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Von Wirklichkeit und Plänen – Punkte sammeln

selfie_leseung_netzStreifen zeigen, so hieß es am Freitag bei meiner Lesung im Kultur- und Stadthistorischen Museum. Ins Stadion habe ich es danach  nicht mehr geschafft. Auch wenn ich mir zuvor mit immer neuen Ablaufplänen ausgemalt hatte, wie ich in der knappen Zeit nach Ende der Lesung bis nach Düsseldorf hätte kommen können. Erst der Beifall von zufriedenen Zuhörern in Duisburg und danach den Auswärtssieg in Düsseldorf miterleben. Das klang gut, und es hätte tatsächlich gelingen können, wenn sich die Wirklichkeit nur mal an meine Ablaufpläne hielte. Nach der Lesung waren unvorhergesehene Dinge zu erledigen gewesen, und der MSV hat bei seinen wenigen Torchancen immer noch nicht genug Glück, um jeden eigentlich möglichen Sieg einzufahren. Vergeblich gehofft.
Das Spiel habe ich am Fernseher mit Freunden in Meiderich gesehen, und dieses Zuschauen wird in dieser Saison eine immer größere Aufgabe für mich. Je länger der MSV dieses Spiel gegen Fortuna Düsseldorf in der ersten Halbzeit mit leichten Vorteilen gestaltete, desto größer wurde meine Angst vor der Enttäuschung. Denn die Fallhöhe wuchs durch das gute Spiel des MSV in schwindelerregende Dimensionen. Die Hoffnung auf einen Sieg wurde mit jeder Spielminute größer, da der MSV das Angriffsspiel der Düsseldorfer souverän zunichte machte. Doch diesen leichten Vorteilen beim Ballbesitz folgten kaum eigene Angriffe mit Torgefahr, auch wenn der Weg in den Strafraum auf unterschiedliche Weise gesucht wurde. Flanken kamen wie gewohnt unpräzise, und die Versuche mit dem Passspiel mehr durch die Mitte endeten am Strafraum.
Für dieses Passspiel maßgeblich mitverantwortlich war Zlatko Janjic, der das Spiel des MSV bereicherte und der so gar nichts mehr mit dem Spieler gleichen Namens aus den ersten beiden Begegnungen der Saison zu tun hatte. Für ihn ergab sich nach schnellem Umschaltspiel und wunderbarem Doppelpass mit Kingsley Onuegbu so etwas wie eine Kopfballchance. Aber Zlatko Janjic und Kopfbälle waren schon in der letzten Saison zwei Welten, die nur in Ausnahmefällen zusammenpassten. Sein Timing und seine Sprunghöhe sind schon bei sehr viel klareren Spielsituationen sehr ausbaufähig, wieviel schwieriger wird es für ihn deshalb aus der Bewegung heraus bei einem hohen Zuspiel, das nicht ideal in seinen Lauf hineinkommt.  Diese eine Chance hätte nur ein Tor werden können, wenn Zlatko Janjic ein anderer Spieler gewesen wäre.
Die Angst vor Fehlern war bei der Fortuna größer als beim MSV, und es war erkennbar, wie diese Mannschaft auseinanderfallen könnte, wenn sie ein Gegentor hinnehmen müsste. Nur dieses Tor des MSV fiel nicht. Stattdessen wurde das Offensivspiel der Fortuna kurz vor der Halbzeitpause besser. Eine Kopfballchance nach einem Eckball hatte es zuvor zwar schon gegeben, nun kamen die Düsseldorfer aus dem Spiel heraus in Tornähe und zu Schussversuchen.
Nach der Halbzeitpause wurde das Spiel offener und die Fortuna konnte das Spiel öfter als in der ersten Halbzeit in die Hälfte des MSV verlagern. Die Spieler der Fortuna erwiesen sich in Einzelaktion immer mal wieder als technisch überlegen. Was uns daran erinnerte, wieviel weniger Geld der MSV für seinen Spieleretat aufbringen konnte. Der MSV hielt offensiv dagegen, und wiederum ergab sich die größere Torchance für den MSV. Branimir Bajics Direktabnahme von knapp außerhalb des Strafraums fand zwar ihren Weg durch eine Lücke zwischen den Abwehrspielern. Doch exakt hinter der Lücke stand  Düsseldorfs Torwart Michael Rensing, der dem Ball nicht aus dem Weg gehen konnte.
Da die Düsseldorfer nun auch im Mittelfeld einen besseren Zugriff aufs Spiel hatten, war die Gefahr eines Ballverlustes in der Vorwärtsbewegung gewachsen. Immer wieder spürte ich nun diese kaum aushaltbare Ohnmacht, wenn die Zebras in Ballbesitz waren und meine Angst vor einem Fehler ins Unerträgliche wuchs. Diese Geschichte einer Niederlage hatten wir zu oft schon erlebt, und meine Haut ist dünn geworden in dieser Saison. Der Fehler unterlief Steffen Bohl. Zwei Düsseldorfer attackierten ihn, kein Mitspieler als Anspielstation war in der Nähe, der Ballverlust war schon im Ansatz zu erkennen. Auch die Düsseldorfer können schnell umschalten. Dieses Mal tat kein Düsseldorfer Spieler dem MSV den Gefallen, überhastet abzuschließen. Was ich die ganze Zeit befürchtet hatte, geschah. Die Fortuna führte 1:0. Ich war in den Abstiegsabgrund hineingerutscht und klammerte mich an einem winzigen Felsvorsprung, ohne Hoffnung, dass ich mich länger als eine Minute halten könnte.
Gott sei Dank, ging es der Mannschaft anders. Sie war anscheinend mit einem guten Seilsicherungssystem ausgestattet und arbeitete sofort daran, aus diesem Hängen im Abgrund wieder hochzukommen. Während ich noch nicht einmal merkte, dass ich – und  wir alle natürlich – mit diesem Sicherungssystem fest verbunden sind, standen die ersten Spieler des MSV längst schon wieder auf dem unbefestigten Felsplateau, das bislang vor dem Absturz geschützt hat. Zwei Minuten später kam nach einem Eckstoß Steffen Bohl über den Umweg Zlatko Janjic an den Ball und schoss zum Ausgleich ein.
Es kam mir so vor, als hätte dieser Jubel in der Meidericher Wohnung bis nach Düsseldorf gehört werden müssen. Wie sehr war dieses Tor Steffen Bohl zu gönnen, der eigentlich ein gutes Spiel gemacht hatte. Wie verständlich war seine unbändige Freude. Wie gerecht war dieser Ausgleich. Es war wieder alles möglich. Für kurze Zeit sah es so aus, als hätte der MSV die Fortuna am Rand der Niederlage, als könne die Angst der Fortuna zu versagen, groß genug werden. Doch die Mannschaft fing sich und in den letzten Minuten kämpften beide Mannschaften um diese drei Punkte. Beide vergeblich.
Ein Sieg wäre für den MSV so nötig gewesen. Ein Unentschieden ist es geworden. Müssten wir nicht auf die Tabelle schauen, könnten wir mit der Leistung der Mannschaft vollauf zufrieden sein. Aber mit jedem nicht gewonnenen Spiel gibt es weniger Möglichkeiten, auf welchem Weg die Mannschaft das erhoffte Ziel Klassenerhalt noch erreichen kann. Es bleibt ja nichts anderes, als weiter zu machen, so lange es eben möglich ist. Wir können weiter hoffen, dass am Ende doch noch alles zusammen passt. Der weitere Weg gleicht meinem Freitag. Die wenigen idealen Ablaufpläne für das Ziel Klassenerhalt vertragen kaum mehr Störungen durch die Wirklichkeit.

Bitter, bitterer, am bittersten

Seit gestern Abend versuche ich die Ruhe zu bewahren. Das hat absolute Priorität. Nur mit Ruhe stellt sich der Erfolg ein. Keine Sorge darf vor dem Anpfiff des nächsten Spiels in unseren Köpfen sein. Die Mannschaft, ich, wir alle auf den Rängen, wir müssen gerade das nächste Spiel so beginnen, als gäbe es keine Vorgeschichte. Wir müssen im Heimspiel gegen FSV Frankfurt diese verdammte 2:0-Niederlage gegen den FC St. Pauli vergessen haben. Wir müssen vergessen haben, wie die Mannschaft in Hamburg so lange hat mitgehalten und wie sie tatsächlich die Chance besaß, einen oder gar drei Punkte mitzunehmen nach Duisburg. Wir müssen vergessen haben, wie die Mannschaft alles gab, was ihr möglich war und sie dennoch erneut verlor. Sonst lähmt die Enttäuschung. Sonst wächst die Angst, ohnmächtig den Niederlagen ausgesetzt zu sein. Zwei Punktespiele nacheinander gab es das Versprechen auf Erfolg. Wir müssen diese Spiele so vergessen, als hätte es sie nie gegeben.

