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Der Dotchev der Woche

Seit Samstag weiß ich nicht genau, worüber ich mich mehr freue. Ist es der so wichtige 2:1-Sieg des MSV gegen die SpVgg Unterhaching? Oder sind es Pavel Dotchevs Worte auf der Pressekonferenz nach dem Spiel? Wenn das so weitergeht, werde ich demnächst wohl begeistert kreischend tagelang ein Haus in Meiderich belagern. Pavel Dotchev möchte ja in der Nähe des Trainingsgeländes wohnen. Vielleicht hat er die Wohnung schon. Wisst ihr genaueres? Irgendwas Verrücktes im Alter tun und peinlich werden. Warum soll das nur amerikanischen Touristen in merkwürdiger Sommerkleidung vorbehalten sein?

Wie wertschätzend kann ein Trainer über die Spieler seiner Mannschaft sprechen, ohne die Leistungen schön zu reden. Beeindruckend, wie es Pavel Dotchev gelingt, einen Sieg mit Freude zu bewerten und dabei zugleich Mängel dieses Spiels sehr umfassend auf den Tisch legt. Beeindruckend, wie er in wenigen Sätzen, die unterschiedlichen Einflussgrößen auf Leistung in Beziehung zueinander bringt; wie er das Verhältnis von Trainerentscheidungen, Spielerverhalten und Spielglück ganz selbstverständlich in einem Zusammenhang erwähnt und damit allem gleichermaßen gerecht wird. Für mich ist das einen Dotchev der Woche wert. Ich hoffe auf den Anfang einer lang währenden Rubrik.

Der Dotchev der Woche

Ich habe natürlich viele Spiele gehabt, in denen ich Leute gebracht habe, die nicht getroffen haben. Heute war das Glück auf meiner Seite. Ich habe mir natürlich was dabei gedacht. Ich habe schon meine Gedanken gehabt, weil die die Woche über gut trainert haben. Und der Pepic und der Krempicki, die sind beide sehr ballsicher. Die haben gute Leistung gebracht die Woche. Und ich habe gedacht, letzte Minuten, letzte Phase vom Spiel möchte ich ein bisschen mehr Kontrolle haben. Und dass Krempicki noch das Tor macht, das war natürlich umso schöner, aber das war natürlich Glückssache

Saisonabschluss Teil 1 – Soll und Haben im Tabellenrechner: 38. Spieltag

Nach all dem Feiern des Aufstiegs will ich mich mal an den Saisonabschluss in diesen Räumen hier machen. Es gibt mit dem Tabellenrechner einen losen Faden, den ich mir als erstes vornehme – aus einem einfachen Grund: Zum zweiten Mal habe ich recht gute Erfahrungen damit gemacht. Zum zweiten Mal konnte ich schon früh meine Nerven beruhigen, weil der Tabellenrechner mir große Zuversicht gab, das Saisonziel des MSV wird erreicht.

Wenn also mal wieder Not am Mann ist, kurzer Hinweis und ich schaue wieder, wie unter möglichst schlechten Vorzeichen für den MSV eine Abschlusstabelle zustande kommt, die uns allen Freude macht. Ich gebe zu, ich habe großen Spaß daran, die alles entscheidenden Tabellenplätze recht genau kalkuliert zu haben.

Eines erweist sich bei diesem Abgleichen auch noch: Bis ungefähr zum letzten Viertel der Saison haben die Trainer der in einem Spiel favorisierten Drittligisten immer wieder darauf hingewiesen, in dieser Liga könne jeder jeden schlagen. Die Zahlen bestätigen das. Bei  meiner Prognose bin ich fast immer von Favoritensiegen ausgegangen. Der erste Blick auf die Tabelle zeigt, wieviel Punkte mehr die Vereine im unteren Tabellensegment geholt haben, als es die Prognose nach der einfachsten Bewertungsgrundlage erwarten ließ.

Um so klarer wird auch erkennbar, wie sehr die ersten drei Mannschaften sich vom Rest der Liga unterschieden. Sie zeigten in jeweils unterschiedlichen Phasen der Saison stabil positive Ergebnisse. Der MSV war im letzten Viertel des Saison erfolgreich, als es entscheidend wurde. Im Rückblick lassen sich die Unentschieden zu Beginn der Saison auch anders bewerten. Was in der Anfangsphase der Saison für das Ziel Aufstieg nicht erfolgreich genug war, erweist sich in dieser Perspektive als das Fundament des Aufstiegs. Diese Unentschieden machen die Siegesserie zum Saisonende zu einem Erfolgsendspurt.

Im Abgleich seht ihr die Abschlusstabelle samt Punkten; in der ersten Klammer steht meine Prognose der Platzierung, in der zweiten Klammer meine Prognose der Punktezahl am Saisonende, daneben die endgültig Punkteabweichung von dieser Punkteprognose.

1. (1.) Arminia Bielefeld  74  (77) -3
2. (2.) MSV Duisburg 71 (70) +1
3. (3.) Holstein Kiel 69 (69) 0
4. (4.) Stuttgarter Kickers 65 (67) -2
5. (12.) Chemnitzer FC 59 (50) +9
6. (10) Dynamo Dresden 56 (54) +2
7. (6.) Energie Cottbus 56 (60) -4
8. (5.) Preußen Münster 54 (65) -11
9. (9.) SV Wehen Wiesbaden 53 (55) -2
10. (11.) Hallescher FC 53 (53) 0
11. (8.) VfL Osnabrück 52 (57) -5
12. (7.) Rot-Weiß Erfurt 51 (59) -8
13. (14.) VfB Stuttgart II 47 (42) +5
14. (13.) Fortuna Köln 46 (43) +2
15. (17.) SG Sonnenhof Großaspach 46 (36) +10
16. (18) Mainz 05 II 42 (34) +8
17. (15) Hansa Rostock 41 (41) 0
18. (17) Borussia Dortmund II 39 (30) +9
19. (16.) SpVgg Unterhaching 39 (36) +3
20. (20) Jahn Regensburg 31 (27) +4

Späte Unsicherheit nach herausragender Einzelleistung

Etwas mehr als zehn Minuten am Ende des Spiels vom MSV Duisburg gegen die SpVgg Unterhaching haben ein halbwegs zufriedenes bis leise murrendes Fußballpublikum gespalten. Vereinzelte Pfiffe hatte es schon zur Halbzeitpause gegeben. Dann der Schlusspfiff, der MSV gewinnt 1:0, und das erleichterte Seufzen fast aller auf den Rängen nutzen  nicht wenige Zuschauer zur Hintergrundmelodie für ihre improvisierten Pfeifeinlagen.

Unbekannt ist das Thema nicht: Das Duisburger Publikum möchte oft gerne früh seine Unzufriedenheit loswerden. Es ist sehr kritisch. Es kann seine Fußballer heiß lieben, ihnen das Leben in Duisburg aber auch zur Hölle machen. Mich machten die letzten zehn bis fünfzehn Minuten des Spiels ebenfalls sehr unzufrieden, aber das Spiel wurde gewonnen. Was nutzt es zu diesem Zeitpunkt der Saison die jederzeit schnell vorhandene Unsicherheit der Mannschaft noch zu verstärken? Das darf nicht sein. Geht ohne Beifall nach Hause! Schimpft unter euch, macht eurem Ärger irgendwo mit irgendwem Luft, aber pfeift doch nicht während und nach dem Spiel die sich mühende und erfolgreiche Mannschaft aus, wenn ein Aufstieg noch möglich ist und sie alle Unterstützung für das Erreichen dieses Ziels braucht. Die Verantwortlichen vom MSV können natürlich unabhängig vom Spiel ebenfalls dazu beitragen, dass sich der Unmut in Grenzen hält. Dazu morgen mehr.

