Posts Tagged 'Stanislav Iljutcenko'

Ab in die TOP 5 der ernüchternden Niederlagen

Nicht dass ich die Niederlage gegen den 1. FC Nürnberg hier verschweigen will. Gestern habe ich allerdings deshalb nichts geschrieben, weil zur mangelnden Zeit mein Unwillen hinzu kam, mich an das Spiel noch einmal zu erinnern. Stattdessen machte ich mir eine Arbeitsnotiz. Stelle die Top 5 der ernüchterndsten Niederlagen zusammen. Dieses Spiel gehört für mich dazu. Ich werde auch heute nicht mehr viel dazu schreiben. Wir blicken nach vorne. Ernüchternd ist es nämlich, wenn die Zebras das Spiel gestalten und dennoch zur Halbzeitpause 2:0 zurückliegen.

Der 1. FC Nürnberg musste für diese Führung viel weniger ins eigene Spiel investieren als der MSV. Sie brauchten nur abwartend zu spielen und wahrscheinlich hieß die Offensivtaktik gar nicht, suche den gefährlichen Abschluss aufs Tor. Ich bin sicher, die Stürmer versuchten die Zebras dazu zu zwingen, den Ball ins Toraus zu schießen. Diese Eckbälle waren die eigentliche Torchance. Sobald der Eckball in den Strafraum schoss (!), brannte es lichterloh im Strafraum. Die Geschwindigkeit der hereinfliegenden Bälle war ebenso beeindruckend wie die Präzision, mit der sie genau an die Stelle kamen, bei der der Torwart nicht genau weiß, ob er dort hin gehen soll oder nicht. Die Mannschaft wusste anscheinend um die Gefahr durch diese Ecken. So anderes als sonst versuchte sie mit einer geschlossenen Defensivreihe im Fünfmeterraum diese Ecken zu verteidigen. Vergeblich.

Was für ein Chance hatte Simon Brandstetter zur Führung. Er arbeitet, holt sich die Bälle, läuft in die freien Räume, ist schnell, anspielbar. Er stört als erster Defensivspieler seiner Mannschaft den Spielaufbau in der Hälfte des Gegners. Beim schnellen Abschluss im Strafraum kann er nicht variabel genug sein. Anstatt ein Tor von Simon Brandstetter zu bejubeln, fürchte ich jeden Eckball. Der MSV arbeitet daran, dass jede andere Mannschaft Europas demnächst entspannt Eckbälle des Gegners erwarten kann, damit die Statistik weiter stimmt, nur 1,27 Prozent aller Eckbälle seien erfolgreich.

Fünf bis zehn Minuten zu spät setzte der MSV in der zweiten Halbzeit auf die bedingungslose Offensive. Erst als Stanislav Iljutcenko in der 80. Minute eingewechselt wurde, geriet die Defensive der Nürnberger ins Schwimmen. Schon zuvor hatte der MSV nach dem Wiederanpfiff unermüdlich den Weg zum Tor gesucht, ohne gefährlich zu werden. Meine Ernüchterung wich erst, als in diesen Schlussminuten alles möglich schien, so sehr wurden die Nürnberger in der eigenen Hälfte eingeschnürrt. Ein Trudelball gegen die Latte, eine scharfe Flanke, an der Onuegbu und Iljutcenko um Zentimenter vorbei rutschten. Das Tor schien fast sicher gewesen zu sein. Schließlich in der Nachspielzeit, der zweifellose Elfmeter nach tölpelhaftem Einsteigen des Nürberger Defensivspielers. Kevin Wolze verwandelte sicher. Zu spät.

Wir nehmen auch aus diesem dritten Spiel der Saison mit, die Mannschaft kann ein Spiel gestalten. Sie kann sich Torchancen erspielen. Hätte Simon Brandstetter die Kaltblütigkeit von Kingsley Onuegbu, erzielten wir in jedem Spiel mindestens ein Tor. Was nicht heißt, dass er alleine nur für die Torchancen zuständig ist. Seine sind zwangsläufig nur die größten Chancen. Die Mannschaft besitzt eine grundsätzlich stabile Defensivreihe mit einer verwundbaren rechten Seite. Das sind die Voraussetzungen für die Spiele der nächsten Wochen. Jetzt möchte ich nur noch den ersten Sieg der Saison. Das sollte machbar sein bei diesen Voraussetzungen.