Es war kein schönes Spiel zwischen dem FC St. Pauli und dem MSV Duisburg. Es gab keinen Spielfluss, es gab kaum erfolgreiche Spielzüge, Kombinationen, egal ob im Kurzpassspiel oder mit langen Bällen. Vielleicht kombinierte St. Pauli etwas erfolgreicher im Mittelfeld. Fast immer war damit aber an der Strafraumgrenze des MSV Schluss. Im ganz engen Raum besaßen die Hamburger auch keine spielerischen Möglichkeiten mehr. Sie passten vielleicht genauer, schossen aber mindestens ebenso unpräzise wie der MSV. Das Spiel bestand vor allem aus vielen aufreibenden Zweikämpfen.

Die klareren Möglichkeiten, ein Tor zu erzielen, besaß sogar der MSV. So frei wie in der 2. Halbzeit Kevin Scheidhauer – und  war es Steffen Bohl? – tauchte genau ein Spieler St. Paulis vor dem Tor der Duisburger auf, und das war Lasse Soblech, als er den Elfmeter zum Führungstreffer St. Paulis in der 70. Minute einschoss. Selten wird ein Elfmeter dieser Art gepfiffen, und wenn, so nennt ihn alle Welt unberechtigt. Einerseits. Andererseits bewegte sich Dustin Bomheuer ungeschickt in dieser Situation und gab dem Schiedsrichter Anlass zu glauben, sein Ziel sei nicht der Kopfball gewesen, sondern der Körper des Gegenspielers, den er mit dem Gewicht seines ganzen Körpers zu Fall bringen wollte. Es wirkte nur so aus einer bestimmten Perspektive, und das ist eine Kleinigkeit, aber es sind genau diese Kleinigkeiten, die den MSV momentan scheitern lassen.

Im Grunde haben es die Zebras vom Anpfiff an gut gemacht. Sie haben kein Spiel aufkommen lassen. Läuferisch und kämpferisch waren sie präsent. Auch in der Offensive konnten sie auf dem Niveau mithalten. Mit dem Pfostenschuss von Andreas Wiegel gab es auch in dieser ersten Halbzeit die größere Chance für den MSV. In der Halbzeitpause der Sky-Übertragung wurde das auch von einem verletzten Pauli-Spieler anerkennend angemerkt. Er hoffte für die 2. Halbzeit auf das Durchsetzen der spielerischen Überlegenheit.

Mit Beginn der 2. Halbzeit wurde das Spiel tatsächlich offener. Bis zum Elfmeterpfiff war aber überhaupt noch nicht entschieden, welche Mannschaft durch diese Offenheit bevorteilt werden würde. Natürlich war es wahrscheinlicher, dass St. Pauli den größeren Nutzen zöge. Abschlussschwach waren sie bis dahin aber immer noch, und wie gesagt, es war Kevin Scheidhauer, der völlig frei zum Schuss kam, auch wenn nach der Flanke der Ball nur schwer zu nehmen war. In diesem offener werdenden Spiel wurde in einer Spielsequenz auch wieder erkennbar, wie anfällig eine aufgerückte Mannschaft des MSV für Konter ist.

Das Spiel hatte Schwung aufgenommen, auch der MSV bekam etwas Raum. Ein Angriff wurde druckvoll vorgetragen, im Strafraum abgewehrt und schon lief der Konter, gegen den die Defensive machtlos wirkte. Ein einziges Mal kam das vor. Das nur angemerkt für all diejenigen, die glauben, der MSV hätte offensiver agieren müssen. An der Stelle war deutlich zu sehen, warum das ein ganzes Spiel nicht gelingen kann.

In solch einem Spiel wie gestern gibt es nur wenige Torchancen. Wenn die nicht genutzt werden, darf kein Gegentor fallen, sonst geht das Spiel verloren. Dieses Gegentor fiel mit Hilfe des Schiedsrichters, der den Elfmeter pfiff. Das zweite Tor wäre eine unbedeutende Zugabe geworden, wenn es nur nicht wieder Michael Ratajczaks gegenwärtiges Leistungsvermögen in den Blick gerückt hätte. Bei solchen Schüssen aus einer Distanz von knapp außerhalb Strafraums macht er momentan oft keine gute Figur.

Zu dem Zeitpunkt spielte die Mannschaft des MSV schon nur zu zehnt. Andreas Wiegel hatte verletzt ausscheiden müssen. Das Wechselkontingent war ausgeschöpft. Die Verletztung erweist sich heute als Kreuzbandriss, und das ist die andere bittere Nachricht, weil Andreas Wiegel in seinem ersten Spiel nach der letzten langen Verletzung sich mit einer starken Leistung präsentierte. Die Verletztung war die Folge eines Fouls von Marc Rzatkowski, für das er die gelbe Karte erhielt. Damit war er gut bedient. Es war eines jener Fouls, bei denen im Ansatz klar ist, der Gegenspieler ist das Ziel und der soll das gefälligst spüren. Diese Verletzung steigert den bitteren Nachgeschmack der Niederlage ins Unerträgliche.

Vergessen wir das alles wieder. Nur so entsteht nicht das Gefühl von Vergeblichkeit. Nur so lässt sich das Glück trotz der kleinen Fehler im Spiel des MSV auch manchmal zwingen. Am besten am nächsten Sonntag schon.

Endspielbereit bei bestmöglicher Grundlage

Was wie der typische Parkplatz von einem der vielen Toys-Dingenskirchens Deutschlands aussieht, ist in Wirklicheit der inoffizielle Autobahnhof nahe der A3, Abfahrt Köln-Dellbrück. Die Disponenten der privaten Zebraverkehrsbetriebe hatten am Sonntag eine Verbindung von Bergheim nach Erfurt eingerichtet mit Zwischenstopp an diesem Zu- und Umsteigeplatz. Die wollte ich um etwa 8.30 Uhr nehmen. Der MSV Duisburg spielte bei Rot-Weiß Erfurt. Aber sonntags auf diesem menschenleeren Platz im Nirgendwo an der Bergisch-Gladbacher Straße einen Tag lang ein Fahrrad abzustellen, schien mir kein guter Gedanke. Präsentationsfläche und Mitnahmemarkt klangen mir ununterbrochen im Ohr.

So rollte ich auf der Suche  nach einem einigermaßen sicheren Abstellplatz auf dem benachbarten REWE-Parkplatz ein. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich drei junge Männer an einem Auto und im selben Moment wurde ich mit „allez, allez MSV“ begrüßt, und, klar, fragt einer mit Wurzeln im Pott sofort trocken, ob ich meine, mit dem Fahrrad noch bis zum Anpfiff nach Erfurt zu kommen? Das klang nach Heimat. Wenn wir Anhänger des MSV Duisburg uns mit einer zweiten Direktverbindung Köln-Erfurt schon frühmorgens auf der Schäl Sick als Massenbewegung fühlen konnten, ließ das noch sehr viel mehr heimatliche Begegnungen in Erfurt erwarten, Wenig später hatte ich meinen Abstellplatz gefunden, die Fahrt konnte beginnen und all die Autos mit Zebrafans, denen wir auf dem Weg begegneten, steigerte die Vorfreude auf das Spiel.

Keine Frage, der Verkehrsstrom nach Erfurt zeigte, zur Rückkehr in die Zweite Liga war nicht nur die Mannschaft entschlossen. Anspannung spürte ich nicht. Seit einiger Zeit bin ich mir vor den Spielen sicher, das Vorhaben Aufstieg wird gelingen. Seit einiger Zeit bange ich aber auch um diese Sicherheit in den Spielen selbst immer wieder. Ich hoffte, auf eine schnelle sichere Führung, damit meine Nerven dieses Mal geschont blieben. Der MSV tat mir zunächst den Gefallen. Welch druckvolle erste Minuten zeigte die Mannschaft. Sie wollte dieses frühe Tor auch. Den Erfurtern blieb kaum Zeit, sich mit Ball und Spiel vertraut zu machen. Sie stopften Löcher und das meist vergebens. Eine Großchance vergab Kevin Scheidhauer mit einem halbgaren Schuss weit über das Tor. Kurz danach kam er er erneut zum Abschluss. Der Ball war sehr viel schwieriger zu nehmen, kam dafür aber auch genau aufs Tor. Der Erfurter Torwart klärte. Das 1:0 schien eine Frage der Zeit zu sein. Kingsley Onuegbu erzielte dann dieses Tor schon in der elften Minute und machte es zu einer Art persönlicher Leistungsschau. Der halbhohe Pass kam in seinen Lauf. Die perfekte Annahme, zusammen mit dem gleichzeitig an ihm abprallenden und niedersinkenden Abwehrspieler plus Torschuss bei leichter Verdrehung des Körpers gegen die eigentliche Laufrichtung, all das zusammen wirkte wie die Essenz seines Spiels. Großartig.

