Posts Tagged 'Stefan Leiwen'

Vorher emotional – Nachher rational – Teil 2: Ein Spiel hat glücklicherweise zwei Halbzeiten

Gerade eben hallte der Name Tönnies noch durch das Stadion, und die Kraft des Rufens aller auf den Rängen hatte das Leben wieder gegenwärtig gemacht. Dieses Leben forderte in den nächsten Momenten Leistung und Anstrengung. Dieses Leben war das Spiel des MSV gegen den VfL Osnabrück, auf dessen Anpfiff wir nun alle warteten. Die MSV-Hymne erklang, und schließlich kamen die Mannschaften auf das Spielfeld. Doch noch einmal wurde der normale Ablauf eines Spieltags mit einer Schweigeminute für Michael Tönnies unterbrochen. Die schon überwunden geglaubte Ergriffenheit kroch noch einmal heran. Dann begann das Spiel, und ehe ich mich versah, führte der VfL Osnabrück. Ich war auf keinen Fall schon richtig im Spiel angekommen. Ich hatte weder die Großchance des MSV kurz zuvor mit der entsprechenden Aufregung gesehen, noch ärgerte ich mich über den Rückstand.

Wie schon gestern in dem Text über die Trauerfeier für Michael Tönnies geschrieben, ich fühlte mich krank, gehörte womöglich eigentlich eher ins Bett und nahm alles nur gedämpft wahr. Aber wenn ich den Verlauf des Spiels sehe, klingt für mich noch etwas anderes plausibel. Vielleicht beschäftigten mich wie eben die Spieler des MSV die Momente vor dem Spiel noch, sodass es uns in unserer jeweiligen Leistung auf dem Stehplatz und Rasen beeinträchtigte. The show must go on, sagen die Bühnenkünstler und liefern ihr Unterhaltungsprogramm gegen alle Widrigkeiten ihrer Leben ab, wenn es sein muss. So ein Ligaspiel ist trotz aller Unterhaltungsaspekte dieses Fußballbetriebs etwas anderes, wenn eine kollektive Stimmung im Stadion entstanden ist, eine Stimmung, die so gar nichts mit der notwendigen Einstellung für einen Wettbewerb zu tun hat. Vielleicht kann so ein Spiel doch nicht so unbeeinträchtigt begonnen werden, weil eine Mannschaftsleistung im Sport mit ihren vielen Einflussgrößen eben sehr viel abhängiger von Stimmungen ist als ein stets gleiches Bühnenprogramm.

Die Mannschaft des MSV wirkte in der ersten Halbzeit häufig zu langsam im Kopf und nicht aggressiv genug im Kampf um die zweiten Bälle. Nicht die Grundhaltung war das Problem. Die Spieler setzten sich ein, gingen lange Wege und versuchten zum einen  ein Kombinationsspiel, das oft über die Flügel kam. Zum anderen wurde immer wieder auch vergeblich der lange Ball auf Simon Brandstetter versucht, der Meter um Meter rannte und dabei oft im letzten Moment den entscheidenden Schritt in die falsche Richtung machte. Der Passgeber wird seinen Anteil daran haben. Der MSV versuchte die Spielkontrolle zu bewahren, so weit es ging, aber viel zu oft ging es nur sehr kurz. Systematisch sollte der Ball in den Strafraum gebracht werden. Zur Not musste es eben auch noch einmal hinten rum gehen. Torgefahr entstand so nicht. Die Zebras waren unterlegen, die Osnabrücker schneller im Kopf und beim Kombinationsspiel ballsicherer. Sprints in der Offensive waren meist nicht vergeblich. Bälle kamen dorthin, wo sie gut verarbeitet werden konnten. Die Chancen auf ein weiteres Tor für die Osnabrücker ergaben sich. Die Defensive des MSV hatte viel Arbeit. Der Halbzeitpfiff kam und vereinzelte Zuschauerpfiffe folgten. Für mich war das vollkommen übertrieben und ein Rückfall in alte Mäkelzeiten des Duisburger Publikums.