Alle auf den Zaun, alle auf den Zaun…

Drittligameister MSV Duisburg, so leicht die Stimmung im Stadion, so leicht das Spiel der Mannschaft. Ohne Druck gelingt ein glänzender 5:1 Sieg gegen Zwickau. Mehr Worte gibt es morgen. Heute wird auch hier noch einmal nur gefeiert.

Der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da.

Und natürlich ist es so schon immer gewesen…

 

Wenn Pläne wirklich werden, heißt es Feiern

So war vor Wochen der Plan. Schon zu Beginn des Jahres hatte nicht nur ich diesen Gedanken. Der Aufstieg wird in Köln gefeiert. Je näher das Saisonende rückte, desto klarer zeichnete sich ab, wenn der MSV so weiterspielte, könnte dieser Plan wirklich werden. Für mich stand deshalb in Aussicht, zum ersten Mal mit einem Fahrrad zu einer Aufstiegsparty anzureisen. Von der Schäl Sick nach Zollstock, im Grunde gerade für den Kölner in mir auch ein heimliches Stadtderby, ein Auswärtsspiel beim von Viktoria Köln erhofften Zukunfts-Drittliga-Erzrivalen Fortuna Köln. Das sollte ein zweifacher Sieg werden.

Nach der Überquerung des Rheins singt mir am Heumarkt ein Taxifahrer aus seinem offenen Seitenfenster ein freundliches „Zebrastreifen weiß und blau“ entgegen. Köln! Das mag ich an der Stadt so sehr, diese ständige Bereitschaft in flüchtigen Begegnungen ein heimeliges „Jeföhl“  zu schaffen.

Lange aufhalten konnte ich mich nicht. Spätestens um 12 Uhr wollte ich am Südstadion sein. Ab dem Höninger Weg, etwa 700 Meter vor dem Stadion dann nur noch das Weiß-Blau auf der Straße. Das Südstadion als Heimspielort der Zebras. Vor dem Stadion dann noch beim Warten auf den Freund aus Duisburg vielen sympathischen Menschen begegnen. Es musste klappen. Zwei Kurven in blau-weiß, dazu die Haupttribüne ebenfalls fast komplett. Das versprach Schalldruck, wenn es eng werden sollte.

Wie anders war dieses Spiel als das entscheinde Spiel gegen Kiel vor zwei Jahren für mich. Ich weiß nicht, ob es die größere Unsicherheit seinerzeit war? Meine Aufregung hielt sich jedenfalls in Grenzen. Ich erwartete etwas und das war nicht weniger als eine Mannschaft, die ein ganzes Spiel lang so druckvoll spielte, dass sie keinen Zweifel am Gelingen des Plans ließ.

Von den 15-20 Minuten nach dem Anpfiff kennen wir diesen Druck. Die Minuten danach waren entscheidend. Wie druckvoll blieben die Zebras, wenn sie das Tempo des Spiels drosselten, wenn sie versuchten die Kontrolle zu behalten, ohne ans Limit zu gehen? Und wirklich, gegen Fortuna Köln gelang es in der ersten Halbzeit dauerhaft torgefährlich zu bleiben. Dieses Mal klappte es, den Rhythmus zu variieren. Dieses Mal war das Offensivspiel variabel, wechselten sich halbhohe Bälle ins Sturmzentrum mit Flügelläufen ab. Dieses Mal gab es das flache steile Spiel in die Schnittstellen der Fortunen-Defensive.

Wie wertvoll Stanislav Iljutcenko in den letzten Wochen war, ließ sich auch gegen die Fortuna erkennen. Seine Laufarbeit öffnet nicht nur Räume für die flachen steilen Zuspiele. Er ist auch jener Mann in der Offensive, den der King zum Zusammenspiel braucht. Die Mannschaft erspielte sich in den ersten 45 Minuten über die gesamte Zeit immer wieder große Chancen. Zweimal hatten wir den Torschrei auf den Lippen, zweimal konnten wir nicht begreifen, wie der Ball noch am Tor hatte vorbeigehen können. Einmal war es Stanislav Iljutcenko und einmal der King, die knapp verfehlten.