Wie gesagt, auch ich bin unzufrieden nach Hause gefahren. Ich hatte keine Erklärung dafür, dass die Mannschaft des MSV zum Ende des Spiels uns tatsächlich noch um den Sieg hat zittern lassen. In der Halbzeitpause hatte es doch mit dem Auftritt der Musical-Darstellerin Judith Lefeber – hier mit Proben ihres Könnens bei youtube – ein vorbildhaftes Beispiel für einen durchweg herausragenden, souveränen Auftritt gegeben. Die Mannschaft aber kennt bislang nur einen wie Mickie Krause genauer und bleibt auf dessen Niveau stecken. Für so einen ist der Bühnenauftritt eine Art Körperertüchtigung, der läuft, klatscht und arbeitet richtig auf der Bühne, um das Publikum auf seine Seite zu kriegen, ohne es wirklich in seinem Innersten zu berühren. Dann kommt endlich einer der Kracher für die Stimmung an, und schließlich bemüht er sich mit dem Abklatsch davon den Auftritt irgendwie rumzubringen. So ähnlich kam mir das Spiel des MSV Duisburg vor.

Mit dem Unterschied, dass Mickie Krause dickfellig genug ist, sein Programm gnadenlos und locker bis zum Ende durchzuziehen. Zu dieser Coolness findet die Mannschaft des MSV Duisburg nicht. Ihr Selbstbewusstssein kann sich jederzeit verflüchtigen, wenn die einzelne Spielaktion ergebnislos verläuft und der vorgegebene Weg gefährdet scheint. Unsicher wirkte die Mannschaft zum Schluss, ängstlich und voller Sorge, dass dieser harmlose Gegner ein Tor erzielen könnte. Andererseits war diese Unsicherheit auch auf den Rängen überall spürbar. Der Ausgleich von Großaspach gegen Münster wird um die 80. Minute herum eingeblendet. Der Spieltag lief blendend für den MSV, doch im selben Moment wurde ein Freistoß in Tornähe des MSV für Unterhaching gepfiffen, und meine Freunde und ich schauen uns nur wissend an. Einer spricht es aus: Jetzt fällt normalerweise der Ausgleich. Das Duisburger Selbstbewusstsein war überall einmal mehr abhanden gekommen.

Dieses Selbstbewusstsein hatte es lange gegeben. In der ersten Halbzeit spielte die Mannschaft im Grunde sicher und kontrolliert, auch wenn das nicht mitreißend war und nicht zwingend überlegen wirkte. Dennoch verhinderte der MSV ein sinnvolles Offensivspiel der Unterhachinger. Die Mannschaft zwang den Gegner zu langen Bällen, die von der Defensive überlegen abgelaufen wurden. Konnte doch einmal ein Unterhachinger Offensivspieler den Ball in der Hälfte des MSV erreichen, stand da immer noch Thomas Meißner unspektakulär im Weg, und schon hatte er den Ball erobert.

In der Offensive wurde zufriedenstellend kombiniert. Den Torschüssen mangelte es aber an Härte. Es entstand der Eindruck, der MSV müsse eigentlich längst führen, so harmlos wie die SpVgg Unterhaching wirkte. Diese Führung erzielte Zlatko Janjic erst in der zweiten Halbzeit durch einen Elfmeter. Nach einem Eckstoß war der Ball einem Unterhachinger Abwehrspieler an die hochgereckte Hand geflogen. Zlatko Janjic nahm den Ball und ich begann zu bangen. Mein Vertrauen in seine Treffsicherheit war angegriffen, weil seine Leistung im Spiel selbst überschaubar gewesen ist. Doch Janjic verwandelte sicher.

Einer Mannschaft auf klarem Aufstiegskurs wäre nun kurz danach das zweite Tor gelungen. Dem war nicht so. Erst Dennis Grote, dann Michael Gardawski wurden eingewechselt. Doch beide spielen weiter unter den Möglichkeiten, die sie in Duisburg schon einmal gezeigt haben. Das Offensivspiel wurde allmählich immer zerfahrener. Es nutzte auch nicht mehr, dass Kingsley Onuegbu aus einem Pass im Moment die Geschwindigkeit mit jedem Körperteil herausnehmen kann. Egal, mit welcher Stelle seines Körpers er den Pass annimmt, der Ball bleibt lang genug dort kleben, damit ihn der „King“ gegenüber den Gegenspielern behaupten kann. Es bahnte sich das Zittern um den Sieg an. Gemischte Gefühle sind das Ergebnis. Aber was zählen Gefühle? Wichtig sind die drei Punkte. Jeden weiteren Gedanken, etwa an zukünftige Gegner wie Preußen Münster oder Holstein Kiel, muss ich mir allerdings sofort auch verbieten.

In dem Spielbericht vom WDR fehlt ein MSV Duisburg, der sich in den letzten zehn bis fünfzehn Minuten zu tief in die eigene Hälfte hat drücken lassen

Drittligahinrundenvierteschlusstabellenplatzierungen

Deutsche Wörter können Details der Wirklichkeit sehr präzise benennen. Leicht lesbar sind sie anschließend nicht. Was uns, die Mannschaft und die sportlich Verantwortlichen beim MSV Duisburg nicht davon abhalten soll, auch aus den Drittligahinrundenvierteschlusstabellenplatzierungen zusätzliche Zuversicht zu gewinnen. Davon ab kümmern wir uns natürlich nicht um Tabellenstände, sondern beschäftigen uns vor allem damit, das nächste Spiel zu gewinnen.

Saison 2013/2014

Hinrunde: 4. SV Darmstadt 98 – Endplatzierung: 3.
Anschließender Aufstieg durch Erfolg in der Relegation gegen DSC Arminia Bielefeld

Saison 2012/2013

Hinrunde: 4. SpVgg Unterhaching – Endplatzierung: 9.

Saison 2011/2012

Hinrunde: 4. Rot-Weiß Erfurt – Endplatzierung: 5.

Saison 2010/2011

Hinrunde: 4. SG Dynamo Dresden und SV Wehen Wiesbaden
Endplatzierung: 3. SG Dynamo Dresden und 4. SV Wehen Wiesbaden
Anschließender Aufstieg von Dynamo Dresden durch Erfolg in der Relegation gegen VfL Osnabrück

Saison 2009/2010

Hinrunde: 4. FC Erzgebirge Aue – Endplatzierung: 2. und Aufstieg

Saison 2008/2009

Hinrunde: 4. Fortuna Düsseldorf – Endplatzierung: 2. und Aufstieg

Keine Affäre! Darauf einen Weinbegleiter

Manchmal geht es mir mit dem, was mir im Alltag begegnet, wie einem Naturforscher bei der Feldforschung. Der findet auch unscheinbare Pflanzen am Wegrand, freut sich und weiß dann nicht genau, was er mit der Beobachtung anstellen soll, außer dass er sie einem Kollegen beim Bier erzählt. Einfach damit die Pflanze gedanklich erstmal abgelegt ist. „Schmadke ermittelt“ ist meine Pflanze der Woche. So titelte der Kölner Stadt-Anzeiger am Montag, weil der FC-Spieler Dominic Maroh nach dem Spiel gegen den SC Paderborn zu einer von Anthony Ujah vergebenen Chance gesagt hat: „Den ersten muss Tony schon machen“. Die Zeitung berichtet weiter, ähnliches habe der Abwehrchef auch über eine Chance des Kapitäns Miso Brecko gesagt.