Weil die Erfurter alles in allem in der Offensive vollkommen harmlos blieben, selbst wenn sie das Mittelfeld einmal schnell überspielt bekamen, machte ich mir keine Sorgen. Einen steilen Pass allerdings brachten sie an den Strafraum. Der Erfurter Spieler kam ins Straucheln. Steffen Bohl war bei ihm und konnte nicht verhindern, dass dieses Straucheln zum Rutschen in den Strafraum wurde. Der Schiedsrichter überlegte einige Zeit, welche Zusammenhänge es gab und musste irgendetwas entscheiden. Da nahm er der Einfachheit halber den Elfmeter. So ungefähr sah der Verlauf dieser Spielszene aus. Beunruhigt hat mich dieser Elfmeter nicht. Wenn der Ausgleich fiele, war es für mich nur eine Frage der Zeit, bis der MSV erneut in Führung ginge. Es kam aber noch besser. Michael Ratajczak hielt den zentral geschossenen Ball. Der MSV führte weiter. Nun konnte die Mannschaft ohne Druck das zweite Tor nachlegen, so dachte ich. Doch weit gefehlt.

Vielleicht war die Erleichterung der Spieler über den gehaltenen Elfmeter zu groß? Vielleicht war kurz die Sorge aufgeblitzt trotz Überlegenheit könne doch etwas schief gehen? Aus der Sorge ergab sich vielleicht Vorsicht? Der MSV ließ die Erfurter jedenfalls mehr ins Spiel kommen. Passte die Erfurter den Ball im Mittelfeld quer, wurde einen Moment früher als in der Anfangsphase beim Anlaufen abgedreht. Eigene Pässe wurden überhastet aus gefährlichen Zonen gespielt. Es gab Momente des Spiels, in denen ein oder zwei Minuten von beiden Mannschaften Fehler auf Fehler geschahen, und Ballkontrolle die Eigenschaft einer anderen Sportart zu sein schien.

Da war es also wieder geschehen. Die Mannschaft und ich hatten unsere Sicherheit im Spiel verloren. Bei mir führt das inzwischen zu einer übersteigerten Bedrohungswahrnehmung. Je länger das Spielgeschehen offen wirkt, desto gefährlicher nehme ich jede Bewegung Richtung Tor des MSV Duisburg wahr. Gelangt ein Ball gar in den Strafraum falle ich in Schockstarre, die sich in Übersprunghandlungen löst. Meine Stadionnachbarn haben blaue Flecken auf den Rücken, anderen habe ich die Schultern mit meinem Angstsschweiß getränkt. Ein Lob den geduldigen Menschen, die mich durch ein Spiel begleiten.

Nach der Halbzeitpause kämpfte der MSV sehr darum, das Spiel wieder an sich zu reißen. Mit aller Kraft wollte die Mannschaft verhindern, dass die Erfurter noch druckvoller wurden. Das Spiel wirkte wahrscheinlich gerade wegen dieser Anstrengung nicht richtig flüssig, Der Mannschaft war es aber gelungen, die Ballkontrolle wieder zum Wort der Fußballersprache zu machen. Erneut ließen sich aber einzelne Pässe in die Schnittstellen der Defensive nicht verhindern. Michael Ratajczak stellte zwei Mal im eins gegen eins die Erfurter Stürmer und verhinderte den Ausgleich. Branimir Bajic klärte immer wieder souverän. Auch der MSV hatte seine Chancen. Kevin Wolze hob einen Freistoß knapp außerhalb des Strafraus  gefühlvoll über die Mauer. Der Ball ging an die Latte. Ein Kopfball von Steffen Bohl wurde auf der Linie geklärt. Meine Nervosität wuchs. So dringlich hoffte ich auf das erlösende zweite Tor.

Der King leitete dieses Tor ein. Wahrscheinlich wird der Erfurter Defensivmann niemals mehr glauben, er könne an seiner rechten Außenlinie in Ruhe den Ball nach vorne bringen, nur weil ein potientiell anlaufender Stürmer sich gerade in der Mitte befindet. Kühl wollte er sein, seine Automatismen abrufen. Doch dann kam der King. Wenn er als erster Mann der Defensive sprintet, sieht das nicht sehr schnell aus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er einem Defensivspieler den Ball abjagen soll. Er soll den aufbauende Spieler irritieren, ihn zwingen, unpräzise abzuspielen. Doch offensichtlich hatte der Erfurter Spieler den King unterschätzt. Weniger sein Tempo als seinen Einsatzwillen. Er scheint nicht geglaubt zu haben, der King könne ernst machen. Mit einem Mal stocherte der ihm schon zwischen den Beinen  herum, und der Ball war erobert. Der schnelle Pass auf den heransprintenden Martin Dausch folgte. Der trieb ihn weiter Richtung Strafraum. Die Flanke kam wunderbar auf den mitsprintenden Zlatko Janjic und weil der in Dresden die Generalprobe für dieses Tor vermasselte, klappte die Erfurter Premiere um so besser. Was für eine Erleichterung. Das war der Sieg. Daran bestand kein Zweifel. Die bestmögliche Grundlage für das Endspiel um Platz 2 am nächsten Samstag war geschafft. Meinen Stehplatzkumpeln rate ich schon jetzt zu Schulterpolstern und Rückenpanzern.

Wenig Worte – viele Fotos

Nach dem 2:0-Sieg gegen Rot-Weiß Erfurt muss ich es anders machen als nach dem Auswärtssieg gegen Dresden. Erst kommen die Fotos und später meine Worte zum Spiel. So ganz habe ich noch nicht zurück gefunden zur Stimmung, die für das Schreiben nötig ist. Ich bin ein wenig erschöpft – sowohl von der Siegesfreude als auch von meiner leichten Nervositätshysterie, die ab etwa der 30. Minute bis zum Moment des zweiten Tores trotz aller zuversichtlichen Konzentriertheit des Morgens bei mir ausgebrochen war. Die Autofahrt als weiterer Grund nicht zu vergessen, mit einem herausfordernden Stau bei Leverkusen kurz vor dem Ziel. Ich lass also erstmal Bilder sprechen und erhole mich weiter. Samstag, so viel ist gewiss, wird alle Kraft wieder nötig sein.

Die Losung der Stunde nach dem Heimsieg

Damit eines vorab klar ist, Kingsley Onuegbu erzielte nicht nur zwei Tore an diesem Spieltag und war wieder einer der besten Spieler auf dem Rasen. Er sprach zudem die wichtigsten Worte dieser Zeit nach dem Spiel. Seine Worte unterschreibe ich sofort: „Für mich ist es ganz wichtig, ich will diese schöne Spiele nicht mehr, sondern für mich ist es ganz wichtig, dass wir drei Punkte holen. Egal wie, ob mit der Hand, ob mit dem Fuß, egal, Hauptsache das Ball geht rein, scheißegal wie, Hauptsache drei Punkte, egal wie, immer.“ (Ab Minute 5.44)

Rumms! Das war eine klare Ansage. Deutlich in der Wortwahl und offen im Bekenntnis zum Ganzkörpereinsatz bei gleichzeitigem Schiedsrichter-Blackout. Aber wir wissen, wie er es gemeint hat, und wir wissen auch, der King hat recht. Wenn solche Worte momentan ein Spieler dieser Mannschaft sagen darf, dann ist es Kingsley Onuegbu. Denn für das Verkünden solcher Worte gibt es unausgesprochene Regeln. Paradoxerweise gehört dazu, dass einzelne Spieler einer Mannschaft auch mal besonders gut und damit oft auch schön spielen, und diese Spieler können dann problemlos solche Worte sagen – selbst wenn damit die Wahrheit des gerade vergangenen Spiels stellenweise verschleiert wird.

2:0 hat der MSV Duisburg gegen Fortuna Köln gewonnen. Dieser Sieg war ein Pflichtsieg. Er war besonders wichtig, weil der MSV Duisburg bislang schon zu oft seine Pflicht in Spielen gegen Mannschaften der unteren Tabellenhälfte nicht erfüllte und sich mit einem Unentschieden begnügen musste. Der MSV Duisburg spielte tatsächlich nicht schön, genauer gesagt, der MSV spielte einen Teil der zweiten Halbzeit nicht schön. Doch eigentlich müssen wir noch genauer sein. Für eine halbe Stunde etwa spielte der MSV Duisburg nicht „nicht schön“ sondern schlecht. Und das ist ein beträchtlicher Unterschied, den auch MSV-Trainer Gino Lettieri wahrnimmt, wie auf der Pressekonferenz nach dem Spiel erkennbar wird.

