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Ach, könnte man Kontrollverlust nur immer kontrollieren

Siege durch Tore in letzter Minute geschehen auf vielfältige Weise. Der unbändige Jubel auf den Rängen hört sich dabei vielleicht gleich an, doch der Charakter der letzten Minuten unterscheidet sich jeweils. Es gibt Siege, die durch Kampf und schiere Willenskraft einzelner Spieler errungen werden. Es gibt zwangsläufige Siege, die die unterlegene Mannschaft bis zur letzten Minute nur durch pures Glück hatte verhindern können. Und es gibt diesen Sieg des MSV Duisburg gegen Preußen Münster, der mir wie das Ideal eines solchen Sieges in letzter Sekunde vorkommt; eine Komposition vieler Eigenschaften dieses Fußballs, die in harmonischen Gleichgewicht ein vollkommenes Bild ergeben.

Die Mannschaft des MSV war in der 71. Minute 1:2 in Rückstand geraten. Das Minimalziel eines Unentschiedens war in der 87. Minute durch ein Tor von Dustin Bomheuer erreicht worden. Verhalten war die Freude auf dem Spielfeld über diesen Ausgleich. Auch auf diese Weise wurde sichtbar, dass sich die Spieler mehr erhofft hatten. Noch waren drei Minuten zu spielen, und die Nachspielzeit würde sicher etwas länger dauern, hatten sich die Preußen doch als passables Schmerzschauspielensemble bewiesen. Wahrscheinlich hat der halbe Kader einen Nebenjob an der medizinischen Fakultät der Uni Münster. Es gibt ja inzwischen Seminare, in denen die angehenden Ärzte Patientengespräche mit Schauspielern lernen. Spezialisten für die Darstellung von Muskelblessuren und Gelenkirritationen gesucht? Anruf auf der Geschäftsstelle von Preußen Münster genügt.

Die Spieler des MSV wollten noch den Sieg, dennoch entstand nicht diese Atmosphäre eines bedingungslosen Anrennens. Dazu war das Umschaltspiel der Preußen zu gefährlich. Zweimal hatte es der MSV erlebt, dass beim Ballverlust die eigene Defensive überfordert war. Beim ersten Tor der Preußen war der Weg für den Stürmer ganz frei, beim zweiten Tor war die Defensive noch zu ungeordnet. Anscheinend hatten die Spieler dieses Risiko im Kopf. Deshalb drückte der MSV Richtung Preußen-Tor, dennoch blieb das Mittelfeld abgesichert. Hier war ein erstes harmonisches Gleichgewicht zu sehen zwischen Spielkontrolle und freiem Angriff. Denn für das Spiel hintenrum blieb keine Zeit mehr. Nun mussten die Außen das Risiko im Spiel eins gegen eins in jeder Sekunde suchen, wo in der ersten Halbzeit noch nur der sichere Pass gewählt wurde. Nun ging es nur nach vorne. Es blieb keine andere Wahl.

Zudem spielten die Preußen weiter mit und suchten ebenfalls den Weg nach vorne. Es ging hin und her in dieser Nachspielzeit ohne wirkliche Torgefahr, bis Nico Klotz zu einem Dribbling auf dem Flügel ansetzte. Er konnte sich durchsetzen und den steil laufenden Tim Albutat anpassen. Dessen Flanke war harmlos. Sie war aber deshalb harmlos, weil er beim Flanken gefoult worden war. Das hatte ich nicht gesehen, weil mein Blick nur diesem Ball folgte, die Enttäuschung über die vermeintlich vergebene letzte Chance inklusive. Doch der Pfiff folgte. Martin Dausch schlug den Freistoß recht weit hinter den hinteren Pfosten, wo Stanislav Iljutcenko Mühe hatte, den Ball vor der Torauslinie zurück Richtung Strafraum zu köpfen. Dort versuchte ein Spieler der Preußen, den Ball wegzuschlagen, doch in der zweite Reihe bei etwa 25 Metern wartete Fabian Schnellhardt. Er nahm diesen Ball auf und legte ihn sich zurecht. Den Schuss von dort hatten wir nicht erwartet. Ein perfekter Schuss in den Winkel, hart, gerade, vollendete Fußballkunst. Die ganze Szene von der Ausführung des Freistoßes an war die perfekte Komposion aus Zufall, Kampf, Kraft und Technik.

Dieses Tor in letzter Sekunde bedeutet nicht nur einen Sieg in diesem Spiel. Dieses 3:2 ist ein besonderer Sieg für den Aufstieg, der Abstand auf die Verfolger ist größer geworden. Dieses Tor wurde möglich, weil der MSV die Spielkontrolle etwas aufgegeben hatte. Kontrolle als Lebensmaxime soll uns Sicherheit im Alltag geben. Kontrolle soll uns vor den Gefahren des Lebens schützen, sie soll das Risiko in unserem Leben minimieren. Die Kontrolle ist irgendwann auch im Fußball als Spielprinzip eingegangen, und da uns Menschen der Gegenwart der Fortschritt eine selbstverständliche Haltung zum Leben ist, wurde diese Kontrolle immer weiter perfektioniert. Ballbesitz schafft Kontrolle, aber auch Stabilität im Spiel insgesamt, von der in paradoxer Weise auch der Gegner profitieren kann. Denn Kontrolle macht das Mannschaftsspiel vorhersehbarer.