Das Mannschaftsklima-Frühwarnsystem in Köln schlug daraufhin an und setzte ein von Jörg Schmadke geleitetes Sondereinsatzkommando in Bewegung. Es musste geprüft werden, ob diese Stellungnahmen, so die Zeitung, „bereits den Tatbestand der Kollegenschelte erfüllt“. Jörg Schmadke hat also mit Dominic Maroh gesprochen. Am Mittwoch verkündete der Stadt-Anzeiger, die Gespräche hätten ergeben, nichts Strafwürdiges sei vorgefallen. Jörg Schmadke hatte den FC-Trainer Peter Stöger zum Gespräch dazu gebeten. Wie muss man sich so ein Gespräch wohl vorstellen? Das hat jedenfalls großes komisches Potenzial, wenn drei Männer sich einen Interviewsatz vornehmen und ihn interpretieren. Ich sehe in der Ferne zukünftige Arbeitsplätze für Kommunikationswissenschaftler und Linguisten. An dem Punkt hefte ich das Ganze ab unter Wiedervorlage.

Eine weitere Beobachtung ist festzuhalten. Anscheinend gilt Ralf Rothmann mit seiner Fußballkurzgeschichte „Erleuchtung durch Fußball“ in diesem Schuljahr als Literaturbeispiel für das Thema Interpretation im Deutschunterricht. Seit einiger Zeit führt Google jedenfalls die Leute auf der Suche nach Interpretationen dieser Geschichte zu mir, weil ich sie vor geraumer Zeit mal genutzt habe, um über die Denksportaufgabe Interpretation des Deutschunterrichts zu schimpfen. Bedeutung steht in großen Lettern über solchen Kurzgeschichten, was sie mir per se suspekt macht. Der Fußball der Wirklichkeit diente mir als Argument für das Misslingen der Kurzgeschichte. Was für die Schüler im Deutschunterricht wahrscheinlich kein Thema ist. Dafür schreibt Ralf Rothmann aber gute Romane.

Und als letztes: Wie stellt ihr euch einen Weinbegleiter vor? Das ist keine Eskorte in Nobelrestaurants für besonders teuren Wein. Es ist ein wunderbares Wort für schnödes Wasser. Das weiß ich erst seit dem letzten Wochenende, als beim Geburtstagsessen meiner Mutter eine Flasche Selters auf dem Tisch stand, die mehr sein sollte als Trinkwasser. Dieses Aufsteigerdenken kam einer Hochschule zu Gute, die beim Herbeischaffen von Drittmitteln für die Forschung einen Auftrag von Selters ans Land ziehen konnte. Selters ist nun nicht nur einfacher Weinbegleiter, Selters ist zertifizierter Weinbegleiter.  Jesus light.  Da gibt es welche, die Wasser zwar nicht in Wein aber so doch in Weinbegleiter verwandeln können.

Übrigens: Weil in Liga 3 jeder jeden schlagen kann, sind drei Punkte gegen Unterhaching gut möglich. Was wäre das gut.

Fußball musste ja auch noch gespielt werden

Schon bei all den Spekulationen seit Mittwoch um die Stimmung zwischen den Verantwortlichen des MSV Duisburg konnte man leicht aus dem Blick verlieren, dass der MSV Duisburg ja eigentlich Fußball spielt. Dann folgte Samstagmorgen noch die Meldung über den Wechsel an der Vereinsspitze und bei all den Nebengeräuschen zum Sport schienen auch die Spieler des MSV Duisburg die Konzentration auf das Spiel gegen die Spvgg Unterhaching verloren zu haben.

Anders kann ich mir diese 4:1-Niederlage im Auswärtsspiel gegen die SpVgg Unterhaching nicht erklären. Vorgestern wies ich an anderer Stelle noch auf einen klugen Text des englischen Fußballautors Jonathan Wilson im Guardian hin. Als Nebeneffekt seiner Bestandsaufnahme zum „Tiki-Taka“ sah ich ein paar Erklärungen für die Misserfolge des MSV in dieser Saison. Natürlich ging es um ein gänzlich anderes Niveau, das Grundproblem aber war für den MSV dieser Saison dasselbe. Ballbesitz ist gefährlich, weil fehleranfällig. Nun belebten die Spieler des MSV gegen die SpVgg Unterhaching die Erinnerung an die Hinrunde dieser Saison. Sie zeigten nicht nur die beschriebene Fehleranfälligkeit bei Ballbesitz, sie bewiesen zudem, wie das Spiel einer Mannschaft auch ohne Ballbesitz ständiger Gefahr ausgesetzt sein kann.

Wenn eine Mannschaft sowohl in der Bewegung nach vorne als auch bei der Ausrichtung ihrer Defensive viele Fehler macht, muss sich der Gegner schon sehr dumm anstellen, um das Spiel nicht zu gewinnen. Diesen Gefallen hat die SpVgg Unterhaching dem MSV Duisburg nicht getan. Die Unterhachinger haben sich ein paar Fehler im Spiel der Zebras genommen, um folgerichtige Tore zu erzielen. Das begann schon früh in der Nähe der Torauslinie, als Markus Bollmann sich allein auf dem Spielfeld wähnte und den Ball träumerisch neben sich her rollen ließ. Ein gegnerischer Stürmer war zupackender. Er nahm sich den freien Ball und flankte nahezu unbedrängt. Im Strafraum war damit auch nicht mehr so richtig gerechnet worden, und schon stand es 1:0 nach einem präzisen Kopfball von Janik Haberer. Wir kennen die Schwierigkeiten des MSV, die aus solch einem Rückstand folgen.

Viel sah ich dann nicht mehr, weil sich der Stream verabschiedete und es ein wenig dauerte, bis ich auf die Idee kam, dass der Fehler nicht in den Tiefen meines PC zu suchen war sondern beim streamenden Sender BR. Klärung brachte dann ein Blick ins MSVPortal. Adresse neu ladne, automatische Einstellung der Bildqualität umstellen auf niedrigste Bildqualität, Stream kommt, dann Bildqualität manuell erhöhen. Etwas tricky, erinnert an alte Bastelzeiten sämtlicher Epochen der Technikgeschichte und gibt einem das gute alte Fortschrittsgefühl, diese Welt, egal, was kommt, zu beherrschen. Glaube ich dem Kommentar war das dem Blick auf die Spielweise der Zebras allemal vorzuziehen, zumal ich just zum Ausgleichstor wieder ein Bild auf dem PC hatte.

Nur kurz konnte ich aber glauben, das Schlimmste überstanden zu haben. Der nächste Fehler folgte. Der Unterhachinger Benjamin Schwarz hatte im Strafraum genügend Platz, um den Ball nach einem Steilpass kurz zu behaupten, ehe er im Zweikampf mit Branimir Bajic umfiel. So konnte der Schiedsrichter guten Gewissens Elfmeter pfeifen. Nicht immer wird so ein Zweikampf abgepfiffen, beschweren können sich die Zebras dennoch nicht. Wenig später war das Spiel entschieden. Auf einen miserablen Pass folgte ein Ballverlust an der Mittellinie, während fast die gesamte Mannschaft des MSV schon in der gegnerischen Hälfte war. Abwehrspieler waren also keine vorhanden, die etwas hätten verhindern können. So führte ein gefühlvoller Heber über Michael Ratajczak zum 3:1. Auch so ein Gegentor haben wir ähnlich zu Beginn der Saison zweimal gesehen. Die Saison scheint sich zu runden. Auch die Zuschauerzahlen der nächsten beiden Heimspiele werden an das letzte Jahr erinnern. Hoffen wir deshalb, dass im Gegensatz dazu, sich beim  Ergebnis des letzten Spiels dieser Saison, dem Finale im Niederrhein-Pokal,  aber auch gar nichts rundet.

Das vierte Tor von Unterhaching habe ich nicht gesehen. Die Vorbereitung auf Spiel und Aufstiegsfeier des anderen Vereins meiner Zuneigung, dem Deutzer TV in der anderen Sportart meines Interesses, dem Basketball, hatten mich abgelenkt. So habe ich auch nicht mehr mitbekommen, dass Karsten Baumann wohl die Geduld verloren haben muss und selbst noch einmal aufs Spielfeld ging. Eine Überraschung! Ich kenne niemanden, der von der Spielberechtigung des Trainers überhaupt wusste. Besonders erfolgreich war sein Auftritt allerdings nicht. Von ihm ist nur zu lesen, dass er den Elfmeter in der 78. Minute verschuldete, der zum vierten Tor von Unterhaching führte.

