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Alle auf den Zaun, alle auf den Zaun…

Drittligameister MSV Duisburg, so leicht die Stimmung im Stadion, so leicht das Spiel der Mannschaft. Ohne Druck gelingt ein glänzender 5:1 Sieg gegen Zwickau. Mehr Worte gibt es morgen. Heute wird auch hier noch einmal nur gefeiert.

Der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da.

Und natürlich ist es so schon immer gewesen…

 

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Wenn Pläne wirklich werden, heißt es Feiern

So war vor Wochen der Plan. Schon zu Beginn des Jahres hatte nicht nur ich diesen Gedanken. Der Aufstieg wird in Köln gefeiert. Je näher das Saisonende rückte, desto klarer zeichnete sich ab, wenn der MSV so weiterspielte, könnte dieser Plan wirklich werden. Für mich stand deshalb in Aussicht, zum ersten Mal mit einem Fahrrad zu einer Aufstiegsparty anzureisen. Von der Schäl Sick nach Zollstock, im Grunde gerade für den Kölner in mir auch ein heimliches Stadtderby, ein Auswärtsspiel beim von Viktoria Köln erhofften Zukunfts-Drittliga-Erzrivalen Fortuna Köln. Das sollte ein zweifacher Sieg werden.

Nach der Überquerung des Rheins singt mir am Heumarkt ein Taxifahrer aus seinem offenen Seitenfenster ein freundliches „Zebrastreifen weiß und blau“ entgegen. Köln! Das mag ich an der Stadt so sehr, diese ständige Bereitschaft in flüchtigen Begegnungen ein heimeliges „Jeföhl“  zu schaffen.

Lange aufhalten konnte ich mich nicht. Spätestens um 12 Uhr wollte ich am Südstadion sein. Ab dem Höninger Weg, etwa 700 Meter vor dem Stadion dann nur noch das Weiß-Blau auf der Straße. Das Südstadion als Heimspielort der Zebras. Vor dem Stadion dann noch beim Warten auf den Freund aus Duisburg vielen sympathischen Menschen begegnen. Es musste klappen. Zwei Kurven in blau-weiß, dazu die Haupttribüne ebenfalls fast komplett. Das versprach Schalldruck, wenn es eng werden sollte.

Wie anders war dieses Spiel als das entscheinde Spiel gegen Kiel vor zwei Jahren für mich. Ich weiß nicht, ob es die größere Unsicherheit seinerzeit war? Meine Aufregung hielt sich jedenfalls in Grenzen. Ich erwartete etwas und das war nicht weniger als eine Mannschaft, die ein ganzes Spiel lang so druckvoll spielte, dass sie keinen Zweifel am Gelingen des Plans ließ.

Von den 15-20 Minuten nach dem Anpfiff kennen wir diesen Druck. Die Minuten danach waren entscheidend. Wie druckvoll blieben die Zebras, wenn sie das Tempo des Spiels drosselten, wenn sie versuchten die Kontrolle zu behalten, ohne ans Limit zu gehen? Und wirklich, gegen Fortuna Köln gelang es in der ersten Halbzeit dauerhaft torgefährlich zu bleiben. Dieses Mal klappte es, den Rhythmus zu variieren. Dieses Mal war das Offensivspiel variabel, wechselten sich halbhohe Bälle ins Sturmzentrum mit Flügelläufen ab. Dieses Mal gab es das flache steile Spiel in die Schnittstellen der Fortunen-Defensive.

Wie wertvoll Stanislav Iljutcenko in den letzten Wochen war, ließ sich auch gegen die Fortuna erkennen. Seine Laufarbeit öffnet nicht nur Räume für die flachen steilen Zuspiele. Er ist auch jener Mann in der Offensive, den der King zum Zusammenspiel braucht. Die Mannschaft erspielte sich in den ersten 45 Minuten über die gesamte Zeit immer wieder große Chancen. Zweimal hatten wir den Torschrei auf den Lippen, zweimal konnten wir nicht begreifen, wie der Ball noch am Tor hatte vorbeigehen können. Einmal war es Stanislav Iljutcenko und einmal der King, die knapp verfehlten.

Als dann das Führungstor in der Nachspielzeit der ersten 45 Minuten durch Andreas Wiegel fiel, war das nur ein weiteres Zeichen für diesen Verlauf der ersten Halbzeit. Die Mannschaft suchte bis zum Pausenpfiff ihre Chance. Es wurde nachgesetzt und wenig hinten rum gespielt. Bei Balleroberung ging es meist sofort Richtung Tor. So war nach einem Fehler eines Fortunen-Spielers im Halbfeld der eigenen Hälfte, der Raum frei für das Kurzpassspiel in den Strafraum hinein. Dreimal schnell weitergeleitet und Andreas Wiegel brauchte nur noch frei stehend einzuschieben. Der Aufstieg rückte näher.

Doch nach dem Wiederanpfiff wurde etwas vorsichtiger gespielt, blieb der Druck auf angreifende Fortunen-Spieler nicht immer hoch genug. Aber es blitzte nur auf, was wir aus den letzten Spielen kannte. Hätte es diese Spiele nicht gegeben, so wäre das vielleicht gar nicht aufgefallen. Wahrnehmung funktioniert so. Es gibt immer einen Zusammenhang, in den etwas eingeordent wird. Beispielhaft war ein Fortuna-Angriff über den linken Flügel. Der Ball wurde abgewehrt und kam zum Außenspieler zurück. Zlatko Janjic stand etwa zehn Meter von ihm entfernt. Wie langsam er auf diesen Spieler mit Ball zutrabte, steht für einen solcher Momente, in denen die Mannschaft in der Defensive nicht präsent genug war. Doch konnte die Fortuna dieses Nachlassen nicht ausnutzen. Die Spieler waren nicht präzise genug. Der Freiraum nutzte ihnen nichts.

Stattdessen gelang das Kingsley Onuegbu das 2:0 – eines seiner typischen Tore. Bei enger Deckung einen hohen Ball mit der Brust annehmen, abtropfen lassen und vollstrecken. Nach diesem Tor erst spürte ich meine Anspannung, die sich von mir unbemerkt meiner ermächtigt hatte. Erst die Erleichterung machte mir deutlich, wie sehr ich gebangt hatte vor dem bekannten Schleifenlassen des Spiels, vor der Behäbigkeit, die sich auf dem Spielfeld hätte zeigen können. All das war hinfällig. Der MSV blieb endgültig da. Diese Fortuna würde den Sieg nicht mehr gefährden.