Als dann das Führungstor in der Nachspielzeit der ersten 45 Minuten durch Andreas Wiegel fiel, war das nur ein weiteres Zeichen für diesen Verlauf der ersten Halbzeit. Die Mannschaft suchte bis zum Pausenpfiff ihre Chance. Es wurde nachgesetzt und wenig hinten rum gespielt. Bei Balleroberung ging es meist sofort Richtung Tor. So war nach einem Fehler eines Fortunen-Spielers im Halbfeld der eigenen Hälfte, der Raum frei für das Kurzpassspiel in den Strafraum hinein. Dreimal schnell weitergeleitet und Andreas Wiegel brauchte nur noch frei stehend einzuschieben. Der Aufstieg rückte näher.

Doch nach dem Wiederanpfiff wurde etwas vorsichtiger gespielt, blieb der Druck auf angreifende Fortunen-Spieler nicht immer hoch genug. Aber es blitzte nur auf, was wir aus den letzten Spielen kannte. Hätte es diese Spiele nicht gegeben, so wäre das vielleicht gar nicht aufgefallen. Wahrnehmung funktioniert so. Es gibt immer einen Zusammenhang, in den etwas eingeordent wird. Beispielhaft war ein Fortuna-Angriff über den linken Flügel. Der Ball wurde abgewehrt und kam zum Außenspieler zurück. Zlatko Janjic stand etwa zehn Meter von ihm entfernt. Wie langsam er auf diesen Spieler mit Ball zutrabte, steht für einen solcher Momente, in denen die Mannschaft in der Defensive nicht präsent genug war. Doch konnte die Fortuna dieses Nachlassen nicht ausnutzen. Die Spieler waren nicht präzise genug. Der Freiraum nutzte ihnen nichts.

Stattdessen gelang das Kingsley Onuegbu das 2:0 – eines seiner typischen Tore. Bei enger Deckung einen hohen Ball mit der Brust annehmen, abtropfen lassen und vollstrecken. Nach diesem Tor erst spürte ich meine Anspannung, die sich von mir unbemerkt meiner ermächtigt hatte. Erst die Erleichterung machte mir deutlich, wie sehr ich gebangt hatte vor dem bekannten Schleifenlassen des Spiels, vor der Behäbigkeit, die sich auf dem Spielfeld hätte zeigen können. All das war hinfällig. Der MSV blieb endgültig da. Diese Fortuna würde den Sieg nicht mehr gefährden.

Allmählich stellte sich die Feierstimmung an. Das dritte Tor durch Simon Brandstätter war Zugabe und Sahnehäubchen. Der MSV ist wieder da. Das Versprechen zu Saisonbeginn „Wir kommen wieder“ ist eingelöst worden. Der Verein hat diesen Aufstieg zum finanziellen Überleben gebraucht. Wir kommen wieder und wollen dieses Mal bleiben. Die Arbeit dazu fängt jetzt schon an.

 

Der Aufstieg braucht kein gutes Omen

Vorgestern überlegte ich noch, ob ich mir eine Niederlage des MSV im Halbfinalspiel des Niederrheinpokals gegen Rot-Weiß Oberhausen wünschen sollte. Ein gutes Omen sollte her, damit der Aufstieg gelänge. Schließlich hatte der Aufstieg vor zwei Jahren genau dieses Vorprogramm einer Niederlage bei RWO. Nach dem 3:0-Sieg des MSV in Oberhausen sage ich, diese Mannschaft braucht kein gutes Omen. Diese Mannschaft schafft den Aufstieg vollkommen aus eigener Kraft. Das war ein so überzeugender Auftritt im Niederrheinstadion, dass meine Anspannung vor den letzten drei Spielen einer Art produktivem Lampenfieber gewichen ist.

Was wurde nicht alles vor dem Halbfinale geschrieben. Wenig von dem hatte ich ernst genommmen. Das Wort B-Elf zum Beispiel in den Schlagzeilen. Auch ohne einen Blick auf die Mannschaftsaufstellung hätte ich vorausgesagt, egal, welche Elf in Oberhausen auf dem Platz stände, mit der B-Elf von vor zwei Jahren wäre sie nicht vergleichbar gewesen. Dazu ist die Bank in dieser Saison in jeder Hinsicht besser besetzt. Der MSV hat gar nicht so viele Spieler im Kader, damit das Schlagwort B-Elf berechtigt gewesen wäre. Schließlich gab es während der gesamten Saison für einen Teil seiner Startelf wechselnde Besetzungen.