Dabei sahen wir die erste Halbzeit ganz entspannt. Die Zebras hatten das Spiel im Griff, und die Fortuna strahlte aus dem Spiel heraus keinerlei Gefahr aus. Der MSV ging seine Pflichten also konzentriert an, auch wenn Torgefahr zunächst ausblieb. Ich hatte den Eindruck, die Defensive der Fortunen ließ den Zebras nach deren Balleroberungen geradezu zu viel Raum. Es schien mir, als hätten die jeweiligen Ball führenden Spieler, je näher sie zum Straufraum kamen, zu viele Möglichkeiten den Angriff abzuschließen. Selbst gehen, den nächst stehenden Mann anpassen oder doch den noch freieren übernächsten Spieler? Zu solchen Gedanken schienen die Offensivspieler die Zeit zu haben, und schnelle Spielzüge wurden nicht sauber ausgespielt. Entsprechend fiel das Führungstor durch den King auch nach einem weiten Ball, der einmal aufsprang und den er danach über den herauseilenden Torwart hinwegspitzelte. Ein Tor begleitet von einem Hauch Überraschung und Kuriosität.

Gefährlich wurde Fortuna Köln nur nach Einwürfen in die Nähe des Fünfmeterraums. Denn diese Bälle fielen oft erst einmal zu Boden. Gestocher in dieser Zone wirkt immer gefährlich. Wir konnten ja nicht wissen, dass die Fortuna dieses Mal ohne Spieler anreiste, die wissen, wie aufs Tor geschossen wird und wo man dazu stehen muss. Diesem Manko alleine ist es zu verdanken, dass in der zweiten Halbzeit der Ausgleich nicht fiel.

Wenn Fortunas Trainer Uwe Koschinat auf der Pressekonferenz von einem für den MSV ruhigen Nachmittag im Strafraum spricht, hätte er mal von der 50. bis zur 83. Minute bei uns auf den Rängen stehen sollen. Da war aber jegliche Gelassenheit der blanken Sorge gewichen, dass wieder einmal einem spielerisch so limitierten Gegner der Ausgleich gelingt. Dieser Ausgleich schien in diesen Minuten jederzeit möglich. Denn der Ball kam viel zu oft in die Nähe des  Duisburger Fünfmeterraums. Irgendein zufällig herbeistolpernder Fortune hätte genügt, um ein Tor zu machen. Souverän war der MSV zu dieser Zeit nicht mehr. Nicht durch die eigene Leistung wurde die Führung gehalten, sondern durch die katastrophale Qualität der Fortuna beim Offensivspiel an diesem Tag.

Vereinzelt kam der MSV nur noch vor das Tor der Fortuna, obgleich bei jedem Angriff die Hoffnung auf das zweite Tor für den sicheren Sieg bei uns groß war. Schließlich schien das Können der einzelnen Spieler des MSV so viel größer zu sein als das von den Spielern der Fortuna. Dennoch brauchte es einen Freistoß für das zweite Tor in Verbindung mit  der Unsicherheit des Linienrichters, ob Steffen Bohl den von Martin Dausch getretenen Freistoß noch berührte und damit Kingsley Onuegbu im Abseits stand. Das Tor wurde gegeben, und die Erleichterung auf den Rängen war überall spürbar. Zwischendurch hatte es zwei-, dreimal auch dort dieses Aufbäumen gegeben. Plötzlich war das Stadion da und versuchte die Mannschaft zu wecken, sie ihrem zu langsamen Tempo zu entreißen, sie aus diesem gefährlichen Trott herauszuschreien, den jeder Mannschaftssportler kennt.

In solchen Momenten weiß man als Spieler, eigentlich ist das eigene Tempo für dieses Spiel zu gering. Eigentlich muss man intensiver spielen, schneller sein. Im Kopf und auf den Beinen. Doch ständig kommt man irgendwo auf dem Spielfeld einen Schritt zu spät, eigene Pässe kommen einfach nicht mehr an, man lässt sich einfach überspielen, und anstatt sich aufzuschwingen, wird man immer weiter herabgezogen. Auch auf den Rängen wissen wir also, um was es geht. Wir brauchen kein schönes Spiel, wir wollen drei Punkte. Immer. Damit das Unaussprechliche wirklich wird, egal wie, egal mit welchem Begleitprogramm. Mickie Krauses Drohung wiederzukommen beim Unaussprechlichen, zeigt mir, auch wir auf den Rängen müssen eben alles geben. Wenn es sein muss, höre ich mir also den Typen vor, während und nach jedem der kommenden Spiel an. Alles für den MSV, alles für das Unaussprechliche.

Ein Sieg als Mittel zur besseren Menschenkenntnis

Frisch Verliebte, Personalchefs, WGs auf Mitbewohnersuche, eigentlich jeder, der mehr über die Persönlichkeit von einem Fan des MSV Duisburg erfahren möchte – alle mal gut herhören. Dieser 2:1-Auswärtssieg des MSV Duisburg beim Halleschen FC ist ein besonderes Spiel für euch. Denn jede Meinung zu diesem Spiel sagt mehr über den Sprecher aus als über das Spiel selbst.

Festhalten darf man, dieser Sieg war wegen der Chancen des Halleschen FC in der zweiten Halbzeit ein etwas glücklicher Sieg. Je mehr der Spielbeobachter mit dem Halleschen FC verbunden ist, desto glücklicher. Auch ich gehörte zu denen, die den Spielverlauf mit dem Hallenser Fanradio erlebten, durch das Aufstöhnen der beiden Fan-Reporter, deren Schimpfen auf den Schiedsrichter und deren Wehklagen über vergebene Chancen. Auf diese Weise war die Reportage für uns in Duisburg eigentlich kaum aufregend. Meist bekamen wir erst mit, was passierte, wenn der Misserfolg des Halleschen FC schon festgestanden hatte.

Früh schon hatten wir uns über die Führung freuen können. Steffen Bohl war in der fünften Minute im Strafraum durch den Torwart gefoult wurde. Die Folge: die rote Karte für den Torwart und ein Elfmeter, der durch Zlatko Janjic sicher verwandelt wurde. Sehr zuversichtlich schienen wir dem Rest des Spiels entgegen sehen zu dürfen. Wenig später allerdings musste Steffen Bohl verletzt ausgewechselt werden. Er war beim Foul auf die Schulter gefallen. Kevin Scheidhauer war nicht einmal mit nach Halle gefahren. Er war krank. So deutete sich in dieser ersten Halbzeit auch ohne ein einziges Bild und nur mit der etwas kärglichen Reportage an, dass der MSV Duisburg die Überzahl nicht in Spielüberlegenheit ummünzen konnte. Es war mehr ein Gefühl, als dass ich wirkliche Belege dafür bekam. Ein Gefühl, das entstand, weil keinerlei torgefährliche Situationen der Zebras geschildert wurden. Andererseits war in dieser Halbzeit anscheinend auch vom Halleschen FC wenig zu sehen. Der Spielbericht im Kicker bestätigt im Nachhinein dieses Gefühl.

Das änderte sich in der zweiten Halbzeit, als immer wieder enttäuschtes Aufschreien der Fan-Reporter von vergebenen Chancen kundete. Erst kurz vor Schluss gelang der entscheidende Konter, den Rolf Feltscher mit einem langen Sprint einleitete  und den Kingsley Onuegbu kühl verwandelte. Es folgte ein kurzer Schreck, weil tatsächlich noch ein Gegentor fiel. Doch fast sofort danach wurde abgepfiffen. Das war also ein Auftakt nach der Winterpause, wie wir ihn uns vom Ergebnis gewünscht haben. Meine Freude überwog, auch wenn mir ein früheres zweites Tor sehr viel lieber gewesen wäre. Es blieb abzuwarten, ob die Mannschaft tatsächlich so wenig überzeugt hatte, wie die beiden Fan-Reporter uns glauben machen wollten.

Jedes weitere Reden über das Spiel hängt nun eng mit der Persönlichkeit des Redenden zusammen. Das Ziel für diese Saison ist schießlich klar, und wie schön wäre es gewesen dieses erste Spiel hätte durchweg Sicherheit gegeben, dieses Ziel auch zu erreichen. Überlegen wir genau, wäre diese Sicherheit selbst bei einem überlegenen Sieg nur Illusion gewesen. Es scheint mir etwas übertrieben zu sein, von diesem einzigen Spiel der Mannschaft auf deren Möglichkeiten für den ganzen Rest zu schließen. Aber zugegeben, schnell gerate auch ich beim Reden in diese Wenn-Dann-Wirklichkeiten. Zwei Haltungen sind dabei nach dem Sieg gegen Halle möglich. Wenig überraschend lautet zugespitzt die eine, mit solch einer Leistung werden wir nie aufsteigen. Die andere dagegen lautet, wenn wir solche Spiele kühl gewinnen, werden wir aufsteigen. Im Wesenskern geht es also um Pessimismus und Optimismus. Sehe ich den bisherigen Verlauf der Saison, lässt sich weder auf der einen Deutung des Spiels noch auf der anderen eine Wahrscheinlichkeitstheorie begründen. Zu sehr hängt die Leistung der Mannschaft von der Entwicklung eines jeden Spiels ab, zu viel Zufall spielt in dieser Dritten Liga in den Spielen eine Rolle.