Allmählich stellte sich die Feierstimmung an. Das dritte Tor durch Simon Brandstätter war Zugabe und Sahnehäubchen. Der MSV ist wieder da. Das Versprechen zu Saisonbeginn „Wir kommen wieder“ ist eingelöst worden. Der Verein hat diesen Aufstieg zum finanziellen Überleben gebraucht. Wir kommen wieder und wollen dieses Mal bleiben. Die Arbeit dazu fängt jetzt schon an.

 

Der Aufstieg braucht kein gutes Omen

Vorgestern überlegte ich noch, ob ich mir eine Niederlage des MSV im Halbfinalspiel des Niederrheinpokals gegen Rot-Weiß Oberhausen wünschen sollte. Ein gutes Omen sollte her, damit der Aufstieg gelänge. Schließlich hatte der Aufstieg vor zwei Jahren genau dieses Vorprogramm einer Niederlage bei RWO. Nach dem 3:0-Sieg des MSV in Oberhausen sage ich, diese Mannschaft braucht kein gutes Omen. Diese Mannschaft schafft den Aufstieg vollkommen aus eigener Kraft. Das war ein so überzeugender Auftritt im Niederrheinstadion, dass meine Anspannung vor den letzten drei Spielen einer Art produktivem Lampenfieber gewichen ist.

Was wurde nicht alles vor dem Halbfinale geschrieben. Wenig von dem hatte ich ernst genommmen. Das Wort B-Elf zum Beispiel in den Schlagzeilen. Auch ohne einen Blick auf die Mannschaftsaufstellung hätte ich vorausgesagt, egal, welche Elf in Oberhausen auf dem Platz stände, mit der B-Elf von vor zwei Jahren wäre sie nicht vergleichbar gewesen. Dazu ist die Bank in dieser Saison in jeder Hinsicht besser besetzt. Der MSV hat gar nicht so viele Spieler im Kader, damit das Schlagwort B-Elf berechtigt gewesen wäre. Schließlich gab es während der gesamten Saison für einen Teil seiner Startelf wechselnde Besetzungen.

Im Niederrhein-Stadion fehlten dann sogar nur Fabian Schnellhardt und Branimir Bajic als stets startende Spieler. Als Stanislav Iljutcenko bereits in der 3. Minute das Führungstor erzielte, war schon klar,  dieses Mal wird RWO wahrscheinlich nichts gegönnt. Ohnehin war dieses Spiel nicht mit dem von vor zwei Jahren vergleichbar. Weniger Zuschauer auf beiden Seiten waren ein klarer Hinweis darauf, dass dieses Spiel nicht mit solch großer Bedeutung aufgeladen war wie vor zwei Jahren. Ich finde das bemerkenswert, weil es ähnliche Bedingungen gegeben hat. Der Aufstiegsaspirant der 3. Liga spielt gegen den Regionalligisten in sehr guter Form. Aber vielleicht war vor zwei Jahre bei beiden Seiten Heißhunger auf so ein Spiel mit Derby-Charakter vorhanden gewesen. Dieser Heißhunger war anscheinend gestillt, denn ich glaube nicht, dass das schlechte Wetter Einfluss auf die Zuschauerzahl hatte.

Alles in allem war die Atmosphäre im Stadion sehr viel entspannter als vor zwei Jahren. Dagegen spricht auch nicht die übliche Randale von Teilen der Fans rund ums Stadion sowie die unsäglichen Böllerwürfe aus dem MSV-Block, für die ich als Strafe im heiligen Zorn am liebsten das biblische Auge um Auge, Zahn um Zahn in Anspruch genommen sähe. Wer Böller anzündet und die Gesundheit der umstehenden Menschen gefährdet, wird mit Knalltrauma von mindestens drei Jahren und anschließendem Tinitus auf Bewährung bestraft. Was für eine Gefährdung der Menschen vor dem Zaun.

In der ersten Halbzeit hat RWO ganz gefällig mitgespielt. Der Ball lief gut, ohne dass die Mannschaft wirklich gefährlich abschließen konnte. Das war der Unterschied: Wenn der MSV sich in die Nähe des Strafraums gespielt hatte, wurde es gefährlich für RWO. Dieser Qualitätsunterschied ist auch für die Bewertung der MSV-Leistung in der Drittliga-Saison interessant. Denn das Problem von RWO hat der MSV in den Punktespielen ebenfalls. Zu wenig Torgefahr ergibt sich, weil rund um den Strafraum die Defensive dicht steht und beim kombinierenden Spielaufbau den Stürmern für deren technischen Möglichkeiten der Ballverarbeitung zu wenig Zeit gelassen wird. Umgekehrt war es so, dass RWO die eigenen Defensive nicht so intensiv spielen konnte, dass sie dem MSV die Schwierigkeiten der Liga-Spiele hätte bereiten können. Zumal der MSV als Favorit führte und RWO entsprechend offensiver denken musste. Das zweite Tor durch Simon Brandstätter wenige Minuten vor dem Halbzeitpfiff entschied für mich das Spiel endgültig.

In der zweiten Halbzeit ging es um ein würdiges Zu-Ende-Spielen dieser 90 Minuten. Stanislav Iljutcenko machte sein zweites Tor. Wenn es überhaupt einen Wermutstropfen in diesem Spiel gibt, so ist es die Erinnerung daran, dass Iljutcenko wegen seiner Gelb-Sperre gegen Lotte fehlen wird. Aber auch das wird die Mannschaft kompensieren. Mal sehen, ob am Samstag in Duisburg die Zuschauerzahl ebenfalls zeigt, welches Spiel das wirklich wichtige Spiel dieser Woche ist, egal ob Derby oder nicht.

Ein paar Fotos vom Abend habe ich auch noch. Kleiner Nachtrag punkto Medien und Selbstwahrnehmung. Der arme Enatz wurde beim laufenden Spiel nach etwa zehn Minuten von der Lokalzeit Duisburg des WDR um ein Interview am Spielfeldrand gebeten. So ein freundlicher Mensch wie er schlägt solche Bitten natürlich nicht ab. Es regnete aber. Man ließ ihn in diesem Regen warten, dann wurde er lächelnd befragt und durfte schließlich nass geworden zurück auf seinen Tribünenplatz. Selbst bei solchen Begegnungen auf Verbandsebene verschiebt sich zwischendurch die Bedeutung dessen, was bei einem Fußballspiel wichtig ist. Zur Erinnerung, es ist nicht das Fernsehen.

