens jetzt ist Vertrauen gemindert und Energie wird an einer Stelle gebunden, an der es nicht nötig wäre. Insofern befördert der Artikel nur jenen Vorgang, den er selbst beklagt. Das ist aber dieses Mal nicht die Schuld der Journalisten.


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