Wer allerdings meint, gerade das Spiel in Überzahl liefert ihm Argumente für ein besonderes Versagen der Mannschaft, dem seien die Überlegungen des Physikprofessors Metin Tolan ans Herz gelegt.  Es ist schon einige Zeit her, dass ich mir mal dessen Überlegungen über den durchschnittlichen Nachteil einer roten Karte angesehen habe. Das war eins von vielen Fußballthemen, die sich Metin Tolan aus der Perspektive des Physikers vorgenommen hatte. Intuitiv kennen wir dessen Ergebnis, weil wir von genügend Spielen wissen, die eine Mannschaft in Unterzahl überlegen gewonnen hat. Kurzum: Statistisch gesehen muss jeder Spieler der bestraften Mannschaft nur 5 Prozent mehr Meter laufen, um den Nachteil der roten Karte wieder auszugleichen. Anscheinend ist das der Mannschaft des Halleschen FC gelungen.

Natürlich haben wir uns alle ein überlegeneres Spiel der Zebras gewünscht – nicht zuletzt Gino Lettieri. Ich finde seine Reaktion bei der Pressekonferenz nach dem Spiel sehr sympathisch. Man kann den Eindruck gewinnen, ihm ist es sogar etwas unangenehm, dass seine Mannschaft nach diesem Spielverlauf gewonnen hat. Gleichwohl möchte er nicht zu kleinlaut wirken und so fügt er seine Worte der Freude auf etwas ungewöhnliche Weise zusammen: „Trotzdem Gratulation, dass die Mannschaft – auch in Überzahl muss man sagen – das Ergebnis gehalten hat.“

Einen weiteren Duisburger Gewinner hatte dieser Spieltag dann  noch, obwohl dieses Team spielfrei hatte. Fan-Engagement verdient Respekt, und wenn ich nun noch Worte über ZebraFM verliere, soll das nicht bedeuten, dass ich den Machern vom Fan-Radio in Halle keinen Beifall spende. Schließlich engagieren auch sie sich sehr und es war ihr Verdienst, dass auch wir in Duisburg einen Eindruck vom Spiel erhielten. Allerdings bin ich in Duisburg sehr verwöhnt durch die Reportagen bei ZebraFM. Im Vergleich mit dem, was wir aus Halle gehört haben, sehen wir, welch große Kunst es ist, bei den Hörern Bilder vom Spiel im Kopf entstehen zu lassen nur durch Worte des Moments. Wir konnten  sehen, wie schwierig es ist, erst mitzuteilen, was geschieht und sich dabei gleichzeitig mitreißen zu lassen, engagiert zu sein, als Reporter Fan zu sein, als Fan Reporter. Wir konnten sehen, wie schwierig es ist, in der Begeisterung kritisch zu sein und Distanz zum Geschehen zu haben. Prasselnder Applaus von mir für diesen Gewinner des Spieltags, der spielfrei hatte.

Und das noch: Mit einem Klick geht es weiter zu einem ausführlichen Spielbericht bei PPQ aus Hallenser Perspektive.

Vor dem Spiel gegen SV Wehen Wiesbaden: Stehblog fragt – Kees Jaratz antwortet

Im Stehblog schreibt Gunnar über „SV Wehen Wiesbaden, FC Bayern München und manchmal Fußball“. Vor dem Spiel des MSV Duisburg am Samstag gegen den Drittligisten in dieser Themenreihe hat er mir ein paar Fragen gestellt. Einen Teil des Interviews nehme ich mit hierhin, weil damit auch Positionsbestimmungen verbunden waren.  Den Anfang des Interviews habe ich mal weggelassen. Wer ich bin, wisst ihr ja, und weitere Worte über mein neues Buch  111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen  braucht ihr wahrscheinlich auch nicht mehr.  Wenn ihr Ergänzungen zu meinen Antworten habt oder etwas anders seht, gerne auch weiterklicken zum Stehblog und dort kommentieren, damit in Wiesbaden das Wissen über den MSV vermehrt werde. Wenn ihr hier kommentieren wollt, kopiere ich es aber gerne auch und poste es dort noch einmal.

Reden wir über den MSV Duisburg. Traditionsverein, Bundesliga-Gründungsmitglied, 28 Jahre in der höchsten Spielklasse zuhause – und jetzt schon im zweiten Jahr nur in der Dritten Liga am Start. Schmerzt das noch sehr oder bist Du froh, dass es nach der Beinahe-Insolvenz im letzten Jahr überhaupt noch Profifußball in Duisburg gibt?

Weder noch, ich mache mir darüber keine Gedanken mehr. Da bin ich ganz bei den Fußballprofis mit ihren Standardantworten nach Niederlagen. Abhaken, Mund abwischen, wir stehen, wo wir stehen, nach vorne sehen. All das. Das ist für mich das Angenehme beim Fußball. Er zwingt in die Gegenwart. Es nutzt kein Blick zurück. Es nutzt kein Blick zwei Spiele weiter. Das nächste Spiel ist immer das, um das es geht.

Hilft bei der Einordnung auch die Erfahrung aus den 80er Jahren, als der MSV schon mal für drei Jahre in die damals drittklassige Oberliga abgetaucht war?

Das mag erst einmal so scheinen. Doch im Grunde ist der Fußball der Gegenwart gegenüber dem von Anfang der 1980er Jahre doch ein anderer Sport geworden. Damals in der dritten Liga, das war in Teilen Sport auf dem Dorf am Niederrhein. Was heute vielleicht fünfte Liga ist. Zudem hatte der Verein seinerzeit einen kontinuierlichen Niedergang durchgemacht und großen Bedeutungsverlust erfahren. Das ist mit der Situation heute nicht vergleichbar. Die Bedeutung des MSV hat sich im letzten Sommer mehr als deutlich gezeigt, und die 3. Liga ist eine professionelle Unternehmung.

Lass mich aber noch etwas sagen, was eigentlich zu weit führt, aber mir automatisch in den Sinn kommt, wenn von der Oberliga-Zeit die Rede ist. In dem Zusammenhang muss einfach der Mann genannt werden, dessen Energie und Tatkraft es überhaupt zu verdanken ist, dass es für den MSV Duisburg wieder nach oben ging: Dieter Fischdick, Meidericher, SPD-Ratsherr, MSV-Anhänger wollte den Niedergang des MSV nicht hinnehmen, wurde MSV-Präsident und organisierte die für Erfolg notwendige Stabilität im Verein. Er starb, gerade mal Ende 50, während einer Pressekonferenz vom MSV. Wenn ich an ihn erinnere, geht es mir darum, dass in Vereinen wie dem MSV Duisburg letztlich solche Menschen Verantwortung tragen müssen, die sich um der Sache Willen einsetzen. Und da sind wir dann doch bei der Orientierungshilfe. Seit dem Sommer letzten Jahres gibt es sie erneut.

Die letzte Saison begann nach der Last-Minute-Rettung turbulent, Trainer Kosta Runjaic verließ den Verein und der Kader konnte erst spät zusammengestellt werden. Trotzdem gelang eine verhältnismäßig ruhige Saison, die der MSV überwiegend in der oberen Tabellenhälfte verbrachte. War das angesichts der Situation das Optimum oder hatte man in Duisburg insgeheim mit der direkten Rückkehr in die Zweite Liga geliebäugelt?

Hoffen darf man als Anhänger seines Vereins so etwas doch immer, und das ansprechende Offensivspiel zu Beginn der Saison übertraf ja alle Erwartungen. Doch eines war klar, das Offensivspiel führte zur scheunentoroffenen Defensive. Die Abwehr wurde dann zwar stabilisiert, die Kosten in der Offensive waren aber zu hoch. Ab Mitte der Saison war abzusehen, eine Entwicklung hin zu einem erfolgreicheren Gleichgewicht wird es nicht geben. Ich kann das nicht beurteilen, ob ein anderer Trainer erfolgreicher gewesen wäre. Sieht man sich die drei Aufsteiger an, scheint es mir aber so: alle drei spielten mit einer stärkeren Besetzung als sie der MSV vorweisen konnte. Das ist in dieser Saison ganz klar anders. Es gibt keine Mannschaften, deren Spielanlage deutlich die der anderen überlegen ist.