Erst nicht mehr alles kontrollieren, führt zum Führen

Ein Mann, eine Mannschaft, ein Sieg. Der Mann: Stanislav Iljutcenko, die Mannschaft: der MSV Duisburg, der Sieg: ein 2:1 der Zebras gegen die SG Sonnenhof Großaspach nach einem 0:1-Rückstand. Wenn ich dieses Heimspiel des MSV mit einem Schlaglicht beleuchte, steht in diesem Licht Stanislav Iljutcenko, und die Mannschaft bildet einen Backgroundchor. Nicht seine zwei Tore rücken ihn in den Scheinwerfer. Mit seiner Spielweise in der zweiten Halbzeit lässt sich der Sieg versinnbildlichen. Zu erkennen ist dann ein unbändiger Wille dieses Spiel zu gewinnen und dafür Risiken einzugehen. Sein immenser Einsatz kommt hinzu. Vor allem aber gibt es die in jeder Spielsituation vorhandene Orientierung Richtung gegnerisches Tor.

Ob er sich im Zentrum in den Rückraum fallen ließ oder in die Halbräume auf Strafraumhöhe ging, er nahm sich keine Zeit zu überlegen, die Anschlussaktion folgte sofort und brachte Dynamik ins Spiel. Auch beim Rest der Mannschaft war klar erkennbar, die Spieler suchten nicht mehr nur den sicheren Pass. Stanislav Iljutcenko allerdings unterstützte durch seinen besonderen Kampf und seine Laufbereitschaft die entstehende Atmosphäre, die auf die Ränge überging. Dabei behielt er die Übersicht. Er bereitete Chancen vor, war Passgeber und eben im Sturmzentrum ein Strafraumstürmer, der zwei Tore erzielte.

Das alles geschah in der zweiten Halbzeit, nachdem wir 45 Minuten wieder ein sehr kontrolliertes Spiel des MSV gesehen hatten. Dieses kontrollierte Spiel führte allerdings und ebenfalls wieder zu keinen klaren Chancen. Ein Distanzschuss ging knapp am Tor vorbei. Für einen weiteren, gefärhlich wirkenden Schuss war der Torwart zuständig. Die Mannschaft des MSV machte, und ebenfalls wieder, nicht den Eindruck, sie könne auf diese Weise wahrscheinlich ein Tor erzielen. Sie spielte so, wie wir es kennen. Sie brachte den Gegner nicht wirklich in Verlegenheit, weil ihr aus der Kontrolle heraus, keine Tempovariation möglich ist. Zu diesem kontrollierten Spiel muss etwas hinzu kommen, damit ein Tor fällt.

Hinzu kamen ein Gegentor kurz nach der Halbzeitpause und für einen Moment lähmendes Entsetzen auf den Rängen. Das Tor fiel nach einer Kette von Fehlern, die so eklatant waren, dass ich an das Tor erst gar nicht habe glauben können. Ich musste mich bei meinen Freunden versichern, dass tatsächlich Mark Flekken aus einer wenig gefährlich aussehenden Schussposition den Ball hat passieren lassen. Den Fehler von Kevin Wolze hatte ich natürlich ebenso bewusst wahrgenommen wie den unnötigen Befreiungsschlag davor, der Wolze erst in die Verlegenheit brachte, einen Fehler zu begehen.

Das lähmende Entsetzen war der Angst vor dem Verspielen des Aufstiegsplatzes geschuldet. Für einen Moment schienen sogar die Spieler entsetzt gewesen zu sein. Doch schnell wandelte sich die Stimmung. Zunächst aber war es nicht entschieden, wohin sich die Stimmung im Stadion wandeln würde. Murren war aufgekommen. Ratlosigkeit schien auf dem Spielfeld vor dem Wiederanstoß vorhanden gewesen zu sein. Ratlosigkeit auch bei uns. Wie sollte diese Mannschaft ein Tor erzielen, den Rückstand aufholen? Diese Ratlosigkeit hing für Momente in der Stadionluft, als mit einem aufbäumenden Support sich der Stimmungsblock bemerkbar machte. Das Murren verschwand, geschweige denn dass Pfiffe zu hören gewesen wären.

Endgültig entschieden war die Stadionstimmung wenige Minuten später, als auch die Spieler ihre Ratlosigkeit abgestriffen hatten und schon die ersten Angriffszüge mit klarer Zielrichtung Strafraum Großaspach gespielt wurden. Von da an wurde der Kampf der Mannschaft auch auf den Rängen geschlossen unterstützt. Alle wussten, was auf dem Spiel stand. Das war nicht der verpasste Sieg in diesem einen Spiel. Das Scheitern am Saisonziel Aufstieg hatte ins Stadion hineingeschaut. Es schaute sich gerade etwas um, als Stanislav Iljutcenko und Zebras  es hochkantig wieder rausschmissen.

Eine rote Karte für den Gegner wird zum Nachteil für Zebras

Am Samstagnachmittag hing im Stadion des MSV während des Spiels gegen den SSV Jahn Regensburg ein Satz in der Luft. Ein Euro nur für diesen Satz und ich hätte mir einen exklusiven Osterurlaub gönnen können. Wir sind doch ein Mann mehr, das dachten zumindest die meisten Anhänger des MSV. Einige sprachen das sogar aus, und wahrscheinlich hat sogar mancher Spieler unten auf dem Rasen diesen Satz  ganz kurz mal im Kopf gehabt. Wir sind doch ein Mann mehr. Solch ein Satz hängt in der Luft, wenn Erwartungen unerfüllt bleiben. Die Zebras haben eine miserable zweite Halbzeit gespielt. Die Spieler kamen nicht mehr in die Zweikämpfe. Sie ließen den Gegenspielern zu viel Raum. Sie waren ideenlos in der Offensive, und sie waren ein Mann mehr seit der 40. Minute.

Nun schreibe ich den Zebrastreifenblog schon so lange, dass mir ein mächtiger weißer Bart gewachsen ist und ein milder, weiser Altersblick auf dem verärgerten Stadion-Jaratz liegt. Du hast doch schon alles einmal geschrieben, beruhige ich mich heute. Nach der roten Karte gegen den Regensburger hatte ich sogar schon mit den Freunden über schlechte Spiele des MSV in Überzahl gesprochen. An gute in Unterzahl erinnerte ich mich. Vor allem erinnere ich mich heute aber mal wieder an den Dortmunder Physikprofessor Metin Tolan, der sich Gedanken über den durchschnittlichen Nachteil einer roten Karte gemacht hatte. Dieser Nachteil ist nicht sehr groß, denn die Spieler der Mannschaft in Unterzahl müssen alle nur geringfügig mehr laufen.