Im Niederrhein-Stadion fehlten dann sogar nur Fabian Schnellhardt und Branimir Bajic als stets startende Spieler. Als Stanislav Iljutcenko bereits in der 3. Minute das Führungstor erzielte, war schon klar,  dieses Mal wird RWO wahrscheinlich nichts gegönnt. Ohnehin war dieses Spiel nicht mit dem von vor zwei Jahren vergleichbar. Weniger Zuschauer auf beiden Seiten waren ein klarer Hinweis darauf, dass dieses Spiel nicht mit solch großer Bedeutung aufgeladen war wie vor zwei Jahren. Ich finde das bemerkenswert, weil es ähnliche Bedingungen gegeben hat. Der Aufstiegsaspirant der 3. Liga spielt gegen den Regionalligisten in sehr guter Form. Aber vielleicht war vor zwei Jahre bei beiden Seiten Heißhunger auf so ein Spiel mit Derby-Charakter vorhanden gewesen. Dieser Heißhunger war anscheinend gestillt, denn ich glaube nicht, dass das schlechte Wetter Einfluss auf die Zuschauerzahl hatte.

Alles in allem war die Atmosphäre im Stadion sehr viel entspannter als vor zwei Jahren. Dagegen spricht auch nicht die übliche Randale von Teilen der Fans rund ums Stadion sowie die unsäglichen Böllerwürfe aus dem MSV-Block, für die ich als Strafe im heiligen Zorn am liebsten das biblische Auge um Auge, Zahn um Zahn in Anspruch genommen sähe. Wer Böller anzündet und die Gesundheit der umstehenden Menschen gefährdet, wird mit Knalltrauma von mindestens drei Jahren und anschließendem Tinitus auf Bewährung bestraft. Was für eine Gefährdung der Menschen vor dem Zaun.

In der ersten Halbzeit hat RWO ganz gefällig mitgespielt. Der Ball lief gut, ohne dass die Mannschaft wirklich gefährlich abschließen konnte. Das war der Unterschied: Wenn der MSV sich in die Nähe des Strafraums gespielt hatte, wurde es gefährlich für RWO. Dieser Qualitätsunterschied ist auch für die Bewertung der MSV-Leistung in der Drittliga-Saison interessant. Denn das Problem von RWO hat der MSV in den Punktespielen ebenfalls. Zu wenig Torgefahr ergibt sich, weil rund um den Strafraum die Defensive dicht steht und beim kombinierenden Spielaufbau den Stürmern für deren technischen Möglichkeiten der Ballverarbeitung zu wenig Zeit gelassen wird. Umgekehrt war es so, dass RWO die eigenen Defensive nicht so intensiv spielen konnte, dass sie dem MSV die Schwierigkeiten der Liga-Spiele hätte bereiten können. Zumal der MSV als Favorit führte und RWO entsprechend offensiver denken musste. Das zweite Tor durch Simon Brandstätter wenige Minuten vor dem Halbzeitpfiff entschied für mich das Spiel endgültig.

In der zweiten Halbzeit ging es um ein würdiges Zu-Ende-Spielen dieser 90 Minuten. Stanislav Iljutcenko machte sein zweites Tor. Wenn es überhaupt einen Wermutstropfen in diesem Spiel gibt, so ist es die Erinnerung daran, dass Iljutcenko wegen seiner Gelb-Sperre gegen Lotte fehlen wird. Aber auch das wird die Mannschaft kompensieren. Mal sehen, ob am Samstag in Duisburg die Zuschauerzahl ebenfalls zeigt, welches Spiel das wirklich wichtige Spiel dieser Woche ist, egal ob Derby oder nicht.