Man trennte sich jedenfalls von Trainer Karsten Baumann und holte Gino Lettieri, den wir hier aus seiner Zeit beim SVWW natürlich noch gut kennen. Wie schlägt er sich bisher, wie ist Dein Eindruck von ihm?

Nach der Niederlage in Kiel gibt es zum ersten Mal eine Durststrecke für die Mannschaft und ihn. Grundsätzlich sah es bisher so aus, als habe er der Mannschaft zu einer guten Struktur verholfen. Es fällt allerdings auf, dass das Offensivspiel in den letzten Wochen zu wünschen übrig lässt. Oft wirkt es so, als fehlten klare Bewegungsabläufe.

Als seine Neigung erkennbar wurde, Positionen der Mannschaft immer wieder neu zu besetzen, musste ich an die kritischen Stimmen bei euch denken. Grundsätzlich gehört das ja in Teilen zum modernen Fußball, der Spieler einsetzbar auf allen Positionen, gewöhnungsbedürftig ist es aber dennoch, wenn jedes Spiel die Abwehrreihe neu formiert ist. So lange die Mannschaft erfolgreich ist, gibt es dazu höchstens erstauntes Raunen. Im Misserfolgsfall wurde das in den Foren auch schon thematisiert. Das ist etwas Grundsätzliches, ungewöhnliche Maßnahmen brauchen mehr Kommunikation, damit das Umfeld nicht unruhig wird. Bislang war seine Erklärung, Verletzungen hätten diese Umstellungen notwendig gemacht. Für alle Umstellungen gilt das aber nicht. Da bleibt etwas offen, was nur Erfolg nicht zum Problem werden lässt.

Nicht nur neben, sondern auch auf dem Platz finden wir mit Zlatko Janjic und Steffen Bohl bekannte Gesichter. Was kannst Du uns von den beiden berichten?

Steffen Bohl sollte wahrscheinlich Gino Lettieris wichtigster Spieler sein, gerade auch weil er eben auf jeder Position einsetzbar ist. Es gab ein Spiel, in dem er über die Zeit von der Verteidigerposition über das Mittelfeld in den Sturm gewechselt ist – je nachdem, wer gerade ausgewechselt wurde. Er ist Mannschaftskapitän, aber Oberschenkelprobleme sind nun zum Muskelriss geworden. Er ist also am Samstag nicht dabei.

Für eine Offensive, die mit Einzelaktionen zum Ziel kommen will, ist Zlatko Janjic unverzichtbar. Technisch stark, das wisst ihr selbst. Andererseits schaut er nach meinem Geschmack oft zu früh hilfesuchend zum Schiedsrichter. Das ist natürlich dem mangelnden Mannschaftsspiel in der Offensive geschuldet. Sich gegen drei Leute durchzusetzen, kann überfordern. Ein Teil seiner Tore sind Freistoßtore und Elfmeter gewesen. Wieviel genau, weiß ich jetzt nicht. Auch daran ist zu erkennen, dass es aus dem Spiel heraus momentan hapert.

Janjic ist mit bisher sieben Treffern der beste Torschütze, während Kingsley Onuegbu, der Torjäger der vergangenen Saison, erst ein Tor erzielen konnte. Woran liegt’s? 

Schon in der Rückrunde der letzten Saison spielte Kingsley Onuegbu immer schlechter. Ich will das weniger mit Toren belegen als mit seinem Ballgefühl. Denn dass er nach der starken Hinrunde bei besonderem Augenmerk der Gegner-Defensive weniger Tore erzielt, scheint mir verständlich zu sein. Aber es liegen Welten zwischen seiner Ballannahme in den ersten Monaten in Duisburg und dem, was er momentan kann. Wenn seinerzeit der Ball am Fuß klebte, springt er jetzt meist fort. Warum? Auch das als Unsicherheit wegen vermehrter Arbeit der Defensive? Ich weiß es nicht.

Aktuell liegt der MSV nur auf Platz 10, aber der Abstand zum Tabellenführer Preußen Münster beträgt gerade mal vier Punkte. Sollten Janjic und Onuegbu beide regelmäßig treffen, wäre Duisburg ein ganz heißer Aufstiegsfavorit, oder?

Tatsächlich glaube ich nicht, dass Onuegbu so bald wieder regelmäßig spielt. Kevin Scheidhauer hat ihn erst einmal verdrängt. Du berührst aber den wunden Punkt im Spiel des MSV. Die Mannschaft kommt zu keinen klaren Torchancen. Und starke Abwehrreihen hat diese Liga nun genug. Andererseits fühlt sich die Mannschaft schon selbstbewusst genug, um oben dabei zu sein. Ob mit Recht, ist schwierig vorherzusagen. Momentan fehlt es weniger an Torschützen als an Ideen, Spieler dorthin zu bekommen, wo sie überhaupt Torschützen werden können. Es fällt auf, dass das Offensivspiel oft Stückwerk bleibt und Einzelaktionen zu sehen sind. Ich denke, da ist der Trainer für Lösungen gefragt.

Zum Abschluss noch was ganz anderes. An Stadien mit Sponsorennamen hat man sich ja längst gewöhnt, aber Euer Stadion hat, mit Verlaub, einen der beknacktesten oder wenigstens umständlichsten Namen abbekommen. Sagt irgendein Fan jemals “Schauinsland-Reisen-Arena” oder bleibt es einfach beim Wedaustadion, was vorher an gleicher Stelle stand?

Tja, wenn Unternehmen, die sponsern, lange Namen besitzen, wird das mit dem Stadion-Namen schwierig. Ich kenne niemanden, der das sagt, auch wenn Schauinsland-Reisen es mehr als verdient hätte. Gerald Kassner als Geschäftsführer des Reiseunternehmen ist auch so ein Duisburger, der sein Engagement im Fußball beim MSV auch als Engagement für die Lebensqualität Duisburgs in einen städtischen Zusammenhang bringt. Ihm geht es natürlich auch um eine Werbewirkung, aber wenn man die Mithilfe des Unternehmens bei der Rettung des MSV Duisburg sieht, erkennt man schnell, dass es für Schauinsland-Reisen um sehr viel als um das reine Geschäft gegangen ist. Wedaustadion als Name scheint mir allerdings auch allmählich zu verblassen. Ich habe eher den Eindruck, das Ganze wird namenlos: das Stadion, die Arena. Ich kann mich aber auch täuschen.

Zum Schluss der obligatorische Tipp, wie geht’s am Samstag aus? Und die Bonusfrage: auf welchen Plätzen stehen der MSV und der SVWW, wenn wir uns am 23. Mai zum letzten Saisonspiel wiedersehen?

Damit das Ziel gemeinsamer Aufstieg für den MSV nicht in die Ferne rückt, muss leider Gottes dein Verein am Samstag verlieren. Ein 1:0 ist ja wahrscheinlich. Danach können unsere Vereine dann wieder auf ihren getrennten Wegen am Projekt gemeinsamer Aufstieg weiterarbeiten. Bei der Feier wäre ich dann dabei.

Mögliche Folge der Aufregung bei einer Niederlage

Diese anrührende Mediengeschichte hat der MSV Duisburg beim Spiel in Kiel völlig vermasselt. Zwar wäre es nicht gleich der Wunderheilungs-Klassiker gewesen vom Lahmen, der wieder gehen kann, aber „Fieberfrei dank Zebra-Auswärtssieg“ als Schlagzeile klingt doch auch schon nicht schlecht. Stattdessen wurde der Heilungsverlauf meiner heftigen Erkältung verlangsamt durch die zusätzliche Belastung, die die letzten zehn Minuten des Auswärtsspiels bei Holstein Kiel für einen Hörer der Live-Reportage mit sich gebracht haben. Wer den Kieler Reporter hörte, konnte schon ein paar Minuten vor dem Tor Böses ahnen. Die mehr oder weniger dahinplätschernde Reporterstimme hatte die Dauertonlage Aufregung angeommen, während der Ball anscheinend nur noch in Richtung Tor von Michael Ratajczak lief.