Der Weg des MSV Duisburg durch diese Saison in der 3. Liga ist ein kontrollierter Weg. Denn diese Kontrolle bietet die höchstmögliche Sicherheit für Erfolg am Ende der Saison, den überlebensnotwendigen Aufstieg. Der Erfolg in einem einzigen Spiel ist deshalb noch lange nicht garantiert, aber die Wahrscheinlichkeit für den langfristigen Erfolg ist größer, wie wir an der Tabelle schon vor dem Spiel gegen Preußen Münster hatten ablesen können. Dennoch reicht die Kontrolle eben nicht für den Erfolg in jedem Spiel, und eine Mannschaft, die darauf setzt, wird immer wieder vor dem Problem stehen, wieviel Kontrollverlust sie eingeht, um den Erfolg dennoch zu sichern, wenn keine Tore fallen.

In der ersten Halbzeit fiel das Führungstor durch Fabian Schnellhardt auch nicht aus einem geordneten Angriff heraus. Ein Ballverlust der Preußen und schnelles Umschalten ging dem voraus. Der erste Abschluss konnte dann noch abgewehrt werden, ein Schuss von Kingsley Onuegbu. Doch der zweite Ball bot dann die Torschussmöglichkeit für Fabian Schnellhardt, weil er lange genug frei stand. Auch dieses Tor aus etwa 18 Metern war schon wunderbar anzusehen. Es war nur eine Ouvertüre. Das wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Das Finale in der Schlusssekunde sollte noch besser werden.

Wie geht das Leben als Spieler und Anhänger eines Tabellenführers?

Doch, ich muss noch einmal davon schreiben. Ich muss noch einmal davon schreiben, wie ungeübt auch wir Anhänger des MSV Duisburg mit dem Leben als Anhänger eines dauerhaften Tabellenführers sind. Nicht nur manche Spieler haben damit ihre Schwierigkeiten, wenn es um die realistische Selbstwahrnehmung ihrer Leistung geht. Auch wir auf den Rängen haben keine uns selbstverständliche Haltungen dazu. Zu Beginn der Saison haben wir nur gestaunt, wie sicher die Mannschaft aufgetreten ist, wie überlegen sie auftrat. Überall hing sprachlose Freude und Überraschung in der Luft. Wir waren Anhänger eines Favoriten für jedes Spiel. Dann schien mit den schlechteren Leistungen der Mannschaft die altbekannte Wedau-Stimmung wieder Einkehr zu halten. Nichts ist sicher, jede Niederlage ist möglich. Das stimmte so nicht. Der MSV blieb Tabellenführer. Aber wir waren schon wieder dabei, die Gründe nicht bei der Leistung der Mannschaft zu suchen, sondern in der günstigen Konstellation der anderen Spielergebnisse.

Gestern nun bestätigte die Mannschaft ihre gute Leistung vom Spiel in Lotte. Sie gewann gegen Fortuna Köln mit 2:0. Dennoch ist die Stimmung nicht in jeder Fanecke, wie es eigentlich zu erwarten wäre, ruhig und zufrieden. Dennoch sieht es so aus, als zwackte bei einigen das Tabellenführer-Trikot. Irgendetwas war unangenehm. Was genau, war nicht richtig zu erkennen. So bot einmal mehr Zlatko Janjic das Ventil, um dieses unangenehme Gefühl aus der Welt zu schaffen. Sicher, er hatte sich ins Rampenlicht gestellt mit seiner eigenwilligen Betrachtung der eigenen Leistung und dem Unverständnis gegenüber dem Unmut von uns auf den Rängen. Dann verschoss er den Elfmeter in der 71. Minute beim Stand vom 1:0, und er brachte kurze Zeit später einen Ball nicht ins Tor, den ich schon als 2:0 bejubelt hatte. Ein Verteidiger bedrängte ihn bei diesem Schuss am hinteren Pfosten aufs leere Tor.

Schon früher in dieser zweiten Halbzeit war es auf den Rängen unruhig geworden, ehe der größere Teil der Anhänger spürte, die Mannschaft braucht Unterstützung, kurz brandete das EM-ES-VAU durch die Arena, die Unruhe der Ungewissheit über die Möglichkeiten der Zebras war wieder vorüber. Die Stimmung im Stadion war wieder stabil. Die Zebras spielten zu diesem Zeitpunkt wieder zu vorsichtig. Die Mannschaft versuchte sich in Spielkontrolle und wieder schien es so, dass dieser Versuch der Spielkontrolle mehr aus mangelndem Mut als aus bewusstem Entschluss heraus entstand. So schien die 1:0-Führung immer gefährdeter, weil die Fortuna immer wieder sehr gut nach vorne kombinierte. Immer wieder gelangen dem Gegner Angriffe vor allem über ihren linken Flügel. Auch in diesem Spiel war die rechte Defensivseite eine Schwachstelle im Spiel des MSV. Fabio Leutenecker bemüht sich sehr, aber die Flügelspieler der Fortuna waren schneller und technisch gewandt. Glücklicherweise erreichten die freien Flanken meist nicht die Mitspieler oder das Eindringen in den Strafraum endete mit einem unpräzisen Abschluss.