Ein paar Fotos vom Abend habe ich auch noch. Kleiner Nachtrag punkto Medien und Selbstwahrnehmung. Der arme Enatz wurde beim laufenden Spiel nach etwa zehn Minuten von der Lokalzeit Duisburg des WDR um ein Interview am Spielfeldrand gebeten. So ein freundlicher Mensch wie er schlägt solche Bitten natürlich nicht ab. Es regnete aber. Man ließ ihn in diesem Regen warten, dann wurde er lächelnd befragt und durfte schließlich nass geworden zurück auf seinen Tribünenplatz. Selbst bei solchen Begegnungen auf Verbandsebene verschiebt sich zwischendurch die Bedeutung dessen, was bei einem Fußballspiel wichtig ist. Zur Erinnerung, es ist nicht das Fernsehen.

Erst nicht mehr alles kontrollieren, führt zum Führen

Ein Mann, eine Mannschaft, ein Sieg. Der Mann: Stanislav Iljutcenko, die Mannschaft: der MSV Duisburg, der Sieg: ein 2:1 der Zebras gegen die SG Sonnenhof Großaspach nach einem 0:1-Rückstand. Wenn ich dieses Heimspiel des MSV mit einem Schlaglicht beleuchte, steht in diesem Licht Stanislav Iljutcenko, und die Mannschaft bildet einen Backgroundchor. Nicht seine zwei Tore rücken ihn in den Scheinwerfer. Mit seiner Spielweise in der zweiten Halbzeit lässt sich der Sieg versinnbildlichen. Zu erkennen ist dann ein unbändiger Wille dieses Spiel zu gewinnen und dafür Risiken einzugehen. Sein immenser Einsatz kommt hinzu. Vor allem aber gibt es die in jeder Spielsituation vorhandene Orientierung Richtung gegnerisches Tor.

Ob er sich im Zentrum in den Rückraum fallen ließ oder in die Halbräume auf Strafraumhöhe ging, er nahm sich keine Zeit zu überlegen, die Anschlussaktion folgte sofort und brachte Dynamik ins Spiel. Auch beim Rest der Mannschaft war klar erkennbar, die Spieler suchten nicht mehr nur den sicheren Pass. Stanislav Iljutcenko allerdings unterstützte durch seinen besonderen Kampf und seine Laufbereitschaft die entstehende Atmosphäre, die auf die Ränge überging. Dabei behielt er die Übersicht. Er bereitete Chancen vor, war Passgeber und eben im Sturmzentrum ein Strafraumstürmer, der zwei Tore erzielte.

Das alles geschah in der zweiten Halbzeit, nachdem wir 45 Minuten wieder ein sehr kontrolliertes Spiel des MSV gesehen hatten. Dieses kontrollierte Spiel führte allerdings und ebenfalls wieder zu keinen klaren Chancen. Ein Distanzschuss ging knapp am Tor vorbei. Für einen weiteren, gefärhlich wirkenden Schuss war der Torwart zuständig. Die Mannschaft des MSV machte, und ebenfalls wieder, nicht den Eindruck, sie könne auf diese Weise wahrscheinlich ein Tor erzielen. Sie spielte so, wie wir es kennen. Sie brachte den Gegner nicht wirklich in Verlegenheit, weil ihr aus der Kontrolle heraus, keine Tempovariation möglich ist. Zu diesem kontrollierten Spiel muss etwas hinzu kommen, damit ein Tor fällt.

Hinzu kamen ein Gegentor kurz nach der Halbzeitpause und für einen Moment lähmendes Entsetzen auf den Rängen. Das Tor fiel nach einer Kette von Fehlern, die so eklatant waren, dass ich an das Tor erst gar nicht habe glauben können. Ich musste mich bei meinen Freunden versichern, dass tatsächlich Mark Flekken aus einer wenig gefährlich aussehenden Schussposition den Ball hat passieren lassen. Den Fehler von Kevin Wolze hatte ich natürlich ebenso bewusst wahrgenommen wie den unnötigen Befreiungsschlag davor, der Wolze erst in die Verlegenheit brachte, einen Fehler zu begehen.

Das lähmende Entsetzen war der Angst vor dem Verspielen des Aufstiegsplatzes geschuldet. Für einen Moment schienen sogar die Spieler entsetzt gewesen zu sein. Doch schnell wandelte sich die Stimmung. Zunächst aber war es nicht entschieden, wohin sich die Stimmung im Stadion wandeln würde. Murren war aufgekommen. Ratlosigkeit schien auf dem Spielfeld vor dem Wiederanstoß vorhanden gewesen zu sein. Ratlosigkeit auch bei uns. Wie sollte diese Mannschaft ein Tor erzielen, den Rückstand aufholen? Diese Ratlosigkeit hing für Momente in der Stadionluft, als mit einem aufbäumenden Support sich der Stimmungsblock bemerkbar machte. Das Murren verschwand, geschweige denn dass Pfiffe zu hören gewesen wären.