Zunächst sah es nach Wiederanpfiff nicht so aus, als hätte die Halbzeitpause die vorhandene Stimmung unterbrochen. Zwar war Kingsley Onuegbu eingewechselt worden, doch es war nicht erkennbar, wie die Zebras torgefährlich werden wollten. Immer noch gelangen die Kombinationen nicht präzise genug. Stattdessen schlug Fabian Schnellhardt einen Freistoß zielgenau in den Strafraum und Dustin Bomheuer köpfte zum Ausgleich. Mit diesem Ausgleich wirkte das Spiel des MSV befreit. Nun erst brachte die Offensivkraft des MSV die Osnabrücker Gelassenheit im Defensivspiel ins Wanken. Dennoch ist es bezeichnend für die Möglichkeiten dieses Tages, dass auch das Führungstor für den MSV aus einer recht statischen Situation heraus fiel. Kingsley Onuegbu nahm einen Einwurf mit dem Rücken zum Tor auf halblinker Position an der Strafraumgrenze an. Sich selbst den Ball vorlegen, drehen und der Schuss ins lange Eck ergaben eine einzige fließenden Bewegung, ein wunderbares Stürmertor, Lehrbuchmaterial. Der MSV drang auf das dritte Tor. Es gab die Chancen und sie wurden nicht genutzt.

Weil der MSV weiter offensiv spielte und überlegen blieb, schien mir der Sieg wahrscheinlich, sicher ist er natürlich nie. In der Nachspielzeit kamen die Osnabrücker noch einmal druckvoll vor das Tor der Zebras. Der Ausgleich fast mit dem Schlusspfiff hatte als Drohung in der Luft gehangen. Zu viel Hektik und Durcheinander war plötzlich in der Hälfte des MSV entstanden. Enttäuschend war dieser Ausgleich dennoch, eine Enttäuschung, die für mich nicht lange anhielt, weil mein Verstand mir ein paar Auswege anbot. Der Vorsprung von drei Punkten in der Tabelle etwa war unverändert geblieben. Was wir erleben mussten, hatten die Osnabrücker beim Hinspiel schon hinter sich. Und gerecht war dieses Unentschieden auch. Was mit der Trauerfeier höchst emotional begonnen hatte, endete mit einem sehr rationalen Umgang mit dem Ergebnis.

Vorher emotional – Nachher rational – Teil 1: Abschied von Michael Tönnies

Fieber hatte ich wohl noch nicht. Aber mir war heißer als sonst. Der Kopf schmerzte, wenn ich ihn nur ein wenig senkte. Die Nasennebenhöhlen waren zu, sind es noch immer. Ich bewegte mich vorsichtig durch die Welt. Gedämpft, was vor dem Spiel des MSV gegen den VfL Osnabrück hilfreich war. Schon in dieser gedämpften Wahrnehmung war die halbe Stunde vor dem Spiel mit der Erinnerung und Würdigung von Michael Tönnies bewegend.

MSV-Präsident Ingo Wald erinnerte in einer kurzen Ansprache an den Menschen Michael Tönnies, an seine Persönlichkeit, an das was er durch seine Erfahrungen mit seiner Erkrankung auch der MSV-Welt hat weitergeben können. Geschäftsführer Peter Monhaupt verkündete, der Arena-Vorplatz werde Michael-Tönnies-Platz heißen und schließlich las Stadionsprecher Stefan Leiwen eine Grußbotschaft der Mutter von Michael Tönnies vor. Es war sicher mit die schwierigste Aufgabe, die Stefan Leiwen als Sprecher hat bewältigen müssen. Er und Michael Tönnies hatten die Stimmung vor den Spielen der Zebras in den letzten Jahren gemeinsam durchlebt. Sie waren Kollegen gewissermaßen, aber in der emotionalen Welt des Fußballs kommt man sich näher als Kollegen sonst. Sie waren auf diese Weise Gemeinschaft geworden. Nun musste Stefan Leiwen Worte des Danks an die MSV-Welt, an Fans und Menschen rund um den MSV vorlesen, die ihn auch selbst betrafen, Worte, in denen der Abschied so greifbar war.

Frau Tönnies Worte machten deutlicher als jedes Wort zuvor, was nicht mehr wieder kommt. Die überall diffus herumflirrende Trauer im Stadion hatte für eine Minute einen deutlich sichtbaren Ausdruck gefunden. Stefan Leiwen rang um Fassung, während er las. Auf das Verkünden der Mannschaftsaufstellungen wurde verzichtet. Im Stadion war es nun stiller geblieben als sonst kurz vor einem Spiel, und Stefan Leiwen stand immer noch auf dem Rasen, alleine, zum ersten Mal wieder, und es war so ungewohnt. So sehr war mir vor einem Spiel des MSV der Anblick zweier Männer auf dem Rasen vertraut, die ihre Köpfe immer wieder zusammen steckten und sich neben ihren eigentlichen Aufgaben zwischendurch austauschten.