Mit dem verschossenen Elfmeter und der vergebenen Konterchance war dann die Unruhe der Ungewissheit auf die Ränge zurückgekehrt. Die Auswechslung von Zlatko Janjic bot nun erneut ein Ventil für diese Unruhe. Wo zuvor das Murren auf den Rängen spürbar gewesen war, kam es nun zu einigen Pfiffen. Wir haben keine selbstverständliche Haltung zu dieser ungewohnten Situation, gute Leistungen von unserer Mannschaft erwarten zu dürfen. Wir wissen nicht, wann genau diese Mannschaft Zuspruch braucht und wann sie unsere harsche Kritik verdient. Sich in diesem Moment der Auswechslung auf einen einzelnen Spieler zu konzentrieren, während die Mannschaft eigentlich unsere Unterstützung braucht, wirkt auf mich wie ein Zeichen dafür, dass auch wir nach einer passenden Haltung zu dieser andauernden Tabellenführung suchen. Die Maßstäbe müssen neu gelernt werden. Vielleicht müssen wir es uns hin und wieder bewusst machen, unter welch guten Voraussetzungen wir diese Maßstäbe seit ein paar Wochen lernen. Tabellenführer MSV Duisburg.

Lasst mich nun von Fabian Schnellhardt schwärmen. Von Spielbeginn an haben einzelne seiner Spielaktionen mich verzückt. Anders kann ich das nicht schreiben. Hier eine Körpertäuschung, die zwei Gegner ins Leere laufen lässt, dort ein Antritt aus dem Nichts mit einer anschließenden gegenläufigen Bewegung, die ihm den Raum öffnet, dann ein Pass aus dem Fußgelenk sofort nach der Ballannahme und zwar in eine andere als die zu erwartende Richtung, ich kam aus dem Schwärmen nicht heraus und wusste noch nicht, dass dieser Fabian Schnellhardt in der 21. Minute an der Mittellinie loslief und die heran eilenden Gegenspieler stehen liess, um in der Enge der Strafraumnähe einmal kurz etwas Glück zu haben, als ein Verteidiger zur Bande für sein Dribbling wurde. An der rechten Strafraumseite spielte er sich durch, Körpertäuschung, Verlangsamen und Wiederantritt, der Ball klebte an seinen Füßen. Unwiderstehlich drang er weiter Richtung Torauslinie. Was sollte nun geschehen? Das Zentrum vor dem Tor war dicht. Kein freier Spieler des MSV war dort zu sehen. Also, weiter bewegen, zum Tor ziehen, sich in Schussposition bringen und aufs lange Eck zielen. Alles war eine fließende Bewegung, von der Mittellinie an. Wann habe ich hier in diesen Räumen einmal von Eleganz geschrieben? Eleganz und der MSV Duisburg zusammen in einem Satz. Unfassbar. Es war Eleganz, was wir vor diesem Schuss von Fabian Schnellhardt zu sehen bekamen. Er schoss aufs lange Eck und der Ball war im Tor. Was für ein großartiges Tor. Welch ein staunender Jubel! Fabian Schnellhardt – Fußballgott.

Bleibt noch das 2:0 nachzutragen. Stanislav Iljutcenko erzielte es in der 87. Minute, nachdem dieser eine Konter endlich konsequent ausgespielt worden war. Wir hatten zwei, drei andere, sehr schlecht genutzte Konter gesehen in diesem Spiel. Dieser aber war an der Mittellinie durch einen Pass auf Andreas Wiegel eingeleitet worden. Nach seinem Sprint spielte er im Strafraum quer, Iljutcenko war zur Stelle, ein Konter fürs Lehrbuch.

Fortuna Köln war ein guter Gegner, der sich nicht hinten reingestellte. Die Mannschaft wollte mutig mitspielen. Der Sieg des MSV war verdient. So muss ein Tabellenführer siegen, wenn er am Ende der Saison aufsteigen will. Bis dahin bleibt noch einige Zeit, weiter zu lernen, wie das Leben so geht als Spieler und Anhänger eines Titelfavoriten.

Welch Überraschung – auch der Gegner will gewinnen

Nach dem 0:0-Unentschieden des MSV Duisburg gegen den Halleschen FC ist es mal wieder an der Zeit, sich von der Leistung des MSV beim Schreiben unabhängig zu machen. Sonst hätte ich nämlich keine Lust, mehr als zwei Sätze über dieses Spiel zu schreiben. Mal sehen, ob ich den Inhalt, die Worte über eine schlechte Leistung des MSV, auch in der Form zum Ausdruck bringen kann? Irgendeine Freude muss ich mir mit dem Spiel bereiten, und wenn schon nicht der Mannschaft das Kunstvolle auf dem Spielfeld gelingt: Selbst ist der Mann.

Wenn ich also hier nicht nur mit Worten beschreibe, sondern zudem in der Form des Textes wiederhole, wie der MSV gestern aufgetreten ist, muss ich Worte und Sätze lange Zeit kontrollieren. Den sicheren Hauptsatz ziehe ich Nebensatzkonstruktionen vor. Leider kann ich sie nicht immer vermeiden, dann geht manches Anschlusswort ins… Inhaltlich gehe ich auch wenig Risiko. Überrascht bin ich allerdings jetzt kurz nach Beginn dann auch. Verlangt tatsächlich jeder Satz volle Konzentration und Anstrengung?

Früh schon Ball auf Flekken-Tor. Rumstehen Zebras. Ergebnis Pfosten. Abschlag. Das sollte doch als Zusammenfassung von diesen ersten Minuten des Spiels genügen. Aber es ist unglaublich. Von Anfang an brauchen wohl klingende Sätze die richtige Einstellung. Zudem gibt es sogar Sätze, die gleichen dem Halleschen FC. Die wollen mehr als  ein sicheres Ergebnis einfahren. Es gibt Sätze, denen sind die bislang überzeugenden Texte in diesem Blog völlig egal. Solchen Sätzen reicht es nicht, Teil des Zebrastreifenblogs zu sein. Sie verstecken sich nicht. Sie vertrauen auf ihre eigene Kraft. Ratlos stehe ich da und weiß nicht, wie ich auf solche Sätze mit meiner Satzkontrolle reagieren soll. Die stehen frei im Raum und suchen ihre Chance gelesen zu werden.