Endgültig entschieden war die Stadionstimmung wenige Minuten später, als auch die Spieler ihre Ratlosigkeit abgestriffen hatten und schon die ersten Angriffszüge mit klarer Zielrichtung Strafraum Großaspach gespielt wurden. Von da an wurde der Kampf der Mannschaft auch auf den Rängen geschlossen unterstützt. Alle wussten, was auf dem Spiel stand. Das war nicht der verpasste Sieg in diesem einen Spiel. Das Scheitern am Saisonziel Aufstieg hatte ins Stadion hineingeschaut. Es schaute sich gerade etwas um, als Stanislav Iljutcenko und Zebras  es hochkantig wieder rausschmissen.

Eine rote Karte für den Gegner wird zum Nachteil für Zebras

Am Samstagnachmittag hing im Stadion des MSV während des Spiels gegen den SSV Jahn Regensburg ein Satz in der Luft. Ein Euro nur für diesen Satz und ich hätte mir einen exklusiven Osterurlaub gönnen können. Wir sind doch ein Mann mehr, das dachten zumindest die meisten Anhänger des MSV. Einige sprachen das sogar aus, und wahrscheinlich hat sogar mancher Spieler unten auf dem Rasen diesen Satz  ganz kurz mal im Kopf gehabt. Wir sind doch ein Mann mehr. Solch ein Satz hängt in der Luft, wenn Erwartungen unerfüllt bleiben. Die Zebras haben eine miserable zweite Halbzeit gespielt. Die Spieler kamen nicht mehr in die Zweikämpfe. Sie ließen den Gegenspielern zu viel Raum. Sie waren ideenlos in der Offensive, und sie waren ein Mann mehr seit der 40. Minute.

Nun schreibe ich den Zebrastreifenblog schon so lange, dass mir ein mächtiger weißer Bart gewachsen ist und ein milder, weiser Altersblick auf dem verärgerten Stadion-Jaratz liegt. Du hast doch schon alles einmal geschrieben, beruhige ich mich heute. Nach der roten Karte gegen den Regensburger hatte ich sogar schon mit den Freunden über schlechte Spiele des MSV in Überzahl gesprochen. An gute in Unterzahl erinnerte ich mich. Vor allem erinnere ich mich heute aber mal wieder an den Dortmunder Physikprofessor Metin Tolan, der sich Gedanken über den durchschnittlichen Nachteil einer roten Karte gemacht hatte. Dieser Nachteil ist nicht sehr groß, denn die Spieler der Mannschaft in Unterzahl müssen alle nur geringfügig mehr laufen.

Das haben die Regensburger gemacht. Sie sind mehr gelaufen, und es gelang ihnen immer wieder die angreifenden Zebras früh unter Druck zu setzen und die Angriffsbemühungen zu stören. Das war schon in der ersten Halbzeit im Ansatz zu erkennen gewesen. Doch schaffte es der MSV in dieser ersten Halbzeit dennoch, die eigenen Angriffe so druckvoll zu halten, dass sich das Spiel im Gleichgewicht befand. Die ersten zehn bis fühnfzehn Minuten des Spiels drückten die Zebras die Regensburger sogar derart in deren eigene Hälfte, dass den Gästen zuweilen keine Ruhe blieb, um die eigene Defensive besonders zu organisieren. Es konnte ihnen nur darum gehen, kein Gegentor hinnehmen zu müssen. Einzelne Momente wirkten wie eine wilde Abwehrschlacht.

Als die Regensburger sich von diesem Druck befreit hatten und sehr gefällige Angriffe vortrugen, fiel das Führungstor des MSV. Stanislav Iljutcenko erzielte ein Stürmertor wie aus dem Bilderbuch. Ein steiler Pass in die Schnittstelle der Defensive, risikoreich in den Lauf gespielt. Iljutcenko spitzelt im Fallen den Ball am grätschenden Regensburger Verteidiger ins lange Eck und drin ist der Ball. Sturmflaute, was war das nochmal? So dachten wir bei uns und staunten.