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Patrick Zoundi – Würdigung und Auftrag an Duisburgs Musiker

Mir ist die Brisanz dieses heutigen Beitrags bewusst. Doch was hilft es, sich der Wahrheit nicht zu stellen. Schließlich gibt es auch gute Gründe für diese Wahrheit. Die Wahrheit heißt, die einzige Patrick-Zoundi-Hymne der Welt kommt aus Düsseldorf. Es mag also manchem Anhänger des MSV Duisburg bitter aufstoßen, in diesen Räumen nun Liedgut der Fortuna zu finden. Doch nach der Leistung von Patrick Zoundi am Samstag denke ich nicht an die eigenen Befindlichkeiten. Nach diesem überragenden Spiel von ihm geht es nur um seine besondere Wertschätzung. Wie angedeutet, bislang hat es auch noch wenig Anlass in Duisburg gegeben, Patrick Zoundi derart übermäßig zu feiern. Das könnte sich ändern.

Deshalb soll diese Hymne des Punks auf Patrick Zoundi  einerseits Würdigung sein, die um so größer und großherziger ausfällt, als sie mit dem Liedgut eines Vereins geschieht, dem in Duisburg nicht viele Sympathien gelten. Andererseits kann diese Hymne nun auch Ansporn sein für all die Duisburger Musiker, die schon oft und zuletzt im Sommer bewiesen haben, wie gut ihnen ihre Stücke über den MSV Duisburg gelingen. Ob sie nun Los Placebos, Castor oder Barracuda heißen. Nun aber endlich zum Lobgesang auf Patrick Zoundi mit der Punk-Hymne von „Und viele mehr“.

Fußballgott und auf den Zaun

Nach dem Abpfiff des gestrigen Spiels vom MSV Duisburg gegen die SpVgg Unterhaching hat mir doch etwas gefehlt. Ich meine, wenn schon Überschwang, dann aber richtig. Wer nach dem 3:0-Sieg der Zebras,“Oh, wie ist das schön, so was hat man lange nicht gesehen“ anstimmte, hätte nach meinem Geschmack danach mal eben auch kräftig „Pa-trick- Zoun-di-Fuß-ball-gott“ schreien können. Meinetwegen auch „Patrick, auf den Zaun“. Doch es blieb nur beim klassischen Schlager des Glücksgefühls, und vielleicht war sogar kein Überschwang mit im Spiel, sondern der Schlager war sehr viel wörtlicher gemeint, als es sonst der Fall ist.

So ein Spiel des MSV Duisburg hatten wir tatsächlich schon lange nicht mehr gesehen. Ein Spiel, in dem ein Plan konsequent umgesetzt wurde und dessen Ergebnis die Dominanz des MSV über die gesamte Spieldauer hinweg widerspiegelt. Ein Spiel, in dem nicht eine der wenigen Chancen Gegners – in diesem Fall ein einziger Konter in der zweiten Halbzeit – zu dessen Führungstor wurde. Ein Spiel, in dem die eigene Führung nicht durch Nachlassen der Konzentration und entsprechende Fehler in der Defensive gefährdet war. Und nicht zuletzt ein Spiel, in dem die Leistung eines einzigen Spielers die gute Leistung seiner Mannschaftskollegen noch übertraf.

Patrick Zoundis Auftritt über die gesamte Spieldauer hinweg hatte ich so nicht erwartet. Sein Tor zur 1:0-Führung kam nicht von ungefähr. Dieses Tor hatte er sich durch eine Stunde Vorarbeit geradezu erschuftet. Solche Fehler, wie sie die zwei Unterhachinger Defensivspieler nach dem weiten Abschlag von Michael Ratajczak machten, geschahen, weil die Unterhachinger Patrick Zoundi als lästigen Störer ihres Aufbauspiels kennengelernt hatten. Aus diesem Wissen heraus entstanden die Unsicherheiten bei der Ballverarbeitung. Patrick Zoundi –  natürlich auch seine Mitspieler – störten schon weit in der gegnerischen Hälfte konsequent den Spielaufbau. Dieses 1:0 war sehr viel mehr, als es die TV-Bilder sehen lassen, Ergebnis des unentwegten Nachgehens durch die vordersten Spitzen beim MSV Duisburg.

Wegen dieser hohen Laufleistung ist es um so bemerkenswerter, wie Patrick Zoundi beim Konter vor dem zweiten Tor des MSV Duisburg zum Sprint auf dem rechten Flügel über das halbe Spielfeld hinweg ansetzen konnte. Die präzise Hereingabe verwandelte Kingsley Onuegbu, der längst schon nicht mehr vollends beweglich war, weil ihm sein rechter Oberschenkel offensichtlich Schmerzen bereitete. Schön auch, dass der nicht ganz souveräne Schuss von Denzi Aycicek nach erneutem Konter und fast geglückter Rettung durch Unterhachings Torhüter Korbinian Müller noch ins Tor trudelte. Ich denke nicht nur ans Torverhältnis in dieser Liga, in der das Mittelfeld momentan ab Platz 3 beginnt. Ich denke auch an individuelle Abschlussstärke der Duisburger Spieler, Selbstbewusstsein und Lernen für die Zukunft.

Ich musste mir das ganze Spiel über nur wenig Sorgen machen. Es gab in der ersten Halbzeite keine Freistöße in den Strafraum aus dem Halbfeld heraus. Als sich die Unterhachinger in der zweiten Halbzeit den Halleschen FC zum Vorbild nahmen, mussten sie feststellen, dass ihre Spieler nicht groß genug waren, um die direkt herein geschlagenen Bälle zu erreichen. Überhaupt fand das Spiel die meiste Zeit in der Hälfte des Gegners statt. Dennoch war der Rückraum gesichert. Zweite Bälle gehörten fast auschließlich dem MSV. Ob wir aus diesem Spiel für die zukünftige Leistung des MSV Duisburg etwas ableiten können, bleibt übrigens offen. Aber wie mich gestern schon der Freund während der ersten Halbzeit zurecht erinnerte, Vertrauen ist nicht teilbar. Entweder es ist da oder es ist nicht da. Ich sage deshalb mal mit einem Gruß nach Münster, ich freue mich aufs nächste Spiel.

Die Pressekonferenz nach dem Spiel sowie die Stimmen nach dem Spiel Kevin Wolze, Patrick Zoundi, Michael Ratajczak und Kingsley Onuegbu.

Der Spielbericht vom Bayerischen Rundfunk. Kommentiert hier eigentlich derselbe Reporter wie im Spiel gegen Burghausen? Gefällt mir gut, wie er das macht. Diese Mischung aus sachlicher Analyse und Emotionalität.

Nachtrag 2.12.: Ich vergaß völlig, dass Kevin Wolze zum Schattenmann im TV-Bericht wurde. Sein Name wollte nicht über die Reporterlippen. lieber nahm er wahllos andere Namen. Ernster Fall von Wolze-Phobie.

Zweikampf-Expertenrat soll Heimspiel-Komplex beseitigen

Beim MSV Duisburg herrscht unter Fans und sportlich Verantwortlichen vor dem heutigen Heimspiel gegen die SSpVgg Unterhaching angespannte Stimmung. Werden die Zebras ihre in dieser Saison so ausgeprägte Heimspielschwäche überwinden? Erst zwei Siege stehen zu Buche, und auf der Pressekonferenz vor dem Spiel kam Karsten Baumann zum Ende hin indirekt auch auf eine der dafür verantwortlichen Schwierigkeiten seiner Mannschaft zu sprechen. Wenn die andere Mannschaft den Ball gut laufen lässt, wird es für seine Spieler schwierig aus ihrer raumorientierten taktischen Grundordnung schnell genug in die Nähe des Ball führenden Gegners zu gelangen.  Kurz und mit einem Standard der Spielbeschreibung gesagt, die Spieler kommen nicht in die Zweikämpfe. Das sieht  blöd aus und bereitet sowohl auf dem Platz als auch auf den Rängen großen Unmut.