So richtig gelingt es mir nicht, das schlechte Spiel des MSV auch in der Form abzubilden. Wahrscheinlich würdet ihr aufhören zu lesen, wenn es mir gelänge. Hier braucht ihr ja nicht auf den Schlusspfiff zu warten und hättet die Hoffnung ein glücklicher Satz könne den Text am Ende retten. Im Spiel habe ich immer die Hoffnung auf dieses glückliche Tor, zumal Kingsley Onuegbu nach seiner Einwechslung recht überzeugend auftrat. Schon lange war er nicht mehr so ballsicher wie gestern. Wenn ein Licht in diesem Spiel zu sehen war, dann er. Zehn Minuten mehr Risiko im Spiel reichten aber nicht aus, um erfolgreich zu sein.

Mit einer einzigen Szene aus der ersten Halbzeit lassen sich etwa 80 Minuten des Spiels zusammen fassen. Um die 40. Minute herum ergab sich eine Kontermöglichkeit für den MSV. Der Ball war in der eigenen Hälfte abgefangen worden. Die Spieler des HFC befanden sich fast alle in der Hälfte des MSV. Wahrscheinlich war es Andreas Wiegel auf dem rechten Flügel, der den Ball nach vorne trieb. Ich weiß es nicht mehr genau. Halblinks sprintete ein weiterer Spieler des MSV mit. Während sämtliche Spieler des HFC nach hinten sprinteten, joggten zwei Zebras im Mittelfeld ihren Mitspielern hinterher, und die Viererkette plus zwei defensive Mittelfeldspieler schritten von der Strafraumhöhe aus gemächlich Richtung Mittellinie und schauten sich an, was da vorne nun passierte. Sie sahen, wie die zurückgesprinteten Spieler aus Halle ihre Räume besetzten. Im Ansatz war zu sehen, zwei konternde Zebras alleine hätten gar nicht erst losrennen müssen. Vergeudetete Kraft. Sinnlose Rennerei. Ein halbherzig ausgeführter Konter.

Die Mannschaft des MSV wirkte in diesem Spiel lange so, als sei sie überrascht, dass der HFC keine Angst vor ihr hat. Die Spieler kamen nicht damit zurecht, dass der Gegner früh den Spielaufbau störte, wenn möglich. Denn der HFC suchte fortwährend seine Chancen in der Offensive. Damit hatten die Zebras anscheinend nicht gerechnet. Die Angriffsbemühungen des HFC wurden zu spät energisch unterbunden. Zu oft standen die Spielers des Gegners frei im Strafraum. Das Spiel des HFC wirkte variabler als das des MSV. Führte das frühe Pressing des HFC zu keinem Erfolg, zog sich die Mannschaft in die gut organisierte Defensive zurück.

Für das kontrollierte Spiel des MSV fehlte es an schnellen Bällen in freie Räume, an überraschenden Spielzügen – ein Ergebnis des unzureichenden Zusammenspiels von Mittelfeld und Offensive. Zu statisch war das kontrollierte Spiel. Erst als in der Schlussphase immer mehr halblange Bälle ins Angriffsdrittel des Spielfelds geschlagen wurden, kam ein wenig Offensivkraft auf. Thomas Bröker konnte sich zuweilen durchsetzen. Der King sicherte die Bälle, passte und konnte ablegen. Dauerdruck auf das Tor des HFC entstand dennoch nicht. Eine große Chance gab es noch, doch Stanislav Iljutcenko schoss am Tor vorbei.

Am Tabellenstand änderte sich trotz des torlosen Unentschieden nichts. Die Konkurrenz spielt auch nicht dauerhaft erfolgreicher. Unruhig werde ich dennoch. Seit drei, vier Spieltagen scheinen die Spieler des MSV auf etwas zu vertrauen, was nicht mehr vorhanden ist. Spielerische Dominanz kommt nicht von alleine. Der Respekt der Gegner scheint geringer geworden zu sein.

Den MSV in seinem Lauf hält Regensburg nicht auf

So lässt sich die Welt also betrachten, wenn man einen Lauf hat. Man fühlt sich stark und glaubt alle Fäden beim Gestalten des eigenen Schicksals in der Hand zu halten. Man konzentriert sich auf das Gelingen und ignoriert einfach sämtliche Möglichkeit des Scheiterns. Ich spürte, wie der Druck zunahm. Noch blieben etwa zehn Minuten im Spiel des MSV Duisburg beim SSV Jahn Regensburg bis zum Schlusspfiff. Leichte Aussetzer hatte es in den letzten Minuten schon mehrmals gegeben. Ich kannte das von meinem Laptop. Das Spiel wogte hin und her, und dann fror das Bild tatsächlich ein. Hektisch lud ich die Seite neu, nur um zu lesen, der Livestream stehe im Moment nicht zur Verfügung.