Das haben die Regensburger gemacht. Sie sind mehr gelaufen, und es gelang ihnen immer wieder die angreifenden Zebras früh unter Druck zu setzen und die Angriffsbemühungen zu stören. Das war schon in der ersten Halbzeit im Ansatz zu erkennen gewesen. Doch schaffte es der MSV in dieser ersten Halbzeit dennoch, die eigenen Angriffe so druckvoll zu halten, dass sich das Spiel im Gleichgewicht befand. Die ersten zehn bis fühnfzehn Minuten des Spiels drückten die Zebras die Regensburger sogar derart in deren eigene Hälfte, dass den Gästen zuweilen keine Ruhe blieb, um die eigene Defensive besonders zu organisieren. Es konnte ihnen nur darum gehen, kein Gegentor hinnehmen zu müssen. Einzelne Momente wirkten wie eine wilde Abwehrschlacht.

Als die Regensburger sich von diesem Druck befreit hatten und sehr gefällige Angriffe vortrugen, fiel das Führungstor des MSV. Stanislav Iljutcenko erzielte ein Stürmertor wie aus dem Bilderbuch. Ein steiler Pass in die Schnittstelle der Defensive, risikoreich in den Lauf gespielt. Iljutcenko spitzelt im Fallen den Ball am grätschenden Regensburger Verteidiger ins lange Eck und drin ist der Ball. Sturmflaute, was war das nochmal? So dachten wir bei uns und staunten.

Das Spiel wurde hitziger, auch weil der Schiedsrichter mit merkwürdigen Entscheidungen, inklusive einer gelben Karten gegen den MSV, das Erregungsniveau auf Platz und Rängen anhob. Angesichts dieser Erregung allerorten schien nach dem überharten Tackling des Regensburgers jede Kartenfarbe möglich. Der Maßstab war zuvor angelegt worden, und rot wurde wahrscheinlich. Die Folge war ein Spiel des MSV in Überzahl, bei dem die Mannschaft nicht mehr so recht wusste, wieviel Einsatz noch nötig war, um das Spiel zu gewinnen.

Mir kommt das so vor, als berührte die zweite Halbzeit das Grundproblem der Mannschaft bei Führungstreffern. Der Versuch das Spiel zu kontrollieren verwandelt sich in zu große Kontrolle des eigenen Offensivdrangs. Welches Risiko muss eingegangen werden, um selbst gefährlich zu sein? Diese Frage können die Zebras nicht dauerhaft zufriedenstellend beantworten. Spielkontrolle hieß dieses Mal, wir spielen in Überzahl und sollten eigentlich einen Vorteil haben. Das merkten die Spieler nicht und wurden immer vorsichtiger. Denn die Regensburger hielten sich nicht daran, unterlegen zu werden mit nur zehn Mann auf dem Feld. Sie spielten mutig nach vorne, kombinierten sicher und schienen die Fähigkeit zu haben, deshalb sogar das Führungstor erzielen zu können. Wirkliche Chancen gab es auf beiden Seiten nicht. Dennoch wirkten die Gäste druckvoller in der Offensive.

Sie hatten den Ausgleich durch einen Elfmeter erzielt, dem ein Slapstick-Foul von Tugrul Erat voranging. Der Mann rutschte im Strafraum aus und fiel in die Waden seines Abseits stehenden Gegenspielers. Vom Abseits hatten weder der Linienrichter noch ich etwas mitbekommen. Deshalb war der Elfmeter die folgerichtige Konsequenz. Der Ausgleich fiel und die schlechte zweite Halbzeit des MSV nahm ihren Lauf.

Vorgestern bin ich am Kölner Südstadion vorbeigekommen. Ich habe ein Foto gemacht und es mit den Hashtags #Kürprogramm #MSVkommtwieder #wennsweitersoläuft und #Mundvollnehmen gepostet. Noch reicht der Punktevorsprung für ein Kürprogramm am vorletzten Spieltag. Sicher bin ich mir aber angesichts der zweiten Halbzeit nicht, ob ich den Mund nicht doch zu voll genommen habe.

Von der Nervosität des Streamzuschauers war bei den Zebras nichts zu spüren

Eine Mannschaft, die so ein Spiel wie das beim Chemnitzer FC gewinnt, steigt auf.  Diesen ersten Satz wage ich kaum zu schreiben. Die vier sieglosen Spiele des MSV Duisburg hängen mir noch nach. Doch immer wieder schaffe ich es mit ein wenig Abstand vom Spieltag, einen kühlen Blick auf den Saisonverlauf zu werfen. Immer wieder sehe ich Spiele, die bei einer Mannschaft mit einer gewissen Tradition des Erfolgs zu keinem anderen als diesem ersten Satz zwingen. Der MSV Duisburg hat keine Tradition des Erfolgs, meldet sich gestern nach dem Spiel sofort eine andere Stimme in mir, und deshalb heißt das gar nichts. Genau, sagte ich, du hast ja so recht und jetzt halt bitte den Mund. Ich höre dir einfach nicht mehr. Ich zitter doch ohnehin genug, wenn ich diese Zweifellosigkeit eines solchen ersten Satzes öffentlich zur Schau stelle.

Diese andere zweifelnde Stimme in mir hatte beim Spiel des MSV Duisburg in Chemnitz allerdings jede andere Stimme der Zuversicht meist unhörbar gemacht. Der MSV Duisburg hat beim Chemnitzer FC zwar mit 3:2 gewonnen, aber entscheidende Momente des Spiels habe ich erst in der Zusammenfassung gesehen, obwohl der Livestream die ganze Zeit lief. Hinge der Aufstieg von meiner Leistung als Zuschauer ab, wäre gestern der erste große Vorrat Felle davon geschwommen. Ich habe Nerven gezeigt.  Das Führungstor von Andreas Wiegel hatte mir nur vermeintliche Sicherheit gegeben. Welch schöner Außenristpass von Fabian Schnellhardt in den freien Raum hat dieses Tor ermöglicht. Welch fussballerischer Genuss sind die Spielaktionen von Fabian Schnellhardt so oft.