Das Spiel wurde hitziger, auch weil der Schiedsrichter mit merkwürdigen Entscheidungen, inklusive einer gelben Karten gegen den MSV, das Erregungsniveau auf Platz und Rängen anhob. Angesichts dieser Erregung allerorten schien nach dem überharten Tackling des Regensburgers jede Kartenfarbe möglich. Der Maßstab war zuvor angelegt worden, und rot wurde wahrscheinlich. Die Folge war ein Spiel des MSV in Überzahl, bei dem die Mannschaft nicht mehr so recht wusste, wieviel Einsatz noch nötig war, um das Spiel zu gewinnen.

Mir kommt das so vor, als berührte die zweite Halbzeit das Grundproblem der Mannschaft bei Führungstreffern. Der Versuch das Spiel zu kontrollieren verwandelt sich in zu große Kontrolle des eigenen Offensivdrangs. Welches Risiko muss eingegangen werden, um selbst gefährlich zu sein? Diese Frage können die Zebras nicht dauerhaft zufriedenstellend beantworten. Spielkontrolle hieß dieses Mal, wir spielen in Überzahl und sollten eigentlich einen Vorteil haben. Das merkten die Spieler nicht und wurden immer vorsichtiger. Denn die Regensburger hielten sich nicht daran, unterlegen zu werden mit nur zehn Mann auf dem Feld. Sie spielten mutig nach vorne, kombinierten sicher und schienen die Fähigkeit zu haben, deshalb sogar das Führungstor erzielen zu können. Wirkliche Chancen gab es auf beiden Seiten nicht. Dennoch wirkten die Gäste druckvoller in der Offensive.

Sie hatten den Ausgleich durch einen Elfmeter erzielt, dem ein Slapstick-Foul von Tugrul Erat voranging. Der Mann rutschte im Strafraum aus und fiel in die Waden seines Abseits stehenden Gegenspielers. Vom Abseits hatten weder der Linienrichter noch ich etwas mitbekommen. Deshalb war der Elfmeter die folgerichtige Konsequenz. Der Ausgleich fiel und die schlechte zweite Halbzeit des MSV nahm ihren Lauf.

Vorgestern bin ich am Kölner Südstadion vorbeigekommen. Ich habe ein Foto gemacht und es mit den Hashtags #Kürprogramm #MSVkommtwieder #wennsweitersoläuft und #Mundvollnehmen gepostet. Noch reicht der Punktevorsprung für ein Kürprogramm am vorletzten Spieltag. Sicher bin ich mir aber angesichts der zweiten Halbzeit nicht, ob ich den Mund nicht doch zu voll genommen habe.

Von der Nervosität des Streamzuschauers war bei den Zebras nichts zu spüren

Eine Mannschaft, die so ein Spiel wie das beim Chemnitzer FC gewinnt, steigt auf.  Diesen ersten Satz wage ich kaum zu schreiben. Die vier sieglosen Spiele des MSV Duisburg hängen mir noch nach. Doch immer wieder schaffe ich es mit ein wenig Abstand vom Spieltag, einen kühlen Blick auf den Saisonverlauf zu werfen. Immer wieder sehe ich Spiele, die bei einer Mannschaft mit einer gewissen Tradition des Erfolgs zu keinem anderen als diesem ersten Satz zwingen. Der MSV Duisburg hat keine Tradition des Erfolgs, meldet sich gestern nach dem Spiel sofort eine andere Stimme in mir, und deshalb heißt das gar nichts. Genau, sagte ich, du hast ja so recht und jetzt halt bitte den Mund. Ich höre dir einfach nicht mehr. Ich zitter doch ohnehin genug, wenn ich diese Zweifellosigkeit eines solchen ersten Satzes öffentlich zur Schau stelle.