Das Adrenalin schoss durch meinen Körper. Es ging nun um alles. Ich brauchte Bewegtbilder. In solchen Situationen handelt der Mensch instinktiv. Bei der Netzgemeinde um Hilfe rufen, dazu blieb keine Zeit. Ein weiteres verzweifeltes Mal die Seite neu laden – und während der Laptop arbeitete, schaltete ich hastig den Fernseher an. Auch diese Geräte haben inzwischen eine Vorlaufzeit, ehe sie Bilder zeigen. Kurz schaue ich rüber zum Laptop und sehe, wie der Livestream von Bayern 3 wieder funktioniert.  Der MSV mit Ballbesitz im Mittelfeld. Mein Blick geht zurück zum TV, inzwischen mit den Bewegtbildern aus der Drittligakonferenz beim WDR, und ich sehe denselben Ball, der auf dem Laptop auf den linken Flügel geht, in einem Tornetz. Erst als die Kamera auf den jubelnden Stanislav Iljutcenko schwenkt, begreife ich wirklich, dass der MSV nun wieder führt. Das nenne ich einen Lauf, wenn ich im Moment des möglichen Scheiterns meiner bis dahin gelebten Zeit mit einem Mal voraus bin.

Der MSV und ich, wir haben momentan anscheinend einen Lauf. Der Auswärtssieg des MSV war nicht das zwingende Ergebnis einer überlegenen Spielweise. Durch die Spielanlage war zu erahnen, warum die Zebras die Tabelle anführen. Doch wirkte die Mannschaft gegenüber dem Einsatz der Regensburger oft zu passiv. Gerade zu Beginn der  zweiten Halbzeit schienen die Spieler sich zu sehr auf ihre Defensivstärke und die spielerischen Möglichkeiten zu verlassen. Sie setzten dem großen Willen der Regensburger den Ausgleich zu erzielen nicht genug eigenes Engagement entgegen. Der Ausgleich in der 53. Minute war eine absehbare Folge der zu großen Passivität.

In der ersten Halbzeit hatte das sehr kontrollierte Spiel des MSV noch genügt, die frühe Führung durch Tim Albutat zu sichern. Schon dieses Tor lässt sich als Folge des „Laufs“ erzählen. Es glückte, was im Ansatz noch nicht erfolgsversprechend aussah. Die Flanke von rechts erreichte Tim Albutat nicht direkt, sondern nur weil ein Defensivspieler der Regensburger sie unglücklich auf den Kopf von Albutat verlängerte. Wer einen Lauf hat, kann so ein Tor aber auch als ureigenen Verdienst betrachten. Der Fehler geschah nur, weil die Mannschaft von Anfang an wieder dominant auftrat und die Defensivspieler verunsicherte.

Der Rückstand schien die Lebensgeister der Regensburger vollständig zu wecken. Sie erspielten sich fortan eine leichte optische Überlegenheit. Dennoch hätte das Spiel für uns in Duisburg mit mehr Gelassenheit betrachtet werden können. Nach einem weiten, punktgenauen Abschlag von Mark Flekken in den Lauf von Andreas Wiegel, wurde der im Strafraum von einem Regensburger Defensivspieler gefoult. Der Elfmeterpfiff von Robert Kampa blieb aus.

Aus den Angriffsversuchen der Regensburger ergab sich nur eine einzige wirkliche Chance, ein Schuss im Strafraum, den Mark Flekken souverän abwehrte. Ansonsten zwang die MSV-Defensive zu unpräzisen Pässen, sobald der Ball in Tornähe kam, und weiten Bällen, die von den Stürmern nicht genau genug verwertet werden konnten. Ich vermisste dennoch entlastende Offensivaktionen vom MSV. Erst ein paar Minuten vor dem Pausenpfiff kam das Spiel wieder in ein Gleichgewicht.

In der zweiten Halbzeit entwickelte sich ein offenes Spiel, in dem der MSV die klareren Chancen besaß. Schon als Stanislav Iljutcenko in einen Fehlpass kurz hinter der Mittellinie lief und vom Defensivspieler bedrängt auf das Regensburger Tor zusprintete war meine Hoffnung auf eine erneute Führung groß. Doch konnte sich Iljutcenko gegen die vereinten Kräfte von Defensivspieler und Torwart nicht durchsetzen. Diese Spielsituation zeigt übrigens, warum er den Vorzug gegenüber Kingsley Onuegbu erhält. Auch wenn er vor dem Tor momentan nicht so effektiv ist wie in seinen Osnabrücker Zeiten, Iljutcenko ist einfach sprintstärker als der King.

Vielleicht weckt das Kopfballtor zum 2:1  Stanislav Iljutcenkos etwas verschütt gegangenen Torinstinkt. Denn dieses Stürmertor wirkte überraschend. Plötzlich stand er an der richtigen Stelle, dort wo eigentlich kein Platz war zwischen Torwart und Verteidiger. Dort kam er mit dem Kopf an den Ball, ohne sehr hoch zu springen zum Kopfball. Das Tor war verblüffend, und womöglich protestierte der Regensburger Torwart beim Schiedsrichter auch deshalb. Er konnte sich nicht vorstellen, wie man von Stanislav Iljutcenko Platz aus ohne Foulspiel ein Tor hat erzielen können. Stanislav Iljutcenko hat dieses überraschende Tor gemacht. Er, seine Mitspieler und ich, wir haben momentan eindeutig einen Lauf. Am besten denken wir alle nicht drüber nach und machen einfach damit weiter im nächsten Spiel gegen Rostock.