Stefan Leiwen blieb, weil noch einmal der Name Tönnies durchs Stadionrund tosen sollte. Und so rief er in sein Mikro: „Mit der Nummer zehn…Tornado… Michael…“ Tönnies knallte es durchs Stadion. Stefan Leiwen wiederholte das, als ob der Tornado gerade ein Tor erzielt hatte. Das Ritual verlangt den Namen eiin drittes Mal. Bei diesem dritten Mal war schließlich die Zukunft wieder zu spüren. Als Stefan Leiwen dieses drittes Mal „Michael“ rief, war in seinem Rufen auch die Erleichterung spürbar, diese schweren Minuten vor dem Spiel bewältigt zu haben. Wir alle aber hatten uns in diesem dreimaligen Rufen dem Anpfiff im Spiel des MSV gegen den VfL Osnabrück genähert. In diesem Rufen des Namen Tönnies steckten alle Namen jener elf Spieler, die gegen den VfL Osnabrück um den Sieg spielen wollten. Mit diesem Rufen hatte uns das Leben wieder.

Dem MSV gelang nicht nur ein würdiger Abschied von Michael Tönnies. Die Verantwortlichen schafften es, an den Fußballer und Menschen Michael Tönnies zu erinnern, der Trauer Ausdruck zu verleihen und das Leben in der Zukunft dabei nicht zu vergessen.

Meine Worte zum Spiel erhalten heute oder morgen einen eigenen Platz. Wie der MSV mit der Mannschaftsaufstellung nicht einfach zur Normalität übergehen konnte, so lassen sich hier für mich keine Worte zum Spiel anschließen.

Prolog MSV – Eintracht Braunschweig: Das Halbzeitpauseninterview

Vor den Worten zum Spiel noch das: Auf dem Rasen der Arena zu stehen und sich mit jemanden zu unterhalten, der direkt neben einem steht ist gar nicht so einfach. Das habe ich gestern beim Spiel vom MSV gegen Eintracht Braunschweig gelernt. Weil man den Nebenmann und sich nur über die Lautsprecheranlage hört, hört man sogar die eigenen Worte manchmal als Geräuschebrei, während man sie gerade ausspricht. Ein surreales Erleben.

Der MSV gab mir also die Gelegenheit, mit Stadionsprecher Stefan Leiwen über Buch und Crowdfunding zu sprechen. Ich freue mich natürlich sehr über diese Unterstützung durch den Verein. Die Nachricht am Vorabend war aufregend gewesen, das Interview selbst gar nicht mal so sehr. Vor den vielleicht 10.000 Zuschauern hatte ich das Gefühl mit Stefan Leiwen ein angenehmes Zwiegespräch zu führen.

Hätte nur nicht der MSV 0:1 zurückgelegen, und hätten wir nach dem Schlusspfiff nicht sogar noch die 0:5-Niederlage zu verdauen gehabt, wäre ich vielleicht so freudig zufrieden gewesen, wie ich mich in der Zeitblase des Interviews gefühlt habe. So aber, ein unmöglicher Spagat.

Schon mit dem Ein-Tor-Rückstand kam es mir ja komisch vor, über eine Zeit zu reden, die ganz andere, sehr viel freudigere Gefühle für uns bereit gehalten hatten. Nach dem Endergebnis fällt mir das noch schwerer. Andererseits geht es mir bei dieser Geschichte vom Zwangsabstieg bis zur Rückkehr in die 2. Liga um mehr als nur die Erfolgsstory eines Sportvereins. Diese Geschichte ist für mich zugleich ein exemplarisches Beispiel für die Möglichkeiten Duisburgs. Sie erzählt vom gemeinsamen Anpacken, vom Zusammenhalt, von Kompromissen und  vom Wegstecken eigener Empfindsamkeiten. Deshalb ist mir diese Geschichte so wichtig. Sie ist nicht nur Teil einer MSV-Chronik. Was diese zwei Jahre vermitteln ist bedeutsam für Duisburg, für das Selbstbewusstsein dieser Stadt. Das muss aber immer wieder neu erzählt werden, sonst kriegen es zu wenige Duisburger mit.

Für heute einmal mehr genug. Teilt weiter fleißig den Link zum Crowdfunding. Helft mit, weitere Unterstützer für das Buch zu finden. Alle weiteren Informationen zu meinem Buch und was ihr noch als Dankeschön für eure Unterstützung erhaltet, seht ihr mit einem Klick zur Crowdfunding-Plattform Startnext.


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