Diese andere zweifelnde Stimme in mir hatte beim Spiel des MSV Duisburg in Chemnitz allerdings jede andere Stimme der Zuversicht meist unhörbar gemacht. Der MSV Duisburg hat beim Chemnitzer FC zwar mit 3:2 gewonnen, aber entscheidende Momente des Spiels habe ich erst in der Zusammenfassung gesehen, obwohl der Livestream die ganze Zeit lief. Hinge der Aufstieg von meiner Leistung als Zuschauer ab, wäre gestern der erste große Vorrat Felle davon geschwommen. Ich habe Nerven gezeigt.  Das Führungstor von Andreas Wiegel hatte mir nur vermeintliche Sicherheit gegeben. Welch schöner Außenristpass von Fabian Schnellhardt in den freien Raum hat dieses Tor ermöglicht. Welch fussballerischer Genuss sind die Spielaktionen von Fabian Schnellhardt so oft.

Doch dann fiel der Ausgleich zum 1:1, und es gab kein Halten mehr für mich. Wahrscheinlich habe ich sogar den Rückstand verantwortet, weil ich mir den Freistoß der Chemnitzer nicht mehr konzentriert genug angesehen habe. Wahrscheinlich habe ich die Mannschaft mit meiner Nervosität auf unerklärliche Weise angesteckt, so unaufmerksam wirkten die Spieler bei diesem Freistoß der Chemnitzer. Alleine, weil die Mannschaft den Komplettausfall von mir als Zuschauer später aufgefangen hat, gab es noch eine Chance. Ich selbst habe am Spiel kaum mehr teilgenommen. Hätte ich auf dem Spielfeld gestanden, hätte ich in Ballnähe nur vorgegeben, einen Pass erhalten zu wollen. Wann immer es möglich gewesen wäre, hätte ich mich hinter meinen Gegenspielern versteckt. Ich wäre viel gelaufen, das schon, aber möglichst so, dass ich unanspielbar geblieben wäre.

Die Mannschaft vom MSV aber glaubte weiter an den möglichen Erfolg. Sie wusste um die Bedeutung des Spiels für den weiteren Saisonweg. An der Freude der Spieler war das zu erkennen, als Mark Flekken den letzten Eckball der Chemnitzer aus der Luft herunterholte und damit den Sieg gleichsam in der Hand hielt. Es war daran zu erkennen, wie Stanislav Iljutcenko bei dem Eckball davor seine Genugtuung über den zu einer erneuten Ecke abgewehrten Ball in die Luft schrie.

Vorher war diese Mannschaft aber in Rückstand geraten, und ich nahm mein Joggingprogramm in der Wohnung auf. Bewegung führt zu Spannungsabbau. Die Mannschaft aber wollte den Ausgleich, das sah ich in den Momenten, wenn ich mal einen Blick auf den Laptop warf. Sie wollte den Ausgleich so lange, bis Simon Brandstetter es Andreas Wiegel gleich machte. Beide sind in der bisherigen Saison nicht durch eine gute Chancenverwertung oder grundsätzlich gute Entscheidungen am Ende ihres Ballführens aufgefallen. Beide schienen ihrer fußballerischen Intuition nicht ganz zu vertrauen. In diesem Spiel war es anders. Beide behielten die Nerven, beiden kam das eigene Denken bei ihrem Spiel nicht in die Quere. Brandstetter gelang das Tor nach einem Pass in den freien Raum von Tugrul Eral. Ich habe den Ausgleich nicht mal in der Zeitlupe gesehen, weil ich gerade sehr weit vom Stream weggelaufen war.

Auch das Führungstor habe ich nicht gleich gesehen, sondern nur die aufgeregte Sprecherstimme gehört. Zurück kam ich zur Zeitlupe, um mein Joggingprogramm mit lang anhaltenden Sprungkraftübungen abzuwechseln. Erneut war es Tugrul Erat, der mit einem schönem Fallrückzieher den Ball parallel zur Torauslinie vor das Tor brachte, wo Kingsley Onuegbu am hinteren Pfosten stand und den Ball problemlos über die Linie bringen konnte. Von da an kämpfte auch ich wieder an meinem Platz als Stream-Zuschauer. Von da an hielt ich die Nervorsität wieder aus. Mit dem Schlusspfiff bahnte sich der erste Satz dieses Textes seinen Weg in meinem Kopf. Die andere Stimme in mir hörte sofort auf zu jubeln und begann irgendwas auf mich einzureden. Ich habe bis heute morgen nicht richtig hingehört.


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