Auf der Pressekonferenz wollte Karsten Baumann die nun vorgenommenen kreativen Gegenmaßnahmen beim Training nicht besonders erwähnen. Dabei muss sich der MSV Duisburg dafür gar nicht schämen. Die meisten erfolgreichen Fußballvereine Europas machen es vor und suchen Rat bei Trainern anderer Sportarten und fachfremden Experten. So war Ivica Grlic der Call-of-Duty-Experte KaNaKaN bei spieletipps.de aufgefallen, weil er ratsuchenden Spielern häufig konstruktive Kommentare gab. Schon Donnerstag sah man KaNaKaN auf dem Trainingsgelände an der Westender Straße, wie er mit Markus Bollmann zusammen stand.   Trainings-Kiebietze erzählen, dass folgender Rat von ihm zu hören war:

…mach taktik-steuerung und leg dich hin,wenn du in einen zweikampf kommst.so gewinnst du mindestens 60% deiner zweikämpfe

Markus Bollmann blieb zunächst skeptisch. 60 Prozent, das sei zu wenig, meinte er. KaNaKaN ließ sich davon nicht beirren und erwiderte, er wisse, normalerweise bräuchten Fußballer bessere Zweikampfwerte, aber wenn sie die entscheidenden Zweikämpfe gewönnen, sei das auch egal.

Ein weiteres fremdes Gesicht war nur kurz zu sehen. Zum großen Ärger der sportlich Verantwortlichen erwies sich der  Call of Duty-Experte Koesti nämlich  als unbedingter Verfechter  eines schmutzige Spiels:

Einfach mal defensiv spielen nicht immer den Zweikampf, das Waffenduell suchen. Und wenn du einen Zweikampf willst, dann mach ihn so unfair wie es geht: Jump/Dropshot, Headglitch, Prefire wenn du ihn schon um die Ecke hörst, OP-Waffen benutzen. Das hört sich zwar noobig an aber das machen die meisten Gegner.

Karsten Baumann war entsetzt, als er diese Worte hörte. „Derartige Äußerungen, die dem Geist des Fairplay widersprechen, habe ich nicht von einem solch renommierten Experten erwartet“, sagte er und verwies Koesti augenblicklich vom Trainingsgelände, während Tanju Öztürk und Pierre De Wit noch sichtlich geschockt flüsternd beieinander standen. So wollen die Zebras keinesfalls Fußball spielen. Alle Spieler waren sich einig, gegen Unterhaching werde der Heimsieg mit fairen Mitteln errungen.

Dass nicht jeder fachfremde Experte dem MSV Duisburg weiterhelfen kann, zeigte sich schließlich beim World-of-Warcraft-Fachmann, der sich auf die besonderen Anfordernisse des Fußballs als Mannschaftssport nicht einlassen konnte. „Es gilt als äußerst unehrenhaft, sich während eines Duells von seinen Freunden heilen zu lassen“. Viel mehr ließ ihn das Trainer-Team dann nicht mehr sagen, ehe er freundlich verabschiedet wurde. Nach einem Sieg gegen Unterhaching werden Ivica Grlic und Karsten Baumann analysieren, ob der Expertenrat hilfreich war und  auch in Zukunft genutzt werden kann.

„Mit dem Fan-Sein fängt alles an“ – Regisseur Andreas Bach über „Hauptsache Fussball“

Nachdem ich den auf DVD erschienenen Dokumentarfilm „Hauptsache Fussball“ besprochen hatte, kam es zwischen dem Regisseur des Films Andreas Bach und mir zu einem E-Mail-Austausch, aus dem heraus sich ein Interview per E-Mail entwickelte. Der in Köln lebende gebürtige Münchner Andreas Bach, 50, war lange Jahre für verschiedene TV-Sender tätig, ehe er sich mit einer eigenen Filmproduktion, der BachFilm, selbständig machte. Die Reportagen, Dokumentationen und Features der Filmproduktion beschäftigten sich zunächst vor allem mit den „Bereichen Wissen, Technik, Umwelt und Kultur, Service“. Mit „Hauptsache Fussball“ ist nun der Sport als ein Thema hinzugekommen, das Andreas Bach besonders am Herzen liegt.

Kees Jaratz: In der Vergangenheit hast du dich in deiner Filmproduktion mit Sport nicht beschäftigt. Nun betrittst du sofort mit einem abendfüllenden und sehr überzeugenden Dokumentarfilm die Bühne des Sportfilms. Das ist ungewöhnlich und lässt mich als erstes fragen, wie kam es –  so wie es scheint – aus dem Stand heraus, zu so einem großen Projekt?

Andreas Bach: Ich wollte schon ganz lange einen Film über Fußball machen. Es gab dann mehrere entscheidende Punkte. Zum einen war da der starke Wunsch, als Filmemacher oder Regisseur ein eigenes Konzept umzusetzen – ohne Kompromisse, ohne Abstriche. Ich wurde im Februar 2010 50 Jahre alt – und das war ein weiterer Fingerzeig, die Dinge nicht mehr auf die lange Bank zu schieben.

Außerdem hat mich die Entwicklung des Fußballs in den letzten Jahren beschäftigt – als Fan ohnehin, aber immer mehr auch in einer professionellen journalistischen Perspektive. Im Profifußball tummeln sich heute die unterschiedlichsten Menschen und Charaktere. Die Professionalisierung hat eine Unmenge an Berufen im Umfeld geschaffen. Gleichzeitig wird von Spielern aber im öfter als „Material“ oder „Spielermaterial“ gesprochen. Das ist dann auch nicht mehr weit weg von Begriffen wie „Spielgeld“ etc. Im täglichen Medienchaos geht zudem noch mehr an „Mensch“ hinter dieser zum Funktionieren verdammten Maschinerie verloren. Der „Mensch“ verschwindet hinter den Fassaden der Spielergesichter und der Funktionäre – und der Massen an Fans.

Aber Mannschaften bestehen aus Menschen, sehr jungen Menschen, die sehr früh zur Spitze, zum Erfolg geführt werden müssen. Daran aber ist, wie wir wissen, anhand von Tabellen immer der Misserfolg geknüpft, das Scheitern. Jeder Fußballer scheitert irgendwann, mehr oder weniger oft, in seiner Karriere. Nur wann und wie, das ist die Frage. Deutlich wurde in den letzten beiden Jahren – etwa ab der EM 2008 – die immer extremere Zuspitzung schon in den niedrigeren U-Mannschaften auf das Erfolgsprinzip.

Der DFB und die Vereine haben das seit zehn Jahren forciert: Die Laufbahnen der Spieler finden in immer stärker verschulten Bereichen mit extremer Leistungsorientierung statt. Das hört nie auf – Stichwort Ballack. Raus aus der Nationalmannschaft – aber weiter in der Champions League aktiv. Und danach? Keine Ahnung, mal sehen. Stress. Wie gehen die Beteiligten mit diesen Rahmenbedingungen im Verbund mit ihren individuellen Lebenserfahrungen damit um? Wie verarbeiten sie das alles? Wer oder was bleibt auf der Strecke? Das habe ich kaum irgendwo filmisch aufgearbeitet gesehen. Darum wollte ich es zeigen. Im Ansatz scheint es gelungen, es ist ein Anfang, immerhin.

K.J.: Die beeindruckende Fülle des Materials lässt sofort auch an den Aufwand der Arbeit denken. Welchen Weg hast du für die Finanzierung genommen?