Das Tor der Kieler in der 87. Minute war dementsprechend keine Überraschung, und nachdem wenig später die Chance auf den Ausgleich am Pfosten endete, dachte ich noch kurz enttäuscht, warum nicht während des Spiels schon immer wieder mal diesen Druck entfachen und schlief vollkommen erschöpft ein. 1:0 hat der MSV Duisburg bei Holstein Kiel verloren, und hört man Gino Lettieri auf der Pressekonferenz nach der Niederlage, war es das vorhergesagte enge Spiel mit einer zunächst zufrieden stellenden Leistung seiner Mannschaft. Bei WAZ/NRZ ist ein Tag später ein kritischerer Trainer erkennbar. Was sich als Mangel der Spielanlage dieser Mannschaft durch die Saison zieht, wird  auch von ihm benannt: „Bei uns fehlt die Ballsicherheit, wir haben zu viele Fehlpässe produziert“. Dazu kommt ein zweiter großer Mangel: „Fußball geht nicht aus dem Stand. Du musst immer weiter Gas geben. Bei unseren Aktionen gucken wir zwei Mal, zögern und schießen dann.“

Nach solchen Worten kann ich mir ein Bild vom Spiel machen, auch wenn ich nichts gesehen habe. Das kenne ich vom MSV Duisburg in dieser Saison. Nun gehört die erste Bemerkung Gino Lettieris in die Rubrik individueller Fehler. Bei der zweiten Bemerkung aber ist das nicht so eindeutig. Natürlich spielen auch hier individuelle Fertigkeiten eine Rolle, ungeachtet dessen kann es weitere Gründe für dieses Zögern geben. Ich denke an Vorgaben für das mannschaftliche Zusammenspiel, an Risikobereitschaft, an Selbstvertrauen. Spätestens dann ist Gino Lettieri mit im Boot bei der Suche nach Verbesserung.

Schon während des Spiels stellte sich sicher nicht nur für mich die Frage, warum Steffen Bohl spielte, wenn er erneut so früh hat ausgewechselt werden müssen. Das sah nach einer unglücklichen Entscheidung aus. Die Wiederholung einer frühen Auswechslung mag Zufall sein, Vertrauen weckt das nicht. Zudem war ich leicht enttäuscht, als Fabian Schnellhardt nicht von Anfang an spielte. Es gibt Gründe, die gegen seinen Einsatz sprechen. Das ist vor allem der Verlust an Defensivstärke. Dennoch gibt es angesichts der Offensivschwäche der Mannschaft auch Gründe für seinen Einsatz. Das Für und Wider abzuwägen ist sicher schwierig. Zum Thema mache ich ihn nur, weil Gino Lettieri selbst das „Zögern“ beim Abschluss erwähnt. Dabei denke ich an Risikobereitschaft, die einzelne Spieler besitzen, aber die auch der Trainer als Haltung seiner Mannschaft vorgibt. Risikobereitschaft heißt eben auch, bereit sein Fehler zu akzeptieren. Ich spekuliere über Gründe, wohl wahr, zu einem Befund, bei dem wir uns ja alle einig sind, die Mannschaft entwickelt nicht genug Torgefahr. Was im MSVPortal  für das Spiel in Kiel durch Generation Blue übrigens anschaulich zusammengefasst wird.

Es bleibt die Enttäuschung über die Niederlage und die Hoffnung, am nächsten Spieltag mit einem Heimsieg wieder zu beweisen, wie ausgeglichen die Dritte Liga in dieser Saison ist. Dabei fällt mir sogar noch die positive Geschichte über den MSV Duisburg zu diesem Spiel ein. Es geht ja auch so:

MSV Duisburg schafft Lebensqualität!

Hetze prägt normalerweise unseren Alltag. Noch bis vor kurzem galt das auch für den Anhänger des MSV Duisburg, Kees J.  Doch seine Zebras zeigten ihm, dass es auch anders geht. Mit einer schweren Erkältung lag er im Bett, als sein Verein mit 0:1 bei Holstein Kiel verlor. Die Aufregung in den letzten Minuten des Spiels machte Schluss mit jedem Tempo. Der Heilungsverlauf seiner Erkältung wurde endlich entschleunigt. „Seitdem kann ich das Fieber richtig genießen“, sagt Kees heute und lächelt zufrieden.

So erzählt klingt das Verlangsamen der Heilung doch gleich ganz anders. Alles nur eine Frage der Perspektive. Alles wird gut.

Ein großes Pokalspiel ohne glückliches Ende für den MSV

Heute morgen bin ich immer noch völlig erschöpft, nachdem für die lange Anspannung beim Pokalspiel des MSV Duisburg gegen den 1. FC Köln die Nacht viel zu kurz gewesen ist. Meine innere Leere aber füllen langsam die Worte. Gestern Abend noch habe ich mir nicht vorstellen können, einen einzigen Satz über das Spiel schreiben zu können.

Ich hatte das Elfmeterschießen gefürchtet und offensichtlich nicht nur ich. Mit Beginn dieses Elfmeterschießens schien das gesamte Stadion mit Ausnahme der Gästeblöcke wie gelähmt. Es war still geworden. Es gab nur noch Hoffnung und nicht mehr das Vertrauen auf das eigene Können. Wenn es uns auf den Rängen schon so geht, müssen Fußballspieler besondere Fähigkeiten haben, sich völlig aus der Gegenwart herauszuziehen in eine eigene Welt. Das gelang Dennis Grote und Zlatko Janjic nicht. Sie besaßen wie wir nur noch Hoffnung und waren sich ihres Schussvermögens nicht mehr sicher. Dem MSV Duisburg erging es gestern wie den Essenern im Niederrheinpokal. Auch die Essener mussten beim Elfmeterschießen auf die Gästekurve zulaufen. Auch die Essener spürten von jetzt auf gleich die ungeheure Last, dass dieses Weiterkommen im Pokal nur noch von wenigen völlig freien Schüssen abhängt. Auch die Essener hatten während des Spiels den klassenhöheren Gegner MSV an den Rand der Niederlage gebracht. So viel Einsatz war vergeblich geleistet worden, und nun hing alles von den freien Schüssen ab. Ich habe mir die ersten beiden Elfmeter vom MSV Duisburg nicht ansehen können. Für mich wie für die ersten beiden Schützen war dieses Elfmeterschießen zu viel.

Der MSV Duisburg hat dem 1. FC Köln ein offenes Spiel geliefert. Von Anpfiff an zeigte diese Mannschaft, dass sie sich zutraut dem zwei Klassen höher spielenden Gegner offensiv zu begegnen. Die Kölner waren zunächst viel zu sehr damit beschäftig, sich der Angriffe des MSV zu erwehren, als dass sie selbst in die Nähe des Duisburger Strafraums hätten kommen können. Erst nach einiger Zeit gelangen erste Angriffe und in jedem einzelnen Angriff blitzten überlegene individuelle spielerische Qualitäten der Kölner Spieler zwar auf, dennoch gelang es der Defensive des MSV diese Angriffe fast immer in ungefährliche Spielaktionen zu verwandeln.

Die Mannschaft des MSV hat so sehr als Einheit gewirkt, dass ich lange nachdenken muss, um mich an einzelne Spielaktionen zu erinnern. Das Spiel wogte hin und her und war im ständigen Fluss. Auch die Kölner wirkten in dieser ersten Halbzeit als einziger Körper, der sich mal hierhinschiebt und mal dorthin, der sich ausbuchtet, je nachdem, wo sich der Ball gerade befindet. Es gab kaum Ruhephasen. Ständig passierte etwas. Es war ein sehr gutes Pokalspiel, in dem es schließlich auch auf beiden Seiten zu Torchancen kam. Nur bei diesen Torchancen deutete sich der Klassenunterschied an, die der Kölner waren klarer herausgespielt und eine ihrer Chancen war zudem die größte des Spiels. Michael Ratajczak war schon in die eine Ecke gesprungen, während der Ball in die andere Richtung trudelte. Die Fußabwehr sah sehr nach einer Spitzentanzfigur im Liegen aus und womöglich wäre der Ball im Tor gewesen, trüge Michael Ratajczak zwei, drei Größen kleinere Fußballschuhe.

Wie wir erwartetet hatten, versuchte der FC in der zweiten Halbzeit überlegener aufzutreten. Man spürte das Bemühen, mehr Torgefahr zu entfalten und zu zeigen, welche Mannschaft zwei Ligen höher spielt. Ein paar der Kölner Spieler schienen dann genervt davon zu sein, dass sich der MSV Duisburg davon nicht beeindrucken ließ. Den Zebras gelang es immer wieder die vermeintliche spielerische Überlegenheit im Keim zu ersticken, auch wenn es einzelne Situationen gab, in der ein einzelner Kölner Offensivspieler drei, vier Duisburger Defensivspieler beschäftigte. Dennoch begann ich mir Sorgen zu machen, die augenblicklich verschwanden als der eingewechselte Slawomir Peszko die rote Karte erhielt. Ich nehme an, in der nächsten Session wird er als „Doof Nuss“ im Karneval auf die Bühne gehen. Ein Freistoß war den Kölner zugesprochen worden. War es Tim Albutat, der die schnelle Ausführung mit Dazwischenstochern behindern wollte? Peszko hatte schon zum Tritt ausgeholt und zog dann einfach durch, als der Ball wegkullerte und sich das Schienbein Albutats als Ballersatz anbot. Da lässt sich eine wunderbare Slapsticknummer draus machen. Am Timing müsste Tim Albutat dann nur ein wenig arbeiten. Er fiel etwas spät. Sei es drum. Köln spielte fortan mit nur zehn Mann sehr viel defensiver.