 

Der FCM bringt Quote, während Zebras siegen

Wenn Fußballspiele uns die Welt erklären, freut sich der Sportsfreund. Denn eines hat uns dieser Spieltag gezeigt, der MDR berücksichtigt bei einer Konferenzübertragung die Popularitätswerte der beteiligten Ostvereine bei der Entscheidung, welches Spiel gerade gezeigt wird. Nicht die Spannung des Spiels gab der Senderegie das Signal zum Umschalten. Gerade in der zweiten Halbzeit war die hohe Führung des 1. FC Magdeburg in Wiesbaden von größerer Bedeutung als der knappe Rückstand von Rot-Weiß Erfurt gegen den MSV. Entsprechend wenig war vom Spiel der Zebras zu sehen. Erst zum Spielende hin konnten wir an den Bildschirmen uns einmal mehr die Gewissheit verschaffen, bei knapper Führung mal ein Tor nachzulegen, davon halten die Zebras nicht viel. Ein Urteil über die Spielqualität lässt sich aus dieser Übertragung aber kaum gewinnen.

2016-09-25_webradio_erfurtZumal ich sehr widersprüchliche Reportermeinungen zu hören bekam. Denn neben dem TV-Kommentar mit zunächst beruhigendem Fazit für die Zebras gönnte ich mir in den FCM-Auszeiten der TV-Konferenz das aufgeregt-fatalistische Reporter-Duo vom RWE-Radio. Was zwischenzeitlich sehr an meinen Nerven zerrte, weil die Hoffnung auf den Ausgleich sämtliche Andeutungen einer entstehenden RWE-Chance vor allem den Jüngeren der beiden jeweils in kurzzeitigen Optimismus-Überschwang versetzte. Wieviel Großchancen ich im Entstehen dachte, weil ein RWE-Offensivpass auf den Flügel ankam, weiß ich gar nicht mehr. Aber ich tappte jedes Mal aufs Neue in die Falle. Kurz nach dem dann missratenen Angriff sackte der Kollege in sich zusammen und beklagte die drohende Niederlage mit leisem Wehgesang. Sehr sympathisch, aber für uns in Duisburg gesundheitsgefährdend.

Wer sich vom gesamten Spiel ein Bild machen konnte, kann von keiner überzeugenden Leistung des MSV berichten. Unverdient war der Sieg aber wohl auch nicht. Für uns TV-Zuschauer begann der MSV jedenfalls mit dem deutlichen Willen, das Spiel zu gewinnen. Die Mannschaft übernahm die Spielkontrolle, ohne sich klare Torchancen zu erarbeiten. Wie sich das Spiel dann weiter entwickelte, konnten wir an den Spielzügen des 1. FC Magdeburg leider nicht ablesen. Die Webradio-Reporter waren in dieser ersten Halbzeit mehr um drohende Verletzungsausfälle ihrer RWE-Elf besorgt und dachten fatalistisch an mögliche Niederlagen. Was einen Anhänger des MSV natürlich erst einmal entspannte.

Das Führungstor durch Simon Brandstetter erinnerte uns daran, wie erfolgreich auch Stürmer des MSV im Strafraum sein können. Diese Spielaktion war fürs Fußball-Lehrbuch gemacht. Ein wunderbarer Pass in den Strafraum auf Simon Brandstetter, der, mit dem Rücken zum Tor stehend, den Ball in der Drehung technisch perfekt mitnimmt und dann frei vor dem Torwart steht. Erneut musste ich mich danach den Webradio-Reportern anvertrauen, die mit ihrer Hoffnung auf den Ausgleich meinen Blutdruck in die Höhe trieben.

Als endlich wieder TV-Bilder zu sehen waren, konnte ich die Aufgeregtheit in Erfurt einordnen. Zwar hatte es zuvor einmal einen Pfostenschuss der Erfurter gegeben, doch sah ich nun, die Reporter-Stimmen erhoben sich inzwischen schon bei jedem Steilpass der Erfurter über die Mittellinie. Wirklich gefährdet wurde der MSV nicht mehr. Der Glücksausgleich kann natürlich immer fallen. Deshalb wäre einmal mehr das zweite Tor für die Zebras schön gewesen. Es fiel nicht, selbst als Tim Albutat etwa fünf Minuten vor dem Schlusspfiff noch die Luft hatte, um nach einem Rückpass der Erfurter deren Torwart anzulaufen und ihn unter Druck zu setzen. Der Torwart-Versuch eines Passes missriet, und der Ball landete bei Stanislav Iljutcenko etwa 25-30 Meter vom Tor entfernt. Das Tor war leer, doch der sofortige Schuss von Iljutcenko ging über das Tor. Das Zittern in den letzten Minuten wäre uns erspart geblieben. Davon ab sind wir zurück im Favoriten-Leben.

Die SIR-Arena – Wellnessoase im Duisburger Süden

Willkommen in einem der entspannendsten Orte des Ruhrgebiets! Willkommen in der Schauinsland-Reisen-Arena! Willkommen beim MSV Duisburg. Hier genießen sie den Samstagnachmittag mit Freunden und Familie beim Fußball. Hier lässt sich bei gemeinsamen Gesang und freundlicher Betrachtung von schönen Toren der Alltag vergessen. Hier werden bei Bier und Bratwurst sämtliche Sinne angeregt. Lächeln sie beim Blick auf Spielzüge des MSV und harmlose Gegner ihre Sorgen weg. Streichen sie Stress aus ihrem Wortschatz. Willkommen in der Entspannung pur!

Demnächst sollte mal jemand vom MSV Duisburg bei jener Kommission vorstellig werden, die über die Zulassung von Heilmitteln entscheidet. Spiele des MSV auf Rezept statt Tabletten gegen Bluthochdruck. Das ließe ich mir diese Saison mal gefallen. Immer wieder bringt mich der MSV momentan in völlig ungewohnte Situationen. So entspannt wie am Samstag habe ich mir Spiele meines Vereins in den letzten Jahren nur angesehen, wenn der Abstieg schon festgestanden hatte.