Andreas Bach: Als die Entscheidung im Februar 2010 gefällt war, den Film zu machen, fingen wir einfach an. Wir dachten, wir müssten schnell sein, um unsere Ideen vor allen anderen umzusetzen. Wir haben ja als Filmproduktion unsere Ressourcen und haben die dann genutzt. Wir bauen nur auf DVD-Verkäufe. Dadurch wird die Refinanzierung natürlich ein längerfristiges Geschäft. Ein Folgeprojekt müsste finanziell sicherlich anders gerahmt werden.

K. J.: Normalerweise sind Fußballer gegenüber den Medien aus gutem Grund zurückhaltend mit dem, was sie sagen. Wie ist es dir gelungen, das Vertrauen zu so vielen Interviewpartnern herzustellen, das für diese Dokumentation notwendig war?

Andreas Bach: Wir haben den Vereinen – aber auch 11Freunde – vorab unser Konzept erläutert und sie dabei nicht unter Zeitdruck gesetzt. Die Offenheit mancher Interviewpartner nach dem „Go“ war allerdings auch für uns überraschend. Unser Konzept beruht ja auf einer längerfristigen Beobachtung mancher Protagonisten. Unser Film versteht sich ja als ein Anfang. Ich denke, dass die Interviewpartner auf der anderen Seite eines genau wissen: Werden sie von uns enttäuscht, indem zum Beispiel Aussagen verzerrt dargestellt werden, dann stehen sie uns in Zukunft einfach nicht mehr zur Verfügung. Zusätzlich stünde es ihnen ja in diesem Fall jederzeit frei, sich hinter den Kulissen sowie in der Öffentlichkeit negativ über das Projekt „Hauptsache Fußball“ zu äußern. Der Schaden wäre vor allem für uns immens groß. Eine Dokumentation ist immer an Glaubwürdigkeit gebunden. Vertrauensvolles Agieren zu jeder Zeit steht also im Zentrum unseres Handelns. Es ist für uns ja auch dienlich: Wir möchten dokumentieren und aufzeigen, nicht verzerren, „anklagen“, oder gar verurteilen. Schlüsse aus den Inhalten von „Hauptsache Fussball“ können dann dritte ziehen. Und das ist ja auch in zahlreichen Rezensionen erfolgt.

K. J.: Der Fußballbetrieb bietet eine kaum überschaubare Anzahl an Interviewpartnern. Welche Überlegungen spielten für die Auswahl eurer Interviewpartner eine Rolle?

Andreas Bach: Wir haben uns bei jedem Verein, den wir drinhaben wollten, um die – von außen betrachtet – maßgeblichen Leute im Jugendbereich gekümmert. Diejenigen, die das Gesicht des Vereins gerade im U-Bereich prägen. Deshalb Hermann Gerland für Bayern München. Jürgen Gelsdorf bei Bayer Leverkusen. Lars Ricken und Hannes Wolf in Sachen BVB. Dann Oliver Ruhnert als Chefscout bei Schalke. Max Eberl und Michael Frontzeck, auch Sven Demandt, damals für Gladbach, als Menschen, die sich bewusst für das Arbeiten mit jungen Menschen entschieden haben. Die etwas aufgebaut haben, noch etwas aufbauen möchten – deren Blick über das Tagesgeschäft hinausgeht. Und es sollten möglichst auch Personen sein, denen die Bindung zu ihrem Arbeitgeber wichtig ist – die zumindest gerne für den Verein tätig sind, bei dem sie gerade in Lohn und Brot stehen.

Bei den Spielern wollten wir junge Spieler, anerkannte Profis wie Badstuber und Reinartz – die aber dennoch aufpassen müssen, in ihren jeweiligen Vereinen auf ihren Lieblingspositionen gesetzt zu bleiben. Persönliche Beziehungen wie zwischen Badstuber und Gerland waren uns wichtig, um herauszuarbeiten, unter welchem mentalen Druck bereits junge Menschen stehen, welchen Belastungen sie ausgesetzt sind, wie fragil die ganze Konstruktion „Fußballprofi“ ist. Wie sachlich diese jungen Menschen mit ihrem Berufsbild gezwungenermaßen umgehen müssen – ein paar Jahre vorher war das Ganze in den „U´s“ dieser Welt einfach nur ein Heidenspaß. Die gesamte Nachwuchsschiene wird immer strukturierter, noch professioneller, noch verschulter, noch konkurrenzorientierter. Matthias Sammer und die Vereine wachen unerbittlich darüber. Ich denke, die Statements im Film verdeutlichen das bereits recht gut.

Ich hoffe andererseits, dass die Entwicklung in Richtung Professionalisierung nicht überdreht und den Jungs schon im Kindesalter den Spaß raubt. Das wäre kontraproduktiv. Ich denke, über Jungprofis oder junge Spieler aus der zweiten Reihe, den im Film porträtierten Schützlingen des Beraters Jörg Neblung, wird deutlich, wie schmal der Grat des Erfolges wirklich ist. Bei allen drei porträtierten Spielern ist es sehr gut vorstellbar, dass sie ihre Karriere schon recht bald mangels Erfolg drangeben müssen. Wenn sie sich nicht durchbeißen. Und, was dann?

Reiner Calmund, zweitwichtigste Person im deutschen Fußball nach Uli Hoeneß, fasst es perfekt zusammen: Fußball ist ein Käfig. Im Prinzip hat sich seit 2000 Jahren nicht viel geändert. Spieler sind Material geblieben. Da hilft auch große Prominenz nichts, siehe Causa Ballack. Die Mühle mahlt immer weiter. Es hat was entmenschtes, wenn man zu genau hinkuckt. Gesichter, Personen, Lebensläufe von Individuen lösen sich auf, wenn man über die Tellerränder der Saisons hinausblickt. Was bleibt, für die meisten wenigstens? Ein, zwei große Siege als Erinnerungen, Meisterschaften, Cups, das war’s. Sonst nur Niederlagen. Einige Lieblinge. Paar Anekdoten. Und wieder Niederlagen. Verletzungen. Schicksale. Pleiten. Kriminalfälle. Kurioses. Und Personen wie Hermann Gerland, Funny Heinemann, Hannes Wolf, Klaus Augenthaler, andere, die versuchen, Menschlichkeit als Wert noch halbwegs zu integrieren ins Dauerspektakel. Das wir ja alle wollen, all the shows must go on, jetzt auch mit Frauen, super, weiter. Immer weiter. Alle, die halbwegs erfolgreich dabei waren, sagen posthum immer: ich möchte nichts missen, ich würde wieder von Anfang n mitmachen, könnte ich nur nochmals 11, 13, 15 17 sein!

K. J.: Ihr habt also zuerst an die Vereine gedacht. Warum wurden es die ausgewählten Vereine?

Andreas Bach: Zuerst haben wir, habe ich zumindest an Geschichten gedacht. Was ist das für eine Saison, 2009/10 – was ist dafür typisch?, wie ist der Fußball heute?, was ändert sich gerade? So haben wir begonnen – mit diesen Fragen. Das war so um Anfang Februar 2010. Da kam relativ schnell das Thema „Junge Spieler“ auf. Das war zum einen stark gebunden an den FC Bayern, da das damalige Trainerteam van Gaal/Yonkers/Frans Hoek im Zusammenwirken mit Hermann Gerland junge Spieler aus der vereinseigenen Jugend wie Alaba, Müller, Contento, Badstuber – abweichend von früheren Tagen und früheren Trainern – immer regelmäßiger in die Mannschaft einbaute und fest integrierte. Dies lief parallel mit einer Verjüngung der Nationalmannschaft, die, man muss es leider so sagen, durch die Verletzung von Michael Ballack dann nochmals einen entscheidenden Stoß bekommen hat.