Doch dann fiel der Ausgleich zum 1:1, und es gab kein Halten mehr für mich. Wahrscheinlich habe ich sogar den Rückstand verantwortet, weil ich mir den Freistoß der Chemnitzer nicht mehr konzentriert genug angesehen habe. Wahrscheinlich habe ich die Mannschaft mit meiner Nervosität auf unerklärliche Weise angesteckt, so unaufmerksam wirkten die Spieler bei diesem Freistoß der Chemnitzer. Alleine, weil die Mannschaft den Komplettausfall von mir als Zuschauer später aufgefangen hat, gab es noch eine Chance. Ich selbst habe am Spiel kaum mehr teilgenommen. Hätte ich auf dem Spielfeld gestanden, hätte ich in Ballnähe nur vorgegeben, einen Pass erhalten zu wollen. Wann immer es möglich gewesen wäre, hätte ich mich hinter meinen Gegenspielern versteckt. Ich wäre viel gelaufen, das schon, aber möglichst so, dass ich unanspielbar geblieben wäre.

Die Mannschaft vom MSV aber glaubte weiter an den möglichen Erfolg. Sie wusste um die Bedeutung des Spiels für den weiteren Saisonweg. An der Freude der Spieler war das zu erkennen, als Mark Flekken den letzten Eckball der Chemnitzer aus der Luft herunterholte und damit den Sieg gleichsam in der Hand hielt. Es war daran zu erkennen, wie Stanislav Iljutcenko bei dem Eckball davor seine Genugtuung über den zu einer erneuten Ecke abgewehrten Ball in die Luft schrie.

Vorher war diese Mannschaft aber in Rückstand geraten, und ich nahm mein Joggingprogramm in der Wohnung auf. Bewegung führt zu Spannungsabbau. Die Mannschaft aber wollte den Ausgleich, das sah ich in den Momenten, wenn ich mal einen Blick auf den Laptop warf. Sie wollte den Ausgleich so lange, bis Simon Brandstetter es Andreas Wiegel gleich machte. Beide sind in der bisherigen Saison nicht durch eine gute Chancenverwertung oder grundsätzlich gute Entscheidungen am Ende ihres Ballführens aufgefallen. Beide schienen ihrer fußballerischen Intuition nicht ganz zu vertrauen. In diesem Spiel war es anders. Beide behielten die Nerven, beiden kam das eigene Denken bei ihrem Spiel nicht in die Quere. Brandstetter gelang das Tor nach einem Pass in den freien Raum von Tugrul Eral. Ich habe den Ausgleich nicht mal in der Zeitlupe gesehen, weil ich gerade sehr weit vom Stream weggelaufen war.

Auch das Führungstor habe ich nicht gleich gesehen, sondern nur die aufgeregte Sprecherstimme gehört. Zurück kam ich zur Zeitlupe, um mein Joggingprogramm mit lang anhaltenden Sprungkraftübungen abzuwechseln. Erneut war es Tugrul Erat, der mit einem schönem Fallrückzieher den Ball parallel zur Torauslinie vor das Tor brachte, wo Kingsley Onuegbu am hinteren Pfosten stand und den Ball problemlos über die Linie bringen konnte. Von da an kämpfte auch ich wieder an meinem Platz als Stream-Zuschauer. Von da an hielt ich die Nervorsität wieder aus. Mit dem Schlusspfiff bahnte sich der erste Satz dieses Textes seinen Weg in meinem Kopf. Die andere Stimme in mir hörte sofort auf zu jubeln und begann irgendwas auf mich einzureden. Ich habe bis heute morgen nicht richtig hingehört.

Trotz krankheitsbedingtem Zuschauerausfall endlich wieder siegen

Die Zuschauer beim Spiel des MSV gegen Rot Weiß Erfurt mussten die Zebras mit einem Mann weniger unterstützen. Eine beginnende Erkältung raubte mir Kraft, und was übrig blieb brauchte ich für den Abend für die Lesung im RuhrKUNSTort. Schonung war also angesagt, damit die Veranstaltung so gelingen konnte, wie es dann geschah. Ich gab Prosa über Ruhrort in den 1960ern zum Besten, ich streute Komik und Witz mit Lyrik ein und natürlich las ich auch aus „Mehr als Fußball„. Bei Funkes WAZ/NRZ gibts einen Eindruck von der Lesung.

Im Stadion am Nachmittag konnte der Mann weniger durch gute Stimmarbeit kompensiert werden. In der TV-Übertragung war das deutlich zu hören. Erleichterung herrscht nun allerorten nach diesem 3:2-Sieg. Unsicherheit war zu Beginn des Spiels spürbar. Der frühe Rückstand nach dem Fehler von Dustin Bomheuer schien die Köpfe endgültig  frei zu machen. Der MSV wollte den Sieg und drückte die Erfurter in deren eigene Hälfte. Während ich noch letzte Änderungen an der Setlist meiner Texte für den Abend machte, fielen Ausgleich und 2:1 durch Stanislav Iljutcenko. In der Kopfballabfolge beim Führungstor war zunächst Branimir Bajic am Ball. Er spielte wieder, und dabei haben wir zunächst immer die Stabilität in der Defensive im Auge. Doch auch in der Offensive verbreitet er als Kopfballspieler oft Gefahr. Was aber für mich am meisten zählt und nicht wirklich als Leistung messbar ist, heißt Erfahrung, die ins Mannschaftsspiel eingeht. Die Ruhe, die er ausstrahlt, dient dem gesamten Team als Stützpfeiler.

Wie zu erwarten war, spielten die Erfurter nach der Halbzeitpause mutiger. Deshalb ist der Ärger des Gasts über den Elfmeterpfiff verständlich. An einen Pfiff nach einer solchen Aktion des Torwarts kann ich mich nicht erinnern. Wie dem auch sei, Branimir Bajic vewandelte zum 3:1. Wunderbar, wie dieser Mann sich über das Tor freute. Auch in dieser Freude ist sein Wert für die Mannschaft erkennbar. In dieser Freude zeigte sich der Wille dieses Spiel zu gewinnen.

Eigentlich hatte Fabian Schnellhardt dem Tackling von hinten nach seinem Platzverweis doch abgeschworen. Wahrscheinlich war es nur das platzverweis-würdige Foul. Nun sollte er auch das Strafraum-Tackling von hinten aus seinem Repertoire nehmen. Der fällige Elfmeter wurde verwandelt und machte das Spiel noch einmal spannend. Oder sagen wir es so, der Anschlusstreffer schenkte uns ein Heimatgefühl, das Bangen um den MSV in den Schlussminuten. Nun sind es wieder sieben Punkte Vorsprung auf den dritten Platz. Ja, auch ich bin sehr erleichtert.