Von der ersten Minute an setzte der MSV die U23 von Werder Bremen unter Druck. Ein schnelles Tor sollte her. Ein schnelles Tor war möglich. Wir standen auf unseren Plätzen und staunten. Das war also der Gegner, bei dem wir vorsichtig sein mussten, weil der VfL Osnabrück besiegt worden war. Dieser Gegner behielt den Ball kaum einmal länger als über zwei, drei Pässe. Gut, im Verlauf der ersten Halbzeit kam Bremen sogar ein paar seltene Male in jene Räume, die man mit guten Willen auch die Nähe des Duisburger Strafraums nennen kann. Aber jeder Ball dort wurde auf eine solch souveräne Weise von der Duisburger Defensive in die eigenen Reihen zurückgeholt, dass ich ins Schwärmen geriet.

Wie wir mit dem Wort Chancenverwertung in Zukunft umgehen sollen, wird sich daran entscheiden, ob 1:0-Siege die Regel sein werden oder ob späte, glückliche Ausgleichstore dem Wort weiterhin seine Berechtigung lassen. Der Reihe nach: Chancenverwertung, die erste, Zlatko Janjic wiederholt schon früh eine Spielaktion aus dem letzten Heimspiel. Flankenlauf dieses Mal über rechts, scharfe Hereingabe parallel zur Torauslinie, der Torwart am vorderen Pfosten kommt nicht an den Ball, am hinteren Pfosten rutscht Janjic heran, das Tor ist leer, er trifft den Ball nicht richtig, der Ball geht am leeren Tor vorbei. Die Mannschaft irritiert das nicht. Der Druck wird weiter hoch gehalten. Bremen erhält kaum Raum für irgendeine Möglichkeit des eigenen Spiels, egal ob kurze, mittellange oder lange Pässe, spätestens nach dem zweiten oder dritten Ballkontakt ist Schluss.

Der MSV variiert den Rhythmus der eigenen Offensivaktionen beeindruckend souverän. Gelingt nach der Balleroberung nicht der schnelle, direkte Zug zum Tor, erfolgt erst einmal der Pass in den nahen Rückraum. Geduldig wird aus der beruhigten Situation der kontrollierte Angriff aufgebaut. Plötzlich wird das Tempo erhöht, die Offensivspieler kreuzen vor dem Strafraum, Anspielstationen entstehen. Es folgen Doppelpass durch die Mitte, Sprint oder Doppelpass über die Flügel. Der Druck auf die Bremer Defensive wird kontinuierlich hoch gehalten. Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, wann das Tor fällt. Tugrul Erat erzielt es, nachdem die scharfe Flanke dieses Mal etwas mehr in den Rückraum gelangte. In der Mitte verpasste, wer nochmal? Stanislav Iljutcenko?, doch Tugrul Erat stand am hinteren Pfosten bereit, war völlig frei und schoss trocken ein.

Nun hätte der MSV bis zum Halbzeitpfiff die Führung ausbauen können. Dreimal habe ich den Ball im Tor gesehen – entweder hielt der Torwart mit einem Reflex, ging der Ball gegen die Latte oder knapp vorbei. Zlatko Janjic war zweimal von drei Chancen dabei. Ihm gelang sein Tor einfach nicht. Das haken wir jetzt ab, auf dass seine Intuition ungefährdet bleibt und die Feinjustierung seiner Fußstellung beim Schuss wie von selbst geschieht.

Es war vorauszusehen, dass dieser Druck in der zweiten Halbzeit nicht aufrecht zu erhalten war. Werder bemühte sich mehr, und der MSV organisierte sich etwas defensiver. Dadurch verlagerte sich das Spiel in die Mitte des Feldes, gefährlich wurde es für den MSV nicht. Der Strafraum des MSV blieb für die Bremer weiter ein unwirtliches Land, in dem nichts gedeihen konnte, was sie anpackten. Ein zweites Tor zur Mitte dieser zweiten Halbzeit für den MSV wäre dennoch schön gewesen. Die Mannschaft spielte keineswegs auf eine Ergebnissicherung hin. Sie wollte das Spiel in der Hand behalten. Ohne den großen Druck kam es aber nur zu einer einzigen Tormöglichkeit bis kurz vor Ende des Spiels. Dass die vergeben wurde, versteht sich von selbst. Sonst hätte die Chancenverwertung gemeckert. So ein Wort vermisst schnell das Rampenlicht.

So kitzelte zumindest der Gedanke an den späten Ausgleich. Meine Tiefenentspannung verließ mich allerdings nicht, auch wenn ein Glückstor des Gegners immer fallen kann, zumal in den letzten Spielminuten alles nach vorne geworfen wird. Doch selbst in diesen letzten fünf Minuten wurde es nicht wirklich gefährlich für den MSV. Stattdessen setzte sich der eingewechselte Kingsley Onuegbu im Strafraum durch, schoss aus der Drehung und traf den Pfosten – einmal mehr in diesem Spiel kein Tor. Chancenverwertung, die letzte. Wobei gerade diese Situation eigentlich nicht in diese Reihe passt, weil der King sich diesen Schuss hart erarbeitet hatte und seine Position nicht günstig war. Er hat nur das Pech, dass seine Mitspieler bei viel klareren Gelegenheiten die Tore nicht erzielten.