Ja, die Begeisterung rund um junge Spieler, die selber noch so begeisternd spielten und so beseelt vom eigenen Spiel waren, das hat  mich geweckt. Müller schaffte es kurzfristig in die Startelf von Löw, auch Özil, Khedira, und so weiter – mit großem Erfolg. Wir haben uns im frühen Frühjahr 2010 weiter gefragt: Was passiert in Traditionsklubs wie Dortmund, Bremen, Gladbach, Schalke in dieser Hinsicht? Was macht Leverkusen, ein Verein, der Scouting und Jugendarbeit seit Callis Manager- und Geschäftsführerzeiten professionalisiert hat wie zuvor kaum ein anderer Club in Deutschland, außer vielleicht – mit Abstrichen – den Bayern und der VFB Stuttgart. Das alles vor dem Hintergrund inzwischen überall fest etablierter U-Leistungszentren. Aufbruchsstimmung. Fußball verändert sich.

Dann ging es weiter: Wie funktioniert das wirtschaftlich? Was arbeitet z.B. ein Verein wie die SpVgg Unterhaching, schwierige dritte Liga, im Schatten des FC Bayern? Wie ist da die Verbindung? Klaus Augenthaler, dort inzwischen gefeuert, hatte vorher Wolfsburg, Nürnberg, Leverkusen trainiert. Warum nun Unterhaching? Hier ließen sich sehr gut gewisse Verbindungen suchen oder erkennen, Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten erklären Richtung zweite, dritte Liga, den dort beheimateten Spielern. Plötzlich war man im Film an ganz anderer Stelle, aber dennoch war ein Zusammenhang gegeben.

Interessant war zudem: Wer kennt schon den Bruder von Bastian Schweinsteiger, Tobias, jetzt bei Jahn Regensburg? Wer kennt junge Spieler, Newcomer, Akteure von Fortuna Düsseldorf II, Schalke 04 II, Red Bull Salzburg II? Diese „Niemande“, die niemand kennt, wollen aber auch „nach oben“. Wir fragten uns: Wie funktioniert das, wenn überhaupt? Wer hilft Ihnen dabei, wer berät sie?

Als wir Jörg Neblung kennen gelernt haben, war Robert Enke als Thema in den Medien noch ungleich präsenter also heute, wo unlängst ja kaum irgendwo erwähnt wurde, dass sich Theresa Enke im Rahmen eines Benefizspieles vor wenigen Wochen am Pfingstmontag erstmals wieder im öffentlichen Rahmen bewegt hat. Was wiederum sehr bewegend war zu beobachten. Wir haben im übrigen bewusst darauf verzichtet, dies auch nur aus der Entfernung, einer größeren Distanz, mit einer Kamera zu begleiten. Jörg Neblung und die im Rahmen seiner Spieler involvierten Vereine haben dann den Reigen komplettiert, und wir konnten unsere Geschichten erzählen, besser: Die Spieler und alle weiteren beteiligten konnten uns Ihre Geschichten erzählen, vor den erwähnten thematischen Hintergründen, so dass die Struktur des Filmes quasi schon während des Drehs auf der Hand lag und sich, je näher wir dem Drehschluss kurz vor Weihnachten 2010 kamen, bestätigt hat.

Dass sich manche Beteiligten im Laufe dieses Jahres verändern würden, damit musste man – Beispiel Michael Frontzeck – rechnen. Aber die Anstöße, die alle gaben, auch indirekt wie der inzwischen geschasste Van Gaal über sein Jugendkonzept, waren wichtig, wichtiger jedenfalls als das inzwischen enttarnte Nichtkonzept des schieren Kaderzusammenkaufens um jeden Preis von Felix Allmächtig. Wobei überall deutlich wurde: Wenn es auf der menschlichen Ebene nicht funktioniert, dann hilft auch das intelligenteste Konzept nicht. Ohne soziale Kompetenz scheitert man im teamorientierten Leistungssport immer.

K. J.: Gibt es jemanden, den ihr gerne im Film gesehen hättet und bei dem es nicht geklappt hat?

Andreas Bach: Ja. Natürlich. So jemanden gibt es immer. Ihn oder sie jetzt zu nennen, wäre den Personen im Film gegenüber nicht ganz fair. Wir würden nie wollen, dass sich der eine oder andere im Film als „Reserveprotagonist“ fühlt. Anders gesagt: Auf dem „11 MM-Filmfestival“ in Berlin bin ich nach der Aufführung Ende März gefragt worden, welche Person ich denn am liebsten gehabt hätte, wer mir am sympathischsten gewesen wäre. Diese Frage hat mich wirklich in Verlegenheit gebracht. Da kann ich mit keinem Ranking dienen, tut mir leid.

K. J.: Nun hast du neben den Wegen der Jungprofis auch das Fan-Dasein thematisiert. Wurdest du auf klassischem Weg Anhänger eines Fußballvereins?

Andreas Bach: Das Fan-Sein, tja, mit dem Fan-Sein fängt alles an. Oder noch früher, mit dem Kicken gegen Steine, Bälle, mit drei, vier Jahren. Ja, ich wurde ganz klassisch Fan. Ich habe schon als kleiner Junge super gerne gekickt, auch mit älteren. Damals, in München, haben mich die Älteren so um 1966, 67 rum – ich war gerade sechs Jahre alt – halt in die Gruppe zu den Roten gesteckt, weil es in unserem Block schon mehr Blaue Fans – des TSV 1860 München – gab. Ich musste also auf Geheiß der Älteren die andere Seite verstärken – auf dem Spielplatz. Dabei ist es dann geblieben.

Ich erinnere mich sehr gut, mit meinem Vater 1967 als kleiner sechsjähriger Bub an der Münchner Leopoldstraße gestanden zu haben, einen roten Bayern-Stutzen in der Hand – eine Fahne hatte ich nicht, aber schon Strümpfe. Ich habe der Bayern-Mannschaft  zugewinkt, die soeben aus Nürnberg zurückkam. 1-0 Sieg im Pokalsieger-Europacup-Finale gegen die Glasgow Rangers. Tor von Bulle Roth. Einer meiner absoluten Lieblingsspieler, neben Klaus Augenthaler. Meine Mutter stand eher auf 1860, wegen Petar Radenkovic, den durchgeknallten Radi-Keeper der Löwen. Aber das war eher so eine modische Attitüde. Das hatte mit ernsthaftem Fußballinteresse im Sinne von followership eines Clubs nichts zu tun. Mama schaut heute auch Bayern, nicht Sechzig. Ich dagegen lief damals schon nur noch in rot rum. Gut, dass in meinem Stadtteilverein, bei dem ich spielte, die Farben grün-weiß waren, da geriet niemand in Konflikte.

Die Spiele in der E- und D-Jugend gegen Bayern und Sechzig waren immer das größte. Klar, dass wir stets mit 4-0, 5-0, 6-1 verloren haben – aber nie zweistellig! Mein erstes Spiel als Zuschauer war ein Freundschaftsspiel zuhause im Grünwalder gegen Ajax Amsterdam – der Hammer. Eigentlich wollte ich Laurel & Hardy im Abendprogramm sehen, unter der Woche, aber mein Vater packte mich einfach ein und schleppte mich, ich war so neun, zehn Jahre, widerwillig zu diesem Freundschaftsspiel ins Grünwalder Stadion. Dann der Blick von der Gegengerade. Urplötzlich. Diesen ersten Blick aufs Spielfeld, den werde ich nie vergessen. Das wars endgültig. Wir haben das Spiel übrigens verloren. Aber egal, wie man in Köln sagt. Mein Sohn, hier in Köln geboren, 2000, wurde dann, obwohl ich es beileibe nicht forciert habe, auch Bayern-Fan.