Charmemangel auf der Bezirkssportanlage in Bremen

img-20170305-wa0002Wenn an einem Sonntagmittag die Zebraherde im Wesermarschland zusammenkommt, genießen viele sonst vereinzelt im Norddeutschen lebende Zebras das Herdengefühl. Letztes Jahr in Braunschweig hatte ich das Hamburger Zebra kennengelernt. Ein gebürtiger Norddeutscher, seit jeher MSV-Fan, hatte seine vier Freunde, allesamt Anhänger anderer Vereine, für einen Spieltag zu Zebras gemacht. Das wurde gestern wiederholt. Herdenzuwachs für einen Tag, und da Hamburger in Bremen bekanntlich lebensfeindlichen Bedingungen begegnen, habe ich die fünf vorsichtshalber wieder schützend begleitet. Wir Zebras sind soziale Wesen.

20170305_131224_burst01_resizedDie Wanderbewegung aus dem Pott war zudem recht groß, alles in allem ein Versprechen auf ein schönes Auswärtsspiel. Allerdings machte die Begegnung gegen Werder Bremen II vor allem eines deutlich, der MSV muss aufsteigen. Der MSV spielte gegen  Werder auf Platz 11 des Werder-Geländes, ein Leichtathelikstadion. Platz 11 gleicht einer Bezirkssportanlage, die den Charme des bodenständigen Fußballs verliert, wenn zu viele Auswärtsfans kommen. Dann ist vom Spiel auf dem Rasen nicht mehr allzu viel zu sehen, weil zum Bezirkssportanlagen-Charakter die Sicherheitsarchitektur eines Zweitligastadions hinzu kommt. Zäune vor und neben dem Gästerang versperren die freie Sicht. Abtrennende Zeltplanen kommen hinzu. Alles nicht wirklich schön. Was lobe ich mir das Stadion in Lotte mit seinem Amateurfußballcharme, selbst wenn der Rasen dort einiges zu wünschen übrig lässt.

20170305_140426_resizedWir waren spät im Stadion, standen nicht sehr gut, entsprechend schlecht war meine Sicht aufs Spielfeld. So wurde das Spiel für mich zu einer Art Comic. Einzelne Spielszenen reihten sich aneinander, oft blieben Lücken. Ein Gesamteindruck entstand nur beschwerlich. In der ersten Halbzeit hatte der MSV das Spiel recht sicher im Griff, ohne kontinuierlich sehr großen Druck auf das Werder-Tor erzeugen zu können. An eine große Chance von Kingsley Onuegbu kann ich mich erinnern. Das war es auch schon. In der zweiten Halbzeit begann der MSV mit dem deutlich erkennbaren Vorhaben, das Spiel zu gewinnen. Der Druck auf das Tor von Werder wurde größer. Immer öfter wirkten die Angriffe gefährlich. Allerdings kann ich diesen Eindruck auch vielleicht nur deshalb bekomme haben, weil ich das Tor Werders nun besser sehen konnte.

20170305_144304_hdr_resizedDas Führungstor schien aber nicht nach einem kontrollierten Angriff nahe, sondern weil Stanislav Iljutcenko einem Ball auf den Torwart nachging. Er holte ihn sich zurück, das Tor schien für einen Moment leer, doch die Bremer Feldspieler machten die Hoffnung zunichte. Die Chance war dahin. Es gab weitere Chancen, doch einmal mehr erwies es sich, wie schwierig es für Stürmer in dieser 3. Liga ist aus dem Spiel heraus ein Tor zu erzielen. Hinten sicher stehen ist die Hauptaufgabe in dieser 3. Liga, denn eine Möglichkeit für den Gegner kann sich jederzeit ergeben. So wie kurz vor Spielende, als auch Werder dann fast das Führungstor erzielt hätte. Verdient wäre das nicht gewesen. Insofern ist diese große Chance für Werder zugleich Mahnung zur Zufriedenheit mit diesem einen Punkt.

Die Konstanz beim Punkten macht den MSV so überlegen in dieser Saison20170305_155937_resized. Keine andere Mannschaft in der Liga besitzt diese Konstanz. Deshalb gibt es die zehn Punkte Vorsprung auf Platz 4 und acht auf Platz 3. Zwei Punkte wurden an diesem Spieltag auf Platz 3 verloren, aber wir können allmählich beruhigt ob dieser Momentaufnahme sein. Allmählich können wir daran glauben und es aussprechen, dass der Vorsprung auf Platz weiter wachsen wird. Wir wissen es nicht, aber es ist sehr wahrscheinlich.

Ach, könnte man Kontrollverlust nur immer kontrollieren

Siege durch Tore in letzter Minute geschehen auf vielfältige Weise. Der unbändige Jubel auf den Rängen hört sich dabei vielleicht gleich an, doch der Charakter der letzten Minuten unterscheidet sich jeweils. Es gibt Siege, die durch Kampf und schiere Willenskraft einzelner Spieler errungen werden. Es gibt zwangsläufige Siege, die die unterlegene Mannschaft bis zur letzten Minute nur durch pures Glück hatte verhindern können. Und es gibt diesen Sieg des MSV Duisburg gegen Preußen Münster, der mir wie das Ideal eines solchen Sieges in letzter Sekunde vorkommt; eine Komposition vieler Eigenschaften dieses Fußballs, die in harmonischen Gleichgewicht ein vollkommenes Bild ergeben.

Die Mannschaft des MSV war in der 71. Minute 1:2 in Rückstand geraten. Das Minimalziel eines Unentschiedens war in der 87. Minute durch ein Tor von Dustin Bomheuer erreicht worden. Verhalten war die Freude auf dem Spielfeld über diesen Ausgleich. Auch auf diese Weise wurde sichtbar, dass sich die Spieler mehr erhofft hatten. Noch waren drei Minuten zu spielen, und die Nachspielzeit würde sicher etwas länger dauern, hatten sich die Preußen doch als passables Schmerzschauspielensemble bewiesen. Wahrscheinlich hat der halbe Kader einen Nebenjob an der medizinischen Fakultät der Uni Münster. Es gibt ja inzwischen Seminare, in denen die angehenden Ärzte Patientengespräche mit Schauspielern lernen. Spezialisten für die Darstellung von Muskelblessuren und Gelenkirritationen gesucht? Anruf auf der Geschäftsstelle von Preußen Münster genügt.