Chancenverwertung – so lange der MSV die Gegner derart eindrucksvoll dominiert, kann sich das Wort gerne im Rampenlicht sonnen. Die Wahrscheinlichkeit für Siege wird sich am Ende des Saison am Tabellenstand ablesen lassen. Aber mal sehen, welche Karriere dieses Wort im weiteren Verlauf der Saison nimmt, und welchen Einfluss das auf meine Tiefenentspannung hat. Momentan heißt es jedenfalls für mich: Willkommen in der Wellnessoase Schauinsland-Reisen-Arena! Und wenn ich ehrlich bin, kann das eine Saison lang auch mal für mich so bleiben.

Wie lebt es sich als Fan des Aufstiegsfavoriten?

Jahr um Jahr sind wir zu diesem MSV Duisburg ins Stadion gegangen und wussten, bei einem Spiel des MSV Duisburg kann alles geschehen. In manchen Spielzeiten gab es irgendwann mehr Siege als Niederlagen, doch sicher konnten wir uns nicht sein. Und nun drängt sich ein völlig neues Gefühl bei einem Fußballspiel des MSV auf. Ich zöger noch etwas, davon zu schreiben. Fünf Spieltage hat es erst gegeben. Deshalb habe ich Sorge, voreilig zu sein. Doch der Verlauf des Spiels gegen den 1. FC Magdeburg ist ein weiterer Beleg dafür, dass dieser MSV Duisburg in dieser Saison den Erwartungen gerecht wird. Dieser MSV Duisburg erweist sich tatsächlich als Favorit auf den Aufstieg. Zusammen mit der Mannschaft beginnen wir die Sicherheit zu gewinnen, Spiele aus eigener Kraft zu gestalten, Rückschläge wegzustecken und souverän genug zu sein, das gesteckte Ziel zu erreichen.

Natürlich sind wir uns einig, für die völlige Sicherheit im neuen Fangefühl hätten die letzten 20 Minuten der Begegnung etwa  souveräner gespielt werden müssen. Doch der Auftritt bei diesem 2:1-Auswärtssieg bis dahin hat mich mit diesem neuen Gefühl als Anhänger des MSV sehr vertraut gemacht. Wie ungerührt hat die Mannschaft den frühen Rückstand hingenommen. Das erwarte ich von einem Aufstiegsfavoriten. Mark Flekken hat einen einfachen Schuss zwischen seinen auffangbereiten Armen durchrutschen lassen. Solche Fehler können passieren. Eine Mannschaft, die sich ihrer Stärke sicher ist, beunruhigt das nicht. Dann muss eben noch ein Tor mehr erzielt werden. Spielen wir also weiter wie bisher. So war das zu sehen.

Die Mannschaft des MSV trat sehr spielstark auf. Kombinationen durch das Mittelfeld, wechselten sich mit halblangen Bällen auf die Flügel ab. Variantenreich wurde gespielt und souverän der Ball kontrolliert. Diese Ballkontrolle führte vom Anpfiff an zum Druck auf die Magdeburger Defensive. Das frühe Gegentor ergab keinen Bruch in diesem Spiel. Wenn zudem Branimir Bajic seine alte Topscorer-Stärke nach Eckbällen auspackt, fällt zwangsläufig der Ausgleich. Ecke Janjic, Kopfballtor Bajic. In welcher Saison war es nochmal, als Bajic im Strafraum bei Eckbällen fast nach Belieben traf. Ich übertreibe etwas. Also, auf dem Boden bleiben, und keine Aufstiegsfavoriten-Euphorie entwickeln. Solide Aufstiegsfavoriten-Zuversicht reicht.

Der MSV bestimmte das Spiel und war präzise in der Spielanlage. Dagegen verfehlte beim FC Magdeburg schon vor dem Strafraum der letzte Pass meist den Mitspieler. Gelangte die Manschaft überhaupt einmal in den Strafraum, waren die Abschlüsse ungenau. Große Sorgen machte ich mir nicht. Dafür konnten wir einmal mehr zur Schublade mit dem Wort Chancenverwertung greifen. Eine scharfe Hereingabe traf Zlatko Janjic vor dem leeren Tor nicht richtig. Der Ball ging vorbei. Tugrul Erat machte es wenig später besser, als er in die Spitze gelaufen war und er einen von der Fußspitze Fabian Schnellhardts abtropfenden Ball in den Lauf erhielt. Die Führung war verdient.

Diese Führung hätte in der zweiten Halbzeit ausgebaut werden können. Dann hätte es die leichte Unruhe zum Spielende hin nicht gegeben. Daran muss weiter gearbeitet werden. Ein schneller Einwurf von Kevin Wolze auf Stanislav Iljutcenko, der freie Bahn aufs Tor hatte. Den Ball behauptete er ganz stark gegen den von hinten attackierenden Magdeburger, doch seinen Schuss im Strafraum parierte der Magdeburger Torhüter. Chancenverwertung – ein zweites Mal hervorgeholt. Danach begann allmählich jene Spielphase, in der die Magdeburger immer mehr Spielanteile erhielten. Klare Chancen konnten sie sich dennoch nicht erspielen. Ob die Magdeburg das Gleichgewicht im Spiel nun eroberten oder der MSV es durch defensive Wechsel ermöglichte, ist nicht ganz so eindeutig. Beides greift ineinander.

Vielleicht waren diese letzten zwanzig Minuten auch eine notwendige Mahnung, sich mit dem Favoritendasein weiterhin ganz allmählich vertraut zu machen. So einfach ist so eine Haltungsänderung für uns Fans auch nicht. Wir müssen alle hineinwachsen in dieses Favoritendasein. Vom Staunen wie es sich als Favorit so anfühlt, ist jedenfalls im Netz bei vielen Anhängern des MSV egal auf welchen Kanälen zu lesen.


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