Wir haben im Film diese Ebene ab zehn Jahren, mit ihm, ganz bewusst eingebaut, weil ab diesem Alter bereits intensiv gescoutet wird und die Verwertungskette sozusagen dann bereits beginnt. Außerdem ist es mit Kindern und Filmrechten immer schwierig, da wählten wir den einfachen Weg, um keine Probleme mit Bildrechten zu bekommen. Konrad aber hat immer noch partout keine Lust auf einen Verein. Er hat bereits zwei Anwerbeversuche abgelehnt bzw. fand beide Probetrainings blöd.

Mein Fan-Sein hätte man im Film natürlich auch kürzer fassen können, beispielsweise das Madrid-Kapitel. Aber gerade da wollte ich ganz subjektiv darauf beharren. Da war ich störrisch. Schließlich sind wir hier nicht beim durchformatierten Fernsehen. Dieses Scheitern der Bayern und den Umgang damit, am Tag danach, die Abreise vom Hotel in Madrid zu zeigen, abseits allbekannter Jubelbilder. Gut, Konrad frage ich im Film, ob er ins Pokalfinale nach Berlin will, das möchte er gerne (nicht aber nach Madrid), also haben wir das kurz im Film szenisch aufgelöst. Madrid dann im Gegensatz z.B. zum Abstiegsdrama Bochum-Hannover zu sehen, war sehr reizvoll und weist, so denke ich, auch über die Saison 2009/2010 hinaus. In der Niederlage steckt immer, auch und gerade für die Fans, das weitermachen, der Neuanfang, die neuen Ziele, eben genau das nicht vernichtet werden, sondern das wieder Aufstehen. Wer Bochum-Fan ist, erfuhr das die letzten Jahre vielleicht mit am besten im Bereich „Profifußball“.

Fan sein heißt eben auch insbesondere „niemals aufgeben.“ Auch wenn man chancenlos war oder ist, so wie z.B. der MSV im Pokalfinale gegen Schalke – der Tag der Genugtuung, des Erfolges, er kommt wieder, irgendwann, man weiß nie genau, wann, aber dass er kommen wird ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Und was hat der MSV den großen Bayern vor roundabout 40 Jahren zuhause nicht eingeschenkt, puuh, da musste Bayern eigentlich erst gar nicht antreten, in Duisburg um 1966/69, das war ja schlimmer als in Kaiserslautern. Freuen wir uns also – heute, solange es noch geht – mit den Fans der Traditionsmannschaften von Eintracht Braunschweig und Preußen Münster, die aktuell Meisterschaften und Aufstiege feiern durften und immer noch dürfen. Denn es werden unweigerlich wieder nüchternere Tage für die Fans dieser Teams kommen, genauso übrigens wie für die zahlreichen Anhänger von Borussia Dortmund und Jürgen Klopp. Und irgendwann sogar auch für diejenigen des so überaus peppigen FC Barcelona, da bin ich mir ganz sicher.

K. J.: Welche Erinnerung deines Fan-Lebens würdest du erzählen, wenn es darum ginge sie für die Zukunft zu bewahren. Welche Geschichte wäre die Geschichte für den Almanach der Fan-Geschichten?

Andreas Bach: Mein Nervenzusammenbruch 1999 nach dem verlorenen Finale gegen Manchester United in Barcelona. Nicht, dass wir mit den Bayern noch keine Cupfinals oder andere entscheidende Matches verloren hätten, auch schon unglücklich, so wie gegen Porto 1987, oder noch unglücklicher gegen Aston Villa 1982. Dieses Spiel 1999, wenn auch nur hier in Köln erlebt zu haben, im „Low Budget“ an der Aachener Straße – die Kneipe gibt’s immer noch. Ich bin danach nie wieder reingegangen – hat mich für immer verändert. Ich habe vorher wohl nicht zu 100% wirklich gewusst, was mir mein Verein tatsächlich bedeutet. Meine Frau hat mich zuhause erst gar nicht wiedererkannt, ich war extrem fertig.

Klar, manchmal, in schwachen Momenten, sage ich auch: wärst du nur lieber Fan eines in Anführungszeichen kleineren Vereins, da würdest du nicht als Erfolgsfan verhöhnt, die Fallhöhe wäre niedriger, die Fans der eigenen Mannschaft würden sympathischer rüberkommen, die Erwartungen wären nicht so hoch, aber ich bin inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass das vollkommen egal ist. Es ist so, wie es ist. Und es ist genauso so wie bei vielen leidenschaftlichen Fans anderer Mannschaften, unzählige Gespräche haben das bestätigt: Ich freue mich immer besonders, wenn Siege oder Erfolge durch Leidenschaft, Angriffsvermögen, Cleverness und dem schieren Willen des „Niemals aufgeben“ zustande kommen. Dafür steht für mich z.B. das knappe 2-3 in Manchester mit dem wie aus heiterem Himmel gefallen Olic-Tor zum 1-3 und der unfassbaren, technisch kaum zu toppenden, Robben-Granate zum 2-3, die millimetergenaue Vorarbeit von Riberý aus 50 Meter Entfernung nicht zu vergessen. Das live sehen zu dürfen, und sei´s auch nur auf dem Bildschirm, public viewing – unvergessen. Ich habe noch niemals so viele Kölner so ekstatisch bei einem Bayern-Treffer jubeln gesehen, das gibt einem einiges. Danach war ManU fertig. Auch da waren eben auch die Fans extrem wichtig. Diesmal die Manu-Fans, die als Kulisse, als Publikum so zurückhaltend waren wie sonst nur selten in einem Spiel ihrer Mannschaft.

1999 haben die das ganze Endspiel in Barcelona durch total beseelt gesungen. Es stand 0-1 bis zur 91. Minute, sie haben nie aufgegeben. Das hat sich auf die Mannschaft von Manchester übertragen, man sah es auf dem Platz ganz deutlich. Aber da, 2010, hatte Manchester u.a. dieses Glazer-Problem, hatte nicht mehr den unbedingten Rückhalt der Fans, der teilweise so rapide dahinschmolz wie Gletscher in Zeiten der globalen Erwärmung. Ich habe niemals so viele ManU-Fans bei einem derart knappen Rückstand vorzeitig das Stadion verlassen sehen wie letztes Jahr gegen die Bayern. Mit einem im wahrsten Sinne fanatischen Publikum hätten die vielleicht auch in schwierigen Phasen das 3-3 gemacht oder das 2-3 erst gar nicht gekriegt.

Man bekommt gerade auch heute immer wieder gezeigt, dass sich jedes Spiel – je nachdem mit der ohne den Support von Fans – völlig anders entwickelt. Ich denke, das sagt genug über den Stellenwert jedes einzelnen Fans auf dieser Welt aus. Sogar im Freizeitfußballbereich ist es doch extrem wichtig, ob da nur einer, schon drei oder sogar 13, 23 Verrückte am Spielfeldrand stehen.

K. J.: Gibt es Pläne für weitere Projekte mit dem Thema Fußball?

Andreas Bach: Ja. Wir werden die Karriere der Spieler und sonstigen Handelnden sicherlich verfolgen, wir werden einen weiteren Langfilm mit dem Thema Fußball vorbereiten, auch wenn das nicht unbedingt „Hauptsache Fussball Teil 2“ sein wird. Konzeptionell sind wir gerade erst am Anfang, darum können wir da noch nicht ins Detail gehen. Ich persönlich kann nur sagen, dass ich meine Leidenschaften Fussball und Film schon viel früher  hätte zusammenbringen sollen. Für mein Gefühl habe ich fast zulange mit diesem Projekt gewartet. Und neben dem Medium Film bzw. seiner Verbreitung via Kino, DVD oder TV gibt es ja inzwischen weitere Möglichkeiten, sich z.B. online mit dem Thema auseinanderzusetzen. Neben der regelmäßigen Pflege unserer aktuellen Facebook-Präsenz werden wir zukünftig sicherlich noch auf anderen Plattformen vom Fortgang der Dinge berichten – mit Texten, Kurzclips, Videos und so weiter.


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