Die Spieler des MSV wollten noch den Sieg, dennoch entstand nicht diese Atmosphäre eines bedingungslosen Anrennens. Dazu war das Umschaltspiel der Preußen zu gefährlich. Zweimal hatte es der MSV erlebt, dass beim Ballverlust die eigene Defensive überfordert war. Beim ersten Tor der Preußen war der Weg für den Stürmer ganz frei, beim zweiten Tor war die Defensive noch zu ungeordnet. Anscheinend hatten die Spieler dieses Risiko im Kopf. Deshalb drückte der MSV Richtung Preußen-Tor, dennoch blieb das Mittelfeld abgesichert. Hier war ein erstes harmonisches Gleichgewicht zu sehen zwischen Spielkontrolle und freiem Angriff. Denn für das Spiel hintenrum blieb keine Zeit mehr. Nun mussten die Außen das Risiko im Spiel eins gegen eins in jeder Sekunde suchen, wo in der ersten Halbzeit noch nur der sichere Pass gewählt wurde. Nun ging es nur nach vorne. Es blieb keine andere Wahl.

Zudem spielten die Preußen weiter mit und suchten ebenfalls den Weg nach vorne. Es ging hin und her in dieser Nachspielzeit ohne wirkliche Torgefahr, bis Nico Klotz zu einem Dribbling auf dem Flügel ansetzte. Er konnte sich durchsetzen und den steil laufenden Tim Albutat anpassen. Dessen Flanke war harmlos. Sie war aber deshalb harmlos, weil er beim Flanken gefoult worden war. Das hatte ich nicht gesehen, weil mein Blick nur diesem Ball folgte, die Enttäuschung über die vermeintlich vergebene letzte Chance inklusive. Doch der Pfiff folgte. Martin Dausch schlug den Freistoß recht weit hinter den hinteren Pfosten, wo Stanislav Iljutcenko Mühe hatte, den Ball vor der Torauslinie zurück Richtung Strafraum zu köpfen. Dort versuchte ein Spieler der Preußen, den Ball wegzuschlagen, doch in der zweite Reihe bei etwa 25 Metern wartete Fabian Schnellhardt. Er nahm diesen Ball auf und legte ihn sich zurecht. Den Schuss von dort hatten wir nicht erwartet. Ein perfekter Schuss in den Winkel, hart, gerade, vollendete Fußballkunst. Die ganze Szene von der Ausführung des Freistoßes an war die perfekte Komposion aus Zufall, Kampf, Kraft und Technik.

Dieses Tor in letzter Sekunde bedeutet nicht nur einen Sieg in diesem Spiel. Dieses 3:2 ist ein besonderer Sieg für den Aufstieg, der Abstand auf die Verfolger ist größer geworden. Dieses Tor wurde möglich, weil der MSV die Spielkontrolle etwas aufgegeben hatte. Kontrolle als Lebensmaxime soll uns Sicherheit im Alltag geben. Kontrolle soll uns vor den Gefahren des Lebens schützen, sie soll das Risiko in unserem Leben minimieren. Die Kontrolle ist irgendwann auch im Fußball als Spielprinzip eingegangen, und da uns Menschen der Gegenwart der Fortschritt eine selbstverständliche Haltung zum Leben ist, wurde diese Kontrolle immer weiter perfektioniert. Ballbesitz schafft Kontrolle, aber auch Stabilität im Spiel insgesamt, von der in paradoxer Weise auch der Gegner profitieren kann. Denn Kontrolle macht das Mannschaftsspiel vorhersehbarer.

Der Weg des MSV Duisburg durch diese Saison in der 3. Liga ist ein kontrollierter Weg. Denn diese Kontrolle bietet die höchstmögliche Sicherheit für Erfolg am Ende der Saison, den überlebensnotwendigen Aufstieg. Der Erfolg in einem einzigen Spiel ist deshalb noch lange nicht garantiert, aber die Wahrscheinlichkeit für den langfristigen Erfolg ist größer, wie wir an der Tabelle schon vor dem Spiel gegen Preußen Münster hatten ablesen können. Dennoch reicht die Kontrolle eben nicht für den Erfolg in jedem Spiel, und eine Mannschaft, die darauf setzt, wird immer wieder vor dem Problem stehen, wieviel Kontrollverlust sie eingeht, um den Erfolg dennoch zu sichern, wenn keine Tore fallen.

In der ersten Halbzeit fiel das Führungstor durch Fabian Schnellhardt auch nicht aus einem geordneten Angriff heraus. Ein Ballverlust der Preußen und schnelles Umschalten ging dem voraus. Der erste Abschluss konnte dann noch abgewehrt werden, ein Schuss von Kingsley Onuegbu. Doch der zweite Ball bot dann die Torschussmöglichkeit für Fabian Schnellhardt, weil er lange genug frei stand. Auch dieses Tor aus etwa 18 Metern war schon wunderbar anzusehen. Es war nur eine Ouvertüre. Das wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Das Finale in der Schlusssekunde sollte noch besser werden.

Wie geht das Leben als Spieler und Anhänger eines Tabellenführers?

Doch, ich muss noch einmal davon schreiben. Ich muss noch einmal davon schreiben, wie ungeübt auch wir Anhänger des MSV Duisburg mit dem Leben als Anhänger eines dauerhaften Tabellenführers sind. Nicht nur manche Spieler haben damit ihre Schwierigkeiten, wenn es um die realistische Selbstwahrnehmung ihrer Leistung geht. Auch wir auf den Rängen haben keine uns selbstverständliche Haltungen dazu. Zu Beginn der Saison haben wir nur gestaunt, wie sicher die Mannschaft aufgetreten ist, wie überlegen sie auftrat. Überall hing sprachlose Freude und Überraschung in der Luft. Wir waren Anhänger eines Favoriten für jedes Spiel. Dann schien mit den schlechteren Leistungen der Mannschaft die altbekannte Wedau-Stimmung wieder Einkehr zu halten. Nichts ist sicher, jede Niederlage ist möglich. Das stimmte so nicht. Der MSV blieb Tabellenführer. Aber wir waren schon wieder dabei, die Gründe nicht bei der Leistung der Mannschaft zu suchen, sondern in der günstigen Konstellation der anderen Spielergebnisse.