Geduldig versuchte der MSV diese dicht gestaffelte zwei Reihen auszuspielen. Für mich war es überraschend, dass das sogar besser gelang als in der 3. Liga. Die Mannschaft ging das Risiko ein, was nötig ist, um mit Pässen freie Räume zu nutzen. Dennoch gelang es nicht, die eine große, unfehlbar auszunutzende Torchance zu erspielen. Es war einfach schwierig, den Druck zu erhöhen und gleichzeitig defensiv keine Blößen zu geben.

Wie gefährlich die Kölner auch in Unterzahl sein können, zeigte sich in der Verlängerung. Ihr präzises Passpiel auch über große Strecken machte ihnen einen Konter möglich, bei dem Michael Ratajczak schon ausgespielt war und der Ball aus halbrechter Position langsam auf das leere Tor zurollte und ich schon verzweifelte über diese nun doch eintretende Enttäuschung, die aber erst einmal noch verschoben wurde. Unfassbar langsam kullerte der Ball an den Pfosten und die Siegchance war noch da.

Unfassbar waren auch die zwei Pfiffe, mit der der Schiedsrichter zwei Spielaktionen von Kingsley Onuegbu nacheinander am Ende der ersten Hälfte der Verlängerung unterband. Eine gelbe Karte zeigte er dem Spieler sogar nach dem ersten Pfiff. Was hat er da gesehen? In beiden Situation setzt sich der „King“ zwar eckig, aber ohne Foulspiel durch. Das waren Pfiffe nach Augenschein, aus Sorge ein kämpferisches Spiel könne in rohe Gewalt umschlagen. Anders kann ich es mir nicht erklären. Aus beiden Spielsituationen hätte Torgefahr entstehen können. Ich darf nicht darüber nachdenken, sonst wird aus Enttäuschung nur wieder Ärger.

Das Siegtor für den MSV fiel nicht mehr. Eine große Chance durch Dennis Grote gab es noch kurz vor Schluss, und als das Spiel abgepfiffen wurde, mischte sich meine Hoffnung bereits mit dem Aufbäumen gegen eine drohende Enttäuschung. Keine guten Voraussetzungen für ein Elfmeterschießen.

Als Trost erträumte ich mir auf dem Heimweg einen sicheren Aufstiegsplatz  ab Mitte März. Vielleicht kann Fabian Schnellhardt ein Gewinner dieses Spiels werden. War doch zum ersten Mal erkennbar, wie sehr der Mannschaft bei engen Räumen seine technischen Fähigkeiten nützen. Vielleicht aber kann auch die gesamte Mannschaft noch etwas gewinnen, wenn sie das Selbstbewusstsein in den Ligaalltag mitnimmt, ein Spiel bei engen Räumen auch gestalten zu können.

Endlich wieder nur noch das nächste Spiel gewinnen

Nach ein paar Tagen Erholungspause mit Abstand vom Schreiben auch in diesen Räumen als erstes ein paar Worte über eine Niederlage des MSV Duisburg schreiben zu müssen, macht keinen richtigen Spaß. Allerdings könnte die Laune noch viel schlechter sein. Denn die 2:0-Auswärtsniederlage beim FC Energie Cottbus am Samstag kam zur rechten Zeit beim passenden Gegner. Der FC Energie Cottbus stand vier Punkte hinter dem MSV und konnte ihn mit dem Sieg nicht überholen. Das hellt die Stimmung schon mal ein wenig auf. Hinzu kommt, alle Vereine, die in der Tabelle vor dem MSV Duisburg platziert waren, haben ebenfalls verloren. Gut, Dynamo Dresden zog am MSV mit einem Punkt vorbei, doch hatte sich Dresden im Heimspiel gegen Fortuna Köln sicher mehr als ein torloses Unentschieden erhofft. Alleine Rot Weiß Erfurt wird den Spieltag als großen Erfolg verbucht haben, zudem schloss Preußen Münster mit dem Heimsieg gegen Arminia Bielefeld auf.

Die ersten neun Mannschaften der 3. Liga bleiben eng beisammen, und das ist für mich der eigentliche Grund für meine halbwegs entspannte Stimmung. In einer so ausgeglichenen Liga können kleine Störungen der inneren Spannung schon Auswirkungen auf die Spielstärke einer Mannschaft haben. Nach meinem Geschmack musste in der letzten Zeit zu oft über die ominöse „Serie“ geredet werden. Zu oft war Gino Lettieri damit beschäftigt, dieses vermeintliche Zeichen der Spielstärke seiner Mannschaft ins rechte Maß zu rücken. Auf eine „Standardgeschichte“ des Sports für die Öffentlichkeit musste reagiert werden, obwohl an der Tabelle ablesbar war, dass diese „Serie“ keineswegs von beeindruckender Überlegenheit des MSV Duisburg zeugte. Es gab ein paar Unentschieden zu viel für eine wirkliche Erfolgsgeschichte. Dennoch ging unweigerlich Aufmerksamkeit hin zu dieser „Serie“ ohne Niederlage. Das ist nur verständlich, weil diese „Serie“ zugleich die Hoffnung auf Dauerhaftigkeit in sich barg. Realistisch betrachtet, hätte selbst das mit gleichbleibender Unentschiedendichte nicht zum erhofften Sasionziel geführt. Mit der Serie ist nun Schluss. Nun kann die ganze Konzentration wieder dem nächsten Spiel gelten.

Vom Spiel selbst habe ich leider nur die erste Halbzeit sehen können. Nach dieser ersten Halbzeit am Bildschirm war nicht vorhersagbar, welche Mannschaft dieses Spiel gewinnen würde. Für mich war das ein offenes Spiel, in dem beide Mannschaften der Offensive gegenüber der Defensive mehr Aufmerksamkeit schenkten. Beide Mannschaften hatte ihre Chancen auf ein Führungstor, Pfostenschüsse inklusive. Die Bewegtbilder des Spielberichts verraten mir für die zweite Halbzeit vom Spiel die Tore und dass der MSV sehr wohl auch noch die Chance auf den Ausgleich gehabt hat.

Wenn ich die Situation vor dem Elfmeterpfiff mir ansehe, sollten die Spieler vom MSV und wir alle nicht über den Schiedsrichter klagen. Nach einem Eckstoß wäre so eine Situation wahrscheinlich nicht abgepfiffen worden, aber wenn Sascha Dum und sein Gegenspieler so alleine stehen, darf man schon fragen, warum Sascha Dum nicht einfach neben seinem Gegenspieler wieder landet, sondern ihm dabei noch einen Schubs geben muss. Die Stoßbewegung ist so deutlich erkennbar, das lässt sich doch kein Schiedsrichter entgehen. So ein Schiedsrichter will auch wenig Fehler machen und gelobt werden. Bei solch freien Situationen greift ein Schiedsrichter in der 3. Liga gerne zu. Das sollte Sascha Dum eigentlich wissen, und wer in dem Fall über den Schiedsrichter schimpft, lernt nichts für die nächsten Spiele.

Anders verhält es sich mit der Harakiri-Grätsche Uwe Möhrles im Cottbusser Strafraum gegen Steffen Bohl. In dem Fall dürfen wir alle wir sehr wohl über den Schiedsrichter schimpfen. Doch hängt der eine Elfmeterpfiff mit dem anderen ausgebliebenen zusammen. Ein Schiedsrichter, der den Elfmeter gegen den MSV gepfiffen hat, wird einen Elfmeter in einer weniger übersichtlichen Spielsituation eben nicht gerne pfeifen. Das sagt mir meine Lebenserfahrung. Dennoch hatte der MSV weitere Chancen auf den Ausgleich. Im MSVPortal lese ich einmal mehr die Klagen über die fehlende Konsequenz der Mannschaft in Strafraumnähe. Das passt zu den Szenen, die ich auch aus der ersten Halbzeit im Kopf habe. Die Mannschaft braucht für den Torerfolg zu viele Chancen, obwohl sie Defensivreihen überspielen kann. Das ist ein Problem. Allerdings haben die anderen Mannschaften mit Ambitionen dasselbe Problem. Hoffen wir auf eine Lösung mit anhaltendem Erfolg, nachdem nun keine Serie mehr gehalten werden muss.

Falls jemand die Zusammenfassung noch nicht gesehen hat:


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