Gestern nun bestätigte die Mannschaft ihre gute Leistung vom Spiel in Lotte. Sie gewann gegen Fortuna Köln mit 2:0. Dennoch ist die Stimmung nicht in jeder Fanecke, wie es eigentlich zu erwarten wäre, ruhig und zufrieden. Dennoch sieht es so aus, als zwackte bei einigen das Tabellenführer-Trikot. Irgendetwas war unangenehm. Was genau, war nicht richtig zu erkennen. So bot einmal mehr Zlatko Janjic das Ventil, um dieses unangenehme Gefühl aus der Welt zu schaffen. Sicher, er hatte sich ins Rampenlicht gestellt mit seiner eigenwilligen Betrachtung der eigenen Leistung und dem Unverständnis gegenüber dem Unmut von uns auf den Rängen. Dann verschoss er den Elfmeter in der 71. Minute beim Stand vom 1:0, und er brachte kurze Zeit später einen Ball nicht ins Tor, den ich schon als 2:0 bejubelt hatte. Ein Verteidiger bedrängte ihn bei diesem Schuss am hinteren Pfosten aufs leere Tor.

Schon früher in dieser zweiten Halbzeit war es auf den Rängen unruhig geworden, ehe der größere Teil der Anhänger spürte, die Mannschaft braucht Unterstützung, kurz brandete das EM-ES-VAU durch die Arena, die Unruhe der Ungewissheit über die Möglichkeiten der Zebras war wieder vorüber. Die Stimmung im Stadion war wieder stabil. Die Zebras spielten zu diesem Zeitpunkt wieder zu vorsichtig. Die Mannschaft versuchte sich in Spielkontrolle und wieder schien es so, dass dieser Versuch der Spielkontrolle mehr aus mangelndem Mut als aus bewusstem Entschluss heraus entstand. So schien die 1:0-Führung immer gefährdeter, weil die Fortuna immer wieder sehr gut nach vorne kombinierte. Immer wieder gelangen dem Gegner Angriffe vor allem über ihren linken Flügel. Auch in diesem Spiel war die rechte Defensivseite eine Schwachstelle im Spiel des MSV. Fabio Leutenecker bemüht sich sehr, aber die Flügelspieler der Fortuna waren schneller und technisch gewandt. Glücklicherweise erreichten die freien Flanken meist nicht die Mitspieler oder das Eindringen in den Strafraum endete mit einem unpräzisen Abschluss.

Mit dem verschossenen Elfmeter und der vergebenen Konterchance war dann die Unruhe der Ungewissheit auf die Ränge zurückgekehrt. Die Auswechslung von Zlatko Janjic bot nun erneut ein Ventil für diese Unruhe. Wo zuvor das Murren auf den Rängen spürbar gewesen war, kam es nun zu einigen Pfiffen. Wir haben keine selbstverständliche Haltung zu dieser ungewohnten Situation, gute Leistungen von unserer Mannschaft erwarten zu dürfen. Wir wissen nicht, wann genau diese Mannschaft Zuspruch braucht und wann sie unsere harsche Kritik verdient. Sich in diesem Moment der Auswechslung auf einen einzelnen Spieler zu konzentrieren, während die Mannschaft eigentlich unsere Unterstützung braucht, wirkt auf mich wie ein Zeichen dafür, dass auch wir nach einer passenden Haltung zu dieser andauernden Tabellenführung suchen. Die Maßstäbe müssen neu gelernt werden. Vielleicht müssen wir es uns hin und wieder bewusst machen, unter welch guten Voraussetzungen wir diese Maßstäbe seit ein paar Wochen lernen. Tabellenführer MSV Duisburg.

Lasst mich nun von Fabian Schnellhardt schwärmen. Von Spielbeginn an haben einzelne seiner Spielaktionen mich verzückt. Anders kann ich das nicht schreiben. Hier eine Körpertäuschung, die zwei Gegner ins Leere laufen lässt, dort ein Antritt aus dem Nichts mit einer anschließenden gegenläufigen Bewegung, die ihm den Raum öffnet, dann ein Pass aus dem Fußgelenk sofort nach der Ballannahme und zwar in eine andere als die zu erwartende Richtung, ich kam aus dem Schwärmen nicht heraus und wusste noch nicht, dass dieser Fabian Schnellhardt in der 21. Minute an der Mittellinie loslief und die heran eilenden Gegenspieler stehen liess, um in der Enge der Strafraumnähe einmal kurz etwas Glück zu haben, als ein Verteidiger zur Bande für sein Dribbling wurde. An der rechten Strafraumseite spielte er sich durch, Körpertäuschung, Verlangsamen und Wiederantritt, der Ball klebte an seinen Füßen. Unwiderstehlich drang er weiter Richtung Torauslinie. Was sollte nun geschehen? Das Zentrum vor dem Tor war dicht. Kein freier Spieler des MSV war dort zu sehen. Also, weiter bewegen, zum Tor ziehen, sich in Schussposition bringen und aufs lange Eck zielen. Alles war eine fließende Bewegung, von der Mittellinie an. Wann habe ich hier in diesen Räumen einmal von Eleganz geschrieben? Eleganz und der MSV Duisburg zusammen in einem Satz. Unfassbar. Es war Eleganz, was wir vor diesem Schuss von Fabian Schnellhardt zu sehen bekamen. Er schoss aufs lange Eck und der Ball war im Tor. Was für ein großartiges Tor. Welch ein staunender Jubel! Fabian Schnellhardt – Fußballgott.

Bleibt noch das 2:0 nachzutragen. Stanislav Iljutcenko erzielte es in der 87. Minute, nachdem dieser eine Konter endlich konsequent ausgespielt worden war. Wir hatten zwei, drei andere, sehr schlecht genutzte Konter gesehen in diesem Spiel. Dieser aber war an der Mittellinie durch einen Pass auf Andreas Wiegel eingeleitet worden. Nach seinem Sprint spielte er im Strafraum quer, Iljutcenko war zur Stelle, ein Konter fürs Lehrbuch.

Fortuna Köln war ein guter Gegner, der sich nicht hinten reingestellte. Die Mannschaft wollte mutig mitspielen. Der Sieg des MSV war verdient. So muss ein Tabellenführer siegen, wenn er am Ende der Saison aufsteigen will. Bis dahin bleibt noch einige Zeit, weiter zu lernen, wie das Leben so geht als Spieler und Anhänger eines Titelfavoriten.


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